Regenzeit

Domburg, Suriname, 30.4.2017

Es regnet! Was für eine Überraschung – und die gute Nachricht ist: die Regenzeit hört im August auf. Nun diskutieren ja derzeit alle über den Klimawandel, wir auch, und bis sich das Klima gewandelt hat, hängen wir in Domburg mitten im Suriname Rivier an einer Mooring und warten. Warten zum Beispiel darauf, dass es aufhört zu regnen, damit man Wäsche waschen kann, im Moment ist Dauerspülgang angesagt – nicht so schlecht, eigentlich, aber es hat hier keinen elektrischen Trockner. Und selbst unter Dächern Wäsche aufzuhängen ist bei dieser Luftfeuchtigkeit wie Trocknen im Aquarium.
Es ist dennoch lustig – der Suriname Rivier ist ein Schlammfluss ohnegleichen, der Hoang Ho ist nichts dagegen. Immer wieder treiben kleine Urwaldinselchen vorbei, wir stellen uns vor, wie darauf Käfer und Eidechsen eine Reise flussabwärts machen. „Fahrt in den Mai“, wahrscheinlich mit Spinnentanz und anderen Vergnügungen – eine Fernreise wird das jedoch nicht, denn nach 6 Stunden tritt die Insel mit der gekenterten Tide die automatische Heimreise an. Vom gegenüberliegenden Ufer halten die Brüllaffen abends ein Konzert, und AKKA dreht sich dazu im Strom. Allem Regen zum Trotz lässt es sich aushalten, zumal die River Breeze Bar, zu der unser Mooring gehört, WiFi an Bord schickt. Nun gut, wir holen uns das WiFi herüber, das ja normalerweise mit einem Bier (oder zwei) abgerufen werden soll.

Seit 2 Wochen sind wir wieder in Regionen, in denen man Landfreuden erleben kann, und ich merke, dass ich das wahrlich genieße.
Îles du Salut, Französisch-Guyana. Der leicht moderige Duft, als wir vor der Île Royale in den Îles du Salut vor Anker gingen – der erste Landgruß. Ein ohrenbetäubendes Zikadenkonzert. Totenkopäffchen rufen aus den Bäumen – uh, uh! Fregattvögel über uns, kleine Schwalben wippen auf unseren Schoten. Der Ankerplatz in der Baie des Cocotiers ist sehr ruhig, wenn man vom Strom und dem gelegentlichen, tidenabhängigen Schwell absieht – und daher hört man auch das Geplätscher der Wellen, äußerst friedlich, äußerst entspannend. Etwas anders dann der erste Landgang – friedlich ist es schon noch, aber die Inselgeschichte als Deportationslager, als so genanntes „Bagne“, verfolgt einen auf Schritt und Tritt, und dabei ist dies nur die Insel der Lagerverwaltung. Als wir auf der Windseite entlang spazieren, erwische ich mich bei dem Gedanken, wie viele Insassen es hier wohl in den Wahnsinn getrieben hat mit dem unaufhörlichen Gedonner der Wellen und pausenlosen Wind. Von wegen „friedlich“.
Heute ist das aber Nebensache: es ist Osterwochenende, Französisch-Guyana befindet sich seit 4 Wochen im Generalstreik, also haben die Leute vom Festland frei-frei-frei; die Stimmung schwankt zwischen hurra und „es reicht“. Eine Gruppe von ortsansässigen Franzosen – Guyana ist der Franzosen ärmstes Département, siehe Generalstreik! – feiert den Abschied einer Freundin und hat eine alte, zum Massenlager umgewidmete Werkstatt in Beschlag genommen – und schon werden wir befragt, woher, wohin und bekommen etwas von der guyanesischen Osterspeise angeboten. Das ist die Bouillon d‘ Arapua (oder so, rein phonetisch). Ein Eintopf aus Vielem, aber mit einem großen Anteil an Palmfrüchten. Und Fisch. Und Huhn. Und Speck. Und Knoblauch. Und Zwiebeln. Sieht, da stundenlang gekocht, ein bisschen örrgs aus, wir werden auch nicht gezwungen, aber es schmeckt uns ganz gut, zumal uns das auf frischem Röstbrot dargeboten wird. Dunkles Sauerteigbrot? Hatten wir schon Ewigkeiten nicht mehr, köstlich! Nicht im Streik sind die drei Katamarane aus Kourou, die die Tagesgäste heranschaffen, also ist daran kein Mangel, und genau darum mochten die Wirte der „Auberge“ auch nicht streiken. Money makes the world… Was seine Vorteile hat – gegen ein paar Euro bekommt man das Tagesmenu und die AKKA-Pantry bleibt kalt. Das lobe ich mir generell, und dann ist die Fischsuppe – mit Rouille und Röstbrot! – auch noch absolut lecker. So sitzt man etwas losgelöst vom geschichtlichen Hintergrund hoch über der Brandung im Passatwind, schaut auf die Teufelsinsel, wo Dreyfus 4 Jahre einsamster Haft verbracht hat und freut sich frecherweise auch noch über französische Desserts.
Zur Abkühlung allzu angenehmer Gefühle geht es dann umgehend in den Block der zum Tode Verurteilten. Wirklich schlimm jedoch ist der Besuch auf der Île St.Joseph, der eigentlichen Gefängnisinsel. Die Inseln sind durch eine Meerenge mit starker Strömung getrennt, ganz schlecht für fluchtwillige Gefangene und auch ein bisschen kitzelig für unseren kleinen Dinghymotor. Ein Rundgang am Ufer entlang – ungefähr eine halbe Stunde Bummeln – ist noch einigermaßen idyllisch, Palmen, alte Befestigungen, der Friedhof. Beerdigt wurden hier nur die Bediensteten, wer einsaß, wurde den Haien überlassen (von denen es angeblich nicht so viele gab, wie man Fluchtkandidaten weismachen wollte). Aber die steilen Stufen zur Inselmitte hinauf enden am eigentlich Gefängnis. Hohe, grobe Steinmauern, ein eisernes Dachgerüst über den Massenzellen/-hallen. Lange Schienen zum Anketten der Fußfesseln. Nebenan Blocks mit Gruppen- und Einzelzellen. Schaut man in die kleineren, sieht ebenfalls rostige Beschläge zum Anketten und denkt sich nichts weiter – das ist alles lange her und dem Verfall preisgegeben; in den 60 Jahren seit Schließung des Bagne hat die Natur vieles überwuchert. Über uns knallt die tropische Sonne durch’s Blätterdach – und dann gewahrt der Blick nach oben, was hier ablief: die Decke ein Eisengitter, auf der Mauer zwischen zwei Zellenblöcken ein langer Laufgang. Diese Zellen waren nach oben nicht geschlossen, die Gefangenen wurden von oben bewacht – und all das ohne den heutigen Baumbewuchs. Schatten? Keinesfalls – dazu hatte man die Inselkuppe, auf der die Gebäude stehen, gerodet. Ziemlich grausam, und kein Wunder, dass ein hoher Prozentsatz an Deportierten das erste Jahr nicht lebend überstanden.   Was stand in der kleinen Ausstellung auf der Île Royal ? Das Bagne auf den Inseln war „gegenüber den Gefängnissen auf dem Festland noch das angenehmste“. Das lässt Schreckliches für Cayenne oder St. Laurent vermuten. Wir verkriechen uns dann mal an Bord – da steht einem nicht mal mehr der Sinn nach „Papillon“ , der übrigens nicht hier eingekerkert war, sondern drüben, in Cayenne. Nach einem Pastis kehrt der Sinn für die friedliche Umgebung zurück. Zikadengebrüll, Affengeheul. Schön… doch, ziemlich schön ist es hier. Später, beim Aufräumen der Bücherschapps fällt mir eine Broschüre zum Tuol Sleng, dem Stadtgefängnis in Phnom Penh in die Hände. 140 Jahre, 40 Jahre – so richtig viel gelernt haben wir nicht, wir Menschen. Wir sind eine merkwürdige Spezies.

Nach 10 Tagen (Halb)idylle auf den Îles du Salut lupfen wir an einem Montagmorgen gleich nach Sonnenaufgang den Anker. Mit Strom sollten wir am Dienstagvormittag vor der Einfahrt zum Suriname Rivier stehen, denn den geplanten Ausflug in den Maroni, den Grenzfluss zwischen Frankreich und Suriname, haben wir uns abgeschminkt. Keine Lust auf Straßensperren und geschlossene Einrichtungen – auch die Versorgung soll schon ein bisschen löcherig geworden sein. Eine junge Italienerin, die im Bereich des Raumfahrtzentrums arbeitet, hatte erzählt, dass sie sehr gut verstehen, warum gestreikt werde – die Infrastruktur im Land sei so schlecht, dass sich viele potenzielle Mitarbeiter 3-mal überlegen, ob sie nach Guyana gehen; vor allem sei die medizinische Versorgung ziemlich lückenhaft. Dabei ist ein Job im Centre Spatiale wohl grundsätzlich ein sehr beliebter und natürlich interessanter Arbeitplatz, gegen den die ärmliche Umgebung massiv abfällt. Die Streiklust sei allerdings ziemlich geschwunden, nun vermuten die Mitarbeiter dort, dass für eine Weile nur noch das Raumfahrtzentrum blockiert werden soll. Und wirken genervt – „…wir haben 12 Starts geplant und sind schon 3 im Rückstand…“ Wir sind gespannt, wie das ausgeht – und vielleicht bekommen wir noch ein bisschen landseitig zu sehen; ein Trip mit dem Leihwagen ist geplant.

Die Rechnung für die Weiterreise haut einigermaßen hin. Wir laufen anfangs noch mit Gegenstrom in den Suriname hinein, aber nach einer Weile erreicht uns der Flutberg von achtern und zieht uns mit. Dies ist ganz andere Küste als auf den einsamen Inseln. Ist es zur Linken urwaldig grün, liegt zur Rechten Paramaribo mit all seinen Hafen- und Industrieanlagen, und danach reiht sich fettes Haus an fettes Haus, bis wir in Domburg vor dem „River Resort“ eine Mooring fischen.
Die Sache mit den „fetten Häusern“ klärt tags drauf Harry, der Taxifahrer, der uns zum Einklarieren in die Stadt fährt. Harry ist, wie viele Surinamesen, indischer Herkunft und Hindu und erläutert uns jeden einzelnen Drogenmafiabau am Ufer. Und kennt auch die Plätze mit den spektakulärsten Überfällen und Rachemorden. Eine Tour de Crime, sozusagen. Interessant? Schon. Irgendwie nicht ganz im Einklang mit dem, was wir vor ein paar Tagen aus Deutschland hörten: Frau Sägebrecht möchte gern nach Surinam auswandern, weil es hier vor allem zwischen den Religionen so friedliebend zugehe. Mit Harry ist sie offensichtlich noch nicht gefahren. Wir dagegen bringen mit seiner Hilfe die Einklarierungsprozedur, die wir von 2008 in schlechter Erinnerung hatten, binnen zwei Stunden hinter uns, zack, MAS, zack, Immigration, zack, Militärpolizei. Und kehren anschließend im Paradies ein. Das heißt TULIP Supermarket und hat alles, was wir über Monate nicht zu Gesicht bekommen haben. Dunkles Brot, Grieß, Wiener Würstchen, französischen Quark, dänische Butterkekse, Schwedenknäcke, Maille-Senf,  um nur ein paar wichtige Produkte zu nennen. Die nächsten Tage sind gerettet! Es darf weiterregnen!  Obwohl… im Moment warten wir gerade. Auf REGEN! Wir haben angesichts der Wasserqualität unseres „Hoang Ho“ eine Wasserauffangvorrichtung ersonnen. Und was macht der Himmel nach zwei Tagen Dauerregen? Nix. Man kann sich auf nichts verlassen! Nicht einmal auf die Regenzeit in Suriname!

Das 192er Etmal

Unterwegs – 15.4 2017 .. noch 50 Meilen bis zu den Iles du Salut. Werden, wie der Bruder schreibt, nicht auf Winlink gezeigt, aber man kann ja einfach nach „Teufelsinsel“ googeln, oder nach Dreyfuss oder gar „Papillon“. Genau, da wollen wir hin. War schön dort, Weihnachten 2008, und das wird sicher jetzt nicht anders sein. In jedem Falle eine angenehme Unterbrechung unserer Passage. Die war insgesamt prima, und für alle Elektrowitze hat sich AKKA heute Nacht rehabilitiert: als ich vorhin zur letzten Nachtwache antrete, sehe ich im Logbuch ein kleines Schild gemalt: „192!“ Ein Etmal von 192 Meilen. Premiere! 192 Meilen über 24 Stunden, das macht nach Adam AKKA 8 pro Stunde. Und sie musste sich nicht mal anstrengen, die alte Dame, denn der Eigner schreibt zum Schildchen dazu: „Wir segeln gemütlich mit 5,5 Knoten durch’s Wasser und rauschen mit 9 über Grund“. So isses. Dieser Strom ist unermüdlich, und deswegen geht der Satz auch weiter „… hier möchte ich nicht nach Süden segeln!“ Versöhnlicher Abschluss der Passage also. Der kurzweiligste Tag war der vor und am Äquator. Da schläft einem abends schon der Wind vollends ein, alle Mühen, alles Zuppeln hilft nichts. Die Wahl ist: Drift oder Maschinenhilfe. Am Äquator gibt es da für mich keine Alternative als „Maschine an!“, denn hier muss ich weg. Äquator ist eben Windstille, fiese Gewitter und wenn doch Wind, dann in Form von Squalls. Und das Ganze kann dauern, die alten Rahsegler wussten ein Lied davon zu singen. Rossbreiten. Wir hätte zwar anstatt der schweren Rösser ein paar überzählige Bleibatterien über Bord gehen lassen können, aber das wäre nicht umweltgerecht, also: Maschine an. Was in diesem Fall eine schöne, neue Versuchsanordnung in der Achterkammer erzeugt, denn mit ladender Lichtmaschine geraten die doofen, neuen, alten Batterien in Schweiß. Die Kojenbretter sind schon seit Natal hochgeklappt und es ist stündliche Temperaturkontrolle (mit meinem guuten Joghurt- und Milchschaumthermom eter! Das elektronische hat schon lange das Zeitliche gesegnet) angesagt. Wir tragen treulich ein. Zeit, Temperatur, Spannung sm Controller und an der Batterie, Ladung… Das hält einen munter! Der Eigner sagt: „bei 40 hören wir auf!“ und die 40 Grad sind dann auch am Morgen erreicht. Motor aus. Draußen ist es eklig grau und dunkel bewölkt, die See schwubbelt vor sich hin – aber immerhin treibt uns ein kleiner Strom in die richtige Richtung. Und dann wird der Tag doch ganz schön, denn der übliche Eiertanz entfällt, es rollt bur ein bisschen. Zeit für Rindercurry mit Ananas, Entspannung und eine große Portion German Engineering – der Eigner baut eine Batteriekühlanlage. Hatten wir die in Singapur angelegten Vorräte an PC-Lüftern bislang zur Fächelung im Cockpit, an den Kojen oder an der Nähmaschine benutzt, schlägt heute ihre Stunde als Batterieretter, und tatsächlich, am Nachmittag können wir nochmals ein paar Stunden motoren, und dann ist er auch schon da, der Nord ostpassat. Wir sind zurück auf der Nordhalbkugel, der fette Strom setzt wieder ein. Off we go! Das Wetter bleibt gemischt, Strahlesonne, dicke Bewölkung, Wolkenbruch und Pieselregen wechseln sich ab. Und die Kühlung kühlt dazu. Prima! Der Rest war „normal“. Normal ermüdend, normal routineerzeugend. Gewitter hatten wir überhaupt keine, nur 5 Mal Wetterleuchten in der Ferne – keine Elektronik-in-den-BAckofen-Aktionen, sehr gut. Dass wir den genauen Zeitpunkt dss Äquatorübertritts versäumt haben, ist doof, ich wäre gern ins Wasser gesprungen und hätte mich rübertragen lassen. Mit Taufe hatten wir ja bei diesem 6. Mal nichts am Hut, und Herr Neptun und Kollegen (von Arielle bis Käptn Blaubär haben alle Anteile am Äquatortaufgeschehen) waren es zufrieden. Was mich auf das Stichwort Aberglaube bringt. Da bei uns nichts getrunken wird außer selbst gemachtem Wasser, entfallen die obligatorischen Opfergaben an Rasmus. Schlecht. Nun gut – wir sind nicht am Freitag losgefahren, das bringt uns in die Nähe abergläubischen Handelns, obwohl es eigentlich nur unsere Trägheit war. Aber für die Batterieprobleme lässt sich ganz klar eine Ursache feststellen: Bananen an Bord! Geht überhaupt nicht! Allen Ernstes: e s fragt mich in Jacaré der Mitsegler eines anderen Schiffes, ob wir denn Bananen an Bord hätten, und ich antworte so wahrheitsgemäß wie fröhlich: „…sure! Sollte für eine Woche reichen!“ Nicht wissend, dass dieser Mann soeben einen Spaziergang wegen einer schwarzen Katze (von links, rechts oben? ich weiß es nicht…) abgebrochen hatte, wie man mir später zutrug. Und ich kriege einen Anti-Bananen-Einlauf – Bananen an Bord sind ganz schlecht! Wir haben’s gemerkt. Die gute AKKA segelt gerade mit 9 Knoten in den Sonnenaufgang hinein, sie würde gern noch einmal 192 Meilen an einem Tag für uns hinlegen – aber dafür reichen die Meilen nicht mehr. Frohe Ostern dann! —

Unterwegs

Dienstag, 11.4.2017 0°06 Süd, 42°43 West Menno, ist das grau hier am Äquator. Der liegt 6 Bogenminuten=6 Meilen nördlich von uns, und dieses Mal ist es ein bisschen mühsamer als unsere letzte Reise zu den Iles du Salut. 2008 war das. Positionsberichte wollen nicht raus (vielleicht bin ich dank Wetterwelt per Iridium meine Geduld losgeworden?!), der Wind schnarcht vor sich hin (letztes Mal, erinnere ich mich, schrieb ich „… nach 10 Tagen sanfter Dauersegelei…“). Der Brasilstrom hat uns zwar geschwinde hierher gedrückt, aber jetzt ist erst einmal dümpeln angesagt. Einiges wiederholt sich allerdings: seit heute Nacht sitzt wieder eine Zügelseeschwalbe auf dem Solarpanel, so ein Spaß! Ganz schönes Gewackel da oben – jetzt, im Morgengrauen, sieht man das Vögelchen hampeln… Unsere Batteriegeschichte ist leider noch nicht zu Ende – in Natal ließ sich ad hoc kein Ersatz auftreiben, der irgendwie bei uns hineingepasst hätte; dafür gab es eine genüssliche Batterieexkursion zu Tudor Baterias und zu Autoelectrica Natalense. Tudor konnte uns zwar nicht bedienen, aber der Chef war von der Aufgabe so angetan, dass er sich als Chauffeur anbot – wir hatten nämlich Javier von Autoelectrica geheuert, um unsere Lichtmaschine-Regler-Batterien-Umgebung mal mit professionellem Werkzeug zu testen. Diagnose: schlechter Lieferant in Sao Paulo, 3 der 6 nneuen Batterien sind so gut wie hin – und die haben wir abgeklemmt und üben nun mal das, was auf anderen Yachten Tagesgeschäft ist: Stromsparen! 780 Meilen liegen noch vor uns, wir arbeiten dran! Die Seeschwalbe hat sich gerade aufgemacht, das muss das Zeichen sein, Kaffee zu kochen und den Tag einzuläuten! Bis dann! —

Der Witz der Woche!

Natal, 4.4.2017

Das Schiff macht Witze! Nicht die alten abgedroschenen (z.B. Bilgepumpe springt an, aber wenn man gucken will, hört sie auf zu pumpen.  Haha, AKKA!), nein, ein neuer, Ihr werdet sehen!

Ein- oder Ausklarieren ist ein längeres Geschäft in Cabedelo, was nicht zuletzt an André, dem pathologisch pingeligen Immigration-Officer, liegt. Normalerweise legt man seinen Pass vor und „bumm“ hat man den Ausreisestempel. Nicht so bei der Policia Federal in Cabedelo .
An einem schönen Freitag, als wir noch hoffen, Immigration, Zoll und Marinha an einem Tag abzuarbeiten, radeln wir zu Policia, nicht so weit von der Marina entfernt. 09:30 – wenn André pünktlich um 10 Uhr anfängt, ist alles drin – aber wir hatten schon verloren, denn vor uns sitzt ein junges französisches Paar mit gleichem Anliegen. Um 11 Uhr sind wir dran, es ist nicht zu fassen: Stempel vergleichen, Bild vergleichen, Pass ans Licht heben, nochmals Stempel vergleichen, Computersystem auf Konsistenz prüfen, Formular – gut Ausreisestempel will Weile haben. Dabei wir haben schon den Tagesrekord gebrochen, nur 45 Minuten für die AKKA-Crew. Sensationell. Einklarierende Mitlieger aus der Marina kommen um 15:00 völlig erledigt zurück – und dabei kann alles so einfach sein und fix gehen, wenn nur André mal einen Tag frei hat. Hatte er aber nicht, also muss am Montag weitergemacht werden.

FlipFlops all überall. Die fehlenden Beine sind auf die Bank gezogen…

Leider sind die Dinge in Cabedelo nicht mehr so einfach, seit sich die drei Behörden nicht mehr zusammen im Hafenareal befinden, Policia am Nordrand von Intermares, die Receita am alten Platz, die Marinha, der das Haus abgebrannt ist, in Joao Pessoa. Diese langwierige  Reiserei bietet aber einen würdigen Abschied von den Attraktivitäten und Merkwürdigkeiten im Nordosten Brasiliens – das bietet Ein- und Ausreise in Iguassu nicht,  so ein 20-Sekunden-Stempelding. Der Zug rumpelt einen nochmals hin und her, mit all den netten, flipfloptragenden Leuten an Bord, die Snacks und Wasser verkaufen oder frisch geborene Babys nach Hause tragen, oder mit den Schülern, die einen auf der Suche nach Sparringspartnern für ihre Englischkenntnisse anquatschen…

Im Zug nach Joao Pessoa. Agua? Pipoca?

Ein kleines Mädchen ist ganz aus dem Häuschen: „…o novo, o novo!“  Der neue Zug, was für ein Abenteuer. Neuer Zug auf alten Gleisen macht aber in Sachen Geschwindigkeit und Schlangenbewegungen (man guckt von vorn bis hinten durch, sehr spannend!) wenig Unterschied, wobei die Anzahl der unbeschrankten Bahnübergänge auf dieser Strecke sowieso keine hohe Geschwindigkeit erlaubt.
‚Mein Heimatgeräusch für Jacaré ist daher auch weniger der ewig Ravel-blasende Saxofonist, sondern: „trööt-trööööööt-trööt-trööt!“ Der Zug am Bahnnübergang.

Aber dann sind wir ausklariert, wir nutzen die 72 Stunden Karenz weidlich, überweidlich aus, lösen uns am Freitag (da sind es schon 84 Stunden) vom Ponton und gehen in der Flussmitte vor Anker, und am Sonnabend geht es endlich raus – hurrah! Wir segeln – ein bisschen, in der Flussmündung schmeißen wir kurz den Anker, um den Loggeimpeller nochmals vom Bewuchs zu befreien – in der trüben Flussbrühe vor der Marina war ich etwas eilig gewesen – und erwecken den Wassermacher zum Leben. Aber dann. Raus auf den Atlantik! Nordwärts! Hinein… in die Regenwolken, die sich am Abend am Horizont türmen. Es wird schon fast dunkel, als wir angesichts der schwachen achterlichen Winde noch schnell den Spibaum riggen (und der Eigner sich vom Relingsdraht auf die Stirn küssen lässt, schöne Schmarre das!) – aber leider, leider kein Wind ab 23 Uhr,  dafür sturzbachartiger Regen, über Stunden. Pottenschwärze ringsum – genau die Kombination, die man sich für die erste Nacht auf See wünscht, und der Motor rappelt dazu. Um 7 komme ich drömelig aus dem Bad, huch, der Motor ist aus! „Ja“, sagt der Eigner in seinem „Gefahr-im-Verzug“-Tonfall, „hab‘ ihn gerade mal ausgemacht. Die Stirling-Ladekontrolle meldet hohe Batterietemperatur.“ So ein Kack! Die neuen, teuren Batterien…  Was tun? Noch 1200 Meilen weiter nach Französisch-Guyana, wo sich gerade die Bevölkerung einen Generalstreik gibt? Oder nach Fortaleza? … warte mal… Richtig weit dürfte Natal nicht sein, die Hauptstadt des Staates Rio Grande do Norte. Ist sie auch nicht. 20 Meilen west-süd-west, da sind wir gerade dran vorbeigegurkt. Am Mittag sind wir da und liegen nun vor dem verschlafenen Iate Clube do Natal mit ein paar unbelebten Yachten vor Anker. Vom Strand aus erfreuen uns die hiesigen Sängerknaben mit ihren fröhlichen Liedern: wir liegen vor einem Militärstützpunkt, und es wird den ganzen Tag exerziert. Jawoll, Herr Ka’Leu. DIIIE Augeeen rechts.  „OOOs olhos…“. Um 05:30. Abmarsch  zum Frühstück! EIIN Lied, zwo, drei!  In dieser Art…
Gestern war neben ein bisschen Rumpfreinigung der große Batterie-Testtag in allen Konfigurationen – hochladende Lichtmaschine, normal, mit/ohne Solarpaneleintrag, Spannungsmessung überall… Mal schauen, was sich für eine Lösung ergibt; eigentlich sind wir ja ein Segelschiff.

AKKA, Du machst Witze!

6 Wochen Alltag

Wo sich das Leben lohnt: im Fischerdorf

Jacaré, 22.3.2017

Quatsch  – schon länger als 6 Wochen sind wir schon wieder hier! 7 Wochen? 8 ? Das Leben geht seinen Gang – und beschäftigt sich zur Zeit ziemlich viel via Internet mit den Nachrichten. Geradezu fieberhaftes morgendliches „… hat Donny was getwittert?“ und wenn ja, was? Mal wieder ein Lacher zur Frühstücksstunde oder was zum Faustballen? Heute jedenfalls schläft er noch. Fox&Friends versichert den amerikanischen Zuschauern, dass, wer das Comey-Hearing zum Abhörvorwurf gegen Obama verpasst hat, nichts verpasst hat. Dreist. Die Anti-ACA-Bill ist abgeschmettert, aber was hilft’s? Die lassen das Ding an die Wand fahren. Wer hätte gedacht, dass wir mit unserer schwammigen leicht linksliberalen Einstellung mal als „lupenreine Sozialisten“ dastehen würden – das sind vielleicht Zeiten. Wurde in Ankara mal wieder ein Diplomat einbestellt wegen unbotmäßigen Verhaltens? (Antwort: jaa!) Herr Schulz wird bejubelt – wir hoffen, dass man bei allem Jubel nicht unsere Rechten aus den Augen verliert. Ziemlich unheimlich, das alles.
In Jacaré scheint dagegen alles ziemlich normal zu sein (naja, außer dass unsere Freundin als Signatur in ihrem WhatsApp-Account „ForaTemereternamente“ stehen hat, auf immer ohne Temer, der brasilianische Präsident ist nicht sonderlich beliebt; Dilma Rousseff war es auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte). Sonst ist Alltag. Auf der Dorfstraße sitzen die Damen in baufälligen, plastikbespannten 60er-Jahre-Rohrstühlen und quatschen, spielen Karten und versuchen, die Kinder im Zaum zu halten, am Ufer bauen die Fischer ihre ebenso baufälligen Netze wieder zusammen. Typisches Geräusch rund ums Boot: deng-deng-deng-patsch-patsch! Fischer haut mit etwas Hartem aufs Boot oder klatscht aufs Wasser: Fischeerschrecken ist angesagt, die frisch reparierten Netze sind ausgelegt. Manchmal hängt eines der langen, schmalen Fischerboote hinter der AKKA, und es ergießt sich ein stundenlanges, gedämpftes Gebrabbel über uns – es wird geangelt. So fließt es dahin, das Leben. Wasser holen im Mercadinho, mal gucken, ob aus dem eher bescheidenen Gemüseangebot etwas für uns dabei ist; meist läuft das auf Paprikaschoten und Tomaten hinaus oder ein Stück Kürbis. Den Rest des täglichen Bedarfs decken wir – Radeln macht die Wadeln stark! – in Intermares, weil der dörfliche Bäcker schreckliche Weichbrötchen fabriziert. Brot ist einfach nicht wirklich „brasilianisch“. Bolo schon eher: süßer Kuchen, der geht immer… Überhaupt: süß! Süß ist der Hit, aber das verfolgt uns ja schon seit Jahren; hier mündete das in der verzweifelten Suche nach einem nicht gesüßten oder anderweitig behandelten Joghurt als Starter für die eigene Produktion, da fällt die konzernkritische Verbraucherin dankbar auf die Knie, wenn sie dann „Joghurt integral – só 2 ingredientes“ der Firma Nestlé entdeckt. Nur zwei Zutaten, Milch und Kultur. Toll. Und es funktioniert, die Weiterreise ist gerettet.

Wenn die Umstände es erfordern, ergibt sich natürlich aus profanem Anlass auch mal ein Stück Kultur. Angefangen hat die Geschichte schon in Altwarmbüchen. Mein Rad braucht eine neue Hinterradnabe, und beim Fahrrad-Mesic lag so eine. Ungefähr so eine, jedenfalls. Natürlich ist es doof, wenn das Schiff samt Rad in Brasilien weilt, man beim Fahrradhändler der Wahl eine Nabe entdeckt, die „ungefähr richtig“ aussieht, und eine Nachfrage bei Dahon nichts Substanzielles ergibt. Risiko – sieht richtig aus und hat auch 8 Gänge, wir nehmen das Ding mit. Gut so, denn mittlerweile verabschiedete sich Gang um Gang. Der Jacaré-Fahrradmensch war (glücklicherweise?! DIE Werkstatt muss man sehen!) nicht da, aber gegenüber der Capitanerie in Joao Pessoa hat Tulio seinen Fahrradladen, und die freuen sich dann auch über den schönen Auftrag: Nabenwechsel mit einem Satz neuer Speichen. Fahrradreparaturkultur mit Sprachbarriere, aber man verspricht uns, noch am gleichen Tag fertig zu sein. Daraus ergeben sich erst ein Mittagessen im Kreise der Büro- und Werkstattleute und ein ausgedehnter Spaziergang durch das alte Joao Pessoa.  Insbesondere: Besuch im alten Franziskanerkloster. Leonardo Melz wird herbeigerufen, siehe Sprachbarriere, seit vielen Jahren Techniker im Kloster und gebürtig aus Santa Catarina, wo sich die Deutschstämmigen in Brasilien knubbeln. Dieser Akzent! Hessen/Pfalz-Deutsch mit brasilianischer Grammatik und ebensolchen Wortsprengseln gefärbt, dabei sagt er, die Familie käme aus Hamburg. Herrlich, unterhaltsam und informativ. Das Kloster ist ein Prachtbau hoch über dem Ufer des Paraiba, den man in der Ferne durchs Grün fließen sieht. Uraltes Chorgestühl unter üppig vergoldeten Decken. Altäre „für alle Anlässe“ und nicht zu vergessen ein separates Kapellchen , in das  sich die „Schwazze“ drängen durften. Dass nicht zuletzt die „Schwazze“ mal für den Reichtum des Konvents gesorgt haben, lässt sich an den Dächern ablesen. Reihe um Reihe runder Tonziegel – halbzylindrisch natürlich – und jeder Halbzylinder hat ein anderes Format, denn das ergibt sich aus dem Beinumfang der „schwazzen“ Frauen, die die Ziegel auf ihren Oberschenkeln geformt haben. Und da der Punkt Arbeitskraft wohl so günstig war, ist das Dach Anzeiger für den Reichtum des Klosters: hatte eine schlichte Hütte ein einfaches Ziegeldach, legte, wer auf sich hielt, auf seine Fazenda  zwei Tonziegelschichten übereinander – auch eine Konzession an die tropischen Niederschläge. Was hat das Kloster?! Natürlich 3 Schichten. Nur für die Allerreichsten…
Darauf trinken ausreichend reiche Leute wie wir einen kleinen Café com leite im gekühlten Café 17, damit ist auch der Kulturpunkt „Kathedrale“ abgehakt. Man kann nämlich drauf schauen, zuviel K(irchen)ultur ist ungesund!  Und dann zurück zur Alltagskultur, zur Radwerkstatt. Es war fast zu erwarten: Radnabe auf Verdacht, das kann nicht 100% gutgehen. Wir nehmen das Schätzchen in Empfang, aber der Google Translater muss wieder ran: die alte Schaltmimik passt nicht auf die neue Nabe. Aber – das muss man durchgängig feststellen! – Brasilianer sind nicht nur hilfsbereit, sondern auch findig, und so telefoniert unser Mechaniker mal kurz… „Geht doch bitte morgen mit dem Rad zu XBike in Manaira und fragt nach Pedro, der weiß Bescheid…“  Kostenpunkt der Aktion – 36 Reais für die Speichen und ein Zahnrad, 15 (5 Euro!) für die 3-stündige Arbeit. Man ahnt das Verdienstlevel.
Tags drauf, es ist Samstag, reisen wir mit Taxi und dem geklappten Dahon nach Manaira. Stichwort Verdienstlevel – bei XBike tut sich ein Indiz dafür auf, dass es nicht nur Geringverdiener im armen Nordeste Brasiliens geben kann. Carbonräder in den abenteuerlichsten Konstruktionsformen (ohne Gabel, das hat die fahrradaffine Langzeitseglerin noch nicht gesehen!). Schicke Accessoires. Pedro (auch „peu“, der Kurze genannt) sieht uns, zieht gleich den richtigen Schluss „ah, os alemães!“, man schaut drauf und sagt: „… wir versuchen’s!  Montagabend, ist das  recht?“  Klar, mir ist alles recht, was mein Rad wieder funktionsfähig macht. Der Taxifahrer – macht auch große Augen in diesem sehr kleinen, aber äußerst feinen Fahrradladen – lädt uns am Manaira-Shopping Center ab, und wir geben uns eine weitere Portion Alltagskultur: Shopping mit den Feinen der Stadt. Duschvorhang von Stok&Tok (Mini-IKEA für Brasilianer), „Kenner“-Flipflops für die Dame des Hauses (die haben von 2008 bis 2016 gehalten, hoffentlich ist die Qualität so geblieben). Das wirklich Feine allerdings überlassen wir den Feinen.

Jefferson und das exotischen Klapprad

Das Ende Fahrradgeschichte ist schnell erzählt, Montag „war nicht“, aber Dienstag, ich radele mit dem Zweitrad hin (Südostpassat! Und wo liegt Manaira von AKKA aus gesehen? Ja klar… über eine Stunde gegen den Passat). Das Rad ist noch in der Mache, also kann ich noch ein bisschen mit den wahrlich schicken Radsportlern radebrech-plaudern, die sich ihre Racer richten lassen. Jefferson hat Spaß am Exotenrad, die anderen Radler auch – und dann  habe ich wieder 8 Gänge, die sich schalten lassen!  Muito obrigada, Jefferson e Peu!

Mehr Alltag gefällig? Computer, zum Beispiel. Das AKKA-Computerschussel – der Eigner hält sich da raus und benutzt, was auf den Tisch kommt – wählt in Südafrika Ersatz für den Namibia geklauten Rechner aus, ein Subnotebook ACER R3-131 T . Und weil der Rechner bei CompuMania 2000 Rand billiger ist als bei „Incredible Connection“, schlägt sie zu. Der Eigner sagt im Rückblick: „… beide waren blau! Die mussten ja identisch sein!“  Jaaaa. Waren sie halt nicht, es gab da noch einen Index in der Typenbezeichnung, der auf die Prozessorausstattung verwies. Kurz: der Neurechner war so langsam, dass wir vor der Abreise eiligst ein weiteres Ersatzgerät anschafften, denn aufzurüsten war angeblich „bei diesen modernen Rechnern, die nur über den Preis verkauft werden“ (O-Ton ACER-Forum) nichts. Februar 2017 – Neuauflage des Aufrüstungsproblems, weil Andreas‘ Rechner in die Knie geht . Richtig, unser Rechnerdurchsatz ist erschreckend! Am Prozessor lässt sich zwar nichts machen, aber ein bisschen mehr RAM würde bei Windows10 helfen, und ich lese in technischen Beschreibungen: aufrüstbar auf 8 GB RAM. Frage ans ACER-Forum. „Oh? Wirklich? Da könntest Du Glück haben!“  YouTube bietet Tutorials, wie man diesen speziellen Rechner öffnet und RAM aufrüstet; unfassbar, was alles so im Netz schwirrt. Des Schussels Herz beginnt zaghaft zu hüpfen. Den richtigen Schub kriege ich aus Altwarmbüchen, Ritter&Ritter, „mein“ kleines Computerunternehmen um die Ecke macht mir Mut und schickt Bestellnummern für Austauschspeicher. Das ist Service, wirklich. Nach ein bisschen Zögern packen wir den ganz alten Laptop, der auch mehr RAM vertragen könnte, und den blauen Südafrikaner in die Rucksäcke, radeln nach Manaira und werden bei NAGEM fündig: der erste wichtige Fund ist, dass Luis, der des Englischen mächtige PlayStation-Vertreter, sofort als Hilfe einspringt, siehe oben, hilfsbereite Brasilianer. Eine eifrige Mitarbeiterin forscht gleich nach einem passenden RAM-Speicher – hurra, Fund 2, es gibt 8 GB im Lager, aber schade, nichts für den Alt-Laptop!

Computerreparatur „brasileiro“ Luiz und Alex und der Uralt-Acer

Alex tritt auf den Plan und mitten im Laden, auf den Knieen, fangen wir an, die Kiste zu öffnen. Die neue RAM-Bank ist schnell eingebaut, schließlich hatte ich das nach YouTube-Tutorial schon geübt. Nebeneffekt: im Altrechner ist ein zweiter Einschubslot, und der „Abfall“ vom blauen Rechner rüstet den alten Herrn auf 4GB auf.  Bleibt die Frage nach dem Verdienstniveau – die ganze Aufregung, die Arbeit (und der ganze Spaß) waren im Kaufpreis des Speichers enthalten. Brasilien!

Noch mehr Alltag?! Wir treffen Reginaldo, der unsere Außenborder einer Inspektion unterzieht und vor lauter Begeisterung, weil wir so nette Leute sind (mit denen man Englisch üben kann…) zweimal mit uns Essen geht. Nett.
Ganztägige Radexkursion auf der Suche nach Zitronensäure und Natriummetabisulfit (damit konserviert man die Wassermachermembran). Joao Pessoas Innenstadt ist wirklich weit weg, und es ist heiß. Sehr heiß. Angefangen bei Plury Quimica, wo man nicht einmal die Tür öffnete, wie im Comic – hinter der Tür kreischt eine wahrscheinlich „Alte“, dass sie hier nichts verkaufen, vor der Türe stammele ich, man möge doch bitte mal die Tür öffnen, aber nein, man schiebt nur eine Visitenkarte zwischen Rahmen und Türblatt durch! Rufen Sie da mal an (die Nummern waren dann folgerichtig auch nit erreichbar). Weiter über einen „hat alles!“-Laden (leider eben nicht alles…) 3 km zurück zu einem längst geschlossenen oder unbekannt verzogenen Filterladen. Gleich hinter der luxuriösen Manaira Mall radele/holpere ich am stinkenden Kanal entlang durch eine kilometerlange Favela – brasilianische Kontraste. Weiter im Zickzack durch die Stadt  (und zwar dreidimensional, Joao Pessoa hat mehr Steigungen, als der Radfahrer es gern hat!) bis ich bei Quimica Moura fast der Ohnmacht nahe bin, aber ich kriege zwei Glas Wasser und… Zitronensäure – das wusste ich, weil ein freundlicher Geschäftsinhaber zuvor für mich dort angerufen hatte. Und falle in eine noch tiefere Ohnmacht, als man bestätigt, dass man Natriummetabisulfit vorrätig habe. Hurra! Wochenlange Suche beendet. Bitte 1 kg. Oder 1,5. Mindestabnahmemenge 25 kg! Na, dann eben nicht. Heimreise mit dem Zug, das ist praktisch, die Beine waren ausreichend weich.

Noch mehr Alltag?
Thema: schlappe Batterien, die alten waren von 2012. Also austauschen, die neuen kommen aus Sao Paulo. Online-Bestellung ohne brasilianische Steuernummer und ohne Konto. Schwierig! Arina, Übersetzerin und Dolmetscherin und nebenbei gute Seele aus dem Büro, hilft aus, wie schon mehrfach zuvor, aber bis es so weit ist… Die Bank hat zu (es ist „Sommerzeit“, da geht es ab 14 Uhr an den Strand, wahrscheinlich). Wochenende. Als die Bank am Montag wieder öffnet, nimmt sie für die Transaktion nur Bargeld. Dazu braucht es mehrere Kreditkarten, von denen eine gesperrt… Dat duurt! Es folgt ein Straßentransport auf 2.400 km schlechten Straßen, über Karneval. Dat duurt extra. Nach 3 Wochen kommt der LKW, der Eigner misst die Spannung der Batterien noch im Paket, prima. Nach dem Auspacken allerdings stellt man fest, dass zwei Batterien defekte Gehäuse haben. Dat stresst! Und dann ist auch noch an einem Tage das Paket der heilen, neuen Batterien rätselhaft warm. Dat stresst noch mehr. Ihr seht – wir haben immer wieder Grund, hier abzuhängen und es langsam angehen zu lassen.
Oder: Zwei Kreditkarten bahnen sich einen mühsamen Weg aus Deutschland – irgendwo müssen die Daten in den letzten Monaten abgefischt worden sein, die Gesellschaft sperrt die alte Karte.  Das ruft den posthaltenden Bruder auf den Plan und ergibt mehr (für uns in der Entfernung!) oder weniger (für die Brudersfamilie, die sich mit UPS herumschlagen musste) lustige Erlebnisse mit den verschiedenen Kurierdiensten. Spannung bis Anspannung auf allen Seiten und Dankeschön nochmals an unsere Poststation und den Bruder in Deutschland, die sich immer kümmern!

Voll ist gar kein Ausdruck Carnaval in Olinda

Maracatu Badia – die Lead-Drummerin

Sonst?! Karneval in Olinda. Unglaublich, die drögen AKKAnauten werfen sich einen Tag ins Gewühl und verstehen die Brasilianer und angeschlossene Touristenmassen nicht, die auf kaum wahrnehmbare Zeichen hin kollektiv in Gesänge und Gehüpfe ausbrechen. Ein ziemlich feucht-fröhliches Fest, das steht fest. Es ist fast unerträglich laut und definitiv nichst Agoraphobiker. Mein Highlight war eine Trommlergruppe in einer Seitenstraße – die Maracatú Badía. Infernalischer Lärm, unglaubliche Energie, einfach toll. Für mich bleibt – neben dem einen Tag „Watteohr“, das kommt davon, wenn man dicht dran steht und soch nicht lösen kann! – allerdings eher in Erinnerung, dass wir in Gesellschaft der hier eingefallenen WORLD ARC Rally nach Olinda gefahren waren. Auf der Hinfahrt holte ich mir von einem Briten eine energische Lektion zum Brexit ab (Kurzfassung: „die EU und die Deutschen wollen die Briten bestrafen!“) .  Uff. Beim Warten auf den Rückbus kam uns ein Amerikaner mit „Deep State“-Geschichten und „Obama leads a movement of civil inobedience – you won’t believe it!“ Stimmt, we don’t believe it. Man soll ja nicht voreingenommen sein, aber große Yachten erzeugen bei mir nun vorsichtiges Sondieren der politischen Einstellung. Wobei… die aktuelle Lage, egal ob in Europa, Deutschland, in Südafrika oder nun den USA lässt einen deutlich öfter über Politik sprechen als das in den guten „ruhigen“ Zeiten passierte, also treten Differenzen auch eher mal zutage; vielleicht haben wir die Unterschiede vorher nicht gemerkt. Auch hier in Brasilien spricht man öfter über Politik. Auf immer ohne Temer! Da stehen „Lula? Immer wieder!“ gegen „Lula? Ins Gefängnis mit ihm!“ Wir sind gespannt auf die Wahlen.

Aber nu’… Abfahreralltag. Verproviantierung. Einkochen. Andreas in den Mast kurbeln. Ausklarieren. Abfahren! Nächste Woche. Französisch Guyana. Auf alten Pfaden – mit neuen Nebenpfaden.

Rio!

So sieht es aus in Rio!
Pareoangebot am Strand

Jacaré. 27.2.2017

Jetzt ist Schicht. Kein Blogeintrag über einen ganzen Monat, und dabei fehlt Rio noch.  Leider ist das Netz in Jacaré intermittierend schwach, das hat mich die letzten Tage abgehalten.

Hier also ein paar Erinnergungsfetzen an Rio und den Abschluss der Rucksackreise.

Unsere Reiseenergie war schon in Iguassu weitgehend erschöpft. Ursprünglich war die Idee, durch den Staat Paraná nach Osten zu fahren, vielleicht Brasiliens grünste Stadt (farblich und politisch) anzuschauen, das ist Curitiba, und dann der Küste entlang nach Norden bis Rio und weiter nach Salvador zu reisen. Plan… Das hätte viele Stunden Bus bedeutet, immer lustig, aber immer auch anstrengend: man ist ein bisschen unausgeschlafen, verdödelt am Ziel mindestens einen Tag… – und GOL und andere Fluggesellschaften bieten ab Touristenmekka Iguassu günstige Flüge. Gesurft, geguckt, gestaunt, gebucht.
An einem sonnigen frühen Nachmittag kratzt unser GOL-Flieger nach 2 Stunden mit der Tragfläche knapp am Zuckerhut vorbei, das Häusergewirr von Botafogo und Flamengo zur Linken, das Mooringfeld vor Urca… eine weitere, schneidige Kurve und mit „bumm“ und einem fetten Rückwärtsschub landen wir auf dem Innenstadtflughafen Santos Dumont, den man in die Bucht von Guanabara gebastelt hat. Ziemlich kurze Landebahn! Das olympische Segelrevier 2016 glitzert, hübsch warm ist es, wir haben die Tropen erreicht. Der Taxifahrer macht ein bisschen Sambamusik und wühlt sich durch den Verkehr Richtung Stadtteil Laranjeiras. Das Hostel ist ein schöner, etwas angenagter Belle Epoque-Bau und nennt sich Redentor (nei-enn, nicht „Reden-Tor“! „Hedschentschor“!)  Jetzt geht es los mit dem Brasilianischen – der Wirt in Iguassu hatte in England gearbeitet und war des Englischen für brasilianische Verhältnisse übermäßig mächtig gewesen, aber hier hat jetzt „Google Translate“ via Smartphone Dauereinsatz – wie einen übergroßen Löffel hält uns Wirtin ihr Telefon hin und füttert uns ihre Antwort oder lässt uns sprechen. Sehr witzig, und sehr effektiv. Mit den kleinen Übersetzungsschwächen von Google Translate muss man leben und man lernt, keine komplizierten Sätze zu bilden. „Hallo Marisa!  Schau mal, meine Bermudas lösen sich auf, ich brauche einen Kurzwarenladen, wo ich Aufbügelflicken kaufen kann!“  – so etwas geht gar nicht. „Meine Hose ist kaputt- Punkt –  Wo ist ein Kurzwarenladen?“ muss reichen. Es ist eine rechte Sprachwurschtelei, aber das ist ja auch genau schön so.
Wir laufen viel und sehen viel… toll. Laranjeiras („Orangenbäume“) ist ein schönes, altes Wohnviertel, direkt unter den Millionen Jahre alten Felsen, neben dem Hostel ein altes Stadtpalais, ein paar Schritte weiter ein nettes Café mit Buchladen – oder umgekehrt, oder vielleicht doch ein Biersortenverkauf mit Kaffeeangebot und Büchern… Supermärkte nach Belieben und normales, bürgerliches Brasilianertum. An der Straßenkreuzung Straßen-Leben. Die „Bewohner“ unter der Brücke ziehen manchmal mit ihren Karren um, um ihren Müllfernseher an die Straßenbeleuchtung anzuschließen und dann Fußball zu schauen: Samstagnachmittag zu Hause. Dahinter erinnert ein Denkmal an den ersten italienischen Flieger, der hier (etwas unglücklich) gelandet ist, gleich daneben ein Hundepark, wo sich Dogwalker und andere Hundehalter zum Schwätzchen und die Hunde zum Kämpfchen treffen. Weiter die Rua dos Laranjeiras hinunter kommt man auf den großen Largo de Machado, an dem man abends unter Brasilianern beim Portugiesen sitzt und sich von den benachbarten Ingenieuren von PetroBras was über die Wirtschaftslage erzählen lässt; ob die nun schlecht ist oder nicht, lässt sich nicht entscheiden, aber die verworren ist sie „… eigentlich geht es der Firma gut, aber wie sicher unsere Arbeitsplätze sind, wissen wir nicht!“).  Wir erregen eindeutig Neid mit unserer Lebensweise. Wendet man sich am Hostel zur anderen Seite, vorbei am beschriebenen Café (immer schwer dran vorüber zu gehen!) winkt ein Herr mit ausgebreiteten Armen durch das Platanenlaubauf uns herab. Richtig, der Redentor, Namensgeber unseres Hostels und von Beruf Touristenmagnet – die Erlöserstatue. Müssen wir natürlich auch rauf, obwohl wir das in den 80ern schon mal getan haben. Die Zahnradbahn picke-packe voll und oben… freie Bahn dem Selfiewahn. Mit Erlöser, ohne Erlöser, mit Panorama, ohne Panorama, aber wohl meistens die immer gleiche Fratze, bildfüllend. Für die etwas kunstsinnigeren Fotografen sind Gummimatten am Boden ausgelegt, so dass man zwischen Hunderten von Beinen die totale Froschperspektive einnehmen kann, ohne sich vollends einzusauen.  Aber eines ist es schon: schön! Wenn man sich einen Platz an der Brüstung erkämpft hat, kann man ausdauernd auf diese immense Stadt, die vorgelagerten Inseln, den in der Sonne glitzernden Atlantik schauen, den Horizont bildet eine durchgehende Kette von Bergen. Sehr schön! Übrigens: als wir am nächsten Tag die Innenstadt unsicher machen, sieht man ab und an mal ein ausgestrecktes Händchen des „Erlösers“ durch die Wolken lugen, sonst hüllt sich alles in Grau. Wetterglück muss der AKKAnaut haben!

Rio ist so bunt, so interessant, dass wir ziemlich rasch Salvador – und die Busfahrt dorthin – vom Zeitplan streichen, um noch ein paar Tage hier zu verbringen. Erinnerungswürdig: die Fahrt mit dem Bus von Urca in die Innenstadt. Wir hatten ja schon mal erwähnt, dass wir den schwindelerregenden Straßenverkehr vermissen – hier ist er wieder, die Busfahrer geben sich gegenseitig nichts und den Passagieren alles, dazu „hängen“ die Straßen teilweise und so geht es im Drift durch die Kurven. Das freut den alten Rallyebeifahrer! Wir haben auch Gelegenheit, mit der schicken UBahn (Olympia und Fußball-WM lassen grüßen!) durch die Stadt zu zick-zacken, in abgerissenen Vierteln zig Stoffläden nebeneinander zu finden, gefolgt von zig Sanitärfachgeschäften. Mit der Logik ham sie’s hier nicht so – zwischen Stoff und Klo müssten doch irgendwo auch Knöpfe, Fäden, Nadeln… und Aufbügelflicken zu finden sein? Nö. Das Kurzwarenladenviertel muss irgendwo anders sein. Dafür kriegen wir keinen Platz in der altehrwüdigen „Confeitaria Colombo“ (in einem späteren Versuch dann schon, wat mutt, dat mutt!). Gleich gegenüber ist ein „Café Pawelka“, die Europäer sind hier in Rio wirklich gut vertreten. Wir sehen die scheußlich-schöne moderne Kathedrale – die von Brasilia hat uns besser gefallen, diese hier erinnert entfernt an den „Bee Hive“ von Wellington und ist sowas von „Un-Kathedrale“, zumindest von außen. Mit der alten Straßenbahn fahren wir hinauf ins alte Sommerviertel Santa Teresa und speisen salvadorianisch zu Mittag.
Und dann die endlose Strandpromenade von Leblon nach Copacabana, gleich mehrfach müssen wir da lang.  Der Eigner findet, dass die Girls von Ipanema ziemlich in die Jahre gekommen sind, und überhaupt sind die aufregenden Bikinis aus den 80ern nicht mehr zu sehen. Die nannten sich damals aus gutem Grund „Zahnseide“. Ach, naja – „ziemlich knapp“ ist immer noch modern. Mit der olympischen Modernisierungswelle sind leider die schönen alten Recks verschwunden, die Banco de Santander hat dafür edelstählerne Multifunktionsfitnessstationen aufstellen lassen, die zwar auch gern genutzt werden, aber mir fehlen die starken Männer mit ihren weithin sichtbaren Imponier-Klimmzügen. Dafür wird ausdauernd Beachvolleyball gespielt und auch Beach-Fußball. Wir würden keine 3 Minuten ohne Zusammenbruch durchhalten – was die Cariocas (beiderlei Geschlechts) hier am Sonntag an Fitnessprogramm abliefern, ist wirklich sehenswert. Ich mache mich übrigens auch mal ein bisschen lächerlich: indem ich Plastikmüll aufsammele. Extrem komische Vorstellung!  Alles in allem: es ist der Strandbär los! Am Ende der Copacabana gibt es eine alte Befestigung aus dem 19. Jahrhundert, die man besichtigen kann und wo wir reichlich „Krupp“-Kanonen finden. Danach sitzen wir auf der Festungsmauer und lassen Moqueca und Picadinho servieren. Sehr gut, da stört auch nicht der Blick auf den kleinen Plastikmüllstau unter uns.
Am Tag vor der Abreise genehmigen wir uns noch eine kleine Pflichtveranstaltung: Favela-Besuch. Pflicht nicht generell, eher für mich, und es ist auch nichts, was man auf eigene Faust unternimmt. Über „Free Walking tours“ verabreden wir uns mit Mariela, einer hyperblonden Einwohnerin der Favela Vidigal, die eigentlich aus Santa Catarina stammt, in der Favela im Kindergarten jobbt und eben neugierigen Touristen das Stadtviertel zeigt. Vidigal zieht sich über dem Luxusviertel von Leblon (und über dem dortigen Sheratonhotel) den Hang hinauf, wie die Favelas das so an sich haben, die Bilder kennt ja eigentlich jeder. Wir sehen so etwas wie eine Vorzeigefavela. Der alte Papst Johannes Paul hatte hier in den 80ern mit seinem Wunsch, eines der Elendsviertel zu sehen, den Vorreiter gemacht, und mit ihm kam dann auch – ein bisschen – Elektritzität und Wasserversorgung, was in den anderen Favelas noch immer nicht selbstverständlich ist. Insgesamt war der Besuch kein extremer Augenöffner, vielleicht, weil wir mit Mariela allein waren und der Funke nicht übersprang, oder Mariela vielleicht nicht die große Lust hatte, aber es trotzdem war ein interessanter Ausflug. Zuerst mit dem normalen VW-Bus-Sammeltaxi die einzige befahrbare Straße den Berg hinauf und dann zu Fuß durch die Gassen bergab. Ganz oben leben die Drogenbarone, haben wir gelernt –  weil im Fall einer Razzia die Polizei mühsam hinauf muss und man dadurch genügend Zeit hat, in die umgebenden Berge zu entschwinden. Die Drogenbarone. Nach einer erfolgreichen Säuberungswelle vor 8 Jahren sind sie leider wieder auf dem Vormarsch, nicht unbedingt in Vidigal, aber in vielen anderen Favelas, in denen ein Besuch wirklich keine Empfehlung ist. Unser Santa Teresa-Ausflug  ist ein gutes Beispiel – schick und alt und voller netter Restaurants, täglich besucht von Hunderten von Touristen, jedoch umgeben von Favelas, die die Bewegungsfreiheit der Besucher ziemlich einschränken – wer zu Fuß heraufkommt, sollte immer wissen, wo er/sie sich bewegt…  Ausbreiten können sich die Favelas im Stadtgebiet nicht mehr, zumindest nicht flächenmäßig. Zwar ist die Regel, dass „legal“ ist, was 10 Jahre Bestand hat, aber mittlerweile wird gnadenlos abgerissen, was illegal in die Fläche geht. In die Fläche – nicht in die Höhe, also werden die alten (natürlich immer statisch „gut“ gegründeten) Favelahäuser in der Höhe erweitert. Das sieht auch in Vidigal manchmal ganz schön abenteuerlich aus. Klar, und eng ist es, aus jedem Zimmer schallt eine andere laute Musik – insgesamt aber ist Vidigal ein sehr erstrebenswerter Wohnort, wie Mariela sagt: am Rand von Rio, fast alle haben Blick auf den atemberaubenden Atlantik, die Luft ist gut (wenn man von den Abwasserkanälen und den Hundehaufen absieht). Die 30 Minuten, die es braucht, um im VW-Bus bis ganz oben zu gelangen, kann man kürzen, indem man ein Motorrad benutzt, das schlängelt sich besser durch als ein Auto. Der Bus kostet 1 Real (oder weniger?! 50 Centavos?) und muss, wie in unserem Fall, schon mal den halben Berg im Rückwärtsgang zurückfahren, wenn von oben der Gas-LKW und die Müllwagen kommen. 1-spurig halt, und Ausweichstellen sind – unausweichlich – zugeparkt. Das dauert. Unnötig zu sagen, dass die Hänge, an denen die Favelas kleben, unglaublich steil sind. Ein Acai-Eis und viele interessante Graffitti später sind wir wieder unten an der Küste.  Mariela kassiert unsere Tourgebühr lieber im Schatten einer Mauer – man weiß nie, wer das sieht, sagt sie. Man weiß auch nie, wo gerade wer aus dem Fenster guckt und wegen des Drogenhandels nicht möchte, dass fotografiert wird. Unser Gefühl von „völlig harmlos“ relativiert sind nun doch ein bisschen. A propos Geld… Vidigal kriegt gerade seine erste Bank, auf halber Höhe. Eine Bank für geschätzte 30.000 Einwohner…  Es ist schon eine andere Welt in den Favelas.  Mariela schwingt sich auf den Rücksitz eines Mototaxis bergauf, wir traben zurück zur Küste und 2 km weiter hat uns das große Geld wieder: Leblon. Die höchsten Grundstückspreise von Rio. Die Grundstücke der wenigen alten Luxusvillen grenzen an… Vidigal!

Und seitdem sitzen wir wieder auf der AKKA. Also genug gequatscht. Weitermachen mit Bootsarbeit! Bis dann!

Zwischen Punta und Rio

Rio de Janeiro, 23.1.2017

Wir nähern uns dem Ende dieser Rucksackreise. 4 Monate haben wir die Sachen gepackt, gebuckelt, Hostels gesucht, gebucht, ausgepackt, Wunder der Welt bestaunt, wieder eingepackt. Bis auf die Woche um Neujahr, und da möchte ich eine kleine Danksagung aussprechen:

Dear hosts – That quiet week over New Year’s Eve was pure bliss. Sleeping on a big,  comfy bed, using a dance hall of a bath room and taking a splash in the pool from time to time – just great. We were truly lazy, because sometimes you need a rest from being on holidays.  Thanks again for your kind invitation to use that splendid house – and next time, it would be nice to have you around, somewhere in this world!

Richtig – der Eigner war frech genug, Freunden ein Mail, zu schicken: „… wir wissen, dass Ihr nicht in Punta seid, aber wenn der Schlüssel unter der Fußmatte liegt, könnten wir mal nach dem Rechten schauen…“ Er kann so peinlich sein! Und so gute Ideen haben – nach all dem Rumfahren und den ganzen Stadt- und Naturschauspielen kamen uns 5 Tage „nix“ im mondänen Punta del Este gerade recht. Und es wurden 8 Tage draus, so sehr hatte es mir der Pool angetan. Nicht wirklich unsere Welt, eine Villa, in der man 7 Schritte zwischen  Kühlschrank und Arbeitsfläche läuft, und wo wir es uns, ganz Bootscrew, am eher kleinen Küchentisch gemütlich gemacht haben (8 Schritte vom Spülbecken). Zum Füßevertreten konnte man gelegentlich mal eine Runde durch den Wohnzimmerbereich drehen oder die Wanderung ins Schlafzimmer dazu nutzen. Ihr seht, wir waren schwer beeindruckt. Sowieso – „Punta“ wird als Klein-Monaco bezeichnet, bisschen humpeliger Vergleich, zumindest was die Motorbootgrößen betrifft, aber schee war’s scho‘. Viele hohe Appartmenthäuser (wenn nicht schön, dann architektonisch interessant), noch mehr luxuriöse Villen in weitläufiger Wald- und Parklandschaft. Wir hingen mehrfach an der Mole herum und starrten unverhohlen die ESCAPADE an, eine Schweizer Sloop unter Vanuatuflagge, eine alte Bekannte aus Puerto Williams. 124 Fuß moderne Yachttechnik, besonders das gebogene, gläserne Niedergangsluk, das sich hydraulisch zur Seite bewegt, rief kindische Begeisterungsstürme hervor. An Silvester wurde der ESCAPADE allerdings der Rang abgelaufen, von ebenfalls einer  alten Bekannten, der Doña Francisca aus Montevideo. 173 Fuß altmodischer Schoner. Wir hatten die schöne, alte Dame schon in Buenos Aires aus der Ferne bewundert, aber in Punta waren wir mit der Nase dran. Der Riss von 1868, Beschläge in klassischem Glanz, hochglanzlackiertes Holz. Und doch, siehe oben, alles moderne Yachttechnik, Kohlefaser von oben bis unten im Vintage-Kleid, und hier haben wir dann so frech herumgelungert, dass sich ein Gespräch mit dem Käpt’n ergab. Franciscas Eigner grüßte lediglich huldvoll… Beide Boote aus dem Jahr 2014, die Doña Francisca in  Montevideo gebaut (auf der eigenen Werft, der Besitzer ist Herr „Buquebus“, der den Fährdienst zwischen Argentinien und Uruguay unterhält, und sicher nicht nur das…) Die ESCAPADE wurde für ihre Schweizer Eigner – ihr erstes eigenes Schiff, ein mutiger Einstieg! –  in Neuseeland gebaut (dort ging die Werft dann Pleite, shit happens…). Beide Yachten ganz knapp außerhalb unseres Budgetbereiches. AKKA, wir kommen – Du bist die Beste!
Nach dem Erholsamen und  Mondänen stiegen wir wieder ganz profan in den Bus, fuhren eines Abends die 2 Stunden nach Montevideo zurück und um Mitternacht weiter nach Salto am Rio Uruguay. Frühmorgens ist man dort, lungert etwas herum um den dritten Bus innerhalb 16 Stunden zu erreichen, ins argentinische Concordia, das direkt gegenüber am Flussufer liegt, aber nur über einen 1 1/2stündigen Umweg via Staudamm zu erreichen ist. Und dann ein taktischer Fehler von uns: weiter ging die Reise erst um 21:00, wir laden am Vormittag das Gepäck bei der Busgesellschaft ab und dackeln in die Stadt. Es ist grotten-grottenheiß, wir sind ausreichend müde und der Tag zieht sich. Am Abend – spannender Moment: schließt noch einmal jemand das Gepäcklager auf? – sind wir froh, als  wir ungeduscht und ermattet in  die Semicamasitze vom Bus nach Pousadas sinken können. Beim nächsten Mal gibt es in dieser Situation ein Zimmer für den Tag. Wie die Anfänger…
Von Pousadas sehen wir nicht viel. Am frühen Morgen fallen wir aus dem Bus und stolpern wenige Meter daneben über einen, der mit „San Ignacio“ beschriftet ist, da wollen wir hin, und er nimmt uns für ganz kleines Geld mit. Schick! Die Arbeiter der Matefabrik auf dem Weg zur Sonntagsschicht. 2 Stunden hoppeln wir durch weites Grün und laden Dorfpolizisten und andere Landbevölkerung  an entlegenen Posten ab. Und alles  mit…ja klar, Mate.

In San Ignacio müssen wir zwar länger auf unser Zimmer warten, aber es gibt einen Pool, eine Dusche, alles fein. Das Reiseziel San Ignacio hatte ich mir gewünscht, weil ich gern ein bisschen von den Ursprüngen der Besiedlung dieses 3-Länderecks Paraguay/Argentinien/Brasilien sehen wollte, das ist nämlich etwas Besonderes.
Nach der Eroberung Amerikas durch die Conquistadores machte man – schon 1604 gab es dazu eine päpstliche Synode! – sich Gedanken, wie denn mit den Einheimischen in Südamerika umzugehen sei. Die Siedlungspolitik nannte sich „Encomienda“, ein hübsches Wort dafür, dass, wer erobert, auch das Sagen hat und freie Hand, Hauptsache die erwarteten Gewinne, vor allem in Form von Bodenschätzen, fließen. Das „Menschenmaterial“ war dabei wilkommene Hilfe und wurde zwangsverpflichtet – und es gab viele Menschen. In manchen heute argentinischen Provinzen lebten im 16. Jahrhundert Zehntausende, und man machte Gebrauch von der Arbeitskraft, die sie zur Verfügung stellten – bis man (verwundert?!) feststellte, dass es eigentlich immer weniger wurden.  Neue königliche Idee, eigentlich ganz löblich: die Einheimischen sind von den Conquistadoren zu trennen, um ihnen die Abscheu vor den Eroberern und deren Religion zu nehmen. Kurz nachdem Ignacio de Loyola seine „Jesusgesellschaft“ gegründet hatte, warb der portugiesische König dort erste Priester an, die sich in den südamerikanischen Weiten um die Ortsansässigen kümmern und sie natürlich missionieren sollten. Es dauerte noch ein paar Jahre, aber dann begannen diese Jesuiten-Priester Siedlungen zu gründen, im Spanischen „reducciones“ genannt. Die Einheimischen waren ein bisschen entgeistert, denn wer will, wenn er eigentlich halbnomadisch lebt, schon in Siedlungen europäischen Stiles ziehen? Der Druck von außen machte die Entscheidung allerdings leicht, denn in den Reduktionen war man den Angriffen durch Conquistadores und Sklavenhändlern nicht mehr ganz so wehrlos ausgesetzt, und so nahm ein merkwürdiges Siedlungsmodell seinen Anfang, es entwickelte sich ein kleines Utopia: 2 Jesuitenpatres lenkten zwar die Reduktion, sicher nicht besonders zimperlich, aber die Gemeinschaft der Bewohner war im Rahmen der überkommenen Traditionen organisiert – es gab einen Ältestenrat, die Kaziken, die Medizinmänner behielten ihre Funktion. Eines der Hauptanliegen der Jesuiten war und ist die Bildung also wurden Kinder ab dem 6. Lebensjahr schulpflichtig – Mädchen mussten zwar nur Lesen und schreiben lernen, aber immerhin. Kleine Jungs durften dagegen auch Rechnen und andere Künste erlernen. À propos Kunst: gerade die Guaraní, in deren Lebensbereich San Ignacio liegt, waren sehr kunstsinnige Leute, mit Farb- und Formensinn, und es ergab sich eine ansehnliche Mischung, eine christlich-sakrale Indiokunst, von beiden Seiten sehr geschätzt. Nur wurde die Utopie immer wieder gestört, denn Conquistadoren und freie Sklavenhändlertrupps griffen die Reduktionen, von denen es schnell 40 gab, immer wieder an, und nach einer Weile erwirkten die Jesuiten, dass man eine bewaffnete und berittene Miliz bilden dürfe. Erfolgreich, nicht nur militärisch – auch wirtschaftlich waren die Reduktionen ein Erfolg, der Neid und Hass bei den Conquistadoren hervorrief und nach Macht roch, nach einem Staat im (Kolonial-)Staat. Nach etwa 150 Jahren hatte sich der utopische Spaß so weit verselbständigt, dass der König von Spanien auf Druck der Portugiesen per Dekret das Ende der Reduktionen beschloss. Im Endeffekt wurden die 7 größten Reduktionen am Paraná gegen – siehe oben! – den strategisch wichtigen Hafen Colonia del Sacramento getauscht. Alle Priester wurden deportiert, die Bewohner wurden ihrem Schicksal überlassen, und das war entsprechend bald besiegelt. So sind in der Gegend um den Rio Paraná von den 40 Reduktionen nur vom Urwald überwachsene Ruinen übrig. Bis auf San Ignacio Miní – das hat man ein bisschen restauriert. Und wir waren dort. San Ignacio selbst ist ein weitläufiges Landstädtchen, am Ankunftstag stapfen wir über roten, aufgeweichten Lateritboden zum Hostel – sonst ist nicht viel los, bis auf „Ignacio Miní-Tourismus“. Und Mateanbau. Wir versuchen, die Reduktion zu finden und werden erst einmal fehlgeleitet… Hier muss es doch irgendwo sein? Es ist da – und wir sind vom Ausmaß der Anlage überrascht. Hier haben als 2 Jesuitenpriester mit mehreren Tausend Guaraní gelebt. Die Reduktionen sind streng durchorganisiert – traditionelle indianische Langhäuser, hier aus Stein, umgeben in ordentlichen Straßenzügen eine riesige Plaza, auf deren Gegenseite die Reste der gewaltigen Kirche und der Schulgebäude liegen. Werkstätten, Bürgermeisterei, alles ist da. Ein bisschen dumm ist für uns, dass wir keinen Guide erwischt haben und allein durch die Weiten der Anlage laufen – die Informationsstände, eigentlich mit Ton und ordentlichen Informationstafeln, sind teilweise außer Betrieb. Dennoch – der Eindruck sitzt. Toll war es für Halbnodmaden vielleicht nicht, in solche Verhältnisse zu ziehen, das Leben war nicht wirklich selbstbestimmt, aber es war auch nicht das Schlechteste angesichts der Bedrohung von außen. Übrigens war die Christianisierung nicht unbedingt vollständig – und das wurde in Maßen toleriert. Dass die Jesuiten dafür sorgten, dass die Guaraní ihre Sprache beibehalten durften, war übrigens einer der Stolperstiene in dieser Geschichte: seitens der Kolonialherren wurde vermutet, dass man dies tue, um die Erfolgsgeheimnisse der Reduktionen in einer „Geheimsprache“ weiterzureichen. Da muss man natürlich dreinschlagen.
Am Abend nahmen wir dann noch an einer Sound- und Lichtshow auf dem Gelände Reduktion teil. Ein bisschen künstlich, aber dennoch beeindruckend, weil man etwas mehr politisch korrekte Guaranígeschichte eingebaut hatte und etwas über die Lebensverhältnisse erzählte. Jesuiten-Disney, sozusagen – aber doch ganz empfehlenswert.

Und das war dann das letzte Weltkulturerbe dieser Rucksackreise. Fehlt nur noch ein Naturerbe, und das folgte auf dem Fuße. Die Wasserfällen von Iguazú. Wie sagt man da heute? Boah! Wow! Der erste Eindruck von der argentinischen Seite war noch „ach.. da kommen die Vic-Falls in Zambia/Zimbabwe aber leicht mit!“ Kamen sie nicht. Unglaublich, diese Wassermassen! Unglaublich, das Getöse am Teufelsschlund! Unglaublich… diese Touristenmassen – nun gut, Hauptferienzeit in Südamerika, da nimmt das nicht Wunder. Von der brasilianischen Seite das Ganze noch einmal. Die großen Wasser- und Touristenmassen ganz in Greifnähe. Toll. Wirklich beeindruckend, und weil das Getpse nach Kontrast verlangt, erst eine kleine, 8 km lange Wanderung durch den Regenwald ganz ungestört zu einem kleinen Wasserfall – und am Tag drauf Wassermassen mal von der technischen Seite. Eine „special Tour“ im Wasserkraftwerk von Itaipú, das sich mit dem Beinamen „Binacional“ schmückt, weil der Staudamm die Grenze zwischen Paraguay und Brasilien überbrückt, am „Singenden Felsen“, dem Itaipú. Bis die Chinesen 2006 ihr Drei-Schluchten-Kraftwerk fertig gestellt hatten, stellten die 22 Turbinen in Itaipú das größte Kraftwerk der Welt dar, der Wasserdurchsatz ist etwa 9mal so groß wie der der Wasserfälle von Iguassu ein paar Kilometer flussabwärts. Der Stausee ist über 170 km lang und und viele Kilometer breit; ich fand ganz fansizinierend, dass es nur 14 Tage dauerte, bis die „Wanne“ voll war. Von der Leistungsausbeute bleibt Itaipú auch weiterhin der Weltmeister und man ist darauf wahrlich stolz. Das liegt daran, dass der Wasserstand über das ganze Jahr gleichbleibend ist – in China kann nur zur Regenzeit die volle Ausbeute erzielt werden. Die Besichtigung ist noch einmal „boah“. Riesenhaft der Damm, vom Scheitel bis zur Sohle über 200 m tief, der Besucher darf auf Level 92 runterschauen. Die dicken Turbinenschäfte, die Überlaufkanäle, alles XXL. Und interessant zu sehen, wie dieses Kraftwerk wirkllich „binacional“ ist – zu gleichen Teilen zwischen Paraguay und Brasilien organisiert. In den Steuerzentralen sitzen… rechts 3 Paraguayer, links 3 Brasilianer. Der Supervisor wechselt regelmäßig – einen Tag Paraguay, einen Tag Brasilien. 15% der Ausbeute geht an Paraguay, mit steigender Tendenz, die verbleibenden 35% wissen sie gewinnbringend an die Brasilianer zu verscherbeln, und die Brasilianer wiederum schauen eifersüchtig auf den steigenden Energiehunger auf der Westseite des Paraná: bleibt das noch was für uns übrig?! Egal, unser Guide sagt: toller Arbeitgeber, der beste in Brasilien, wie er findet, mit Krankenversicherung, guten Schulen, Housing Projects. Und mittags fahren 2 Buskolonnen über den Damm: die brasilianische Belegschaft zur Mittagspause nach Osten, die Paraguayer nach Westen. Alles streng „binacional“.  Schon die Planung des Kraftwerkes finde ich an ein Wunder grenzend, denn in den 70er Jahren war man sich eigentlich in den drei beteiligten Militärdiktaturstaaten (im Süden hängt ja zumindest geografisch noch Argentinien dran!) alles andere als grün, aber man hat sich zusammengerauft. Die größte Befürchtung der Argentinier war übrigens, dass die Brasilianer den Stausee im Krisenfall überlaufen lassen würden und dann Buenos Aires unter Wasser stünde. So sind sie, die Staaten untereinander…

Und dann kam noch Rio. Und Donald…  Bis ganz bald, Politik und AKKA beschäftigen uns ausreichend!

Mateeee!

Mate-Reklame in San Ignacio. Mein Garagentor soll schöner werden!

San Ignacio/Argentina, 8.1.2017

Uruguaybesuch im Schnelldurchgang! Fähre namens Buquebus von Buenos Aires nach Colonia del Sacramento für ein möglichst ruhiges Weihnachtsfest, damit ging es los, über den Rio de la Plata, einen wirklich sehr breiten Fluss. Von Sacramento aus ahnt man nichts, aber überhaupt nichts von einem gegenüberliegenden Ufer. Buenos Aires war beeindruckend, klasse, ich frage mich dann oft, wie sehr ich doch Stadtpflanze bin; aber wie schön ist es, in einem alten Kolonialstädtchen im kleinen Bistro am plätschernden Ufer zu sitzen, einen Kaffee zu schlürfen und einer wilden Vogelmischung aus Reihern, Watvögeln und Papageien zuzuschauen.

Portugiesisches Erbe

Sacramento ist zwar uruguayisch, aber es hat portugiesische Wurzeln, was sich vor allem an den Azules, den blauen Kacheln festmachen lässt. Der Kampf um diesen exponierten Punkt ging über Jahrhunderte zwischen den Spaniern und den Portugiesen hin und her, denn über den Rio de la Plata und die Flüsse Paraná und Uruguay gelangt man weit die inneramerikanischen Siedlungssgebiete. Eine alte Befestigung mit Zugbrücke darf nicht fehlen. Die gepflasterten

Nachtspaziergang in Colonia

Straßen sind wirklich noch ursprünglich und von großen Platanen überkront, sehr kuschelig und angenehm ruhig. Sehr ruhig – schwierig, am Weihnachtstag ein Lokal für den Nachmittag zu finden! AKKAnaut spaziert am Wasser entlang, bewundert die vielen alten Fahrzeuge am Straßenrand. Und ein paar Yachten, die im Hafenbereich liegen. Leider ist es überraschend teuer – vielleicht nicht für argentinische Verhältnisse, denn Ferienlustige von der anderen Seite gibt es zuhauf.

Montevideo … in unserem Barrio

Wir kehren also zur Hostel-Picknick-Taktik zurück und wenden uns bald vom kleinstädtischen Weltkulturerbe ab und der nächsten Großstadt zu. Montevideo! Wir wohnen nahe der Haupteinkaufsstraße in der Altstadt, nettes Billighotel, schöne, von Platanen beschattete Straßen ringsum, leicht angemoderte Belle Epoque-Villen – aber viel übersichtlicher als die große Schwester auf der anderen Seite des Plata. Einzig das Zwillingsgebäude des Palacio

Feuer und Fleisch. Das nennt man Parilla…

Barolo in Buenos Aires ist um ein paar Zentimeter höher, dafür ist es nicht renoviert. Und es fehlt ihm die Glaskuppel… der Plan war gewesen, auf beide Gebäude ein Leuchtfeuer zu setzen, so dass man sich gegenseitig sehen könne. Warum weiß der Geier und rein geografisch/physikalisch ein Unding, mit 120 nautischen Meilen Abstand. Dafür speisen wir in der alten Markthalle, die ein Konglomerat von riesigen Grillfeuern ist, der Lust am Fleisch sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Typische Körperhaltung

Zwischen den Steaks tut der Uruguayo eines: nuckeln, und das fasziniert uns nach wie vor. Schon in Argentinien oft zu sehen, hat hier jeder 3. Passant eine Thermosflasche im Armwinkel, in der Hand eine Calabaza und nuckelt an der Bombilla, dem silbernen Trinkröhrchen. Ein soziales Ereignis zumeist, denn das Gefäß wird dem jeweiligen Gesprächspartner weitergereicht, nachdem der Spender ein bisschen heißes Wasser in die grüne Matsche gekippt hat. Man zieht kurz an der Bombilla (die unten ein Sieb hat), reicht das Gefäß zurück – der nächste, bitte. Unseren ersten Mate hatten wir im Bus in Puerto Madryn genossen – von Ugo, dem Guide, und auch gleich erfahren, was man NICHT tut, wenn man Mate angeboten bekommt: ablehnen. Hatten wir leider schon getan, bei Francisco in El Calafate, so sorry! Der hatte erzählt, dass er den Mate seiner Mutter scheußlich finde, weil gesüßt. Dass Mate anregend sei, aber nicht wie Kaffee. Dass man auch kleine Kinder schon daran saugen lasse, und dass man in ihren Kreisen sage, dass ein Junge dann ein Mann wird, wenn er seinen ersten, eigenen Mate aufgieße. Hm. Interessant, das Letztere, sagte uns aber nichts, bis uns Ugo auf den Trichter brachte: das ist der Zeitpunkt, wenn das mit den Mädchen losgeht! Kannst Du mir bei den Matheaufgaben helfen? Magst Du vielleicht einen Mate mit mir… Also, egal ob zarte Bande oder Tourist mit Guide – eine Matecalabaza kann man nicht ablehnen, denn das Angebot ist ein Vertrauens- und Freundschaftsbeweis. Und wenn es noch so bitter ist… Mate trinkt man überall und man bereitet ihn überall, es wird also nichts zu Hause vorgefertigtes herumgeschleppt, nur heißes Wasser, das Trinkgefäß, das Trinkröhrchen und gegebenenfalls einen Vorrat an Mateblättern. Kurze Abwesenheit von der Matequelle? Calabaza füllen und unterwegs auffüllen – das ist der „Thermos unterm Arm“-Klassiker. Gefahr im Verzug, dass man ganz neu ansetzen muss? Im Bus, egal ob Fahrer oder Fahrgast zum Beispiel? Im Büro, Labor? Wenn der Shoppi gtrip länger dauert? Am Strand oder im Straßenkiosk? Dann braucht es einen „matero“, die es in vielerlei Ausführungen gibt. Von der Palmblattkonstruktion über eine rustikale Holztablettvorrichtung zum Lederkoffer, auch als allerfeinste Kalbsleder-Damenversion in Modefarben. Super Sache. Im Matero befindet sich die Mate-Vorratsdose und die Thermoskanne – die Calabaza hat man ja gewöhnlicherweise ja in der Hand, aber die passt natürlich auch hinein. Der Besitzer des Gefäßes gibt sich zuerst der Kunst der richtigen Dosierung der Blätter (kleingehäckselte Blättchen vom Ilex paraguayensis) hin, sodann der Abschätzung der richtigen Wassertemperatur, über 80°C, aber nicht zu heiß. Dann lässt er den sich bildenen Matsch kurz ziehen, saugt die ersten Schlucke selbst – weil richtig bitter! – füllt mit Wasser auf und lässt die Calabaza kreisen. Anerkennendes Nicken – gut gemischt! Aber ja nicht mit der Bombilla rühren, das obliegt, wenn überhaupt, dem Gastgeber und wird erst gemacht, wenn der Geschmack nachlässt – durch vorsichtiges Rühren werden noch nicht ausgelaugte Regionen der Matematsche dem Wasser nähergebracht. Wenn die Mischung zum Schluss dünner wird, sieht man allerdings häufig, dass man aufgießt und die Bombilla kurz um einen halben Zentimeter hebt. Dann schmeckt’s wieder, jedenfalls eine Weile… Den Abschluss bildet nach langer Saugezeit das beherzte Auskippen der Mateschweinerei. Im Blumenbeet, im Mülleimer oder daneben. Ist ja biologisch abbaubar und sieht ein bisschen nach grüner Kotze aus.
Und drum kommt hier unsere Mategalerie. Mate in allen Lebenslagen! Wohl bekomm’s!

Auf zum Strand!

Strandidyll mit Tattoo

Holz-Leder-Matero

Der Leder-Köcher

José Luis‘ Matesatz

Hafenmauertreff mit José Luis

Baah. Kuhfüße.

Die Damenversion

Der Juwelier bietet’s auch

Rauchen, Surfen, Schlürfen

Serviettenfalten, Buchführung, Mate

Eva, Isabel und andere

Und plötzlich ist es wieder Sommer! Palacio Barolo

Colonia del Sacramento/Uruguay, 25.12.2016

19 Stunden Cama-Bus von Puerto Madryn nach Buenos Aires, Endstation Retiro. Retiro ist einer der sozialen Brennpunkte in  Argentiniens Hauptstadt, und wirklich jeder Argentinienreisende hat eine Geschichte zur Kleinkriminalität hier beizusteuern. Gern erzählt, ungern erlebt: der Tourist wird angespuckt oder mit etwas Unappetitlichem beworfen oder bespritzt, ein freundlicher Helfer springt hinzu, um die Schweinerei zu beseitigen; ach, sind sie nett, die Portenos… Nur leider verschwindet während dieses Prozesses Handtasche, Rucksack, Hosentascheninhalt. Clever – und wir wussten’s ja, die Kassiopeias hatten drunter gelitten, die „Wanderer“ einen Rucksack „mit alles“ eingebüßt. Eine Engländerin im Hostel in El Calafate sagt: „… zweimal haben sie das mit mir versucht! Don’t make a fuss – just go!“ Also steigen wir aus, es gewittert, wir klemmen unsere Habseligkeiten an den Körper und suchen uns lieber ein Taxi. Nicht so einfach an diesem verwirrend großen Busterminal – zumindest da, wo die Schilder einen hinlocken, befinden sich keine. Nein, keine böse Absicht, nur vielleicht – schluderig?! An der Tankstelle nebenan aber, da holen die Taxis sich ihr Gas für die Weiterfahrt, und dort steht dann auch Fernando. Buenos Aires, die erste… Fernando ist sehr beleibt und springt auf „aleman“ sofort an: „Cheil Chitler“ ist der erste Gruß – Mann, wann hört das auf? Kulinarisch ist die Unterhaltung schon ansprechender: „…meine Mutter ist Uruguaya [ausgesprochen bitte „Uruguaischa“], und in meinem Heimatort gibt es die besten FRANKFURTER con chucrut.“ Er reibt sich die Wanne und kriegt sich gar nicht ein… Sauerkraut, das wäre ja mal was. Trotz der etwas missglückten Begrüßung eine kurzweilige Fahrt, wir bekommen auch noch einen kleinen Abriss über  „La Boca“ serviert, wo er aufgewachsen ist, mit einem Seitenhack auf die  Küche seines italienischen Vaters. Buenos Aires, wie es leibt und lebt. Be-leibt. Wir gleiten über die sonntäglich ruhige 9 de Julio, vorbei am Obelisk, voraus klebt Frau Perón an einem Hochhaus, aber vorher tauchen wir nach rechts in die Avenida Rivadavia ab. Wir wohnen mitten in der Stadt, nur wenige Hundert Meter vom Nationalkongress. Schäbige, heruntergekommene Belle-Epoque-Häuser, der Bürgersteig braucht auch liebevolle Zuwendung, will sagen: wir haben nicht im Lotto gewonnen und können uns nun Innenstadtlage leisten, sondern im Gegenteil, hier ist billig wohnen – so ziemlich das günstigste Hostel auf dieser ganzen – insgesamt sauteuren! –  Reise. Backpackerhotel La Parada nimmt uns auf und gibt uns ein Zimmer im 3. Stock – Fenster zur Parada, der Bushaltestelle auf der Talcahuano. Ah! Daher der Name; der Schall fängt sich in der Häuserschlucht. Bremsenquietschen, Türöffnen, Schließen, Anfahren. Ganz gutes

Buenos Aires. Mittendrin.

Zimmer, geräumig und mit eigenem Bad. Küchenbenutzung inklusive, allerdings bringt man tunlichst das eigene Besteck mit, und die Pötte in diesen Hostels – was machen Backpacker eigentlich damit? Nicht nur, dass die meisten verkohlt sind, ihnen fehlen auch gern die Topfstiele und fast alle sehen aus als seien sie für Jamsessions als Perscussioninstrument benutzt. Oder… für des Argentiniers liebstes Hobby? Topfschlagen auf Demonstrationen? Ganz gleich, für unser Hostelküchenkochen reicht es allemal. Wir sind zufrieden, und die Suche nach einem Kaffeehaus – es ist Sonntag und recht viel „Ruhetag“! – führt uns gleich durch viele interessante Altstadtstraßen. Buenos Aires – faszinierend!

Mafalda, die Schlaue!

Programmpunkt Nummer eins: die Grande Dame dieser Stadt, und das ist Mafalda! Na gut, eher petite fille dieser Stadt, aber clever. Eine Comicfigur mit schlauen Sprüchen à la: „Guck mal, ist der nicht schön, dieser Globus?! Und warum ist der schön? Weil er ein Modell ist – das Original ist eine Katastrophe…“ In San Telmo gibt es eine ganze Straße, an Figuren aus den argentinischen Comics Spalier stehen, und die Bank, auf der Mafalda sitzt, ist eigentlich immer mit Selfie-Schießern besetzt. Mir gefällt’s.

Als wir in den 80ern hier waren, haben wir eigentlich, von einer Stadtrundfahrt mit den Mechanikern vor der Rallye abgesehen, nichts gesehen, also laufen wir uns dieses Mal die Füße wund. Schickes neues Hafenviertel, Straßencafé am Teatro Colón, Geschäftsrummel, lautstarke politische Demonstrationen, Verfallendes und Schickimicki-Viertel mit Designerkram. Wir werden Stammkunde beim Carrefour an der Ecke – die Preise für Restaurantessen sind gepfeffert, und obwohl es mittlerweile durchaus ein bisschen Salat oder Gemüse gibt, reicht uns das nicht. Nur die Fleischportionen sind günstig, dafür kaum zu bewältigen. Merkwürdig. Und sowieso: Abendessen ab 21:30, und das ist noch früh…
Das Straßenbild hat sich auch geändert, der Verkehr ist zwar dichter geworden, aber weniger chaotisch, was wir auch schon in Brasilien beobachtet haben – keine 15 Spuren mehr in eine Richtung, von denen die inneren 5 abbiegen dürfen, und es auch tun, oder nicht. Damals war’s. Noch etwas fehlt im Straßenbild – die schöne, alte Herrenfrisur mit den pomadigen Locken im Nacken. Auch die älteren Herren sind zu  kürzeren Haarschnitten übergegangen – und bei den jüngeren geht der Trend zum Hipster. Schöne globalisierte Welt. Mafalda wüsste sicher was dazu zu sagen…

Die aktuelle politische Situation

Wir entschließen uns zu einem geführten Spaziergang durch die Stadt, und obwohl uns die Menge der auflaufenden Touristen ein bisschen schreckt, stellt sich die Veranstaltung als Gewinn heraus – mein Hang zu geführten Touren nimmt zu, man kriegt so einiges mehr mit. Auch heute, mit Juan… eigentlich ist es nur ein kurzes Stück vom Nationalkongress zur Casa Rosada, dem Präsidentenpalast an der Plaza de Mayo – aber wir brauchen 3 Stunden dafür. Die Führer der Free Walks Buenos

Demos, täglich neu

Aires bieten entlang der vorgeschlagenen Strecke jeweils ein eigenes Programm und eigene Einsichten in die Geschichte der Stadt und Argentiniens, also nichts Auswendiggelerntes. Juan behält sich gleich vor, dass er die Strecke ändern muss – wenn wir kurz vor einer Demo zur Casa Rosada einbiegen würden, verstünde man sein eigenes Wort nicht mehr. Und dann enthüllt er witzige Details – warum zum Beispiel die barbusigen Damen vor dem Parlament so alabasterweiß strahlen, während das Parlamentsgebäude so grau und verwittert daherkommt? Weil einer der Präsidenten des angehenden 20. Jahrhunderts nicht ertragen konnte, dass Freiheit, Wohlstand und Gerechtigkeit derartig freizügig dargestellt wurden – also weg damit! 100 Jahre waren sie verbannt und wurden erst kürzlich wieder frisch, weiß und barbrüstig auf ihr Podest

Café Tortoni. Alte Pracht

gestellt. Der Barolo-Palast, Bürogebäude, Hotel, Mausoleum und Leuchtturm in einem und ehemals Buenos Aires höchstes Gebäude. Argentinien war von 1880 bis zur Weltwirtschaftskrise ein sehr reiches Land, das zeigen die prächtigen Bürgerhäuser entlang der Avenida de Mayo, mittendrin ein Graffito zur aktuellen politischen Situation, in der der neue Präsident Macri in den Fängen internationaler Konzerngeier dargestellt wird. Eine Kathedrale ohne Türme – die Kathedrale des derzeitigen Papstes – im Stil eines griechischen Tempels, mit ägyptischer Mythologie verziert, als katholisches Gotteshaus fast nicht zu erkennen. In der Nähe steht auch das letzte koloniale Gebäude, das die Bau- und Abrisswut des ausgehenden 19. Jahrhunderts – und die Wut der Argentinier auf die spanischen Kolonialherren! – übrig ließ. Die Plaza de Mayo und die Geschichte um die Mütter und mittlerweile Großmütter der

Evita isst (k)einen Hamburger

Plaza de Mayo… und natürlich immer mal Einblick in den Peronismus samt Evita-Story, sehr anschaulich und amüsant bis erschreckend anzuhören. Eine Frauenfigur zwischen Heiliger und Polithexe. Zum Abschluss eine Vorführung der gültigen argentinischen Geldscheine – die alten, mit den Präsidenten und Befreiern, dann die Serie der Cristina Kirchner, Zitat: „… Ihr hättet mal das Gesicht meines Vaters sehen sollen, als da Evita Peron auf dem 100er auftauchte…“. Der aktuellste 50er im Umlauf zeigt übrigens die Islas Malvinas, auch bekannt als Falklandinseln – auch hier hatte Juan Sarkastisches zu bemerken; so ganz einhellig ist die Meinung zur Zugehörigkeit der Malvinen zu Argentinien vielleicht doch nicht… Herr Macri jedenfalls bemüht sich, Kirchner-Spuren zu verwischen, nicht nur bei den Geldscheinen, aber auch dabei sind die neuen neutraler gehalten. Wale, Jaguare, das sollte von Dauer sein.

Weil es uns auf diesem Spaziergang so gut gefiel, gelangte noch ein „Free Walk“ auf das Programm. Wir waren 1986 zwar schon einmal auf dem Friedhof der Recoleta gewesen, aber die Erinnerung war eher schwach, bis auf die Mengen an Blumen, die an Eva Duarte de Peróns Grabmal abgelegt waren. Dieses Mal war Francisco der Guide – und der führte uns seine Lieblingsgräber vor mit allerlei traurigen, schaurigen, lustigen Geschichten.

Schaurig. Rufina Cambaceres.

Schaurig: das junge Mädchen, das nach einem katatonischen Schock bestattet wurde und nach Tagen versuchte, ihrem Sarg zu entkommen – sie hat die Versuche nicht überlebt, was eine Flut von modernen Särgen hervorrief, die man von innen öffnen konnte. Im gleichen Zusammenhang das Beispiel des englischstämmigen Ingenieurs, der nun solche Angst davor hatte, bei lebendigem Leib bestattet zu werden, dass er ein ausgefeiltes Sicherheitssystem ersann – nicht nur das Öffnen des Sarges von innen, sondern auch Öffnen der Türen des Mausoleums war möglich, und er testete die Funktion alljährlich an seinem Geburtstag. 14mal tat er das. Beim 15. Versuch kam er nicht wieder heraus, er war allerdings auch hineingetragen worden, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht lebend, but… who knows? Dann ein fantastischer, sehr unterhaltsamer Vortrag zu peronistischer Politik, dem Leben und Treiben Peróns und seiner Gattinnen; der zig Tausend km lange Weg der Leiche Evitas vom Sterbeort zur Familiengruft (die nur wenige 100 m voneinander entfernt liegen. Perón hatte seine Frau einbalsamieren lassen in der Absicht, sie auf Dauer zur Schau zustellen. Was man zum Machterhalt so tut, aber es half nicht. Viele solche faszinierende Geschichten gab es bis hin zu ihrer Nachfolgerin Isabel, die zwar Evitas Beliebtheit nicht erreichte, es aber bis zur Präsidentin schaffte – wirklich lustig war davon das Wenigste. Der viele Hass, der Eva Perón noch heute entgegenströmt steht in farbigem Kontrast zu den vielen Sympathiebezeugungen, den stets neuen Blumen am Tor des Grabmals, den „Santa Evita“-Heiligenbildchen – sehr interessant und so bitter wie spaßig: es versammelten sich um unsere Gruppe diverse amüsiert zuhörende Argentinier.

Dann lieber amüsant: Ein Grabmal, zwei Blickrichtungen.

Dann wieder Prachtbauten, Verfallendes, Gräber „for sale“- wer auf sich hält, lässt sich noch heute hier bestatten, und insgeamt liegen hier über 5.000 Leichname auf diesem beengten Friedhof – die meisten Gräber haben unterirdisch mehrere Stockwerke. Nicht vergessen möchte ich das Mausoleum der de Carrils… Frühes 20. Jahrhundert. Muttern war shoppingsüchtig und gab so viel Geld aus, dass Sr. de Carril, seines Zeichens Vizepräsident der Republik,  eine ganzseitige Anzeige in die Zeitung stellte, er sei bereit, alle anstehenden Schulden zu begleichen, aber für weitere käme er nicht mehr auf. Das tat der Ehe nicht wirklich gut. Als er starb, äußerte Sra. de Carril wenig Bedauern, sondern wollte wissen, wie viel Geld übrig sei, und es erwies sich als genug, um sich einen sehr schönen Lebensabend zu machen und zum Schluss ein gemeinsames Grabmal für die Eheleute bauen zu lassen – prächtig, prächtig. Obendrauf sitzen sie beide – und schauen in entgegengesetzte Richtungen. Ein wirklich herzliches Verhältnis…

Und das war‘ aus Buenos Aires.
Ach ja, und noch ein Schnack von Mafalda… „Wie wird das kommende Jahr sein?“ „Oh“ sagt Mafalda „… mutig muss es sein, denn es kommt ja, obwohl die Dinge so sind wie sie sind…“

Stimmt, Mafalda!

Weihnachtsgrüße aus Uruguay!

Löwen und Elefanten

Seeelefanten. Ferien auf dem Trockenen

Puerto Madryn, Mitte Dezember

…und noch ein Schlafbus, „Don Otto“ von Bariloche nach Puerto Madryn. Von Don Otto hatten wir schon vor Jahren gelesen, dass es gutes Essen an Bord gibt, und tatsächlich, die Klopse/Frikadellen waren super, aber ansonsten war es halt… ein Schlafbus. Mittlerweile sind wir ja zu Schlafbusspezialisten geworden, und dieses war wieder einmal ein „Cama ejecutivo“. Das sind die, wo die Beine zwar fast gestreckt, aber im Knie um 20° gewinkelt abgelegt werden. Ganz schick und knick-und faltenfrei kommt man  nur mit dem „cama premium“ ans Ziel, wo man sich richtig lang machen kann, aber es geht auch so, und wirklich gut. Kleine Buskunde für ältere Traveller.

Im Morgenlicht sieht man die Landschaftsbescherung: platt und halbwüstig. Noch ein Stopp in Trelew (am Abend zuvor nur in Esquel  ein merkwürdiger „alles raus-5 Minuten Zeit-alles wieder rein-Haltepunkt), dann öffnet sich der Blick auf den Atlantik und kurz danach sind wir da. Das Smartphone – was wären wir ohne OSMand und Google Maps? – leitet uns zum Hostel La Tosca. Extrem netter Empfang durch Eduardo, der es erst einmal auf Spanisch versucht. Es wird eine Weile des Stammelns brauchen, ehe wir ihm auf die Schliche kommen, dass sein Englisch prima ist. Winziges Schlichtzimmer mit geteiltem Bad: wer auf’s Klo will, muss kurz klopfen. Nothing heard? Dann darf man rein. Es ist nämlich ein Teilbad für nur zwei Zimmer. Während ein Teil unserer Reisegesellschaft nach einem unverdienten, aber dennoch kostenfreien Frühstückskaffee ein Päuschen einlegt, höre ich mir Eduardos Einführung in die Stadt und die Tourmöglichkeiten an, schließlich bin ich hier, um die ansässigen Seelöwen und Seeelefanten zu besuchen. Wale, das ist klar, werden wir nicht nicht mehr antreffen. Und Eduardo macht mir gleich den Mund wässerig, es gibt eine Stelle in der Nähe, wo unterhalb einer Steilküste zu dieser Jahreszeit Hunderte junger Seeelefanten pausieren. Das will ich!

An der Kliffkante

Tags drauf werden wir mittags abgeholt, Luis und Fahrer/Bruder René rumpeln mit uns gute 90 Minuten über Schotterstraßen zur Landspitze. Luis steigt aus und guckt schon mal über die Kante. Ist ja immer so eine Sache mit den wilden Tieren: lieg‘ ich hier heut‘ nicht, lieg‘ vielleicht morgen woanders…  und beim letzten Mal – die Stelle wird selten besucht! – musste man viele hundert Meter über den grobkiesigen Strand holpern. Als Luis sich umdreht, strahlt er, nee, er lacht: “ … so viele

Das Fellwurstangebot von heute

habe ich schon lange nicht mehr hier gesehen…“. Wir kraxeln die Kliffkante hinunter, das geht ganz gut, bis auf die ersten Meter, die eher schlecht als recht gesichert ist (und eine Mitkraxlerin kreidebleich werden lassen). Schon dieser Weg lohnt sich unbedingt: so viele Fossilien im weichen Sediment habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Muscheln, Schnecken, Sanddollars wohin man greift. Ich bin ganz beseligt. Aber eigentlich wollen wir ja runter zu den dicken Würsten dort am

Schwacher Versuch, in Deckung zu bleiben

Strand… Beseligungphase zwei bricht an – man kann das einfach nicht – oder nicht so einfach – beschreiben. Die meisten Seeelefanten, alle im jugendlichen Alter, lassen sich überhaupt nicht von unserem Besuch stören, wobei ein paar sich durchaus zu  einer kleinen Drohgebärde hinreißen lassen: weit aufgerissenes Maul heißt “ danke, diese  Distanz reicht!“, egal ob zwischen Elefant und Mensch oder zwischen-elefantlich. Wir sitzen an der Wasserkante, die uns bei

Das Gelbe ist der Eigner!

auflaufendem Wasser langsam näher rückt. Ein paar Seelöwen schwimmen elegant durch die Bucht, ein paar Seeelefanten baden im Flachwasser, andere beobachten den näher rückenden Wassersaum und entschließen sich vereinzelt, den beschwerliche  Weg

Mühsam bäuchlings bewegt sich das Robbenkind – ein Seelöwe würde auf den Hinter – und Vorderextremitäten watscheln!

auf sich zu nehmen und ins Meer zu robben. Alles nach der Devise: bloß keine Energie vergeuden. Auf große Fahrt (und damit zum Fressen) geht es erst, wenn das Fell gewechselt ist, bis dahin sind Ferien auf dem Trockenen angesagt. Ein paar sehen schon ganz schön nach Mauser aus – wir sammeln Fellstücke, die abgefallen sind. Ein  bisschen  wie zweiseitiges Klettband fühlt sich das an – kein Wunder, dass elefant sich da kratzen muss, sich wälzen oder mit Kieseln beschmeißen…

Nach gut zwei Stunden stehen wir wieder oben auf der Klippe, fast, aber nicht ganz allein – ein deutsches Weltreisemobil wartet dort oben auf Orcas und andere Sensationen „bis uns das Wasser ausgeht“ – ein beneidenswerter Platz zum Campen. Wir fahren in den Abend hinein, zurück nach Puerto Madryn, wir 5 Passagiere träumen von dicken Würsten, die am Strand liegen,  René und Luis quatschen und nuckeln an ihrem Mategefäß. Ein wirklich lohnender Strandspaziergang.

Halbinsel Valdes – immer geradeaus

Und weil’s so schön war, am nächsten Tag derselbe Bus, wieder Fahrer René, der auch für Gürteltiere bremst und aus weiter Ferne Nandus oder Schlangen entdeckt. Anderer Guide: Ugo. Wir fahren auf die Halbinsel Valdez, da wo ich schon immer mal hin wollte! Ugo ist in Camarones aufgewachsen, einem winzigen, sehr abgelegenen  Ort zwischen Madryn und Commodoro Rivadavia, wo er mit der Zwille auf alles gezielt hat, was sie als Jungs am Strand gestört habe. Zum

Magellanpinguine

Beispiel die Magellanpinguine, die sie als Konkurrenten beim Angeln betrachtet haben. Oder Seelöwen, Seeelefanten. Zu  Naturliebhaber machten ihn – nach und nach –  die Familienferien beim Großvater auf der Halbinsel Valdez, sodass der Schritt zum Wildhüter nicht mehr sehr schwer war. Mit so einem Guide ist natürlich gut Seelöwengucken. Oder Küstenlinienhistorie nachvollziehen – die Schwemmsände verändern die Küste am laufenden Band. Seeelefanten,  Magellanpinguine,

Einsamer Seelöwenbulle such Anschluss

Spaziergang durch’s dürre Hinterland der Dünen. Geschichten über Skunks (“ wie werde ich den Gestank wieder los?“ ) oder die wundersame Wegwespe, die große Spinnen als Wirt für den Nachwuchs nutzt.  Kleine Vogelkunde, dann wieder ein Ausflug in die Agrarhistorie der Halbinsel, die erst seit 1994 halbwegs geschützt ist und seit 1999 zum Weltkulturerbe gehört. Natürlich sind die großen Meeressäuger  – Wale, Seeelefanten, Seelöwen, Delfine… – das große Thema, vor allem für Touristen, und in  der Tat ist dieses Stück Küste ein Wunder. In der Walsaison hört man die Hunderte Wale, die sie vor allem in den beiden großen Buchten aufhalten, bis in die Stadt Madryn hinein platschen und blasen. Der Strand nach Osten der Halbinsel wird durch eine Abfolge von Robbenbesuchen belebt: zum Südfrühjahr hin die Geburt der neuen Seeelefanten, die nur 4 Wochen gesäugt werden, in denen sie 80 kg an Gewicht zulegen. Mamas Mastkur, Mama muss dann allerdings eilends hinaus auf See, mal wieder was essen. So liegen die jungen Seeelefanten herum, wie wir sie betrachten konnten, bis sie mit dem Fellwechsel dann reif für den Ozean sind.

Orca-Alarm!

Wir sahen aber auch schon die Vorboten der nächsten Besucherwelle, denn ab Januar sind hier keine Seeelefanten mehr, sondern alles ist voller Seelöwen, die an dieser Stelle ihre Jungen gebären. Und das zieht wieder Scharen von Orcas nach sich, die sich an den Strand schmeißen, um kleine oder auch größere Robben zu schnappen. Wirklich, wie … Knackwürstchen sieht das aus.
Die Seevögel nicht zu vergessen und die Magellanpinguine, die sich von uns Zuschauern überhaupt  nicht im Brutgeschäft stören lassen. Absolut einen Besuch wert, und, wie die steigenden Robbenzahlen zeigen, ein gutes Beispiel dafür, was Naturschutz auch in kürzerer Zeit bewirken kann.
Gleichzeitig ist die Halbinsel ein Beispiel dafür, wie so eine karge Landschaft auf Besucher wirken kann: langweilig. So hatten wir es am Abend vorher von jungen Backpackern gehört, die sich ein Auto gemietet hatten,  verständlich, denn ein Schnäppchen sind die Touren nicht. Deren Tour lief so: spät losgefahren, auf endlos geradeaus laufender Staubstraße Richtung Küste gezielt – und nichts gesehen. Seeelefant oder Seelöwe – alles eins (dabei ist die Fortbewegung der Löwen ungleich witziger!). Keine Pinguine. Kein Hugo, der einem einen Nanduhahn zeigt und erklärt, wieso er drei Gruppen unterschiedlich großer Küken bzw. Jungvögel führt (klar, ein Macho, der nach Kampf mit anderen Männchen deren Kindergarten gewonnen hat!). Und kein Besuch im wunderschönen und informativen Besucherzentrum. Tripadvisorbewertung:  „naja. Eher doof!“
AKKAnautenbewertung: ein unvergesslicher Tag!

Da lacht er, der Seeelefant!

Selten mal schlecht gelaunt. Pubertierender Seeelefant.