{"id":4999,"date":"2017-05-28T15:30:58","date_gmt":"2017-05-28T19:30:58","guid":{"rendered":"http:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/?p=4999"},"modified":"2017-05-28T15:30:58","modified_gmt":"2017-05-28T19:30:58","slug":"limbo-teego","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sy-akka.de\/wordpress\/2017\/05\/28\/limbo-teego\/","title":{"rendered":"Limbo Teego!"},"content":{"rendered":"<p>Domburg, 26.5.2017<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Freitagmorgen. Leben im Fluss:\u00a0 da muss man schon mal fr\u00fchmorgens das Schiff von einer Insel entlasten, die mit dem Strom flussabw\u00e4rts gereist ist. Ich gucke aus dem Cockpitfenster, da steckt das Dinghy &#8211; steuerbords in Decksh\u00f6he h\u00e4ngend &#8211; in einem Wald fest. Na, so was. Nach kurzem \u00dcberlegen, ob sich das Problem im demn\u00e4chst kenternden Strom von selbst l\u00f6sen wird &#8211; der Eigner leidet an den Folgen des Leberwurstverzehrs vom Vorabend! &#8211;\u00a0 fangen wir gemeinsam an zu stochern und zu schieben. Gut Ding will Weile und auch Kraftaufwand haben, aber die Sicherheit der Mooring ist uns in diesem absolut unsichtigen Gew\u00e4sser wichtig, und so eine Insel hat ja die Tendenz, sich ma\u00dflos zu vergr\u00f6\u00dfern und schwerer zu werden.\u00a0 Wenn die Mooring dann nachgibt, geht es flussab mit der AKKA &#8211; Ziel: Paramaribo &#8211; oder flussauf. Wenn wir Gl\u00fcck haben, bleiben wir im letzteren Fall an COOL CHANGE h\u00e4ngen oder der IMAGINE. N\u00f6. Nach etwas Fr\u00fchsport winken wir der Insel hinterher. Wir haben ihr eingesch\u00e4rft, auf dem R\u00fcckweg, das ist am fr\u00fchen Nachmittag, woanders Stopp zu machen&#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Ein sch\u00f6ner Fluss ist das. Am vergangenen Wochenende haben wir ihn in vollen Z\u00fcgen genossen. Am Freitagmorgen ging es los, mit dem Auto nach Atjoni, am oberen Suriname Rivier. Die Anfahrt&#8230; naja. Die Stra\u00dfe ist in H\u00f6he der aufgelassenen Aluminiumschmelze derartig schlecht, dass wir schon Plan B im Kopf haben &#8211; wenn das f\u00fcr die n\u00e4chsten 100 km so weitergeht, machen wir ein Wochenende zuhause, denn um das Ziel Botopassie zu erreichen, muss man nochmals 2-3 Stunden mit der Piroge fahren. Allerdings ist die \u00fcble Strecke hinter der Aluschmelze rasch zu Ende. Gegen Mittag Atjoni &#8211; Endhaltestelle f\u00fcr Pirogen auf dem Suriname, das gro\u00dfe Bootstaxigew\u00fchle. S\u00e4cke, Kinder, Mama, Opa &#8211; alles wird vom Einbaum auf klapperige Kleinbusse umgeladen und umgekehrt. Das Auto lassen wir, wie empfohlen, auf einer Wiese neben der Polizeistation stehen &#8211; wobei sich die Frage stellt, wer ein Auto wie unseres klauen will, das h\u00f6chstens noch zu Ausschlachten taugt. Wir fragen nach Sando und werden mit einem Abfahrtzeitpunkt um 13:30 beschieden; Zeit f\u00fcr gebackene Bananen und eine Portion Bami aus &#8222;Nancy&#8217;s Eetwinkel&#8220;. Ringsum alles bunt und laut und wirbelig, stets ein Genuss; wo immer es nur noch mit dem Boot weitergeht, macht sich bei uns ein &#8222;Outpost&#8220;-Gef\u00fchl breit. Mit zwei holl\u00e4ndischen Krankenschwestersch\u00fclerinnen hopsen wir auf die schaukelige Piroge, es kommen noch ein paar K\u00e4sten und Taschen und die dazugeh\u00f6rigen Menschen hinzu, und dann kn\u00e4tert der 40PS Yamaha &#8211; sehr beliebt! &#8211; los, bergauf. Man sitzt auf Brettern und etwas angejahrten Schaumgummikissen auf dem Einbaumboden und schiebt so durch kleinere Stromschnellen. Mal \u00f6ffnet sich die Landschaft, mal ragen Regenwaldriesen einzeln aus dem Sekund\u00e4rwald, dann wieder hat man den Eindruck eines echten Urwaldes. Au\u00dfer V\u00f6geln gibt es nicht viel zu schauen &#8211; ab und zu eine Siedlung, ein Waschplatz, eine Taxihaltestelle, eine Gesundheitsstation. Unter Gequackel &#8211; nicht verst\u00e4ndlich! &#8211; werden Taschen abgeladen. Fummel-fummel, das vor dem Wind und Regen sch\u00fctzende Schultertuch wird zum Polsterring, auf den Kopf damit und den Korb mit Eink\u00e4ufen obendrauf, die Passagiere verschwinden im Gr\u00fcn. Wir haben Regenzeit, der Wasserstand ist hoch, die Untiefen &#8211; reichlich dicke, rundgewaschene Granitkl\u00f6tze &#8211; ragen nur noch wenig aus dem Wasser. Ein tr\u00fcgerisches Gew\u00e4sser &#8211; zu Trockenzeiten kann die Fahrt 4-5 Stunden dauern, im Zick-zack um die Untiefen.\u00a0\u00a0 Weitere Stromschnellen der moderaten Art, vorbei an mehreren kleinen Lodges (was man so &#8222;Resort&#8220; nennt &#8211; h\u00fcbsch, aber doch eher unauff\u00e4llig) und unter Regenwolken hindurch. Gut, dass wir einen Schirm dabei haben&#8230; 2 1\/2 Stunden dauert die Reise, aber ehe der Hintern vollends platt ist, sind wir da.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Der Zielort ist nicht so urwaldig wie erwartet: am Ostufer liegt das Dorf Botopasi, gegen\u00fcber sitzen auf einer Lichtung 6 kleine &#8222;Wosu&#8220; genannten H\u00e4uschen und das Hauptgeb\u00e4ude unseres Wochenendquartiers, das Botopassie-Hotel. Rucks\u00e4cke ins Wosu und &#8222;plumps&#8220;. Susan bekocht uns, man sitzt mit ihr und den vier anderen G\u00e4sten am langen Tisch und plaudert ein bisschen deutsch-holl\u00e4ndisch-englisch, wobei herauskommt, dass wir alle Lust haben, am n\u00e4chsten Morgen nach Botopasi hin\u00fcberzufahren und eine Wanderung ins n\u00e4chste Dorf zu machen.<br \/>\nSo geschieht es. Der Haus-Einbaum f\u00fcr solche Ausfl\u00fcge ist ein bisschen kleiner, entsprechend wackeliger und auch nur mit 15 PS motorisiert &#8211; die Einheimischen sitzen allerdings bewundernswert locker, balancieren auf dem Rand um ihren Platz zu finden. In Botopasi erwartet uns unser erstes Saamacca-Dorf. Die Leute gucken kaum auf. Nicht unfreundlich, nur scheu. Oder der Touristen \u00fcberdr\u00fcssig, die doch ab und zu her\u00fcbergeschaufelt werden? Lindie wird sp\u00e4ter sagen: &#8222;&#8230; nur sch\u00fcchtern!&#8220; Eine der Dorflehrerinnen &#8211; insgesamt 9 f\u00fcr 150 Sch\u00fcler plus Kindergartenkinder &#8211; zeigt uns die Klassen, berichtet \u00fcber Schulsystem und Erfolge, erz\u00e4hlt vom Leben als Paramaribo-Gro\u00dfstadtpflanze im Wald &#8211; ihre kleine Flucht: mit dem Buschflieger am Wochenende in die Disco! Und sie f\u00fchrt ein kleines Umweltprojekt vor: &#8222;Limbo Teego&#8220;, &#8222;auf immer sauber&#8220; hei\u00dft das auf Saramaccan und dient der Umwelterziehung der Kinder und der Aufkl\u00e4rung f\u00fcr Erwachsene. Nach 6 km durch den (Sekund\u00e4r-)Wald erreicht man das Dorf Pikin Slee und das Saamakan Marron Museum. Der Besuch ist anstrengend, weil auf niederl\u00e4ndisch, und es \u00fcberschlagen sich so viele fremde Informationen \u00fcber die Lebensweise der Saamaka, wie sie eigentlich hei\u00dfen, dass die \u00dcbersetzung von unseren Mitwanderern l\u00fcckenhaft bleiben muss. Wie sch\u00f6n w\u00e4re es, wenn man das auf Englisch nachvollziehen k\u00f6nnte, aber selbst die Website ist einsprachig. Ich finde, da gibt es Nachr\u00fcstungsbedarf. Jedenfalls zeigt das Museum nicht nur P\u00fctt und Pann wie ein Dorfmuseum, sondern vermittelt einen Eindruck \u00fcber das sehr autarke Leben der Maroons in Guyana.<br \/>\nDie Saramacca sind einer von 6 Maroon-St\u00e4mmen in den Guyanas und zugleich der gr\u00f6\u00dfte &#8211; die Ndyuka bilden eine weitere, sehr gro\u00dfe Gruppe, die vier anderen umfassen 30.000 Menschen zusammen. Maroon ist eigentlich ein \u00dcberbegriff f\u00fcr entflohene, afrikanische Sklaven der Zuckerplantagen, in den Guyanas begann die Stammesbildung schon im fr\u00fchen 18. Jahrhundert. Aus der F\u00fchrung im Museum geht ziemlich eindr\u00fccklich hervor, wie dieses Leben im Busch war: eine matrilineal gepr\u00e4gte, polygame Gesellschaft mit sehr starken Regeln &#8211; und so sind die D\u00f6rfer bis vor einiger Zeit noch organisiert gewesen. Alle D\u00f6rfer befinden sich am Fluss, dem einzigen Verkehrsweg in die Au\u00dfenwelt, die Lebensgrundlage sind Jagd und Gartenwirtschaft. Der B\u00fcrgerkrieg in Suriname in den 80ern hat allerdings viel zerschlagen, nicht nur materiell, sondern auch an sozialer Bindung, viele Saramaccans sind nach Franz\u00f6sisch-Guyana geflohen. Dar\u00fcberhinaus wurden nur wenige Kilometer s\u00fcdlich von hier viele D\u00f6rfer umgesiedelt, weil man f\u00fcr die Aluminiumschmelze einen riesigen See zur Stromerzeugung angestaut hat. Dennoch werden Traditionen immer noch hochgehalten, und wenn es nur die traditionelle Kleidung der Frauen ist, mit einem ehestandsanzeigenden Tuch um die H\u00fcfte. Oder ihre wundersch\u00f6ne Frisur aus 3 oder mehr in die Kopfhaut geflochtenen, dicken Z\u00f6pfen. Lindie, der im Hotel arbeitet und Initiator der Limbo Teego-Bewegung ist, konnte uns noch ein bisschen zu diesem Lebensstil erz\u00e4hlen, und wusste auch zu berichten, wie schwer es f\u00fcr einen Jungen aus dem Wald ist, in der Stadt Fu\u00df zu fassen. Wahrlich aus dem Wald &#8211; die Eltern hatten au\u00dfer der Behausung im Dorf ein Waldcamp, das man durch stundenlanges Paddeln und lange Fu\u00dfm\u00e4rsche erreichte. Dass der \u00dcbergang auf eine weiterf\u00fchrende Schule nicht einfach ist, l\u00e4sst sich denken. Weg von fest gef\u00fcgten Stammesstrukturen, weg von den H\u00fchnern, die nicht der Nahrung dienen &#8211; weder das Fleisch noch die Eier-\u00a0 sondern rituellen Zwecken. Fort vom selbst gemachten Spielzeug. Fort von den Einweisungen in die Jagd. Seine Sch\u00fcchternheit hat Lindie definitiv abgelegt &#8211; er erz\u00e4hlt offen und mit viel Fr\u00f6hlichkeit, auch wenn er der Samaraccan-Kultur f\u00fcr die Zukunft keine wirkliche Chance gibt. Die Kinder &#8211; das wurde auch im Museum betont &#8211; werden in dem Moment, wo sie ins Erwachsenenleben eintreten und die entsprechenden F\u00e4higkeiten erwerben sollen, weggeschickt. Weiterf\u00fchrende Schule&#8230; gut? Schlecht?\u00a0 Rap ist bei den Kindern angesagt &#8211; die traditionelle Musik wird bald nur noch Folklore sein, sagt Lindie.\u00a0\u00a0 Noch ist es eine einigerma\u00dfen lebendige schwarzafrikanische Kultur in S\u00fcdamerika. Von Hari, dem Taxifahrer, wird sie schlecht gemacht &#8211; uns hat beeindruckt, wie lange sich das \u00fcberhaupt halten konnte.<br \/>\nAn wie vielen Stellen in unserer Gesellschaft passiert das? Uns f\u00e4llt der Aborigine-H\u00e4uptling aus dem Northern Territory ein, der sagte: &#8222;&#8230;. wenn die Jungs mit der Baseballkappe falsch herum nach Hause kommen, nehme ich sie mit hinaus in die Wildnis&#8230;&#8220; Alles zu sp\u00e4t?\u00a0 Vermutlich alles zu sp\u00e4t.<\/p>\n<p style=\"text-align: justify;\">Am Montag nehmen wir die Piroge zur\u00fcck nach Atjoni und sehen &#8222;Saamaka&#8220; mit etwas anderen Augen. Ich fische eine treibende Plastikflasche aus dem Fluss, der Bootsf\u00fchrer macht sogar einen kleinen Schlenker. Limbo teego. Forever clean. Wenigstens das sollten wir vorantreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Domburg, 26.5.2017 Freitagmorgen. Leben im Fluss:\u00a0 da muss man schon mal fr\u00fchmorgens das Schiff von einer Insel entlasten, die mit dem Strom flussabw\u00e4rts gereist ist. 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