Horta!

Akka und ihr Freund Pico

Horta/Azoren, 3.7.2022

Nach einer Woche auf Faial ist es wohl an der Zeit, sich mal kurz zu melden.   Schön finden wir es hier. Eine echte Urlaubsinsel – stramme Waden, Wanderstöcke und Segler, Segler, Segler. Mehr als wir dachten, die Hafenmauern sind mit 3er und 4er-Päckchen belegt.  Egal wo diese Segler herkommen, sie haben sicher ein bisschen mehr Blau- und Grünwasser hinter sich gebracht als die schlichten, wenn auch langen Transozeanstrecken auf der Barfußroute. Wir haben es ja zu kosten bekommen.

So richtige Jubelgefühle stellen sich am Freitagmorgen nicht ein, aber wir sind sehr froh, angekommen zu sein. Ein bisschen räumen, ein Getränk bei „Peter Café Sport“, ein langer Nachtschlaf. Am Sonnabend bemühen wir uns um Internetverbindung, und damit kommt der Tiefschlag von Floras aus Hawai’i: „Die Escape ist verunglückt! Meldet Euch bitte!“  Uns wird ganz kalt – was ist passiert? Mit Annelie und Volker haben wir in Bermuda Spaß gehabt, wir haben im Scherz vereinbart, dass wir für eine Panamakanalpassage gern als Linehandler einfliegen. Wir laufen gemeinsam aus Bermuda aus, wir nach Nordosten, Escapes in Richtung Kanada, Prince Edward Island ist ihr Ziel. Wir winken und funken hinterher. Das Leben hat allerdings manchmal schreckliche Wendungen in petto: bei extrem schlechtem Wetter im Golfstrom werden beide bei einem grauenhaften Unfall tödlich verletzt, die Abbergeaktion der US Coast Guard überleben beide nicht mehr. Das alles ist so unfassbar, dass wir wie betäubt sind.  Das schlechte Wetter ist das Tief, vor dessen Südostkante wir nach Osten ausgewichen sind – mittlerweile sind weitere Yachten hier eingelaufen und berichten Dramatisches zu den Seegangsbedingungen und zum Wind auch in Richtung Azoren. Unsere Gedanken gehen immer wieder zurück zu den beiden. Schrecklich, wirklich entsetzlich. Völlig unbegreiflich.

Basalt mit weißer Deko.

Und das Leben? Macht derweil „business as usual“. Wir schließen uns zögernd an; wir sind aber ohnehin ausreichend und nachhaltig kaputt. Wir traben durch eine kleine, portugiesische Stadt, Basaltpflaster mit cremefarbener Deko. Kirchen und Klöster aus dem 16. Jahrhundert. Das Leben ist vergleichweise preisgünstig – wir wundern uns manchmal, ob auf Rechnungen nicht irgendetwas vergessen wurde. 2 Milchkaffee mit einem Vanillepastetchen? 3,10 €. Undenkbar in den USA/Bahamas/Bermuda (in genau dieser Reihenfolge steigen die Preise).  Wie schön es hier ist, das lernen wir gerade neu zu schätzen. Morgens früh häufig nebelig-nieselig, am Nachmittag klart es auf und mit Glück schaut der Pico, seines Zeichens Vulkan auf der gleichnamigen Nachbarinsel, durch die Wolken. So wie im Bild unten. Wir haben nämlich unsere letzte Hafenmauer-Marke hinterlassen, hier noch in der Vorschau. Der Eigner bringt gerade die letzten feinen Striche an. Die erste war 2007 in Porto Santo – eine Akka, die gerade abhebt und keck über die Schulter schaut. Wie Ihr seht, landet sie jetzt. 15 wunderschöne Jahre später. Wir sind wirklich dankbar, dass uns das so beschieden war.

Das Akka-Gemälde und der Pico

The List

Unterwegs nach Horta, 23.6.2022. Tag… hmm. 15.
Frühstück im Cockpit. Das vorletzte, wohlgemerkt, denn morgen, Freitag, werden wir ankommen. Noch 150 Meilen sind es ungefähr. Das Unterhaltungsprogramm zum Rührei besteht aus des Eigners Vortrag aus dem Logbuch, und es ergibt sich eine zentrale Frage: wie lange dürfen wir eigentlich auf den Azoren bleiben? Es hat sich einiges an Kleinscheiß angesammelt, von der verstopften Duschwasserpumpe (wie schade, dass ich kein Mikroskop an Bord habe, das müssen Bakterienfäden sein!) über Genakerreparatur bis Kühlwasserkreislauf auf Blockaden prüfen. Kann uns jemand raten, ob „Leuchte in der Segellast ausschalten“ auch auf die Liste muss? (Die brennt sicher, seit wir in Bermuda die Fock rausgeholt haben). Egal wie: das würde den Kohl bei der langen Liste auch nicht mehr fett machen, und der Eigner schließt den Vortrag treffend mit den WOrten ab: „…die alte Liste existiert ja auch noch!“. Die Bordfrau hat ein paar Lieblingsaufgaben zugewiesen bekommen: dem Eignerrechner den Mailverkehr über das Iridium beibringen, überhaupt das Iridium Go! auf den Umfang der Funktionalität prüfen (sie flucht jetzt schon!) und das allerbeste: sau-ber ma-chen!! Ich glaube, dass bestimmte Seegangsbedingungen bisher versteckte Staubquellen frisch aufwirbeln, das Zeug fein verteilen und mit Salzspray an die Wand pappen. Und überall diese Patschen-Abdrücke vom Festhalten im Seegang. Das wird eine Freude! Nein, ich kann das nicht unterwegs machen, wenn einen die Welle völlig unberechenbar von einer Ecke in die andere wirft. Das Kochen, gerade auf Steuerbordbug wie in den letzten 3 Tagen, ist Strafe genug. Eine späte Entdeckung unserer langen Reise: wieder verwendbare Silikon-ZipLocks eignen sich hervorragend als „Mise en place“-Behältnisse. Nichts ärgerlicher, als wenn die mühselig in Würfelchen geschnittenen Zwiebeln sich frei in der Galley verteilen. (Die Verkleinerungsform ist beim Kochen im Seegang eher verfehlt).
Dennoch: ich habe der to-do-Liste als Kringel zum Abhaken ein Tourismusprogramm hinzugefügt: Faial angucken! Ein Hafenmauergemälde anfertigen! Und der Horta-Klassiker: Gin Tonic in Peter’s Sports Café. Oder so etwas in der Art, das vielleicht über ein Glas Wasser hinausgeht. Ich meine mich zu erinnern, dass die LopTo dieses Ereignis zeitnah an die Ankunft geknüpft hatte – das werden wir zu vermeiden wissen, denn im Überschwang des „we made it“ fällt das GT-Zählen schwer, und anschließend verschwimmt der Unterschied zwischen „Landgangsbehinderung“ und alkoholbedingten Schlangenlinien.
Aber erst einmal werden wir in Quarantäne gehen, und die zu verbringen wird uns leichtfallen. Mit SCHLAFEN!
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Vom Eichhoernchen

Unterwegs zu den Azoren, 20.6.2022. Tag 12.
Es stampft, es hackt, Akka wühlt. Bei sehr (sehr!) moderater Geschwindigkeit. Wann haben wir je so lange am Wind gelegen? Noch nie. Der Weg an der und um die Südostseite des neulich erwähnten Tiefs plus Randtief war mühsam. Hohe Welle plus eine ordentliche Tüte Wind, glücklicherweise eher Halbwind. Geschafft, jetzt schleichen wir am Westrand des Hochs über den Azoren nordostwärts – das wird ein lustiger Knick in der Kurslinie, wenn wir bei 41 Nord quasie zurückfahren.. Die Kommunikation gestaltet sich weiterhin schwierig, und es ergeben sich immer wieder Putzigkeiten, aber immerhin haben wir unseren Frieden mit den ECMWF-Vorhsagen über Predict Wind gemacht. Da schaut der geduldige Segler drauf, rätselt und tentert sich einen möglichen Kurs aus – ein Kurs, der nun definitiv nach Horta führt, denn das Eichhörnchen, das sich so mühsam nährt auf diesem Törn, ist schon ganz schön schlapp. 3 Tage weniger auf See wäre eine Erleichterung, zumal der Weg nach Falmouth druckgebietstechnisch auch nicht ganz klar ist – weitere Mühsal? Erst mal nicht, danke! Wir mühen uns durch die Wachen, probieren auch mal andere Staffelungen – 2 zentrale Schichten à 4 Stunden zerhauen aber irgendwie den Tagesrhythmus, also kehren wir zu den gewohnten 3-Stunden-Wachen zurück und verkneifen uns mitleidgesteuerte Schlafgeschenke. Ein Jammer, einen weit entrückten Eigner mit einem munteren „Hallo! Mitternacht!“ aus dem Tiefschlaf zu holen (funktioniert sowieso nicht, er trägt Ohrstöpsel – da muss frau schon handgreiflich werden). Wenigstens handelt es sich um eine Dösewache mit gelegentlichem Rundumblick und Radarkontrolle. Das wird noch ein paar Tage so gehen, wenn wir Glück haben, sind wir am Freitag da. Gebiet der Windstille inklusive, und zuvor eine gute Portion „Hack“ auf dem anderen Bug. Delfinkurzweil ist leider selten, dafür treiben Massen an Portugiesischen Galeeren vorbei. Ein paar Sturmtaucher führen Flugkunststücke vor. Die Tropikvögel haben wir längst hinter uns gelassen (man könnte die zunehmende nördliche Breite auch am Riggen einer zusätzlichen Bettdecke ablesen).
Noch ein paar Alltagsanmerkungen: Du schickst eine SMS und der Text ist weg, obwohl es einen positiven Quittungston gibt? Dann hat der Router das System mal kurz auf „Herstellungsdatum“ gestellt. Muss frau auch drauf kommen. Nachbar Fabian aus Wien berichtete vom Weg zu den Bermudas, dass seine Herdaufhängung durchgekracht ist – haha! Das kennen wir: Cocos Keeling-Rodrigues, Oktober 2015, und es lässt uns grübeln. Vielleicht ist es doch nicht so gut, den Herd die ganze Zeit schwingen zu lassen, wenn der schwere Wok darin gestaut ist. Brotbacken im gusseisernen Wok ist die bewährte Methode, nur ist das Stauen des (langfristig heißen) Wok bei dem Gehämmer sehr mühselig. Also stellt die Schipperin um auf „Edelstahlpott“ als Form. Ergebnis: ein deutlich blonderes Brot. Nicht schlecht, aber spätestens in Horta gibt’s wieder Gusseisen. Ach, und unser Telefonvorrat schwindet zusehends: ein Telefon erleidet einen leichten Seegangsschaden und lässt sich nicht mehr einschalten, das andere (mein US-Burner aus 2019) ist zwar kaum abzulesen, aber immerhin liefert es noch Hörbücher für die Nacht. Carl Moerck und Commissario Brunetti lassen grüßen. Das amerikanische Motorola liefert mir noch ein paar Stunden Hoaxilla und Dan Carlin’s Hardcore History (empfehlenswert: „Blueprint for Armageddon“. Die Deutschen und der erste Weltkrieg). Ihr seht: für Unterhaltung ist gesorgt. Und morgen muss das Eichhörnchen mal wenden. Es nährt sich wahrlich mühsam, aber wir sind dennoch guter Dinge.
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Passagealltag

Unterwegs zu den Azoren, Tag 7. 15.6.2022
Frühe Morgenstunde. Die Sonne ist schon eine Stunde zugange, ich habe 05:03 Bordzeit/Bermudazeit für den Aufgang notiert, es wird wohl Zeit, die Bordzeit der erreichten Länge anzupassen – das ist jetzt so ungefähr 49° West, und noch knapp 1000 Meilen nach Horta. Das ist ein ziemlich wildes Wettergefrickel hier und im Moment laufen Diskussionen, ob Horta überhaupt erreichbar ist: ein dickes Hoch stellt sich uns in den Weg und beschert uns schlecht überwindliche Gegenwinde. Mal gucken. Alternativ bieten sich eigentlich nur der Englische Kanal oder A Coruna in Spanien als Ziel an.
CHronologisch: am Montag, 6.6., kam Alex in St. Georges zu Besuch. Ziemlich spannend, im Sinne von anspannend, denn die Wetterprognosen nähern sich über Tage immer weiter an, und da das eine Modell Alex östlich der Bermudas sah und ECMWF knapp westlich, sah es nach einem „Hit“ für Bermuda aus. Predict Wind bietet eine parallele Darstellung von GFS und ECMWF an – unser Dauerbrenner auf den Rechnern über Tage. Sonntag werden noch einmal Leinen gezuppelt und eine sehr lange Spring zur vor uns liegenden Straßenbrücke gelegt, und dann… warten. In den frühen Morgenstunden geht es los, erst aus Süd – da schützen uns das Hafenmeistergebäude und das „White House“. Der Durchgang ist schulbuchmäßig, Süd, Südwest, West, Nord. Bei Südwest bläst es unter der Brücke durch, die unruhigste Zeit. An Schlaf ist nicht wirklich zu denken, ich schrecke so gegen 4 auf und klettere ins Cockpit. Der Eigner steht an Land und korrigiert Leinen und Fender, er in Öljacke, neben ihm Fabian, unser Hinterlieger aus Wien, in Badehose. Praktisch denken… „Ab! Geh‘ ins Trockene!“ Yes, Sir. Bei West ist der Windeinfluss auf Akka schon gebrochen, weil parallel zur Inselkante, und Nord bedeutet, dass wir im Schutz des Berges sind. Um 7, volle Südwestlage, gehen wir raus und schauen uns an, was die Kollegen draußen an den Ankern so machen – es sieht teilweise wild aus, obwohl ja die Bucht von St. Georges eigentlich voll geschlossen ist. Five&Dime tanzt in der Gischt und zerrt am Anker, beim Docknachbarn hat sich die Fock halb gelöst und knattert im Wind. Ein infernalisches Geräusch. Es ist bei aller Anspannung toll, einigermaßen geschützt im Cockpit zu sitzen, den irren Wolkenzug zu beobachten und Hoffnung machende Wolkenlücken zu entdecken. Berechtigte Hoffnung: zu Mittag bläst es noch gut, aber eben aus Nord und damit über uns weg, und die Sonne scheint. Vorbei. Das war Alex, der erste atlantische Tropensturm 2022. Gesehen haben wir selbst 50 Knoten, aber ich gucke da ungern hin – die Ankerlieger draußen berichten von mehr. Gesamturteil: Ging so. Einen ausgewachsenen Hurrikan muss frau nicht miterleben. Wir gönnen uns wie alle einen Ruhetag, aber der Sturm hat wohl die Seglergemeinde aus dem friedlichen Bermudaschlaf gerüttelt: es muss weitergehen. Am Mittwoch gehen diverse Boote raus, wir ziehen den Donnerstag vor. Weniger Welle am Reisebeginn macht sich besser. Die ersten Tage sind ziemlich ruhig, so ruhig, dass wir am Abend des zweiten Tages beschließen, den Genaker zu setzen, auch wenn das nicht meine Lieblingsbesegelung für die Nacht ist. Die Genua wird weggenommen, damit der Autopilot den Kurs halten kann, bekommt er kurzfristig Motorunterstützung. Ich bastele schon mal den Genakersack aus dem Vorluk, gehe wegen der Schot nach achtern und denke: „… klingt echt sonor, der Motor!“ Da springt schon der Eigner an Deck: „Kein Kühlwasser!“ Mannnn. Klar. Eigentlich hätte ich jetzt Freiwache, gleich wird es dunkel. Wat nu? Weitermachen. Der Pinnenpilot hält den Kurs tapfer auch unter reinem Be,sanantrieb, gutes Kerlchen. Wir zerren den Genaker hoch, schöpfen kurz Luft im Cockpit und dann ein ergebenes: „Ich geh dann mal runter, Diagnose und Instandsetzung!“. „O.k. – ich bleibe so lange am Ruder!“ Genakerblase vorn und Windpilot vertragen sich nämlich nicht hundertprozentig, da bedarf es ab und zu einer zackigen Korrektur. Während unten Türen klappern und Werkzeug klirrt genieße ich den frühen Abend. Angenehm. Akka zieht ordentlich davon, es hat auch ein bisschen Wind zugelegt, vielleicht sogar einen Ticken zu nah an der Windstärkengrenze für die dicke Blase. Nach einer Weile kommt von unten eine mittelmäßige Entwarnung. Es ist eindeutig so, dass wir dünnhäutiger geworden sind und solche Zwischenfälle rufen gleich irgendwelche Horrorvorstellungen von nicht reparablen Defekten hervor. Nicht so schlimm, wenn man nicht gerade mehrere hundert Meilen von Land entfernt ist. Aber nun „… ist tätsächlich nur der Impeller!“. Es klappert weiter. UNd bei mir? Ritsch! Das war das Vorliek vom Genaker, ach Du Schande. Das Riesentuch flattert wild im Wind. Jetzt braucht es den Motormann leider auf dem Vorschiff. Hoffentlich kriegen wir das Teil ohne Theater runter. Obwohl der Genaker defekt ist, hat er noch genug Zug, um den Eigner, der die Bergesocke herunterzieht, auf dem Hintern sitzend über’s Deck zu hoppeln. Aber doch, das Vieh kommt runter. Ein Teil geht baden – eine schöne Demonstration, wie schwer so ein „Leichtwindtuch“ plötzlich ist, wenn frau es aus dem Ozean heraufzerren muss. Das nasse Teil wird gestaut, der Eigner geht seiner Impelleraufgabe nach, und kaum ist meine Freiwache vorbei, läuft der Motor, Akka zieht unter Genua friedlich dahin, und wir genießen ein Stück Belgische Importschokolade aus Bermuda. So viel Belohnung muss sein.
Ach, übrigens: eMailverkehr ist immer noch quälend langsam. Aber Wetter kriegen wir trotzdem – nachdem so viele Leute berichtet hatten, dass sie Wetterwelt und Predict Wind parallel benutzen, gab es einen Predict Wind-Testballon auf Akka. Und siehe da: großräumige Gribfiles kommen herein! Nicht in Windeseile, aber doch in angemessener Geschwindigkeit! Schönen Dank für die Ermutigung aus Hawai’i an die Flora. Sagt der Eigner kürzlich, als der Satellitenrouter einen kurzen Schluckauf hatte: „Siehste! Der Computerkram ist Dein Impellerstress!“ Stimmt.
Wir laufen gerade vor einem Tief weg, in Richtung Hoch, das uns nicht nach Horta lassen will. Aber davon lassen wir uns nicht stressen. Kochen, essen, schlafen. Hörbücher hören. Lesen. Passagealltageben
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Alex

oder: spannende Sache das.

St. Georges/Bermuda, 5.6.2022

… gestern noch lag diese grünliche Rinne noch genau über uns. Schade eigentlich!

Ankunft in St. Georges, wir verholen Akka kurz an die Zollpier, unkompliziertes Einklarieren bei den netten Behörden-Damen. Danach Anker unterhalb des Barrack Hill, Ausruhen, Schwimmen, Ausschau halten nach einem Wetterfenster für die Weiterfahrt. Wir sind wie immer etwas pomadig mit unseren Plänen, und als wir am Montag ins Wetter schauen, gibt es eine Überraschung: auf der Pazifikseite von Mexico sitzt Agatha und robbt hinüber in den (karibischen) Golf von Mexico.  Was’n daas?  Die Wetterwelt schreibt: könnt Ihr schnell weiter? Am Dienstag, am Mittwoch? Schöne Südwestwinde und ein direkter Kurs zu den Azoren; und aus dem Golf von Mexico rückt ein Sturm hoch. Ich bekomme die Nachricht – Internet ist hier zwar „frei“, mehr oder weniger, aber nicht an Bord zu empfangen – auf der Towne Hall Plaza sitzend. Ui. Andreas schraubt gerade die Wanten wieder zusammen, es hatte an den Püttingen ein bisschen geleckt. „Das werden wir  wohl aussitzen müssen“, schreibt die Eignerin zurück. Ganz kurz zucken wir, ob wir nicht doch die Hufe schwingen sollten, aber so eine Hektik… Nö. Das DIng sieht nicht wirklich katastrophal aus. Die FantaSea, eine deutsche Feltz, die in der Nachbarschaft liegt, bestärkt uns, mehr aus touristischen Gründen: „Ihr seid doch gerade erst angekommen, und es gibt so schöne Dinge zu sehen!“. (spricht’s und lupft planmäßig den Anker…) Uns ist ein verlängerter Aufenthalt nicht unrecht – was sich sich durchaus lohnt, wir haben mittlerweile Fort St. Catherine besichtigt und den Dockyard besucht, der sich als eine gigantische Festungsanlage entpuppte. Aber dieser Sturm… je näher das aufkommende Teil rückt, umso mehr fragen wir uns, wohin wir uns einigermaßen sicher verholen können. Schwierige Frage, zumal ja auch nicht wirklich klar ist, zu welcher Stärke sich dieser erste Atlantische Wirbelsturm der Saison entwickelt. Pünktlich am 1. Juni (da startet die Wirbelsturmsaison offiziell!) wechselt die pazifische Agatha den Namen und heißt fortan Alex. Wir legen uns ins kleine Hafenbecken zwischen Town Hall und Zoll und hoffen das Beste. Das Allerbeste wären moderate Windstärken – die Wetterwelt hat am Freitag einen kleinen Scherz dazu auf Lager, indem sich das Zentrum des Sturm genau über den Inseln als lang gestreckte Rinne schwächerer Winde durchgeht; leider wurde das mit der nächsten Vorhersage revidiert. So sitzen wir hier mit 6 anderen Yachten am Dock und warten auf Alex – der Rest der Flotte hatte entweder spätestens zum Ende der Woche die Flucht nach vorn ergriffen oder hat sich in der relativ weiten Bucht ein Plätzchen gesucht, wo man an zig Meter Ankerkette frei schwingen kann. Morgen zum Frühstück wissen wir mehr und noch mehr zum Abendessen. Doof. Nervig, so ein Alex. Aber er könnte sich schlimmer benehmen, 35 bis 40 Knoten sind „machbar“; ein paar Püster werden dazukommen.
Und wie weiter?! Keine Ahnung: für die nächsten Tage sieht es windmäßig eher mau aus. Predict Wind fasst es in der Routenplanung nett zusammen: 35 Tage bis Horta, ohne Motor Dann doch lieber noch ein paar Tage Britisch-Amerikanische Militärhistorie erforschen!

Ganz ruhige Kugel

21.05.2022
Vaters 112. Geburtstag feiern wir heute auf vielfachen Wunsch eines einzelnen Crewmitgliedes mit einer Tafel Milka Vollmilch zum kalten Kaffee. Zu dieser frugalen Feier hätte der alte Heinrich sicher eine Bemerkung auf Lager. Happy Birthday, lieber Heinrich (und das Gleiche an Enkel Christian!). Das Leben geht einen extrem ruhigen Gang auf Akka. Mittlerweile zumindest. Die Geburtstagsschokolade haben wir uns mit einem äußerst harmonischen Setzen des Genakers verdient. Genaker kommt nicht sehr oft vor, aber die Windarmut erfordert besondere Anstrengungen. Der erste Versuch gestern war durch ein da Capo gekrönt, weil sich die mühsam ins Masttopp gewinschte Wurst als leicht vertörnt herausstellte, aber danach… erste Sahne, die Fahrtzunahme. Bis gegen Abend dann der Wind es sich anders überlegte und den Dienst quittierte. Wussten wir ja.
… … … … …
Ein paar Tage später der Rückblick auf die Reise: 27.5.2022, St. Georges/ Bermuda. Am Anker
Punkt 1: Wind überwiegend Mangelware – immerhin hilft uns der Genaker über diverse Schwachwindphasen hinweg, ansonsten ist „Durststrecke“ angesagt, Durst auch im Sinne von Dieselverbrauch, und das leider allzu oft. Die letzten 24 Stunden zum Ansteuerungspunkt nördlich der Bermudas im Wesentlichen mit Motor im Dauerbrüll- und Turbopfeifeinsatz – wir hätten auch die Südspitze anlaufen können, aber daraus hätte ein finales Gebolze gegen Wind, Strom und Welle resultiert.
Punkt 2: Das Willkommen. Gestern früh meldet sich das UKW-Gerät – eine nette Überraschung, sind wir doch noch 6 Stunden vom Ziel entfernt. „Sailing vessel AKKA – this is Bermuda Radio!“ … … I picked you up on the AIS!“ Und alles in feinstem Queens English. Wir sind Europa ein kleines Schrittchen näher gerückt (genauer gesagt: Schottland auch, die nachmittägliche Funkwache rollt schottisches R und gibt lustige Vokallaute von sich.)
Punkt 3: der Daueraufreger der Passage ist die Satellitenverbindung. Was in drei Teufels Namen ist mit dem Iridium Go! los? Oder ist es mal wieder Fehlerquelle 040? (Der Verursacher sitzt 40 cm vor dem Display?) . Oder… darf ich meinem Groll auf die so oder so dämliche Providerfirma Satphonestore freien Lauf lassen? Prinzip: Hauptsache Umsatz. „If you encounter problems you made a mistake“. Zumindest bleibt es dabei, dass die zugehörige Software, die für die Verbindung zwischen den Laptops und dem Satellitenrouter sorgt, schlampig (… und das von mir!) programmiert ist. Kleines Beispiel: schreibe ein neues Mail, klicke auf „senden“ – und schwupp ist das Mail fort. Ohne jedoch mit dem Router verbunden gewesen zu sein. Sie steht so lange im Ordner „sent“, bis sie NICHT gesendet worden ist, dann steht sie im Ausgangspordner, aus dem sie sich aber nicht senden lässt… Im Logbuch steht: „Fuchs flucht und kämpft!“ Ich könnte mir in den Arxx beißen, dass ich von AST weggegangen bin, denn die Kombination AST/UUPlus/Onsatmail war von Malaysia bis Kuba problemlos. Nun hatten wir zwei Jahre überwiegende Küstensegelei mit fast durchgehendem Internetempfang über die Mobiltelefonie und haben daher keinen wirklich schlüssigen Eindruck, woran unser Problem liegt. Das heißt: eine Wettervorhersage braucht Zeit, mindestens so viel wie wir früher über die Kurzwelle benötigt haben. 3 oder 4 Anwählversuche sind eher die Regel als die Ausnahme; à 5 Minuten und mehr. Teuer. Mühsam. Geduldfordernd. Immerhin funktioniert der SMS-Dienst, der direkt über Iridium geht, drum gehen die Positionsmeldungen zuverlässig raus. Dank an Neffe Benjamin, der das bestätigen konnte. Die Unsicherheit erschwerte auch die Kommunikation mit der Wetterwelt, die angeforderten Vorhersagegebiete mussten extrem klein gehalten werden – nicht so toll, wenn frau weiß, dass voraus doch noch ein Tief lauert. Es wäre schön gewesen, besser über die Großwetterlage informiert zu sein. Und was macht frau da: reaktiviert heute mal die Kurzwellenanlage. (Wünscht mir Glück!)
Zunächst strecken wir die müden Knochen aus, heute ist noch hard-core-Ruhetag angesagt, weil auch an Land gefeiert wird; ich glaube, Bermuda Day wird nachgefeiert. Wenn es Internet gibt, können wir uns die weitere Wetterentwicklung anschauen und uns dann auf die lange Strecke zu den Azoren machen. Bis demnächst!

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Geht los!

… ein rotes Ungetüm

Man o‘ War Cay, 18.5.2022

Wir liegen direkt vor dem Cut, durch den wir morgen in der Früh in den Atlantik hineinstechen werden.
Wir haben ganz schön herumgedaddelt mit dem Wetter, aber vorgestern überredet mich der Eigner endgültig, dass es gut sei, mit schwachem Wind loszueiern. Also fein. Wetterwelt bestätigt den Gedanken. Zum Ende mag es uns wohl leider etwas entgegenwehen. Mal schauen – das wird eine schöne Bananenkurve nach Norden und bei den schwachen Winden rechnen wir mit 7-8 Tagen bis Bermuda.

Überraschungen gab es zwischenzeitlich auch, erst schmort ein Solarstromladekabel, die Reparatur kostet uns den Sonntagsausflug nach Hopetown, aber nun lädt das Panel wieder. (Merkt Ihr was? Früher war weniger „irgendwas ist immer!“). Und vorhin dann kurzfristiges Gedankenkarussell:
Die Schipperin schmeißt den Wassermacher an, unverzichtbar für eine mehrtägige Reise, auch wenn unterm Salontisch 3 Kanister Notreserve stehen. Wasser kommt aber nicht aus dem Feederzulauf. Gleich erst mal „Scheiße“ rufen und ins Cockpit weitertröten. Lässt sich der Wassermacher locken? Hochdruckpumpe an… nüscht. Feederpumpe (unterm Bodenbrett vorm vorderen Klo) läuft, und jawoll, die Ventile sind alle offen. Die Schipperin denkt: „Verstopft. … da muss ich wohl tauchen!“ , der Eigner übernimmt den Problemfall. Die Schipperin steuert ihr Gedankenkarussell Richtung: „Mist, wir sind voll ausklariert!“ und der Eigner bescheidet mich, langsam in Richtung Man o’War zu tuckern, denn seines dreht sich Richtung „… eventuell müssen wir umdrehen. Wasser tanken!“ Mache ich. Das wäre eine doofe Verzögerung, siehe oben, nach hinten weht es uns vielleicht entgegen. Unten wird ausgiebig geschraubt und geklappert, Schranktüren ausbauen und so. Ich genieße derweil einen sonnigen Segeltag und mein Karussell dreht sich noch, als ich ein „Ha! Ich glaub‘ ich hab’s!“ vernehme. Bisschen gestresst ist er ja, aber der Chiefengineer kam dann doch durch Ausschlussdiagnosen (Anschluß an der Hochdruckpumpe: nüscht; an diversen anderen Stellen ebenfalls nüscht – bis zum Anschluss an den Wasserfiltern. Huch, schnell wieder festziehen, es sprudelt!) darauf, dass schlicht der Ventilhebel für den Zulauf sich gelöst und auf „zu“ stehengeblieben war. Erleichterung, Stressmittagessen Spaghetti mit Paprika, Hühnchen und Tomate. Ende Gedankenkarussellfahrt.
Nö. Langweilig ist uns nicht.
Gleich packen wir die Fahrräder in die Taschen und stauen sie weg; wir waren nämlich heute früh zum Hochwasserzeitpunkt rasch ausgelaufen. Während der letzten Springtidentage (hat jemand den pinken Mond gesehen?!) stand Akka nämlich hübsch auf dem Grund und lehnt sich gemütlich ans Dock  – so weit war das Wasser gefallen. Nebenschauplatz: ich überlege noch, wie ich an eine Bermudaflagge komme. Roter Grund und Union Jack in der Ecke ist ja machbar (reuse-recycle, zum Beispiel von den Cook Islands…), aber dieses Bermudawappen kriegt niemand hin. Es gibt schlaue Leute, die Flaggen doppelseitig auf Papier drucken und in Klarsichthüllen packen, aber so viel Rot gibt der Drucker nicht her. Und a. sollen die Bermudans locker sein und b. … Zeit, die Nähnadel zu schwingen, wäre ja. Nur Wappen sticken – nicht mein Ding.

……….
hier nochmal das Link zum Norforeignland-Tracking

Geht los, geht nicht los

Marsh Harbour, 13.5.2022

„… und ich habe schon das Cockpit sauber gemacht, so ein Sche…!“, sagt der Eigner gerade. Sauber gemacht, damit wir morgen oder übermorgen ganz sauber Richtung Bermudas aufbrechen können. Während der Eigner wischt, kassiere ich Applaus für eine Radtour vom Maxwell’s Supermarket zurück zum Boot, zwischen den Schauern, mit fettem Rucksack und nicht nur einer, sondern zwei Lenkertaschen. Orangen, Kohlkopf, Käse… das volle Programm. Es applaudiert der Wagenschieber ob der Last. Das arme Fahrrad…

Wir sind also voll gerüstet – letzte Notrationen für das Grabbag sind gepackt, heute noch die Abfolge der notwendigen Bürokratieschritte: Covid-Test, Bermuda Travel Permit beantragen, Testergebnis hochladen, bezahlen, Pre-Arrival Notice abschicken, Auschecken beim Bahamas Zoll –  kurz: wir müssen früh aufstehen. Um 6 wird es hell, die Wetterwelt schickt die neueste Vorhersage. Der Eigner, noch in der Koje „… was für ein Mist! Willst Du mal gucken?!“  Nein, möchte ich nicht. Tolle Einstimmung an einem ohnehin trüben Morgen. Das sowieso etwas wackelige Wetterfenster sieht wirklich kacke aus, egal wohin man den Abfahrtzeitpunkt schiebt. Viel Welle am Anfang – es gab ein wirklich fieses Tief vor der US-Ostküste – durchsetzt mit Gewitter, dafür schwacher Wind, ganz unser Humor. Und das alles, damit es ab Montag nach Motoren aussieht.  Geht los?!  Geht nicht los. Das Ganze ist ein Glücksspiel, und wir setzen auf eine zweite Chance in 8 Tagen. Hoffentlich. Dann läuft nämlich unser Cruising Permit für die Bahamas aus, das wir großmäulig „Ach! Bis dahin sind wir längst weg!“ auf 3 Monate beschränkt hatten. Kost‘ im Zweifelsfall 300 extra. Also, bitte sehr: drückt die Daumen.

Aber wenn es so weit ist: man kann uns jetzt auf einer weiteren  Quelle verfolgen – die Schipperin hat es nach jahrelangem Zögern geschafft, den Iridiumrouter darauf zu dressieren, dass er alle 4 Stunden eine Position verschickt (das stündliche Intervall habe ich wohlweislich vermieden – bei unserer Geschwindigkeit macht das doch einen eher peinlichen Eindruck).  Wer Lust hat, schaut sich das bei Noforeignland an. Wenn man hineinzoomt, erscheint unter dem Schiffssymbol ein grauer Punkt, hinter dem sich Position, Kurs und Geschwindigkeit verbergen.  Wer andere Schiffe sehen will oder sucht, schließt das AKKA-Fenster oben links. Viel Spaß beim Surfen!  Ich hatte jetzt 25 Tage Spaß, weil die Flora sich auf den langen Weg von Galapagos nach Hawai’i begeben hatte. Ganz so sportlich wird es bei uns allerdings nicht ausschauen…

Bis es aber losgeht, sagen wir uns nochmal ein paar Mal: geht los?  Geht nicht los!

Butter bei die Fische

Frisches Gemüse für Great Guana Cay

Nassau, 24.4.2022

Yeesss, gemein, so lange zu schweigen, aber immerhin: wir leben noch.

Die Zeit in den Bahamas neigt sich schon dem Ende zu. Irgendwie werde ich – alte Leier – dieses unbeschreibliche Blau vermissen. Und unser Rumdödeln vielleicht auch.

Eines netten Sonntags vor langer Zeit verlassen wir die Exumas durch den Dotham Cut. Der Eigner hat sich es sich nicht nehmen lassen, dumme Fragen in der Facebookgruppe „Bahamas Land&Sea“ zu stellen, wie das denn nun ist mit den Tidenzeiten und den Strömen ist (dabei meistern wir das alles ja nun schon ein paar Jahre, so oder ähnlich). Toll, was man oder frau da für Antworten kriegt, alles eher allgemein gehalten, aber es gibt auch die, die raten daheim zu bleiben, wenn einen so etwas bewegt. Nein, wir wollen nur altengerecht und eben unbewegt durch den Cut fahren, kein Wind gegen Strom und damit keine resultierende Mörderwelle – es geht rein um den Zeitpunkt. Am besten war eigentlich in diesem Zusammenhang, dass wir bei Abfahrt aus Nassau in Richtung der Exumas auch schon nach Tidenverhältnissen für die „Yellow Bank“, ein Flachgebiet mit vielen Korallenköpfen, gefragt hatten. Ich konnte mich dann an einem bestimmten Punkt („I wonder how you can ask such a question with your sailing resume“. Döspaddel.) nicht enthalten, eine Antwort dahinzuschnoddern (… „Tonga Trench is easier. Only that you have drifting pumice islands“.)  Doofe Fragen sind immer unterhaltsam.

Bohog & The Rooters.

Egal, wir treffen den Dotham Cut natürlich zum richtigen Zeitpunkt. Wir halten für ein paar nette Tage in New Bight auf Cat Island, wo uns die Segler-Community einholt. Lisa aus South Carolina klopft an, ob wir nicht am Abend zum „Rake ’n Scrape“ an Land kommen wollen. Na jut, mit dem Argument, es sei für die Ortsansässigen, lassen wir uns breitschlagen. Die Runde entpuppt sich als fröhlicher Binational-Paarmix, US-Deutsch (Lisa und Stefan), Kanadisch-Ungarisch (Dave und Maryann), Kanadisch-Deutsch (Bill und Brigitte). Plus zwei Langweiler deutsch-deutsch und US-US (aus dem total maritim-marinen Arizona). Brigitte freut sich darüber, dass nach 20 Jahren im Exil endlich mal wieder Leute „Brigitte“ sagen können, und im Nebensatz stellt sich heraus, dass Brigitte in Altwarmbüchen gelebt hat, Seerosenring meets Kleiststraße. Witzig. Nach dem Essen und Plaudern Rake ’n Scrape  mit „Bohog & The Rooters“; Akkordeon, schlichte Percussion und eine gebogene Säge.  Das ist noch viel witziger als der Seglertisch und ziemlich „local“, zumal die Säge uns zuvor das Bier serviert und die Trommel für uns gekocht hatte.

Es folgt die Insel Eleuthera. Auf dem Weg ein Übernachtstopp vor Little San Salvador – eines der hier üblichen Horrorgemälde für Kreuzfahrerbespaßung, mit Koggennachbildung und vielen Burger- und Bierständen – macht nix, wir gehen sowieso nicht an Land, der betreffende Kreuzfahrer ist auch schon abgerückt, und nur ein bisschen Baumaschinenlärm vom fernen Ufer stört die subtropische Ruhe – Carnival, oder wem auch immer die Insel gehört, (genau, richtig, es sind private Inseln nur für Kreuzfahrer!) muss ja gucken, dass die Passagiere bei Laune gehalten werden, wahrscheinlich wird eine neue „Yihaaa-Riesenrutsche“ gebaut. Oder so.
Für seglerische Unterhaltung sorgt unser Ankermanöver in Eleutheras Rock Sound-Bucht, laut Seekarte an einigen Stellen „bad holding“. Da hat die Seekarte recht – wir haben selten mal 4 Versuche gebraucht, bis der Haken hält. Interessante Abwechslung, aber wir sind nicht allein mit dem Problem, nur dass die meisten entnervt abrücken –  so bekommt man einen feinen Ankerplatz ganz für sich. Nur die Taimada, die wir aus Trinidad kennen, liegt verträumt in der Gegend. Nach ein paar Nächten Umzug vor den Ort, wind- und vorratsbedingt. Schöner Supermarkt, zwei nette Restaurants, Eisladen. Nur Rake ’n Scrape fehlt.

Mittlerweile sind wir in Nassau zurück, via Highborne Cay – ein letzter Stopp auf den Exumas. Letzter Stopp? War da nicht was mit „nächstes Jahr nochmal Bahamas vor der Reise zu den Azoren“? Ja, war es. Um „Butter bei die Fische“ zu machen: wir hatten ein paar stille Tage. Bedrückt. Ein bisschen verwirrt. Ich hatte ja schon öfter angedeutet, dass uns die Energie ausgeht, und nun konnten wir schon den Boden in unserem Fass mit Energievorrat sehen. Macht es Sinn, ein weiteres Jahr anzuhängen? Dann sind wir noch ein Jahr älter – und segeln kann ja auch anstrengend sein (wir hatten gerade eine Episode „Wassermacher“, auch das ist anstrengend; in Sachen Technik war diese Saison sowieso vielfältig, um es milde zu sagen!). Was sind die Alternativen? Andere verschiffen ihr Boot nach Europa. Das fragen wir mal an, die Ostertage geben derweil Gelegenheit weiter zu diskutieren. 2 Tage danach kommt das Angebot, das so mancher vielleicht nicht ablehnen kann: West Palm Beach-Eemshaven/NL für nur 28.500 € („Wasser-Wasser“ wie es heißt, also plus Abfertigung und Zoll, Unterkunft, Flüge, Mietwagen etc. ). Ein Schnäppchen, quasi, und Akka hätte sicher gefallen, zwischen Superyachten zu stehen. Für manchen toll, nicht für uns. Alternative zwo: Akka wird in den USA verkauft. Wir fragen beim Broker in Deltaville an, und die sind geradezu begeistert („Kommt! Der Markt ist leer!“) und überschütten uns schon mit Anweisungen, was zu tun wäre (Import, Ausrüstungslisten, aber allem voran: Schiff ausmisten, schöne Fotos machen) – und an dieser Stelle trifft uns der Schlag: plötzlich ist die Idee real. Wollen wir das? Wirklich? Der Schlag geht absolut in die Magengrube, wir sind ein bisschen geschockt. Nee, wollen wir nicht. Alternative drei: zurück zum alten Plan – wir gehen mit Akka in den nächsten Tagen oder Wochen nach Bermuda, von dort auf die Azoren und weiter in die Ostsee, oder wohin auch immer es uns verschlägt. Sollte uns schon wieder die Energie verlassen, dann stellen wir sie einfach wieder bei der Marina Oostwatering ab, wo wir sie anno 2003 eingesammelt haben.  Deal!

Jetzt sind wir schon auf den Abacos, ein kleiner Schritt weiter Richtung Bermuda. Es gilt die Einreisevoraussetzungen zu schaffen, 4 Tage vor Ankunft will man dort einen negativen Covid-Test sehen. Also, nix wie ran!  Ist alles gleich um die Ecke. 4.500 Meilen* bis Cuxhaven. Es geht vorwärts-nordwärts-ostwärts!

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Ich empfehle, in Sachen Distanz die Flora zu verfolgen. 4.300 Meilen Galapagos-Hawai’i. Läuft gerade. Und „läuft“. Seit heute früh liegt der direkte Kurs wieder an.
Und eine andere Art der Distanz bringt gerade die Atanga hinter sich. Lieber nicht…

Dover? Klintholm?

Bitter Guana Cay

Bitter Guana Cay/Bahamas, 28.3.2022

Es ist blau. Und schön. Und sonnig. 3 Millionen – oder mehr – Jahre alte Erdgeschichte vor unseren Augen, und die Damen und Herrn, die am Strand umherrennen, haben Vorfahren aus diesem Zeitalter: Felsleguane. Cyclura cychlura, hier auf dem Bahamas mit drei Unterarten vertreten. Auf Bitter Guana Cay ist es Cyclura cychlura figginsi. Echte Urviecher, mit einem Scheitelauge, und leider eingestuft als „vom Aussterben bedroht“, zumindest die Unterarten figginsi und die von Allan Cay, C.c. inornata. Der Andros-Leguan ist lediglich „bedroht“ – ganz interessant deswegen, weil Andros eine größere Insel ist und daher den Leguanpolulationen mehr Rückzugsraum bietet als die kleinen Cays der Exumas.  Das spielt vor allem bei Naturkatastrophen eine Rolle, vor allem Hurrikane beeinträchtigen den Lebensraum – bis sich die Vegetation erholt hat, dauert es nach einem Wirbelsturm eine Weile,  bis dahin ist „Hungertuch“ angesagt.  Was nicht heißen soll, dass unsere Leguane nichts anderes kennen als die ewig gleichen trockenen Blättchen und die gelegentliche Fliege… nee, es kommen ja fast täglich Touristen zum Glotzen. Damit kommt gleich das größte Bedrohungspotenzial ins Spiel – der Mensch, der Ziegen mitbringt, die den Leguanen das magere Essen wegschnappen. Oder der Feuer macht. Hunde oder Katzen ansiedelt. Die Touristen bringen gern irgendwelche Dinge zum Anfüttern – wäre schön, wenn es beim Salatblatt bliebe, was ich nicht glaube, aber selbst das tut den Kerlen nicht gut.  Der Bestand ist in stetigem Schrumpfen begriffen. Das machen sich die Besucher wahrscheinlich nicht klar, die hier für 5 Minuten anlanden (die Leguane sind ja nicht so niedlich wie die berühmten, für uns eher berüchtigten schwimmenden Schweine vom benachbarten Big Mayor Cay). Das Kurzprogramm sieht vor : an Land waten. Salatblatt. Foto. Haken an die Box „Leguansichtung“. Bemerkenswert fand ich gestern die Gäste einer großen Motoryacht, die parallel zu uns ankerte und auch über Nacht blieb (und zum Sonnenuntergang einen echten Pistolenschuss abgaben. Die haben einen Knall, im wahrsten Sinne des Wortes). Diese Gäste zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu sechst im hüfttiefen Wasser sitzen, Bierdosen im Neoprencooler in der Hand halten  und quatschen. Mit dem Rücken zum Strand, wo gerade 3 Mio. Jahre Naturwunder an ihnen vorbeimarschieren. Vielleicht haben sie die Leguane mit ihrem rückwärtigen Scheitelauge betrachtet, in diesem Fall  bitte ich um Verzeihung. Es macht mich verrückt. Der Hammer ist ein Dinghy, das samt Hund (!) angefahren kommt – glücklicherweise sind die Leute aufmerksam genug, um das Tier zurück ins Boot zu bugsieren, nachdem es schon zur Jagd angesetzt und eine Panikattacke in der Leguangemeinde verursacht hatte. Die. Sind. Vom. Aussterben. Bedroht. Ihr. Heiopeis!  Ich finde es derweil nett, bäuchlings im Sand zu liegen und einfach nur zu gucken. Galapagos‘ Meerechsen kommen uns in den Sinn. Und Komodowarane.  Aber ich denke, wir Menschlinge kriegen das schon hin mit dem Aussterben.

Felsleguan

Hier ist so ein freundliches Exemplar –  übrigens sind die schon so an Menschen gewöhnt, dass sie im Silikonbeutel für meine Kamera Fresschen vermuten. Nicht so toll.

Sonst? Exumas Land&Sea Park war schön wie immer. Wir vertrödeln die Zeit. Zeit bis zu einer irgendwie gearteten Abreise. Dover? Klintholm? Oder doch lieber der Kreidefelsen von Bitter Guana?  Im Moment lockt uns Europa nicht so sehr, und auf den Azoren fürchten sich die Leute vor einem Vulkanausbruch. Wollen wir dort hin? Hm. Vorstellbar wäre eine letzte Wirbelsturmsaison in den USA. Aber dann! Wir diskutieren das noch ein paar Tage.

Nein! Mein Scheitelauge zeige ich nicht!