Rund um den 4th of July

Passt immer! Memorial Day? Independence Day? Oder Weihnachten…

Norfolk, 12.7.2019

Das Befahren des Intracoastal Waterway ist so ein Ding, zumindest für uns als Segler. Ja, doch, die AKKAnauten, die sich schon mal als Nicht-Segler bezeichnen (weil die Reisemotivation auf Reiseerlebnis und weniger auf Segelmeile liegt), vermissen die Segel. Für viele Amerikaner und Kanadier ist der ICW dagegen wunderschön – sie lassen auf ihren Motoryachten ohnehin den Motor brummeln. Ich freue mich, wenn das Teil mal schweigt, und dazu gab es in den vergangenen 10 Tagen überhaupt keine Gelegenheit. Natürlich ist es toll, nicht panisch auf das Wetter draußen vor Cape Hatteras zu schauen, weil AKKA sich gemütlich durch’s Inland schiebt, aber auch da gibt es Feinheiten, die es zu beachten gilt: Gewitter. Wenn die USA eines können, dann ist es „Wetter“, aber wir haben eine schöne Phase erwischt. Und die Löcher zwischen den unschönen.
Wegen der Motorrapppelei und weil wir denken, dass noch genügend Gelegenheit kommt, Kolonial-/Revolutions-,/Sezessionskriegsgeschichte anzuschauen, halten wir die Strecke eher kurz – kein „Washington“ (ein verschlafenes Dorf am Ende eines Seitenarmes), kein „Bath“ (ältester Ort von North Carolina).   ICW geht hier oben so: ein Stück Flusslauf, ein Stück offenes Wasser, ein Stück Kanal. Allen gleich ist die Wasserfarbe, es ist britzebraun vom eingetragenen Tannin, und AKKA ist bald mit einem Kakaobart am Bug geschmückt. Manchmal treibt ein Baum vorbei.  Manchmal weitet sich die Landschaft so, dass es schwer wird, das Ufer zu sehen, aber zum Segeln reicht das nicht: zu flach ist es seitlich des Wasserweges. Der Verkehr ist erstaunlich gering, dabei bewegen wir uns um den 4. Juli herum, Amerika hat „langes Wochenende“.

Uncle Sam, Sternenkissen, Fähnchen. Kurz: 4th of July

Am 3. sind wir nachmittags in Belhaven und versuchen, ein Gefühl für den flachen Ankergrund vor dem Städtchen zu entwickeln, unter 2,5 Meter finden wir schon ziemlich „ui“. Natürlich kommt ein Gewitter mit ordentlichen Sturmböen auf, so dass wir überdenken, überhaupt an Land zu gehen, aber dieser Spuk ist, wie meistens, rasch vorbei. Spaziergang! Ein amerikanisches Landstädtchen im Nationalfeiertagsrausch! Die Veranden, a.k.a. „porches“, sind mit Kissen im Stars & Stripes-Stil geschmückt, die Fenster der Versicherungsbüros, der Altentagesstätte und der Bank schreien „God Bless America“. Wir streben einer kleinen Menschenansammlung zu – Jahrmarktatmosphäre! Wir sehen unser erstes Rodeo – ein automatischer Bulle dreht sich in einer Aufblasarena und wirft seine jugendlichen Reiter in die Gummi-Bande. Ein paar mobile Kinderkarusselle – und, was kann man anderes erwarten, ganz viel Fressstände: Pizza, Zuckerwatte, frische Limonade, Burger, Gegrilltes. Und wenig los, das muss man sagen.  Wir wenden uns dem anderen Ortsrand zu: da ist es schon eher „4th of July“, denn das ist nicht, wie Donnie möchte, ein Militär-, sondern traditionell ein Familienereignis: am Wasser hat sich ein ganzes Wohnviertel unter Bäumen versammelt und grillt und bespaßt die Kinder. So muss es sein – wobei wir Donald T. mit seiner Militärshow in Washington für den running gag der letzten Tage natürlich dankbar sind: dass die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg, das war anno 1775, auch die Flugplätze der Briten erobert hätten –   das wird in allen Medien aufs Köstlichste ausgeschlachtet. Die Schlacht am Gepäckband!  Bilder von Rolltreppen mit musketentragenden Rotrücken. Schlachtgemälde rufen „Vorwärts nach JFK-Airport! Ehe uns der Windgeneratorenkrebs alle umbringt“ – einfach wunderbar! Dankeschön, # 45! Ja klar, er war’s nicht, er war’s nicht – da hat jemand einen Teleprompterfehler eingebaut. Sagt er.

Zum Abendessen kehren wir so richtig amerikanisch ein, in der „Tavern“. Lange Bar, darüber viele Sportfernseher, Boxen, Basketball, Motorsport, und natürlich Baseball – da ist für jeden etwas dabei. Abgetrennt davon der klassische, eher dunkle Speiseraum, irgendwie ham sie’s hier mit dem Licht in den Kneipen, entweder neon-ungemütlich oder taschenlampenpflichtig. Voll ist es – ein langer Tisch ist vom Betriebsausflug der Bereitschaftspolizei besetzt; die brauchen auch besonders viel Platz mit ihren dicken Schusswesten. Wr versuchen uns am Amerikanischen: Hackfleischsteak und ein Signature Burger. War so „naja“, irgendwie müssen wir noch lernen, die Speisenkarte richtig zu interpretieren. Viel Fleisch, wenig Gemüse – aber nett inmitten all der Nationalfeiertags-Familien zu sitzen.
Zurück am Dock, wo das Dinghy wartet, treffen wir auf nette Leute aus Arizona. „Ah, Ihr seid die mit der deutschen Yacht!“ (Schwierig zu erraten: wir sind die einzige Yacht vor Anker und sehen auch irgendwie deutsch aus…). Viele Gespräche hier fangen mit „… and you came all the way from Europe, across the Atlantic?“ an, und wir immer noch „.. so ungefähr…“. In diesem Fall können wir Langfahrtweisheiten von uns geben, denn die beiden möchten ihre kleine, pummelige, aber seegängig ausschauende Motoryacht demnächst nach Neufundland und Grönland lenken. Toll!

Die Alligator River Bridge

Ein Tag weiter: von Belhaven zur Alligator River Bridge. Krokodile haben wir nicht gesehen, dafür sind wir aber einmal ein winziges Bisschen vom Wege abgekommen und „schlürf“ in den Dreck gefahren, mitten im Kanal; das schärft die Aufmerksamkeit. Wir lernen, dass man auch als überholtes Schiff seine Fahrt reduziert, eine fette Motoryacht überholt und zeigt uns, wie’s geht: Funkkontakt, Überholvorgang ankündigen, man sieht die Yacht hinter uns aus der Gleitfahrt in langsame Verdrängerfahrt absinkt. Winken/grüßen (wichtig!). Überholvorgang beendet –  und Hebel auf den Tisch. schon hebt die Yacht sich wieder aus dem Wasser;  ein paar Minuten später ist sie ein winziges Pünktchen an Horizont des schnurgeraden Kanals. Wir brauchen ein bisschen länger, dafür machen wir aber auch nicht so eine Welle – unsere eigene Verlangsamung ist nur zugunsten des Überholers, dadurch wird der Vorgang auf ein Minimum verkürzt.  Am Ende des Tages erwartet uns die Alligator River Bridge – die große Mehrzahl der Brücken auf dem ICW ist fest, die Standardhöhe sind 65 Fuß (wir haben 58, das fühlt sich von unten anfangs etwas kribbelig an, aber frau gewöhnt sich dran). Alligator River Bridge dagegen ruft man an, und fragt freundlich, ob sie am 4. Juli im Dienst sind – natüürlich! 24/7.  Eine halbe Meile vorher Funkkontakt – „… ich stoppe den Verkehr dann“. Ampel, Autos halten, Feiertagsfamilien springen raus und gucken „Schiffspassage“. Die Brücke schwingt auf, wir winken und sagen artig „Thank you, Alligator River Bridge and have a nice day!“ . Der Brückenwärter wünscht uns im Gegenzug einen schönen Segelsommer und hofft, uns im Herbst wiederzusehen. So ist das hier – immer freundlich, immer verbindlich. Oder meist? Oder nur am Lande? Und was muss ich erwidern?
Wir fahren gleich hinter der Brücke zum Ufer, genießen Zypressenduft von Land (und Massen von Zuckmücken, die gerade Schlupftag haben, aber das wissen wir an dem Abend noch nicht). Der Anker fällt. Pause. Zeit über Floskeln nachzudenken

Tja, was sagt man auf die Floskeln? Ich kann mich noch immer nicht richtig benehmen hier, so viel ist klar. Konnte ich es jemals und irgendwo? Gute Frage – aber hier grenzt es schon an „anstrengend“: wenn ich bei West Marine, dem großen Schiffsausrüster oder jedewedem anderen Laden, durch die Gänge laufe und mehrfach angesprochen werde, ob man mir helfen könne, ob ich alles finde – das reißt mich geradezu aus der Konzentration. Das stete „ich weiß es zu schätzen/I appreciate it“ . Die höflichen Rückversicherungen, dass alles wunderbar sei, wenn man sich für etwas kaum Erwähnenswertes entschuldigt „oh, I am SO sorry!“ – wie oft sage ich das mittlerweile? Ich muss manchmal lachen – Norfolks Straßen sind zum Feierabend verlassen, ein breiter Gehweg, wir bewegen uns im Schatten der Bäume am Straßenrand. eine junge Frau sitzt in 5m Entfernung auf einem Mäuerchen und telefoniert, unterbricht ihre Rede und flötet: „Hi –  how are you doing?“ Frollein Deutschmann würde hier gern sagen: „… hä?“ Gewöhnungsbedürftig, zumal mir eigentlich außer einer mehr oder weniger wortreichen Danksagung nichts einfällt. Es erinnert mich deutlich an sozial organisierte Insektenstaaten; Ameisen oder Termiten, die sich immer durch Kontaktaufnahme ausweisen müssen, ob sie dazugehören, ein kleines Antennentasten hier, ein kleines Pheromonschnuppern dort – wer am Ritual nicht teilnimmt, macht sich verdächtig. Wenn frau im Supermarkt jemand anderem den Weg blockiert und sich entschuldigt, kriegt sie unweigerlich ein „… oh, no – you are doing perfectly fine!“ oder Ähnliches zu hören; „macht nix“ oder das neudeutsche „allet jut!“ reichen hier jedenfalls nicht. Frage: ob diese Automatismen die Leute nicht auch ganz wuschig machen?  Denn im Gegenzug herrscht ja vielfach „runter von meinem Rasen“.  Gruß aus der Pantry – kleiner küchenpsychologischer Zwischengang.

Der nächste Tag bricht an, ich erwähnte es schon: Zuckmückenalarm. Überall. Zuckmücken stechen nicht, das ist schon mal gut, aber wenn das ganze Schiff voll ist, überall die kleinen grünen Zuckmückenschisse verteilt sind und grünlich schmieren, das ist gemein! Andreas greift zur ultimativen Waffe im Achterschiffbereich: der Druckwasserschlauch. Eine riesige Wolke steigt auf, ha! Gut gemacht! Oder? Nö… die Chironomidengemeinde hat einfach das Versteck gewechselt und sitzt jetzt unter der Sprayhood. Toller Trick! Die gute Nachricht ist, dass Zuckmücken eher Ein- bis Zweitagsfliegen sind, die Belästigung hält sich zumindest zeitlich in Grenzen.
Wir zickzacken weiter den ICW nordwärts, es wird wieder enger, umso mehr freuen wir uns, dass die Barge, die von achtern aufkommt, auch langsamer kurven muss. Tagesziel: Coinjock, da wo alle anhalten, hier gibt es nämlich ein sagenumwobenes Prime Rib. Wer, wie wir, Prime Rib mit Rib Eye verwechselt, wundert sich natürlich über das riesige Stück Braten, das einem serviert wird – ich fand am besten das Zucchini-Kürbisgemüse. Einen Tag Pause wollen wir uns gönnen, dieser Galopp durch die Landschaft macht einen mürbe. Im Endeffekt werden es 3 (teure) Nächte, denn die vorhergesagten Gewitter im Norden lassen wir lieber aus, dafür duschen wir, waschen Wäsche, machen Ölwechsel und probieren das Restaurant ein zweites Mal.  Der US-Fleischfresser mag begeistert sein, aber Andreas‘ Steak ist „in Ordnung“ und mein Fischteller… ziemlich paniert. Das Prime Rib ist bestimmt gut, das stimmt, aber der Rest – ach, naja. Aber ungeheuer beliebt ist der Laden, denn außer den paar Motoryachten (plus 2 Hallberg Rassys, das ist ein echter Zufall!) kommen reichlich Gäste, die im Bereich der nahen Outer Islands ihre Ferien verbringen.
Frühmorgens am 3. Tag zieht der Eigner AKKA aus der engen Lücke – man sagt, an diesem Anleger bieten Yachtbesitzer dem Hintermann an, dessen Anker zu reinigen, damit der Schmutz nicht aufs eigene Deck fällt. Wir liegen zwischen „Scout“, der anderen HR, und einem Motorkahn mit dem schönen Namen „Dun Wurkin“, zu deutsch ungefähr „Fättich mitte Aabeit“. Das Manöver geht dem Eigner gut von der Hand, wir verbringen einen letzten, schönen Motortag auf dem ICW, sogar der sturzbachartige Regen, der uns knapp vor Ankunft am Great Bridge Battlefield erwischt, stellt für unser Anlegemanöver den Dienst ein. Wir werden trotzdem nass, denn bis die Scout, die uns gefolgt ist, eintrifft, geht das Gepladder wieder los, und es wäre wirklich unhöflich, nicht zu helfen… WIr liegen zwar vor dem Battlefieldmuseum, aber wir entnehmen dem Internet, dass es ein zukünftiges Museum ist und „Mitte 19“ eröffnet wird. Dieser Tage also, aber leider noch nicht. Trotzdem kann man auf einem Spaziergang in der Nähe ein bisschen Schlachtgetümmel nachempfinden – hier hat das Ende der Briten in Virginia seinen Anfang genommen, und das ist auf Schildern am Wegesrand bildhaft dokumentiert. Gruselig, diese alten Schlachten mit Marschmusik und Trommeln und Gebrüll.
Drei zu öffnende Brücken und eine Schleuse später war’s das mit dem ICW. Vor uns liegt die Chesapeake Bay. Der Anker fällt am Hospital Point, in DInghydistanz von der Altstadt von Norfolk und ebenso von Portsmouth. Wir tauchen ein in die Welt der US-Navy. Mal andere Monster sehen! Dazu später mehr.

Binnenrevier

Vorsicht! Flach! Es gibt auch Stellen ohne Schild…

 

Norfolk/Virginia, 11.7.2019

Es gewittert, eben hat es kurzfristig extrem geblasen. Wir liegen vor Norfolk, zwischen Kriegsschiffen, altehrwürdigen Kolonialgebäuden und Bankengeglitzer, am Eingang zur Chesapeake Bay – ein bisschen ist hier die „Wiege der USA“, denn in dieser Gegend kriegten die Briten es 1775 von hinten und von vorn…

Was unsere Berichterstattung betrifft: Asche auf mein des Bloggens müdes Haupt…  Hier kommt erst einmal ein Beitrag, den ich am zweiten Tag unserer Fahrt über den Intracoastal Waterway begonnen hatte. Ihr werdet es überstehen, riechen tut der Beitrag noch nicht…

R.E. Mayo, Goose Creek/North Carolina, 2.7.2019

Lecker! Beute von R.E. Mayo!

Wir sind unterwegs! Zwei Wochen in Beaufort haben wir fast vollgemacht, 6 Stunden haben gefehlt, aber früh um 05:30 heult der Wecker. Und weg! Weiches Morgenlicht, flaches Wasser (sehr, fast zu spannend), viele Seezeichen, die es abzuhaken gilt.
Nett war es bei Homer Smith – eigentlich ein kleiner Seafoodbetrieb, gelegentlich kommen die Langleinenfischer vom Atlantik herein, dann werden große und sehr große Thunfische ausgeladen und als Beifang Spanische Makrele für die umliegenden Restaurants filettiert. An anderen Tagen kommen die Shrimper und laden Prawns und Krabben ab. Als Gutsle für die orstansässigen Angelboote und Gäste wie uns gibt es eines: „… you can get all the ice you need!“ sagt Tony zum Empfang, was wir mit einem uninteressierten „ah, ja!“ quittieren. So amerikanisiert sind wir noch nicht, dass wir zur marinaeigenen Eismaschine traben, um uns Eiswürfel für dringend benötigtes Eiswasser oder „irgendwas on the rocks“ zu besorgen –  13 Jahre „ohne“ ging auch. In Marathon sahen wir die Variante: Dollar einwerfen und die 5-l-Kühltasche vollklackern lassen. In Canaveral kam das Eis aus einem stinknormalen Kühlschrank, was man so stinknormal nennt, die linke Hälfte war zum Eismachen da. Die Versorgung mit Eis ist eben Standard, aber das ist nicht, was Tony in Beaufort meint. Er meint wirklich „alles Eis, das Ihr braucht“, und es ist kostenfrei. Zwischen Ponton und Bürohaus steht nämlich ein gemauerter Kubus, gerade groß genug für einen AKKAnauten-Alterssitz (dabei würden wir es nicht mal doppelstöckig brauchen). Das Haus hat eine Schiebetür, und dahinter ist… man ahnt es: Eis. Clark und Matt fahren dort mit dem Bobcat hinein, füllen die Ladeschaufeln und lassen das Eis über einen Schneckentrieb in die Fischerboote am Dock laufen. Ob da ein Segler eine Handvoll oder 20 l abgreift spielt keine Rolle. Es ist eben alles ein bisschen größer hier; richtig schade, dass wir keinen Gebrauch davon machen können. Vielleicht hätten wir mal ein Eisbad nehmen können…

Ordentlichst aufgeschossen: die Rettungsleine in der Faking Box

Beaufort war nett und ruhig, aber natürlich haben wir für ein bisschen Grusel Edward Teach besucht, a.k.a. „Blackbeard“. Ihm ist als einem der erfolgreichsten Piraten der Geschichte ein großer Teil des schönen North Carolina Maritime Museums gewidmet – schließlch hat er hier, vor Cape Lookout, sein Flaggschiff namens „Queen Anne’s Revenge“ verloren. Wahrscheinlich „verloren gehen lassen“, es war nämlich nichts Wertvolles an Bord, als man vor einer Weile ein Schiff fand, das mit ziemlicher Sicherheit eben dieses Flaggschiff war. Blackbear ist der wildeste unter einer Schar von ziemlich wilden Burschen, mir gefällt besonders seine Frisur, in die er gern brennende Lunten steckte. Leider/glücklicherweise hat er den Verlust des Schiffes nicht mehr lange überlebt – er war in der Gegend so gefürchtet, dass man ihn, als man ihn fasste, kurzerhand erschoss und seinen abgehackten Kopf der Öffentlichkeit präsentierte: schaut her – nun kann er euch nichts mehr tun. Man mag vielleicht denken, dass ein einzelner Pirat gegen so viele Siedler nichts ausrichten kann, aber er befehligte eine ganze Flotte von Schiffen und hatte kurz zuvor die ganze Stadt Charleston für Tage in einen Belagerunngszustand versetzt. Weil er der Stadt Medizin abpressen wollte, wie sich herausstellte. Wirklich ein wilder Typ. Sonst geht es in dem schönen Museum um Bootsbau, um Walfang (Frage eines Mädchens angesichts des großen Walskeletts: „Was ist das?“ – Vater: „… ein Dinosaurier!“, und schon galoppierten sie weiter durch das langweilige Museum, ohne dass ich zur Aufklärung des Irrtums beitragen kann) – besonders eindrucksvoll die geradezu abenteuerlichen Rettungsmittel für Schiffe, die vor den Outer Banks und um Cape Hatteras so zahlreich auf Grund liefen. Zip-Lining, das stellt sich hier heraus,  ist eine ganz alte Erfindung. Die „Zip-Line“ wurde vom Ufer in die Masten des havarierten Schiffes geschossen, und dann hatten dnie zu Rettenden eine Freifahrt durch die Brandung gewonnen.  Ich finde den Abspulmechanismus für das Hunderte von Metern lange Seil am allererstaunlichsten – die so genannte „fake box“. Später wurden an den Zip-Lines auch geschlossene Metallkapseln durch die Brandung geschickt – bis zu 15 Personen wurden dort aufeinander liegend „gestapelt“. Bestimmt ein tolles Erlebnis…

Ein tolles, abschließendes Erlebnis haben wir für uns selbst auf Lager: die alljährliche Ausstellung der Lebensbescheinigung für unsere Rentenversicherung ist dran. Im letzten Jahr sehr lustig beim Trini-Zoll, da kann es in North Carolina nicht schwieriger sein, eine Behörde mit einem willigen Geist und einem Stempel zu finden –   aber weit gefehlt: eine Unterschrift für etwas, das nicht unmittelbar zum Sachgebiet gehört? No way! Wir probieren als erstes den Sherriff – die schicken uns zum Gericht, in die Abteilung für Grundstücksangelegenheiten („… die haben dort einen Stempel!“. Aha!). Wir hangeln uns durch sämtliche Ebenen – mein Telefon zeichnet zufällig einen Track auf, der später sehr putzig anzu sehen ist! Die Katasterleute? Fehlanzeige, Special Proceedings? Vielleicht die Kasse? Ganz oben in der Hierarchie angelangt, bescheidet uns die Sekretärin das Clerk of Court, dass das einfach nicht geht; dafür gibt es keinen Vorgang, keine Anweisungen, nüschte. Nicht mal dass wir hier doch ganz augenscheinlich atmend vor ihr stehen und Faxen machen? Nö.
Wir sind ein bisschen konsterniert, wat nu? Gibt es eine ordentliche Verkehrspolizeistation? Müssen wir den „courtesy car“ der Marina (nette Einrichtung übrigens, Schllüssel hängt zur freien Verfügung neben der Waschmaschine!) ausgreifen und nach Morehead zum Customs & Border Patrol fahren, schließlich sind wir dort aktenkundig? „Wir fahren jetzt zur Feuerwehr, das ist doch hier um die Ecke…“ Der Eigner guckt ein bisschen fragend, aber radelt hinterher – und siehe da, bei Feuerwehrleuten gehört „spontan“ und „um die Ecke gedacht“ zum Geschäft. Tammy Turek, Ihres Zeichens special officer und notary der Feuerstation hört zu – und begreift das Problem: sie muss durch Stempel und Unterschrift bestätigen, dass wir leben . Ziemlich einfach, unser Begehr. Für unsere Reise interessieren sich Tammy und der Chef des Hauses (die Ausgehuniform blitzt ebenso wie die Feuerwehrautos) auch noch. Na also. Wir können los.

Und so sitzen wir denn nach einem ersten Tag Binnenfahrt beim Fischereibetrieb  R.E. Mayo kurz vor der Hobucken Bridge und freuen uns auf eine selbst gebratene Flunder und denken an die vielen Fischadler, die die Seezeichen mit ihren Nestern schmücken und schrill hinter uns her schreien. Platt ist es hier, ganz schön „Niedersachsen“. Anfangs noch mehr oder weniger schöne Häuser, dann nur noch Kiefern und Eichen zuhauf. Und abgestorbene Bäume – möglicherweise eine Folge des hohen Wasserstandes nach dem letztjährigen Hurrikan. Florence wusste über Tage nicht wohin und blieb darum einfach sitzen. Ein unangenehmes Wesen, das wir auch nicht unbedingt zu Gaste haben möchten – drum fahren wir weiter. Binnen.

PS: … es ist Mitternacht, das Gewitter vorbei – und ich finde keine aktuellen Bilder. So was… Die Deko wird nachgereicht!

Hinter Kairo…

Beaufort/North Carolina, 20.6.2019

Hinter Kairo, sagt Trudy Culross* , wird es besser! 
Hinter Florida auch, finde ich.  Die Sonne scheint, ein frischer Wind weht vom Atlantik. Sommermorgen im Cockpit, der Kaffee ist schon fertig, der Eigner ist noch fertig und schlummert, und Supertramp spielt derweilen „Breakfast in America“. So muss es sein.

Weiße Häuser mit viel Grün

Gestern haben wir einen ersten Spaziergang durch’s Stadtchen gemacht, und das besänftigt die US-Skepsis etwas. Donald, the biggest T. ever, hat zwar vorgestern in Orlando seine Wahlkampagne 2020 ausgerufen  und wir sehen, dass auch die demokratischen Kandidaten langsam zur Offensive aufgaloppieren, Cory Booker bat gestern um 1-Dollar-Spenden, um das vorgeschriebene Kampagnenbudget von 130.000 Dollar sicherzustellen (herrje, dieses System hier…) , mit Amy Klobuchar habe ich heute schon Kaffee getrunken, virtuell; aber hier ist alles beschaulich und ganz angenehm. Gewiss: Stars & Stripes gibt es reichlich vor den niedlichen Holzhäusern aus dem 18.(!) und 19. Jahrhundert, und die allgemeine Flaggeninflation erzeugt ein bisschen Gänsehaut, aber vielleicht ist das zumindest in Beaufort auch dem verordneten Faktor „hübsch muss es sein!“ geschuldet –  und hübsch ist es.

Alte Pracht…

Weiß gestrichene Holzhäuser ducken sich unter üppig grünen Bäumen, die „Historical Society“ hat ganze Arbeit geleistet, und es gibt noch viel zu schauen.
Nein, nein – es ist nicht so, dass wir es ganz schrecklich in Florida fanden, wir waren sogar in Orlando. Einen Tag im Premium Outlet Center. Der Verschleiß an den immer wieder geflickten und geänderten Bürohemden aus den 80er und 90 Jahren (erst gehen die Ärmel, dann die Kragen, dann werden die Säume kürzer…) nahm doch groteske Züge an, einige wurden nun der Putztuchbrigade zugeordnet, und Columbia und Co. boten Ersatz. Gut. Das Liebäugeln mit einem weiteren Tag bei Minnie und Mickey (Eigner) und Fozzy Bear und Miss Piggy (Schipperin) nahm nach einem Blick auf die zu erwartende Endsumme ein rasches Ende.  Sagt mal, wer leistet sich so etwas, möglicherweise noch als Familie? Das Muppets 3D-Kino wäre schon Klasse gewesen,  mit Statler und Waldorf, und Gonzos langer Schnabel fummelt mitten im Publikum; der Eigner wäre sicher nochmals in den Tower of Terrors gegangen und wir zusammen mit Aerosmith durch die Stadt gefahren, achterbahnmäßig, aber einmal im Leben reicht dann doch, und das war in den 90ern. Punkt.

Solange die Segel noch stehen, kann man’s ja probieren

Damit stand der Abreise nur noch die Wetterlage entgegen. Ein bisschen hin und her und „ui, da kriegen wir Wind auf die Nase, auch noch gegen den Strom, dann lieber am Wochenende“ – die Vorhersagen der Wetterwelt sind uns nach wie vor lieb! „Gutes Wetterfenster, ein bisschen auf der schwachen Seite“, sagt der Eigner – mir ist es recht. 10-12 Knoten raumschots geht schon, dazu ist es mit dem Strom, wenig Welle, und bei Abfahrt am Sonnabend schaut es nach wenig oder keiner Gewitterneigung aus. Toll! Noch kurz tanken und weg.. Und richtig, der Wind  ist „etwas auf der schwachen Seite“, auch ein bisschen schwächer als angesagt, aber irgendwann wird der Golfstrom schieben, denken wir. Tut er. Allerdings – Bekennerschreiben! – haben wir in unseren Planungen eben genau den Strom nicht berücksichtigt, und der nimmt uns 3-4 Knoten vom ohnehin schwachen achterlichen Wind, will sagen: es bleibt kaum etwas zum Segeln übrig. Das Ende vom Lied: 77 Stunden Reisezeit, davon 72 mit Motorunterstützung. Man mag nun sagen, dass wir dann eben 1 oder 2 Tage länger draußen bleiben sollen, aber das hätte uns die gefürchteten Gewitterzellen in den Weg geschoben, und was Gewitter betrifft sind wir wirklich furchtsame Hühner. Abgehakt (und was gelernt). Sonst war es eine prima Vollmondfahrt. Die Einfahrt nach Beaufort bietet nochmals Spannung – nach Florence im vorigen Jahr haben sich die Sände an der ganzen Küste verschoben, es wird überall gebaggert,, und wenn wir kommen, immer mitten in der Fahrrinne;  dabei kann diese Einfahrt auch ohne Bagger schon ein Abenteuer sein. Es kommt uns ein Fahrzeug der US Coast Guard entgegen, dass enorme Gischtwellen aufwirft: wir haben ablaufendes Wasser, das heißt „Wind gegen Strom“. Hier möchte man nicht sein, wenn es richtig bläst, das bestätigt auch die Historie:  wrackreiche Gegend, das. Beaufort liegt an einem der Inlets in den Intracoastal Waterway, ein Tausende von Kilometern langer Wasserweg, der den Booten früher den gefährlichen und mühsamen Weg über den offenen Atlantik ersparte – zum großen Teil natürlich, aber auch mit vielen künstlichen Kanälen und mit einem traditionellen Hang zum Versanden (auch da muss gebaggert werden… und die Yachties hier schließen gern eine Versicherung bei US-Tow ab: einfach anrufen und es kommt jemand, der einen freischleppt!) Also hinein. Ist man erst einmal im Inlet drin, ist alles ruhig, jetzt gilt es nur noch Tonnen und Pricken zu raten, auch die hat es nach Florence ein bisschen durcheinandergewürfelt. Es geht kurz im Zickzack – Kontakt zur Marina. Alles gut: „…am ersten Stegkopf hinter dem großen Motorboot in die Boxengasse. Fender und Leinen an Backbord“. Vollbetreuung. Ich spreche gerade mit Matt, der uns einweist, und sage mitten im Satz: „… and now we got stuck!“  Festgefahren. Shit, ist das flach hier! Ein bisschen geschnibbelt und schon saugt sich AKKA in den Schlick – so ist der Intracoastal Waterway. Der Eigner wühlt sie raus, die alte Gans, mit Motordrehzahl und rechts-links-Drehungen, mit Bugstrahl und viel Mülm im Wasser. Eine weitere Pricke wäre nett (sagt uns auch Clark am nächsten Tag…).
Aber: die Strecke Florida-North Carolina ist erledigt. Es ist ein angenehmes Gefühl, dass die Fluchtdistanz vor möglichen Hurrikanen deutlich geschrumpft ist. Bevor es weiter nach Virginia geht, genießen wir noch ein bisschen Südstaatenkultur in den Carolinas, Grits und Shrimps und nicht zuletzt den „Southern Drawl“, dieses Südstaatengeknödel. Wie bitte?! Say again, please…‘

Ah –   PS:   es bläst, und zwar ordentlich, der „frische Wind“ von heute früh hat zugelegt, mit dem Rad zurück von „Food Lion“ war schon eher anstrengend. Der Westen von NC und Virginia kriegen ordentlich was ab –  gut dass wir hier sind!

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Trudy Culross: Hinter Kairo wird es besser (Leaving Home – Every Girl’s guide to going it alone; )
Manche Reisebeschreibungen „von damals“ sind einfach umwerfend – ich würde gern mal die heutige Version, in Zeiten von Internet, Instagram und Tralala lesen…

Does it spark joy?

Du bist schön von hinten/unten: Saturn-Rakete

Cape Canaveral, 7.6.2019

„… does it spark joy?“ ist die Frage von Marie Kondo, einer sozial-medialen Aufräum-Gurufrau, und soll so viel heißen wie: „… wenn es keinen Spaß macht, dann weg damit!“
Das ist natürlich ein sehr simples Prinzip, vor allem wenn sich konsumsüchtige Menschen das fragen sollen: kaufen, nicht schön finden, wegschmeißen.  Nicht wirklich ein nachhaltiges Lebensmotto, aber im Grunde eine wichtige Frage. Und ich frage mich das hier, seit wir in Florida angekommen sind. Oder vielleicht besser: was macht denn so richtig Spaß hier?  Ihr merkt es schon: ich tu mich wieder einmal schwer.  Gestern bin ich unter Fluchen – es regnet dieser Tage stark – zum Supermarkt geradelt, unter Fluchen, weil sie’s hier nicht so mit Gullys haben, sprich: die ohnehin schlechten Übergänge an den Querstraßen stehen voller Wasser; Radfahrer und Fußgänger sind eine vernachlässigbare Minderheit. Schlecht sowieso, wenn frau mit einem Rad ohne Schutzblech unterwegs ist, aber wenigstens ist das Pfützenwasser, das einem den Hintern benetzt, pipiwarm. Die fluchende Frau schimpft auch über die endlose Kette von Nagelstudios, Fastfood-Facilities und Yogaläden – keine Elektronik in Sicht, so ein Mist, ist sie doch auf der Suche nach einem altmodischen Kartenlesegerät für CF-Karten. Aber am Ende der Pfützenfahrt blüht mir ja der Besuch beim Publix, und dort ist es schön, Obst jenseits von Papaya und Mango kaufen zu können. Pfirsiche machen gerade besondere Freude (wahrscheinlich aus „Georgia, The Peach State“. Die Bundesstaaten schmücken sich hier mit Blümchen, Tieren und anderen schönen Sachen. Florida, The Sunshine State. Hessen, The Äbbelwoi State. Hamburg, The Grüner Aal State. Oder so.)
Unterm Strich: es ist alles westlich-normal hier – nur etwas überdimensioniert, dicke Autos, fette Straßen, Riesen-Saftflaschen, vor allem aber dick aufgetragene Reklame. Ein Land der Superlative. Warum habe ich das die letzten Jahre nicht so wahrgenommen –  Amerika ist doch überall? Hat nur das exotische Äußere der Inseln und Inselchen das überstrahlt? Ja, hat es wohl. Es sind die eigenen Vorurteile, die es mir schwer machen.
So grübele ich die Straße entlang.  Quatsch, konzentrier‘ Dich auf den Weg (platsch!), und auf das Positive – was also macht Freude?
Vor dem Auspacken der Räder in Canaveral (in Marathon gab es Marina-Fahrräder, sehr gut!) stand der erste zu überspringende Schatten: UBER – ein Taxidienst für Smartphonebenutzer!  Und UBER – verlockend leicht und komfortabel zu bedienen – beschert uns gleich den ersten Spaß, denn Rose, die uns abholt („… will be there in 4…3…2…1… minutes“, danke SMS, so ungeduldig sind wir gar nicht!) ist Jamaikanerin aus Montego Bay, wir haben daher gleich zu schwatzen und gewinnen mit ihr unsere persönliche Taifahrerin, an UBER vorbei. Zwei Fliegen, eine Klappe.  Das macht Spaß.

Alle meine Space-Cowboys

Rose bringt uns auch am Folgetag zum Kennedy Space Centre, wo wir uns als ausreichend blöd erweisen, nur ein Tagesticket zu lösen – ein 2-Tagesbesuch wäre durchaus lohnend gewesen. So galoppieren wir durch die Ausstellungen. Im Rocket Garden gibt ein ehemaliger NASA-Mitarbeiter einen Überblick über die Entwicklung und lässt nicht aus, dass all diese Anstrengungen für die Menschheit, nicht für eine Nation gedacht sein sollten. Pluspunkt! (Der Tourbusfahrer war mehr von der „ist das nicht eine wunderschöne, riesige Flagge“-Sorte, aber das meiste auf der Tour kam glücklicherweise vom Videodisplay). Nun ja, und der Rest… es bleibt einfach eine maßlose Bewunderung für den Mut, mit aus heutiger Sicht völlig unterentwickelter Technik solche „Reisen ins Unbekannte“ zu unternehmen. Ein bisschen wie die frühen Seefahrer. Ich gestehe auch, dass mir das Cowboytum der Astronauten Spaß macht. Herrn Armstrongs Coolness, der zu verdanken ist, dass die erste Mondlandung nicht vollends in die Hose ging, Bewunderung für Michael Collins, der derweilen „um den Block“ fuhr und sich sicher ein Liedchen gepfiffen hat, während die anderen einen „small step for man, a giant leap for mankind“ vollführten. Applaus für Juri Gagarin (ja, wird erwähnt!). Noch mehr Applaus für Allan Shepard, der zu Zeiten, als Raketen in den USA noch zu einem hohen Prozentsatz explodierten statt abzuheben, als erster Amerikaner den Weltraum erreichte und doch bei seiner späteren Mondmission weinen musste, als er die Erde aufgehen sah. Die echte Atlantis-Raumfähre. Nicht zu vergessen das Modell des Hubble Teleskops, das treue Ding, das für 5 Jahre senden sollte und nun im 30. Jahr noch immer tief ins Weltall pliert. Ja, ja, und es war auch wirklich lustig, sich in den Launch-Simulator der Raumfähre Atlantis zu setzen, wo sie einem ein bisschen Anpressdruck vorführen. Guter Tag! A spark of joy.

Wir haben mit unserem Liegeplatz in Canaveral wirklich Glück gehabt – kurz bevor wir die Einfahrt erreichen, nötigt mich der Eigner, mit dem telefonischen Abklappern von Marinas – teuer!  Teuer! – zu beginnen, und gleich der erste Versuch ist’s: Port Canaveral Yacht Club, eine private Anlage, die uns einen Platz zum halben Preis der umgebenden Marinas bietet. Spannendes Anlegemanöver – Dalben haben wir seit 2005 nicht mehr gesehen, und es ist absoluter Tiden-Tiefstand, so dass wir ein bisschen jonglieren müssen. Jetzt fahren wir täglich 1.5m rauf und runter (es wird weniger, die Neumond und Springtide sind vorbei… Eid Mubarak übrigens!). In der Ferne ragen die Gebäude der Raumfahrtstation in den Himmel, gleich ums Eck sammeln „Norwegian Sun“, „Irgendwas of the Seas“ und ein Disney-Riese Passagiere ein und spucken sie nach ein paar Tagen wieder aus. Art und Umfang des hiesigen Kreuzfahrttourismus war uns nicht bewusst: Taxifahrerin Rose geht auf Kreuzfahrt, so oft sie kann, auf Spritztour zu den Bahamas vorzugsweise. Kostet für ein Wochenende ab 100/150 Dollar oder so; Gewinn kommt wohl von den Leuten, die sich im Bordcasino arm machen. Die Norwegian Sun geht am Montag bis zum Freitag auf „große Fahrt“ (4–5 Tage!), um dann am Wochenende noch schnell eine ebensolche Kurzreise für Rose und Co. einzuschieben.  Gesund ist das nicht…

Da wir hier nun an einem Clubsteg liegen, nehmen wir natürlich auch am Clubleben teil – es wird 2x pro Woche gekocht, und weil die Clubmitglieder eher Rumlieger sind, geben die AKKAnauten die Stars. Es stößt bereits auf Bewunderung, wenn man die Karibik bereist hat. „… und wo wart Ihr vor Jamaika?“ Meist gucken wir uns an – man will ja nicht protzen – und der Eigner sagt beiläufig „New Zealand“.  Habt Ihr das Schiff dort gekauft?  „Whaaat? You sailed the WORLD?“ Weiterer Kommentar: Ich bin zu ängstlich, um die USA zu verlassen… Gutes Thema – schlechtes Thema. Ich weiß nicht, wie die Mit-Esser am Tisch mein Kubatiraden ertragen haben, teilweise sicher eher ablehnend, aber ich kann einfach nicht damit aufhören – und dabei ist offene Sprache über Politik so notwendig, wie sie hier als unkorrekt empfunden wird. Stellt sich die Frage, wie man auf diese Weise jemals Informationen austauschen oder gar Interessen angleichen kann. Das gilt auch für Religion, dabei ist freizügige (christliche) Religionsdemonstration wiederum absolut erwünscht, egal ob als Stoßstangensticker oder wie gestern beim Walmart – zwei Frauen umarmen sich und bleiben für Minuten umarmt, bis sie ein lautes „…amen!“ ausstoßen. Zwischen Bananen und den Holzkohlestapeln. 
Das nächste Mal gehe ich daher mit Maulkorb zum Essen:  seit 2 Tagen hat die Trumpregierung die Einreise für private US-Segler (und Flieger) nach Kuba unterbunden. Kuba ist einfach eine Gefahr, ein destabilisierender Faktor in der Region, eine Quelle des Kommunismus vor der US-Haustür (sagt Herr Mnuchin). Das Entsetzen unter Seglern ist so groß, wie die Diskussionen darum wild sind. Wir also werden über Sashimi (lecker!) und die Tischdekoration sprechen. Ist nicht wahr – wir hatten Gesprächspartner aller Seiten am Tisch, aber ich denke schon, dass unsere Diskussionsbeiträge etwas naiv erschienen sind.

What else sparks joy? Morgen gehen wir auf Landreise – ein Leihwagen trägt uns nach Orlando, wo ich bei Crocs Plastikmüll kaufen werde, denn im Gewitter gestern ist in unserer Abwesenheit ein FlipFlop fortgeflogen, und Crocs sind die Schuhe, die meinen Beinen am besten tun.

Ein Viertelstündchen anstehen (ohne uns):
Selfie am Southernmost Point, Key West

Von Marathon aus war auch ein Busausflug nach Key West sehr lustig – eigentlich als 90er Jahre-Revival gedacht, landeten wir im „Southernmost Inn“ statt wie damals im „Southernmost Point Guest House“. In Key West ist eben alles „southernmost“, der südlichste Schweißer, der südlichste Eisladen, Strand, Apotheke…  und eben die südlichste Pension. „Inn“ statt Guesthouse war trotzdem schön, mit Pool und Leihfahrrad und Leuchtturm und viel Hemingway.
Was zur Zeit nicht so viel Spaß macht ist das Wetter  – viel Flaute durchmischt mit Gewitter und den entsprechenden Böen. Mal gucken, wann wir nach Norden können. Mitte der Woche wäre gut, vielleicht gleich bis South Carolina.
Wobei solches Wetter auch „sparks of joy“ hervorrufen kann – gestern gab es eine Fahrradtour nach Merrit Island, zwecks Besuchs des „Office Depot“ wegen des CF-Readers (siehe oben). Schwül isses, und als wir aus dem Walmart (ein furchtbarer Kramladen gigantischen Ausmaßes – Damenunterwäsche nur im 6erpack und dann auch noch gemustert! Pfui!) treten, gewittert es massiv. Die Rückfahrt (12 Meilen hin, 12 Meilen her) teilt sich in diverse Teilstrecken, Pause wegen Regen unterm Baum, dann wegen massiven Gewitters unterm Vordach der CVS Pharmacy (ha! Spark of joy! Drugstores in den USA haben alles, auch gekühlten Starbucks-Kaffee in der Glasflasche. Leider überzuckert, aber wir waren ja auch unterzuckert…). Dann wieder Pause auf einer Tankstelle wegen Wolkenbruchs (muntere Sprüche von allen Seiten!)  – das ging so, bis wir derartig bedient waren, dass uns die wadentiefen Teiche an den Kreuzungen nicht mehr anfochten. Ein ganz neues Gefühl, bis zur Nabe durch Wasser zu fahren – so sauber waren unsere Räder schon lange nicht mehr.
Ebenfalls keinen Spaß macht das Problem mit dem alten Plotter: CF-Karten sind aus der Mode, die Kartenleser haben wir/haben sich alle geschlachtet, und die Karte mit unseren elektronischen Seekarten von USA/Canada sind zu groß für unser „altes“ Teil – das Gerät selbst ist von 2012; wir haben es letztes Jahr gebraucht nach Grenada geflogen und eingebaut, aber die Entwicklung ist 10 Jahre älter. Also heißt es rumfragen, basteln und versuchen – wenn der Bildaufbau so langsam ist, dass man schon am Wegpunkt vorbei ist, wenn das Gerät fertig ist, muss das System optimiert werden; noch lustiger ist, wenn in der Einfahrt nach Canaveral der Plotter denkt, er müsste runterfahren und neu starten. Gut, dass Redundanz unser Hauptprinzip ist, das Tablet liefert die wichtigsten Informationen, auf Grund läuft man damit jedenfalls nicht. Grund zur Freude!

Den ultimativen Grund zur Freude liefert jedoch Kapitän und Bordingenieur Hänsch, immer wieder. Dass unser Motorkühlsystem sich rätselhafterweise immer weiter mit Wasser füllt, hat ihm echte Kopfschmerzen bereitet, zunächst einmal, bis die Beobachtungen „keine unmittelbare Gefahr“ ergaben – das war noch am Cabo de San Antonio. Danach begann die neue Kopfschmerzen generierende Forschungsarbeit –  alle Faktoren sind ausgeschlossen, und dennoch tropft es. So ein Mist – bis er auf die Idee kam, dass unser Heißwasserboiler ein Leck hat – nicht zum ersten Mal, das Gerät ist von 2013, Neuseeland. Dieses Mal ist es ein internes Leck, und die Druckwasserpumpe fördert Wasser in den Süßwasserkreislauf des Motors. Das isses! Wer braucht schon warmes Wasser (the captain himself!), drum kann man den Boiler gefahrlos abklemmen, und schon ist alles in Butter.

… sowas hat er im Urin, der Held: Impeller. Alle Flügel angerissen

Noch ein freudeerzeugendes Projekt ist der Umbau der Klos –  der Nationalpark um die Keys erfordert die Benutzung eines Schwarzwassertanks, ein Thema, das mich auch schon ohne Nationalparkbedingungen seit langem beschäftigt (ich wünsche mir ein Kompostklo!), nun wurde es akut. Also reduzieren wir in unserem achteren „Schuppen“, der auch das unbenutzte Zweitklo mit Drecktankanschluss beinhaltet, die Kisten und Kästen und fahren seit neuestem für „Sitzungen“ mit dem Hintern ins Regal. Das macht vielleicht Spaß!  Doch, doch, er ist (m)ein Held, der Kapitän!

Zurück zur Eingangsfrage: macht es Spaß?  Ja, klar macht es Spaß – man muss sich nur die schönen Dinge suchen!

Bis demnächst aus … South Carolina, The Palmetto State (and the Lindsey Graham State. Ei-ei-ei…)

Kuba – der Nachklapp

AKKA in Cayo Levisa

Marathon/Florida Keys, USA – 22.5.2019

Vorbei, vorbei, die schöne Zeit in Kuba.  Was frau so „schön“ nennen mag. Eine gemischte Wundertüte. Vorhin habe ich die erste politische Diskussion in den USA begonnen, ganz harmlos, weil ich den Publix-Supermarkt dafür gelobt habe, dass er Eier (!!) gehabt habe. Die Fake-News-Trulla von der AKKA, die uns erzählen will, was in Kuba abgeht („… I have not been there but I would like to go before they open it!“ Was wird geöffnet? Kuba-Disney?).
Kuba verwirrt, daran hat sich aus unserer Sicht nichts geändert. Zwischenzeitlich dachten wir, wir hätten ein bisschen mehr verstanden, aber nun kamen die – auch in Europa in der Presse kommentierten – neuen Rationierungsmaßnahmen. Es ist wirklich unfassbar. Bei aller Fähigkeit der Kubaner, das Leben zu nehmen wie es ist, das heißt: so positiv wie möglich, hörten wir in den letzten Tagen doch ein paar Mal, dass man sich ein bisschen vor den kommenden Monaten, wenn nicht Jahren, fürchtet – gewiss ist die Lage nicht so umfassend schlecht wie Anfang der 90er, als der Ostblock auseinanderbrach, aber die Abhängigkeit von Venezuela als Öl- und damit Devisenlieferant ist doch extrem, sodass wir die Befürchtungen nachvollziehen können. Ich hoffe nicht, dass meine Ahnung wahr wird: jetzt haben sie sie am Schlaffittchen, und zwar sowohl Venezuela wie Kuba, zwei auf einen Streich.
Nein – ich pflege keine Kuba-Romantik. Oder wenn, dann nur ein kleines bisschen.

Wir haben tatsächlich unseren Kubaaufenthalt ohne Einkäufe in den Läden hinter uns gebracht –  zugegebenermaßen sind wir jetzt entsprechend knapp mit Vorräten (Zitat Eigner beim Blick ins Kühlschapp: „…hier ist immer noch mehr Butter drin als in ganz Havanna!“). Wir haben uns auf den gelegentlichen Kauf von Gurken, Zwiebeln, Tomaten und Obst vom Straßenhändler beschränkt, besonders jetzt, nachdem die Rationierungen verschärft wurden. Erinnert Ihr Euch daran, dass ich in Los Roques/Venezuela nach einem Eiskrem zum Kaffee gefragt hatte und der Kellner haltlos zu lachen begann?  Ähnliches passierte in der Marina Hemingway im „Caracol“ , ein Supermarkt der Marke: 10 m kolumbianische NestaFit-Kekse und 20 m Wasserflaschen. Und viel Rum zum Betäuben…  Ich frage nach Eiern, ganz schlicht. Da gehen die Augenbrauen schon hoch: „Huevos? EN DIVISA?“ Wat? Eier im freien Verkauf? „Noooo!“ Als Beispiel für die (ziemlich umfassende) Schieflage: Kuba hat im März, wie wir hörten, 900.000 Eier weniger produziert als sie gebraucht hätten, das sollten 5,8 Millionen sein,  woran die Tourismusbranche sicherlich nicht unschuldig  ist (man möchte den all-inclusive-Touristen „immer schön aufessen!“ zurufen). Der April war mit nur 600.000  Stück weniger etwas besser, aber man kann sich vorstellen, dass da eine Bedarfslücke klafft. Ich glaube nicht, dass die Legehennen nun alle gemeinsam in die Mauser gegangen sind und daher das Legen eingestellt haben. Wie genau der Fehlbestand zustande kam, vermochte niemand genau zu sagen (der Kubaner ist vielleicht auch zu fatalistisch veranlagt, um das zu hinterfragen ?!) – ich glaube jedenfalls weniger an eine Hühnergrippe als an einen Mangel an Futtermitteln, siehe meine Embargoklage. Vielleicht hat man auch in vorauseilendem Gehorsam den Hennen den Garaus gemacht, um der Nachfrage nach Hühnchenfleisch gerecht zu werden, das gab es in den letzten Tagen nämlich auch nicht mehr.
Ach je, ich weiß es nicht – irgendwie hat uns diese Lage den Abschied von Kuba ein bisschen leichter gemacht, dabei war es doch wirklich schön.  8 Wochen sind allerdings für den durchreisenden Segler ein bisschen kurz, zumindest für die ganze Insel, noch dazu, wenn er so lahmarschig ist wie wir. Wir haben 6 davon für Cienfuegos und die Umrundung des Westens gebraucht, und dabei ging die Segelstrecke zügig vor sich.

Dockmaster Abel und die Fischersleut‘

Schöne, unbewohnte Inselchen vor der Südküste, ein total nettes Willkommen am Cabo de San Antonio in der „Marina Gaviota Los Morros“, beim herzlich-freundlichen Dockmaster Abel und seinen Fischersleuten. Ein paar Tage im kleinen Tropenstrandparadies Cayo Levisa, das wir uns tagsüber mit Touristen vom Festland teilen mussten, aber wo man abends bei den Fischern Grenada-Bier gegen Mangos tauschen kann. Zum

Stillleben mit Geschossen

Picknick das Dinghy in den Mangroven festbinden. Mit den Kanadiern Rui und Leeza (Kanadier genießen Sonderrechte in Kuba, die dürfen sogar 2 x 3 Monate bleiben!) schnacken und Erfahrungen austauschen und Hundekraulen: ein interessanter, absolut netter Bordhund, ein Australian Shepherd/Koyote-Mix!. Eine junge amerikanische Familie auf der Rückreise nach Utah und Gelegenheit zum großen Politikaustausch (definitiv ohne

Das? Das war ich nicht!

MAGA-Mütze). Damit hatte sich die Seglergemeinde auch schon erschöpft, obwohl diese beiden und 2 weitere Yachten in Los Morros auf den letzten 500 Meilen sich schon fast wie „Überfüllung“ anfühlten. Eine sehr genussvolle Reise trotz mehrerer Nachtschläge.
Unsere letzte Station in Kuba sollte die Marina Hemingway werden – ein etwas dereliktes Überbleibsel der späten Batista-Aera, 10 km westlich von Havanna gelegen. Hier wurden 4 lange Kanäle in die Korallen gesprengt, mit reichlich Platz für je 100  Yachten und viel, meist unbewirtschafteter bzw. meist unbelebter Infrastruktur: Restaurants/Hotels/Swimmingpools auch für die Havaneser Wochenendbespaßung; unter anderem mit einem großen, grauen Hotelklotz names „El Viejo Y El Mar“, ehemals gern genutzt für Medizintouristen aus Venezuela. „Der Alte Mann und das Meer“ ist sowieso weit verbreitet, als Skulptur, als Wandmalerei, gern wird auch das Bild vom überaus geschätzten Ernesto (Hemingway) und Fidel gezeigt, die sich hier ein einziges Mal in ihrem Leben getroffen haben, beim Angelturnier (das Fidel gewonnen hat – man ließ ihn ebenso gewinnen wie Ché ihm beim Golf den Vortritt gelassen hat).
In dieser Marina geben sich während unseres Aufenthaltes im Kanal 1 ein paar Segler – 2 Handvoll?! – die Klinke in die Hand; „Hemingway“ ist Absprungort für sowohl unsere Richtung nordwärts wie für die, die nach  Mexiko-/Guatemala/Panama zielen. Zum Beispiel die „Luna Mare“, eine nun schon langjährige Internetbekanntschaft, bayerisch-hessisch, mit denen ich mich schon vor Monaten für „Bohnen-mit-Reis-Essen in Kuba“ verabredet hatte. Hat geklappt. Das Treffen resultierte allerdings in einem kleinen Missklang. Oh, je…  – eine Episode aus der Serie „The Confessional“ und ein Kunststück vom Fuchs: Anlegemanöver. Marion nähert sich dem Dock sehr suutsche, ein Leinhandler geht achtern an Land, die Schipperin nimmt die Vorleine und schaut nicht, was sonst passiert, vor allem nicht nach achtern – also belege ich die Vorleine zu früh, der Bug der Luna Mare schwingt herum und „bäng“. Orangefarbener Stahl auf Beton. Glücklicherweise erweisen sich Paul und Marion als ausreichend stressresistent (vielen Dank dafür! Der hässliche Aufprall klingt mir noch immer in den Ohren!) – sie zücken noch am gleichen Tag den Lacktopf für die Schmarre; wenigstens habe ich keine Beule erzeugt. So etwas Dusseliges, aber es ist mir eine Lehre. Dafür tauschen wir dann Bücher aus und schwätzen über gewesene und angepeilte Ziele; mein Neid auf die, die in den Pazifik gehen, wird mit jedem solchen Gespräch signifikant größer… . Gute Reise, Luna Mare! Wir sehen uns in Arrecife!
Zuvor hatten wir uns zu einem Nachschlag „Kuba wie es leibt und lebt“ nochmals nach Havanna verholt. Zimmer bei Hans auf der Calle Chacón,  in kürzester Laufentfernung zu unserem persönlichen Zentrum der Stadt namens „Lo de Monik“, was so viel heißt wie „Der/die/das von Monik(a)“. Das Restaurant, die Bar.  Hatten wir schon beim ersten Besuch mehrfach für Frühstückszwecke besucht, aber besonders, wenn der AKKAnaut mittags nach Erfrischung lechzt, kommt eine eiskalte Gurkenlimonade besonders gut, zumal man sich man sich auch über die Herkunft ihrer Inhaltsstoffe keinen großen Kopp machen muss. Beim Frühstück – mit Eiern! Siehe oben! – schon eher. Es ist verzwickt – wir bringen mit unserem „business“ ein bisschen Geld, gleichzeitig essen wir Touristen den Kubanern die Haare vom Kopf. Teurer machen? Machen die Touristen dann vielleicht nicht mehr lange mit, denn die gezahlte Kohle ist direkt proportional zu den Leistungsansprüchen, und das funktioniert hier höchstens bei wohlwollenden Individual- oder Alternativtouristen. Es ist ein bisschen wie in den 40er/50er Jahren: eine Haupteinnahmequelle ist der Tourismus, der im Endeffekt zu einer massiven Ungleichverteilung beiträgt. Erholen kann sich das Land eigentlich nur, wenn es Handelserleichterungen gibt anstatt den Handel zu erschweren – solange man Kuba nicht mitspielen lässt, zum Beispiel im Kreis internationaler Organisationen, oder es von internationaler Hilfe abschneidet bzw. diese erschwert, wenn  bestimmte Bedingungen nicht erfüllt sind, wird sich das kaum regeln lassen.  Wir Westler unterstützen gern mal miese Potentaten, wenn es in den Kram passt – der Kuba-Kram passt seit 60 Jahren nicht. Mit solchen Gedanken, die eigentlich mit jedem Tag mehr werden, marschieren wir ein letztes Mal die Calle Cuba bis zum Bahnhof hinunter und die Habana wieder rauf –  „morbiden Charme“ kann ich immer weniger empfinden, es schaudert mich zunehmend. Wir haben an der Situation unseren Anteil – nur: wie können wir Einfluss nehmen? Schwacher Versuch: drüber reden. Das tu‘ ich – siehe Eingangssatz – mit dem Chef der Marathon Marina hier in den Florida Keys, indem ich von unserer Ohnmacht nach dem Besuch des PUBLIX-Supermarktes berichte, sie hatten nämlich Eier! Unglaublich. Da kommt erst einmal „naja, eine Regierung mag die andere nicht! Und die haben ja ihre eigenen Hühner!“. Ich hake nach, wie die Kubaner wohl ihr Eierdefizit ohne Hühnerfutter decken können. „You mean – the embargo?“ Ha! Er ist von selbst drauf gekommen! Der Eigner, der dem Schauspiel beiwohnt, sagt, die ältere Frontdesk-Dame sei schon merklich abgerückt. Da bahnt sich eine politische Diskussion an – shoohoo! Aber vielleicht ist ja ein winziges Cent-Stück gefallen.

In jedem Fall: wir sind in „God’s own country“ angekommen (so sagten die Südafrikaner früher gern), die Amerikaner haben uns auch reingelassen *, Mr. Poster vom Customs and Border Patrol war so freundlich. Wir haben sogar eine Cruising License für ein Jahr bekommen, das ging automatisch. MAGA-Mützen gab es noch nicht, aber Im Supermarkt sichteten wir das erste „I proudly stand for the national anthem“-T-Shirt. natürlich alt und weiß und männlich. Wir sind echt gespannt!

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*Kleiner Schluckauf zum Beginn der Reise: Customs & Border Patrol kann man die Arbeit erleichtern, indem man sich eine App auf das Tablet lädt, die heißt ROAM. Gesagt, getan, gemacht, gefummelt, authorisiert… alles mit dem schwachen Kubanetz. Und zack! Raus mit der Arrival-Datei für AKKA. Toll! Abends noch einmal duschen und schnell gucken, ob die Behörden reagiert haben. Hatten sie! „Unfortunately, your arrival has been denied and you may not enter the US territory at this time…“  Nee, oder? Müssen wir jetzt auf die Bahamas laufen? Kurze Verwirrung und Rücksprache mit Luna Mare und den Freunden von der Kuba-Gruppe auf Facebook. Kleiner Systemfehler von der Schipperin. Man darf die Ankunft erst ankündigen, wenn man im US-Netz ist – puuh!  Der Rest der Reise war easy. 8 Stunden Motorsegeln, 12 Stunden Segelei mit Golfstrom (hui!) und noch ein paar Stunden Tuckerfahrt. Voilà – Florida!

 

Havanna, Havanna

El Capitolio – der „amerikanische Traum“

Isla del Rosario, 29.4.2019

Versprochen ist versprochen!  Es ist 17 Uhr, AKKAs Anker liegt auf 2.5 m in einem Sandfleck, mühsam angesteuert inmitten eines Meeres von Seegras, hier „turtle grass“ genannt, dickes Zeug, wo selbst unser Bügelanker nicht immer beißt… Sonst beißt auch nicht viel, weder Schildkröten noch Fische sind in Sicht, wie ich beim Kontrollschnorchelgang feststellen konnte.
Wir sind auf dem Weg zum Westkap, dem Cabo de San Antonio, von dort geht es die Nordküste entlang wieder ostwärts, dorthin, wo wir schon waren: La Habana, Kubas Haupststadt; schön, scheußlich baufällig, fröhlich und touristenüberflutet. Einfach spannend.

Für unseren Busausflug dorthin hatten wir AKKA in Cienfuegos ans Dock gelegt, schließlich wollten wir länger als die ominösen 3 Tage wegbleiben, und es ist auch ein angenehmeres Gefühl, denn als wir aus Trinidad zurück kamen, knatscht unsere Ankerkettenentlastung: kaum lässt man die alte Dame mal allein, fängt sie sich irgendwas am Grund ein und ruckt kurzstag an der Kette. Eine Premiere und eine eher unagenehme Überraschung, die allerdings schnell behoben war. Die Dockplätze werden nach dem „first come, first serve“-System verteilt, und ich hatte Glück, im rechten Moment am Marinabüro vorbeizukommen, was zum spontanen Entschluss führt, AKKA anzubinden und gleich am nächsten Tag loszufahren. Rucksäckchen gepackt und weg!

Wir nehmen wieder den Viazul-Bus in Anspruch, in CUC zu zahlen und daher häufig von Touristen frequentiert –  es gibt andere Beförderungsarten, von deren Benutzung Touristen ausgeschlossen sind oder nur nach Gutdünken des Fahrers erlaubt, wie zum Beispiel die Pferdetaxen in Cienfuegos. Eigentlich macht man bei Viazul eine Reservierung (sogar online, aber das nur bis 14 Tage vor der Reise, nix für uns…), man bekommt einen Ausdruck, den man zur Abfahrt in ein Ticket tauscht (Schlangestehen ist einfach ein schönes Hobby hier, genannt „hacer la cola“), aber ohne Reservierung und 30 Minuten vor Abfahrt muss man dann schon mal ein bisschen frech sein und sich vorbeischlängeln.  „Ein Ticket? Für wann?“ fragt der freundliche Herr, der inmitten von alten Plüschsesseln vor einem Flachbildschirm hängt (das Viazulbüro in Cienfuegos ähnelt eher einem 50er-Jahre-Wohnzimmer, solche Möbel haben wir zuletzt in Zambia am Bahnhof erlebt). Jetzt gleich! Sofort! Ahorita! Er verfällt in Schweigen und hämmert auf die Tastatur ein, schüttelt den Kopf, starrt… Dann streckt er die Hand nach dem Geld (2×20 CUC) aus und reicht mir zwei handgekrickelte Zettelchen: „System funktioniert nicht!  Geht aber in Ordnung!“, und das stimmt, 4 Stunden später sind wir in Havanna. Richtig gut vorbereitet sind wir nicht. Ein Zimmer in Habana Vieja, der Altstadt, schwebt uns vor (es lebe OSMAnd, die offline-Karte für Kuba und den Rest der Welt!), also halten wir ein Taxi an (ein Lada und nicht, was Ihr denkt, Buick oder Oldsmobile…) und sagen so lässig wie ungefähr: „Capitolio!“. Der Fahrer ist nett (wie die Kubaner im Allgemeinen), fragt ein bisschen, erzählt ein bisschen und setzt uns dann am Mini-Kapitol raus. Das Capitolio, nach dem Bild des Kapitol in Washington, ist eine Ikone der Amerikanerzeit, in den 20er Jahren erbaut, zunächst vom späteren Diktator Gerardo Machado, dem „Schlächter“, als Präsidentenpalast geplant, jedoch bis in die 60er Parlamentssitz (Hintergrund ist, dass das geplante Parlamentsgebäude in seiner Marmorpracht der damaligen Präsidentengattin so gefiel, dass sie den Gatten überzeugen konnte, dort einzuziehen). Heute beherbergt das Capitolio das Wissenschaftsministerium o.ä. – Fidel hatte, wie beim eigentlichen Präsidentenpalast, eine Aversion gegen alte Prachtbauten, denke ich. Drum beherbergt der jetzt auch das Revolutionsmuseum. Unbedingt anschauen!

Glitzer und Glamour

Wir springen aus der Taxe, mischen uns unters reichlich vorhandene Volk, stehen Kurz-Schlange für ein Softeis (ein CUP-Eis zum CUC-Preis, was heißt, dass man 24 mal mehr bezahlt als ein Kubaner und sich dennoch nicht geschröpft vorkommt). Staunen vor dem großen Buchladen, eine Ladenkategorie, die es in Cienfuegos fast gar nicht gibt – so viel Ché! Leider darf ich mit dem Rucksack nicht hinein. Dann tauchen wir in die Altstadtstraßen ein und sehen schon, was Habana Vieja ausmacht: heruntergekommene Ladenpassagen, daneben glitzernde Hotels von Kempinski und Co., Renovierungsbemühungen (das Capitolio ist noch halb eingerüstet, strahlt aber bereits in hellstem Alabasterglanz) überragt von Mehrstöckigem, aus dessen leeren Fensterhöhlen Bäume wachsen. Und dann die „Obispo“. Calle Obispo ist quasi die Touristen-Aorta der Altstadt, viel Lärm, viel Musik, viele Besucher, viele Shops, viele Restaurants. Und viele Ché-T-Shirts… aber für die Ché-Devotionalien haben wir keinen Blick, wir müssen ja noch ein Zimmer finden – was sich als schwierig herausstellt, denn wir sind so aus der Welt bzw. aus dem Kalender gefallen, dass uns nicht bewusst ist, dass dies die Osterwoche ist. Für Kubaner nicht so wichtig, selbst wenn Johannes Paul vor 20 Jahren die katholische Kirche reinstalliert hat – aber für europäische Touristen! Die ersten Versuche, ein Zimmer zu bekommen, gehen schief – unser Prinzip ist das von Versuch und Irrtum: Arendadora Divisa-Logo ansteuern, am Haus hochgucken (Baufälligkeitsstatus, Lärmpegel, hat’s Balkon?!) und klopfen: leider nein, oder nur für eine Nacht… Bei Hans auf der Chacón sehen wir Licht, denn die klassische, kubanische Hilfsbereitschaft trifft uns in vollem Umfang. Auch Hans‘ Mutter hat keinen Platz, aber er läuft mit uns los, von Freund zu Freundin, erzählt derweil ein bisschen über die Gegend, über alte Verbindungen zur DDR (siehe „Hans“, ob es da wohl Gegenstücke names Juanita o.ä. in Berlin gab?!). Wir tüfteln schon am Plan B namens „Hotel“ als Hans uns zurück nach Hause leitet und telefonieren geht – und ein paar Minuten später landen wir bei zwei Damen auf der Calle Cuba, sehr nett. Wie viele der kubanischen Stadthäuser ab den 20er Jahren ist auch dieses geteilt, ein Raum für eine Familie; nach der Revolution hat man noch mehr Menschen in diese Wohnungen gepresst. In unserem Fall bleibt die Teilung undurchsichtig: wir wohnen im Erdgeschoss. Man öffnet die Haustür und steht im Wohnzimmer, ein kleines Nebengelass schließt sich an, weiter in die Tiefe des Hauses findet sich dann unser Raum, mit zwei großen Betten und einem veritablen Badezimmer. Küche und Abstellräumchen nebenan kann man ahnen, die 79-jährige Mutter der Vermieterin lebt in einer weiteren „Abseite“, von der wir annehmen müssen, dass sie kein Fenster hat. Das Gästezimmer ist eindeutig das größte in dieser Wohnung. Die Betten sind gut, es gibt Ventilatoren, sogar eine Klimaanlage, Steckdosen für traveller’s delight, nämlich das Laden von Kameras und Smartem… – nur werden wir vergattert, unbedingt sparsam mit dem Wasser zu sein, was uns als Bootlingen ja leicht fällt. Prima! Erkundungsgang!
Die nächsten 4 Tage verbringen wir im Wesentlichen in genau diesem Viertel, aber es ist definitiv auch besonders sehenswert. Zum Beispiel: hier beginnt der Malecón, die endlos lange Uferpromenade –  ich freue mich wirklich hier zu sein und habe sofort die Eingangsszene aus Buena Vista Social Club in Erinnerung –  ein 50er-Jahre-Auto fährt durch die Gischt, die von der Ufermauer auf die Straße wuscht. Es schwappt dieser Tage nicht so gewaltig wie im Film, aber für Teen-Vergnügen (nasse T-Shirts und Gekreisch) reicht es allemal.  à propos Buena Vista Social Club – ich hätte nicht erwartet, dass man dessen überdrüssig werden kann, aber wenn man das 50. Cover d von „El cuarto de Tula“ gehört hat, freut man sich dann doch über andere Stücke. Der Spaß am Rhythmus bleibt aber.

„Die Wiege des Daiquiri“ und Baufälliges… La Floridita (Hemingway lässt grüßen)

 

Die alten Befestigungsanlagen sind beeindruckend, die werden wir in den nächsten Tagen mehrfach unsicher machen, ebenso den alten Palast der Kapitäne an der Plaza de Armas, der jetzt ein Stadtmuseum beheimatet. Aber natürlich gucken wir nicht weg (der Eigner schon gar nicht!), wenn einer der vielen, alten Straßenkreuzer vorbeifährt oder besser noch, wenn einer geparkt zu besichtigen ist. Von diesen Oldtimern gibt es zwei Kategorien: solche, die als veritable Taxen arbeiten (uns schon bekannt aus Cienfuegos), häufig erkennbar am klapprigen Zustand und dem matten Lack und der vollen Beladung,  und daneben hier in Havanna unglaublich viele, die in pink und gelb und grün aufgehübscht sind (von Nahem erschließt sich dem Sachkundigen allerdings so mancher Spachtel-Wahn!); eine ganze Flotte, die für eine Firma namens „Gran Car – Rent a Fantasy“ Touristen durch die Gegend fährt. Letztere sind nicht gerade zimperlich im Vortrag ihrer Angebote, aber auch dadurch – und unsere freundliche, aber bestimmte Ablehnung – ergeben sich nette Gespräche.

Rentar una fantasia

Als wir das dritte Mal nahe dem Castillo de la Real Fuerza auftauchen, haben wir schon Wiedererkennungswert, aber – bis auf die Oldsmobile-Taxenfahrt zurück zum Busbahnhof, Kategorie normal-klapprig – sind wir standhaft geblieben und haben nur geguckt und uns gefreut; mir wäre es auch irgendwie peinlich gewesen, Cruiselinergast-mäßig in Bonbonrosa durch die Stadt kutschiert zu werden. Sonnenbrille, Strohhut, Blümchenkleid, Zigarre und viel Frohsinn; wahrscheinlich auch das eine oder andere Glas „Habana Club“ intus… Rent a fantasy –  ein nachvollziehbarer Slogan. Ich sagte ja schon, dass diese Vehikel ein zweischneidiges Schwert sind: mit der Revolution ging im Endeffekt ab 59/60 die gesamte Oberschicht ins Exil – später auch die Mittelschicht – und ließ alles zurück, inklusive der zuvor massenweise importierten Buicks und Oldsmobiles, Chevrolets, Ford… In den 50ern hatten sich ja viele Prominente Stimmen zu und gegen die amerikanische Kultur in Kuba geäußert (Hemingway, selbst dem Alkohol nicht abhold: „Die große Hure“, Einstein: „abstoßende Ungleichheit besonders die Schwarzen betreffend“), die Autos waren eines der äußeren Zeichen für den – überbordenden – Tourismus aus den USA; Prostitution, Alkohol, Casinos, was das vergnügungssüchtige Herz begeht, und alles im Übermaß.  Da mit der Revolution bzw. den Enteignungen sofort die Wirtschaftssanktionen der Amerikaner einsetzten, blieb die Automobiltechnik am Ende der 50er Jahre stehen: bis auf Sowjetprodukte keine Neuimporte mehr, keine Ersatzteillieferungen. Sieht nett aus, hat Charme, und es ist auch ein technisches Wunder, die Dinger so lange am Laufen zu halten, aber für die Kubaner ist es ein Kreuz. Es gibt Schauergeschichten insbesondere über die echten Taxen; eine meiner liebsten ist eine Fahrt von Havanna nach Trinidad, auf der alle x Kilometer frischer Sprit aus den im Kofferraum hin- und herrutschenden und -schwappenden Kanistern angesaugt werden musste „… der Tank ist schon seit vielen Jahren defekt!“. In der Geschichte heißt es auch, dass die Türen nicht schlossen, die Fensterkurbeln fehlten, und dass die Bremsen zu wünschen übrig ließen, spielte bei der erzielten Geschwindigkeit eine geringere Rolle (der Fahrer hatte auch keinen Führerschein…). Aber es geht eben doch vieles, was in anderen Ländern unter „unmöglich“ laufen würde. In solche Taxen passen gewöhnlicherweise 6-7 Fahrgäste: 4 hinten, mindestens, mindestens 2 auf der Vorderbank (+ Fahrer). Ich bewundere die Kubaner für ihren Erfindungsreichtum und ihre Widerstandskraft.
Wir fahren mit dem Hotelbus durch die Stadt – das kostet 10 CUC pro Nase und man darf dafür den ganzen Tag „hop-on/hop-off“ genießen. Wir hopsen insbesondere am Cemeterio Colón runter und genießen einen riesigen Stadtfriedhof. Ibrahim Ferrer haben wir leider nicht gefunden, aber dafür schöne Geschichten gehört, zu begrabenen Feuerwehrleuten oder anrührende Mutter/Kind-Stories. Eine Ehesache ist besonders nett: schwierige Anbahnung einer nicht standesgemäßen Ehe. Die Frau stirbt recht jung. Da das höchste Grabmal des Friedhofs den o.a. Feuerwehrleuten als den Opfern eines Explosionsunglückes vorbehalten ist, muss sich der trauernde Ehemann etwas ausdenken und ersinnt ein gigantisches Mausoleum aus Marmor und Granit, vor das er – ganz unschuldig – zwei kleine Königspalmen setzen lässt. Wer die Grabstellen sucht, muss nur nach dem hohen Marmorengel und den beiden noch höheren Königsplamen Ausschau halten… Unter dem Engel werden heute noch die Hanaveser Feuerwehrleute begraben, und  Helden der Revolution gibt es natürlich auch reichlich.
Das Ganze ist der Recoleta in Buenos Aires nicht unähnlich. Nur ohne Evita.
Im Umfeld des Friedhofs das ganz normale Havanna – das sich durch „gibt’s nicht“ auszeichnet. Nicht mal eine Kaffeestation. Ah! Doch! Ein Laden in einem Treppenhaus! Serviert uns schnell noch einen Kaffee um dann schnell – es sit 13 Uhr! – zu schließen. Soll erfüllt, wahrscheinlich.

Nach der zweiten Nacht eröffnet uns unsere Vermieterin, dass sie uns leider nicht weiter beherbergen kann – die Mutter ist krank, sie brauchen jeden Tropfen Wasser für sich selbst, denn der Wasserwagen ist am Vortag nicht gekommen und die Zisterne, die sie mit anderen Hausbewohnern teilen, fast leer – in großen Teilen der Altstadt gibt es keine zentrale Wasserversorgung Es ist uns wirklich unangenehm, dass wir ihre Hilfsbereitschaft überhaupt in Anspruch genommen haben, dabei ist diese noch nicht zu Ende, denn natürlich hat sie uns schon an eine Freundin weitergereicht. Die neue Landlady ist eine Kinderäztin im Ruhestand, bietet uns ein schönes Zimmer mit einem noch prächtigeren, pfuschneuen Bad. Kleiner Willkommenskaffee inklusive. Beim prachtvollen Bad stellt sich die Frage, woher die Technik kommt: ein Regenwasserduschkopf. Was  zu neuem Grübeln über die wirtschaftlichen Verhältnisse führt: die Ärztin mit dem Luxusduschkopf (Lohnniveau „Standard“ = < 50 CUC) treffen wir auf der Straße wieder, sie sucht ausdauernd nach Kartoffeln; zugegebenermaßen sind Kartoffeln „Luxus“, da Frühlingsgemüse und absolute Saisonware, trotzdem kann man sich schwer vorstellen, dass z.B. der Hannoveraner im Mai/Juni auf Wanderschaft gehen muss, um wenigstens ein bisschen Spargel zu ergattern… Anderes Obst und Gemüse wird allerdings am Straßenrand reichlich verkauft, von kleinen Handkarren aus.

Gemüse – aus dem Osten oder auch aus städtischen Gärten!

Wir haben Mangozeit, Ananas und Guaven gibt es wohl rund ums Jahr. Möhren sind ein bisschen mickrig, aber erhältlich, Zwiebeln und Knoblauch gibt es immer, auch von mit Zwiebel-/Knoblauchzopf behängten Straßenhändlern. Schwierig ist die Lage bei normalen Haushaltsdingen – Landlady 1 war am Wochenende bevor wir kamen 150 km weit mit dem Bus nach Varadero gefahren, um Speiseöl und Klopapier zu suchen; da hilft dann auch die „libreta“ nichts, was es nicht gibt kann auch nicht rationiert werden. „Butter“ und „Kaffee“ aus der Bodega, die die Rationen verteilt, sind Mischprodukte, und nur was nach dem Verteilen der Rationen an die Nachbarschaft übrig ist, steht zum freien Verkauf; das System sichert wirklich nur das Allernötigste (und ob Reis mit Bohnen auf die Dauer gesund sind?). Was Löhne angeht: ein zugänglicher Kellner klärt uns über die Restaurant-Schlepper, die an allen Ecken lauern, auf: er lebt wie diese ausschließlich vom Trinkgeld, in den Paladares verdient man gewöhnlich kein Grundgehalt. Seine Mutter ist aktive Ärztin (Gehalt siehe oben!), und er macht in der Woche ein Mehrfaches von ihrem Verdienst. Eine Schieflage, wie wir finden, und besonders schlimm in Touristengegenden.
Wir wandern durch die Stadt, erleben mehrfach „no hay“, vornehmlich in den staatlichen Restaurants, wo es dann kein Trinkwasser gibt (und auf dem Klo wird auch gespart…), ganz zu schweigen von Angeboten von der Speisenkarte – ein Eis zum Kaffee? No hay helado – das ist dann im ehemals beste Hotel. Dabei ist es auf der Terrasse des Gran Hotel Inglaterra lustig (wenn auch nicht „hübsch“), eine etwas ältere Sonero-Gruppe macht Musik, die Passanten gehen hüftschwenkend vorbei, zwei kleine deutsche Kindergartenmädchen tanzen zur Musik. Der Kaffee läuft unter „geht so“ . Wir sagen zu solchen Etablissements schon nach Kurzem „Gaviota, oder?“ Gaviota ist die staatliche Tourismusagentur, deren Geschäftsführung Raúl dem Militär überantwortet hat, die haben ja Erfahrung in schlichter Ernährung und strikter Regulation. Der privatwirtschaftliche Witz ist, dass wir gleich ums Eck von unserem Zimmer auf der Calle Aguiar in einem der baufälligen Häuser das „Helad’Oro“ finden, ein Eisladen mit so gutem Eis wie schon lange nicht mehr gegessen. Dieses Erdbeereis! Was fragt sich der aufmerksame Gast?  Wo kommen bloß die Erdbeeren her?! (Und die Sahne und all die anderen Ingredienzien). Die Bude ist dementsprechend dauernd voll, vornehmlich mit Kubanern, bei denen die CUC etwas reichlicher fließen. Ein wirklich schönes Eis – für die allermeisten aus der Nachbarschaft allerdings eines: unerschwinglich. Wer sich etwas leisten kann, braucht Nebeneinnahmen, und neben privaten Nebenjobs (siehe Zimmervermietung) kommen viele davon als Überweisung von Auslandskubanern. Dazu gibt es einen Scherz: man braucht „fé“. Den Glauben? Das vielleicht auch, aber im Wesentlichen „Familia Extranjera“ – Familie im Ausland.
Je weiter man in der Altsadt nach Süden vordringt, umso augenfälliger wird die Diskrepanz zwischen Luxusläden (hehe! Montblanc-Füller gefällig?) und einer Bausubstanz, die man schon gar nicht mehr als solche bezeichnen kann. Es ist mir geradezu peinlich, als ich die Kamera auf einen Fenstersims richte, unter dem der Farn hervorwuchert – und im selben Moment ein Bewohner herausschaut. Ich würde diesen neugierigen Touristen was… Einen Abend sitzen wir einem kleinen Restaurant auf  dem Balkon, bekommen leckeres Essen serviert und schweben über den Massen, die sich auf eines  bzw. das Saufloch von Hemingway zubewegen – und auf dem gegenüberliegenden Balkon sitzt eine Bewohnerin, die sich niemals einen Besuch in der (überteuerten) „Bodega del Medio“ leisten kann, und die auch nicht den Blick von unseren Maissuppentassen wenden kann. Fisch mit Bohnen und Reis (ja, klaro, al cubano nicht wirklich „fancy“). Zum Nachtisch Käse mit Guavenmarmelade und Espresso. Lecker war’s – aber die Zuschauerin führt uns unseren unverschämten Reichtum vor Augen.

Was zu dem dämlichen Embargo führt. Es ist nicht alles „Gold“ in Kuba, fürwahr. Menschenrechte werden missachtet, Pressefreiheit existiert nicht, Dissidenten werden verfolgt. Haben wir aber auch in anderen Ländern, oder? Uns beschäftigt das Thema jetzt seit Wochen, denn das Handelsembargo, das da seit 60 Jahren aufrecht erhalten wird, trägt wesentlich zur Verschlechterung der Lage bei. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, medizinischen Hilfsmitteln oder Diagnosegeräten wird planmäßig behindert oder unterbunden, andere Importe ebenso. Fast die gesamte UN ist für die Aufhebung des Embargos, nur ein Mitglied nicht, im Gegenteil, Erleichterungen werden wieder rückgängig gemacht, für „mehr Demokratie“. Ziemlich undemokratisch. Gnadenlos.
Drum fahren wir nochmal hin, nach Havanna. Vielleicht lernen wir noch mehr.

Gruß vom Cabo de San Antonio, 250 Meilen nach der letzten Internetstation (immerhin!)

Die Sache mit dem Mehl

Cienfuegos

Cienfuegos, 14.4.2019 (harr, harr – heute ist Ostersonntag, der 21.4. …)

El Ché und El Benny – Revolution und Musik überall

Ein bisschen Geduld braucht es schon hier in CIenfuegos. Und Geduld mit dem Internet! Das geht nämlich so: man kauft sich eine Wertkarte über 1 Stunde (oder besser gleich mehrere, sofern…), sucht sich einen Hotspot (die sind so selten, dass sie in den Stadtkarten eingetragen sind!) und loggt sich ein. Wenn das Netz bröckelig ist, dann passiert es schon mal, dass man sich nicht ausloggen kann und dann tickt die Wertkartenuhr, ohne dass man davon nutznießen könnte. Drum sind auch 5-Stunden-Karten nicht gar so günstig. 1 Stunde kostet 1 CUC, das ist ungefähr 0,8€ –  aber auch die Karten zu kreigen ist ein Abenteuer mit gelegentlicher „no hay tarjeta“-Enttäuschung. Bis morgen, oder übermorgen oder so. Dann heißt es eine freundlich gesonnene Hotelrezeption zu finden, die Karten bevorratet. Mal mehr (zwischen “ woll’n se 5 oder 10?“ und „… na gut, weil Sie so nett sind – ich zwacke eine ab!“). Der Betreiber heißt ETECSA, hat ein Hauptbüro in der Stadt, das gerade renoviert wird („Geschlossen bis auf Weiteres!“), einen Kiosk in unserer Nähe, dem gern mal der Strom ausgeht und der daraufhin schließt und ein Büro im Busbahnhof. Das war eine weitere Begegnung mit solzialistischer Reglementierung: in diesem Glaskubus ist Platz für mindestens 5 Kunden, aber man wird dennoch vor die Tür gewiesen, damit man die Meldung „no hay hasta manana!“ einzeln empfangen kann. Cubanisimo, wie man sagen möchte (also, um gleich allen den WInd aus den Segeln zu nehmen, wir finden es hier schön!).
Ach ja. Kuba. Mal wieder so ein Land, wo man sich überlegen muss, wieviel Verwirrung man/frau zulassen möchte (ich habe gerade begleitend Oliver Stones Buch über den US-Imperialismus gelesen, passt wie Faust auf’s Auge…). Fangen wir in Jamaika an:
Die letzten entspannten Tage in Ocho Rios gingen zwischen Entspannung pur (Wasserfallklettern an den Dunn’s River Falls!) und der spannenden Frage dahin, was man denn tunlichst mit nach Kuba schleppt. Ocho Rios ist nicht das Einkaufsparadies, obwohl es schon ein bisschen bessere Supermärkte bietet als Port Antonio, also gestaltet sich die Auswahl schwierig und ist ohnehin nur in mehreren Gängen zu verschiedenen Supermärkten zu bewältigen. Wir haben halt unsere Rentner-Riten, also muss es „irgendwie“ was Wurstiges geben. Oder so.
Wie sich jetzt herausstellt, sind wir aber gut gerüstet, noch haben wir von der kubanischen Mangelwirtschaft nur ein paar Mangos und Tomaten abgezweigt, und selbst das fühlt sich seltsam an. Die Markthalle in Cienfuegos – zumindest am Sonnabend ein rechtes Trauerspiel. „Trauerspiel mit Auberginen“ muss man anmerken.

Begeistert und mit fliegenden Ohren: Bob, der Drogenhund

Chronologisch: Mittwochs früh in Jamaika losgesegelt, waren wir Freitagmittag in Cienfuegos –  total freundliches Willkommen, wir werden gleich ans Tankdock gelotst, damit die Cubanos tun können, was sie müssen; wir waren gespannt. Zunächst einmal kommt der Mann im Kittel, el doctor, der ein bisschen Papierkram mit uns erledigt (das Übliche: Ratten, blinde Passagiere, Tote oder Schwerkranke an Bord? ). Dann schießt er auf unsere Stirn und misst die Oberflächentemperatur. Kein Fieber. Die gelbe Flagge kann runter. Vertrag mit der Marina machen –  auch für den Ankerplatz muss bezahlt werden, noch wichtiger: wir müssen einfach registriert werden.  Besuch im kleinen Zollbüro mit dem Riesen-Gepäckröntgengerät – der Diensthabende hat 86/87 ein Jahr an der „Universidad de Carlos Marx“ in Berlin studiert, ist aber des Deutschen nur sehr peripher mächtig. Er freut sich auf häufige Besuche durch uns – wer in der Marina, oder, wie wir, vor Anker liegt, muss jeden doofen Rucksack röntgen lassen – die Handhabung stellt sich aber später als eher lax heraus, sofern nicht diensteifrige Jungzöllnerinnen das Heft in der Hand haben. Abschließend die Immigration in Kombination mit eingehender Befragung zu mitgeführten Elektronik- und Frischwaren (nebst Einweckgläsern…) Und als krönender Abschluss… Bob!  Bob ist ein Toy Spaniel und dient in der Marina Marlin als Drogenhund. Was für ein Schauspiel! Wir denken, dass es ihm auch Spaß gemacht hat, in die Grifflöcher unserer Bodenbretter zu schniefen und einen tiefen Atemzug zu nehmen (ums griffloch bleibt immer eine feuchte Sabberspur). Urteil: riecht gut, aber… Mist! Leider keine Aussicht auf ein Belohnungswürstchen. Er wetzt noch einmal los, da muss doch was zu finden sein! Nein? Wo soll ich noch gucken? An Deck? Achterkammer? Was, schon fertig? Langweiliges Schiff… Alles in allem easy, und dank Bob ein rechter Spaß. Wir werden noch vergattert, das Dinghy nur am Dinghysteg anzubinden und auf keinen Fall damit in die Stadt zu fahren oder sonstwie frei schwenkend unterwegs zu sein. Auch wer andere Schiffe besuchen will, sollte „Bescheid“ sagen. Kontrolle muss sein!

Abends treffen wir auf einen Katamaran, den wir schon im vergangenen Jahr in Martinique gesehen haben. „Treib(t) gut“ heißt er, und zum ersten Mal ahnen wir, was kubanische Wirtschaft antreibt. Oder wen oder was sie ausbremst. Adel, die Schifferin, braucht Mehl, das sie vor ein paar Monaten in Puerto Rico nicht besorgt hatte. Mehl? Mehl geht an die Bäckereien, Großküchen oder an privilegierte Hotelbetriebe – im Supermarkt totale Fehlanzeige. Wobei… Supermärkte. Super aufgräumt und super übersichtlich: 5 m grüne Bohnen im Glas, 5 m Haferflocken, 5 m braune Bohnen, 5 m schwarze Bohnen, plus ein bisschen Reis. Wer Kuba anläuft, sollte gut vorbereitet sein. Weil wir aus Jamaika noch ein „man weiß ja nie“-Extrakontingent Weizenmehl mitgebracht hatten, konnten wir bei „Treib(t) gut“ aushelfen – die Suchaktion jedenfalls war denk- bis merkwürdig, denn irgendwie zeigte, wenn überhaupt, alles auf „dunkle Kanäle“. Und eines wurde bei allen Stadtgängen klar: für Brot hat man anzustehen. Und für Kerosin… und so fort. Sonnabendnachmittag in Cienfuegos: eine lange Schlange vor einem der größeren Läden – neugierig werfen wir einen Blick auf offensichtlich begehrte Ware. Öl. Schlichtes Öl zum Kochen. Hast Du einen Beutel dabei? Nein? Großer Fehler in Kuba (und, wie der Eigner nicht müde wird zu betonen, wie damals, vor 89…).

Alte Zuckerherren-Pracht

Ein paar Tage später lassen wir AKKA allein am Ankerplatz –  was zunächst nicht so einfach zu sein scheint. Die Regel heißt: nicht länger als zwei Tage unbesetzt, die genauere Nachfrage ergibt: „… am dritten Tag wieder hier!“. Das klingt gut! Wir laufen in die Stadt (laanger Malecón, und je weiter man in die Stadt kommt umso auffälliger wird der Duft des Wassers… ganz Cienfuegos kackt hier in die Lagune!). Wir buchen Plätze für den Bus  nach Trinidad, und am

Motorradreparatur im Wohnzimmer

nächsten Tag in der Früh geht es los. Schnell noch bei der Marina und beim Immigration Officer „Bescheid“ rufen, wir sind ja nicht nur brave Staatsbürger, sondern auch nette Gäste. Nee, sagt die Diensthabende, das Schiff allein lassen? Das geht nicht. Oder, naja… „ist aber Ihre alleinige Verantwortung!“. Das versteht sich eigentlich von selbst, denken wir, aber in einem „alles unter Kontrolle“-Land alles andere als das. Dann noch der Immigration-Mann. Nee, sagt der, geht überhaupt nicht! Gar nicht? Das steht im krassen Gegensatz zur Aussage des Kollegen, dass man am dritten Tag… „… dann kommen Sie doch ans Dock, dann vielleicht!“ Kein Platz und sowieso zu spät, Senhor, der Bus, der Bus!  „… dann sagen Sie wenigstens in der Marina „Bescheid“!“ Genau, dachten wir doch, dass unser Ausflug auf voller Linie so genehmigungspflichtig wie ausnahmegenehmigungsfähig ist. Und hopsen auf den Bus, Anfahrt mit dem Mopedtaxi à la TukTuk.

2 Stunden später ist Ankunft in Trinidad, dem ehemaligen Metropölchen der Zuckerbarone, in der sich viele Touristen stapeln. Es gießt in dicken Strömen, augenscheinlich nicht nur ein temporäres Wetterphänomen, sondern auch ein topografisch bedingtes – an den Bergen im Hinterland fangen sich die Wolken, und die Anzahl der mitgeführten Regenschirme zeigt die Regenhäufigkeit ebenso an wie die Anlage der Straßen des Städtchens: die grobe Pflasterung ist konkav, so dass in der Straßenmitte ein fetter Bach bergab läuft. Den wir überwinden, um uns vor dem benachbarten Haus unterzustellen. „… wollt Ihr hier schlafen?  Kommt rein!“ Zack, Zimmer schon gefunden, das war ja einfach, übrigens ist es ein Zimmer mit Dusche, Dachterrasse und 2 Regenschirmen! „Particular“ natürlich – das private Vermieten von Zimmern wurde nach der großen Wirtschaftskrise, die der Zusammenbruch des Ostblocks und seiner Absatzmärkte verursachte, peu à peu erlaubt, und davon wird reichlich Gebrauch gemacht –  zumindest in Trinidads „casco viejo“, der Altsadt, hat fast jedes Haus das merkwürdige, blaue Zeichen für „Arendador Divisa“. Rote gibt es auch – das sind die Unterkünfte, die man in CUP bezahlen müsste, dem Peso Cubano, auch als „moneda national“ bezeichnet, aber wir internationalen Gäste bezahlen alles ein bisschen teurer mit CUC, dem „Peso Convertible“. Recht so. Sie haben es wirklich nötig, die Kubaner. Und auch verdient.
Gegen CUC bekommen wir im „Ché Tango“  ein kleines, spätes Mittagessen. Der Ché, der Ché… In diesem Lokal ist zu Ehren seines Geburtslandes die argentinische Flagge aufgehängt, während man in Kuba ansonsten denken könnte, dass dieser allgegenwärtige junge Mann, Milizführer, Guerrillero Commandante der Armee, Chef der Nationalbank, Wirtschaftsminister, kurz: Volksheld und Märtyrer der Revolución ein Kubaner sei. El Ché, un caballero sin tacha y sin miedo, ohne Tadel, ohne Angst. Er ist einfach überall und öfter zu sehen als Fidel – ist ja auch eindeutig knackiger anzuschauen, und so kauft tourist sich unweigerlich ein schickes Ché-T-Shirt, mindestens (siehe Jamaika, Personenkult um Bob M. ).
Wir laufen dagegen Slalom um die Souvenirshops in Trinidad, schauen alte Zuckerpflanzerpracht an, lungern auf der Treppe an der Casa de Música herum, die aber dank Regen keine Musik bietet; dafür kehren wir im Café Don Pedro ein (auch „particular“, was im Gastronomiefall die Bezeichnung „paladar“ hat und meist im krassen Gegensatz zu den Angeboten in den staatlichen Betrieben steht…) und schnacken lang und breit mit zwei jungen Britinnen über der Brexit (Tenor: auch wenn viele dafür sind, bringt ein zweites Referendum nichts, weil die Leute noch so doof und uninformiert sind wie beim ersten…). Wenn Reisen nicht bildet, dann macht es unweigerlich interessante Gespräche: schon auf der Herfahrt war es heiß hergegangen, denn da war meine Sitznachbarin eine Uni-Professorin aus Floreanopolis und natürlich eingschworene Bolsonaro-Gegnerin.
Den zweiten Trinidad-Tag verbringen wir dann da, wo normal Reisende nicht hingehen (steht halt nicht im Reiseführer…): Trinidad „normal“, und das ist fast noch schöner als der alte Ortskern, da lebendig und interessant. Um zu schauen, was es in den Läden gibt, und das ist sehr, sehr wenig, das meiste auf „libreta“, Rationierungsheftchen. Die Rationen werden (noch) mit dem Gießkannenprinzip an alle verteilt, aber man überlegt, die Privilegierteren (siehe oben, particulares und paladares) auszusparen. Zu den rationierten Dingen gehören u.a. bestimmte Reissorten, bestimmte Bohnensorten, das Kerosin – und natürlich Streichhölzer (womit soll man sonst seine „purro“ anzünden?). Ach, und so vieles mehr. Und Mehl gibt es auch hier nicht, das war ja klar. In Cienfuegos waren mir tiefgefrorene brasilianische Hühnchen aufgefallen – ob Sr. Bolso jetzt groß ins Embargogeschäft einsteigt und die Hühncheneinfuhr stoppt, der alte Solzialistenhasser? Viele Dinge werden von Mini-Geschäften angeboten, entweder aus dem Wohnzimmer heraus oder auch nur 3 Möhren nebst einem Eierkarton an der Straßenecke. Ach ja… und die Wohnzimmer! Ganz prima Ort, um seine uralte russische URAL-Maschine wieder in Schuss zu bringen (fällt unter: interessante Gespräche). Eines ist sicher: bei dieser knappen Ersatzteillage wird alles pfleglich behandelt – wie sonst könnten derartig viele Autos aus den 50ern hier noch herumgurken; wobei es eindeutig ist, dass es vielen Kubanern lieb wäre, auf moderne Technik zurückzugreifen. Ich finde allerdings die Pferde-Taxis ganz charmant und irgendwie auch ganz nachhaltig.
Zum Abschluss von Trinidad noch zwei Museen: die Villa eines Zuckerbarons (prächtig. prächtig, obwohl ich selbst so viel Porzellannippes nicht herumstehen haben möchte, und ich brauche auch keine 3 Rauch-Salons) und eine interessante, ganz systemkonforme Ausstellung zum Kampf der Kubaner gegen die von der CIA geförderten Konterrevolutionäre aus den 70er Jahren, die in den Bergen um Trinidad ihr Unwesen trieben – und auch da waren die Kubaner ganz schön erfolgreich, dafür mag ich sie besonders).
Das war dann viel abzuspeichern und zu grübeln für den Heimweg.

Und weil es so schwierig ist, ümfassend über Kuba zu schreiben, verspreche ich den Bericht über unseren Besuch in La Habana für „später“!
Ich geben Ihnen mein Ehrenwort (Anleihe bei Uwe B.)

Yah, mon!

Tja, ja… One love, one heart

Ocho Rios, 29.3.2019

Ein historischer Tag!  Die Briten treten aus! Oder nicht… oder doch… oder nur ein bisschen oder vielleicht doch, aber ohne Deal. Oder so. Gerade schickt mir die ZEIT auf Facebook die Eilmeldung, dass das Parlament den Deal abgelehnt hat, aber noch scheint nicht aller Abstimmungen Abend zu sein..
Für uns läuft heute ein historischer (hysterischer, siehe unten) Nordschwell in die Bucht von Ocho Rios. Ach, wie kuschelig wäre es jetzt in der Marina in Port Antonio! Ja, das haben wir genossen! George, der Manager, bot schon den Kauf eines Grundstückes an, aber wie kann man einer täglichen heißen Dusche widerstehen –  dazu mit richtigem Wasserdruck?! Wann gab es das zuletzt? In KAPSTADT, anno 2016. Aber seit einer knappen Woche sind wir in Ocho Rios. Urteil: ist in Ordnung!
Was den Schwell betrifft: fast eine Woche war es hier ententeichmäßig, Ochi, wie es genannt wird, ist auch recht windgeschützt. Als wir gestern Abend vom Tagesausflug nach Montego Bay zurückkamen, sahen wir AKKA allerdings schon von Weitem tanzen. ui, ui, ui… Schlechtes Wetter in Jamaika! Und dann kommt man an Bord, im Cockpit alles nass (geregnet), und es regnet immer noch. Schnell die Biminituch-Seitenteile einhängen, was bedeutet, dass man und frau richtig schön nass werden. Drinnen wandert ein Glas Sauerkraut, eigentlich auf dem Weg ins Schapp, glücklicherweise unversehrt zwischen Salontisch und Sofakante. In der Pantry hat sich das Brot von der Ablage ins Spülbecken gestürzt, und, weil AKKA so schön und tief von einer zur anderen Seite schaukelt, saugt die Spüle Seewasser an. „… das schöne Brot! Mein schöner Roggenmehlvorrat“ kreischt die Schipperin und pfeffert es entnervt ins Cockpit. I am sorry, lieber Eigner! Der rettet derweil an Brot, was zu retten ist und gibt mir großzügig ein trockenes Kissen von seinem „Prinz auf der Erbse“ Polsterberg. Allerdings nur schein-trocken – zwei nasse Buxen in 30 Minuten, das ist Grund genug, sich entnervt in die Koje zu hauen und die Nacht mit Roll- und Verkeilübungen zu verbringen. So ist das Leben!

Das Leben hat aber auch noch andere Dinge zu bieten. Port Antonio war schön und „Jamaika pur“. Das heißt zum Beispiel: Ausflug nach Kingston, man, vor allem frau muss ja Bob Marley seine Ehre erweisen. Ich will niemanden mit neuen Geschichten von stets gleichen Busfahrten langweilen, aber dass wir die 3 Stunden über Stock und Stein (Port Antonio liegt an Arm der jamaikanischen Welt, das heißt, jenseits der Blauen Berge) auf den Notsitzen im Mittelgang verweilen, darf nicht unerwähnt bleiben. Auch nicht, dass es üblich ist, die vorgesehenen 3 Plätze pro Reihe auf mindestens 5 zu erweitern. Mein Nachbar ist ein stiller, asketischer Mensch, der mir in den Kurven seine Hüftknochen in die Seite bohrt. Bei Andreas bohrt nichts, die benachbarte Dame ist ausreichend beleibt, das macht die Sitzsituation weicher, aber eben auch enger. Lustig: auf der Rückfahrt erwischen wir einen Bus so frühzeitig, dass wir zwei nebeneinanderliegende Plätze in der letzten Reihe bekommen, und diese ist voll, zumindest so lange, bis eine junge Dame völlig selbstverständlich auf uns zusteuert und bedeutet, wir sollen mal ein Stück rücken. Wer sagt’s denn – es passt immer noch jemand dazwischen!
Kingston war leider verregnet und das Bob Marley-Museum ein elendes Stück Fußweg entlang einer Ausfallstraße entfernt. Immerhin gelangt man so in eines der besseren Viertel, vorbei am Devon House, das der erste schwarze Millionär der Jamaikaner sich Ende des 19. Jahrhunderts bauen ließ; sonst ist die Hope Road aber eine eher weiße Gegend. Was auch Bob Marley, als er sein Anwesen zwischen Devon House und Gouverneurspalast kaufte, zu kommentieren wusste: „I bring the ghetto uptown!“ Ist ihm sicher auch gelungen, wir hören zur Einstimmung einen seiner alten Perkussionisten demo-trommeln, unter dem Baum, wo die Rasta-Familie sich zum „Spliff“ (=Joint, Tröte…) zu sammeln pflegte, und dem so prächtig zusprach, dass die Nachbarn die Polizei holten. Total unverständlich – Passivrauchen ist doch in diesem Umfeld so angenehm. Heute übrigens ist das mit dem Marihuana anders auf Jamaika – es ist zwar so legal nicht, wie uns die Straßenverkäufer in Port Antonio beteuerten, aber immerhin darf man eine kleine Menge besitzen, man darf sich das Zeug auch vom Arzt verschreiben lassen (gute Idee, wirklich!) und die Rasta, also die, die dieser Religionsrichtung aufrichtig anhängen, dürfen immer und so viel sie möchten konsumieren. Sakrament und Meditationshilfe nennt sich das dann. Es gibt allerdings auch Sakrament und Meditationshilfe in Brownies eingebacken. Für Touristen.
Nun gut – so richtig habe ich das mit dem Rastafarianism noch nicht verstanden und der Besuch im Bob-Marley-Museum hat mich eher noch ein bisschen mehr Distanz einnehmen lassen. Spirituell-Religiöses ist mir zunehmend fremd, da helfen auch Einblicke in solche Welten wenig. Rasta ist eben nicht nur Dreadlocks & Reggae. Rasta ist alles Mögliche: eine gesunde Ernährung (überwiegend vegetarisch mit einigen alttestamentlichen Anklängen), naturnahe Lebensweise, dazu Patriarchat vom (un)Feinsten und … der Redemption Song. Sehr eingängig – ich brauche nur dran zu denken oder drüber zu schreiben, schon habe ich einen Ohrwurm. Meine Lieblingszeile war schon immer „…emancipate yourself from mental slavery, none but ourselves can free our minds…“ sofort gefolgt vom großen Fragezeichen „…have no fear for atomic energy ‚cause none of them can change the time..“ . Merkwürdig fand ich das schon immer – eine der Theorien dazu ist, dass Marley sich hier als, wie man heute sagen würde, Influencer betätigt und General Electric ihm die Strophe bezahlt hat. So richtig „natürlich“ und „ital“ kann der Umgang mit Atomenergie jedenfalls nicht sein. Auch Marleys Todesursache ist ziemlich „rasta“ –  chirurgische Behandlungsweisen entsprechen nicht der  „ital“-Lebensweise; wer es streng nimmt, lässt sich also ein Melanom nicht entfernen. Schlecht. Das alles kommt natürlich im Museum nicht zur Sprache – wir kriegen tolle Bilder zu sehen von einem Mythos. Reggaemusiker, Sportler, Familienvater, Frauen, „2nd-sexiest black man of our times“, gigantische Zuschauermengen. Die Projektileinschläge aus dem Attentat 1976. Sein Exil-Landrover aus London. Nicht zuletzt die Konterfeis der Kinder, die sein Erbe weiterführen. Musik gibt es leider nur häppchenweise (und wir mussten selber singen, na so was!  Buffalo Soldier…), das ist bestimmt marketingbedingt, denn am Ende von Marley-Disney wird man durch den Shop geschleust. 
Der abschließende Film, auf den ich mich eigentlich gefreut hatte, ist schwierig zu verstehen, die Sprache ziemlich „rasta“, grammatikalisch und phonetisch. Zum Beispiel:  „I and I“ sind nicht „wir“, wie man denken könnte, sondern das Ich und der innewohnende Gott. Hm. „I and I were taken to prison!“ „Ital“ wird als Rastafizierung von „vital“ interpretiert, die ersten Silben werden im Rastadialekt gern verschluckt, zum Beispiel das „h“ – das dann ganz unerwartet an anderer Stelle auftaucht, nämlich wenn Rasta versuchen, Hochenglisch zu sprechen. „H-Andrea“. Eine gewitzte Konstruktion ist das Wort für die – nicht erlaubte – Zigarette: blindarette; eine kühne Wandlung von cigarette über see-garette. Yah ist alles Mögliche. Aber „jah“, das ist Jehova… Und so fort.   
Umso gespannter war ich eigentlich, beim Tagesbesuch in Montego Bay (aka Mo’Bay) einen Besuch im Rastafarian Village zu machen, aber mal abgesehen davon, dass die Busfahrt auch hier wieder ziemlich lang war, hätten sich die AKKAnauten vorher dort  anmelden müssen, das war also nichts.
Daher Städtetour. Mo’Bay war so „Jamaika“ wie auch Ocho Rios es ist: man muss über die – in Port Antonio nicht existierenden – Touristenghettos und die angeschlossenen Belustigungseinrichtungen (Dolphin Show, Jewellery und überall die gleichen rot-gold-grüne Flatterkleider und Häkelmützen) hinausschauen, dann wird es spannend und sehenswert. Die Märkte, zum Beispiel. Bis dahin dringen die – festhalten! –  bis zu 6000 Kreuzfahrttouristen täglich nicht vor, und die fahren auch nicht mit dem Bus. In Mo’Bay gab es für den entgangenen Rasta-Village-Besuch aber eine Entschädigung im Kulturzentrum –  neben einer eindrücklichen Ausstellung zur Entwicklung der jamaikanischen Wirtschaft (dank Sklavenhaltung) auch ein sehr gut gemachter Raum zu… yah, mon! Rastafarianism! Hier mit besonderer Betonung auf die Gründung (in den 1930ern), viel Haile Selassie (der wiedergekehrte Messias. Was vom  Rasta-Seitenarm „12 Stämme Israels“ wiederum bestritten wird, die warten auf „Yashua“ bzw. Yesus Kritos…). Eine beeindruckende Dokumentation des „Bad Friday“, an dem sich 1963 lange aufgestaute Aggressionen gegen Rasta entluden, die in Gewälttätigkeit und langfristige Verachtung mündeten. An dieser Stelle ist sicher nicht zu unterschätzen, was der erst in den frühen 70ern konvertierte Bob Marley für die Anerkennung der Religion geschafft hat. Aber ich denke auch, besonders hoch ist das Ansehen der Rasta noch heute nicht, auch wenn man ihnen  – siehe Marihuana – ein paar Privilegien einräumt. Sie selbst sehen das (dank Marihuana?!) eigentlich gelassen. Unser Fahrer aus Port Antonio, Geoff, meinte in einem Nebensatz: „… die sind schon ziemlich regierungskritisch“. Dabei wollen sie – siehe Marley, ausgenommen vielleicht sein Engagement in Zimbabwe – mit Politik nichts am Hut haben, man könnte sagen: sie sind obrigkeitskritisch und wollen einfach in Ruhe gelassen werden. Ob ihnen gefällt, dass sich Leute in aller Welt ohne Ansehen der Hintergründe Rasta-Mützen aufsetzen und Dreadlocks züchten?
Nach dem Marley-Museumskult in Kingston haben wir jedenfalls in MoBay etwas gelernt zur Verfolgung von Gemeinschaften, die ein bisschen „anders“ sind. Sehenswert.

Yah Mon!

Demnächst dann: Kuba!

PS: heute keine Bilder, warum auch immer…

Rasta!

Hibiskus und Blue Mountains

Port Antonio, 14.3.2019

„Rasta!“ ruft Geoff aus dem Autofenster. Geoff ist unser Fahrer, und wir, das sind die AKKAnauten plus Judy und Thorben, die Tivolis aus Kalifornien. Die Fahrt kam lustig zustande, denn Geoff kam am Ankunftstag zu uns an Bord – als Wasserschutzpolizist. Ob die Aktion nun lediglich der Kundenanwerbung dient oder tatsächlich dienstlich bedingt ist, haben wir nicht geklärt – ist ja auch egal; gelegentlich tritt Geoff auf dem Ponton mit schussicherer Weste auf. Nach Eintrag ins WaSchPo-Buch kommen wir rasch auf „… am Mittwoch fahre ich mit Tivoli in die Blue Mountains – wollt Ihr mit?“  Klar wollen wir, Blue Mountains, da riecht man den Kaffee schon jetzt meilenweit!

Per WA wird der Termin festgeklopft (WhatsApp zieht Kreise!), und so finden wir uns vor der Polizeistation ein, die AKKAnauten erst einmal vor der Stadtpolizei, es war allerdings die Marinepolizei gemeint. Wir klettern in Geoffs alten Japaner, ist ja ein Fünfsitzer, so eine Karre. Dass ich unterwegs öfter mal anbieten werde auszusteigen, wenn wir das Durchschlagen der Achse oder Auspuffschaben verhindern wollen, ist vernachlässigbar. Geht auch so. Geoff grinst sich eins – er spart auf ein neues Auto, ein richtiges SUV, das lohnt sich bei einer Familiengröße von 6 Personen natürlich auch, und SUV… doch, das geben wir zu, ist hier im Nordosten von Jamaika nicht das Schlechteste. Erst geht es die Küstenstraße entlang, aber spätestens, wenn man Buff Bay hinter sich gelassen hat, wird es holperig. 1 1/2 Spuren, unbefestigt oder ehemals befestigt. Und kurvig! Der Eigner sagt: „…reichlich Stellen, an denen man nicht falsch abbiegen möchte!“ Tief geht’s runter… Streckenweise will die Hupe nicht stillstehen, denn Gegenkommer müssen ja gewarnt werden. Natürlich kann Geoff, als uns ein nicht hupender Gegenkommer von Fenster zu Fenster anraunzt, mit dieser Fuhre weißer Touristen im Fond schlecht den Polizisten herauskehren und lässt dessen arrogante Ansprache freundlich an sich abtropfen. „…einer von den Kaffeeplantagenbesitzern, denen gehört die Welt…“ lacht er, als es weitergeht.  Geoff ist eine ziemliche Nummer. Er lässt sich was einfallen, um das Salär aufzubessern: Passangelegenheiten? Einwanderungsfragen? Flugtickets? Geoff regelt, besorgt, kann alles. Und eben auch Touri-Touren. Wir bekommen Jamaika-Geschichten geliefert, über Drogen und Narkotika udn anderes aus der Polizeiwelt, Parteienzwist  -wir haben heute eine kleine Nachwahl zu erleiden, es herrscht Straßenkampf. Per Lautsprecherwagen – Überbevölkerung, Erziehungspolitik.

Rasta Barista

Wir schrauben uns höher, um umso tiefer zu blicken. Besuch bei einem Kaffeefarmer mit Rundgang durch den „Kaffeegarten“. Die Kleinfarmer sind auf Kooperativen angewiesen, denn der Verkauf funktioniert nur ab einer bestimmten Erntemenge, die so ein Gärtchen nicht erreicht; ich glaube, unter einer Tonne geht nichts, und doch landet vieles vom guten Kaffee bei den großen „blendern“ à la Nestlé – dafür tut uns aber die Kaffeeverkostung in 1600 m Höhe gut, frisch vom Strauch bzw. aus dem Pott, denn auf dem offenen Holzfeuer röstet die nächste Kaffeeladung. Schöner Einblick! Schöner Ausblick!

Hier wird geröstet!

Kaffeeverkostung

Anschließend gibt es eine Wanderung im Nationalpark – und ich befleißige mich des Plastiksammelns. Mensch, Leute… hört doch mal mit dem Scheiß auf! Was sucht eine Styropor-Fastfoodbox da oben im Wald? Nebst Flaschen und Chipstüten. Man fasst es nicht, aber trotzdem ist so eine Portion Waldbergluft eine Wohltat.

Blue Mountains

Wir wandern und quatschen, und das dauert so lange, dass wir den Programmpunkt „bis 14:00 Uhr in Kingston“ auf „an einem anderen Tag“ verschieben. Um 14 Uhr ist nämlich die letzte Führung im Bob Marley-Museum, zu dem Zeitpunkt sitzen wir noch immer in frischer Bergluft und genießen ein nettes Mittagessen. Und lachen uns schief – Geoff ist wohl das, was man einen heiklen Esser nennt. Das Restaurant ist eher „nette internationale Küche“, Sandwiches, Paninis, Salate und in den Hauptgerichten leicht currylastig, aber Geoff fragt ungnädig: „… gibt es nichts Jamaikanisches?“ Die Bedienung ist genervt. „… we are not a jerk centre!“ . Jerk ist eine typische, nein, die jamaikanische Gewürzmischung, die einem an jeder Ecke entgegenweht – Zimt, Pfeffer, Knoblauch, Chili, Piment, Ingwer – jede Hausfrau hat ihre eigene Mischung. Schnell löst sich die Strenge in Besorgnis auf „… was isst Du denn überhaupt?“ Was, kein Gemüse? Keinen Salat? Kein Schwein, kein Rind?  Ja was denn?  Reis mit Bohnen… und vor allem Makrele aus der Dose! Zwar lässt sich Geoffs „I live on Grace!“ mit „ich lebe von der Gnade“ übersetzen, aber GRACE ist der große jamaikanische Dosenfutterhersteller.  Witzbold. Dafür sieht Geoff ziemlich fit aus, und er ist großzügig genug, dass seine Kinder essen dürfen, was sie wollen.

Handcart mit Kokosnüssen

Und dann geht es auf dem gleichen Weg wieder zurück. Kirchgänger überall. Es ist Aschermittwoch, Jamaika hat zwar keinen Karneval, aber der Aschermittwoch ist Feiertag. Wir wühlen uns durch ein dörfliches Reggaefest, von Aschermittwochsdemut ist schon keine Spur mehr, es geht laut und lustig zu. Ja, ja, der Jamaikaner trinkt mehr Rum als Bier…. „Rasta!“ grüßt Geoff aus dem Fenster. Eine der Rastlockenmützenträger verkauft uns gekühlte Kokosnüsse

Hinterachse – man beachte die schlaue Bremse

– und der Eigner entwickelt eine Leidenschaft für dessen Fahrzeugtyp, den „handcart“.  Stopp an der Polizeistation in Buff Bay –  Geoff muss noch einen Pass und ein Ticket für eine Reisende deponieren, die am Folgetag nach Trinidad fliegt, dazu wird (auch in den Kurven) gern das Smartphone geschwungen und lautstark arrangiert. Was eben so ein viel beschäftigter Polizist alles zu verabreden hat. Noch ein paar Mal „rasta!“ und wir sind wir zurück. Klasse Tag.

Das Mahlzeitintermezzo und das ganze Gelächter über das Essen und die Esserei hat übrigens einen Nachgang, denn am nächsten Morgen kommt die Polizei, mit dem großen Dienstboot. Und zwei Styroporboxen. Frühstück! Geoff hat uns Ackee & Saltfish besorgt. Ackee, die Nationalfrucht der Jamaikaner, gekocht mit Salzfisch, dazu Kochbanane. Ja. Kann man essen. Bisschen fischig – ich steh‘ mehr auf Jerk. Rasta!

Hühnerwahn

Port Antonio/Jamaika, 5.3.2019

Fühlt sich nett an, mal wieder in einer Marina zu liegen: Erroll Flynn-Marina nennt sich die, und man muss sie anlaufen, wenn man in Port Antonio einklarieren will. Auf Funk meldet sich zwar niemand, aber in der Annäherung sieht man einen dunklen Herrn im Blaumann auf dem Steg gestikulieren: „… hintenrum!“. Machen wir. Anleger suutsche und damit sind wir da – eine Premiere seit Südafrika 2015: erstmalig wieder „Neuland“. Jamaika. Bob-Marley-Land (und Usain-Bolt-Land, nicht zu vergessen).

Jetzt ist es früh am Morgen, glücklicherweise sind wir in der Zeitzone von Havanna/Bogota angekommen, wo die Uhren wieder normal ticken: Sonnenaufgang kurz nach 6 statt kurz nach 7, und weil wir die Passage noch in den Knochen haben, sind wir früh wach. Was wir hören, hatten seit langem nicht mehr: karibische Hühner sind des Wahnsinns, genauer: karibische Hähne! Spätestens ab 3 Uhr wird gekräht, was das Zeug hält, und zwar konzertiert. Dazu singt ein (trunkener?) Mensch „I love you-hou!“ vom Ufer – ich nehme es auf meinem Gang zum Klo für bare Münze. Wirklich nett hier!
Die Passage war gut, nicht mehr, nicht weniger, aber es ist doch augenfällig, wie sehr einen solche langen Wochen am Ankerplatz von den Eigenheiten und Folgen heftiger Bootsbewegung entfernen… will sagen: die ersten 36 Stunden waren der alte Klassiker. 8 Stunden gut, dann setzt sie ein, die Seekrankheit. Man sollte meinen, dass sich das irgendwann gibt, tut es aber nicht, aber da ich damit in bester Gesellschaft bin – Admiral Nelson ist mir der liebste Kollege in diesem Kreise – versuche ich, es mit Fassung zu tragen, und mit ein bisschen Kotzen. Zitat Segellehrer Walter Liehman, immer wieder tröstlich: „Du kotzest wie andere niesen!“. Einzig die Tatsache, dass Andreas zum 1 1/2-Handsegler mutiert, ist völlig doof. Die angepeilte neue Taktik ist die alte: Chemoprophylaxe. Ich werde versuchen Scopodermpflaster zu bekommen, denn die an Bord befindlichen sind viele Jahre alt, abgelaufen 2009, oder ich steige wieder auf Pillen um.  Glücklicherweise hatte ich in Suriname zufällig „Stutgeron“ wiedergefunden und besorgt, wovon ich, als es nun auch in der zweiten Nacht nicht besser werden wollte, eines genommen hatte; nun fragt sich die Patientin, ob die Pille geholfen hat oder ob ich sowieso „durch“ war… – das geschieht ja planmäßig nach einer gewissen Zeit. Ich schiebe es auf die Pille – und bastele mir so eine „Placebowirkung“. Jedenfalls  waren Tag 3 und 4 prima Segeltage.

Mittlerweile hat sich die Geräuschkulisse geändert. Weed cutter (riecht gut, Landgeruch ist was Feines!)l statt Kikerikii-iii. Ich werde mir gleich mal ein altes Scopodermpflaster hinters Ohr kleben – falls eine halluzinogene Wirkung eintritt und ich dem Hühnerwahn anheimfalle und krähe, gibt es hier an Land  vielleicht Rettung.