{"id":4959,"date":"2017-04-30T16:48:31","date_gmt":"2017-04-30T20:48:31","guid":{"rendered":"http:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/?p=4959"},"modified":"2017-04-30T17:07:19","modified_gmt":"2017-04-30T21:07:19","slug":"regenzeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/2017\/04\/30\/regenzeit\/","title":{"rendered":"Regenzeit"},"content":{"rendered":"<p>Domburg, Suriname, 30.4.2017<\/p>\n<p>Es regnet! Was f\u00fcr eine \u00dcberraschung &#8211; und die gute Nachricht ist: die Regenzeit h\u00f6rt im August auf. Nun diskutieren ja derzeit alle \u00fcber den Klimawandel, wir auch, und bis sich das Klima gewandelt hat, h\u00e4ngen wir in Domburg mitten im Suriname Rivier an einer Mooring und warten. Warten zum Beispiel darauf, dass es aufh\u00f6rt zu regnen, damit man W\u00e4sche waschen kann, im Moment ist Dauersp\u00fclgang angesagt &#8211; nicht so schlecht, eigentlich, aber es hat hier keinen elektrischen Trockner. Und selbst unter D\u00e4chern W\u00e4sche aufzuh\u00e4ngen ist bei dieser Luftfeuchtigkeit wie Trocknen im Aquarium.<br \/>\nEs ist dennoch lustig &#8211; der Suriname Rivier ist ein Schlammfluss ohnegleichen, der Hoang Ho ist nichts dagegen. Immer wieder treiben kleine Urwaldinselchen vorbei, wir stellen uns vor, wie darauf K\u00e4fer und Eidechsen eine Reise flussabw\u00e4rts machen. &#8222;Fahrt in den Mai&#8220;, wahrscheinlich mit Spinnentanz und anderen Vergn\u00fcgungen &#8211; eine Fernreise wird das jedoch nicht, denn nach 6 Stunden tritt die Insel mit der gekenterten Tide die automatische Heimreise an. Vom gegen\u00fcberliegenden Ufer halten die Br\u00fcllaffen abends ein Konzert, und AKKA dreht sich dazu im Strom. Allem Regen zum Trotz l\u00e4sst es sich aushalten, zumal die River Breeze Bar, zu der unser Mooring geh\u00f6rt, WiFi an Bord schickt. Nun gut, wir <em>holen<\/em> uns das WiFi her\u00fcber, das ja normalerweise mit einem Bier (oder zwei) abgerufen werden soll.<\/p>\n<p>Seit 2 Wochen sind wir wieder in Regionen, in denen man Landfreuden erleben kann, und ich merke, dass ich das wahrlich genie\u00dfe.<br \/>\n\u00e0\u017dles du Salut, Franz\u00f6sisch-Guyana. Der leicht moderige Duft, als wir vor der \u00e0\u017dle Royale in den \u00e0\u017dles du Salut vor Anker gingen &#8211; der erste Landgru\u00df. Ein ohrenbet\u00e4ubendes Zikadenkonzert. Totenkop\u00e4ffchen rufen aus den B\u00e4umen &#8211; uh, uh! Fregattv\u00f6gel \u00fcber uns, kleine Schwalben wippen auf unseren Schoten. Der Ankerplatz in der Baie des Cocotiers ist sehr ruhig, wenn man vom Strom und dem gelegentlichen, tidenabh\u00e4ngigen Schwell absieht &#8211; und daher h\u00f6rt man auch das Gepl\u00e4tscher der Wellen, \u00e4u\u00dferst friedlich, \u00e4u\u00dferst entspannend. Etwas anders dann der erste Landgang &#8211; friedlich ist es schon noch, aber die Inselgeschichte als Deportationslager, als so genanntes &#8222;Bagne&#8220;, verfolgt einen auf Schritt und Tritt, und dabei ist dies nur die Insel der Lagerverwaltung. Als wir auf der Windseite entlang spazieren, erwische ich mich bei dem Gedanken, wie viele Insassen es hier wohl in den Wahnsinn getrieben hat mit dem unaufh\u00f6rlichen Gedonner der Wellen und pausenlosen Wind. Von wegen &#8222;friedlich&#8220;.<br \/>\nHeute ist das aber Nebensache: es ist Osterwochenende, Franz\u00f6sisch-Guyana befindet sich seit 4 Wochen im Generalstreik, also haben die Leute vom Festland frei-frei-frei; die Stimmung schwankt zwischen hurra und &#8222;es reicht&#8220;. Eine Gruppe von ortsans\u00e4ssigen Franzosen &#8211; Guyana ist der Franzosen \u00e4rmstes D\u00e9partement, siehe Generalstreik! &#8211; feiert den Abschied einer Freundin und hat eine alte, zum Massenlager umgewidmete Werkstatt in Beschlag genommen &#8211; und schon werden wir befragt, woher, wohin und bekommen etwas von der guyanesischen Osterspeise angeboten. Das ist die Bouillon d&#8216; Arapua (oder so, rein phonetisch). Ein Eintopf aus Vielem, aber mit einem gro\u00dfen Anteil an Palmfr\u00fcchten. Und Fisch. Und Huhn. Und Speck. Und Knoblauch. Und Zwiebeln. Sieht, da stundenlang gekocht, ein bisschen \u00f6rrgs aus, wir werden auch nicht gezwungen, aber es schmeckt uns ganz gut, zumal uns das auf frischem R\u00f6stbrot dargeboten wird. Dunkles Sauerteigbrot? Hatten wir schon Ewigkeiten nicht mehr, k\u00f6stlich! Nicht im Streik sind die drei Katamarane aus Kourou, die die Tagesg\u00e4ste heranschaffen, also ist daran kein Mangel, und genau darum mochten die Wirte der &#8222;Auberge&#8220; auch nicht streiken. Money makes the world&#8230; Was seine Vorteile hat &#8211; gegen ein paar Euro bekommt man das Tagesmenu und die AKKA-Pantry bleibt kalt. Das lobe ich mir generell, und dann ist die Fischsuppe &#8211; mit Rouille und R\u00f6stbrot! &#8211; auch noch absolut lecker. So sitzt man etwas losgel\u00f6st vom geschichtlichen Hintergrund hoch \u00fcber der Brandung im Passatwind, schaut auf die Teufelsinsel, wo Dreyfus 4 Jahre einsamster Haft verbracht hat und freut sich frecherweise auch noch \u00fcber franz\u00f6sische Desserts.<br \/>\nZur Abk\u00fchlung allzu angenehmer Gef\u00fchle geht es dann umgehend in den Block der zum Tode Verurteilten. Wirklich schlimm jedoch ist der Besuch auf der \u00e0\u017dle St.Joseph, der eigentlichen Gef\u00e4ngnisinsel. Die Inseln sind durch eine Meerenge mit starker Str\u00f6mung getrennt, ganz schlecht f\u00fcr fluchtwillige Gefangene und auch ein bisschen kitzelig f\u00fcr unseren kleinen Dinghymotor. Ein Rundgang am Ufer entlang &#8211; ungef\u00e4hr eine halbe Stunde Bummeln &#8211; ist noch einigerma\u00dfen idyllisch, Palmen, alte Befestigungen, der Friedhof. Beerdigt wurden hier nur die Bediensteten, wer einsa\u00df, wurde den Haien \u00fcberlassen (von denen es angeblich nicht so viele gab, wie man Fluchtkandidaten weismachen wollte). Aber die steilen Stufen zur Inselmitte hinauf enden am eigentlich Gef\u00e4ngnis. Hohe, grobe Steinmauern, ein eisernes Dachger\u00fcst \u00fcber den Massenzellen\/-hallen. Lange Schienen zum Anketten der Fu\u00dffesseln. Nebenan Blocks mit Gruppen- und Einzelzellen. Schaut man in die kleineren, sieht ebenfalls rostige Beschl\u00e4ge zum Anketten und denkt sich nichts weiter &#8211; das ist alles lange her und dem Verfall preisgegeben; in den 60 Jahren seit Schlie\u00dfung des Bagne hat die Natur vieles \u00fcberwuchert. \u00dcber uns knallt die tropische Sonne durch&#8217;s Bl\u00e4tterdach &#8211; und dann gewahrt der Blick nach oben, was hier ablief: die Decke ein Eisengitter, auf der Mauer zwischen zwei Zellenbl\u00f6cken ein langer Laufgang. Diese Zellen waren nach oben nicht geschlossen, die Gefangenen wurden von oben bewacht &#8211; und all das ohne den heutigen Baumbewuchs. Schatten? Keinesfalls &#8211; dazu hatte man die Inselkuppe, auf der die Geb\u00e4ude stehen, gerodet. Ziemlich grausam, und kein Wunder, dass ein hoher Prozentsatz an Deportierten das erste Jahr nicht lebend \u00fcberstanden.\u00a0\u00a0 Was stand in der kleinen Ausstellung auf der \u00e0\u017dle Royal ? Das Bagne auf den Inseln war &#8222;gegen\u00fcber den Gef\u00e4ngnissen auf dem Festland noch das angenehmste&#8220;. Das l\u00e4sst Schreckliches f\u00fcr Cayenne oder St. Laurent vermuten. Wir verkriechen uns dann mal an Bord &#8211; da steht einem nicht mal mehr der Sinn nach &#8222;Papillon&#8220; , der \u00fcbrigens nicht hier eingekerkert war, sondern dr\u00fcben, in Cayenne. Nach einem Pastis kehrt der Sinn f\u00fcr die friedliche Umgebung zur\u00fcck. Zikadengebr\u00fcll, Affengeheul. Sch\u00f6n&#8230; doch, ziemlich sch\u00f6n ist es hier. Sp\u00e4ter, beim Aufr\u00e4umen der B\u00fccherschapps f\u00e4llt mir eine Brosch\u00fcre zum Tuol Sleng, dem Stadtgef\u00e4ngnis in Phnom Penh in die H\u00e4nde. 140 Jahre, 40 Jahre &#8211; so richtig viel gelernt haben wir nicht, wir Menschen. Wir sind eine merkw\u00fcrdige Spezies.<\/p>\n<p>Nach 10 Tagen (Halb)idylle auf den \u00e0\u017dles du Salut lupfen wir an einem Montagmorgen gleich nach Sonnenaufgang den Anker. Mit Strom sollten wir am Dienstagvormittag vor der Einfahrt zum Suriname Rivier stehen, denn den geplanten Ausflug in den Maroni, den Grenzfluss zwischen Frankreich und Suriname, haben wir uns abgeschminkt. Keine Lust auf Stra\u00dfensperren und geschlossene Einrichtungen &#8211; auch die Versorgung soll schon ein bisschen l\u00f6cherig geworden sein. Eine junge Italienerin, die im Bereich des Raumfahrtzentrums arbeitet, hatte erz\u00e4hlt, dass sie sehr gut verstehen, warum gestreikt werde &#8211; die Infrastruktur im Land sei so schlecht, dass sich viele potenzielle Mitarbeiter 3-mal \u00fcberlegen, ob sie nach Guyana gehen; vor allem sei die medizinische Versorgung ziemlich l\u00fcckenhaft. Dabei ist ein Job im Centre Spatiale wohl grunds\u00e4tzlich ein sehr beliebter und nat\u00fcrlich interessanter Arbeitplatz, gegen den die \u00e4rmliche Umgebung massiv abf\u00e4llt. Die Streiklust sei allerdings ziemlich geschwunden, nun vermuten die Mitarbeiter dort, dass f\u00fcr eine Weile nur noch das Raumfahrtzentrum blockiert werden soll. Und wirken genervt &#8211; &#8222;&#8230;wir haben 12 Starts geplant und sind schon 3 im R\u00fcckstand&#8230;&#8220; Wir sind gespannt, wie das ausgeht &#8211; und vielleicht bekommen wir noch ein bisschen landseitig zu sehen; ein Trip mit dem Leihwagen ist geplant.<\/p>\n<p>Die Rechnung f\u00fcr die Weiterreise haut einigerma\u00dfen hin. Wir laufen anfangs noch mit Gegenstrom in den Suriname hinein, aber nach einer Weile erreicht uns der Flutberg von achtern und zieht uns mit. Dies ist ganz andere K\u00fcste als auf den einsamen Inseln. Ist es zur Linken urwaldig gr\u00fcn, liegt zur Rechten Paramaribo mit all seinen Hafen- und Industrieanlagen, und danach reiht sich fettes Haus an fettes Haus, bis wir in Domburg vor dem &#8222;River Resort&#8220; eine Mooring fischen.<br \/>\nDie Sache mit den &#8222;fetten H\u00e4usern&#8220; kl\u00e4rt tags drauf Harry, der Taxifahrer, der uns zum Einklarieren in die Stadt f\u00e4hrt. Harry ist, wie viele Surinamesen, indischer Herkunft und Hindu und erl\u00e4utert uns jeden einzelnen Drogenmafiabau am Ufer. Und kennt auch die Pl\u00e4tze mit den spektakul\u00e4rsten \u00dcberf\u00e4llen und Rachemorden. Eine Tour de Crime, sozusagen. Interessant? Schon. Irgendwie nicht ganz im Einklang mit dem, was wir vor ein paar Tagen aus Deutschland h\u00f6rten: Frau S\u00e4gebrecht m\u00f6chte gern nach Surinam auswandern, weil es hier vor allem zwischen den Religionen so friedliebend zugehe. Mit Harry ist sie offensichtlich noch nicht gefahren. Wir dagegen bringen mit seiner Hilfe die Einklarierungsprozedur, die wir von 2008 in schlechter Erinnerung hatten, binnen zwei Stunden hinter uns, zack, MAS, zack, Immigration, zack, Milit\u00e4rpolizei. Und kehren anschlie\u00dfend im Paradies ein. Das hei\u00dft TULIP Supermarket und hat alles, was wir \u00fcber Monate nicht zu Gesicht bekommen haben. Dunkles Brot, Grie\u00df, Wiener W\u00fcrstchen, franz\u00f6sischen Quark, d\u00e4nische Butterkekse, Schwedenkn\u00e4cke, Maille-Senf,\u00a0 um nur ein paar wichtige Produkte zu nennen. Die n\u00e4chsten Tage sind gerettet! Es darf weiterregnen!\u00a0 Obwohl&#8230; im Moment warten wir gerade. Auf REGEN! Wir haben angesichts der Wasserqualit\u00e4t unseres &#8222;Hoang Ho&#8220; eine Wasserauffangvorrichtung ersonnen. Und was macht der Himmel nach zwei Tagen Dauerregen? Nix. Man kann sich auf nichts verlassen! Nicht einmal auf die Regenzeit in Suriname!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Domburg, Suriname, 30.4.2017 Es regnet! Was f\u00fcr eine \u00dcberraschung &#8211; und die gute Nachricht ist: die Regenzeit h\u00f6rt im August auf. 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