Archiv für August 3rd, 2007

Am Sprungbrett

Tja, ja – es gibt doch immer noch viel zu ?ben. Zum Beispiel pantryseitig. Alles nichts Unbekanntes, aber doch
immer wieder neu ;) .
Donnerstagmorgen, nach langer Nacht wird es langsam hell, n?mlich um 06:30 Uhr – wir sind hier tief im Westen,
seit diversen Meilen zeigt das GPS nicht mehr ?stliche, sondern westliche L?ngen. Wir befinden uns im etwas
rolligen Anschleichen an den “Chenal du Four”, das ist ein schmales Fahrwasser zwischen felsbewehrter
Bretagne-
K?ste und der Insel Ouessant, “Ushant”, wie die Engl?nder sagen. Zeit f?r das Fr?hst?ck, das uns schon gestern
nach der ersten Nacht unserer Reise nach Brest so nett aufgem?belt hat. Wieder soll es R?hrei geben, mit
einer extra Portion Schinkenstreifen. Der Kaffee ist schon fertig, die Eier ger?hrt, die Brotscheiben
getoastet. Nach der Pfanne graben – da ger?t der R?hrbecher in Fahrt und entleert sich – z?ng!- auf den Boden.
Ja, sch…ade. Mal abgesehen davon, dass die Pampe nat?rlich zwischen die Bodenbretter sickert und einen
entsprechenden Kollateralschaden anrichtet, waren das auch noch die letzten Eier. Ach, nee, da waren ja noch
zwei hart gekochte ?brig. Na, dann die. Einfach d?mlich, wenn man diese Routinehandgriffe noch nicht wieder
drauf hat – eine Hand f?r Dich, eine f?r’s Schiff, oder, besser: den Hintern zum Festkeilen in der Pantry (was
?bergewicht doch wert sein kann!) und die freien 2 bis 3 H?nde f?r die K?chenutensilien. Mit dem Knie kann
man ja noch die Backofent?r halten ;) . Das Wasser wird ohnehin mit den F??en gepumpt.
Aber es gibt auch positive Meldungen aus der Pantry. Die “Kuchen im Glas” gehen ja schon seit geraumer Zeit
wie die warmen Semmeln. Nun gesellen sich zur Hitliste aus der Einmachglasecke noch die selbst eingekochten
K?ttbullar (zu deutsch: Mini-Buletten), die uns die – diesmal mit mehr Sorgfalt bereitete – Kartoffelsuppe
aufgepeppt haben, und die Filetstreifen aus dem Glas. Sehr lecker. Mal gucken, wie sich das Chili con Carne
macht.
Und dann geht es weiter mit Fischkonserven. N?heres dazu sp?ter.

Den Chenal du Four “meistern” wir mit Bravour, dank unserem immer besser werdenden Tidentiming. Schade, dass
wir die Region demn?chst verlassen. Tidennavigation hat ja doch was. Aber zugegeben, ohne elektronische Hilfen
w?re das alles ungleich schwieriger, das denken wir ?fter in letzter Zeit. Dauernd Peilen (erst mal was zum
Peilen
finden vor Lachen!), Stromdreiecke berechnen, Winkel vorhalten, neu peilen, Kurskorrektur… Heutzutage
steuert man einen GPS-Track. Danke, das war’s. Vielleicht ist das der Grund, warum die ganze Bucht hier voll
ist mit Seglern: es ist halt alles viel einfacher geworden. Und trotzdem f?llt uns angesichts der
Stromkabbelungen vor Le Conquet heute der Unterkiefer runter. Wir laufen unter Vollzeug so um die 6 Knoten
durch’s Wasser, keinesfalls sensationeller Wind, aber nett – und loggen satte 10 Knoten und mehr. Und das
Wasser sieht, sagen wir, gew?hnungsbed?rftig aus. Ich m?chte nicht wissen wie das hier ist, wenn richtig Wind
gegen die Tide steht. Siehe das sch?ne, bekannte Bild vom “Le Four”. Ein Leuchtturm, fast schon von der Welle
?bersp?lt, der Leuchtturmw?rter steht noch vorn in der T?r. Das ist hier. Le Four. La Jument…

Aber diese Gegend werden wir nun doch schleunigst verlassen – nicht weil wir die Bretagne nicht m?gen, ganz im
Gegenteil, sondern weil wir uns doch bald an die Biscaya?berquerung machen wollen. F?r Interessierte und alle,
die mit Aphrodite die Luft angehalten haben, gibt es gerade den Bericht von S?nke und Judith
(www.hippopotamus.de) zu lesen. So kann es halt auch sein. Das bestellen wir mal so f?r uns. Bevor wir
abspringen gibt es aber noch Langoustines ? la mayonnaise. Danke Eva, f?r den Tipp! Und dann: runter vom
Sprungbrett Le Camaret sur Mer.

Erstellt am Freitag 3. August 2007
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Cherbourg

Die Tage in Cherbourg haben wir vor allem mit allgemeinem Gebastel verbracht – die Nähmaschine wurde
herausgeholt, die alten langärmeligen Büroklamotten auf “Kurzarmhemd” umgearbeitet etc. Und: für 3 volle Tage
sah es endlich mal wieder nach Winter aus. Winter heißt: Bodenbretter hoch, Vorschiffskojen abgebaut, und
endlich kann der Eigner mal wieder für viele schöne Stunden in die Elektrik abtauchen. Umbau der
Absicherung für Ankerwinde und Bugstrahlruder ist angesagt, das war von Anfang an ein bisschen unterdimen-
sioniert, und die Schwierigkeit ist nicht, einfach mal ein Kabel zu ziehen, sondern das 24V-Bugstrahlruder und 12V-Ankerwinde automatisch umschaltend zu kombinieren. Ach, wie haben wir das vermisst! Unnötig zu sagen, dass der einzig verbleibende Nähplatz im Cockpit ist. Der Salontisch ist vollflächig bedeckt mit Kabelschuhen, Werkzeugen und Zeichnungen. Irgendwie kämpfe ich mir den Naviplatz frei, damit ich Versuche starten kann, dass Pactormodem, Amateurfunkgerät und Rechner sich endlich unterhalten.
Die Verschnaufpausen verbringen wir mit Steg-Gekakel. Es hat sich rund um uns eine Hallberg-Rassy-Show
gebildet, mit jeweils wechselnden Darstellern. Engländer mit französischer Frau, HR 37. Finnisches Ehepaar
(Rallyefahrer!), HR 43, pfuschneu… Engländer mit einer 36er. Und überall gibt es was zu gucken. Abzugucken.
Oder scheinbar gute Ideen abzuwählen.
Am Montag eine Landpartie im Leihauto auf dem Cotentin. Wohin wohl? Natürlich, D-Day gucken. Und das ist
nun – nach der tollen Ausstellung in Dunkerque – ein zweischneidiges Schwert. In St.e Mère LÉglise hängt ein
Fallschirm samt Fallschirmjäger am Kirchturm, viel geknipst, viel bestaunt. Voller Parkplatz,
Touristengewühle. Ein paar Kilometer weiter schauen wir uns die Batterie von Crisbecq an – eine riesige Verteidigungsanlage der Deutschen.
Es lässt uns ziemlich schaudern, diese gigantischen Bemühungen, dieser wahnwitzige Aufwand an Material und
Arbeitskräften. Zwangsarbeiter. Kriegsgefangene. Mörderische Verteidigungsbemühungen.
Und dann liegen in der Krankenstation viele, viele Kleinigkeiten aus, die ich nur allzu gut aus meiner
Kindheit kenne und was mich sehr anrührt.
Weiter zum Utah Beach. An der Stelle seiner Landung in den Dünen ein großes Denkmal für General Leclerq,
umwuselt von Surfern und Strandbesuchern, die ihren Kindern die Eimerchen und Schäufelchen hinterher-
tragen. Eine merkwürdige Mischung. Ein paar Kilometer weiter ein amerika-lastiges Museum direkt am Strand.
Es ist schon berührend und informativ, aber insgesamt doch zu sehr auf Show und zu wenig auf Geschichte
ausgelegt, und eben sehr auf die Leistung der Amerikaner zugeschnitten. Hoffentlich kommen die anderen
Beteiligten in den anderen Gegenden der Invasion besser weg. Es scheinen sich alle Orte rund um den D-Day
ihren Teil sichern zu wollen, und so gibt es diverse Schauplätze – Musée de la Libération in Cherbourg, Utah
Beach, Airborne Museum etc. etc.
Wir kaufen jedenfalls keine Camouflage-T-Shirts, keine Landungsbootbaus?tze, keine Videos. Dafür nehmen wir
mit Erstaunen zur Kenntnis, dass S&S, Sparkman and Stevens, Koryphäen des gehobenen Bootsbaus, auch ein
Exponat beisteuert. Ein Amphibienfahrzeug.
Zurück am Boot fragt der Nachbar: “… where have you been?” und so bildet ein unangemessen beiläufiges
Gespräch von Reling zu Reling den Abschluss dieses “historisch wertvollen” Tages. Über die Deutschen, die Europäer
und ihre Geschichte, WW1 und 2. Mit David. Und seiner französischen Frau. Aus dem Elsass. Urrgs. Schwierig.
Sprachlich und inhaltlich.
Der Folgetag geht dann noch einmal mit den Restarbeiten an der Elektrik dahin (das Aufräumen nicht zu
vergessen!) und Andreas steht ein bisschen der Angstschweiß auf der Stirn, als wir die Sicherungen einschalten, denn diese Anordnung war nur mit einer eher komplizierten Zeichnung herzustellen. Anruf bei Michael, unserem Berater in
Bootselektrikangelegenheiten in Hannover. “..es funktioniert!” Vollzugsmeldung per Roaming und Freude auf
allen Seiten.
Dienstag, 22 Uhr. Wir unterbrechen unsere frisch angekommenen belgischen Nachbarn, die sich zu uns ins Päckchen gelegt hatten, beim Dessert. “On va démarrer!” Während wir uns rückwärts rausziehen, fährt ein Belgier vorbei. “Vouz allez ou?” “… Brest!” “… la Belgique…” Wir gucken uns an. Das ist ja nun tidenmäßig diametral entgegengesetzt – sollten wir uns verrechnet haben? Aber nach ein paar Stunden Vollmondsegeln wissen wir: Perfekt! Um 3 Uhr zieht uns ein gigantischer Strom – schließlich Springzeit! – an Alderney vorbei. Eigentlich kenne ich diese Gegend ja wie aus meiner Westentasche – von all den Übungs- und Prüfungsaufgaben für den Sporthochseeschifferschein. Wir winken den Alderney Races, die ich so gern in natura gesehen hätte, zu und den Kanalinseln – wir kommen auf der Rückfahrt für einen längeren Stopp. In ein paar Jahren. Man muss sich ja auch noch ein paar Highlights aufsparen.

Erstellt am Freitag 3. August 2007
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