See-Galerie

Richards Bay, 1.12.2015

Hier kommen ein paar Bilder von unterwegs!

 

  •  … * zu „selbstzufrieden und ahnungslos“: frühmorgens, bisschen müde. Segel gesetzt, Windpiloten eingestellt und dazu das Steuerrad festgestellt. Alles unter Kontrolle! Leider allerdings  nicht den Autopiloten ausgestellt und damit fast unseren zweitwichtigsten Steuermann geschlachtet.  Gerade nochmal gut gegangen!

Uyimbube, uyimbube…

Warten auf den Zoo. Südafrikanische Flagge und die Flagge Q...

Warten auf den Zoll. Südafrikanische Flagge und die Flagge Q…

Richards Bay, 30.11.2015

Uyimbube?! Kennt Ihr nicht?! Kennt Ihr!  „Du bist ein Löwe“, oder so ähnlich…
Klickt immer noch nicht? Ich kann es auch ins Amerikanische übersetzen, so wie es Pete Seeger anno 1951 verstanden hat:  „Owimoweh, owimoweh!“
Als ich gestern früh vom Funken an Deck kam – vorher hatten wir dicke, morgengraue Wolken gehabt – sagt der Eigner in gemessenem Ton: „Ich kann Afrika sehen!“  Tatsächlich! Yihaa, sage ich da normalerweise, aber in dieserm Falle brach es aus mir heraus… „Owimoweh, Owimoweh, Owimoweh, Owimoweh… !“ Und der Eigner sagt, dass ich das fast so schön mache wie das Nilpferd aus dem (bekannten?!) YouTube-Clip.  Schaut es Euch an, es ist ungefährlich. Ich mache das Hippo, der Eigner wackelt mit dem Hintern…    Ich widme es auch den heutigen Geburtstagskindern: Eske und Anna, alles Liebe für Euch!
Unter Absingen von „The Lion Sleeps Tonight“ also rauf mit der hübschen südafrikanischen Gastlandflagge und der Flagge Q.
Es war noch genügend Zeit bis zur Ansteuerung von Richards Bay, das WikiTaxi zu besteigen und die Geschichte von „Wimoweh“ zu lesen, eine Geschichte über Pete Seeger und Solomon Linda, den Schöpfer vom Originallied „Uyimbube“, angesiedelt zwischen McCarthy-Ära und den dunklen Zeiten der Apartheid…

Alles Weitere folgt dann zu gegebener Zeit. Wir sind wirklich glücklich, dass wir so „glücklich“ hier angekommen sind.

Donner-Wetter

28°30 S und 33°23 E
28.11.2015

Heute kriege ich mal keinen Positionsreport raus. Die Australier und Asiaten sind zu weit weg, Maputo „tut nicht“ und der einzig verbliebene Südafrikaner in Reichweite schickt komische Meldungen raus, fragt aber mein Airmailkonto nicht ab. Na, dann!

AKKA eilt durch die rabenschwarze Nacht, ich warte sehnlich auf den Mondaufgang. Wir sind noch vielleicht 40 Meilen vom berühmten Agulhasstrom entfernt, der 20 Meilen vor der Küste verläuft und angeblich dunkelblau aussieht und hier für allerlei Ordnung sorgt. Ein natürliches Verkehrstrennungsgebiet: im Strom Einbahnverkehr südwärts, wer nach Norden will, hält sich bitte an den Randstreifen zwischen 200 m-Tiefenlinie und Land oder fährt gleich weit draußen auf See. Wer gegen den Agulhasstrom, bis zu 6 Knoten schnell, anschieben möchte, hat entweder viel Geduld (und Sprit) oder einen an der Waffel. Für uns heute bleibt es bei moderaten 2 bis 2,5 Knoten, die nach SÜden setzen – und die haben wir auf dieser Fahrt schon öfter genossen, auch jetzt schubst es uns in Richtung Küste. Unglaublich, diese Meeresströmungen – wir haben eigens von Wetterwelt Stromvorhersagen bestellt; nicht zwingend notwendig, aber, wenn man die erste Verwunderung über das Gewirr der Richtungspfeile überwunden hat, sehr interessant. Gerade kommt mir wieder ein großer Frachter entgegen, der sich mit 8 Knoten Reisegeschwindigkeit Richtung Colombo müht. Wie auf einem Fluss geht es hier zu…

Leider ist seit heute morgen kein Segelwind mehr, so dass wir motoren, aber diese letzte Nacht bringen wir auch noch zustande. Gestern haben wir die zweite Tiefdruckfront der Reise bewältigt, das war recht spannend, über Tage schon, ich deutete es ja schon an. Das „Klöpschen“ vor der Küste. Das Klöpschen schickte in der Nacht auf Freitag ein vielstündiges Gewitter voraus, das wir versuchten, an der Steuerbordseite liegen zu lassen, sofern man so etwas kann (man kann nur bedingt!). In den frühen Morgenstunden dann eine kurze Pause von der Daueransicht gruseliger Blitze. Beeindruckend massive Wolkenformationen, aus denen teils ebenso massiv das Wasser goss, dazu ein paar Böenkragen, so dass man denkt, der erwartete Südwest geht schon los, und nach der Pause wieder Gewitter. Ich bin – Wachrhythmus sei Dank! – ins Bett gegangen, Schlafbrille auf; das mag man sich nicht anschauen… Kerstin „LopTo“ würde jetzt ein Loblied auf Stahlboote singen. In der Tat, neben dem Abklemmen der Antennen tritt dann bei uns auch der Faradaysche Käfig für arme Leute (also die ohne Metallboot) in Aktion: Elektronikequipment wandert in den Backofen. Bis die Front dann endlich auf uns zu kam, wurde es Mittag, alles ganz pünktlich auf die Stunde, wie es die Wetterwelt in Kiel uns prophezeit hatte, und ab da dann Wind im Familienpack. Wir waren dank Bummel- und Zickzackkurstaktik weit genug im Osten des Systems geblieben, so dass wir die avisierten 40 Knoten und mehr (das südafrikanische PeriPeriNet am Vortag zu mir: „You*ll have 20 to 50, five zero!, tomorrow!“ Wie nett!) nicht zu spüren kriegten, aber es war den ganzen Tag extrem böig, und an die 30 Knoten über viele Stunden machen eine muntere See. Nicht unsere Lieblingsdisziplin als Am-Wind-Kurs, aber gut zu bewältigen, und wenn man bedenkt, wie das hier zugehen kann, war das System nett zu uns und moderat. Vielleicht nicht so „brillantes Segeln“, wie es der Einhänder Jim immer wieder in der Funkrunde besingt („… oh, I am sitting here nicely with 35 knots of wind…“), für uns mehr von der Sorte „wat mutt, datt mutt“. Nix Aufregendes zu berichten! Nur unser Funkrundenmoderator aus Australien, der statt Richards Bay lieber doch direkt nach Durban laufen wollte, der kriegte eine Kostprobe der lokalen Eigenheiten serviert – wie wir heute morgen von ihm hörten, fand er einen der gelegentlich auftretenden Strom-Mäander, weit weit draußen, als an Agulhasstrom noch gar nicht zu denken war. Und Strom gegen Wind ist niemals spaßig und macht immer Welle, bei 30 Knoten Wind schon gar – es war die Rede von Panik und den größten Seen, die sie je erlebt haben. Bösartig habe das Wasser ausgesehen. Glücklicherweise trieb der starke Wind das Boot im beigedrehten Zustand relativ rasch wieder aus diesem Stromwirbel hinaus. Puuh. Ein hinter uns fahrendes Schiff kommentierte das mit „… wie schön, wenn man von so einer Passage nichts Aufregendes zu berichten hat!“ Stimmt. Diese Tatsache  freut uns auch ungemein.Und ansonsten freuen wir uns jetzt auf eine Nacht, die man durchschlafen kann. Denn wenn diese Passage auch unspektakulär war: anstrengend war es schon.
Bis demnächst dann aus Zululand! —

Fortschritte

22.11.2015, südlich von Madagaskar

Da sitz‘ ich im Cockpit und schlürfe übrig gebliebenen Kaffee von gestern (kalt), der Eigner schläft einen kleinen Nachmittagsschlaf (hoffentlich, wir brauchen den Schlaf, der sich bei der Wackelei nich timmer einstellen will), AKKA schleicht durch den Strom südlich der Insel Madagaskar.
Das ist schon ein besonderes Seegebiet hier! Und damit meine ich nicht die Berufsschifffahrt, die rechts und links an uns vorbeiflitzt und einen mit guten Wünschen bedenkt. Die Jungs und Mädels haben halt auch ihre Sorgen: im Gebiet um Chagos dreht sich ein Cyclon, wir kriegten gerade mit, wie zwei sich über Wetterprognosen unterhielten, der eine aus Singapur, der andere auf dem Weg dorthin. Da können wir mitmachen – Wetterrätseln tun wir auch. Vorwärts und rückwarts. Wie erwähnt – dies ist ein gewöhnungsbedürftiges Seegebiet. Seit gestern bekomme ich zur größeren Verwirrung auch Strömungsdaten serviert. Nicht, dass wir irgendwas damit anfangen könnten in diesem Geschwurbel südlich von Madagaskar – eigentlich befinden wir uns, die wie brav einen mittleren Abstand zum Inselschelf halten und entsprechend südlich gehalten haben, konstant im Gegenstrom. Mal 1 Knoten, mal 2. Das nervt irgendwie…

— — —-
Und schon sind wieder anderthalb Tage vorüber, wir sind aus dem Strom raus und stehen auf 26°37S und 42°53E. Der Eigner schläft schon wieder, besser: immer noch, es ist nämlich Vor-Frühstückszeit, meine Funkrunde ist gerade vorüber, das Kaffeewasser wird gleich kochen, und nachher werde ich erstmalig versuchen, das Peri-Peri-Netz zu erreichen; das sind die Südafrikaner, die sich um die hereinkommenden und die das Kap umfahrenden Schiffe kümmern. Vorgestern Nacht ging erwartungsgemäß unsere erste Front durch, ganz prima, weil wir eigentlich nur den Rest davon mitkriegten. Leider weht es seitdem aus Südwest, und davon gestern eine ganze Tüte voll – und jetzt gerade aus Westsüdwest, das heißt wir machen mehr Nord als uns lieb ist: am Freitag steht der nächste Tiefdruckklops (ein Klöpschen) vor der Küste, und den müssen wir hier draußen noch abwarten, bis wir Richtung Richards Bay vorrücken können – dazu müssen wir aber in der Zwischenzeit ein bisschen mehr Süd machen, suns‘ ward dat nix… Der gestrige Tag war recht bewegt, die Welle ganz hübsch, und das hatte einen absolut netten Besuch in der Folge: um 12 Uhr mittags kam die bestimmt berühmte Truppe der „Madagascar Jumping Dolphins“ bei uns vorbei. Das war ein Spaß! Ich bin sicher, wenn Delfine sprechen könnten, dann hätten wir ein riesiges Gejohle gehört. AKKA schiebt mit Schwung und 7 Knoten durch die Wellen  – die Geschwindigkeit lockt die Schule an – und weil die Welle mit ihren 4 m so schön ist, muss man nicht wie sonst nur langweilig aus dem Wasser springen, sondern sich dabei drehen, auf die Seite klatschen, auf den Bauch, seitliche Rollen drehen… Einer wurde nicht müde, sich auf den Rücken platschen zu lassen, sehr beliebt auch so eine Bewegung, wie man sie aus Filmstunts kennt, nämlich in der Luft einfach weiterlaufen, in diesem Fall weiterschwimmen. Echte Akrobaten.
Insgesamt, muss man sagen, ist es deutlich anstrengender als Passatsegelei – nichtweil die Bedingungen so hart wären, die tun zwar auch ein bisschen zur Sachen, aber man ist dauernd mit dem Wetter beschäftigt und mit der anzuwendenden Tatkik. Wir vergleichen GFS und Wetterwelt miteinander, holen 2x täglich dicke GRIB Files über das Satellitentelefone herein und brüten dann darüber. Vielleicht wäre es besser, wenn wir es wie einer der vorausfahrenden Einhandsegler hielten: „… aaach, hier ist alles prima! Brilliant sailing! Um die Front kümmere ich mich, wenn ich die Wolken sehe!“. Na dann. Wir wollen eigentlich nur ungeschoren über den Agulhasstrom kommen, aber das wird schon, denn Samstag flaut es ab. Ankunft vielleicht am Sonntag…
Der Eigner erwacht! Kaffezeit! — —

Dann dauert’s eben…

Daaa ist die AKKA!

Daaa ist die AKKA!

 

 

Réunion, 12.11.2015

… bis zum Knick ’n Tag länger! Zitat Eigner von soeben. Also vielleicht Montag?! Die Abreise nach Südafrika nämlich. Im Moment zuckt der Wind um die 5 Knoten, was vergleichsweise wenig Spaß macht – und vorhin sind zwei französische Yachten ausgelaufen, die hoffnungsfroh ihren Code-Zero hochzogen und ansonsten auf volle Dieseltonnen vertrauen; morgen will die CHESAPEAKE los. Diese Unruhe!. Nicht, dass ich nicht eben auch 120 l Diesel von der Tanke geholt hätte, 120 l mit dem Radel. Natürlich nicht in einer Tour, sondern in 3 – die Jungs an der Tankstelle hat’s gefreut, hilfsbereit wie sie sind. Und kommunikativ sind sie – wir üben uns in französischer Sprache, so gut es geht. Neben dem kolonialen Unterton, der hier schwingt, ist halt doch vieles sehr französisch. Wann, bitte, hat uns zuletzt jemand angebölkt, wenn man in einem äußerst verkehrsarmen Städtchen eine Einbahnstraße falsch herum befährt?! „C’est interdit!“ schallt es uns gleich mehrfach entgegen… L’Europe hat uns zurück – es sind nämlich die weißen Franzosen, die bölken, der Rest ist „relaxed“.

„Bölken“ oder anpreien, das konnten übrigens auch die Mauritianer – als der letzte Blogbeitrag rausging, fuhren wir ja nächtens um die 5 Meilen vor der Südküste von Mauritius entlang, die Schipperin hocherfreut, weil wir Orange Mauritius empfingen und segelnd surfen konnten. „Krackel-krackel-krackel. AKKA, AKKA, this is Mauritius Coast guard!“  Wat’n nu‘ schon wieder?!  „Bleiben Sie außerhalb der 12 Meilenzone!“  Huch?! Das ist neu; haben die doch tatsächlich unser AIS-Signal aufgenommen!  Ich bestätige, dass ich, da mit 2 ausgebaumten Segeln platt vor dem Wind fahrend, den Kurs sutsche Richtung Süd ändere.  Der Eigner schreckt aus dem Schlaf auf: „… wenn die Dich nochmal anrufen, dann hören wir einfach nix!“  Wird gemacht, Monsieur, wir müssen doch das Orange-Guthaben auch noch leeren, wie soll denn das außerhalb der 12-Meilenzone funktionieren? So ist das mit dem Surfen auf See!

Tags drauf erhebt sich gegen Abend die beeindruckende Bergsilhouette von La Réunion am Horizont, in der Nacht kommen die Lichter immer näher – und was für Lichter! Im Norden von Réunion liegt der Hauptort, St.Denis, und die Berghänge hinauf, in die Schluchten hinein ziehen sich die orangefarbenen Lichter der Straßenbeleuchtung. Erste Welt, ganz klar. Wir tuckern die Küste entlang, machen ein paar Segelspielchen, die uns die Abwinde der Berge bescheren, Motor aus. Genua backbord, Genua weg, Genua steuerbord. In der Ferne sehen wir einen anderen Segler, der wohl vom Norden Mauritius‘ hereinkommt – ähnliche Spielchen. Im Morgenlicht passieren wir eine gewaltige Baustelle direkt vor der Küste – was ist das denn?! Na, die neue Umgehungsstraße. Ins Wasser gebaut. Um die Pointe des Galets herum ist schon „Le Port“, der Haupthafen für Réunion und unser Ziel. Hafeneinfahrt, Peilen, Marinaeinfahrt, Funkkontakt. Jérà´me empfängt uns – wir legen unser gewohntes Ein-Leinenmanöver hin, oh-là -là , das freut den Marinamanager, schon sind wir fest. Das ist doch, wie wir später sehen, recht ungewöhnlich – wir sehen am Morgen gleich mehrere Hafenmanöver mit „Stützleine vorn zuerst“.  Dabei kann es so einfach sein, wenn man in die Spring fährt…

Kaum ist der Zoll da gewesen, watzen wir ins Städtchen, und da es auch schon bald Mittag ist, fängt uns das französische Flair ein: „La Petite Brasserie“. Außer ein paar Touristen vor allem Geschäftsleute – wir hängen die Ohren zum Nebentisch und lauschen dem „heeein!“  und lang gezogenen, im Ton abfallenden nasalen „ööööö“. Fluppe im Mundwinkel, Gläschen eiskalten Rosé in der Hand, die Terrine de Campagne auf dem Teller. Ja, wirklich, so isses! Alle Läden sind dicht – bis auf den Bäcker, denn Männer mit dem lässig in der Hand balancierten Baguette sieht man mehrere. Nur Baskenmützen braucht es hier nicht.  Trà¨s franà§ais.  Wir laben uns an einer Salade Berger, mit meinem geliebten Chà¨vre Chaud. Eine Charcuterieplatte „Corse“ zum Teilen, der Eigner kriegt einen Salat mit Gänsemägen. Mit Perrier, falls sich jemand fragt, ob wir uns schon am Mittag einen Rosé reinpfeifen.  Die Marina füllt sich, die UHAMBO trifft ein und einige andere. So vergeht der Rest der Woche – wir schreiben Dienstag! – rasch; übrigens teilweise mit Fleecejackenpflicht, denn der kalte Süder bläst hier manchmal herein. Als am Freitagabend ein Potluck für die Samstagsabfahrer anberaumt wird, sind wir mitten im zentralen Thema: Wetter. Das Wetter nach Südafrika. Geschichte reiht sich an Geschichte. Aber da kann man so viel reden wie man will – hier ist man dem einfach ausgeliefert. Rezept: wenn die Front kommt, da unten vor Madagaskar, dann muss man durch oder man dreht bei. Hauptsache man ist nicht mitten im Agulhasstrom, wenn es losgeht.

Ein bisschen wundern wir uns über die, die nach uns kommen und gleich weiterreisen – es ist nämlich ganz augenscheinlich wunderschön hier, auch wenn der Industriehafenort „Le Port“ nicht extrem attraktiv ist – eine Reihe kleiner Läden, viele Wohnhäuser für die hart arbeitende Bevölkerung. Ein Leader Price, ein Score, ein LeClerc, und eine ganze Reihe guter Bäcker! Eines Tages radeln wir hinaus zum Einkaufszentrum Sacré Coeur, ergötzen uns im „Weldom“ an europäischen Baumarkststandard – und als ich hinübergehe zum Supermarkt, haut mich der Blick um: die Abendsonne bescheint ein Bergrelief direkt hinter dem Ort. Vulkanisch, tief eingeschnitten, hohe Berge im Hintergrund, grün bewachsen. Da muss man einfach mal hin. Tun wir auch.

Auf der Ebene um den Piton des Neiges

Auf der Ebene um den Piton des Neiges

Zum Beispiel, indem wir das Rad nehmen und nach La Possession fahren – der Nachbarort bietet eine Bushaltestelle für den Car Jaune, den Überlandbus. Ziel St. Pierre, an der Südwestecke der Insel. Wir bestaunen die überaus dichte Bebauung der Insel, ein französischer Badeort am anderen, teils noch mit alten kolonialen Häusern, insgesamt aber sehr modern. Und EU-finanziert, wie man allenthalben feststellt (zum Beispiel hier in der Marina!). Zur einen Seite das blaue Meer, das eigentlich zum Surfen laden sollte, während zur Bergseite der Himmel voller Touristen hängt – in der Nähe von Grande Ravine jedenfalls schweben zahllose Gleitschirmflieger in der Thermik. Gegen Mittag sind wir in Saint Pierre – und ich bin ganz froh, dass wir mit AKKA in Le Port liegen: St. Pierre ist eine richtig große Stadt, voller Läden, voller Touristen, voller Geschäftigkeit. Wir legen nur eine kurze Pause bei SIRENA ein, essen ein Stück Geburtstagskuchen und besingen die 4-jährige Vera, schon geht der nächste Bus in Richtung St. Benoà®t. Das hatten wir uns schön ausgedacht: eine Busfahrt durch die Mitte der Insel, zwischen Vulkan und Pic des Neiges durch. Schön gedacht und schlecht getimed. Mittlerweile hat sich die Tagesbewölkung aufgebaut, und je höher der Bus sich schraubt – und er muss tüchtig schnaufen! – umso dichter wird der Nebel. Von Sicht auf die 3.000er Gipfel keine Spur – immerhin stellen wir fest, dass es wohl jeden Tag so sein muss, denn die Vegetation besteht aus Baumfarnen, Riesenericaceen, und alles ist voller Bartflechten. Hier müssen sie hinauf, die Passatwolken. Eine Ähnlichkeit zu den Kanareninseln ist durchaus gegeben, nur dass wir hier noch richtig in den Tropen sind.
In St. Benoà®t steigen wir wieder um, in St. Denis nochmals und gegen Feierabend haben wir die Insel mit dem Bus umrundet und sind zurück bei den Rädern. Ja, schöner Mist… – ich denke, erstmalig auf dieser Reise bin ich beklaut worden: mein schönes, schönes Sattel-Gelpad von Giant aus Phnom Penh hat einen Liebhaber gefunden. Wir sind zurück in Europa. Die paradiesischen Zeiten ohne Klau sind vorüber…

Am Dos d'à‚ne

Am Dos d’à‚ne

Paradies hin oder her – ein Tag mit klarer Sicht war uns dann doch noch beschert. Bus vom „Pà´le d‘ échanges du Port“, dem örtlichen Busbahnhof, nach Dos d’à‚ne. Noch so einer, der sich mühsam den Berg hinaufschraubt, diesmal frühmorgens; gefühlsmäßig eine Mixtur aus Skiferien in den französischen Alpen mit ein bisschen Peru und einem Schuss Tropenvegetation. In Dos d’à‚ne – übersetzt: Eselsrücken – geht ein als leicht bezeichneter Wanderweg los, nur 4 km Rundweg zum Roche Verre Bouteille, aber bis wir am Beginn des Weges angelangt sind, haben wir schon ein paar Asphaltserpentinen in den Waden. Und nochmals haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht: prima Wetter, aber was machen die ganzen Leute hier? Alles voller Autos! Es ist doch mitten in der Woche. Alles Touristen?! Es ist Mittwoch, der 11. November. Es klackt! Kapitulationstag 1918… Jour férié, und daher nur ein Bus am Nachmittag zurück nach Le Port. Mit unserem 4 km-Programm wird das ein langer Tag – also suchen wir auf dem Tablet (empfehlenswert: WIKILoc offline Wanderkarten, weltweit!) nach Erweiterungsmöglichkeiten für den Gang.  Nicht ganz einfach, so dicht sind die Wanderwege dann doch nicht gesät, denn dazwischen liegen immer wieder tiefe Schluchteinschnitte. Schau’n wir mal. Der Weg geht über Stock und Stein, leicht bergauf bis zum Aussichtspunkt Cap Noir – eine

Alles easy!

Alles easy!

wirklich tolle Aussicht. Drüben, auf der anderen Seite der Schlucht windet sich ein in den steilen Hang eingeschnitten der Weg nach Ilàªt Lantanier bzw. Mafate entlang – das sind Dörfer, die, man mag es kaum glauben auf dieser durchzivilisierten Insel, nur zu Fuß erreichbar sind. Toll! Da müsste man entlang laufen… leider eine 2-Tagestour, bezeichnet als „sportif“. Sportlich. Na gut. Mein Blick geht bergauf. Oops, dieser Flaschen-Felsen, den wir erreichen sollen auf diesem leichten Wanderweg, liegt aber recht senkrecht über uns?! Und wie gehabt… unter Fluchen und Schnaufen marschiere ich bergan. Und überlege, dass ich hier mal eine Liste der „Anstiege einer Reise“ veröffentlichen sollte*.  Das Schlimme ist halt, dass man, in diesem Falle frau, nie genau weiß, wie weit es einen noch nach oben treiben wird. Der Roche Verre Bouteille war jedenfalls nicht das Ende, denn der Weg geht astrein genau über den Grat des Eselsrückens. Wenigstens war ich nicht allein, denn trotz aller Flucherei – die ich mit hilflosem Gelächter zu kaschieren weiß! – war ich noch die fröhlichere der beiden Seglerinnen, die dort oben herumkrauchten. Unsere französische Nachbarin machte einen geradezu unglücklichen Eindruck. Als wir sie im Tal wiedersahen, sahen wir eigentlich wenig: nur zwei am Bushaltestellenschild in die Höhe gestreckte Beine…
Nun gut. Selbst der Eigner bestätigte, dass diese Art von „facile“ durchaus ausreiche. Oben auf dem Eselsrücken gab es Wasser und Äpfel und das Bedauern, dass wir keine netten Baguette mit Käse oder Paté belegt mitgebracht hatten. Andererseits zog mittlerweile auch die schon bekannte Mittagsbewölkung auf – und das wird hier richtig kalt!  Abstieg (auch gut für die Knie!). Unnötig zu erwähnen, dass uns ein leichtfüßiger Einheimischer in Laufschuhen und Funktionshemdchen gleich zweimal überholte…
Eine Erweiterung der Wanderung haben wir nicht weiter diskutiert, die paar Abwärtsserpentinen ins Dorf taten den Rest. Aber dann! Gleich eines der ersten Häuser von Dos d’à‚ne ist das Poz’o Cap Noir. Carré de Pieds de Porc. Schweinsfüße mit Beilagen. Das Huhn mit Gemüsen war aber auch nicht schlecht… und alles gekrönt von einem Café Longue. So grässlich lang mussten wir auf den Bus dann gar nicht mehr warten, der uns wieder in die Sonne hinunterfuhr…

Urteil?! Schöne Insel!  Sehr schöne Insel! Eine Insel zum Wiederkommen und noch-mehr-Wandern.

Aber erst einmal ist die Strecke nach Südafrika dran. Um mit Patricia Kaas zu sprechen (wir werden hier mit veritablen Chansons beschallt!): „Mon mec à  moi il me parle d’aventure…“  Allzu abenteuerlich haben wir es nicht bestellt, aber wer weiß. Und wenn’s bis zum Knick im Süden von Madagaskar einen Tag länger dauert, ist es in Ordnung. Spannend wird’s hinter dem Knick!

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* hier sind Auszüge aus der Liste:
2007. Madeira – Wanderung zum Caldeirao Verde und Caldeirao do Inferno . Beine?  Hatte ich hinterher keine mehr
2008 – Anden, vor allem in der Gegend um Sorata. Aber auch der Anstieg zum 3. Stock des Hotels in La Paz war herz-kreislaufmäßig nicht von schlechten Eltern: Und der Pachamama auf der Insel Amantani im Titicacasee… Pfui Deibel
2009 – keine besonderen Vorkommnisse. Denke ich. Vielleicht trügt die Erinnerung
2010 – der Vulkan auf Isabela/Galapagos. Rückweg gemeinsam mit Sven von der MOJO. Rückwärts, wegen Kniebeschwerden
2011 – das 4-tägige Meisterstück: Kepler Track, Südinsel Neuseeland. Ha! Ich habe ein TShirt zum Beweis, dass ich das geschafft habe!
2012 – Der National Pass in den Blue Mountains, das war meine persönliche Spitzenleistung im Bergauf-Fluchen! Kings Canyon, Northern Territory/Australien, auch nicht schlecht. Die Olgas waren pillepalle!
2013 – nochmal ein Jahr Pause (geflucht habe ich sicher irgendwo?! Richtig. In Vanuatu. Vulkane habe es immer in sich)
2014 – zum Beispiel der Anstieg zur Chinesischen Mauer in Jinshanling. Eigentlich war auch das Umhersteigen auf der Mauer selbst des Fluchens würdig!
2015 – Mae Hong Son – Anstieg zum Tempel…

Schleichfahrt

20°30 Süd / 58°06 Ost
1. November 2015

Da schaukeln wir dahin… Ich will mich nicht beklagen, denn wir machen immerhin noch 4,5 bis 5 Knoten, beide Vorsegel ausgebaumt, der Rest ist weggerollt bzw. -gepackt. Der Wind kommt leicht aus Ost-Nordost, also „smack-bang“ auf den Allerwertesten. Aber es geht ganz gut – leider wahrscheinlich nicht mehr so lang, denn heute Nacht soll der WInd auf unter 10 Knoten sacken, dann ist AKKA keine Gans mehr, sondern eine bleierne Ente, die es im Zweifelsfall per Verbrennungsmotor anzutreiben gilt. Hoffentlich nicht so lang, wir haben noch gut 160 Meilen bis Réunion, und 160 Meilen Gerappel… Nö.

Aber wir würden auch wirklich gern ankommen, denn erst gibt es Nordwind und dann kommt Südwind auf – zwischen Südafrika und Madagaskar drückt in den nächsten Tagen so ein Schweinetief nach Norden; kleiner Vorgeschmack auf die Passage nach Durban. Südwind oder Südwest ist das, was niemand in der Gegend will, schon gar nicht wenn man sich im Agulhas-Strom bewegt. Aber da sind wir ja noch lange nicht.

Sonst gibt es nichts Aufregendes zu berichten. Rodrigues hätte einigen aus unserer Leserschaft sicher gut gefallen, es war schon deutlich weniger mit tropischen Temperaturen belastet, die Landschaft ganz unterschiedlich, und die Rodriguais waren wirklich extrem nett. Die Besatzungen von „Albion“ und „Solitaire“ zum Beispiel, denen wir Segler ja eigentlich den Bewegungsraum im Hafen nehmen, waren immer zu einer Begrüßungsorgie bereit (und zum Abschieds-Embrasse!) Adà¨le hat meine Wasche gewaschen, und gemeinsam mit Anne von der Uhambo stellten wir fest, dass wir seit vielen Jahren keine sauberen Geschirrtücher mehr gehabt haben. Alles ja nicht so verwunderlich, wäre da nicht der Fakt, dass Adà¨le die Wäsche entgegennimmt und am Folge- oder übernächsten Tag sauber, trocken und gefaltet zurückbringt. Was dazwischen geschieht, ist uns ein Rätsel, denn Adà¨le hat keine Waschmaschine! Ich habe ja die Oma-matic im Verdacht, die da einen halben Tag an unseren Sachen herumgerubbelt hat. Egal. Geldwäsche ist im Preis von 60 Rupeehs pro Kilo auch eingeschlossen. Ich war am Tag der Wäscheabgabe morgens zum Zoll gelaufen, und hatte nicht wissend, ob man in Rupeehs oder Dollar zahlen muss, unseren US-Dollar-Vorrat in meine Hosenbeintasche eingesteckt. Immerhin 178 Öcken kamen, so säuberlich wie die Unterbuxen gefaltet, in einem kleinen Papiertütchen zurück. Das gab natürlich Finderlohn.

ANNA, von der wir das letzte Mal berichteten, war übrigens nicht der normale Versorger, sondern ein großes Zwischendrin-Ding – Donnerstag stand nämlich auf der Anschlagtafel schon wieder „… all yachts have to clear port and channel on Friday at 06:30…“ Man kriegt Routine damit, aber es war sowieso unser Abreisetag, viel zu früh, ehrlich gesagt.
Übrigens schwingt der Herd wieder. Schöne Geschichte, auch wenn es für den Eigner etwas frustrierend war: der macht so wunderbare technische Zeichnungen, nach denen früher ganze Rallyeautos entstanden, nur versteht zwischen Grenada und Rodrigues keiner so eine Zeichnung, auch nicht in Kiwiland oder Australien. Das ist ungefähr so wie andere Leute keine Landkarte lesen können, und doch von A nach B gelangen – und das Ergebnis lässt sich sehen. Rohmaterial kam von der AKKA, der Eigner hortet die allerschönsten Sachen „mit denen man doch noch was anfangen kann“. Beinahe wäre es ein dickes rostige Reparaturblech aus dem Werkstattschrott geworden – aber dass wir nun statt zweier ganz klar rechteckiger Blechstücke, die angeschraubt werden sollten, zwei angenietete grobe Blechdreiecke in unseren Ofenseitenwänden haben, ist der künstlerischen Freiheit der Werkstattbude zu danken. Ist aber egal, man sieht nix. Doch, man sieht was: er schwingt, der Herd.

Jetzt muss ich mal gucken, dass AKKA nicht auf die Insel Mauritius rumpelt. Mehr dann aus Réunion! –

Anna ist da!

Rodrigues. Am Kai

Rodrigues. Am Kai

Port Mathurin, 26.10.2015

Ein aufwühlender Morgen. 05:30 aus’m Bett, um 06:00 wollen wir los:  Anna kommt, nein, sie ist schon da. Der Versorger aus Mauritius legte sich gestern vor die Insel und machte sich einen netten Sonntagnachmittag. Und weil Anna kommt, mussten wir am Freitag schon einmal kurz den Kai von Port Mathurin verlassen, denn es wurde ein Großreinemachen veranstaltet. Man verlegt sich dazu 100 m weiter in die von Riffen umgebene Hafenbucht – nur eben nicht, wenn Anna hier herein will, dann müssen alle Yachten das Hafengebiet verlassen, Anna braucht Platz zum Drehen. Draußen vor dem ersten Tonnenpaar schmeißen wir kurzfristig den Anker in den Sand – man ist da ja in Riffgebieten immer etwas zögerlich, aber es ist wirklich Sand, auch wenn die Seekarten allerlei anderes verzeichnen. Der Käpt’n von Anna wütet auf dem Funk – erst kann er den Lotsen nicht erreichen, ziemlich „rodriguais“, der laxe Umgang mit dem Funkverkehr, dann schmipft er, dass er schon „anchor aweigh“ um 7 war, was der Lotse wieder nicht versteht…. Wir lauschen dem kleinen Hörspiel und schauen wir uns derweil diese Insel beim Frühstückskaffee mal im Morgenlicht an. Die Busse mit den selbstgedengelten Aluaufbauten zickzacken die Serpentinen ins Städtchen hinunter, zartes Motorradknätern, etwas Hundegebell. Wenig Aufregendes, und das genau macht den Zauber von Rodrigues aus.
Schon am ersten Morgen geht mir das auf: es hieß, der Bäcker habe nur bis 7 Uhr Croissants, und nach der langen Passage waren Croissants gerade recht. Man verlässt das Hafengelände und wandert die frühmorgendlichen Straßen entlang, es ist so um die 6 Uhr. Blaumänner (in Grau) sammeln sich vor einem Lagerhaus und schwatzen. Eine Straßenfegerin, schwarz und sehr rund, fegt den stolpersteinigen Gehsteig. Beim Bäcker trödeln eine paar Kunden vorbei und legen Brot in ihre – stets mitgebrachten – Taschen; Plastiktüten sind hier verboten! Außer Baguette, besagten Croissants (eine, wie sich herausstellt, Massivversion) gibt es noch ein paar Küchlein und frische Eier und Bananen. Die Baulichkeit – eine dunkle Backstube mit eindeutigem Malerbedarf – erinnert mich an den Bäcker in Nuku’alofa. Oder den in English Harbour, anno dazumal. Bescheiden, könnte man sagen. Brot kostet so gut wie nichts – is‘ ja auch nicht viel dran, an so einem Baguette.
Der erste Montag bringt ein paar behördliche Besorgungsgänge: wegen Ankunft am Sonntag ist beim Zoll zusätzlich zur Bearbeitungs- eine Overtimegebühr zu entrichten, die Gesundheitsbehörde möchte auch Geld. Gelegenheit durch den Ort zu streifen, der mir immer karibischer erscheint: die kreolische Bevölkerung, die kleinen Holzhäuser, die französisch durchmischte Sprache – nur alles nicht so lauthals wie dort. Der Zöllner – wie viele andere Leute später auch – fragt, wie die ersten Eindrücke seien. Ich lache: „… gestern, am Sonntagabend, war ja der Hund begraben…“  Das, lacht  er zurück, ist hier jeden Tag so, wart’s nur ab, um 16 Uhr legt sich Rodrigues schlafen. Stimmt! Dann machen nur noch die unwirschen Vögel auf der Suche nach einem Schlafplatz Lärm. Nicht mal die Flughunde streiten sich hier…

Auch der Markt ist bescheiden, wochentags – nur am Samstag ist der Bär los. Früchte sich fast ausschließlich Importfrüchte, „banana are difficult to come by“ steht irgendwo, drum ist das Angebot beim Bäcker auch so beliebt. Die eine oder andere hiesige Papaya findet sich, und sehr gute, unreife Mangos für den Salat. Alles besser als nix und eigentlich doch eine ganze Menge, Tomaten, Gurken, Rote Bete, Kürbis, grüner Salat, was begehrt das Herz mehr nach so einer Passage. Fisch ist nicht zu bekommen, sagt auch Sue von der Yindee Plus. Merkwürdig. Dafür hört man die Hühner bei der Hühnerfrau quasi noch gackern – und obendrauf gibt es die üblichen witzigen Verkaufsgespräche, die überall ähnlich sind.

Refugium für Riesenschildkröten

Refugium für Riesenschildkröten

Am Mittwoch ist Ausflugstag. Busfahrt mit einem der schönen lokalen Busse Richtung Airport, danach 50 Minuten Fußmarsch Richtung „Franà§ois Leguat“. Das ist da, wo die Schildkröten wohnen.  Einsam ist diese Asphaltstraße am Westende der Insel. Wir bespaßen ein paar Rinder und Ziegen am Straßenrand, die um ein paar einsame Gehöfte herum grasen oder ziegengemäß auf irgendwelchen Buckeln lagern. Eine karge, steinige

Ein sehr beliebter Herr!

Ein sehr beliebter Herr!

Hügellandschaft, die zum Meer abfällt und den Blick auf die grüne Lagune mit ein paar Lateinersegelbooten freigibt. Dann biegt der Pfad durch den Karst zur Schildkrötenstation ab. Schwein gehabt, besser: Schildkröte gehabt! Wir rutschen in eine etwas verspätet startende Führung, ein bisschen viele Leute vielleicht, überwiegend Mauritiusurlauber, die einen Ausflug nach Rodrigues gebucht haben, doch gut so, denn unseren Freunde von der Uhambo, die sich etwas in der Anmarschroute vertun (sie brauchen 2 1/2 Stunden statt 50 Minuten), wird der Zutritt zu den Schildkröten ohne Führer versagt.  Aber wir haben unseren Spaß. Warum auch immer der Eigner beteuert, er wolle keiner Schildkröte den faltigen Hals kraulen, er tut es trotzdem (das macht Hoffnung!), auch lässt er sich von achtern heimtückisch ins Bein zwicken. Ich finde Schildkröten traditionsgemäß faszinierend, entspannt, wundervoll langsam und stressbefreit, und diese sind dank täglichen Besuches auch noch wirklich zutraulich. Bis auf die eine, aber die wollte wohl nur spielen…  Gewiss, die Schildkröten, wenn sie denn nicht noch als Jungtiere oben in der Aufzuchtstation leben, fristen ihr Dasein in einem tiefen Canyon, dem sie rein topografisch kaum entkommen können, aber es ist dennoch ein relativ freies Leben.  Und es sind leider keine Rodrigues-Riesenschidlkröten mehr, sondern ein paar Hundert Strahlen- und Aldabra-Riesenschildkröten, die man vor etwa 10 Jahren hier wieder eingeführt hat – sie sind übrigens mit 1200 kg deutlich kleiner als die wahrhaft riesigen Seychellenschildkröten. Die Nachzucht ist recht erfolgreich, aber zur Zeit sind es doch eher niedliche Krabbeltiere. Die richtigen Brocken haben dagegen schon den zweiten Weltkrieg gesehen und mehr – Patriarch Henri ist so um die 90!

Tach! Bitte streicheln. Unverzüglich!

Tach! Bitte streicheln. Unverzüglich!

Die ursprüngliche Riesenschildkrötenfauna wurde schon sehr frühzeitig ausgerottet, 1795 soll das letzte Exemplar gesichtet worden sein – zu gut eigneten sich die Schildkröten als Schiffsproviant, leicht zu fangen und leicht zu halten, fraßen sie doch ausdauernd nichts, die geduldigen Viecher. Zwischen 1735 und ca. 1775 sollen hier auf Rodrigues bis zu 280.000 Tiere gefangen, verkauft bzw. getötet worden sein, außer wegen des Schildpatt und des Fleisches auch noch beliebt für Ölgewinnung. Gruselig, und gleich noch ein eklatantes Beispiel dafür, wie auf einer kleinen Insel wie dieser ein solcher menschlicher Eingriff die Gesamtökologie ändert, angefangen vom Unterwuchs in den Wäldern bis zur übrigens Fauna. Nicht nur dass auch eine Rallenart gleich mit ausstarb – die ernährte sich von den Schildkröteneiern und wurde davon so fett, dass sie nicht weglaufen konnte; toll für die Schildkrötenfänger, Beifang nennt man das heute. Allerdings waren die Rallen auch derartig auf diese Diät getrimmt, dass mit dem Aussterben der Schildkröten ohnehin keine Lebensgrundlage für die Vögel übrig war. Traurig. Ebenso traurig wie das Aussterben des flugunfähigen Solitär-Vogels, eines Verwandten des berühmten Dodo. Flugunfähige, wahrscheinlich auch neugierig-freundliche Riesentolpatsche haben ja selten die Begegnung mit dem Menschen überlebt, siehe Neuseeland, die Maori und der Moa. Es gab im 18. Jahrhundert ein wachsendes Interesse an Aufzeichnungen über die Natur, so auch hier. Auf Rodrigues trieb dies allerdings eine seltsame Blüte: ein Priester hat alles minutiös notiert, unter besonderer Berücksichtigung des kulinarischen Wertes der Viecher, und er hat sich lautstark beschwert, dass der Bestand an Papageien so stark zurück ging, auch an Tauben. Tja, lieber Abbé Pingré – man muss seine Forschungsobjekte auch nicht gnadenlos auffressen!
Unserem Chief Insect Control Officer und Bordgecko – ja! er lebt noch! – mussten wir die traurige Nachricht überbringen, dass sein entfernter Verwandter, der Rodrigues-Riesennachtgecko, die Massaker des 18.Jahrhunderts auch nicht überlebt hat.
Vom Solitär fanden wir dennoch eine Spur: in einem zweiten Teil der Führung geht es in eine schöne Tropfsteinhöhle, wo man vor nicht allzu langer Zeit ein Solitärskelett gefunden und ausgegraben hat. Die Kuhle war noch zu sehen, wer das Skelett betrachten will, fahre allerdings ins British Museum nach London (oder ergötze sich an einer Nachbildung im niedlichen 2-Raum-Museum des Centre Franà§ois Leguat).
Alles in allem: lohnend!  Und zum Abschluss wieder „Rodrigues Lifestyle“. Der letzte Bus vom Airport fährt um 16:30, das ist hart an der Grenze des Tragbaren für den feierabendgesonnenen Rodriguais. Wir sitzen mit Büroheimkehrern und anderen, genießen dank der jugendlichen Besatzung (Fahrer und Schaffner) Reggae und kehren zum Sonnenuntergang ins abendliche Port Mathurin zurück; die Bürgersteige hat man schon hochgeklappt…

Längst sind wir zurück am Ankerplatz im Hafenbecken. Bei ANNA wird abgeladen, oder auch nicht. Das Leben nimmt seinen beschaulichen Gang – aber gleich werden wir einmal mehr eine Hardwareshopexkursion starten, hier gibt es nämlich (fast) alles was das Herz begehrt.
Auf geht’s – es ist gleich Mittag, da bleibt nicht viel Zeit bis zum Geschäftsschluss…

Rodrigues!

Port Mathurin, Rodrigues/Mauritius
18.10.2015

13 Tage genau hat es gebraucht um hierher zu kommen, seit 09:00 lokaler Zeit sind wir fest, und ich schreibe diesen kurzen Eintrag, weil ich mit dem Funk schlecht rauskomme – also kein Positionsreport.
Nett sind sie, die Leute hier, das Einklarieren war eigentlich schnell erledigt – wir mussten halt die ganze Bande aus der Sonntagsruhe werfen, zu dumm. Der Zöllner erinnerte sich noch an Lop To, die (entmastete und ab morgen wirder be-mastete) Silver Girl liegt hier und überreichte uns gleich ein Baguette („… you are friends of Lop To!“ – das Schiff udn Helmut und Kerstin sind einfach Legende!) Vor uns die Uhambo, mit der schon ein Small-Schnack über Funkerden und Windsteueranlagen stattgefunden hat, hinter uns eine holländische Familie, zwischendrin noch ein englisches Kids Boat, die Yindee Plus, derzeit auf Landpartie, wie es scheint. Darüber hinaus sind wir noch nicht gekommen… wir müssen erst noch dem Müdigkeitspegel gerecht werden.
Fühlt sich alles gut an, hier wie auch auf der AKKA. Ach ja, und die ersten Anzeichen, dass wir mal wieder in einer Diaspora gelandet sind, gab es schon. „, die Leute von Mauritius…“ – die empfindet man hier, wo man Créole spricht und wenn „Hochsprache“, dann lieber französisch als die Amtssprache Englisch, als „Besatzungsmacht“. Wie gesagt: Baguette statt Schaumtoast. Wir werden dann morgen zu ersten Erkundungen ausrücken. —

Nicht mehr weit…

19°28 S und 64°34 E
17.10.2015

Die letzte Nacht auf See bricht an, wir haben gerade aus Bremsungsgründen den Besan weggepackt, denn allzu früh wollten wir doch nicht in Rodrigues ankommen. Eigentlich sollte der Wind langsam weniger werden, tut er auch, aber nicht so, dass wir unter 5,5 Knoten laufen – zu schnell für die verbleibenden 64 Meilen.
Man soll den Tag ja nicht vor dem Abend loben, aber bisher war der Indik extrem freundlich zu uns, die Reise war völlig unspektukalär. Was die beiden anderen Boote betrifft, muss man einfach sagen, dass wir eine ganz andere Art des Reisens pflegen. Ich verstehe schon, dass man morgens früh knurrig ist, wenn man in der Nacht die Genua ausbaumen „muss“ und nach einer halben Stunde – also nach Durchzug des Squalls – ist der Spaß vorbei, und man baut dann den Kram wieder zurück. Das tun wir einfach nicht – dafür passiert uns halt, dass wir fast einen ganzen Tag langsamer sind. Genau nach unserem Geschmack. Auch können wir nicht berichten, dass wir den ganzen Tag verschiedene Segelkombinationen ausprobiert hätten – bei uns herrscht das Prinzip „läuft doch“. Laaangweilig. Uuunsportlich!
Der Windpilot dagegen war mit unserer Taktik zufrieden und hat unermüdlich vor sich hin gerudert, dabei waren die Wellen, mittlerweile auf Größe „M“ geschrumpft, nicht von schlechten Eltern. XL war das mindestens. Nun bleibt noch abzuwarten, ob unsere Crew morgen noch vollständig seine wird: was hat unser Chief Insect Control Officer zu der Reise zu sagen? Einmal haben wir ihn auf Decksspaziergang erwischt, Bild folgt. Gefährliche Sache! Ein Wusch und … Wir wuschen jetzt durch die letzte Nacht! Vor uns türmt sich schon der Wolkenstau von Rodrigues! —

Passagealltag

Indischer Ozean, 16°57 S und 078°23 E
12.10.2015

Montag! Ein fast blauer Montag, blau mit weißer Passatbewölkung am Himmel und mit weißen Wellenkämmen hier unten. Ich sitze im Cockpit – ein Lob, Lob, Lob an EMW in Rieseby, das ich nun seit Jahren nicht mehr ausgesprochen habe, das sich aber immer zu wiederholen lohnt: was wären wir ohne das tolle Sprayhood und die Anschlusspersenning, die unser Cockpit zum kuscheligen Hüttchen macht. Es schaut halt doch die eine oder andere Welle neugierig bei uns vorbei – die dicksten sind die neugierigsten! Vorgestern zum Beispiel meinte eine, mich von ganz Nahem betrachten zu müssen, gerade als wir den Besan reffen wollten. Ganzkörperguss/-kuss. Menno!

Ansonsten gibt sich unsere Reise eher ruhig. Gestern war Halbzeit. Mal ein Tag mit mehr Wind, aber alles zwischen 15 und 25 Knoten, ab morgen erwarten wir für 24 Stunden Wellenhöhen bis 4 m, aber das findet die AKKA eher lustig und schiebt gutmütig vor sich hin. Als ich heute früh in die Funkrunde (wir sind die mit der roten Laterne!) horchte, waren die Klagen über die unruhige Nacht groß – seither frage ich mich, ob wir so stoisch oder ahnungslos sind, oder ob andere sich einfach beklagen müssen. Ich jedenfalls freue mich über gereffte Segel, einen relativ aufrechten Gang der AKKA (das eigene Gehampel innenbords bleibt davon ausgenommen) und ich kann mit einem etwas moderateren Tempo leben; dabei haben wir noch selten über so lange Zeit Etmale um die 155 Seemeilen und mehr gefahren, AKKA ist also für ihre Verhältnisse gut unterwegs. Uns geht es nach wie vor gut, der Eigner, der beneidenswerte, schläft ausdauernd und tief, ich tu‘ mich dieses Mal eher schwer mit dem Pennen. Wir sind dazu übergegangen, feste Wachen einzuhalten ohne – immer freundlich gemeinte! – Schlafzeitgeschenke. Das entspricht dann eher einer Art festem Rhythmus und der Beschenkte muss sich keine Gedanken machen, wie er/sie das wieder ausgleichen kann. Ist aber sehr hübsch, so einen Eigner um 00:00 Uhr aus dem Tiefschlaf zu holen: da wird schon mal die freundlich-liebkosende Hand energisch weggeschoben, und es dauert ein Weilchen, bis die Wachwechselnachricht ins Bewusstsein durchsickert; ich übe mich mehr im Hochschrecken, sagt man(n). Schütteln muss man aber keinen von uns beiden.
Trotz der Müdigkeit werden wir eine finale Nacht an unsere Passage anhängen – bei der Streckenlänge spielt eine mehr oder weniger kaum eine Rolle. Während die anderen versuchen, am Freitag noch bis 18 Uhr in den Zufahrtskanal von Port Mathurin zu schlüpfen – danach ist Nachtpause! – werden wir ganz leicht auf die Bremse treten und am Sonntag morgens nach 6 hineinfahren. Das im letzten Beitrag erwähnte Funkloch ist möglicherweise ein selbst induziertes – ich habe eine schlechte Verbindung zur R Sea Kat, mit Uhambo kann ich mich gut verständigen, das mag auch an dem Katamaran liegen; beide sind schon weit voraus. Aber woher die Schwierigkeiten im Pactor-Verkehr kommen, wissen wir nicht zu sagen – es fragt sich, wie gut gepflegt unsere Anlage ist.

Gestern war schon mal Bastelstunde angesagt; das muss erwähnt werden, weil Überkopfarbeit bei Seegang kein Geschenk ist: der Chefelektriker hat es sich nicht nehmen lassen, den Deckel vom Antennentuner abzubauen und mal Spannungsmessungen durchzuführen. Ohne aha-Erlebnis.
In der vergangenen Nacht dann das Funkloch-Glück: die WL2K-Station in Phuket ist erreichbar und schubst die Wettermeldungen der letzten beiden Tage rüber, dazu eine unaufgeforderte Nachricht von einer neuen Station in Kapstadt, die sich mit Antennenausrichtungen speziell für uns vorstellt. Ihr seht, wir sind überall auf dem Schirm, dank Positionsmeldungen. Als kleine Fachlektüre zur Mitternacht noch Bob McDavitts Weathergram und seine wirklich interessanten Anmerkungen zum Super-Nino-Jahr. So viel Post! Da hat sie gestrahlt, die Schifferin: das Funkloch hat Löcher! Trotzdem verdient unsere Funkanlage sicher ein bisschen TLC, tender loving care. So richtige Funkfetischisten lassen Kontakte und Kabel ja nie aus dem Auge. Wir schon, Motto: Never touch a working connection – scheint hier allerdings nicht unbedingt zu gelten. Und da die World ARC vor uns her dödelt, erst in Mauritius und dann in Réunion alle Liegeplätze belegt, gibt es bestimmt Gelegenheit, mal ein bisschen Kontakte zu putzen. Und sonst? Gerade kommt der Eigner aus dem Motorraum gekrochen, denn vor den 4 m Welle von morgen wollte er doch gern mal gucken, wie es unserem Impeller nach dem Kühlwassermangel geht. Es geht so! Er scheidet mit sofortiger Wirkung aus dem Dienst aus, der Impeller mit den leichten Knabberschäden. Regel: wenn so ein Gedanke am Eigner nagt, dann lohnt es sich nachzuschauen. Ich werde zur Feier des Tages gleich Joghurt ansetzen und einen Teig für ein Wok-Brot. Ich hoffe, ich kann den Wok zum Verharren auf der Flamme überreden, irgendwie. Ach ja, und dann muss ich noch den roten, gelben, grünen und blauen Stoff hervorkramen. Vielleicht gibt es dieses Mal ein Meisterwerk der Gastlandflaggenkunst. Handgenäht. Mit Nähmaschinen-geeigneter Flaute ist nicht zu rechnen.

PS: Happy birthday, Kay Gerlach! —