{"id":4446,"date":"2016-06-10T13:28:00","date_gmt":"2016-06-10T13:28:00","guid":{"rendered":"http:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/?p=4446"},"modified":"2016-07-30T15:15:01","modified_gmt":"2016-07-30T13:15:01","slug":"ach-luise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/2016\/06\/10\/ach-luise\/","title":{"rendered":"Ach, Luise&#8230;"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: justify;\">21\u00b019 S und 005\u00b028 E<br \/>\n10.06.2016<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Tag 5 unserer Passage nach St. Helena. Alles gut an Bord. Die Anfangsm\u00fcdigkeit ist der Passagegrundm\u00fcdigkeit gewichen, will sagen: man muss sich drauf konzentrieren, auch zwischendurch ein Nickerchen zu machen, damit die Nachtwachen nicht allzu schwierig sind. Der Wind ist leicht, leichter als wir aus den Langfristvorhersagen erhofft hatten, aber es geht doch immer noch mit ungef\u00e4hr 5 Knoten voran, &#8222;platt vor den Laken&#8220; in die richtige Richtung. Das s\u00fcdliche Afrika versinkt im Kielwasser. Und damit die Erinnerung nicht vollends mit versinkt, noch ein paar abschlie\u00dfende Kapstadt-Noten. F\u00e4llt mir nicht ganz leicht&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Abschied von S\u00fcdafrika war ohne Wehmut. Keine wirkliche &#8222;Yachtheimat&#8220; ist uns Kapstadt geworden, und die anderen H\u00e4fen, Richards Bay, Durban, Port Elizabeth auch nicht, aber das waren ja auch eher Stippvisiten. Und doch war es gerade in Kapstadt sch\u00f6n. Der kleine Yachtclub mitten im Industriehafen, nette Menschen, guter Kaffee auf der Restaurantterrasse, eigentlich eine kleine, westkap-typische wei\u00dfe Blase &#8211; und alles gekr\u00f6nt von diesem fantastischen Tafelberg. &#8222;Landschaft&#8220;, das kann S\u00fcdafrika einfach, und Kapstadt ist keine Ausnahme. Am besten fand ich den Blick, wenn man ermattet vom Einkauf im Builders Warehouse in Paarden Eiland kam und ein ganzes St\u00fcck auf den Berg zu radeln musste. Muss man gesehen haben &#8211; atemberaubend, und der knappe Atem lag nicht an der Radelei. Zum Schluss, als es schon auf den Winter zuging, tauchte die flach stehende (und unerm\u00fcdliche!) Sonne die Stadt in ein milchiges, melancholisches Herbstlicht &#8211; das hie\u00df: sch\u00f6ne Sonnenspazierg\u00e4nge und zur Kaffee(= Caf\u00e9)-Zeit sch\u00f6ne Dramaschatten. Pelzrobben w\u00e4lzen sich im Hafenwasser, tausende Touristen sorgen f\u00fcr Trubel r\u00fcnd um meine Einkaufsecke an der V&amp;A-Waterfront und am Nobel Square, alte Herren spielen fetzige Jazzst\u00fccke &#8211; \u00fcberhaupt war dort immer f\u00fcr gute Musik gesorgt: traditionell-Schwarzafrikanisches (a-humm, a-humm, The Ladysmith Black Mambazo lassen gr\u00fc\u00dfen), jugendliche Bl\u00e4sergruppen, Marimbaplayer. Schick.<br \/>\nGenau diesen Ausschnitt sieht man halt auf Kurzbesuch in Kapstadt, aber es gibt ja auch den Alltagsaspekt. Und immer wieder diese d\u00e4mlichen Sicherheitsfragen. Wenn ich \u00fcber die Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke zum Woodstock-Bahnhof gehen wollte, kam mit Sicherheit jemand aus der Yachtie-Gemeinde, der ein &#8222;da kann man nicht langgehen!&#8220; einwandte (siehe: wei\u00dfe Blase), und die Sicherheitsleute am Gate rufen fr\u00f6hlich: &#8222;&#8230; take care, auntie!&#8220;. F\u00e4hrt man mit dem Hausm\u00e4dchenbus morgens zum Tafelberg hinauf &#8211; wir haben den Ausflug wiederholt, weil es einfach unvergesslich sch\u00f6n ist! &#8211; kriegt man die ganze Pracht der besseren Wohngebiete vor Augen gef\u00fchrt. Western Cape &#8211; die einzige Provinz, wo man noch &#8222;leben&#8220; kann, sagte jemand. Nebenan aufgepeppte alte Wirtschaftsviertel oder solche, wo es mit dem Aufpeppen noch nicht ganz so weit ist, zum Beispiel Woodstock. Und vom Tafelberg in die &#8222;falsche&#8220; Richtung geguckt pr\u00e4sentiert sich einem die ganze Bescherung: die Cape Flats. Townships, Wellblechbuden (wenn man Gl\u00fcck hat) oder Plastikplanend\u00e4cher. Und drunter duckt sich wieder Constantia, allerfeinst, die soziale Schere k\u00f6nnte nicht weiter klaffen. Gegen Ende unseres Aufenthaltes schickt uns ein Freund eine befreundete Familie, die uns zum Italiener ausf\u00fchren, in einem der ganz alten Geb\u00e4ude der Stadt. Das Volvo-SUV wird von einem der nigerianischen &#8222;Parkw\u00e4chter&#8220; eingewiesen, der lustigerweise sein eigenes Auto auf immer andere Parkpl\u00e4tze stellt und so immer ein Pl\u00e4tzchen f\u00fcr einen solventen und &#8211; wie er hofft &#8211;\u00a0 gro\u00dfz\u00fcgigen Parkplatzaspiranten bereit hat (&#8222;Thanks, my brother!&#8220;, sagt der Fahrzeugbesitzer dann. Das muss man auch mit angeh\u00f6rt haben&#8230;). Bargeld f\u00fchrt die Familie lieber nicht bei sich, nur eben f\u00fcr Trinkgeldjobs. Der Abend ist sch\u00f6n, das Essen gef\u00e4llt uns sehr, am besten gef\u00e4llt mir allerdings die Aussage der Mutter, die von ihrem Zuhause in Franschhoek erz\u00e4hlt und schlie\u00dft: &#8222;&#8230; eigentlich sollten wir da nicht mal w\u00e4hlen d\u00fcrfen&#8230; wir leben in einer Blase!&#8220; Eine Blase der Sicherheit, des Luxus, weit weg vom normalen Leben, x-fach umz\u00e4unt und bewacht und gesichert. Eine f\u00fcr uns unvorstellbare Art der &#8222;Normalit\u00e4t&#8220;. Jetzt, gerade auf dieser Passage, lese ich die Deon Meyer-Kapstadtkrimis um Bennie Griessel ganz gern; gut getroffen, das Kapstadtbild, und f\u00fcr mich nat\u00fcrlich nett, sich in der Stadt ein bisschen auszukennen, nicht nur topografisch, sondern auch im Miteinander der Leute. Ein &#8222;Heimatroman&#8220; ist es nicht.<br \/>\nSo war es dann ganz einfach, die Leinen loszuschmei\u00dfen. W\u00e4hrend die Lop To sich tapfer auf den Weg nach St. Helena machten, sahen wir das Windloch in der nachfolgenden Woche, und es war rasch klar, dass wir lieber nach L\u00fcderitz gehen, statt \u00fcber Tage in die eine oder andere Richtung zu d\u00fcmpeln. Sehr gute Entscheidung, h\u00e4tten wir doch ein paar aufschlussreiche Gespr\u00e4che und ein bisschen Diamantenrauschgeschichte verpasst. Und eine Woche namibisches Ministadtleben. Wir hingen &#8211; von der sensationellen Evoldini, der Herrin \u00fcber den Hafen L\u00fcderitz, dorthin vermittelt &#8211; an der Mooringboje des Diamantendredgers &#8222;Rachel&#8220;, der am Tag nach unserer Ankunft hinausfuhr, um seinem wirklich m\u00fchseligen Gesch\u00e4ft nachzugehen, n\u00e4mlich 8-10 Tage vor der K\u00fcste &#8222;staubsaugen&#8220;. Die Diamanthaufen, die man Anfang des 20. Jahrhunderts noch von der Oberfl\u00e4che sammeln konnte, sind nat\u00fcrlich l\u00e4ngst abgeerntet &#8211; man lag dazu b\u00e4uchlings im Sand, hatte ein Sammelt\u00e4schchen um den Hals gebunden und raffte so viel zusammen wie m\u00f6glich. Heute ist es lukrativer, an vielversprechenden Stellen, sprich: unterseeischen Senken und Gr\u00e4ben, zu ankern und einen Taucher hinab zu schicken, der den dicken &#8222;Diamantensauger&#8220; lenkt. Was genau sie aufsaugen, ist in dem Moment noch nicht klar, und der Wert der Beute steht erst fest, wenn Crew und Schiff gr\u00fcndlich auf Schmuggelware untersucht sind (wie findig die Diamantenarbeiter in diesem Punkt sind, kann man im MUseum sehen!), und wenn der eingesammelte Dreck gewaschen und sortiert ist. Das macht einzig und allein die Firma de Beers, die nicht nur den Hafen L\u00fcderitz penibel \u00fcberwacht, sondern das gesamte Sperrgebiet. Fr\u00fcher, zu Zeiten der &#8222;Diamanteneinsacker&#8220;, war das noch anders, und es ergoss sich ein Reichtum \u00fcber Stadt und Region, der schon ans Abstruse grenzte. Dies ist zwar eine harsche Sandw\u00fcstenumgebung, aber man hatte angeblich Wasser genug, um Rosen zu z\u00fcchten, damit man die Tanzb\u00f6den mit Rosenbl\u00e4ttern bestreuen konnte, f\u00fcr die K\u00f6rperpflege sei Champagnerbad billiger als eines im \u00fcber zig Kilometer aus dem Inland herbeigeschafften Wasser. Ein Stadtleben, das eine gewisse Dame der wilhelminischen Zeit offensichtlich nicht wirklich goutierte. Luise hie\u00df sie und war die Frau eines zu Reichtum gekommenen kaiserlichen Leutnants namens Hans Goerke. Hans hatte seine Luise aus Berlin nach L\u00fcderitz geholt und, damit es ihr auch ja gef\u00e4llt, ein wilhelminisches Prachthaus an den Felsen oberhalb des Dorfes geklebt. Wir waren da. Salon, Studierzimmer, ger\u00e4umige Ankleide, Schlaf- und G\u00e4stegem\u00e4cher, 2 (zwei!) Badezimmer. Bleiverglaste Zierfenster&#8230; Nur dass Hans Luise vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit \u00fcber das Leben in L\u00fcderitz gesagt hat &#8211; dass die wei\u00dfen Tropenkleider im st\u00e4ndigen Sandsturm nicht lange wei\u00df bleiben. Dass man die riesigen H\u00fcte nur im Haus tragen kann. Und dass vielleicht trotz aller Turnhallen und Kegelbahnen und Tanzs\u00e4le das gesellschaftliche Leben nur bedingt mit dem von Berlin zu vergleichen ist. Hat er Dir das gesagt, Luise? Hast Du, Hans? Jedenfalls: zwei Jahre hat sie es in diesem diamantenen K\u00e4fig aus gehalten. Das Haus ist interessant anzusehen, aber es atmet f\u00fcr mich heute noch den Geist des &#8222;Untertan&#8220;. Deiner Tochter, Luise, hat es gefallen, als sie als 80j\u00e4hrige das Haus der Eltern besuchen durfte. Und Hans hatte sich wirklich M\u00fche gegeben&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>21\u00b019 S und 005\u00b028 E 10.06.2016 Tag 5 unserer Passage nach St. Helena. Alles gut an Bord. Die Anfangsm\u00fcdigkeit ist der Passagegrundm\u00fcdigkeit gewichen, will sagen: man muss sich drauf konzentrieren, auch zwischendurch ein Nickerchen zu machen, damit die Nachtwachen nicht &hellip; <a href=\"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/2016\/06\/10\/ach-luise\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"spay_email":"","footnotes":"","jetpack_publicize_message":""},"categories":[1],"tags":[],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_publicize_connections":[],"jetpack_sharing_enabled":true,"jetpack_shortlink":"https:\/\/wp.me\/p9lYZL-19I","jetpack_likes_enabled":true,"jetpack-related-posts":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4446"}],"collection":[{"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=4446"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4446\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4490,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/4446\/revisions\/4490"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=4446"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=4446"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=4446"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}