Archiv für September 30th, 2007

Lissabon, haeppchenweise

Standort: Cascais, Marina

Wir haben uns darauf verlegt, die portugiesische Hauptstadt in angenehmen Portionen zu genie?en – mal ein
H?ppchen Schiffstechnik, mal ein H?ppchen Kultur, zwischendurch einen Happen Alltagsleben.
Alltagsleben, das hat man ja schon, wenn man den Zug zwischen Cascais und der Stadt benutzt: B?rog?nger,
Sch?ler, Hausfrauen, Musikanten, Fischer. Am normalen Leben teilhaben, oder es zumindest beobachten k?nnen,
das habe ich schon immer geliebt, und das l?sst sich in der Bahn trefflich tun. Mittlerweile sind wir im
Besitz einer 5-Tageskarte f?r den Suburbano: Sehr schlichte Streckenf?hrung, n?mlich geradeaus an der K?ste
entlang, ohne Verzweigung, nur an 3 Bahnh?fen gibt es Umsteigem?glichkeiten. Der einzige Unterschied zwischen
den Z?gen besteht in der Anzahl der Haltestellen. Es gibt n?mlich die Sorte “todas”, die h?lt an allen
Haltestellen, “SRAP”, das steht f?r semi-rapido, und dann noch “RAP”, rapido, das hei?t Cascais/Estoril bis
zum Cais do Sodre im Herzen der Stadt mit nur 3 oder 4 Stopps. Es fahren alle diese Z?ge hintereinander und
?berholen sich nicht, also alles ganz einfach. Oder auch nicht – es ist n?mlich Taktik gefragt: Fahre ich mit
RAP in Cascais los und will nach Belem, muss ich irgendwann in “todas” umsteigen, sonst fahre ich
m?glicherweise am Ziel vorbei. Und manchmal, tricky, tricky, steigt man von einem Mittelgleis um, an dem sich
die T?ren an beiden Seiten ?ffnen – rechts geht’s stadteinw?rts, links in die Gegenrichtung. Und so passiert
es dann doch: die Verwirrung wird so gro?, dass frau kurz hinter Oeiras auf das Haltestellenschema schielt und
in Santo Amaro mit einem “…oh, Schei?e! Wir fahren in die falsche Richtung!” aus dem Zug springt, der Eigner
solidarischerweise hinterher. Leider war die Richtung goldrichtig und Santo Amaro eine der “todas”-Stationen.
So kommen wir in den seltenen Genuss, auf einem Vorortbahnh?flein auf der Bank in der Sonne zu sitzen, ein Eis
zu schlecken und einen SRAP nach dem n?chsten RAP in die richtige Richtung durchrauschen zu sehen. Aber
irgendwann hielt dann ein Zug, und wir kamen auch genauso “irgendwann” wohlbehalten in Belem an.

Tags drauf wieder: Alltagsleben. Tagelang hatten wir unseren TO-St?tzpunktleiter telefonisch genervt, ob denn
unser Postpaket angekommen sei. Nein, leider nicht, leider nicht, leider nicht… Am Mittwochabend eine SMS
von Pedro Katzenstein: ” … Paket endlich angekommen!” DHL hatte sich den kleinen Scherz erlaubt, den Eingang
des Paketes in der Zentrale als “ausgeliefert” zu verzeichnen. Da muss man erst mal drauf kommen. Also auf
nach Lissabon! Nach einer ereignislosen Bahnfahrt – von Endstation zu Endstation kann einem nicht soo viel
passieren ;) – machen wir einen langen Gang durch “Lissabon zur Mittagszeit”. Vom Cais do Sodre,
Flussf?hrhafen, Bahnhof und Metrostation in einem, zur Praca de Commercio, derzeit mit sch?nen Fotografien aus
dem letzten Jahrhundert geschm?ckt. Die “deutsche Kolonie” bei der Ankunft von Kaiser Wilhelm 1905 – kleine
Jungs in Matrosenanz?gen inklusive. Oder des K?nigs Pferd im Trauergewand… bis zur Nelkenrevolution und
dar?ber hinaus. Sehenswert. Durch den Triumphbogen die Rua Augusta entlang, im Slalom durch’s
Touristengew?hle, mitten darin eine gro?e Gruppe ?lterer Niederl?nder mit ihren Rennr?dern – “Madrid-Lissabon
2007″. Kleine Verbeugung. Dann tiefer hinein in die Seitengassen, in denen der Lissabonner B?romensch seine
Mittagspause verbringt, im Stra?enlokal. Vom “Rossio”, eigentlich “Praca Dom Pedro” aus die Avenida Liberdade
hinauf – allerfeinste Allee, allerfeinste Adressen rechts und links, Caf?s unter Platanen auf dem
Mittelstreifen, moderne Geb?ude, alte Geb?ude, Entkernungsprojekte, bei denen nur noch die mit Azulejos, den
ber?hmten portugiesischen Kacheln, besetzten Aussenw?nde stehen bleiben. Allein diese schwarz-wei?
gepflasterten Gehwege sind eine Augen- und Fu?weide. Am Marques Pombal, bei EdP, Energias de Portugal, sind
wir am Ziel. Mal wieder ?u?erst zuvorkommende Portugiesen am Empfang und dann ein noch netterer Pedro
Katzenstein mit unseren Paketen. Nochmals vielen Dank, Pedro, f?r den Service – aufbewahren, telefonieren, SMS
schreiben, Paket jagen, wirklich keine Selbstverst?ndlichkeit. Hilfsbereitschaft, das gilt sicher f?r alle
diese ehrenamtlichen TO-St?tzpunktleiter, aber wir hatten mit Pedro Katzenstein einen besonders geduldigen
gefunden – es war eine riesige Hilfe, vom ersten Kontakt bis zur Abholung. Dass in der aufgelaufenen Post kein
(null, in Zahlen: 0!) privates Schreiben war, mal abgesehen von Heiners Begleitbrief und zwei Gaben, die erst
sp?ter Erw?hnung finden werden, daf?r konnte ja Pedro nix ;) . Wie wird Daniel am Abend dazu sagen: Sie
vermissen Euch eben nicht! Stimmt.

Mit den Paketen – das waren die gesammelte Post, die neue, externe WLAN-Antenne und ein Briefumschlag mit
unserer neuen Crew, zwei Foomps ;) (f?r Interessierte: www.foomp.nl!) – im Rucksack zuckeln wir wieder los,
durchs warme, tr?ge gestimmte Lissabon am Nachmittag. Wir krabbeln die steilen Gassen rauf und runter, schauen
in kleine und kleinste Kraml?den. Hier haben Tante Emma bzw. Onkel Joao noch Hochkultur. Obwohl uns die
Orientierung zum Schluss, im Wegelabyrinth der Alfama doch etwas schwer fiel, landeten wir wieder am “Rossio”.
Ist das, was folgte, Kultur? Alltagsleben? In jedem Fall ist es Kult – die Fahrt mit der Stra?enbahn No. 28
durch die Alfama. Die Portugiesen, die dieses Verkehrsmittel t?glich f?r den Einkauf, f?r die Fahrt zur Arbeit
oder den Besuch bei den Enkeln benutzen, werden sicher froh sein, wenn demn?chst die Welle der Touristen etwas
abebbt und sie mal in Ruhe und vielleicht sogar im Sitzen fahren k?nnen. Es hatte etwas Schrilles: ausnahmslos
jeder, der am Fenster sitzt – mich eingeschlossen – h?ngt den Kopf raus, um ihn an den engen Stellen fix
wieder einzuziehen. Jeder, der die M?glichkeit hat, h?lt seine Kamera raus… Aber diese Gef?hrte sind einfach
sensationell, wie sie durch dichteste Wohnbebauung kreisen, die Stra?en so steil wie die Kurven eng. Und die
Autofahrer, die hier parken, wissen genau, was sie tun. Zentimetergenau.
Am Largo Sta. Lucia springen wir raus, bewundern den Ausblick auf Tejo und die riesige Igreja Graca, auf die
Alfamad?cher unter uns, ich freue mich ?ber einen Capverdischen S?nger, der Lieder von Cesaria Evora singt.
Und ?ber das Wasser und die Kaffees, die wir schl?rfen, w?hrend wir die Pakete pl?ndern, scheel von einer
Gruppe ?sterreicher beobachtet. Wie der Zufall es will, liegt der Aussichtspunkt unter dem Castelo Sao Jorge,
das Andreas mir unbedingt zeigen wollte, also erklimmen wir diese H?he auch noch. Und es ist wirklich
beeindruckend – mag ja sein, dass es langsam langweilig wird, aber die mittelalterlichen Bauten haben es mir
angetan. Noch dazu spielt im Innenhof ein Gitarrist ein merkw?rdiges Potpourri aus Portugiesischem und
Barockem, aber die Musik f?llt die alten Gem?uer mit der richtigen Stimmung, mit Leben, und so wird nicht mal
von den Besuchern gequakt. Man kann rund um die Zinnen laufen, ganz weit blicken, ?ber den Tejo nach S?den,
auf das H?usergewirr unter uns, die gro?en Pl?tze, hinaus auf den Atlantik.
Irgendwo dahinten liegt Madeira. Und da vorn um die Ecke die AKKA. R?ckzug. Fu?lahm nehmen wir nochmals die 28
hinunter in die Stadt, erwischen gerade so eben – die neueste Ausgabe der ZEIT in der Hand! – den Rapido nach
Cascais und plumpsen erledigt auf die Cockpitkissen. Das waren ein paar ganz sch?ne Happen heute. Ein
bisschen “Schiff”, dazu viel Alltagsleben und Kultur. Lissabon. Mehr davon…

Erstellt am Sonntag 30. September 2007
Unter: AKKA Online | Keine Kommentare »