Strohsackroute

Mitten drauf…

Atlantiküberquerung 1991

Eigentlich kam immer die gleiche Frage: “Wow! Atlantiküberquerung…wie war das denn?”
Tja, wie war das,

damals?

Aufregend? Schon, vor allem während der Vorbereitung.
Und langweilig? Nicht die Spur!
Anstrengend? Unglaublich anstrengend!

Geschworen hatten wir uns schon lange, dass wir irgendwann – wenigstens einmal! – über einen Ozean segeln wollen, und in La Restinga auf El Hierro in den Kanaren lockte uns die  – “… da hinten, in der Karibik!” – untergehende Sonne nach Westen. 3 Jahre später war es so weit.

Die Hochseeyachtschule/Swan Charter Deutschland in Bremen war unser Leib- und Magen-Anbieter für Kojencharter, allein zu chartern trauten wir uns damals noch nicht recht. Und die Hochseeyachtschule bot eine Transatlantiküberführung an. Swan 72, nicht schlecht… Schön, groß (für unsere Verhältnisse riesig!) schnell und komfortabel. Wir buchen.
Im Sommer 91 beschleichen uns die ersten Zweifel: 14 Tage (rechnen wir!) mit 6 wildfremden Leuten. Wenn das bloß gut geht! Ich träume von Darmverschluss auf hoher See, Andreas plagt die Frage, was er machen wird, wenn ich meine unwirschen 5 Minuten erwische, und hat auch schon die Antwort zur Hand: einfach über Bord gehen lassen. In beiden Fällen.

Im Oktober kommt ein Brief von der Hochseeyachtschule – der Eigner der Swan 72 hat Eigenbedarf angemeldet, ein anderes Schiff wird es sein: eine Swan 48. Nur 24 Fuß kürzer, hat aber gleich viele Gäste, es wird also kuschlig. Außerdem fährt die MORNING SUN nun 1 Woche früher los, wird aber für die Passage länger brauchen… Leichte Panik. Schon trifft die Liste der Mitsegler ein, was die Befürchtungen noch einmal anheizt. Wer das wohl ist, wie sie wohl sind? Werden wir klarkommen? Aber so richtig viel Zeit bleibt nicht für solche Überlegungen – Termine ummodeln, das restliche Berufsjahr in Eile abwickeln – packen, fertig, los.

Sonntag, 3.11. – Urlaubsreif steigen wir auf die Lufthansa von Frankfurt nach Las Palmas. Ein “open jaws”-Ticket – Hinflug nach Gran Canaria, Rückflug ab Antigua. Wir sind voller gespannter Freude. Bis zuletzt hoffe ich, dass – der langen Beine wegen – der leere Platz neben mir frei bleibt. Vergebens. Ich habe das Lufthansa-Magazin auf dem Schoß, zeige Andreas die Atlantikkarte: “… sieht gar nicht so weit aus, Kapverden bis Antigua!” Der neue Nachbar hakt ein: “… machen Sie eine Atlantiküberquerung? Auf der Morning Sun??” Genau – Tag, Wolfgang! Der erste Mitsegler ist schon da; da hat die Bodencrew wohl kombiniert und 3 open jaws nebeneinander setzt. Nett!

Puerto de Mogan. Verwirrend voll.

In Puerto de Mogan angekommen finden wir – nachdem wir zunächst an einer Swan 65 ausgeladen haben – die Morning Sun; und die hat die Bodenbretter an Deck liegen, aus gutem Grund. Eddy, südafrikanischer Alleskönner, taucht gerade nach maroden Elektrikleitungen. Als Supervisor agiert der Geschäftsführer der Hochseeyachtschule. Der geplante Skipper ist verletzt und musste ersetzt werden. Das fängt ja gut an! Aber das abendliche Plauschen im El Cafetin lässt uns schon entspannen. Auf den ersten Blick alles “Nette”: Insa, Wolfgang und Arne, der Skipper. Der letzte Mitsegler tourt noch über die Insel. Nach der verdienten Portion Wein ist auch das Erklimmen des Bugkorbes schon ein leichte Übung – ich gestehe, beim ersten Mal bin ich unter der Reling durch gekrochen..

Montag, 4.11.  Kleines Reinemachen – das Schiff ist ja gerade erst auf den Kanaren eingetroffen, die Pantry muss von den Biscayaspuren befreit werden. Zum vorderen Klo leitet einen die Nase. Wir tippen darauf, dass hier mal ein Kater gewohnt haben muss. Bordklos, das ewige Thema… Geld tauschen, denn wir müssen Proviant kaufen.

Erhard trifft ein und hat auch ein Leihauto dabei. Gut – ein bisschen planen und dann gleich zum Supermarkt in Arguineguin. Wir haben gerechnet: 6 Personen mal 21 Tage mal 1,5 l Wasser. 200 l! Wer jetzt seine persönlichen Bedürfnisse nicht anmeldet, wird auf See Pech haben – Insa wird ohne Cola morgens nicht wach, also Cola. So geht das eine ganze Weile. 5 kg Nudeln, 5 kg Reis, Mehl für’s Brotbacken, Hefe. Backpulver! Kakao. Müsli. Hartwurst. Käse!! Wir wissen halt noch nicht, was wir alles 3 Wochen später unter Gelächter über die Reling gehen lassen. Die Rechnung im Supermarkt ist hoch, der Suzuki Jeep in jedem Fall zu klein für die Ladung. Also eine Vorausfuhre zum Schiff und dann die späte Einsicht: wir brauchen ein Taxi für die ganzen Massen an Lebensmitteln. Abends ziehen dann zu uns ins Vorschiff die Speckseiten ein, 6 große und 6 kleine Salamis, alle Ecken und Lücken werden mit Wasserflaschen und Getränkedosen gestopft. Erhard bebrütet unter seiner Koje 120 Eier. Riesenrüffel vom Skipper: Ihr seid wahnsinnig – so viele Plastikflaschen, und dabei doch zu wenig Wasser, also mindestens 50 l nachkaufen und Flaschen in Karaffen umtauschen. Die Überführungscrew berichtet beiläufig, dass ihnen schon in der Biscaya die Milch ausgegangen ist. Natürlich machen wir rasch einen Panikkauf, 12 zusätzliche Liter Vollmilch. Irgendwann ist alles gestaut, ein Wegweiser durch die Schapps erstellt. Morgen kommen noch Obst und Gemüse aus der Cooperativa de Mogan, und dann, ja dann geht es los… Bis dahin soll auch die Elektrik fertig sein. Letztes Abendessen im Restaurant..

Provisioning

Das ist so viel nicht! Der Ausflug zur Cooperativa ist wunderbar – 12,5 kg Kartoffeln, 8 kg Zwiebeln, reichlich Knoblauch, grüne und nicht ganz so grüne Tomaten, Auberginen, Paprika, Zitronen, Orangen. Alles von Apfel bis Zucchino. Und ein Rad holländischer Käse geht noch mit. Während Erhard Netze für das Gemüse und das Obst knüpft, erledigen wir weitere Angstkäufe. Mehr Müsli, mehr Parmesan, mehr Speck. Und Sahne.

Als wir zurückkommen sehen wir eine buglastige Morning Sun am Steg liegen. Umpacken ist angesagt, und inzwischen ist auch klar, dass Eddy mit der Elektrik heute nicht mehr fertig wird, wir bleiben eine weitere Nacht in Mogan. Das gibt Gelegenheit, weitere Würstchen, einen Nachschlag Nudeln und Reis und auch noch Tütensuppen für die Nachtwachen zu besorgen. Und Geld zu tauschen. Neuerliches “letztes Abendessen”!

Mittwoch, 6.11. – der Abreisetag, endlich! Die Elektrik ist fertig, nur das Kühlschapp in der Pantry wird es nicht richtig tun – wir nehmen es in Kauf, wir wollen, wir müssen los!

Der Tag quält sich mit Kleinigkeiten über die Runden, und Eddie erzählt den Blödsinn vom “… es ist eh’ besser erst abends abzulegen…”, nicht unbedingt, was wir wollen. Immerhin fährt schon mal die THAIR los, eine schöne Swan 65. Allerdings nur bis zur Bunkerstation, wo auch wir noch Diesel übernehmen müssen. Und da ist jetzt erst einmal Siesta – für uns auch. Aber, kaum zu glauben, kurz nach vier legen wir wirklich ab, jemand schießt ein Abschiedsphoto vom Faro, die anderen hupen, tröten und pfeifen – wir fahren los! Gänsehaut…

Zunächst kein Wind, es wird motort, aber nach 4 Stunden finden wir Wind, es fühlt sich sogar an, als sei das “unser” Nordostpassat, der uns bis in die Karibik tragen soll. Tja, das wäre er gewesen, wenn uns im Dunklen beim Setzen des Groß nicht eine Segellatte weggeflogen wäre. Die Frage ist, ob das Groß 3.000 Meilen ohne diese Latte durchhält. Wir drehen um.

Donnerstag 07.11. – Um 05:00 sind wir fest, längsseits an der Capitanerie von Mogan. Uns war redlich schlecht auf dem Schaukelkurs zurück. Und nach Sonnenaufgang lassen die dummen Schnacks nicht lange auf sich warten – “…was, Ihr hier?” . Aber schon um 09:00 h soll eine neue Segellatte kommen – stimmt, allerdings sind es zwei, aus denen nun Eddie eine 3,60 m lange machen soll. So können wir die Sicherheitseinweisung mal richtig gründlich über uns ergehen lassen und allerlei Pausenfüller mehr, und da die Latte doch länger aushärten muss, tauschen wir Geld und bleiben noch eine Nacht.

Freitag, 08.11. – um 10:00 geht es endgültig los, wir schleichen uns davon und hoffen, dass Eddy’s Abschiedsgruß “3rd time lucky” nicht wahr wird. Ich starte dieses Mal ohne Eiskaffee im Bauch, aber dafür mit Scopodermpflaster hinter dem Ohr, was die anderen bald kopieren, nachdem der eine oder andere den Frühstückskaffee abgeliefert haben.

Was nach ein paar Stunden kommt, wird bald Routine: Raumer Wind aus Nordost, so um die 5 Beaufort, vielleicht ein bisschen mehr. Keine aufregende See, immer gute Fahrt, so zwischen 7 und 8 Knoten. Die Genua 1/3 weggerefft, das Groß im Reff 1.

Die Wacheinteilung besteht aus 2 x 2 Wachgängern, die Wachen 2 x 6 Stunden tagsüber und 3 x 4 Stunden in der Nacht, 1 Crewmitglied hat Backschaft für 2 Tage und der Skipper steht auf standby. Es wird von Hand gesteuert – für den Autopiloten wird der Strom nicht reichen, und eine Windsteueranlage gibt es nicht.

Das erste Etmal beträgt 170 Meilen, und Erhard beginnt, von 200 zu träumen. Die Meilen laufen so unter uns durch, es wir die Mittagsbreite genommen und eine zweite Sonne am Nachmittag geschossen. Die ermittelte Ort soll den Satnav bestätigen, der sich tapfer hält – wir befinden uns schließlich in vor-GPS-Zeiten. Astronavigation, das macht mit wissenschaftlicher Akribie und Leidenschaft unser Bordingenieur Wolfgang, der selten mehr als ein, zwei Meilen daneben liegen wird.

Kompliment vom Skipper – alles solide Steuerleute, und das habe ihm eine erste Nacht mit 4 Stunden Schlaf beschert. Danke, Arne! Das macht Mut! Die mühsam laminierte Segellatte hat einen verdächtige Knick – sie wird doch nicht ….?? Aber sie hält.

Sonntag, 10.11. –  Wachwechsel um 06:00 h, Erhard und Wolfgang gehen in die Kojen, Andreas am Ruder. Ich balanciere in der Pantry mit Eiern und Tee. Plötzlich kracht es – eine See von Steuerbord legt die Morning Sun kräftig auf die Seite und lässt sie ins Wellental fallen. Nicht nur Tee und Eier verlassen ruckartig die Behältnisse – während ich nach Lappen fische, sitzen zwei Mitsegler vor der Koje. Was allerdings Erhard mit einem verdutzten Blick und Lachen quittiert, lässt Insa aufschreien: Der Kontrollblick in die Achterkammer verheißt nichts Gutes:  Insa kommt nicht wieder hoch. Nach eine Weile haben wir sie auf die Koje bugsiert, bäuchlings liegt sie da, aber bewegen kann sie sich nicht. Schmerzen im Bereich der unteren Lendenwirbelsäule. Hmmh. Bedenklich. Neue Wacheinteilung: Wachen durch 4, Freiwache hat Backschaft, 1 Krankmeldung. Lasst es uns abwarten, aber wir planen schon mal den Schlag zu den nahen Kapverden. Und ab sofort sind Leesegel vor den Kojen Pflicht.

Das Etmal ist nahe an Erhards Traum – 197 Seemeilen. Wir gehen davon aus, dass er die 3 Meilen selbst “versenkt” hat…

Montag, 11.11. – keine Besserung bei Insas Rückseite, die mit Schmerzmitteln und gutem Zuspruch behandelt wird. Und gefüttert, sogar Rauchen ist ausnahmsweise in der Koje erlaubt, was sie weidlich ausnutzt. Aber da niemand für die Harmlosigkeit der  Verletzung garantieren kann, setzen wir abends den Kurs endgültig auf die Kapverden ab. Ein bisschen enttäuscht sind wir, schließlich hatten wir gehofft, dass  wir bei einer guten Reisezeit noch ein bisschen in der Karibik segeln können. Und außerdem sind ja noch andere Swans unterwegs, denen wir “kleinen” ein Stück Schneid abkaufen wollten. Andererseits – wer kommt schon auf die Kapverden?! Wir!

Mittwoch, 13.11. – Zum Mittagswachwechsel ahnen wir die ersten Schemen Land. Wir wissen wohl, dass sowohl der SatNav wie auch Wolfgang alles richtig machen, aber so ein Landfall auf den Punkt ist immer was Feines.
Es wird dämmrig, bis wir die Hafeneinfahrt von Sao Vicente erreichen, und in Landnähe pfeift es ordentlich um die Ecken. Wir nehmen die Segel runter und versuchen, die Lichterviefalt zu deuten. Ausgerechnet das Feuer auf dem Molenkopf ist aus, da kann man lange starren. Nur ein einsamer Angler hat ein Wärmefeuerchen entfacht. Per Funk melden wir dem Hafenmeister, dass wir kranke Crew haben und nicht auf Reede liegen, sondern an der Mole längsseits gehen möchten. Und dass wir einen Arzt brauchen. Insa trifft derweil mühselige Vorbereitungen auf ein Treffen mit Leuten, die sich in den letzten Tagen wohl öfter gewaschen haben als wir. Als wir längsseits gehen, sind die Schnacker da: ein “Einweiser” will uns wortreich zurück in die Bucht zum Ankern schicken will. Der “Gesundheitsminister” bedeutet uns, dass wir die Quarantäneflagge jetzt runternehmen können, und fragt nach Bier. Arne: “Lasst Euch nicht volllabern!” Im Nu ist der Kai schwarz von Menschen – im wahrsten Sinne des Wortes, dies ist Westafrika.  Zum Einklarieren kommt niemand mehr und auch der Gesundheitsminister entschwindet, ohne Bier. Kein Arzt, kein Zoll. Na, dann: gute, schaukelfreie Nacht!

Donnerstag, 14.11. – Am Morgen Einklarieren mit großen Mengen Crewlisten, ansonsten unkompliziert. Und dann beginnt Insas Adventure Tour, es kommt der Krankenwagen, oder etwas ähnliches. Hilfreiche Geister stehen wieder zuhauf am Kai, aber eine mit der Großschot aus dem Luk gewinschte Insa hat Sao Vicente noch nicht gesehen. Mit “oh” und “ah” vom Kai und Ach und Weh von Insa kriegen wir das geregelt, und schon rumpeln wir in einem leergeräumten Minibus durch die Stadt. Ali, der Insa und mich begleitet, erzählt uns über seine Heimat, wofür Insa überhaupt kein Interesse zeigt. Jedes Schlagloch ein “au”! Immerhin erfahren wir, dass es Alis Traum ist, als Profifussballer nach Griechenland zu gehen. Am Krankenhaus staunen wieder zig Patienten lautstark über die Einlieferung. Die Personalien werden aufgenommen, Anamnese auf Pidgin: “She piss nice?” Wie bitte? Ach, so, nein, mit dem Wasserlassen ist alles in Ordnung. Irgendwann gehen wir auf Französisch als Sprache der Wahl über, schon besser. Insa wird vorsichtig untersucht und zum Röntgen weggerollt. Waidwunder Blick: “… lass mich bloß nicht hier!” Es ist halt alles etwas afrikanisch hier. Langes Warten, dann kommt sie zurück und die nette Doktora Ramos guckt sich das Röntgenbild an: “…alles klar! Kein Bruch, nur eine Riesenprellung!” und schon ist es mit der Vorsicht vorbei: “… stellen Sie sich mal hin, da geht schon nichts kaputt!” Es folgt die Entlassung mit der Maßgabe, dass Insa nur dann weiter mitsegeln darf, wenn sie es schafft, den Krankenwagen selbst zu besteigen. Das klappt! Natürlich. Es gibt noch reichlich Ibuprofen auf Rezept und eine geradezu lächerliche Rechnung: 10$ US. Wir spenden den netten Ärzten noch ein paar Dollars mehr für ihr Krankenhaus, und dann ist Insa dem Schreckgespenst “Rückreise nach Deutschland” entronnen.

Mittlerweile hat Wolfgang, the engineer, die geknickte Segellatte geschient und dann besorgen wir uns noch rasch 4 Kohlköpfe (Kostenpunkt: 20 US$. also so viel wie zweimal röntgen)! und eine Staude Bananen. Und bevor wir um 16:00 ablegen, entert Insa das Schiff fast ohne Unterstützung, quasi als Fahrkarte in die Karibik.

Es ist wieder alles im Plan!

Die Nachtwache ist wunderbar – wir sind ja auch alle erleichtert. Bei Neumond waren wir in Gran Canaria gestartet und es war nachts stockduster, aber jetzt ziehen wir stundenlang auf der Mondbahn entlang. Der Sternenhimmel regt selbst die nüchternsten Naturen zum Philosophieren an. Und nebenbei gibt es Grund zum Wünschen – Sternschnuppen en masse.

Aber, ab jetzt laufen wir auch ziemlich platt vor den Laken, also kriegt Arne seine nervösen Stunden – jedes Killen des Segels lässt ihn aufschrecken. Devise: “Ganz genau steuern, Kurs halten! Aber immer schön voll die Segel”. Leichter gesagt als getan, und irgendwann gibt es dann – ich habe vor Anstrengung Muskelkater in den Beinen, im Po – Geschrei: “nee, das geht nicht! 7° daneben! Was zum Teufel steuert Ihr denn?” Stellt sich aber glücklicherweise als Rechenfehler des Skippers heraus. Erleichterung. Also weiter wie gehabt. Die Etmale sind so làlà, zwischen 160 und 180. Immerhin. Und irgendwie rollen die Meilen so durch, so dass man beginnt, auf die Restmeilen zu schielen.

Die Bordroutine hat sich eingespielt. 06:00 – Wachwechsel, Frühstück an Deck mit viel Müsli, oft Eiern, Tee, Knäcke, Marmelade. Merke: wenn man zum Rühreibraten Licht in der Pantry braucht, wird es Zeit, die Bodrzeit mal wieder zurückzustelllen. Morgenwache bis 12:00, Mittagswache bis 18:00 und dann die drei Nachtwachen à 4 Stunden.

Es ist überraschend anstrengend. Jede Welle will nicht nur ausgesteuert sein, sondern auch ausgetreten. An den Autopiloten ist nicht zu denken – die 2 Stunden motoren am Tag laden uns kaum nach, was wir an Kühlung und Licht verbrauchen. Also treten wir uns am Steuer die Füße platt. Gegen Ende der Wache höre ich schön immer meine Koje johlen, auch tagsüber. Die Bücherberge bleiben erst einmal ungelesen. Leider bin ich auch zum Antritt der Nachtwachen meist die Letzte. Andreas steht zuverlässig auf und rumort mich damit wach – gut dass ins Bad nur eine Person passt: Macht drei Minuten längeres Liegen. Ab und zu wache ich in der Freiwache auf – Lifebelt-Schäkel klappern am Niedergang. Ich schrecke auf, Blick zur Uhr: Noch eine Stunde bis zur eigenen Wache. Und wieder weg. Das man überhaupt im Vorschiff schlafen kann – das Wasser am Rumpf plätschert, rauscht und dann – klatsch. Die Welle rauscht unter uns durch, das Schiff rollt, man rollt in der Koje mit, Plätschern, Rauschen, rums. Das Spiel von vorn. Dazu macht der Mast seine Klappermusik, es knarrt und knatscht, der Genuabaum taucht ein, das Segel schlägt kurz, der Großbaum ruckt in die Bullentalje. Und dennoch: Tiefschlaf.

Dann kommt die eigene Wache: Leicht verpennt picke ich mich am Achterstag ein und übernehme das Ruder. Manchmal scheint noch eine Weile spärliches Licht vom Kartentisch herauf. Das ist Arne, der schreibt oder liest. Dann steckt er vielleicht seinen Kopf raus, für eine Zigarette oder einen kleinen Plausch, und verschwindet wieder. Andreas liegt derweil unter der Sprayhood und döst. Ich fühle mich allein – wunderbar allein. Nur Windgeräusch, Gurgeln des Kielwassers, Geklöter aus dem Rigg. Meeresleuchten. Fliegende Fische landen platschend und zappelnd an Deck. Von achtern rauscht es, die Morning Sun hebt sich und läuft rauschend eine Welle hinunter. Ausguck halten – irgendwo Lichter? Wie oft täusche ich mich in diesem Nächten – da war doch was? Nichts! Man hört auch Stimmen… Wie Einhandsegler das aushalten? Die rötliche Kompassbeleuchtung macht das Ablesen der Uhr schwer, auf das kurze Aufblitzen der Taschenlampe brummelt Andreas ein verpenntes “..ablösen?”. Gern, nur zu gern. Dann guckt man noch eine Weile in diesem irrsinnigen Sternenhimmel und verdöst die Zeit. Klettert mal zum Kartentisch runter, um Satnav und Logge abzulesen, Positionseintrag und dann wieder raus. Sternenhimmel oder nach innen gucken, bis man wieder dran ist.
Irgendwann kommt dann aus der Dunkelheit Kajütbeleuchtung, wenn Wolfgang aus der Lotsenkoje im Salon plumpst. Nächtliches Wasserkochen in der Pantry, Nylonrascheln, ein Lifebelt klickt. Gedämpftes Murmeln “Na Ihr? Alles klar? Irgendwas Besonderes?” “No, der nächste Satellitendurchgang ist um x Uhr…” Die neue Wache – Erhard stülpt sich seinen Walkman-Kopfhörer  über, und wir verdrücken uns eiligst in die Kojen. Jede Minute zählt.

Die Sonne plagt uns nicht so wie befürchtet. Zwischendurch wird mal ein bisschen gespinakert und auch der Spinaker zerfetzt, gelegentlich wird geschiftet, Reff rein, Reff raus, kleine Spielchen mit der Genua. Nichts Besonderes. Eines nachts muss ich Andreas befreien, der mit der Genuaschot auch seinen Lifebelt und damit sich selbst “dichtgeholt” hatte. Freizeitbeschäftigungen sind ein bisschen Lesen, Dösen, Kochen, Essen. Peepshow auf dem Vordeck – spärliche Körperpflege mit Salzwasser, 1/2 Pütz Süßwasser zum Nachspulen. Und dann noch: Schlafen. Schlafen. Schlafen. Arne setzt mit Genuss Erhards Schachcomputer matt. Wolfgang liest Aristoteles und macht in Navigation. Wir reden auch miteinander, dummes Zeug und nicht so dummes. Wir gleichen die jeweiligen Akzente ab – eine alemannische Brötchentüte ist eine Gugg’ voll Weckle, was großes norddeutsches Vergnügen hervorruft – und müssen so manche Werner-Parodie über uns ergehen lassen. Assrein, nöch’?

Insa erholt sich und nimmt uns ab und zu ein Stündchen Steuern ab, Arne nimmt die Eckstunden der Nachtwachen und ermöglicht uns damit 6 Stunden Schlaf. Eine Wohltat!

Vor der ersten Nachtwache gibt es die Hauptmahlzeit, täglich neu erfunden, täglich neu belachte Frage: “ … was haben wir eigentlich an Bord!” Irgendwie ist es immer schmackhaft. Frühstück und Mittagessen besteht aus Brot, Müsli und Obst. Ein Bundersverdienstkreuz für Herrn Bircher! Richtig groß ist die Abwechslung nicht. Es gibt merkwürdige Gerichte mit Dosenschinken, Corned Beef oder Thunfisch. Wolfgang biegt jede Sauce mit einem Schuss Sherry hin. Lecker! Und den Geburtstag seiner Frau begehen wir in deren Abwesenheit mit einem selbst gefertigten Nusskuchen. Von Wolfgang ganz ohne den sonst unentbehrlichen Taschenrechner und Sextanten zubereitet – ein echter, kulinarischer Höhepunkt. Nur die Sahne taucht nicht auf, weder auf den Staulisten noch irgendwo in den Schapps. Also krame ich aus meinem Gehirn das Rezept für Bechamelsauce hervor. Geht doch! Wir träumen von frischem Fisch, aber wir fangen nichts, also müssen Fisch- wie alle anderen Gelüste auf frische Speisen auf die Karibik vertagt werden.

Die letzten 6 Tage der Reise gibt es mit Arne und Insa eine neue Wachmannschaft Und wir haben reihum richtige Freiwache. Wunderbar. An Deck liegen und Jamaica Kincaids “Nur eine kleine Insel” lesen, ein Buch für den Karibik-Besucher, der sich nicht abschrecken lassen will…

Aber es gibt nicht nur Genuss – das defekte Kühlschapp in der Pantry stinkt seit Tagen. Diverse “Arbeitsunfälle”, bedingt durch die Schiffsbewegungen haben ihre Spuren hinterlassen. Rührei, Milch – was immer schön gammelt, wir haben es in der Kühlbox aufgefangen. Es fliegen Würste, Käse, Schokolade über Bord, alles irgendwo zwischen iiiih und bäääh. Wir haben uns, das geht uns auf, verproviantiert wie für eine Nordatlantikreise, aber bei diesem Wetter isst man einfach nicht so viel.

Ein Squall kündigt sich an

Ach ja, Wetter … Diese komische Wolke dort hinten ist schon achtern an uns durch oder? Arne – ist das ein Squall? Nee, das hat mit uns nichts zu tun… Andreas am Ruder – ööh, ich glaube, wir kriegen anderen Wind, es bläst mir ins Gesicht… Ein eiliges Segelmanöver und schon gießt es wie aus Badewannen. Seit Sao Vicente hatten wir keine Schuhe, keine langärmeligen Sachen getragen – jetzt ist plötzlich “nichts mit einer Regenjacke drüber” modern. Ein bisschen

Da ist er, der Squall

Häme, als Insa das Überlebenspack mit den Camels in einer Nacht gleich zweimal vollläuft… Jetzt werden die Fluppen knapp.

Ausgerechnet meine Wache ist eine siebenstündige – wir haben mal wieder die Bordzeit nachgestellt – als wir durch einen neuen Squall fahren. Es gießt und es bläst wie verrückt – man sieht die Hand vor Augen nicht, Glücklicherweise haben wir rechtzeitig gerefft. Wolfgang kommt zum Wachwechsel raus und meint, noch rasch aufs Vorschiff turnen zu müssen – “…mal nach der Genua schau’n”. Strenger Verweis von mir – ich habe echt Schiss, hier jemand über Bord gehen zu sehen. Irgendwann dann Flaute, Dünung von kreuz und quer, Regenschauer. Letztere dauern leider nicht lang genug, um die frisch eingeseifte Insa, die sich ein bisschen spät für eine Freiluftdusche entschieden hatte, wieder klar zu spülen. So sorgt jeder täglich irgendwie für einen Lacher – Flugnummern im Salon, frei in der Luft stehender Kaffee, der doch eigentlich in den Mund sollte…

Und mit den Squalls kommen die Stunden der Segelmanöver – reffen, ausreffen, Groß weg, Groß setzen – nur um sich kurz danach für’s Motoren zu entscheiden.

Dienstag, 26.11. – Wir geben uns noch der Hoffnung hin, am Mittwoch in Antigua einzulaufen – aber nach der Störung stellt sich der Passat erst mal nicht wieder ein und da wir so den Kurs nicht halten können, würden wir erst am späten Mittwochabend in English Harbour sein, aber eine Nachtansteuerung wollen wir nicht. Aber selbst die Alternative für Lustsegler – schnorcheln und baden in der Nonesuch Bay ist nicht erreichbar.

Mittwoch, 27.11. – Wir halten auf Barbuda zu und verbringen einen letzten, “richtigen” Segeltag bei Karibikwetter und frischem Wind. Immer zwischen den dicken Squallwolken hindurch – himmlisch! Der Abend kommt und die letzte Nachtwache. Noch einmal die Arie: Schnell, meine Regenjacke! – zum Ausziehen der Bermudas reicht die Zeit schon nicht mehr, ich triefe. Fünf Minuten später herrlicher Sternenhimmel über uns. Dicht neben uns hatte es ohnehin nicht gegossen – das war exklusiv.

Die See ist unruhig, unter Deck ist es stickig. Zur Labung der im Salon Schlafenden öffne ich das Decksluk – und mit der übernächsten Welle ergießt sich ein Schwall besten blauen Atlantikwassers über uns. “Scheiße” kommt es vernehmlich aus Erhards Schlafsack, der ziemlich was abgekriegt hat. Gut, dass das Ende der Reise abzusehen ist.
Während meiner Wache konnte ich nur die Lichtglocke über Pointe a Pitre ausmachen, die erste “sky pollution” auf dieser Reise, nach 18 Tagen. Die Lichter von Antigua auszumachen bleibt Wolfgang und Erhard vorbehalten. Wolfgang guckt sich die Augen aus und beim Rudergängerwechsel sagt Erhard ganz undramatisch: “… da isch es doch!”

Donnerstag, 28.11. – … da isch es. Tatsächlich. Wir sind da. Noch ein bisschen Landmarkenknobeln im Morgengrauen, über den ersten anderen Segler seit den Kapverden staunen. Drei Frachter haben wir getroffen – einen haben wir angefunkt und um seine Position gebeten, und der sagt. “… two miles east of you!”. Es ist halt alles relativ. Auch Fische oder gar Wale – alles Fehlanzeige, abgesehen von einer Schule Delfine noch unter der afrikanischen Küste. Und der endlosen Parade der fliegenden Fische, die auch gern bei uns an Deck gelandet sind. Und die, während sie noch lebten, schon nach totem Fisch stanken. Und daraus soll man flying fish pizza bereiten…

English Harbour. Geschafft!

Wir laufen ein, English Harbour schläft noch. Kein Hurragefühl, wir freuen uns eher still, dass alles so toll geklappt hat. Ich hatte mich oft gefragt wie es wohl sein werde, “anzukommen”, aber ich empfinde nur ein leichtes Bedauern, weil ein wunderbarer, weil DER Törn zu Ende geht.

Anlegen, Frühstücken mit Sekt. Wir warten auf’s Einklarieren. Waschfrauen kommen vorbei und bieten ihre Dienste an, ein paar nette Rastafari wollen das Boot schrubben. Da die Immigration sich Zeit lässt, Notwäsche mit dem letzten Trinkwasser. Wir waren sehr brav beim Wasserverbrauch und können – und sollten! – uns den Luxus einer ausgiebigen Wäsche leisten. Ehe allerdings die Immigration nur einen Gedanken an uns verschwendet, geht schon das erste Kaufangebot für die schöne Morning Sun ein. Eine Sparkman & Stevens Swan halt  es schwillt des Kojencharterers Brust vor Stolz.

Und dann: Landgang. Landgang! Unsere popeligen 48 Fuß, der Stolz der Ostsee, sind nichts gegen die Mega- und Gigayachten, die hier auf die Antigua Boat Show warten. Und überhaupt: Nelsons Dockyard – dies hier ist historischer Boden. Es riecht nach Land, Fregattvögel und Pelikane segeln durch die Luft. Im Windschatten flirrt die Hitze. Zikaden zirpen. In Nelson’s Pitch and Tar Store, dem heutigen “Admirals Inn” nehmen wir eine erste Piña Colada, Erhard hatte uns tagelang davon vorgeschwärmt. Es werden mehrere…
Noch mehr Höhepunkte am Abend: Zunächst eine unfassbar wohltuende Dusche mit Süßwasser-Haarwäsche und grenzenlosem Plantschen. In der Umkleide eine Gruppe Münchnerinnen, die ziemlich angeschlagen mit einer Charteryacht aus Guadeloupe herübergekommen sind und neugierig nach meinem “woher” fragen. Ich schäme mich ein bisschen – ein auf den Kapverden in den Atlantik gekippter Strohsack wäre auch angekommen, denke ich, aber .sie erstarren vor Ehrfurcht, als ich beilälufig “Gran Canaria” murmele. Strohsackroute.

Erfrischt und gereinigt gehen wir essen – wir lassen kochen, im “Copper and Lumber Store” Es wird kein rauschendes Fest, der Schlafmangel fordert seinen Tribut – von Arne fällt die Spannung der Verantwortung für Schiff und Crew ab, und er schläft am Tisch ein. Aber, doch, es ist eine Riesenfreude, es ist schierer Genuss – wir baden in einer Orgie aus Hummer und Fisch, frischem Gemüse, Wein und Antiguan Lime Pie.

Und dann löst sich unsere Crew auf – Erhard fliegt umgehend, Wolfgang am Folgetag. Wir genießen noch ein paar Tage Reggae im Hafen, Steelband auf Shirley Heights, die zu meiner Freude Brahms’ Ungarische Tänze spielen. Und “Who shot the Sheriff”. Zum Umfallen. Wir kurven mit dem Dinghi durch die Freeman Bay, wo die Langzeitsegler liegen. Und wo wir – man ahnt es – schon im darauffolgenden Dezember ankern werden. Auf eigenem Kiel, aus St. Martin kommend. Allein, unsere erste Bareboat Charterreise – aber die Transatlantikcrew war so wenig kritisch, so verträglich, dass sowohl Erhard wie Wolfgang in den kommenden Jahren ab und zu mal ein paar Tage zusteigen. Insa sowieso – die lebt nämlich noch immer in der Karibik.

The End? Nein: Der Anfang der ultimativen Langfahrtleidenschaft.

The end. Für manche. Für uns nicht.