Bequia und der Weg dorthin

Panorama Horseshoe Reef

Schön, schön! Das Horsehoe Reef vom „Petit Bateau“-Gipfel aus.

 

 

Bequia 13.2.2018

So kann’s gehen: man liegt an der Ile Petit Tabac und zweifelt, ob man noch hinüber ins altbekannte Horsehoe Reef fahren soll. Die Schipperin mag, weil das Riff schön ist, die Eigner mag „aus alter Anhänglichkeit“, unser erster Besuch liegt viele Jahre zurück, Ende der 90er. Zum guten Ankerplatz findet sich das „zum Bleiben schön“-Gefühl, für 3 Nächte. Weil aber die Dinghyfahrten mit dem 3PS-Pöttermotor so mühsam und durchnässend sind, verziehen wir uns danach aus dem wunderbar windigen Ankerfeld „achtert Riff“  ins deutlich geschütztere hinter Petit Rameau, und auch hier kann man es gut aushalten.

Diese gebackenen Banaaanen1

Neuerliche „Bergwanderung“ auf Petit Bateau mit schönen Ausblicken. Mahi-Mahi-Essen bei Julia vom Grillstand Romeo, den Fisch direkt vom

In Julias Küche

Angelboot (der Eigner-Hummer wackelte noch…). Sehr karibisch: unter großen Bäumen auf grober Holzbank hockend, die Kante des mit Wachstuch belegten Tisches ziemlich unter der Kinnlade. Alles extrem lecker! Allein diese gebackenen Kochbananen! Die Rechnung nicht unbeträchtlich, aber lohnend. Eine merkwürdige Diskrepanz: dort dicke Schiffe auf türkisfarbenem Wasser, dazu die herangeschipperten oder auf

Voilà! Karibisch farbenfroh und lecker

eigenem Kiel hergesegelten Touristen, am Strand eine Reihe bescheidener Grillstände und die zugehörigen Ansässigen, zufrieden und fröhlich. Ich glaube, unter den Seglern gibt es mehr Meckerpötte, obwohl man, an der Dicke der Geldbeutel gemessen, denken könnte, es müsste andersherum sein.

Aber auch der netteste Aufenthalt – es waren 6 genussvolle Tage! – muss zu Ende gehen. In Sichtweite

Der Fahrende Winterstiefel von Canouan. Gedränge am Fähranleger.

liegt Canouan, da waren wir noch nicht, also hin. Die Bucht vor Charlestown ist weit, wir ankern im Achtungsabstand vor dem Fähranleger. Die Insel ist ein bemerkenswertes Stück Organisation. Im Süden wurde gerade eine kleine Marina namens „Glassy Bay“ eröffnet –  und im Segelführer steht, man hoffe, der Südteil der Insel werde nicht abgesperrt. Abgesperrt? Ja, genau so wie der gesamte Norden. Ein Luxusresort, ein paar private Villen – und ein Zaun. Wenn das Gleiche jetzt mit der Marinagegend passiert, wohnen die Canouaner demnächst „zwischen den Zäunen“, ein unangenehmer Gedanke. Ob die Anzahl der Bootseinbrüche vor Charlestown auch Ausdruck von Unmut ist?  Eigentlich müssten wir Lebensmittel einkaufen, und es gibt einen richtigen, italienischen „alimentari“, mit angeblich guten Sachen. Der Laden ist einem Italo-Hotelkomplex angeschlossen – vieles hier kommt uns „italienisch“ vor, z.B. die abgesperrte Bucht etwas weiter im Norden. Ankern nicht erlaubt – feudal italienisch am Strand essen darf man sehr wohl. Wir kratzen uns am Kopf – eine wenig heimelige Insel, auch wettermäßig: die Fallböen in der Bucht sind gewalttätig und der Wind soll noch zunehmen – schon auf den paar Meilen hierher hatten wir den vollen Passat auf die Nase gekriegt. Sollen wir noch an Land? Salami oder… ach schiete wat, weiter im Norden gibt es auch was zu kaufen. Cheddar statt Provolone. So machen wir uns auf den Weg – leider liegt Mustique voll im Wind, Bequia können wir gerade so anliegen. Also Bequia.

Zu dieser Strecke schrieb Segelfreundin Susan kürzlich: „… it was a romp, all the way to Bequia!“ Können wir bestätigen – das war wirklich eine „Nummer“. Die See bewegt – an die 3 m. Der Wind in den guten Mitzwanzigern, und immer schön hoch ran. Pedder, der Windpilot, verrichtet sein Werk unermüdlich, wir müssen nur aufpassen, dass uns die flinken, vor dem Wind dahineilenden Gegenkommer nicht umfahren – Verkehr ist reichlich in dieser Jahreszeit. Wir fragen uns, wie all diese südwärts strebenden, auf 1, maximal 2 Wochen beschränkten Charterer ihre Basen in St. Lucia oder Martinique wieder erreichen – die Nordrichtung im voll entwickelten Passat ist wirklich eine „Nummer“… Langsam schälen sich die Umrisse von Bequia aus dem Dunst, die Entfernung ist nicht wirklich weit, vielleicht 20 Meilen, aber eben holperig. Von Steuerbord sehen wir auf dem AIS einen großen Schlepper unseren Kurs kreuzen, bzw. er kreuzt ihn eben nicht – die Peilung steht, wie der Segler sagt. Eine stehende Peilung endet unweigerlich mit einer Kollision, die Annäherung kann die Schipperin, die auf der Cockpitsüllkante sitzt, über ein Stündchen oder so beobachten. „… na, wandert er nun aus?!“ Nee, tut er nicht. Wir wollen mit genau gleicher Geschwindigkeit die genau gleiche Ecke runden, und mit Schleppverbänden ist nicht zu spaßen. Solche Späße hatten wir in Indonesien reichlich, wir eirinnern uns an „Oh, wie schön ist Lummerland“, als sich „eine nicht kartierte Insel“ auf unserem nächtlichen Kurs verirrte. Oh, je. Ein Schlepper und 200 m dahinter (dazwischen sollte der Segler tunlichst keine Durchfahrt suchen!) eine riesige alte Schute mit Landeklappe, sie rücken näher, und auch da das ausdauerndste Starren keine gegnerischen Kurse ändert, wenden wir. Windpilot außer Funktion nehmen. Ach, wir machen eine automatische Wende unter Autopilot, wozu hat man diese beiden synchron zu drückenden Knöpfe. Sehr fein geht das in mäßig bewegter See! Die haben wir allerdings nicht zu bieten. Der Versuch scheitert, vielleicht an einer unglücklichen Folge von Wellen, in denen wir uns feststampfen. Macht nix, passiert halt. Variante Handsteuerung. Gleiches Spiel: Fahrt aufnehmen, sich nicht festfahren, rum die Bude. Jau, und steht. Die Schipperin schaut etwas belämmert, aber Übung macht den Meister, im dritten Versuch ist es geschafft. Die Wende ist von allerlei Geräusch begleitet, mein beliebte Kramablage neben dem Niedergang zum Beispiel entleert sich schlagartig nach unten, Nagelfeilen, Gastlandflaggen, Bändselbeutel, Postkartenvorrat, Bücher, Stifte (der Eigner wird zum Zustand unter Deck später sagen: „Dein Tablet ist noch heile!“ und  „… Du kannst auch gern mal vorn in der Vorschiffskabine gucken!“). Egal, aber durch den Wind ist durch den Wind. Nun folgen 15 Minuten wirklicher Romp – es kommt halt immer drauf an, in welchem Winkel einen die Wellen treffen, und dieser ist… ungünstig. Also halten wir den Ausweichkurs kurz. Die zweite handgesteuerte Wende gestaltet sich schon besser. Wir sind nahe an Bequia, die Ankerbucht liegt voll im Wind, da kreuzen wir nicht rein, wir motorsegeln! Motor an. Der Schipperin am Ruder flattern die Ohren, also hört sie nicht, dass sie nichts hört, aber am leicht hektischen Verschwinden und Wiederauftauchen des Eigners kann sie es ablesen, dass der Motor nicht anspringt – es gibt für alles mal eine Premiere. Später rekapitulieren wir unsere jeweiligen Gedankengänge – Wetterlage, Chance auf Ankern unter Segeln und wo? Zurück nach Canouan? Oder weiter?  Wie ankert man unter Segeln im vollen Passat? Spannende Frage. Der Eigner schaltet dann die – laut Anzeige gute – Starter- und die Verbraucherbatterien zusammen, worauf der Motor wenigstens ein keuchendes Kotzgeräusch macht. Nochmal!  „Gib mal mehr Gas!“  Keuch-kotz-uaa–uaa, wrrrummmm!  Ach, da bist Du ja, kleiner Motor!  Hattest Du Dich verschluckt? Hatte er wohl, vielleicht in einer der komischen Wenden ein Gläschen Wasser durch den Auspuff? Unangenehmes Erlebnis. Vor dem Low Bay-Strand fällt der Anker. Im zweiten Versuch, immerhin. Nachtpause.

Am Morgen pfeift es immer noch, Port Elizabeth ist von allen Seiten von grünen Hügeln umgeben, von denen Böen auf uns herabstürzen – nicht so schhlimm wie Canouan, aber dies ist eben die Passat-Saison, da bläst es. Dazu läuft etwas Schwell in die Bucht. Gucken wir doch mal, ob wir in der Tiefe des Hafens zwischen den vielen Seglern noch ein ruhigeres Plätzchen ergattern können. Auch das gestaltet sich mühsam, denn nach Norden ist die Bucht sehr tief, dann folgt ein Streifne ankerunfreundlichen, härteren Grundes. Im dritten Versuch hält der Anker – nicht ohne dass hinter uns ein Yachtie-Erdmännchen streng auf unsere Versuche schaut. So sehe ich also aus, wenn ich die Ankermanöver anderer beobachte! Einschüchternd! Kontrolle per Schnorchelgang – sehr gut es gefällt mir nicht. Ich liebe es, wenn mein Anker so weit eingegraben ist, dass man den Bügel kaum sieht; weg ist er schon, aber es guckt noch viel raus… Aber wir haben reichlich Kette draußen, wird schon. Am Abend legt der Wind noch einen Zacken drauf, die Fallböen könnte man als „wütend“ bezeichnen, was mich beunruhigt und mir eine Nacht auf der Cockpitbank beschert. Lieber sofort da sein, wenn der Ankeralarm piept. Schisserige Schipperin.
Am Morgen der Umzug. Weiter vorn ist ein Loch im Ankerfeld. 3m Wassertiefe ist schon recht knapp, aber es funktioniert gut. Schnell sind wir fest, und voll eingegraben, das beruhigt ungemenin. Ein angenehmer Tag mit Landgang folgt, Highlight: Besuch auf dem Rastamarkt. Unser Segelfüher schreibt: „… viele Kunden haben sich vor der  geballten Rasta-Verkaufskraft zu den kleineren Shops und Ständen in den Hinterstraßen verzogen!“  Da sagt er was, der Herr Doyle – aber spaßig ist es schon. Es gibt Kartoffeln, schöne Knubbelmöhren, frische Zwiebeln von der Dame gleich am Eingang, während hinter einem dauernd neue Angebote auf einen einprasseln!  Hier – Soursop! Probier mal – klasse Mango! Das Stück Sapodilla wird mir einfach unter die Nase gehalten, aber lecker ist es. Grapefruit! Lemon! Frühlingszwiebeln. Wir schreiten zum Zahlen. Zack! Eine Tüte grüne Bohnen vom Nachbartisch. Wer hier nicht entschieden „nein!“ sagt, hat verloren. So wie wir – es bleibt einem bei dem Ansturm nur ein hilfloses Lachen. Noch Eier? Noch Zitronen? Guck: ’ne Tüte frisches Basilikum! Und diese Papaya ist für morgen!
Die Anzahl der Bananen- und Zitronengeschenke, die wir zugesteckt bekommen, sind ein sicheres Zeichen dafür, dass wir heute der Rastagemeinde zu finanziellem  Gewinn verholfen haben. Wir werden trotzdem wieder hingehen, für manche Show muss man einfach zahlen. Auf dem Rückweg streichen wir noch ein frisches Baguette ein (klar, gibt es im Dive Shop oder so…). Zufrieden sinken wir auf die Cockpitbänke. Kleiner Pastis zum Sundowner?! Gern.
Kaum ist die Sonne weg, sagt es „bu-bumm“. Hä? Was war das? Und nochmal: „bu-bumm“. AKKA hoppelt! AKKA hoppelt „irgendwie“ auf Grund! Nee… Wir sind ins Flache geschwoit, und da liegen Klamotten. Ankerauf, zurück zum allerersten Ankerplatz, im Schwell, aber mit Sand und ausreichend Wassertiefe. Unter dem Schein der Taschenlampe fällt der Haken, er hält, alles gut, auch wenn der Abstand nach achtern zum nächsten Boot ein kleines bisschen knapp ist. Ruhige Nacht. Bis bewusster Nachbar zum Frühstück auf seinem Vorschiff erscheint: „… hey, AKKA! That’s close!  Dangerous!“  Ich geh‘ mal schnorcheln und guck‘ mit die Bescherung an.  Harmlos, zumindest wir mit unserem zuverlässigen Bügelanker würden nicht auf Drift gehen, was des Nachbarn Befürchtung war – beim seinem CQR-Anker sieht das schon anders aus, der liegt CQR-programmgemäß wie dumm auf der Seite. Von uns eigentlich ganz gut abgeschätzt, aber wo wir schon so gut in Übung sind mit „Umankern in Bequia“, können wir John schnell zu etwas Seelenfrieden verhelfen. Wir sind die Bequia-Ankermeister!

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