Limbo Teego!

Domburg, 26.5.2017

Freitagmorgen. Leben im Fluss:  da muss man schon mal frühmorgens das Schiff von einer Insel entlasten, die mit dem Strom flussabwärts gereist ist. Ich gucke aus dem Cockpitfenster, da steckt das Dinghy – steuerbords in Deckshöhe hängend – in einem Wald fest. Na, so was. Nach kurzem Überlegen, ob sich das Problem im demnächst kenternden Strom von selbst lösen wird – der Eigner leidet an den Folgen des Leberwurstverzehrs vom Vorabend! –  fangen wir gemeinsam an zu stochern und zu schieben. Gut Ding will Weile und auch Kraftaufwand haben, aber die Sicherheit der Mooring ist uns in diesem absolut unsichtigen Gewässer wichtig, und so eine Insel hat ja die Tendenz, sich maßlos zu vergrößern und schwerer zu werden.  Wenn die Mooring dann nachgibt, geht es flussab mit der AKKA – Ziel: Paramaribo – oder flussauf. Wenn wir Glück haben, bleiben wir im letzteren Fall an COOL CHANGE hängen oder der IMAGINE. Nö. Nach etwas Frühsport winken wir der Insel hinterher. Wir haben ihr eingeschärft, auf dem Rückweg, das ist am frühen Nachmittag, woanders Stopp zu machen…

Ein schöner Fluss ist das. Am vergangenen Wochenende haben wir ihn in vollen Zügen genossen. Am Freitagmorgen ging es los, mit dem Auto nach Atjoni, am oberen Suriname Rivier. Die Anfahrt… naja. Die Straße ist in Höhe der aufgelassenen Aluminiumschmelze derartig schlecht, dass wir schon Plan B im Kopf haben – wenn das für die nächsten 100 km so weitergeht, machen wir ein Wochenende zuhause, denn um das Ziel Botopassie zu erreichen, muss man nochmals 2-3 Stunden mit der Piroge fahren. Allerdings ist die üble Strecke hinter der Aluschmelze rasch zu Ende. Gegen Mittag Atjoni – Endhaltestelle für Pirogen auf dem Suriname, das große Bootstaxigewühle. Säcke, Kinder, Mama, Opa – alles wird vom Einbaum auf klapperige Kleinbusse umgeladen und umgekehrt. Das Auto lassen wir, wie empfohlen, auf einer Wiese neben der Polizeistation stehen – wobei sich die Frage stellt, wer ein Auto wie unseres klauen will, das höchstens noch zu Ausschlachten taugt. Wir fragen nach Sando und werden mit einem Abfahrtzeitpunkt um 13:30 beschieden; Zeit für gebackene Bananen und eine Portion Bami aus „Nancy’s Eetwinkel“. Ringsum alles bunt und laut und wirbelig, stets ein Genuss; wo immer es nur noch mit dem Boot weitergeht, macht sich bei uns ein „Outpost“-Gefühl breit. Mit zwei holländischen Krankenschwesterschülerinnen hopsen wir auf die schaukelige Piroge, es kommen noch ein paar Kästen und Taschen und die dazugehörigen Menschen hinzu, und dann knätert der 40PS Yamaha – sehr beliebt! – los, bergauf. Man sitzt auf Brettern und etwas angejahrten Schaumgummikissen auf dem Einbaumboden und schiebt so durch kleinere Stromschnellen. Mal öffnet sich die Landschaft, mal ragen Regenwaldriesen einzeln aus dem Sekundärwald, dann wieder hat man den Eindruck eines echten Urwaldes. Außer Vögeln gibt es nicht viel zu schauen – ab und zu eine Siedlung, ein Waschplatz, eine Taxihaltestelle, eine Gesundheitsstation. Unter Gequackel – nicht verständlich! – werden Taschen abgeladen. Fummel-fummel, das vor dem Wind und Regen schützende Schultertuch wird zum Polsterring, auf den Kopf damit und den Korb mit Einkäufen obendrauf, die Passagiere verschwinden im Grün. Wir haben Regenzeit, der Wasserstand ist hoch, die Untiefen – reichlich dicke, rundgewaschene Granitklötze – ragen nur noch wenig aus dem Wasser. Ein trügerisches Gewässer – zu Trockenzeiten kann die Fahrt 4-5 Stunden dauern, im Zick-zack um die Untiefen.   Weitere Stromschnellen der moderaten Art, vorbei an mehreren kleinen Lodges (was man so „Resort“ nennt – hübsch, aber doch eher unauffällig) und unter Regenwolken hindurch. Gut, dass wir einen Schirm dabei haben… 2 1/2 Stunden dauert die Reise, aber ehe der Hintern vollends platt ist, sind wir da.

Der Zielort ist nicht so urwaldig wie erwartet: am Ostufer liegt das Dorf Botopasi, gegenüber sitzen auf einer Lichtung 6 kleine „Wosu“ genannten Häuschen und das Hauptgebäude unseres Wochenendquartiers, das Botopassie-Hotel. Rucksäcke ins Wosu und „plumps“. Susan bekocht uns, man sitzt mit ihr und den vier anderen Gästen am langen Tisch und plaudert ein bisschen deutsch-holländisch-englisch, wobei herauskommt, dass wir alle Lust haben, am nächsten Morgen nach Botopasi hinüberzufahren und eine Wanderung ins nächste Dorf zu machen.
So geschieht es. Der Haus-Einbaum für solche Ausflüge ist ein bisschen kleiner, entsprechend wackeliger und auch nur mit 15 PS motorisiert – die Einheimischen sitzen allerdings bewundernswert locker, balancieren auf dem Rand um ihren Platz zu finden. In Botopasi erwartet uns unser erstes Saamacca-Dorf. Die Leute gucken kaum auf. Nicht unfreundlich, nur scheu. Oder der Touristen überdrüssig, die doch ab und zu herübergeschaufelt werden? Lindie wird später sagen: „… nur schüchtern!“ Eine der Dorflehrerinnen – insgesamt 9 für 150 Schüler plus Kindergartenkinder – zeigt uns die Klassen, berichtet über Schulsystem und Erfolge, erzählt vom Leben als Paramaribo-Großstadtpflanze im Wald – ihre kleine Flucht: mit dem Buschflieger am Wochenende in die Disco! Und sie führt ein kleines Umweltprojekt vor: „Limbo Teego“, „auf immer sauber“ heißt das auf Saramaccan und dient der Umwelterziehung der Kinder und der Aufklärung für Erwachsene. Nach 6 km durch den (Sekundär-)Wald erreicht man das Dorf Pikin Slee und das Saamakan Marron Museum. Der Besuch ist anstrengend, weil auf niederländisch, und es überschlagen sich so viele fremde Informationen über die Lebensweise der Saamaka, wie sie eigentlich heißen, dass die Übersetzung von unseren Mitwanderern lückenhaft bleiben muss. Wie schön wäre es, wenn man das auf Englisch nachvollziehen könnte, aber selbst die Website ist einsprachig. Ich finde, da gibt es Nachrüstungsbedarf. Jedenfalls zeigt das Museum nicht nur Pütt und Pann wie ein Dorfmuseum, sondern vermittelt einen Eindruck über das sehr autarke Leben der Maroons in Guyana.
Die Saramacca sind einer von 6 Maroon-Stämmen in den Guyanas und zugleich der größte – die Ndyuka bilden eine weitere, sehr große Gruppe, die vier anderen umfassen 30.000 Menschen zusammen. Maroon ist eigentlich ein Überbegriff für entflohene, afrikanische Sklaven der Zuckerplantagen, in den Guyanas begann die Stammesbildung schon im frühen 18. Jahrhundert. Aus der Führung im Museum geht ziemlich eindrücklich hervor, wie dieses Leben im Busch war: eine matrilineal geprägte, polygame Gesellschaft mit sehr starken Regeln – und so sind die Dörfer bis vor einiger Zeit noch organisiert gewesen. Alle Dörfer befinden sich am Fluss, dem einzigen Verkehrsweg in die Außenwelt, die Lebensgrundlage sind Jagd und Gartenwirtschaft. Der Bürgerkrieg in Suriname in den 80ern hat allerdings viel zerschlagen, nicht nur materiell, sondern auch an sozialer Bindung, viele Saramaccans sind nach Französisch-Guyana geflohen. Darüberhinaus wurden nur wenige Kilometer südlich von hier viele Dörfer umgesiedelt, weil man für die Aluminiumschmelze einen riesigen See zur Stromerzeugung angestaut hat. Dennoch werden Traditionen immer noch hochgehalten, und wenn es nur die traditionelle Kleidung der Frauen ist, mit einem ehestandsanzeigenden Tuch um die Hüfte. Oder ihre wunderschöne Frisur aus 3 oder mehr in die Kopfhaut geflochtenen, dicken Zöpfen. Lindie, der im Hotel arbeitet und Initiator der Limbo Teego-Bewegung ist, konnte uns noch ein bisschen zu diesem Lebensstil erzählen, und wusste auch zu berichten, wie schwer es für einen Jungen aus dem Wald ist, in der Stadt Fuß zu fassen. Wahrlich aus dem Wald – die Eltern hatten außer der Behausung im Dorf ein Waldcamp, das man durch stundenlanges Paddeln und lange Fußmärsche erreichte. Dass der Übergang auf eine weiterführende Schule nicht einfach ist, lässt sich denken. Weg von fest gefügten Stammesstrukturen, weg von den Hühnern, die nicht der Nahrung dienen – weder das Fleisch noch die Eier-  sondern rituellen Zwecken. Fort vom selbst gemachten Spielzeug. Fort von den Einweisungen in die Jagd. Seine Schüchternheit hat Lindie definitiv abgelegt – er erzählt offen und mit viel Fröhlichkeit, auch wenn er der Samaraccan-Kultur für die Zukunft keine wirkliche Chance gibt. Die Kinder – das wurde auch im Museum betont – werden in dem Moment, wo sie ins Erwachsenenleben eintreten und die entsprechenden Fähigkeiten erwerben sollen, weggeschickt. Weiterführende Schule… gut? Schlecht?  Rap ist bei den Kindern angesagt – die traditionelle Musik wird bald nur noch Folklore sein, sagt Lindie.   Noch ist es eine einigermaßen lebendige schwarzafrikanische Kultur in Südamerika. Von Hari, dem Taxifahrer, wird sie schlecht gemacht – uns hat beeindruckt, wie lange sich das überhaupt halten konnte.
An wie vielen Stellen in unserer Gesellschaft passiert das? Uns fällt der Aborigine-Häuptling aus dem Northern Territory ein, der sagte: „…. wenn die Jungs mit der Baseballkappe falsch herum nach Hause kommen, nehme ich sie mit hinaus in die Wildnis…“ Alles zu spät?  Vermutlich alles zu spät.

Am Montag nehmen wir die Piroge zurück nach Atjoni und sehen „Saamaka“ mit etwas anderen Augen. Ich fische eine treibende Plastikflasche aus dem Fluss, der Bootsführer macht sogar einen kleinen Schlenker. Limbo teego. Forever clean. Wenigstens das sollten wir vorantreiben.

Da fliegt es…

Domburg, 18.5.2017

„… da fliegt es…“ war ein Spruch meines Vaters, als er im äußerst rostigen Renault Dauphine meiner Schwester das Dreiecksfenster öffnete, ein letztes Mal, es brach nämlich heraus… Erinnert sich da jemand?
Nichts dergleichen heute beim Start der Sojus, die SES 15 in die Umlaufbahn bringen sollte. Leider ohne uns – wir waren eine Stunde zu früh auf Beobachtungsposten und haben uns dann enttäuscht abgewendet… Kann ja mal passieren!  Aber wir hätten sie wohl ohnehin nicht gesehen, da sie genau nach Osten gestartet wurde.
HIER FLIEGT SIE !  Ich find’s immer wieder beeindruckend. Irgendwie ganz schön… Technik. Und Mathe. Und all die anderen Sachen, für die ich zu dumm bin!

Roulez à gauche!

Domburg, 17.5.2017

Roulez à gauche – fahren Sie links! Viele solche Schilder haben wir in den letzten Tage gesehen, die ganze West-Ostverbindung zwischen dem Suriname Rivier und dem Marowijne Rivier ist damit gepflastert.

Samstagmorgen: eine der beliebtesten AKKAnautenübungen. Frühes Aufstehen, um 5. Die Schipperin muss noch ihren Rucksack packen, der Eigner rollt dann auch bald aus dem Bett, weil wir AKKA für ein paar Tage allein lassen wollen: wenn wir schon in der Gegend sind, wollen wir endlich das Raumfahrtzentrum in Kourou anschauen. Nach etwas Telefonieren hatte ich den Chef überreden können, dass es einfacher ist, das Suriname-Auto in Albina am Marowijne Rivier stehen zu lassen, eine Piroge zu nehmen und in St. Laurent – gleicher Fluss, anderer Name: Maroni – ein zweites anzumieten. Die Besitzer unserer Moorings wiederum überzeugen uns, dass es schlecht ist, das Dinghy an Land anzuschließen, gerade übers Wochenende mit reichlich Besuchern, also soll Bep uns abholen. Bep betreibt eines der Fährboote zwischen Laarwijk und Domburg. Telefon… nee, 6 Uhr ist zu früh, 06:30 ist zu früh… um 7 will er da sein. Der Schipperin wird schon leicht schwindelig (hat Comey gesagt, finde ich gut: „I feel mildly nauseous…“), denn immerhin müssen die 170 km wahrscheinlich schlechter Straße, die Grenzabwicklung, die Pirogenfahrt und die anschließende Wanderung zu Budget bis 12 Uhr erledigt sein. So weit, so gut, Bep ist dann auch um 7:20 da, mit Singvogel im Käfig (der pfeift uns aber nix), und off we go. Der Schwindel legt sich rasch, denn es ist Samstag, der Verkehr nach Paramaribo fließt ungehindert – ein totales Wunder, denn von der Masse an mehr oder weniger klapperigen Autos, die wochentags durch die Stadt stocken, macht sich der geneigte Leser keine Vorstellung. Wenn man nicht im Stau steht, ist jede Fahrt nach Paramaribo eine mit „drempels“ gepflasterte Strafe. Drempel – English: sleeping policeman. Deutsch: Schwelle zur Geschwindigkeitsbeschränkung. Sehr effektives Mittel zur Verkehrsstauerzeugung – so wie viele andere Autos hier setzt auch unsere alte Toyota-Schlurre mit ihren weichen Stoßdämpfern gern auf, da reduziert man auf unter Schrittgeschwindigkeit; wahrscheinlich ist diese der Grund, warum hier große und kleine SUVs beim betuchteren Teil der Bevölkerung so beliebt sind. Drempel riders! Sehenswert auch die natürlichen „drempels“ – unterspülte Straßen scheinen einfach mit Asphalt übergekleistert zu werden, das macht schlimmer als „schwere Frostschäden“ in Europa, und meine Lieblingsstelle ist die vor dem Marinestützpunkt Boxel. Hier wurde die Straße vor vielen Jahren mit Ziegeln gepflastert.  Mann, Mann, Mann – solche Löcher.  All das vor Augen, sind wir überraschenderweise schon nach 25 Minuten oben auf der 150 m hohen Brücke nach Osten und winken AKKA in der Ferne zu. Das flutscht ja heute, und tatsächlich, bis auf einen strengen Polizisten, der uns anweist, bei der nächsten Polizeistation einen Surinameführerschein zu beantragen (da Aufenthaltsdauer über 14 Tage!) legen sich uns kaum weitere Hindernisse in den Weg. Bis auf gelegentliche, vom Gegenverkehr durch wildes Lichthupen angezeigte Radarkontrollen. Ortschaften gibt es hier so gut wie keine. Moengo,  Alphonsdorp, das war’s. Um 10 sind wir im Grenzort Albina und irren nun doch noch durch ein finales Schlaglochfeld  – schlecht, wenn die Löcher so groß sind, dass man sich fragt, ob es nicht vielleicht zu tief für uns ist? – und zickzacken um zahllose Einkäufer, die den Straßenmarkt bevölkern. Ein Nest am Ende der Urwaldwelt mit hoher Populationsdichte, so schaut es aus. Das Auto bringen wir an der Brandweer unter – die Empfehlung ist, Behördenparkplätze zu nutzen, das tun wir brav, und die Feuerwehr verdient sich ein winziges Zubrot, 7 SRD pro Tag Parkgebühr… Zoll. Wir sind schon von einem Pirogenfahrer gekeilt worden. Was wird’s kosten? Jetzt kommt mal ein Bekennerschreiben – wir wussten, dass es diesen doofen Trick gibt, aber dass es uns erwischt… Abzocke. Keine weiteren Fahrgäste, also mietet man die ganze Piroge. Für wieviel? Man wagt es nicht zu sagen – das 6 fache des Normalpreises für Touristen. Ihr dürft später selbst rechnen!  Aber drüben ist drüben, die exklusive Piroge geht in Ordnung, auch wenn sich flussabwärts ein unablässiger Strom von Booten hin und her bewegt – aber schließlich sind wir ganz offiziell ausgereist, damit wir bei der Rückfahrt keine Wiedereinreiseschwierigkeiten haben. Machen außer uns… die allerwenigsten. Drüben angekommen laufen wir durch’s Städtchen, vorbei am Markt, am Fußballfeld, am Friedhof. Dahinter verbirgt sich Budgetstation, die unsere Reservierung natürlich nicht erhalten hat, das heißt – das Computersystem schon, denn das hat uns eine Bestätigung geschickt, aber was geht das kleine Containerbüro das zentrale Computersystem an?!. Dennoch: wir kriegen einen VW Up! und überlegen mal wieder, wieviel mehr Auto der Mensch eigentlich so benötigt, wenn überhaupt. Alles prima, mission accomplished! Wir sind in Französisch-Guyana. Roulez à droite!

Der Nachmittag beginnt mit einem Besuch zum Mittagssnack bei Davide und seinem „Café des Amis du Rallye Nereides“, das ist eine kleine Flotillensegelveranstaltung von Trinidad durch die Guyanas; wer mal gucken will, folgt diesem Artikel der ATANGA. Wer bei Davide die Beine ausstreckt, berührt die EU-Außengrenze. Witzig!
Danach das Pflichtprogramm: Camp de Transportation, das „Bagne“ von St. Laurent – eine Führung mit Claude. Ziemlich anstrengend, weil vollends auf Französisch und ein ziemlich rappeliges, gefärbtes dazu. Claude ist ein echter Guyanais mit einem Amerindiogesicht und hat 101 Geschichten zu erzählen. St. Laurent war eigentlich ein Durchgangslager für frisch angekommene Deportierte und gilt als das freundlichste der Lager in Guyana, mit der Einschränkung, dass man sich mehr als leicht eine Strafverschärfung einhandeln konnte, zum Beispiel durch Unbotmäßigkeiten aller Art, und wenn es gar zu schlimm wurde, landete man statt in den Massenlagern in Einzelhaft oder gar am „Galgen“. Todesstrafe übrigens nur für Kapitalverbrechen an Personen außerhalb des Lagers – wenn sich die Insassen gegenseitig umbrachten, war das vernachlässigbarer Schwund. Überhaupt: Todesstrafe – die „Bagnes“ von Guyana wurden als „trockene Guillotine“ geführt; die Haft an sich führte vorzeitig zum Tode. Es gab zwar auch die mobile Guillotine in St. Laurent, nur 40 mal wurde sie benutzt – dennoch überlebten in Guyana die Häftlinge bzw. Deportierten ihren Haftbeginn im Schnitt nur um 3,5 bis 5 Jahre, da brauchte es keine Guillotine. Wir bekommen eindrücklich die folterartigen Fesselmetoden in den Spezialzellen vorgeführt, und nebenbei auch, was in den Massenlagern, wie wir sie auf der Ile St. Joseph gesehen hatten, alles so vor sich ging. Anketten mit Fußfesseln von 19 bis 5 Uhr. Wer pinkeln oder anderes musste, hatte die Wahl: lecker laufen lassen, das freut in einem für 40 konzipierten Massenlager, das häufig aber mit 80 Männern belegt war. Oder sich gegen Bezahlung den Gang zur Latrine erkaufen, mit was auch immer. Die Latrine war am Ende des Saales positioniert und hieß auch „chambre d’amour“. Fußfessel aufschließen als „Liebesdienst“. Und was der Grauslichkeiten mehr sind. Der gesamte Bagne-Apparat in Guyana diente der Säuberung der Metropolregion Paris: von Vagabunden, Hausierern, Kleinkriminellen und nicht zuletzt der politischen Opposition, Napoleon III war nicht zimperlich; und selbst wenn es in St. Laurent vergleichsweise sanft zuging…  nicht schön.
Danke Claude für die Führung. 40% haben wir mitgekriegt – mir wurde schon wieder „mildly nauseous“, wenn ich an die ebenfalls französische Führung in Kourou dachte, aber bis dahin: Entspannung bei französischem Essen. Mit ebenso französischen Gendarmen. Schicke, durchtrainierte Jungs in rauen Mengen!
Sonntagfrüh. St. Laurent du Maroni schläft. Eine einzige Kneipe scheint geöffnet, glücklicherweise sehen wir Kaffeetassen vor den rauchenden Männern stehen. Frühstück a la française, das heißt: Kaffee und Croissant, im Beiprogramm ein Elsässer am Nebentisch, der sich über ein paar Deutschübungen freut. Ringsum, sagt er, die übliche Sonntagbesetzung, ausschließlich Männer, vorwiegend Arbeiter, die sich hier auch zu technischen Problemen austauschen. Und mittendrin dieser baumlange, schon etwas angejahrte Mensch, der uns fragt, ob wir denn auch noch „in den Wald“ wollen. Hm, sagen wir, schon – haben wir für Suriname geplant. Dieser Kerl, Rentner mit einem Nebenjob bei der Grenzpolizei, hat ein Hobby, und das heißt: Wasserfälle; besser: unkartierte Wasserfälle. Man geht ab und an mal mit dem Flugzeug auf Erkundung aus der Luft, sucht sich einen Wasserfall aus, notiert die Position, und versucht, das Ding zu Fuß zu erreichen. „Wichtig:  geheimhalten!  Bloß keine Position verraten!“. Eine sehr mühsame Angelegenheit, bei der ihm dann auch rasch die Zigaretten, die er vor unseren Augen kettenweise raucht, ausgehen. „… nee, da gibt es dann auch keine Chinesen mehr, die einem was verkaufen. Ist die ersten Tage etwas unangenehm ohne die Raucherei…“  Ein Wasserfallsammler. Abenteurer, würde ich sagen – dieses Land, seine Tiefen, der ganze unerschlossene Süden sind höchst faszinierend. Es geht in unserem Gespräch aber auch um das Zusammen- oder Nebeneinanderleben der Ethnien und Nationen in St. Laurent bzw. dem Departement Guyana – mit den Brasilianern und den Indios geht’s leicht, die Maroon sind schon eher ein Problem; das sind die afro-amerikanischen Stämme, hier die Ndyuka, die über lange Zeit recht isoliert im Süden der Guyanas in den Wäldern gelebt haben, jetzt aber mit Macht in die Städte drängen. Konfliktpotenzial… Deswegen sind die starken Jungs aus Frankreich hier, die Gendarmerie, die für ein Viertel- oder ein halbes Jahr verpflichtet werden.

Wir brechen auf, es sind noch 200 km bis Kourou. Das kennen wir von unserem Besuch mit AKKA 2008 und versuchen nun, uns in einer sich rasch entwickelnden Stadt wieder zurechtzufinden. Gar nicht so einfach. Haupträtsel: der Supermarkt und die Apotheke, wo es damals Lesebrillen und Antihistaminika gegen Hitzepickel gab, eine kleine Meinungsverschiedenheit als Sonntagsvergnügen. Als das Rätsel gelöst ist, können wir uns getrost dem Angebot des „Glacier des 2 Lacs“ hingeben – so ein leckeres Eis, und so schön schlecht wird einem von den Mengen! Der Verdauungsspaziergang fällt prompt ins Wasser, ins von oben rauschende, aber es rauscht nur kurz. Zum Feierabend steht über dem Leuchtturm ein wunderschöner, großer Macao-Ara in den Böen, über den benachbarten Mangobäumen ein zweiter. Rote Blickpunkte vor Gewitterwolken.

Montag. Nochmals Frühstück à la française, dieses Mal in der Totaltankstelle. Nicht unbeliebt um 7 Uhr in der Früh, sicher frequentiert von vielen Mitarbeitern des Raumfahrtzentrums, das nur wenige Kilometer entfernt liegt.
Unsere Tour stellt sich als wirklich lohnend heraus: zunächst das Kontrollzentrum für die Einsatzleitung, die höheren Chargen, für die Wissenschaftler, Politiker, Presse.  Dann das noch wichtigere, in einem weit abgelegenen Bunker liegende für die Techniker. Die Gebäude für den Zusammenbau der Arianeraketen und die Endmontage der Satelliten. Das Launchpad – alles mit viel informativen Fakten dargeboten, absolut sehens- und hörenswert; und entweder rutscht es heute schon besser als noch im Bagne von St. Laurent, oder die beiden Guides, Lucie und Renata, sind einfach besser zu verstehen. Nicht zu sehen bekommen wir das Sojus-Launchpad, denn dort wird ein Start vorbereitet; morgen, am Donnerstag um 08:54 werden wir an den Himmel starren! Interessant übrigens die Stammbesatzung für das Gelände, neben Polizei und Gendarmerie auch die Feuerwehr, bei der wir uns schon auf der Île Royale gewundert hatten, was die – auf einer Plakette verzeichnete – Pariser Feuerwehr hier zu suchen hat. Es sind nicht einfach die „pompiers parisiens“, sondern eine Militäreinheit, die auf Explosivstoffe spezialisiert ist, und die auch die ersten sind, die den Startbereich nach einem Abschuß wieder betreten. Das Wachpersonal: die Fremdenlegion für den europäischen Teil der Startpads und die dazu gehörenden Gebäude, eine russische Eliteeinheit für den Sojusbereich; bestimmt alles ganz zarte Kerlchen. Dass hier überhaupt Sojus abgschossen werden liegt an einem Chartervertrag, den die ESA bzw. CNES insbesondere für das Galileo-Programm geschlossen hat. Dessen GPS-Satelliten sind für die kleine VEGA-Rakete zu dick, und für die Ariane zu klein, es sei denn, man schickt gleich 4 auf einmal hinauf. Im Vergleich zum schon verlinkten Start der großen (aber nicht mit der gigantischen Saturn der Amerikaner zu vergleichenden) Ariane hat die Sojus einen recht einfachen Start – rein kerosingetrieben geht das 6-5-4-3-2-1-bumm, décollage“. Fertig. Da hat es die Ariane schon schwerer – faszinierend zu sehen: 4 Antriebseinheiten – die beiden Booster mit Festbrennstoff, einem Aluminiumperchlorat namens „Propergol“, in der Mitte der „vulcan“-Motor mit dem riesigen Zentraltank, der mit Sauerstoff und Wasserstoff gefüllt ist, und oben drauf noch einer für kryotechnischen Treibstoff für die Endphase, in der der Satellit seine neue Heimat erreicht.
Zum Abschluss ein Film über die ziemlich wertvolle und penibel kontrollierte Ökologie des Areals – mit Jaguar und Anaconda und was sonst so kreucht und fleucht. Ihr seht – mir hat’s gefallen. Das kleine Museum auch – das stopfte noch einmal ein paar Verständnislücken. Wenn man so die Nase an einen Vulcan-Motor hält, fragt frau sich, was eigentlich an einer Fahrradnabe oder der Oberfadenspannung an meiner Bernina so schwierig ist. Guter Besuch!

Nebenbei gab es noch eine weitere Begegnung mit einem Franzosen, der einige der unangenehmeren Details zum Leben in Französisch Guyana beisteuerte. Als da wäre: die Tatsache, dass Ndyuka und andere Stämme aus allen Teilen der drei Guyanas nach „Frankreich“ strömen, um an den Segnungen des französischen Sozialnetzes teilzuhaben. Dazu muss man allerdings die Kinder in die Schule schicken, dann ist alles geritzt. Ein merkwürdiges Kontrollmittel. Ob’s stimmt? Schwangerschaft ist auch eine Berechtigungsgrundlage, also sorgt man dafür, dass die Mädchen sehr früh schwanger werden, 11-jährige Mütter sollen keine Seltenheit sein. Angeblich fahren auch Busse aus Paramaribo nach Albina, wo man sich zwecks kostenfreier ärztlicher Behandlung nach St.Laurent übersetzen lässt. Wir sind perplex – das erklärt den regen „kleinen Grenzverkehr“, den wir auf dem Maroni gesehen haben, zumal Claude zu berichten wusste, dass man natürlich zum Einkaufen nach Suriname führe. Ob möglicherweise die Freizügigkeit dieses Grenzverkehrs auch für Stabilität in der Region sorgt?  Im Süden dringen die illegalen Goldgräber aus Brasilien über die Grenze – da fragte auch der frankreichkritische Claude schon, warum man das nicht unterbinden kann und das Gold für die eigene Provinz ausbeuten. Ich fürchte, die Frage ist einfach zu beantworten: das ist schlicht zu unübersichtlich, dichtester Urwald, kein Weg, kein Steg. Xavier sagt: da sind richtige Städte im Wald, mit allen Klassikern eines Goldrausches –  Kneipen, Bordelle, Selbstjustiz. „… und dann kommt die Gendarmerie und bittet die Herren, das Land zu verlassen. Wenn die Polizei abrückt, sind sie am gleichen Tag wieder da.“ Hm… (Gold)Räuber und Gendarm. Doofes Spiel. Frankreichs problematischstes Département.

Zurück nach St. Laurent. Wir haben drei ziemlich gute Tage erwischt in dieser regenreichen Jahreszeit. Sagte ich schon, dass die Regenzeit nicht nur gemütlich ist?  AKKA kriegt regelmäßige Essigpackungen, gegen den Schimmel… Wie sie wohl aussieht, wenn wir wiederkommen?

Dienstag. Die Pirogenfahrt für üppige 8 Euro, der normale „weiße Franzosen-Tarif“ (braune und weiße à 4, schwarze Leute à 3 €!). Wir besuchen kurz Moengo, ein Städtchen, das mit ehemals sicher hübschen und geräumigen Wohnhausern glänzt. Glänzte – denn heute steht das meiste leer und ist dem Verfall preisgegeben; der Bauxitabbau ist versiegt, die Hafenanlagen am Fluss verwaist, die Geschäfte leer. ALCOA hat das Land verlassen, es gibt auch keinen funktionierende Aluminiumschmelze mehr. Ein trauriger Abnblick, nicht nur wegen des strömenden Regens. Heimwärts, AKKA wartet! Et Roulez à gauche!

Gruß nach Lampoldshausen…

Domburg, 7.5.2017

Kleiner Schreck in der Abendstunde…

Donnerstag. Wir wollen ein Leihauto mieten, um ein bisschen beweglicher zu sein, und Rishi, der indische Verleiher, will ihn uns noch am Abend übergeben. Das braucht ein paar Papiere, und der Eigner fährt zur AKKA zurück, ich warte auf Rishi. Man schaut so in die Runde, der Blick fällt auf den Himmel – was ist das denn? In der untergehenden Sonne wird eine äußerst merkwürdige Wolke angeleuchtet. Zu dick für Kondensstreifen.  Ups?  Und der Eigner fährt geradewegs drauf zu, scharfer Lichtpunkt, Leuchtbahn – ein Geschoß? Rakete?  Donny und die Koreaner? Flugzeug? Die Nachrichten der letzten Zeit lassen einen vielleicht abwegig denken, dabei sind wir hier gar nicht so weit weg „vom Schuß“. Neben mir steht in der Bar eine Inderin und klatscht in die Hände: „Kourou!“  Hehe! Ich freu mich auch, für die Leute in Guyana, die Mitarbeiter, die wir in den Îles du Salut getroffen haben!  Der Streik in Französisch-Guyana ist beigelegt (man spricht von 1,5 Mrd. €), das Raumfahrtzentrum ist wieder aktiv, die Koreaner kriegen einen neuen TV-Satelliten und die Brasilianer sind grottenstolz, dass sie endlich ihren eigenen geostationären Satelliten für allerlei zivile und militärische Aufgaben bekommen. Wenn wir es gut timen, lännen wir vielleicht den Sojus-Start am 18.5 sehen? Was zum Gucken ist das in jedem Fall, mit ein bisschen Space-Gänsehaut für die Schipperin.

Hier ist, was man dazu in YouTube sehen kann: Flug 236 der Ariane 5 vom 4.4.2017 . gewidmet dem Raketentestzentrum in Lampoldshausen im Heilbronner Land… Putzig! Schaut’s Euch an – und wir… vielleicht schaffen wir es doch noch auf dem Landweg ein bisschen näher zu rücken.

Regenzeit

Domburg, Suriname, 30.4.2017

Es regnet! Was für eine Überraschung – und die gute Nachricht ist: die Regenzeit hört im August auf. Nun diskutieren ja derzeit alle über den Klimawandel, wir auch, und bis sich das Klima gewandelt hat, hängen wir in Domburg mitten im Suriname Rivier an einer Mooring und warten. Warten zum Beispiel darauf, dass es aufhört zu regnen, damit man Wäsche waschen kann, im Moment ist Dauerspülgang angesagt – nicht so schlecht, eigentlich, aber es hat hier keinen elektrischen Trockner. Und selbst unter Dächern Wäsche aufzuhängen ist bei dieser Luftfeuchtigkeit wie Trocknen im Aquarium.
Es ist dennoch lustig – der Suriname Rivier ist ein Schlammfluss ohnegleichen, der Hoang Ho ist nichts dagegen. Immer wieder treiben kleine Urwaldinselchen vorbei, wir stellen uns vor, wie darauf Käfer und Eidechsen eine Reise flussabwärts machen. „Fahrt in den Mai“, wahrscheinlich mit Spinnentanz und anderen Vergnügungen – eine Fernreise wird das jedoch nicht, denn nach 6 Stunden tritt die Insel mit der gekenterten Tide die automatische Heimreise an. Vom gegenüberliegenden Ufer halten die Brüllaffen abends ein Konzert, und AKKA dreht sich dazu im Strom. Allem Regen zum Trotz lässt es sich aushalten, zumal die River Breeze Bar, zu der unser Mooring gehört, WiFi an Bord schickt. Nun gut, wir holen uns das WiFi herüber, das ja normalerweise mit einem Bier (oder zwei) abgerufen werden soll.

Seit 2 Wochen sind wir wieder in Regionen, in denen man Landfreuden erleben kann, und ich merke, dass ich das wahrlich genieße.
Îles du Salut, Französisch-Guyana. Der leicht moderige Duft, als wir vor der Île Royale in den Îles du Salut vor Anker gingen – der erste Landgruß. Ein ohrenbetäubendes Zikadenkonzert. Totenkopäffchen rufen aus den Bäumen – uh, uh! Fregattvögel über uns, kleine Schwalben wippen auf unseren Schoten. Der Ankerplatz in der Baie des Cocotiers ist sehr ruhig, wenn man vom Strom und dem gelegentlichen, tidenabhängigen Schwell absieht – und daher hört man auch das Geplätscher der Wellen, äußerst friedlich, äußerst entspannend. Etwas anders dann der erste Landgang – friedlich ist es schon noch, aber die Inselgeschichte als Deportationslager, als so genanntes „Bagne“, verfolgt einen auf Schritt und Tritt, und dabei ist dies nur die Insel der Lagerverwaltung. Als wir auf der Windseite entlang spazieren, erwische ich mich bei dem Gedanken, wie viele Insassen es hier wohl in den Wahnsinn getrieben hat mit dem unaufhörlichen Gedonner der Wellen und pausenlosen Wind. Von wegen „friedlich“.
Heute ist das aber Nebensache: es ist Osterwochenende, Französisch-Guyana befindet sich seit 4 Wochen im Generalstreik, also haben die Leute vom Festland frei-frei-frei; die Stimmung schwankt zwischen hurra und „es reicht“. Eine Gruppe von ortsansässigen Franzosen – Guyana ist der Franzosen ärmstes Département, siehe Generalstreik! – feiert den Abschied einer Freundin und hat eine alte, zum Massenlager umgewidmete Werkstatt in Beschlag genommen – und schon werden wir befragt, woher, wohin und bekommen etwas von der guyanesischen Osterspeise angeboten. Das ist die Bouillon d‘ Arapua (oder so, rein phonetisch). Ein Eintopf aus Vielem, aber mit einem großen Anteil an Palmfrüchten. Und Fisch. Und Huhn. Und Speck. Und Knoblauch. Und Zwiebeln. Sieht, da stundenlang gekocht, ein bisschen örrgs aus, wir werden auch nicht gezwungen, aber es schmeckt uns ganz gut, zumal uns das auf frischem Röstbrot dargeboten wird. Dunkles Sauerteigbrot? Hatten wir schon Ewigkeiten nicht mehr, köstlich! Nicht im Streik sind die drei Katamarane aus Kourou, die die Tagesgäste heranschaffen, also ist daran kein Mangel, und genau darum mochten die Wirte der „Auberge“ auch nicht streiken. Money makes the world… Was seine Vorteile hat – gegen ein paar Euro bekommt man das Tagesmenu und die AKKA-Pantry bleibt kalt. Das lobe ich mir generell, und dann ist die Fischsuppe – mit Rouille und Röstbrot! – auch noch absolut lecker. So sitzt man etwas losgelöst vom geschichtlichen Hintergrund hoch über der Brandung im Passatwind, schaut auf die Teufelsinsel, wo Dreyfus 4 Jahre einsamster Haft verbracht hat und freut sich frecherweise auch noch über französische Desserts.
Zur Abkühlung allzu angenehmer Gefühle geht es dann umgehend in den Block der zum Tode Verurteilten. Wirklich schlimm jedoch ist der Besuch auf der Île St.Joseph, der eigentlichen Gefängnisinsel. Die Inseln sind durch eine Meerenge mit starker Strömung getrennt, ganz schlecht für fluchtwillige Gefangene und auch ein bisschen kitzelig für unseren kleinen Dinghymotor. Ein Rundgang am Ufer entlang – ungefähr eine halbe Stunde Bummeln – ist noch einigermaßen idyllisch, Palmen, alte Befestigungen, der Friedhof. Beerdigt wurden hier nur die Bediensteten, wer einsaß, wurde den Haien überlassen (von denen es angeblich nicht so viele gab, wie man Fluchtkandidaten weismachen wollte). Aber die steilen Stufen zur Inselmitte hinauf enden am eigentlich Gefängnis. Hohe, grobe Steinmauern, ein eisernes Dachgerüst über den Massenzellen/-hallen. Lange Schienen zum Anketten der Fußfesseln. Nebenan Blocks mit Gruppen- und Einzelzellen. Schaut man in die kleineren, sieht ebenfalls rostige Beschläge zum Anketten und denkt sich nichts weiter – das ist alles lange her und dem Verfall preisgegeben; in den 60 Jahren seit Schließung des Bagne hat die Natur vieles überwuchert. Über uns knallt die tropische Sonne durch’s Blätterdach – und dann gewahrt der Blick nach oben, was hier ablief: die Decke ein Eisengitter, auf der Mauer zwischen zwei Zellenblöcken ein langer Laufgang. Diese Zellen waren nach oben nicht geschlossen, die Gefangenen wurden von oben bewacht – und all das ohne den heutigen Baumbewuchs. Schatten? Keinesfalls – dazu hatte man die Inselkuppe, auf der die Gebäude stehen, gerodet. Ziemlich grausam, und kein Wunder, dass ein hoher Prozentsatz an Deportierten das erste Jahr nicht lebend überstanden.   Was stand in der kleinen Ausstellung auf der Île Royal ? Das Bagne auf den Inseln war „gegenüber den Gefängnissen auf dem Festland noch das angenehmste“. Das lässt Schreckliches für Cayenne oder St. Laurent vermuten. Wir verkriechen uns dann mal an Bord – da steht einem nicht mal mehr der Sinn nach „Papillon“ , der übrigens nicht hier eingekerkert war, sondern drüben, in Cayenne. Nach einem Pastis kehrt der Sinn für die friedliche Umgebung zurück. Zikadengebrüll, Affengeheul. Schön… doch, ziemlich schön ist es hier. Später, beim Aufräumen der Bücherschapps fällt mir eine Broschüre zum Tuol Sleng, dem Stadtgefängnis in Phnom Penh in die Hände. 140 Jahre, 40 Jahre – so richtig viel gelernt haben wir nicht, wir Menschen. Wir sind eine merkwürdige Spezies.

Nach 10 Tagen (Halb)idylle auf den Îles du Salut lupfen wir an einem Montagmorgen gleich nach Sonnenaufgang den Anker. Mit Strom sollten wir am Dienstagvormittag vor der Einfahrt zum Suriname Rivier stehen, denn den geplanten Ausflug in den Maroni, den Grenzfluss zwischen Frankreich und Suriname, haben wir uns abgeschminkt. Keine Lust auf Straßensperren und geschlossene Einrichtungen – auch die Versorgung soll schon ein bisschen löcherig geworden sein. Eine junge Italienerin, die im Bereich des Raumfahrtzentrums arbeitet, hatte erzählt, dass sie sehr gut verstehen, warum gestreikt werde – die Infrastruktur im Land sei so schlecht, dass sich viele potenzielle Mitarbeiter 3-mal überlegen, ob sie nach Guyana gehen; vor allem sei die medizinische Versorgung ziemlich lückenhaft. Dabei ist ein Job im Centre Spatiale wohl grundsätzlich ein sehr beliebter und natürlich interessanter Arbeitplatz, gegen den die ärmliche Umgebung massiv abfällt. Die Streiklust sei allerdings ziemlich geschwunden, nun vermuten die Mitarbeiter dort, dass für eine Weile nur noch das Raumfahrtzentrum blockiert werden soll. Und wirken genervt – „…wir haben 12 Starts geplant und sind schon 3 im Rückstand…“ Wir sind gespannt, wie das ausgeht – und vielleicht bekommen wir noch ein bisschen landseitig zu sehen; ein Trip mit dem Leihwagen ist geplant.

Die Rechnung für die Weiterreise haut einigermaßen hin. Wir laufen anfangs noch mit Gegenstrom in den Suriname hinein, aber nach einer Weile erreicht uns der Flutberg von achtern und zieht uns mit. Dies ist ganz andere Küste als auf den einsamen Inseln. Ist es zur Linken urwaldig grün, liegt zur Rechten Paramaribo mit all seinen Hafen- und Industrieanlagen, und danach reiht sich fettes Haus an fettes Haus, bis wir in Domburg vor dem „River Resort“ eine Mooring fischen.
Die Sache mit den „fetten Häusern“ klärt tags drauf Harry, der Taxifahrer, der uns zum Einklarieren in die Stadt fährt. Harry ist, wie viele Surinamesen, indischer Herkunft und Hindu und erläutert uns jeden einzelnen Drogenmafiabau am Ufer. Und kennt auch die Plätze mit den spektakulärsten Überfällen und Rachemorden. Eine Tour de Crime, sozusagen. Interessant? Schon. Irgendwie nicht ganz im Einklang mit dem, was wir vor ein paar Tagen aus Deutschland hörten: Frau Sägebrecht möchte gern nach Surinam auswandern, weil es hier vor allem zwischen den Religionen so friedliebend zugehe. Mit Harry ist sie offensichtlich noch nicht gefahren. Wir dagegen bringen mit seiner Hilfe die Einklarierungsprozedur, die wir von 2008 in schlechter Erinnerung hatten, binnen zwei Stunden hinter uns, zack, MAS, zack, Immigration, zack, Militärpolizei. Und kehren anschließend im Paradies ein. Das heißt TULIP Supermarket und hat alles, was wir über Monate nicht zu Gesicht bekommen haben. Dunkles Brot, Grieß, Wiener Würstchen, französischen Quark, dänische Butterkekse, Schwedenknäcke, Maille-Senf,  um nur ein paar wichtige Produkte zu nennen. Die nächsten Tage sind gerettet! Es darf weiterregnen!  Obwohl… im Moment warten wir gerade. Auf REGEN! Wir haben angesichts der Wasserqualität unseres „Hoang Ho“ eine Wasserauffangvorrichtung ersonnen. Und was macht der Himmel nach zwei Tagen Dauerregen? Nix. Man kann sich auf nichts verlassen! Nicht einmal auf die Regenzeit in Suriname!

Das 192er Etmal

Unterwegs – 15.4 2017 .. noch 50 Meilen bis zu den Iles du Salut. Werden, wie der Bruder schreibt, nicht auf Winlink gezeigt, aber man kann ja einfach nach „Teufelsinsel“ googeln, oder nach Dreyfuss oder gar „Papillon“. Genau, da wollen wir hin. War schön dort, Weihnachten 2008, und das wird sicher jetzt nicht anders sein. In jedem Falle eine angenehme Unterbrechung unserer Passage. Die war insgesamt prima, und für alle Elektrowitze hat sich AKKA heute Nacht rehabilitiert: als ich vorhin zur letzten Nachtwache antrete, sehe ich im Logbuch ein kleines Schild gemalt: „192!“ Ein Etmal von 192 Meilen. Premiere! 192 Meilen über 24 Stunden, das macht nach Adam AKKA 8 pro Stunde. Und sie musste sich nicht mal anstrengen, die alte Dame, denn der Eigner schreibt zum Schildchen dazu: „Wir segeln gemütlich mit 5,5 Knoten durch’s Wasser und rauschen mit 9 über Grund“. So isses. Dieser Strom ist unermüdlich, und deswegen geht der Satz auch weiter „… hier möchte ich nicht nach Süden segeln!“ Versöhnlicher Abschluss der Passage also. Der kurzweiligste Tag war der vor und am Äquator. Da schläft einem abends schon der Wind vollends ein, alle Mühen, alles Zuppeln hilft nichts. Die Wahl ist: Drift oder Maschinenhilfe. Am Äquator gibt es da für mich keine Alternative als „Maschine an!“, denn hier muss ich weg. Äquator ist eben Windstille, fiese Gewitter und wenn doch Wind, dann in Form von Squalls. Und das Ganze kann dauern, die alten Rahsegler wussten ein Lied davon zu singen. Rossbreiten. Wir hätte zwar anstatt der schweren Rösser ein paar überzählige Bleibatterien über Bord gehen lassen können, aber das wäre nicht umweltgerecht, also: Maschine an. Was in diesem Fall eine schöne, neue Versuchsanordnung in der Achterkammer erzeugt, denn mit ladender Lichtmaschine geraten die doofen, neuen, alten Batterien in Schweiß. Die Kojenbretter sind schon seit Natal hochgeklappt und es ist stündliche Temperaturkontrolle (mit meinem guuten Joghurt- und Milchschaumthermom eter! Das elektronische hat schon lange das Zeitliche gesegnet) angesagt. Wir tragen treulich ein. Zeit, Temperatur, Spannung sm Controller und an der Batterie, Ladung… Das hält einen munter! Der Eigner sagt: „bei 40 hören wir auf!“ und die 40 Grad sind dann auch am Morgen erreicht. Motor aus. Draußen ist es eklig grau und dunkel bewölkt, die See schwubbelt vor sich hin – aber immerhin treibt uns ein kleiner Strom in die richtige Richtung. Und dann wird der Tag doch ganz schön, denn der übliche Eiertanz entfällt, es rollt bur ein bisschen. Zeit für Rindercurry mit Ananas, Entspannung und eine große Portion German Engineering – der Eigner baut eine Batteriekühlanlage. Hatten wir die in Singapur angelegten Vorräte an PC-Lüftern bislang zur Fächelung im Cockpit, an den Kojen oder an der Nähmaschine benutzt, schlägt heute ihre Stunde als Batterieretter, und tatsächlich, am Nachmittag können wir nochmals ein paar Stunden motoren, und dann ist er auch schon da, der Nord ostpassat. Wir sind zurück auf der Nordhalbkugel, der fette Strom setzt wieder ein. Off we go! Das Wetter bleibt gemischt, Strahlesonne, dicke Bewölkung, Wolkenbruch und Pieselregen wechseln sich ab. Und die Kühlung kühlt dazu. Prima! Der Rest war „normal“. Normal ermüdend, normal routineerzeugend. Gewitter hatten wir überhaupt keine, nur 5 Mal Wetterleuchten in der Ferne – keine Elektronik-in-den-BAckofen-Aktionen, sehr gut. Dass wir den genauen Zeitpunkt dss Äquatorübertritts versäumt haben, ist doof, ich wäre gern ins Wasser gesprungen und hätte mich rübertragen lassen. Mit Taufe hatten wir ja bei diesem 6. Mal nichts am Hut, und Herr Neptun und Kollegen (von Arielle bis Käptn Blaubär haben alle Anteile am Äquatortaufgeschehen) waren es zufrieden. Was mich auf das Stichwort Aberglaube bringt. Da bei uns nichts getrunken wird außer selbst gemachtem Wasser, entfallen die obligatorischen Opfergaben an Rasmus. Schlecht. Nun gut – wir sind nicht am Freitag losgefahren, das bringt uns in die Nähe abergläubischen Handelns, obwohl es eigentlich nur unsere Trägheit war. Aber für die Batterieprobleme lässt sich ganz klar eine Ursache feststellen: Bananen an Bord! Geht überhaupt nicht! Allen Ernstes: e s fragt mich in Jacaré der Mitsegler eines anderen Schiffes, ob wir denn Bananen an Bord hätten, und ich antworte so wahrheitsgemäß wie fröhlich: „…sure! Sollte für eine Woche reichen!“ Nicht wissend, dass dieser Mann soeben einen Spaziergang wegen einer schwarzen Katze (von links, rechts oben? ich weiß es nicht…) abgebrochen hatte, wie man mir später zutrug. Und ich kriege einen Anti-Bananen-Einlauf – Bananen an Bord sind ganz schlecht! Wir haben’s gemerkt. Die gute AKKA segelt gerade mit 9 Knoten in den Sonnenaufgang hinein, sie würde gern noch einmal 192 Meilen an einem Tag für uns hinlegen – aber dafür reichen die Meilen nicht mehr. Frohe Ostern dann! —

Unterwegs

Dienstag, 11.4.2017 0°06 Süd, 42°43 West Menno, ist das grau hier am Äquator. Der liegt 6 Bogenminuten=6 Meilen nördlich von uns, und dieses Mal ist es ein bisschen mühsamer als unsere letzte Reise zu den Iles du Salut. 2008 war das. Positionsberichte wollen nicht raus (vielleicht bin ich dank Wetterwelt per Iridium meine Geduld losgeworden?!), der Wind schnarcht vor sich hin (letztes Mal, erinnere ich mich, schrieb ich „… nach 10 Tagen sanfter Dauersegelei…“). Der Brasilstrom hat uns zwar geschwinde hierher gedrückt, aber jetzt ist erst einmal dümpeln angesagt. Einiges wiederholt sich allerdings: seit heute Nacht sitzt wieder eine Zügelseeschwalbe auf dem Solarpanel, so ein Spaß! Ganz schönes Gewackel da oben – jetzt, im Morgengrauen, sieht man das Vögelchen hampeln… Unsere Batteriegeschichte ist leider noch nicht zu Ende – in Natal ließ sich ad hoc kein Ersatz auftreiben, der irgendwie bei uns hineingepasst hätte; dafür gab es eine genüssliche Batterieexkursion zu Tudor Baterias und zu Autoelectrica Natalense. Tudor konnte uns zwar nicht bedienen, aber der Chef war von der Aufgabe so angetan, dass er sich als Chauffeur anbot – wir hatten nämlich Javier von Autoelectrica geheuert, um unsere Lichtmaschine-Regler-Batterien-Umgebung mal mit professionellem Werkzeug zu testen. Diagnose: schlechter Lieferant in Sao Paulo, 3 der 6 nneuen Batterien sind so gut wie hin – und die haben wir abgeklemmt und üben nun mal das, was auf anderen Yachten Tagesgeschäft ist: Stromsparen! 780 Meilen liegen noch vor uns, wir arbeiten dran! Die Seeschwalbe hat sich gerade aufgemacht, das muss das Zeichen sein, Kaffee zu kochen und den Tag einzuläuten! Bis dann! —

Der Witz der Woche!

Natal, 4.4.2017

Das Schiff macht Witze! Nicht die alten abgedroschenen (z.B. Bilgepumpe springt an, aber wenn man gucken will, hört sie auf zu pumpen.  Haha, AKKA!), nein, ein neuer, Ihr werdet sehen!

Ein- oder Ausklarieren ist ein längeres Geschäft in Cabedelo, was nicht zuletzt an André, dem pathologisch pingeligen Immigration-Officer, liegt. Normalerweise legt man seinen Pass vor und „bumm“ hat man den Ausreisestempel. Nicht so bei der Policia Federal in Cabedelo .
An einem schönen Freitag, als wir noch hoffen, Immigration, Zoll und Marinha an einem Tag abzuarbeiten, radeln wir zu Policia, nicht so weit von der Marina entfernt. 09:30 – wenn André pünktlich um 10 Uhr anfängt, ist alles drin – aber wir hatten schon verloren, denn vor uns sitzt ein junges französisches Paar mit gleichem Anliegen. Um 11 Uhr sind wir dran, es ist nicht zu fassen: Stempel vergleichen, Bild vergleichen, Pass ans Licht heben, nochmals Stempel vergleichen, Computersystem auf Konsistenz prüfen, Formular – gut Ausreisestempel will Weile haben. Dabei wir haben schon den Tagesrekord gebrochen, nur 45 Minuten für die AKKA-Crew. Sensationell. Einklarierende Mitlieger aus der Marina kommen um 15:00 völlig erledigt zurück – und dabei kann alles so einfach sein und fix gehen, wenn nur André mal einen Tag frei hat. Hatte er aber nicht, also muss am Montag weitergemacht werden.

FlipFlops all überall. Die fehlenden Beine sind auf die Bank gezogen…

Leider sind die Dinge in Cabedelo nicht mehr so einfach, seit sich die drei Behörden nicht mehr zusammen im Hafenareal befinden, Policia am Nordrand von Intermares, die Receita am alten Platz, die Marinha, der das Haus abgebrannt ist, in Joao Pessoa. Diese langwierige  Reiserei bietet aber einen würdigen Abschied von den Attraktivitäten und Merkwürdigkeiten im Nordosten Brasiliens – das bietet Ein- und Ausreise in Iguassu nicht,  so ein 20-Sekunden-Stempelding. Der Zug rumpelt einen nochmals hin und her, mit all den netten, flipfloptragenden Leuten an Bord, die Snacks und Wasser verkaufen oder frisch geborene Babys nach Hause tragen, oder mit den Schülern, die einen auf der Suche nach Sparringspartnern für ihre Englischkenntnisse anquatschen…

Im Zug nach Joao Pessoa. Agua? Pipoca?

Ein kleines Mädchen ist ganz aus dem Häuschen: „…o novo, o novo!“  Der neue Zug, was für ein Abenteuer. Neuer Zug auf alten Gleisen macht aber in Sachen Geschwindigkeit und Schlangenbewegungen (man guckt von vorn bis hinten durch, sehr spannend!) wenig Unterschied, wobei die Anzahl der unbeschrankten Bahnübergänge auf dieser Strecke sowieso keine hohe Geschwindigkeit erlaubt.
‚Mein Heimatgeräusch für Jacaré ist daher auch weniger der ewig Ravel-blasende Saxofonist, sondern: „trööt-trööööööt-trööt-trööt!“ Der Zug am Bahnnübergang.

Aber dann sind wir ausklariert, wir nutzen die 72 Stunden Karenz weidlich, überweidlich aus, lösen uns am Freitag (da sind es schon 84 Stunden) vom Ponton und gehen in der Flussmitte vor Anker, und am Sonnabend geht es endlich raus – hurrah! Wir segeln – ein bisschen, in der Flussmündung schmeißen wir kurz den Anker, um den Loggeimpeller nochmals vom Bewuchs zu befreien – in der trüben Flussbrühe vor der Marina war ich etwas eilig gewesen – und erwecken den Wassermacher zum Leben. Aber dann. Raus auf den Atlantik! Nordwärts! Hinein… in die Regenwolken, die sich am Abend am Horizont türmen. Es wird schon fast dunkel, als wir angesichts der schwachen achterlichen Winde noch schnell den Spibaum riggen (und der Eigner sich vom Relingsdraht auf die Stirn küssen lässt, schöne Schmarre das!) – aber leider, leider kein Wind ab 23 Uhr,  dafür sturzbachartiger Regen, über Stunden. Pottenschwärze ringsum – genau die Kombination, die man sich für die erste Nacht auf See wünscht, und der Motor rappelt dazu. Um 7 komme ich drömelig aus dem Bad, huch, der Motor ist aus! „Ja“, sagt der Eigner in seinem „Gefahr-im-Verzug“-Tonfall, „hab‘ ihn gerade mal ausgemacht. Die Stirling-Ladekontrolle meldet hohe Batterietemperatur.“ So ein Kack! Die neuen, teuren Batterien…  Was tun? Noch 1200 Meilen weiter nach Französisch-Guyana, wo sich gerade die Bevölkerung einen Generalstreik gibt? Oder nach Fortaleza? … warte mal… Richtig weit dürfte Natal nicht sein, die Hauptstadt des Staates Rio Grande do Norte. Ist sie auch nicht. 20 Meilen west-süd-west, da sind wir gerade dran vorbeigegurkt. Am Mittag sind wir da und liegen nun vor dem verschlafenen Iate Clube do Natal mit ein paar unbelebten Yachten vor Anker. Vom Strand aus erfreuen uns die hiesigen Sängerknaben mit ihren fröhlichen Liedern: wir liegen vor einem Militärstützpunkt, und es wird den ganzen Tag exerziert. Jawoll, Herr Ka’Leu. DIIIE Augeeen rechts.  „OOOs olhos…“. Um 05:30. Abmarsch  zum Frühstück! EIIN Lied, zwo, drei!  In dieser Art…
Gestern war neben ein bisschen Rumpfreinigung der große Batterie-Testtag in allen Konfigurationen – hochladende Lichtmaschine, normal, mit/ohne Solarpaneleintrag, Spannungsmessung überall… Mal schauen, was sich für eine Lösung ergibt; eigentlich sind wir ja ein Segelschiff.

AKKA, Du machst Witze!

6 Wochen Alltag

Wo sich das Leben lohnt: im Fischerdorf

Jacaré, 22.3.2017

Quatsch  – schon länger als 6 Wochen sind wir schon wieder hier! 7 Wochen? 8 ? Das Leben geht seinen Gang – und beschäftigt sich zur Zeit ziemlich viel via Internet mit den Nachrichten. Geradezu fieberhaftes morgendliches „… hat Donny was getwittert?“ und wenn ja, was? Mal wieder ein Lacher zur Frühstücksstunde oder was zum Faustballen? Heute jedenfalls schläft er noch. Fox&Friends versichert den amerikanischen Zuschauern, dass, wer das Comey-Hearing zum Abhörvorwurf gegen Obama verpasst hat, nichts verpasst hat. Dreist. Die Anti-ACA-Bill ist abgeschmettert, aber was hilft’s? Die lassen das Ding an die Wand fahren. Wer hätte gedacht, dass wir mit unserer schwammigen leicht linksliberalen Einstellung mal als „lupenreine Sozialisten“ dastehen würden – das sind vielleicht Zeiten. Wurde in Ankara mal wieder ein Diplomat einbestellt wegen unbotmäßigen Verhaltens? (Antwort: jaa!) Herr Schulz wird bejubelt – wir hoffen, dass man bei allem Jubel nicht unsere Rechten aus den Augen verliert. Ziemlich unheimlich, das alles.
In Jacaré scheint dagegen alles ziemlich normal zu sein (naja, außer dass unsere Freundin als Signatur in ihrem WhatsApp-Account „ForaTemereternamente“ stehen hat, auf immer ohne Temer, der brasilianische Präsident ist nicht sonderlich beliebt; Dilma Rousseff war es auch nicht, aber das ist eine andere Geschichte). Sonst ist Alltag. Auf der Dorfstraße sitzen die Damen in baufälligen, plastikbespannten 60er-Jahre-Rohrstühlen und quatschen, spielen Karten und versuchen, die Kinder im Zaum zu halten, am Ufer bauen die Fischer ihre ebenso baufälligen Netze wieder zusammen. Typisches Geräusch rund ums Boot: deng-deng-deng-patsch-patsch! Fischer haut mit etwas Hartem aufs Boot oder klatscht aufs Wasser: Fischeerschrecken ist angesagt, die frisch reparierten Netze sind ausgelegt. Manchmal hängt eines der langen, schmalen Fischerboote hinter der AKKA, und es ergießt sich ein stundenlanges, gedämpftes Gebrabbel über uns – es wird geangelt. So fließt es dahin, das Leben. Wasser holen im Mercadinho, mal gucken, ob aus dem eher bescheidenen Gemüseangebot etwas für uns dabei ist; meist läuft das auf Paprikaschoten und Tomaten hinaus oder ein Stück Kürbis. Den Rest des täglichen Bedarfs decken wir – Radeln macht die Wadeln stark! – in Intermares, weil der dörfliche Bäcker schreckliche Weichbrötchen fabriziert. Brot ist einfach nicht wirklich „brasilianisch“. Bolo schon eher: süßer Kuchen, der geht immer… Überhaupt: süß! Süß ist der Hit, aber das verfolgt uns ja schon seit Jahren; hier mündete das in der verzweifelten Suche nach einem nicht gesüßten oder anderweitig behandelten Joghurt als Starter für die eigene Produktion, da fällt die konzernkritische Verbraucherin dankbar auf die Knie, wenn sie dann „Joghurt integral – só 2 ingredientes“ der Firma Nestlé entdeckt. Nur zwei Zutaten, Milch und Kultur. Toll. Und es funktioniert, die Weiterreise ist gerettet.

Wenn die Umstände es erfordern, ergibt sich natürlich aus profanem Anlass auch mal ein Stück Kultur. Angefangen hat die Geschichte schon in Altwarmbüchen. Mein Rad braucht eine neue Hinterradnabe, und beim Fahrrad-Mesic lag so eine. Ungefähr so eine, jedenfalls. Natürlich ist es doof, wenn das Schiff samt Rad in Brasilien weilt, man beim Fahrradhändler der Wahl eine Nabe entdeckt, die „ungefähr richtig“ aussieht, und eine Nachfrage bei Dahon nichts Substanzielles ergibt. Risiko – sieht richtig aus und hat auch 8 Gänge, wir nehmen das Ding mit. Gut so, denn mittlerweile verabschiedete sich Gang um Gang. Der Jacaré-Fahrradmensch war (glücklicherweise?! DIE Werkstatt muss man sehen!) nicht da, aber gegenüber der Capitanerie in Joao Pessoa hat Tulio seinen Fahrradladen, und die freuen sich dann auch über den schönen Auftrag: Nabenwechsel mit einem Satz neuer Speichen. Fahrradreparaturkultur mit Sprachbarriere, aber man verspricht uns, noch am gleichen Tag fertig zu sein. Daraus ergeben sich erst ein Mittagessen im Kreise der Büro- und Werkstattleute und ein ausgedehnter Spaziergang durch das alte Joao Pessoa.  Insbesondere: Besuch im alten Franziskanerkloster. Leonardo Melz wird herbeigerufen, siehe Sprachbarriere, seit vielen Jahren Techniker im Kloster und gebürtig aus Santa Catarina, wo sich die Deutschstämmigen in Brasilien knubbeln. Dieser Akzent! Hessen/Pfalz-Deutsch mit brasilianischer Grammatik und ebensolchen Wortsprengseln gefärbt, dabei sagt er, die Familie käme aus Hamburg. Herrlich, unterhaltsam und informativ. Das Kloster ist ein Prachtbau hoch über dem Ufer des Paraiba, den man in der Ferne durchs Grün fließen sieht. Uraltes Chorgestühl unter üppig vergoldeten Decken. Altäre „für alle Anlässe“ und nicht zu vergessen ein separates Kapellchen , in das  sich die „Schwazze“ drängen durften. Dass nicht zuletzt die „Schwazze“ mal für den Reichtum des Konvents gesorgt haben, lässt sich an den Dächern ablesen. Reihe um Reihe runder Tonziegel – halbzylindrisch natürlich – und jeder Halbzylinder hat ein anderes Format, denn das ergibt sich aus dem Beinumfang der „schwazzen“ Frauen, die die Ziegel auf ihren Oberschenkeln geformt haben. Und da der Punkt Arbeitskraft wohl so günstig war, ist das Dach Anzeiger für den Reichtum des Klosters: hatte eine schlichte Hütte ein einfaches Ziegeldach, legte, wer auf sich hielt, auf seine Fazenda  zwei Tonziegelschichten übereinander – auch eine Konzession an die tropischen Niederschläge. Was hat das Kloster?! Natürlich 3 Schichten. Nur für die Allerreichsten…
Darauf trinken ausreichend reiche Leute wie wir einen kleinen Café com leite im gekühlten Café 17, damit ist auch der Kulturpunkt „Kathedrale“ abgehakt. Man kann nämlich drauf schauen, zuviel K(irchen)ultur ist ungesund!  Und dann zurück zur Alltagskultur, zur Radwerkstatt. Es war fast zu erwarten: Radnabe auf Verdacht, das kann nicht 100% gutgehen. Wir nehmen das Schätzchen in Empfang, aber der Google Translater muss wieder ran: die alte Schaltmimik passt nicht auf die neue Nabe. Aber – das muss man durchgängig feststellen! – Brasilianer sind nicht nur hilfsbereit, sondern auch findig, und so telefoniert unser Mechaniker mal kurz… „Geht doch bitte morgen mit dem Rad zu XBike in Manaira und fragt nach Pedro, der weiß Bescheid…“  Kostenpunkt der Aktion – 36 Reais für die Speichen und ein Zahnrad, 15 (5 Euro!) für die 3-stündige Arbeit. Man ahnt das Verdienstlevel.
Tags drauf, es ist Samstag, reisen wir mit Taxi und dem geklappten Dahon nach Manaira. Stichwort Verdienstlevel – bei XBike tut sich ein Indiz dafür auf, dass es nicht nur Geringverdiener im armen Nordeste Brasiliens geben kann. Carbonräder in den abenteuerlichsten Konstruktionsformen (ohne Gabel, das hat die fahrradaffine Langzeitseglerin noch nicht gesehen!). Schicke Accessoires. Pedro (auch „peu“, der Kurze genannt) sieht uns, zieht gleich den richtigen Schluss „ah, os alemães!“, man schaut drauf und sagt: „… wir versuchen’s!  Montagabend, ist das  recht?“  Klar, mir ist alles recht, was mein Rad wieder funktionsfähig macht. Der Taxifahrer – macht auch große Augen in diesem sehr kleinen, aber äußerst feinen Fahrradladen – lädt uns am Manaira-Shopping Center ab, und wir geben uns eine weitere Portion Alltagskultur: Shopping mit den Feinen der Stadt. Duschvorhang von Stok&Tok (Mini-IKEA für Brasilianer), „Kenner“-Flipflops für die Dame des Hauses (die haben von 2008 bis 2016 gehalten, hoffentlich ist die Qualität so geblieben). Das wirklich Feine allerdings überlassen wir den Feinen.

Jefferson und das exotischen Klapprad

Das Ende Fahrradgeschichte ist schnell erzählt, Montag „war nicht“, aber Dienstag, ich radele mit dem Zweitrad hin (Südostpassat! Und wo liegt Manaira von AKKA aus gesehen? Ja klar… über eine Stunde gegen den Passat). Das Rad ist noch in der Mache, also kann ich noch ein bisschen mit den wahrlich schicken Radsportlern radebrech-plaudern, die sich ihre Racer richten lassen. Jefferson hat Spaß am Exotenrad, die anderen Radler auch – und dann  habe ich wieder 8 Gänge, die sich schalten lassen!  Muito obrigada, Jefferson e Peu!

Mehr Alltag gefällig? Computer, zum Beispiel. Das AKKA-Computerschussel – der Eigner hält sich da raus und benutzt, was auf den Tisch kommt – wählt in Südafrika Ersatz für den Namibia geklauten Rechner aus, ein Subnotebook ACER R3-131 T . Und weil der Rechner bei CompuMania 2000 Rand billiger ist als bei „Incredible Connection“, schlägt sie zu. Der Eigner sagt im Rückblick: „… beide waren blau! Die mussten ja identisch sein!“  Jaaaa. Waren sie halt nicht, es gab da noch einen Index in der Typenbezeichnung, der auf die Prozessorausstattung verwies. Kurz: der Neurechner war so langsam, dass wir vor der Abreise eiligst ein weiteres Ersatzgerät anschafften, denn aufzurüsten war angeblich „bei diesen modernen Rechnern, die nur über den Preis verkauft werden“ (O-Ton ACER-Forum) nichts. Februar 2017 – Neuauflage des Aufrüstungsproblems, weil Andreas‘ Rechner in die Knie geht . Richtig, unser Rechnerdurchsatz ist erschreckend! Am Prozessor lässt sich zwar nichts machen, aber ein bisschen mehr RAM würde bei Windows10 helfen, und ich lese in technischen Beschreibungen: aufrüstbar auf 8 GB RAM. Frage ans ACER-Forum. „Oh? Wirklich? Da könntest Du Glück haben!“  YouTube bietet Tutorials, wie man diesen speziellen Rechner öffnet und RAM aufrüstet; unfassbar, was alles so im Netz schwirrt. Des Schussels Herz beginnt zaghaft zu hüpfen. Den richtigen Schub kriege ich aus Altwarmbüchen, Ritter&Ritter, „mein“ kleines Computerunternehmen um die Ecke macht mir Mut und schickt Bestellnummern für Austauschspeicher. Das ist Service, wirklich. Nach ein bisschen Zögern packen wir den ganz alten Laptop, der auch mehr RAM vertragen könnte, und den blauen Südafrikaner in die Rucksäcke, radeln nach Manaira und werden bei NAGEM fündig: der erste wichtige Fund ist, dass Luis, der des Englischen mächtige PlayStation-Vertreter, sofort als Hilfe einspringt, siehe oben, hilfsbereite Brasilianer. Eine eifrige Mitarbeiterin forscht gleich nach einem passenden RAM-Speicher – hurra, Fund 2, es gibt 8 GB im Lager, aber schade, nichts für den Alt-Laptop!

Computerreparatur „brasileiro“ Luiz und Alex und der Uralt-Acer

Alex tritt auf den Plan und mitten im Laden, auf den Knieen, fangen wir an, die Kiste zu öffnen. Die neue RAM-Bank ist schnell eingebaut, schließlich hatte ich das nach YouTube-Tutorial schon geübt. Nebeneffekt: im Altrechner ist ein zweiter Einschubslot, und der „Abfall“ vom blauen Rechner rüstet den alten Herrn auf 4GB auf.  Bleibt die Frage nach dem Verdienstniveau – die ganze Aufregung, die Arbeit (und der ganze Spaß) waren im Kaufpreis des Speichers enthalten. Brasilien!

Noch mehr Alltag?! Wir treffen Reginaldo, der unsere Außenborder einer Inspektion unterzieht und vor lauter Begeisterung, weil wir so nette Leute sind (mit denen man Englisch üben kann…) zweimal mit uns Essen geht. Nett.
Ganztägige Radexkursion auf der Suche nach Zitronensäure und Natriummetabisulfit (damit konserviert man die Wassermachermembran). Joao Pessoas Innenstadt ist wirklich weit weg, und es ist heiß. Sehr heiß. Angefangen bei Plury Quimica, wo man nicht einmal die Tür öffnete, wie im Comic – hinter der Tür kreischt eine wahrscheinlich „Alte“, dass sie hier nichts verkaufen, vor der Türe stammele ich, man möge doch bitte mal die Tür öffnen, aber nein, man schiebt nur eine Visitenkarte zwischen Rahmen und Türblatt durch! Rufen Sie da mal an (die Nummern waren dann folgerichtig auch nit erreichbar). Weiter über einen „hat alles!“-Laden (leider eben nicht alles…) 3 km zurück zu einem längst geschlossenen oder unbekannt verzogenen Filterladen. Gleich hinter der luxuriösen Manaira Mall radele/holpere ich am stinkenden Kanal entlang durch eine kilometerlange Favela – brasilianische Kontraste. Weiter im Zickzack durch die Stadt  (und zwar dreidimensional, Joao Pessoa hat mehr Steigungen, als der Radfahrer es gern hat!) bis ich bei Quimica Moura fast der Ohnmacht nahe bin, aber ich kriege zwei Glas Wasser und… Zitronensäure – das wusste ich, weil ein freundlicher Geschäftsinhaber zuvor für mich dort angerufen hatte. Und falle in eine noch tiefere Ohnmacht, als man bestätigt, dass man Natriummetabisulfit vorrätig habe. Hurra! Wochenlange Suche beendet. Bitte 1 kg. Oder 1,5. Mindestabnahmemenge 25 kg! Na, dann eben nicht. Heimreise mit dem Zug, das ist praktisch, die Beine waren ausreichend weich.

Noch mehr Alltag?
Thema: schlappe Batterien, die alten waren von 2012. Also austauschen, die neuen kommen aus Sao Paulo. Online-Bestellung ohne brasilianische Steuernummer und ohne Konto. Schwierig! Arina, Übersetzerin und Dolmetscherin und nebenbei gute Seele aus dem Büro, hilft aus, wie schon mehrfach zuvor, aber bis es so weit ist… Die Bank hat zu (es ist „Sommerzeit“, da geht es ab 14 Uhr an den Strand, wahrscheinlich). Wochenende. Als die Bank am Montag wieder öffnet, nimmt sie für die Transaktion nur Bargeld. Dazu braucht es mehrere Kreditkarten, von denen eine gesperrt… Dat duurt! Es folgt ein Straßentransport auf 2.400 km schlechten Straßen, über Karneval. Dat duurt extra. Nach 3 Wochen kommt der LKW, der Eigner misst die Spannung der Batterien noch im Paket, prima. Nach dem Auspacken allerdings stellt man fest, dass zwei Batterien defekte Gehäuse haben. Dat stresst! Und dann ist auch noch an einem Tage das Paket der heilen, neuen Batterien rätselhaft warm. Dat stresst noch mehr. Ihr seht – wir haben immer wieder Grund, hier abzuhängen und es langsam angehen zu lassen.
Oder: Zwei Kreditkarten bahnen sich einen mühsamen Weg aus Deutschland – irgendwo müssen die Daten in den letzten Monaten abgefischt worden sein, die Gesellschaft sperrt die alte Karte.  Das ruft den posthaltenden Bruder auf den Plan und ergibt mehr (für uns in der Entfernung!) oder weniger (für die Brudersfamilie, die sich mit UPS herumschlagen musste) lustige Erlebnisse mit den verschiedenen Kurierdiensten. Spannung bis Anspannung auf allen Seiten und Dankeschön nochmals an unsere Poststation und den Bruder in Deutschland, die sich immer kümmern!

Voll ist gar kein Ausdruck Carnaval in Olinda

Maracatu Badia – die Lead-Drummerin

Sonst?! Karneval in Olinda. Unglaublich, die drögen AKKAnauten werfen sich einen Tag ins Gewühl und verstehen die Brasilianer und angeschlossene Touristenmassen nicht, die auf kaum wahrnehmbare Zeichen hin kollektiv in Gesänge und Gehüpfe ausbrechen. Ein ziemlich feucht-fröhliches Fest, das steht fest. Es ist fast unerträglich laut und definitiv nichst Agoraphobiker. Mein Highlight war eine Trommlergruppe in einer Seitenstraße – die Maracatú Badía. Infernalischer Lärm, unglaubliche Energie, einfach toll. Für mich bleibt – neben dem einen Tag „Watteohr“, das kommt davon, wenn man dicht dran steht und soch nicht lösen kann! – allerdings eher in Erinnerung, dass wir in Gesellschaft der hier eingefallenen WORLD ARC Rally nach Olinda gefahren waren. Auf der Hinfahrt holte ich mir von einem Briten eine energische Lektion zum Brexit ab (Kurzfassung: „die EU und die Deutschen wollen die Briten bestrafen!“) .  Uff. Beim Warten auf den Rückbus kam uns ein Amerikaner mit „Deep State“-Geschichten und „Obama leads a movement of civil inobedience – you won’t believe it!“ Stimmt, we don’t believe it. Man soll ja nicht voreingenommen sein, aber große Yachten erzeugen bei mir nun vorsichtiges Sondieren der politischen Einstellung. Wobei… die aktuelle Lage, egal ob in Europa, Deutschland, in Südafrika oder nun den USA lässt einen deutlich öfter über Politik sprechen als das in den guten „ruhigen“ Zeiten passierte, also treten Differenzen auch eher mal zutage; vielleicht haben wir die Unterschiede vorher nicht gemerkt. Auch hier in Brasilien spricht man öfter über Politik. Auf immer ohne Temer! Da stehen „Lula? Immer wieder!“ gegen „Lula? Ins Gefängnis mit ihm!“ Wir sind gespannt auf die Wahlen.

Aber nu’… Abfahreralltag. Verproviantierung. Einkochen. Andreas in den Mast kurbeln. Ausklarieren. Abfahren! Nächste Woche. Französisch Guyana. Auf alten Pfaden – mit neuen Nebenpfaden.

Rio!

So sieht es aus in Rio!
Pareoangebot am Strand

Jacaré. 27.2.2017

Jetzt ist Schicht. Kein Blogeintrag über einen ganzen Monat, und dabei fehlt Rio noch.  Leider ist das Netz in Jacaré intermittierend schwach, das hat mich die letzten Tage abgehalten.

Hier also ein paar Erinnergungsfetzen an Rio und den Abschluss der Rucksackreise.

Unsere Reiseenergie war schon in Iguassu weitgehend erschöpft. Ursprünglich war die Idee, durch den Staat Paraná nach Osten zu fahren, vielleicht Brasiliens grünste Stadt (farblich und politisch) anzuschauen, das ist Curitiba, und dann der Küste entlang nach Norden bis Rio und weiter nach Salvador zu reisen. Plan… Das hätte viele Stunden Bus bedeutet, immer lustig, aber immer auch anstrengend: man ist ein bisschen unausgeschlafen, verdödelt am Ziel mindestens einen Tag… – und GOL und andere Fluggesellschaften bieten ab Touristenmekka Iguassu günstige Flüge. Gesurft, geguckt, gestaunt, gebucht.
An einem sonnigen frühen Nachmittag kratzt unser GOL-Flieger nach 2 Stunden mit der Tragfläche knapp am Zuckerhut vorbei, das Häusergewirr von Botafogo und Flamengo zur Linken, das Mooringfeld vor Urca… eine weitere, schneidige Kurve und mit „bumm“ und einem fetten Rückwärtsschub landen wir auf dem Innenstadtflughafen Santos Dumont, den man in die Bucht von Guanabara gebastelt hat. Ziemlich kurze Landebahn! Das olympische Segelrevier 2016 glitzert, hübsch warm ist es, wir haben die Tropen erreicht. Der Taxifahrer macht ein bisschen Sambamusik und wühlt sich durch den Verkehr Richtung Stadtteil Laranjeiras. Das Hostel ist ein schöner, etwas angenagter Belle Epoque-Bau und nennt sich Redentor (nei-enn, nicht „Reden-Tor“! „Hedschentschor“!)  Jetzt geht es los mit dem Brasilianischen – der Wirt in Iguassu hatte in England gearbeitet und war des Englischen für brasilianische Verhältnisse übermäßig mächtig gewesen, aber hier hat jetzt „Google Translate“ via Smartphone Dauereinsatz – wie einen übergroßen Löffel hält uns Wirtin ihr Telefon hin und füttert uns ihre Antwort oder lässt uns sprechen. Sehr witzig, und sehr effektiv. Mit den kleinen Übersetzungsschwächen von Google Translate muss man leben und man lernt, keine komplizierten Sätze zu bilden. „Hallo Marisa!  Schau mal, meine Bermudas lösen sich auf, ich brauche einen Kurzwarenladen, wo ich Aufbügelflicken kaufen kann!“  – so etwas geht gar nicht. „Meine Hose ist kaputt- Punkt –  Wo ist ein Kurzwarenladen?“ muss reichen. Es ist eine rechte Sprachwurschtelei, aber das ist ja auch genau schön so.
Wir laufen viel und sehen viel… toll. Laranjeiras („Orangenbäume“) ist ein schönes, altes Wohnviertel, direkt unter den Millionen Jahre alten Felsen, neben dem Hostel ein altes Stadtpalais, ein paar Schritte weiter ein nettes Café mit Buchladen – oder umgekehrt, oder vielleicht doch ein Biersortenverkauf mit Kaffeeangebot und Büchern… Supermärkte nach Belieben und normales, bürgerliches Brasilianertum. An der Straßenkreuzung Straßen-Leben. Die „Bewohner“ unter der Brücke ziehen manchmal mit ihren Karren um, um ihren Müllfernseher an die Straßenbeleuchtung anzuschließen und dann Fußball zu schauen: Samstagnachmittag zu Hause. Dahinter erinnert ein Denkmal an den ersten italienischen Flieger, der hier (etwas unglücklich) gelandet ist, gleich daneben ein Hundepark, wo sich Dogwalker und andere Hundehalter zum Schwätzchen und die Hunde zum Kämpfchen treffen. Weiter die Rua dos Laranjeiras hinunter kommt man auf den großen Largo de Machado, an dem man abends unter Brasilianern beim Portugiesen sitzt und sich von den benachbarten Ingenieuren von PetroBras was über die Wirtschaftslage erzählen lässt; ob die nun schlecht ist oder nicht, lässt sich nicht entscheiden, aber die verworren ist sie „… eigentlich geht es der Firma gut, aber wie sicher unsere Arbeitsplätze sind, wissen wir nicht!“).  Wir erregen eindeutig Neid mit unserer Lebensweise. Wendet man sich am Hostel zur anderen Seite, vorbei am beschriebenen Café (immer schwer dran vorüber zu gehen!) winkt ein Herr mit ausgebreiteten Armen durch das Platanenlaubauf uns herab. Richtig, der Redentor, Namensgeber unseres Hostels und von Beruf Touristenmagnet – die Erlöserstatue. Müssen wir natürlich auch rauf, obwohl wir das in den 80ern schon mal getan haben. Die Zahnradbahn picke-packe voll und oben… freie Bahn dem Selfiewahn. Mit Erlöser, ohne Erlöser, mit Panorama, ohne Panorama, aber wohl meistens die immer gleiche Fratze, bildfüllend. Für die etwas kunstsinnigeren Fotografen sind Gummimatten am Boden ausgelegt, so dass man zwischen Hunderten von Beinen die totale Froschperspektive einnehmen kann, ohne sich vollends einzusauen.  Aber eines ist es schon: schön! Wenn man sich einen Platz an der Brüstung erkämpft hat, kann man ausdauernd auf diese immense Stadt, die vorgelagerten Inseln, den in der Sonne glitzernden Atlantik schauen, den Horizont bildet eine durchgehende Kette von Bergen. Sehr schön! Übrigens: als wir am nächsten Tag die Innenstadt unsicher machen, sieht man ab und an mal ein ausgestrecktes Händchen des „Erlösers“ durch die Wolken lugen, sonst hüllt sich alles in Grau. Wetterglück muss der AKKAnaut haben!

Rio ist so bunt, so interessant, dass wir ziemlich rasch Salvador – und die Busfahrt dorthin – vom Zeitplan streichen, um noch ein paar Tage hier zu verbringen. Erinnerungswürdig: die Fahrt mit dem Bus von Urca in die Innenstadt. Wir hatten ja schon mal erwähnt, dass wir den schwindelerregenden Straßenverkehr vermissen – hier ist er wieder, die Busfahrer geben sich gegenseitig nichts und den Passagieren alles, dazu „hängen“ die Straßen teilweise und so geht es im Drift durch die Kurven. Das freut den alten Rallyebeifahrer! Wir haben auch Gelegenheit, mit der schicken UBahn (Olympia und Fußball-WM lassen grüßen!) durch die Stadt zu zick-zacken, in abgerissenen Vierteln zig Stoffläden nebeneinander zu finden, gefolgt von zig Sanitärfachgeschäften. Mit der Logik ham sie’s hier nicht so – zwischen Stoff und Klo müssten doch irgendwo auch Knöpfe, Fäden, Nadeln… und Aufbügelflicken zu finden sein? Nö. Das Kurzwarenladenviertel muss irgendwo anders sein. Dafür kriegen wir keinen Platz in der altehrwüdigen „Confeitaria Colombo“ (in einem späteren Versuch dann schon, wat mutt, dat mutt!). Gleich gegenüber ist ein „Café Pawelka“, die Europäer sind hier in Rio wirklich gut vertreten. Wir sehen die scheußlich-schöne moderne Kathedrale – die von Brasilia hat uns besser gefallen, diese hier erinnert entfernt an den „Bee Hive“ von Wellington und ist sowas von „Un-Kathedrale“, zumindest von außen. Mit der alten Straßenbahn fahren wir hinauf ins alte Sommerviertel Santa Teresa und speisen salvadorianisch zu Mittag.
Und dann die endlose Strandpromenade von Leblon nach Copacabana, gleich mehrfach müssen wir da lang.  Der Eigner findet, dass die Girls von Ipanema ziemlich in die Jahre gekommen sind, und überhaupt sind die aufregenden Bikinis aus den 80ern nicht mehr zu sehen. Die nannten sich damals aus gutem Grund „Zahnseide“. Ach, naja – „ziemlich knapp“ ist immer noch modern. Mit der olympischen Modernisierungswelle sind leider die schönen alten Recks verschwunden, die Banco de Santander hat dafür edelstählerne Multifunktionsfitnessstationen aufstellen lassen, die zwar auch gern genutzt werden, aber mir fehlen die starken Männer mit ihren weithin sichtbaren Imponier-Klimmzügen. Dafür wird ausdauernd Beachvolleyball gespielt und auch Beach-Fußball. Wir würden keine 3 Minuten ohne Zusammenbruch durchhalten – was die Cariocas (beiderlei Geschlechts) hier am Sonntag an Fitnessprogramm abliefern, ist wirklich sehenswert. Ich mache mich übrigens auch mal ein bisschen lächerlich: indem ich Plastikmüll aufsammele. Extrem komische Vorstellung!  Alles in allem: es ist der Strandbär los! Am Ende der Copacabana gibt es eine alte Befestigung aus dem 19. Jahrhundert, die man besichtigen kann und wo wir reichlich „Krupp“-Kanonen finden. Danach sitzen wir auf der Festungsmauer und lassen Moqueca und Picadinho servieren. Sehr gut, da stört auch nicht der Blick auf den kleinen Plastikmüllstau unter uns.
Am Tag vor der Abreise genehmigen wir uns noch eine kleine Pflichtveranstaltung: Favela-Besuch. Pflicht nicht generell, eher für mich, und es ist auch nichts, was man auf eigene Faust unternimmt. Über „Free Walking tours“ verabreden wir uns mit Mariela, einer hyperblonden Einwohnerin der Favela Vidigal, die eigentlich aus Santa Catarina stammt, in der Favela im Kindergarten jobbt und eben neugierigen Touristen das Stadtviertel zeigt. Vidigal zieht sich über dem Luxusviertel von Leblon (und über dem dortigen Sheratonhotel) den Hang hinauf, wie die Favelas das so an sich haben, die Bilder kennt ja eigentlich jeder. Wir sehen so etwas wie eine Vorzeigefavela. Der alte Papst Johannes Paul hatte hier in den 80ern mit seinem Wunsch, eines der Elendsviertel zu sehen, den Vorreiter gemacht, und mit ihm kam dann auch – ein bisschen – Elektritzität und Wasserversorgung, was in den anderen Favelas noch immer nicht selbstverständlich ist. Insgesamt war der Besuch kein extremer Augenöffner, vielleicht, weil wir mit Mariela allein waren und der Funke nicht übersprang, oder Mariela vielleicht nicht die große Lust hatte, aber es trotzdem war ein interessanter Ausflug. Zuerst mit dem normalen VW-Bus-Sammeltaxi die einzige befahrbare Straße den Berg hinauf und dann zu Fuß durch die Gassen bergab. Ganz oben leben die Drogenbarone, haben wir gelernt –  weil im Fall einer Razzia die Polizei mühsam hinauf muss und man dadurch genügend Zeit hat, in die umgebenden Berge zu entschwinden. Die Drogenbarone. Nach einer erfolgreichen Säuberungswelle vor 8 Jahren sind sie leider wieder auf dem Vormarsch, nicht unbedingt in Vidigal, aber in vielen anderen Favelas, in denen ein Besuch wirklich keine Empfehlung ist. Unser Santa Teresa-Ausflug  ist ein gutes Beispiel – schick und alt und voller netter Restaurants, täglich besucht von Hunderten von Touristen, jedoch umgeben von Favelas, die die Bewegungsfreiheit der Besucher ziemlich einschränken – wer zu Fuß heraufkommt, sollte immer wissen, wo er/sie sich bewegt…  Ausbreiten können sich die Favelas im Stadtgebiet nicht mehr, zumindest nicht flächenmäßig. Zwar ist die Regel, dass „legal“ ist, was 10 Jahre Bestand hat, aber mittlerweile wird gnadenlos abgerissen, was illegal in die Fläche geht. In die Fläche – nicht in die Höhe, also werden die alten (natürlich immer statisch „gut“ gegründeten) Favelahäuser in der Höhe erweitert. Das sieht auch in Vidigal manchmal ganz schön abenteuerlich aus. Klar, und eng ist es, aus jedem Zimmer schallt eine andere laute Musik – insgesamt aber ist Vidigal ein sehr erstrebenswerter Wohnort, wie Mariela sagt: am Rand von Rio, fast alle haben Blick auf den atemberaubenden Atlantik, die Luft ist gut (wenn man von den Abwasserkanälen und den Hundehaufen absieht). Die 30 Minuten, die es braucht, um im VW-Bus bis ganz oben zu gelangen, kann man kürzen, indem man ein Motorrad benutzt, das schlängelt sich besser durch als ein Auto. Der Bus kostet 1 Real (oder weniger?! 50 Centavos?) und muss, wie in unserem Fall, schon mal den halben Berg im Rückwärtsgang zurückfahren, wenn von oben der Gas-LKW und die Müllwagen kommen. 1-spurig halt, und Ausweichstellen sind – unausweichlich – zugeparkt. Das dauert. Unnötig zu sagen, dass die Hänge, an denen die Favelas kleben, unglaublich steil sind. Ein Acai-Eis und viele interessante Graffitti später sind wir wieder unten an der Küste.  Mariela kassiert unsere Tourgebühr lieber im Schatten einer Mauer – man weiß nie, wer das sieht, sagt sie. Man weiß auch nie, wo gerade wer aus dem Fenster guckt und wegen des Drogenhandels nicht möchte, dass fotografiert wird. Unser Gefühl von „völlig harmlos“ relativiert sind nun doch ein bisschen. A propos Geld… Vidigal kriegt gerade seine erste Bank, auf halber Höhe. Eine Bank für geschätzte 30.000 Einwohner…  Es ist schon eine andere Welt in den Favelas.  Mariela schwingt sich auf den Rücksitz eines Mototaxis bergauf, wir traben zurück zur Küste und 2 km weiter hat uns das große Geld wieder: Leblon. Die höchsten Grundstückspreise von Rio. Die Grundstücke der wenigen alten Luxusvillen grenzen an… Vidigal!

Und seitdem sitzen wir wieder auf der AKKA. Also genug gequatscht. Weitermachen mit Bootsarbeit! Bis dann!