Nice, nice…

Rum!

Prickly Bay, 17.12.2017

Nice, nice… oder: wie die Zeit vergeht.

Wir hängen hier am Anker, merkwürdigerweise in einer Art „German corner“, und vorgestern, als ich meine Schwimmrunde um die Schiffe drehte, sagt Susanne von der Shogun: „… geht Ihr eigentlich von Bord?“  Nö. eigentlich nicht. Schon, ich lasse mich 1-2mal täglich ins Wasser fallen, frau muss ihrer Verpflichtung als Ankerfeldbürgermeisterin gerecht werden und gelegentlich mal nach… Bingen (Shogun) schwimmen, oder Arethusa (Frankfurt), Cariad (Arnis). Oder raus zur Serenity, bis ganz weit in die USA. Gleich vor uns liegt Dänemark in Kraulweite. Die Welt zu meinen Flossen.

Die Woche hatte ein paar Elektrosachen im Gepäck – nach dem Brasil-Batteriendrama für das Thema etwas sensibiliert, produzierten wir hier reihenweise Fragezeichen, weil wir nicht so recht auf volle Ladung kommen wollten. Einmal Wassermachen schmiss uns gleich 1 1/2 Tage zurück. Der Eigner lacht frech, wenn ich sage: „… da stimmt doch was nicht!“, nicht weil ich nicht recht hätte, sondern weil es so wunderbar undefiniert schlau ist. Ich habe null Ahnung von Elektrik (und dem Tun des Motors bin ich auch schicksalhaft ergeben, immer noch), aber ich habe bei den nachfolgenden Forschungsarbeiten erfolgreich als Handlangerin gedient, oder Augenlangerin. Und das waren wirklich weitreichende Forschungsarbeiten – immerhin sind es drei Solarpanele und ein Windgenerator, die in unsere Batteriebank einspeisen, so dass es allerlei Gründe für Fehlschaltungen gibt.  Isses nur das Messgerät, spinnt Philippi? Spinnen die Anzeigen? Kontakte – und wenn ja, welche? Am Ende des ersten Forschungstages (ja, ja, lange Siesta!) war klar: es ist das steuerbordsche Panel, das keinen Eintrag bringt. Zweiter Tag: warum bringt es nichts?  Und   so weiter. „Bitte mal die Ampere ablesen…“ ruft es dann freundlich durch die Luke. Ich kauere im Eck, das – abmonierte  – Brett mit den Geräten auf den Knien. „5 Ampère. 6…“  Das Solarpanel schweigt beharrlich. Der Chef legt eine direkte Leitung. „Halt mal die Kabelenden direkt auf die Kontakte!“ Klaro (meine Schwägerin schaudert es jetzt, aber die fließenden Ströme sind gering, Barbara!). 12, 13 Ampère. Super, es fließt Strom in die richtige Richtung! Ist der Fehler nun vor dem Schaltkästchen am Panel oder drin, im Decksdurchlass oder mehr Richtung Batterien? Es gab ein paar entnervte: „… ich weiß schon nicht mehr, was ich gemessen habe!“ Darauf gehört eine Kaffeepause. Und so, liebe Leut‘, geht eine Woche dahin, aber wir ham’s, die Steckerverbindung  im Deck war die Schuldige.

Den Fingerhut voll hat er sich verdient! Hicks!

Der Eigner – man muss ja die Tage mit Aktivität füllen* – hat zusätzlich zu den bestehenden, neuen Panelen eines der alten zusätzlich installiert, das uns im Notfall ein bisschen mehr Sonnenstrom serviert. Saubere Sache das, wir mussten es gestern schon außer Betrieb nehmen, so gut funktioniert’s. Ich bin dem Bordingenieur grenzenlos dankbar, für Gehinrschmalz, Ausdauer und dass er im Gegensatz zu mir eigentlich nicht zum FLcuhen neigt. Ob wir die umfangreichen Testprotokolle jetzt wegschmeißen können? Ich bin dagegen, es geht nichts über Hänsch’sche Skizzen, was wie geschaltet und dann für gut oder  ungut befunden wurde. Modern Art!

Auch sonst ist es „nice“ hier. Der Wind weht im Gegensatz zu Trinidad mehr oder weniger beständig, der noch in Chaguaramas unaufhaltbare Schweißfluß ist zum Erliegen gekommen – klar, es ist immer noch warm, aber so lässt es sich gut aushalten. Internet bezahlen wir teuer, nämlich an Digicel, das unser Tablet zum Hotspot macht, aber es wäre auch teuer, in der Prickly Bay Marina Bar einzufallen und sich 5 Stunden an sicher nicht nur zwei Bier festzuhalten, so ganz „kostenfrei“ ist WiFi dann eben doch nicht. Heute freuen wir uns gerade über den neuen amerikanischen Maulkorberlass für Ausdrücke wie „wissenschaftlich bewiesen“, „transgender“, „diversity“ und andere Merkwürdigkeiten. Das ist ein guter Witz. Oder auch nicht. Ansonsten nehmen uns/mich das Internet und die alten und neue Kontakte auf eine stete Nostalgiereise. Gestern abend treffen wir Henk und Marie von der Lady of the Lowlands, unserere Nachbarn in Pangkor und Parallelsegler zwischen Südafrika und Brasilien. Ach, wie war das schön… im Pazifik, in Neuseeland, in Südafrika. Galapagos. Weißt Du noch? Letztes Jahr um diese Zeit? La Recoleta in Buenos Aires. Und Puerto Williams erst!  Stimmt, wir werden alt. Macht nix.

Monaaffen im Regenwald.

Es ist bei aller Nostalgie aber nicht so, dass wir Grenada ganz unbeachtet an uns vorbeigehen lassen – letzten Samstag lud uns Karen/Serenity ein, einen Sonntags-Inselausflug mitzumachen, und das war toll. Allein die Fülle an Gewürzpflanzen, die uns vorgeführt wurden, war die Reise wert. Zitronengras. Zimt. Kaffir-Lime. Muskat. Nelken. Woher der getrocknete Ingwer, den unser Lunchrestaurant (The Belmont Estate, wirklich empfehlenswert!)

Miss Mona herself

anbot, kommt, ist nicht klar geworden, würde mich aber interessieren, denn Ingwer geht bei uns an Bord gut und ist alle naslang alle. Im Belmont Estate wird auch Schokolade produziert, an den Kakaopflanzen fuhren wir immer wieder längs.  Es ist auf Grenada nicht so, dass man bestimmte Früchte oder Gewürze in Monokultur produziert, sondern eher, dass jeder seinen mehr oder weniger großen Garten hat und die Ernte verkauft, lokal, an Kooperativen, auf dem Markt. Die Gesellschaft, die die Muskatproduktion kontrolliert, weiß genau, wer wie viele Muskatbäume bewirtschaftet, und wer in einer Woche statt mit 20 mit 40 Pfund Muskatnüssen aufschlägt, hat mit Sicherheit beim Nachbarn über’n Zaun geerntet.

Zuckerrohrpresse, von anno tuck

Eine Art der Monokultur gibt es dann doch, nicht auf extrem großen Flächen, aber doch unübersehbar: Zuckerrohr, und zwar für die Rumproduktion. Wir werden bei der Rivers Distillery abgeladen, und das gefällt uns sehr gut. Nicht wegen des Rums, den es natürlich auch zu probieren gilt – mein Urteil: nix für mich! 80% Allo -hicks!- Allohol. Schmeckt alkoholisch. Erst kühl auf der Zunge, dann warm, und dann Allo-hicks!-Allohol, aber in der Tat brennt nichts. Rivers

Angejahrte Destille

produziert ausschließlich für den -hicks!- Inselgebrauch. Es ist ein „Rhum agricole“ nach französischer Machart, also direkt aus dem Zuckerrohr, nicht aus der Melasse von der Zuckerproduktion. Wir waren ja mal in Queensland in der Bundaberg-Destillerie – alles schwer hygienisch (warum eigentlich bei so hohen Alkoholgehalten?!) und in hochtechnisierten Maschinenanlagen. Zentraler Punkt hier: das Wasserrad aus dem 18. Jahrhundert (1754 oder so), das vom reichlich fließenden Regen aus den Bergen angetrieben wird, und das wieder eine Kombination aus kettenbetriebenem Förderband und Zuckerrohrquetsche treibt. Gewaltige, uralte Teile, so recht was für den kleinen Ingenieur mit dem Stabilbaukasten. Mit einem sehr stabilen Stabilbaukasten! Der ausgequetschte Saft wird – dank Wasserrad – nach oben gepumpt, wo getrockneter Zuckerrohrrest Siedepfannen beheizt, der Saft wird eingekocht und der Sott von Pfanne zu Pfanne geschöpft, in schweißtreibender Handarbeit. Mit jeder Pfanne wird er klebriger und zäher. Es war arbeitsfreier Sonntag, also nichts Aktives zu begucken – aber es sieht weder lecker aus noch riecht es lecker. Die Pampe muss dann eine kleine Woche Fermentieren, und das Produkt, garstig anzuschauen, wird dann in einem uralten, ausgeklügelten Destillensystem zum Antoines Rivers Rum gewandelt. Prost! Hicks!  Schön und interessant war’s! Auch ohne „hicks“. Keine Ahnung, wie viel Gewinn das abwirft – die Führung kostete nicht viel, daran kann’s nicht liegen. Das Produkt ist – künstlich? – verknappt und nicht gerade der billigste Rum in Grenada. Ein Hang zur Tradition? Der Bedienstete, der uns führt, sagt: „… hält 20 Leute in Lohn und Brot!“ Grenader stehen wohl auf Rivers Rum. Don’t say „rum“, say „Rivers“!.
In jedem Fall steht der Grenader, oder doch einige, auf USA. Die USA, die 83 so heroisch in die laufende Revolution eingegriffen haben.  Wenigstens ist der umstrittene – „Hilfe! Kalter Krieg! Die Sowjetunion baut einen Stützpunkt!“ – Flugplatz, der hier gleich um die Ecke liegt, in Maurice-Bishop-Airport umbenannt worden, das ist ja schon mal was. Wer aber was wie beeinflusst hat, das müssen wir noch erforschen, ein politisches Geschwurbel bester Güte: erst ein Diktator. Dann ein Revolutionär und sein New Jewel Movement (JUWEL für Joint Endeavor for Welfare, Education and Liberation) – ein sozialistischer Klassiker. Dann eine innerparteiliche Konterrevolution. Und dann die USA… Oder vielleicht doch andersherum, erst die USA, dann die Konterrevolution und danach das US-Militär?! Merkwürdige Sache! Was bleibt ist, dass die Insel alle 3 Meilen mit einer Post- und Gesundheitsstation versorgt ist, die noch heute als solche funktionieren. Wie sagt der brave Amerikaner da?  „That’s socialism! Eeeek!“
Eine witzige kleine Insel. Es gibt noch zu gucken!

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* Hausfrauenaktivität: die Entdeckung, dass zwei der verbliebenen Packungen Knäcke Mehlkäfer haben, führt zu einem Anfall von Brotbackwahn. Geschmacklich o.k. hätte ich eigentlich von vornherein wissen müssen, dass die Konsistenz fragwürdig wird, ehob sich doch der Teig nur um Millimeter über Knetebene. Folgerichtig hole ich zwei Roggen-Weizensteine aus dem Ofen. Am ersten Abend haben wir noch tapfer beide gesäbelt, am Morgen stieg der Eigner auf Knäcke (ohne Mehlkäfer) um, dann flogen die Steine über Bord. Diagnose: die Trockenhefe aus Singapur tat’s nicht mehr. Der zweite Versuch mit dem letzten Päckchen Trockenhefe (Singapur, best before 05/16) war von Erfolg gekrönt. Wir sollten aber mal Hefe kaufen.

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