Au revoir, Martinique

Unser schüchterner Vulkan. Mont Pélé

Saint Pierre, 9.4.2018

Ausklariert ham’s, die AKKAnauten. Das geht in Martinique grundsätzlich so einfach wie das Einklarieren, nämlich am Computer. Man muss sich nur durch das Leerformular kämpfen, das einem Deutschland nicht da in der Liste präsentiert, wo es nach französischer Sprachsitte stehen sollte, also unter A wie Allemagne, sondern unter D, wie Deutschland. Nur dass eben mitten in den Ds für Djibouti etc. „ALLEMAGNE“ steht. übrigens unter der Tschechischen Republik. Verwirrend. Aber nein, wirklich ein einfacher Klarierungsvorgang. Computer stehen schön über die Insel verteilt, in der Capitanerie in Le Marin und auch in der dortigen Tankstelle, also muss man sich nicht mal behördenordnungsgemäß verkleiden. Und in Saint Pierre ist es besonders nett, weil elsässisch-deutsch, da steht der Rechner beim Wirt des Alsace à Kay, der auch Gourmet-Kaffeesorten, elsässisches Bier, wahlweise auch Getöpfertes zum Kauf anbietet und Andreas zu einem Eisbein mit Sauerkraut locken wollte. Ich hätte Letzterem glatt zugesprochen, denn leckeres Schwein ist leckeres Schwein (das hat schon Obelix so gehalten!), aber die Kruste der bayerischen Schweinshaxe ist des Eigners Himmelreich – das Eisbeingeschwabbel kann er nicht ab. Na, dann nicht! (Die letzte wirklich gute Schweinshaxe – hab ich bestimmt schon 5mal erwähnt – gab es in Lumut in Malaysia. Heimwehkranke deutsche und österreichische Ingenieure abseits der Halalwege…).
Morgen verlassen wir Frankreich für ein Weilchen – aber hinter Dominica lauert ja schon wieder Guadeloupe, insofern musste man/frau sich jetzt nicht bis zu den Grenzen der Wasserlinie mit westeuropäischen Spezialitäten eindecken (frau musste zugegebenermaßen im HyperU einen Vorrat an „Petit Marseillais“-Duschgel und -Shampoo besorgen. In Reunion war das Shampoo aus Neukaledonien alle, in Trinidad das aus Reunion. Notlage! Le Petit Marseillais hat als Logo einen kleinen Jungen, der ursprünglich nur auf Kernseifepackungen hockte, sich aber zum Markenzeichen einer „schicken“ Marke gemausert hat.)

St. Anne. Kirchplatz mit Fake-Platanen

Das war schon witzig hier in Martinique – es ist so unglaublich französisch. Südfranzösisch eher, dabei, wie in allen diesen kolonialen Ablegern, mit dem lokalen Flair gewürzt, und kreolisch gefällt uns Frankreich ganz gut. Tahitianisch war auch wunderbar. Neukaledonien – naja und La Réunion total normal französisch. Aber wo auch immer man ist, kann man lange gehegte Konsumwünsche erfüllen. Allen voran: QUARK! Mein erster Besorgungsgang in allen französischen Kolonien ist der „Fromage Blanc“.  Gute Würste: Merguez (Lamm), Créole (kreolisch-scharf), Persillade, Aux Herbes, Chipolata. Paté! Foie Gras haben wir gemieden… Aber die Butter! Ohne Tropenbeimischungen. Und der Käse erst… Beim Brot scheiden sich allerdings die Geister an Bord, der Eigner nimmt auch „Baguette“, die Schipperin steht mehr auf „Pain“ oder wenigstens Baguette de Santé – ein bisschen mehr Masse und Geschmack muss sein. So vergehen dann die Wochen, nun wisst Ihr’s!

His Majesty’s Ship Diamond Rock

Der Fort-De France-Bericht hatte ja die Anreise in die Anse Mitan unterschlagen, und damit ein kleines, ebenfalls erzählenswertes Stück Geschichte. Wir kamen am Rocher du Diamant vorbei, zu deutsch: Diamantfelsen. Erst im Englischen kriegt der Fels einen ganz besonders bedeutsamen Namen: Diamond Rock. Genau gesagt muss man in das Schiffsregister der britischen Royal Navy während der Kriege gegen Napoleon schauen und findet dort… Na was? „His Majesty’s Ship Diamond Rock“. Die Engländer hatten diesen kleinen Felsklotz, nicht einmal eine Meile vor der Küste und damit direkt vor der französischen Nase gelegen, zu einer Festung ausgebaut und ballerten um 1804 herum für eine ganze Weile auf alles, was sich zwischen St. Lucia und Martinique an Feindverkehr bewegte. HMS DIAMOND Rock war als richtiges Schiff klassifiziert, nämlich als 6-Kanonen-Sloop. Erst Villeneuve (das ist der, der, bei Bonaparte ohnehin in Ungnade gefallen, den Briten bei Trafalgar unterlag, aber versehentlich Nelson den Garaus machte. * ) konnte das Schiff „versenken“; ich weiß nicht, ob das war, bevor er die Engländer in ihrer Palmwedeltarnung in Marigot Bay übersah oder die sich den Scherz danach erlaubten. Geschichte, Geschichten…

Und am jetzigen Standort schon wieder „Geschichte“, aber aus einer ganz anderen Richtung. Saint Pierre ist weltbekannt, weil hier am Himmelfahrtstag (!) 1902 die Welt unterging: die Montagne Pélée (aka Mont Pelé, „Kahler Berg“) explodierte kurz vor Kirchgangszeit und 30.000 Menschen, die sich in Saint Pierre aufhielten, fanden einen sehr plötzlichen Tod. Wochenlang hatte der Berg rumort, und es hatten sich allerlei Ungereimtheiten ereignet: Tage zuvor war aus „unerfindlichen Gründen“ das unterseeische Telegraphiekabel nach Guadeloupe gerissen. Riviere Blanche, der Fluss, der am nördlichen Stadtrand in die See mündet, schwoll unerklärlich an, um ebenso unerklärlich vollkommen zu versiegen. Es gab Schlammlawinen und einen kleinen Tsunami. Es starben über 50 Leute durch Schlangenbisse – Schlangen, Feuerameisen und giftigen Hundertfüßlern war der Boden oben am Berg zu heiß geworden und kamen zuhauf ins Tal. Spätestens hier hätte man vielleicht reagieren können, denn wenn das Viehzeug seine Standorte verlässt, ist irgendwas im Busch, aber dem war nicht so. Der Gouverneur von Martinique schickte noch am Morgen des Ausbruchs eine beruhigende Depesche nach Paris, dass alles ruhig und unter Kontrolle sei. Stichwort Kontrolle. Mouttet, so hieß er, wollte unbedingt die Kontrolle. Saint Pierre war die reichste Stadt der Karibik, das kulturelle Zentrum der französischen Kolonien in der Karibik, und es war der Hauptumschlaghafen für die Reichtümer der Insel, drum lagen hier auch 12 Schiffe vor Anker, die auf Ladung warteten. Die GEschäfte konnte man nicht riskieren. Also bildete man ein Kommittee, das die Gefahr einschätzen sollte, die vom Vulkan ausging, der als mäßig aktiv bekannt und schon 1851 und nochmals in den 70ern ausgebrochen war. Wortführer war der naturwissenschaftliche Lehrer des Gymnasiums de Landes, und ob Mouttet den Lehrer beschnackt hat oder umgekehrt – es war „alles ruhig und unter Kontrolle“. Musste es ja, weil man es so wollte; möglicherweise auch, weil Wahlen anstanden und eine Evakuierung der aufmüpfig werdenden schwarzen Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil geboten hätte. Ach, im Gegenteil – Leuten, die sich auf den umliegenden Gütern und in den Dörfern unsicher fühlten, wurden aufgenommen und nach Kräften beruhigt, und reichen Städtern, die nach Fort de France flohen, versuchte man, das zu verbieten bzw. ihnen die Rückkehr schmackhaft zu machen. Sehr merkwürdig, sehr tragisch. Klären lässt sich das alles nicht – die beiden Männer waren unter den 30.000 Opfern.

… was com Gefängnis übrig blieb…

Gegen 8 strömten noch immer Menschen Richtung Saint Pierre, teilweise aus Fort de France, denn man wollte am festlichen Himmelfahrtsgottesdienst teilnehmen. Anreisende auf den umliegenden Hügeln wurden so zu Augenzeugen, und es gab ein Schiff, dass dem Inferno entkam und berichten konnte: um kurz vor 8 tat sich die Bergflanke auf, mit einer extremen Explosion trat eine „plinianische Wolke“ aus und „fiel“, wie es ein Augenzeuge beschreibt, auf die Stadt. Die Temperatur in solchen Wolken beträgt bis zu 800 Grad – und da sie „fiel“ bzw. mit über 600 km/h raste, war schlicht kein Entkommen. Die Rum- und Zuckerlager übrigens taten ein Übriges, die Stadt brannte für Tage. Wir haben, was man an Ruinen hat stehen lassen, heute angeschaut. Keine Asche, keine Lava – nur dieser Feuerball hat ganze Arbeit geleistet. Es war übrigens nicht nur der bekannte Gefängnisinsasse, der das Unglück überlebte. Louis Auguste Cyparis war nur schlau genug, sich vom Zirkus Barum als Kuriosität ausstellen zu lassen und so zu Berühmtheit zu gelangen, aber mindestens ein Schuhmacher kam ebenfalls davon, und eine junge Frau, die ein Ruderboot in eine Höhle rudern konnte.
Heute wüsste man es besser – Tage zuvor hatte man die Entwicklung eines Lavadoms beobachtet, und das ist ein untrüglicher Vorbote für eine solche Explosion. Obwohl… ein italienischer Kapitän soll sich in den Tagen vor dem Ausbruch  – trotz Androhung von Disziplinar- und Zollstrafen! – vom Ort des drohenden Geschehens entfernt haben, Zitat: „… wenn der Vesuv so aussähe wie Euer Berg hier, würde Neapel fliehen.“ Ob’s stimmt? Viel wusste man zu dieser Zeit noch nicht über Vulkanismus, aber er sprach aus eigener Erfahrung.
Die Montagne Pelée hat noch weiter gewütet, und ein paar Wochen später Morne Rouge und zwei weitere Dörfer zerstört, dieses Mal zu atlantischen Seite hin, was nochmals über tausend Menschen das Leben kostete.

Grün, lauschig, harmlos. Das neue St. Pierre

Und nun?! Schön ist es hier (wenn man mal von Quallen und Nesselfäden im Wasser absieht), man kann auch nach den im Hafen gesunkenen Schiffen tauchen. Ein schöner Ankerplatz vor der Stadt, oben drüber unser schüchterner Vulkan mit dem satt grünen Kleid und der schief sitzenden Wolkenmütze. Schläft. Oder ist inaktiv?! Nach einer Pause hatte er 1929 nochmals einen Anfall und seit 1932 schweigt er vor sich hin – aber er wird als „unberechenbar“ geführt. Na dann. Wir fahren mal weiter. In Dominica baden die Touristen in heißen Quellen. Ein bisschen weiter nördlich schmaucht der Soufriére auf Montserrat vor sich hin. Dies ist keine besonders stille Zone unserer Erdkruste …

——————————————
* Nächste Geschichte, die ich aber jetzt nicht erzähle: „Tapping the Admiral“  – wie Nelsons Leiche in Brandy eingelegt wurde. Googlen!

Schreibe einen Kommentar