{"id":4161,"date":"2016-02-19T22:06:06","date_gmt":"2016-02-19T20:06:06","guid":{"rendered":"http:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/?p=4161"},"modified":"2016-03-20T17:23:00","modified_gmt":"2016-03-20T15:23:00","slug":"tief-geschuerft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/2016\/02\/19\/tief-geschuerft\/","title":{"rendered":"Tief gesch\u00fcrft"},"content":{"rendered":"<p>7.2.2016 &#8211; Kapstadt<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Hier ist was los &#8211; wir \u00fcberlegen gerade, wo wir noch ein paar Angstleinen ausbringen k\u00f6nnen. Kein Flugtag f\u00fcr kranf\u00fchrende G\u00e4nse! Gestern abend fing das Geheule, das zweite in dieser Woche, an &#8211; wenn der Tafelberg sich seine graue M\u00fctze aufsetzt, wissen die Bewohner der Marina, was die Stunde geschlagen hat. Seit Stunden haben wir jetzt 40+ Knoten Wind, man muss aufpassen, dass es einen nicht vom Steg haut. Mit Spannung beobachten wir kleinere Aul\u00f6sungserscheinungen an Nachbarbooten, ich selbst f\u00fchlte mich um 5:30 heute fr\u00fch bem\u00fc\u00dfigt, die durchgescheuerte Firstleine von unserem Cockpitdach zu ersetzen. Die Fu\u00dfschlaufen an der R\u00fcckwand mache ich erst, wenn der Tafelberg die omin\u00f6se Wolkenm\u00fctze abgesetzt hat, angeblich am Dienstagmorgen. Aus meiner Sicht darf es gern gleich aufh\u00f6ren, es schl\u00e4ft sich bei dieser Ger\u00e4uschkulisse n\u00e4mlich schlecht. Eine Lektion haben wir heute gelernt: lass keine sch\u00f6nen TEVA-Flipflops auf dem Steg stehen. 1. haben wir heute nacht damit Plastikm\u00fcll (zwei Paar!) gemacht und 2. trauern wir dem M\u00fcll auch noch hinterher. N\u00e4chste gute Flipflopstation: Brasilien.<br \/>\nDies war das schon lange zur Ver\u00f6ffentlichung anstehende Vorwort zum eher Tiefsch\u00fcrfenden.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;&#8230;.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Oudtshoorn, 19.2.2016, auf Landreise<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">H\u00f6hepunkt der ersten Kapstadtwoche betraf einen Tiefpunkt der s\u00fcdafrikanischen Geschichte &#8211; ein Besuch auf Robben Island. Dass wir uns etwas schwer tun mit der s\u00fcdafrikanischen Gegenwart, hatten wir ja schon gesagt, und wer Kapstadt besucht, muss nat\u00fcrlich Robben Island gesehen haben, die Insel, die 6 Seemeilen vor der Stadt liegt, ein flacher Haufen Fels und Sand. Schon Bartolomeu Diaz, der als erster die Kaps gerundet hat, bediente sich hier, denn es ist eben nicht nur Fels und Sand, sondern war damals eine Art Seefahrer-Supermarkt: reichlich Wasser aus Quellen, viele Pinguine, Robben und Schildkr\u00f6ten zum Auffrischen des Proviantes. Das blieb so, bis im 17. Jahrhundert die holl\u00e4ndischen K\u00f6nige auf die gute Idee kamen, dass dort vor der Station der Holl\u00e4ndisch-Ostindischen Kompanie ein Inselchen liegt, das ideal geeignet ist, unliebsame Mitb\u00fcrger &#8211; vom aufs\u00e4ssigen Prinzen bis zu Lepr\u00f6sen und geistig und k\u00f6rperlich Behinderten &#8211; zu verwahren und sie gleichzeitig\u00a0 im Blick zu behalten. Als die Briten \u00fcbernahmen, behielt man diese Sitte bei. Nachdem die Kranken im 20. Jahrhundert nach Kapstadt verlegt worden waren, entwickelte sich unter dem Apartheidregime allerdings eine der harschesten Gef\u00e4ngnisinseln f\u00fcr politische Gefangene, die man sich vorstellen kann, und heute ist es ein t\u00e4glich von vielen Hundert Touristen aufgesuchtes Ziel, nat\u00fcrlich vor allem, weil Nelson Mandela hier mehr als 18 Jahre seiner Haft abgesessen hat. Der Tourist wird von einem schicken Museumsgeb\u00e4ude am Victoria&amp;Albert-Vorhafen auf F\u00e4hren ge- und im Hafen der Insel abgeladen. Die Guides sind ehemalige H\u00e4ftlinge, was die F\u00fchrung umso authentischer macht. Wir haben in den letzten Jahren schreckliche Aufbewahrungsorte f\u00fcr H\u00e4ftlinge gesehen &#8211; die Teufelsinseln in Franz\u00f6sisch Guyana zum Beispiel, das Stasigef\u00e4ngnis in Rostock, die Gulagausstellung in Moskau oder das uns\u00e4gliche Gef\u00e4ngnis 21 in Phnomh Penh. Der Schrecken hier scheint uns in einer gnadenlosen Zerm\u00fcrbungstaktik gelegen zu haben, angefangen von mangelhafter Ern\u00e4hrung, \u00fcber die &#8211; sp\u00e4ter von der UN kritisierten &#8211; Kontaktsperren, Schreibverbot, Leseverbot; Letzteres waren &#8222;Privilegien&#8220;, die man sich verdienen musste und jederzeit wieder gestrichen werden konnten.\u00a0 Ein Beispiel aus dem Tollhaus der Apartheid-Denkungsweise bleibt f\u00fcr mich die Ungleichbehandlung der H\u00e4ftlinge: Wei\u00dfe und &#8222;Coloureds&#8220; &#8211; auch genannt &#8222;Br\u00e4unlinge&#8220;, Mischlinge zwischen wei\u00df und afrikanisch-schwarz oder asiatisch-braun\u00a0 &#8211; &#8222;nicht-Schwarze&#8220; also, erhielten lange Hosen und Schuhe, schwarze Afrikaner keine Schuhe und nur kurze Hosen (nebenbei bemerkt ist es hier in der Tafelbucht schon im Sommer arschkalt&#8230;).\u00a0 Uns wurde ein System von unterschiedlichen Haftphasen vorgef\u00fchrt, Einzelhaft f\u00fcr die Unbotm\u00e4\u00dfigen, Sammelzellen f\u00fcr \u00fcber 50 Leute, Isolierung der politischen F\u00fchrer und milit\u00e4rischen Kader in Einzelzellen, Beschr\u00e4nkung von Rechten (Besuche, Briefe&#8230;). Sehr &#8222;nett&#8220; auch die Rationierung: Schwarze 5 Ounces (140 g) Pap und Muckefuck, nicht-Schwarze 6 Ounces (180 g), mit Tee-Berechtigung.\u00a0 Und so fort.\u00a0 Dazu schwere, aber sinnentleerte Arbeit und viel pers\u00f6nliche Grausamkeit seitens der Wachmannschaften &#8211; ein wirkliches Wunder, dass man das \u00fcber lange Jahre mit klarem Geist \u00fcbersteht. Im zweiten Teil unseres Besuches wurden wir \u00fcber die Insel gefahren und bekamen einen sehr eindr\u00fccklichen Vortrag \u00fcber den zentralen Kalksteinbruch, in dem auch Mandela gearbeitet hat &#8211; so hell \u00fcbrigens, dass alle Beteiligten Katarakte entwickelten, aber selbst den Wachmannschaften wurde das Tragen von Sonnenbrillen untersagt. Hier kam dann eine &#8222;Geschichte&#8220;, ob Legende oder nicht: in einem Einschnitt des Steinbruchs, der gleichzeitig den einzigen Schattenplatz darstellte, wurde der Gemeinschaftsabort eingerichtet, und des Schattens wegen nahm man dort auch das Mittagessen ein. Lecker. Der Schuss ging ein bisschen nach hinten los, weil Wei\u00dfe, auch W\u00e4chter, bekanntlich (oder nicht bekanntlich) &#8222;schwarze Aborte&#8220; wegen der Apartheidregeln nicht besuchen durften; so wurde diese zum Himmel stinkende Kantine ein Ort, an dem Schl\u00fcsselfragen des politischen Widerstandes diskutiert werden konnten. Eine weitere dieser Geschichten betraf das Haus, in dem man Robert Sobukwe gefangen hielt, in absoluter Einzelhaft. Rein rechtlich keine &#8222;Haft&#8220;; denn nach Abb\u00fc\u00dfung seiner Freiheitsstrafe wegen Aufwiegelung wurde er sofort deportiert und mit einem absolutem Kontakt- und Sprechverbot versehen, das er nur durch eine Art Zeichensprache umgehen konnte, wenn sich andere H\u00e4ftlinge jenseits des Zaunes aufhielten: Sand streuen, Hand heben, Steine drehen. Robert Sobukwe war einer der Anf\u00fchrer des &#8222;Dom Pass&#8220;.Protestes, der Afrikaner dazu aufforderte, ihren Pass bei der Polizei abzuliefern &#8211; ein Afrikaner ohne Pass musste eingelocht werden, und man wollte mit Massenverhaftungen ein Zeichen setzen. Leider kostete die entstehende Nervosit\u00e4t 69 Menschenleben, als die Polizei auf die Massen zu feuern begann.<br \/>\nNoch eine Geschichte: das Tennisspielen. Die H\u00e4ftlinge in Block A und B, Kader und Anf\u00fchrer, hatten in den sp\u00e4teren 70er Jahren durch Hungerstreik einige Rechte erstritten &#8211; das Recht zu lernen und zu lesen sowie zu lehren &#8211; andere H\u00e4ftlinge, aber auch W\u00e4chter bekamen hier von den teils hoch gebildeten H\u00e4ftlingen alles beigebracht, Lesen und Schreiben, Fremdsprachen, juristische Fachkenntnissen. Zu diesen Rechten geh\u00f6rte das G\u00e4rtnern in den Innenh\u00f6fen der Blocks und das Tennisspielen. Auch das Tennisspielen zwischen den Blocks, nat\u00fcrlich nur ganz versehentlich. Mit B\u00e4llen, die man \u00f6ffnen und eingeschlossene Nachrichten entnehmen konnte: das &#8222;Robben Island Post Office&#8220;.\u00a0 Mandela hat \u00fcbrigens den ersten Entwurf seines &#8222;Long Walk to Freedom&#8220; in seinem Garteneckchen verborgen. Man scheidet von dieser Insel mit der Frage, wie man selbst wohl so eine Haft \u00fcberstanden h\u00e4tte. Wahrscheinlich nicht ungebrochen.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jedenfalls hat mich der Besuch animiert, ein bisschen offensiver im Umgang mit S\u00fcdafrikanern aller Couleur zu sein, zu fragen, auch dumm zu fragen.\u00a0 Ein gutes Erlebnis war ein Treffen mit einem Clubmitglied, der vor nicht allzu langer Zeit ein Buch geschrieben hat, &#8222;Back to Angola &#8211; From War to Peace&#8220;, das mich schwer beeindruckt hat. Paul Morris hat eine interessante Fahrradreise in Angola unternommen, denn er war 1987\/88 als Pflichtsoldat im Kampfeinsatz in Angola &#8211; auf Seiten der S\u00fcdafrikaner, in &#8222;unserem&#8220; Stellvertreterkrieg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Der Erste, der mir jemals Kampfhandlungen beschrieben hat und auch, wie man im erzkonservativen S\u00fcdafrika der Apartheid gedacht hat, wie milit\u00e4risch seine Jugend gepr\u00e4gt war und wie es ist, wenn man sich als Pflichtsoldat nach einigem \u00dcberlegen eigentlich auf der falschen Seite der Geschichte positioniert sieht. Die Reise, die 2012 stattgefunden hat, war kein lustiges Strampeln, sondern die Suche nach dem neuen Angola, die Konfrontation mit den alten Gespenstern und das Davonradeln vor ganz akuten Gegnern und Bedrohungen: angolanische Beh\u00f6rdenvertreter, namibische LKWs, Magendarm-Infekte.\u00a0 Gutes Buch, finde ich, und es hat mich auch \u00fcber die eigene Geschichte denken lassen, besonders der Geschichte der M\u00e4nnergeneration unserer V\u00e4ter und all der komischen Figuren, die unsere Lehrer waren und vielleicht doch den einen oder andere Dachschaden aus dem Krieg zur\u00fcckgebracht haben.<br \/>\nSo wurschteln wir uns durch die politische Landschaft, h\u00f6ren von abgrundtief schlechten Verh\u00e4ltnissen an den Schulen, denen jedes Geld fehlt, um denen, die sich private Schulen nicht leisten k\u00f6nnen, eine auch nur ann\u00e4hernd ad\u00e4quate Ausbildung zu geben. Wir h\u00f6ren von haarstr\u00e4ubenden Fehlbesetzungen in Schl\u00fcsselpositionen der Wirtschaft und in Beh\u00f6rden, wo man der Schwarzenquote gerecht wird, indem man den n\u00e4chstbesten nicht-Qualifizierten dort hinsetzt.\u00a0 Vom Unmut der Frauen \u00fcber die absolut patriarchalische Kultur der Xhosa und Zulu. Und nat\u00fcrlich nehmen wir das wahr, was Paul &#8222;die Paranoia unserer wei\u00dfen Mittelschicht&#8220; nennt. Siehe der Beitrag &#8222;&#8230; aber nicht in die Stadt gehen&#8230;&#8220;. Und richtig platten, offenen Rassismus gibt es auch, aber den eigentlich eher in der Form von Wei\u00dfen gegen\u00fcber ihren schwarzen Mitb\u00fcrgern.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Jetzt fahren wir gerade durch die Lande, sitzen im Moment im paradiesischen Garten einer Pension \u00e0\u00adn Oudtshoorn, genie\u00dfen den Ausblick auf Natur und die fernen Bergen zu allen Seiten und die Annehmlichkeiten vornehmlich wei\u00df (und bunt) initiierten Wohlstandes &#8211; und wissen doch, dass nur wenige Kilometer von hier Townships liegen, in denen schwarze Afrikaner in erbarmungsw\u00fcrdigen Umst\u00e4nden leben.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">W\u00e4hrend sich aber\u00a0 bei den Wei\u00dfen schon eher Unruhe bemerkbar macht &#8211; wir sehen jetzt, woher die vielen Auswanderer in Neuseeland und Australien kommen! &#8211; h\u00f6rte ich neulich von einer schwarzen Verk\u00e4uferin, mit der ich lange sprach: &#8222;&#8230; so ist das hier in S\u00fcdafrika!&#8220;<br \/>\nDer Tenor ist aber auf allen Seiten: wir sind im Umbruch. In welche Richtung es geht, wissen wir noch nicht.\u00a0 Kurz: so richtig optimistische Stimmen fehlen uns noch.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Aber hurra! Im n\u00f6rdlichen Angola hat man auch tief gesch\u00fcrft und dabei den gr\u00f6\u00dften Diamanten der Region gefunden. Der Erl\u00f6s kommt dort bestimmt der Allgemeinheit zugute&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>7.2.2016 &#8211; Kapstadt Hier ist was los &#8211; wir \u00fcberlegen gerade, wo wir noch ein paar Angstleinen ausbringen k\u00f6nnen. Kein Flugtag f\u00fcr kranf\u00fchrende G\u00e4nse! 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