Cool!

Cumberland Bay. Mojito’s Bar

Soufrière, St. Lucia, 26.2.2018

Cool!  Nicht kühl, wie in Deutschland derzeit; wir sehen 20 cm Schnee auf Lübecker Stegen.  Hier ist einfach… Karibik. Cool!

Bequia, Gemüsestand an der Straße

Bequia war schön. Einfach „schön“, nicht mehr, nicht weniger. Alles da, was man so möchte, die Ankerplatzaufregung der ersten beiden Tage reduzierte sich für den Rest des Aufenthaltes auf scharfe Beobachtung möglicher Gegner; sehr beliebt hierfür immer die großen Charterkatamarane. Katamarangröße umgekehrt proportional zur Ankergeschicklichkeit. Das ergibt Ankerfeldkino mit Geschrei-Vertonung.
In Bequia genießt man das Touristenleben, es gibt zum Beispiel „Jack’s“, wo man am – hurrah! All you can eat! – Buffet teilnehmen kann. Sehr leckerer Mahi Mahi in Zitronensauce. Und würzige Rippchen…  Dazu ein Hairoun – in der östlichen Karibik sind die Biere gern in der Sprache der Cariben benannt. Carib, Hairoun, Wadadli… you name it. Im Hintergrund rödelt eine Live-Band alte Hits, Musik für die Altersgruppe derer, die zu „I can’t get no satisfaction“ auf Altenheimstühlen abhotten. Wobei die anderen Gäste tatsächlich die Tanzbeine schwingen –  No woman, no cry. Sittin‘ on the dock of the bay. Ain’t no sunshine.  Zielgruppe erreicht, ich bin beschwingt und hotte mit, auf dem Stuhl.  Das Ganze findet statt zum bisweilen beeindruckenden Brandungsgeräusch. Seefahrerische Nebenbemerkung – wir haben seit Tagen wirklich starke Passatwinde, und es läuft ein ganz schöner Schwell in die Buchten. Das Dinghy will vor Jack’s mit Heckanker vom Ponton weggehalten werden, sonst gibt es „damage“; nasse Klamotten auf den Überfahrten sind so oder so Programm, ich schwanke regelmäßig zwischen hilfslosem Gelächter und „och, nöö!“. Der lauschige Abend bei Jack’s zieht allerdings auch wieder klitzekleine Unmutsfalten auf der Eignerstirn nach sich – so richtig doll leuchtet unser Ankerlicht nicht. Das gibt demnächst eine Reise ins Masttopp.
Dabei hatte der Bootsalltag bereits ein recht feuchtes Wochenende für uns bereit gehabt… Das ging so: die Schipperin näht, der Wassermacher läuft, da hört sie die Hochdruckpumpe kavitieren (ein Lieblingsausdruck eines ex-Chefs. Luft schlucken soll das heißen). Sie guckt… der 5 Micron-Filter ist zu zwei Drittel leer, irgendwo zieht der Vogel Luft. Eigneralarm. Der guckt auch – hey, das spritzt ja hier überall?! Lange Geschichte in Kurzfassung: der Sonnabend ist ziemlich hin, denn nicht nur der Wassermacher zog Luft, sondern auch der Wasserhahn pullerte fröhlich nach unten – und just in diesem Moment hatte sich der Abfluss vom zweiten Waschbecken, in das der Wassermacher seinen Salzwasser-Überlauf entlässt, von den Rohranschlüssen getrennt. Was ein kleines, korrodiertes Schräubchen an Schweinerei anrichten kann… Den Abbau und die leckere Reinigung der Abflussröhre übernehme noch ich, danach ist der Fummler und Bord-Improvisierer gefragt, passende Schraube finden, anpassen. Wassermacher, Wasserhahn, Ablauf – das nennt man 3-in-1-Reparatur. Des Eigners Begeisterung lässt zu wünschen übrig, zumal dieser Unterschrank ein prima Ort für Torsionskünstler ist. Des Abends liegt er mit Kopfschmerz und Verspannungen und leicht entmutigt im Bett. Mittlerweile sind die Wasserspiele abgestellt, das Luft-Spiel allerdings will noch näher untersucht werden. Och, nöö.

Ginger Bread Café

Und sonst? Mount Pleasant (ächz, Asphaltstraße, aber ziemlich bergauf!) und Hintergassen. Dort ist normales karibisches Leben, und „Doris'“ bietet nebenbei alle Unmöglichkeiten importierter Esswaren, von Lindt über Knäckebrot bis zum feinen Brie, sehr willkommen. Immer mal wieder das „Ginger Bread“ für einen guten Kaffee, nebenan Maranne’s Eisladen (richtig, ohne „i“, und der Apostroph ist nicht deppert, sondern englischer Genitiv). Aber nach ein paar Tagen ist es dann genug mit „schön“.

Gegenverkehr

Nach schön kommt: cool!
Ruppige Überfahrt nach St. Vincent. Das Festlandspendant zum Segler-Paradies Bequia namens „Blue Lagoon/Young Island“  ist nicht anzusteuern, und das ist nach so viel „schön“ auch gut so. Aus Kingstown kommt uns die „Royal Clipper“ entgegen, auf Südkurs, unter Tuch. Navigatorische Frage: auf welchem Bug liegt so ein Rahsegler?  Die hat den Wind von Backbord das sah zwar nach Vorfahrt für AKKA aus, aber wir weichen doch lieber aus –  irgendwie ist so ein Teil mehr manövrierbehinderter Ochse als Segelschiff, selbst wenn sie wahrscheinlich unter Motor läuft…
In Buccament wollen wir ankern. Der Guide sagt dazu: ein lebhaftes Resort ragt in die Bucht wie ein schlecht sitzendes Toupet (danke, Herr Doyle, immer amüsant zu lesen!). Stimmt, es ragt – aber lebhaft ist es nicht, es ist eine totenstille Investitionsruine. Wie wir später hören, hat die Anlage – ein Timesharing-Unternehmen – schon zweimal Pleite gemacht, was wirklich schändlich für die Leute in den Dörfern ist. Besitzer über die Berge, Timeshare-Anteilseigner geprellt, Arbeitsplätze dahin. Doofer Platz, wir holen den Anker wieder aus dem Mud. Ein paar Felsnasen weiter wurde „Kearton Bay“ für uns gelobt.
St. Vincent bietet eine tolle Kulisse, es entspricht meinem Karibikklischee: wild und grün, grün, grün, dazu graue Wolken und Regenbögen. Für Yachties ist es eher so làlà – das Renommée, wenn es je ein gutes gab, hat in den letzten Jahren ziemlich gelitten, zuletzt nach einem Mord in der Bucht von Walalibou. Die Unsitte meist jugendlicher Boat Boys, Segler schon meilenweit draußen in der Annäherung abzufangen, um sich ein paar EC als Leinenhelfer zu verdienen, ist zwar verständlich, aber es nervt.
Der erste Kandidat prescht auf uns zu, lässt sich aber mit der Aussage abwimmeln, dass schon alles geregelt sei – ich hatte per Skype Kontakt mit dem Rockside Café in Kearton aufgenommen, die uns eine Mooring versprachen. Dann kommt Shawn. Da wird’s schon schwieriger mit dem Abwimmeln. „I take you to Walalibou!  You know: Johnny Depp! Pirates of the Caribbean“. Nee, Shawn, machst Du nicht, wir sind schon versorgt, danke Dir. Er fährt mit seinem – ganz beeindruckenden! – Aluboot mit dickem Motor neben uns her, lacht mal über Bemerkungen von mir, eher aber guckt er wütend. Die ganze Leier. Guter Preis, eigentlich ist er Offizieller, Kinder (hat er mit Sicherheit noch nicht!) sind hungrig, alle an Land sind Gauner, es gibt auch gar keine Moorings… Ja, ja, aber wir haben eine Verabredung. Ich bemühe mich, freundlich zu bleiben. In der Bucht warten Squint und Curtis auf uns und helfen freundlicherweise mit den Leinen. Wegen des Schwells werden wir vorn und achtern zwischen zwei Moorings gehängt, da ist Hilfe angenehm. Nette Jungs, Orlando hatte sie mir angekündigt mit der Maßgabe „und keine von den Boat Boys draußen heuern!“ Auftrag ausgeführt – wobei Shawn während des ganzen Manövers im Hintergrund mault und jammert „… die kriegen alles und ich nix!“  Ach, Shawn…

Kearton Bay. Das Rockside Café

Das Rockside Café ist ein kleines Privathaus, die Besitzer sind Orlando und Rosi, ein deutsch-vincentinisches Paar, die uns am Abend einen Fisch servieren und ein bisschen vom Inselleben erzählen. Außer uns gibt es noch zwei durchreisende Katamarane, mehr Platz ist auch gar nicht. Sehr angenehm, wenn man es mit dem benachbarten Walalibou vergleicht, wo „Piraten“ in Verkleidung für das

Squint als Taxifahrer. Bis zum Strand geht’s einfach…

Vergnügen sorgen und die Tagesgäste mit Musik beschallen; das kriegt man hier überhaupt nicht mit, denn wie in St. Vincent üblich, ist man immer von hohen Bergen umgeben. Wir bleiben eine zweite Nacht – und da zeigt sich dann der Nachteil dieser Jahreszeit. Nicht weil  es ungewöhnlich reichlich regnet, da gewöhnt man sich dran – sondern weil im winterlichen Passat pausenlos nördlicher Schwell die Küsten herunter rollt.

Spannend! Dinghy Landung in Kearton Bay. Curtis wartet schon…

Schon in Bequia war es zeitweilig ausreichend schaukelig gewesen, aber diese zweite Nacht in Kearton’s Bay ist wirklich hochseekojenpflichtig. Hm. Schnell ausklarieren und weiter nach St. Lucia – wir können ohnehin nicht bleiben, weil Rosi die Mooring für eine Voranmeldung braucht. Chateaubelair ist der Ausklarierungshafen. Und soll „rollig“ sein. Schon wieder? Im strömenden Regen steuern wir stattdessen die tief eingeschnittene Cumberland Bay an. Ha! Wer hätte

AKKA in Cumberland Bay. Regen?! Nicht doch…

Zum Trinken zu stark: St. Vincent-Rum

es gedacht: es gibt eine richtige Fahrwassermarkierung. In der Ferne eine Handvoll Yachten. Bei der Steuerbordtonne steht eine Person in einem Schlauchboot. Ostfriesennerz mit hoch aufragender Kapuze. Das ist Kenny, und die Kapuze steht so hoch, weil sie einen unglaublichen Rasta-Haarturm birgt. Wir ankern mit Heck zum Strand, Kenny legt unsere 50 m Landleine an einen alten Pontonstummel. „Mojito’s does nice food! Come in the evening“. Unaufgeregt, unaufdringlich. Hier ist gut sein… Wir lassen das Dinghy an Deck und Kenny fährt uns auf Zuruf hin und her. Tolles Essen mit flambierter Banane – der Sprit, der verbrannt wird, ist zu nichts anderem gut, denn trinken kann man dem lokalen Rum kaum (angeblich mit Bier mischen, das dreht wunderbar…).
Sehenswerte Taxifahrt zum Ausklarieren nach Chateaubelair – in unzähligen Kurven, über die Berge und Nebenwege in ein Dorf (die Krankenstation bietet „Popsicles“. Eis am Stiel – Service am minderjährigen Patienten!), runter zur See, rauf, wieder runter. Chateaubelair ist ein gottverlassenes Dorf mit etwas heruntergekommener Holzbebauung und den üblichen kolonialen Hafenresten aus grobem Gestein, und es hat je einen Immigration- und einen Zollbeamten. Wofür? Für den gelegentlichen Charterkatamaran?!

Brennpunkt des Lebens: Chateaubelair

Jedenfalls sind wir rasch durch mit den Formalitäten, die Herren Beamten können sich bald wieder dem Warten auf Kundschaft hingeben. Wir streichen Komplimente für den feinen Akzent ein („Germans normally sound different!“. Briten sehen das anders!) und schwatzen über die Dialekte auf den Inseln. An der Bushalteecke stehen wir mit Männern, die Macheten in die Gummistiefel gesteckt haben. Feldarbeiter. Gummistiefel sind

The one and only Wesley. Der Gemüsemann von Cumberland

dieser Tage unabdingbar, es schüttet aus Eimern. Alle vorbeifahrenden Busse (nach Trini-Standard 12-Sitzer-Maxitaxis) sind voll, aber ein 7-Sitzer-Kleintaxi nimmt uns mit.
Schade, dass wir schon ausgecheckt haben – St. Vincent ist

Bob!

einfach schön und wild und naturbelassen. Matschiger Fußweg von der Straße zurück zur AKKA. Auf Mojito’s Terrasse ist gerade Kleidermarkt – aus Pappkartons werden T-Shirts, Shorts und Kleidchen gezerrt. Altkleider!?  Altkleider. St. Vincent ist kein sehr reiches Land…

Das Ganze hat wenig von „Bequia“.  Sehr schlicht und ziemlich relaxed, man muss sich nur an die Art der Rastaunterhaltungen gewöhnen – was wie Dauerstreit klingt, ist ganz normale Kommunikation. Ansonsten: Kenny und Co. sitzen auf der Terrasse, man schneidet mit der Schere ein bisschen Kraut für die Dauerzigarette. Die Zigaretten sind „Bob Marley-Style“ und duften auch so. Sehr speziell, sehr entspannend. So sitzt man und starrt zum Horizont. „Looks like a charter. Does he come in?!“ Falls ein Schiff den Bug in die Bucht lenkt – auf! Das dicke Schlauchboot ins Wasser. Kundschaft!
Derweil kriegen wir an Bord Besuch: Wesley. „The one and only Wesley“, wie er sich nennt, mit Gemüse und Früchten. Hochwillkommen, und einen guten Schnack wert.

Kingstown. Google Map muss wissen wo es Kaffee gibt (es gab keinen!)

Kenny, der Zigarettenmann! Cool!

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus nach Kingstown, um wenigstens noch ein bisschen von St. Vincent sehen. Allein die Busfahrten sind den Ausflug wert. Egal, wohin man fährt, wild ist es allemal, die Landschaft und die Fahrt als solche. Sagte ich 12-Sitzer MaxiTaxi? Der Eigner hat durchgezählt. 21 mit den gestapelten Kindern. Die Reifen quietschen, man hängt auf dem Nachbarn und hofft, dass der Fahrer weder Bier mit Rum noch allzu vielen Bob Marley-Zigaretten zugesprochen hat.
Cumberland – kein Idyll, aber ein Platz zum Wiederkommen. Wir fragen Kenny, wie das mit dem Ablegen ist, wir wollen früh los. „Ja, ich komme total früh. Vor 8!“ Unsere Lösung: im Morgengrauen schwimmen gehen, die Leine losknoten.  Wer ist um 06:15 da? Kenny. Wegen der Leine. Zigarette im Mundwinkel.
Kenny?  Cool. Wesley? Cool.  St. Vincent? Echt cool!

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