Ein launiger Titel…

… fällt mir gerade nicht ein.

Nassau/Bahamas, 4.3.2022

2. Woche Ukraine-Krieg. Was für ein Wahnsinn. Wozu? Wir waren wohl ein bisschen naiv, als wir bis zuletzt gedacht haben, das werde sich friedlich(er) richten, und uns auf ein gewisses Unbehagen beschränkten. Mich erinnert das alles an die 60er/70er/80er – und die akute Situation an die Fassungslosigkeit, mit der ich im ersten Golfkrieg die „Live-Berichterstattung“ zum Frühstück serviert bekam. So auch jetzt, am Anker in den Bahamas. Dabei könnte es ungeteilt schön sein.

Interessiert da irgendwen noch, wie wir die USA hinter uns gelassen haben? Vielleicht.

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Zwei Tage braucht es von St. Augustin nach West Palm Beach oder genauer: zwei Nächte. Ich habe gerade wieder das gute alte Stutgeron (aka Stugeron oder Cinnarizine, ein Zufallsfund aus Suriname anno 17) als Initialpille neu erfunden, macht sich gut – und so richtig schaukelig wurde es auch nicht. Merkt man am Seetagsritual: üppiges Frühstück mit Ei. Leider ist der Vorrat – ich hatte die Hälfte weitergegeben, ohne je Ersatz zu bekommen – mit 3 Tabletten eher knapp bemessen, aber als Seebein-Findungsmittel sollte es bis zu den Azoren reichen. Die Fahrt verläuft dicht unter der Küste, damit der aufmerksame Segler nicht in den Golfstrom gerät , sondern auf einen nach Süd setzenden Gegenstrom hoffen darf. Das mit dem Gegenstrom geht dieses Mal nicht ganz auf, aber was macht schon ein halber Knoten gegenan. Prima. In Höhe Canaveral gibt es einen kleinen Umweg ums Kap: temporäres Sperrgebiet wegen Raketenstarts – irgendein kleines Forschungsding, das dann im Endeffekt doch nicht fliegt; wir lesen später „gezündet, aber nicht abgehoben“. Dumm gelaufen. West Palm Beach empfängt uns mit zwei windreichen Tagen, an denen jegliche Dinghyfahrt „Dauerdusche“ bedeutet, aber wir liegen vor den Superyachten der Rybovich-Werft/Marina vor Anker und haben als Freizeitprogramm zumindest „oh“ und „ah“-Momente, wenn einer der Ochsen einläuft; Freizeit mit Bastulatur – Hecklicht ausgefallen, AP Navigator läuft nach der Relingsmontage nicht mehr,  der Motor startet nicht so frisch-fröhlich wie sonst. Kurz: das ganz normale „irgendwas ist immer“-Programm. Und alles lässt sich lösen. Auch das Wetter beruhigt sich, und es dauert nicht lang, bis sich ein Wetterfenster über den Golfstrom auftut – schnell noch etwas einkaufen, kleiner Ausflug zum Wassermacherbetrieb für Filternachschub, das war’s auch schon. Tschüss USA! Halt!  Nein… Covid gibt es ja auch noch, und neben der Tatsache, dass für die Einreise ein Antigenschnelltest zu absolvieren ist, möchten die Bahamas gern ihr neues, unausgegorenes Online-Einklarierungssystem namens „Click2Clear“ genutzt haben. Da ist Facebook gefordert – die jeweiligen Reisezielgruppen sind uns lieb und teuer geworden, und dies ist ein schönes Beispiel, wie nützlich das sein kann. Der moderne Internetnutzer ist geneigt, sich als erstes irgendwo zu registrieren, wenn die Option angeboten wird. Also wühlt sich frau durch die Registrierungsformulare (das hatte sie schon in St. Augustine vergeblich getan und dank steter Selbstzweifel gibt es einen neuen Versuch….) – das Ende der Fahnenstange ist wie schon zuvor „country of residence“. Da gibt es nur eine Möglichkeit: Bahamas. Isernhagen/Bahamas. Interessante Kombination. Nachfrage bei Facebooks „Bahamas Land & Sea“; „…ach, Du musst Dich nicht registrieren, einfach auf Permit Request klicken“. Siehe oben, unausgegoren.  Danach zieht es sich dennoch bis zum letzten Schritt, dem Ausdruck der Zahlungsquittung. Dazu schreibt der Gruppenguru auf meine Frage Tröstliches: „…you are not blind. The system is not intuitive. Be prepared for a face-palm or two.“  Danke, ich bin doch nicht doof. Zum Abschluss noch der Rapid Antigen-Test – danach hat man 72 Stunden Zeit, die Bahamas zu erreichen. Den lassen wir in Radelreichweite bei einem Pop-Up-Testcenter im Park machen, sehr praktisch und kostenfrei.

Covidtest Pop-Up im Park

Kurzes Nasebohren, nach 15 Minuten das (gewünschte) Testergebnis, das allerdings auf meinen zweiten Nachnamen lautet: Deutsch. Arrgh, passiert doch immer wieder, doofes Pass-Layout. Zurück, nachbessern, dann passt alles. Noch zwei Schritte: die Ergebnisse bei der Bahamas Gesundheitsbehörde hochladen, die Health Visa kommen innerhalb von Minuten; die Health Visa wiederum im Antrag auf  Cruising Permit hochladen, fummel, fummel, fummel – zahlen, fertig.  Der Lohn der Mühe? Am Folgetag rutschen wir über den Golfstrom nach West End auf Grand Bahama. Einklarieren? Was im Jahr zuvor mehr als 1 1/2 Stunden gedauert hatte, ist jetzt in 5 Minuten erledigt. So macht Einklarieren Spaß. Und alles ohne Papierkrieg. Womit wir wieder beim Thema wären.

Nassau. Muss nicht, aber kann durchaus…

Gruß aus den Bahamas. Nassau. (…wer will denn da hin? Wir! Immerhin 100 Meilen weiter südlich – das Wetter verlangt dieser Tage kleine Schritte). Direkt an der Hafeneinfahrt liegt Akka noch für ein paar windreiche Tage, bis es in die westlichen oder südlichen Inseln weitergeht – und Nassau stellt sich nicht so grässlich dar wie häufig kolportiert. Ja – am Ankunftstag 6 Cruiseliner, gestern nur 2, aber das verteilt sich in einer Stadt wie dieser besser als auf kleinen Karibikinselchen. Und die Kreuzfahrer machen sich spätestens abends auf die Socken – und drehen dazu vor unserer Nase im Hafenbecken. Spannend. Wir genießen Sonne und türkisfarbenes Wasser, ab und zu kommt selbst hier im Hafen eine Schildkröte vorbei.
Es ist gut, auch wenn es politisch gesehen besser sein könnte. Seid nett zueinander!

Ferien in Sankt Augustin

Leuchtturm im großen Grau

St. Augustine/Florida, 5.2.2022

Ferien auf Saltkrokan wäre ähnlich kühl, und vielleicht auch so wechselhaft. In meinem Gedächtnis spuken Tjorven und Bootsmann zwar immer auf einer sommerlichen Schäreninsel umher, aber Ostseewetter ist

… oder Marmorkuchen im Sonnenschein

Ostseewetter. Und Winter im nördlichen Florida ist eben Winter. Gerade heute wieder ist, nach 3 wärmlichen Tagen, Sockenalarm. Gutes Thema: gestern habe ich die von mir benutzten Waschmaschinen in der Marina abgesucht. Ich fand schon lustig, dass ich zuletzt 2 mit „links“ markierte Laufsocken hatte, die rechten scheinen schon zuvor den Weg aller Marinawäschereisocken gegangen zu sein: aufgefressen von Waschmaschinen oder Trocknern. Aber seit gestern nun habe ich nur noch eine einzige linke Socke. Ich finde das link.

Sebastian River aus der Masttoppperspektive

Unser Landaufenthalt ist irgendwo zwischen holperig und „alles glatt“ anzusiedeln. Das Problem Stevenrohr/Wellenlagergehäuse ließ sich schon beim Herausheben leicht erkennen, wir konnten sogar das Gehäuse von Hand einschrauben. Der holperige Teil?
Lee, der sehr freundliche, junge Boss vom St. Augustine Marine Center, sagt zum Empfang: „… in a couple of days you’ll be splashed again!“  Wie bitte? Ein paar Tage? Wir rechnen mit raus und rein, ganz fix. Aber wenn das Tempo erst einmal vorgegeben ist, passen wir uns an. Wir sind relativ sicher, dass man uns in Deltaville das falsche Schraubensicherungsmittel heiß empfohlen hatte, also suchen wir uns das richtige. Alles gut. Zum Abschluss eine Portion Dichtmasse, und die stellt sich beim zweiten Blick als langsam aushärtend heraus, nochmal von vorn… so geht unser erneuter Werftaufenthalt seinen Gang. Schon ist Freitag und die erste Arbeitswoche zu Ende – und wir müssen ja auch noch die Schmarre behandeln. Die sieht wirklich bedrohlich aus, jedenfalls von ferne betrachtet; vielleicht sollten wir doch lieber einen Fachmann befragen, der bei diesen miesen Temperaturen eine Gelcoatreparatur ausführen kann. Gesagt, getan, der Mensch kommt, stellt schon mal ein Gerüst an, dann kommt der Regen (die zweite Woche läuft!). 2 Tage später ist die Temperatur gerade so eben geeignet für das Gelcoat. Gleich früh morgens hören wir es draußen an der Bordwand schrubbeln. Dann braust eine Poliermaschine. Fertig! Fertig?  Wir sind echte Blindfische: was so übel aussah, war reiner Gummiabrieb vom Coast Guard-Dock. Fertig heißt allerdings nicht „ab ins Wasser“, dazu braucht es ja einen verfügbaren Travellift. Wir stehen kurz für den Freitag auf der Warteliste, aber miesestes Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung, und… am Wochenende ist in ganz Florida „Fallende Leguane“-Alarm: die Temperaturen sinken nahe an die Frostgrenze, nachts auch darunter, und dann fallen wechselwarme Tiere eben kältestarr von den Bäumen – wir loben uns unseren Landplatz und die Verfügbarkeit von Elektrizität, um unseren Heizlüfter zu betreiben. Termin: Montag. Als am Sonntag die Sonne wieder scheint – es ist immer noch bitter kalt! – knüpft der Eigner den großen Kugelfender ans Heck (der Fender belegt seit 15 Jahren die Hälfte der Badeplattform, geht aber nicht baden). „Guck mal hier! Am Heckkorb ist ein kleiner Riss im Rohr! Das müssen wir schweißen lassen!“ Oh, Mann… Die Aktion verläuft gleich am Montag ruck-zuck, aber unser Travelift ist dennoch abgefahren. Nächster Wassertermin: Donnerstag.
Einige Zeit um ein bisschen St. Augustine zu erkunden. Das ist in der so genannten Altstadt eher auf Tourismus ausgelegt, es schieben sich auch reichlich Besucher durch die zwei parallel gelegenen Sträßchen und ihre Nebengassen, vieles ist ein bisschen auf „extra spanisch“ getrimmt, Piratenstimmung, alte Karacken, Schifflaternen und so…, aber dahinter sieht man doch Spuren der alten Architektur, und das nicht nur an den protzigen Kolonialbauten der Spanierzeit. Besonders augenfällig: Balkone statt der in Nordamerika üblichen Veranden vor dem Haus.
Auffällig noch etwas anderes:  die Vielzahl Obdachloser. Wir nehmen an, auch die ziehen den Winter im Süden vor, selbst wenn es mal kalt wird. Wir dagegen haben uns das Café „Chocolatte“ auserkoren, um im Sonnenschein und Windschatten der Hintergassen übergroße Tortenstücke zu verschlingen und heiße Schokolade zu schlürfen. Wiederholungsbesuche finden ohne die mächtigen Torten statt, aber wir sind nicht weniger zufrieden.

Schrauben-Grabbelkiste mit Gartenharke

Ein kleines Technikparadies stellt der „Sailor’s Exchange“ dar – was auch immer es an Gebrauchtteilen geben mag, hier findet es der interessierte Besucher; mit Betonung auf „interessiert“ und das Maskulinum – ich konzentriere mich auf Sachaufgaben wie „such mal ein neues Scharnier für unsere achtere Backskistenklappe“ . Längeres Staunen lege ich lediglich vor den Sunbrellaresten ein, von denen ich selbst einige verkaufen könnte (vielleicht sollte ich ihnen

… hier gibt es (fast) alles

meine unangetasteten 2 Meter rotes Kunstleder aus Trinidad andrehen?!). Die Schipperin hat halt einen kleinen Horizont, für den Rest, also träumerisch durch Regale mit uralten Ankerwinschen oder pekigen Bilgepumpen zu streifen, fehlt mir die Fantasie. Aber die riesige Schraubenkiste, durch die der Käufer mit einer Gartenharke fahren kann, finde ich imposant. Und nebenan gibt es vorm Coffeeshop „Buena Onda“ einen guten Entspannungskaffee (Zitat: „…almond, oat, soy or milk milk?“). „Sailor’s Exchange“? Immer einen (Kaffee)besuch wert.

Das weitere leibliche Wohl wird hier dank „Winn Dixie“ befriedigt, 4 km Radtour; wäre nicht Sumpfland dazwischen, wäre man mit dem Dinghy über den Sebastian River schneller dort. Weiter weg den US Highway #1 entlang sind Walmart, Publix und auch ein eher chaotischer ALDI, der dafür aber Moser-Roth-Schokolade führt. Da lohnen sich die paar Extrakilometer Radelstress im sausenden Verkehr gleich wieder – alternativ zu bewältigen auf einem so verschlungenen wie holperigen Betonplattengehweg. Kein Wunder, dass hier kaum jemand zu Fuß geht.

Wildes Wetter am Steg – den Pelikanen gefällt’s

Akka mag ihren Ferienort – sie meint, dass sie von hier stamme, weil ihr Heimathafen bis 2003 auch „Sankt Augustin“ war. Im Rhein-Sieg-Kreis – man sieht, im Alter werden auch Schiffe etwas tüdelig. Wir mögen St. Augustine auch, irgendwie, es ist eine teils ansehnliche, zumindest interessante Mischung aus spanisch- und britisch-kolonialer Anmutung mit dem, was die USA sonst so ausmacht: weniger ansehnliche Strip Malls an breiten Straßen. Maritimes wie der Leuchtturm auf Anastasia Island macht das wieder wett. Oder das große Castillo de San Marcos. Ein gut sichtbares Stück frühe Kolonisationsgeschichte Nordamerikas: als im 16. Jahrhundert St. Augustine von den Spaniern gegründet wird, geht es bei dessen Verteidigung erst einmal um Piraten, die man von 9 kleinen hölzernen Befestigungsanlagen abzuwehren versucht, bis man sich entschließt, ein steinernes Fort zu errichten, das erste und damit älteste in den USA. Nur wenige Jahrzehnte danach, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, beginnen die Briten, sich auch für Florida zu interessieren, das riecht nach kriegerischer Auseinandersetzung, und so ist es dann auch, mit mehreren Belagerungen und wechselndem Ausgang. Der Pariser Friede beendet den 7jährigen Krieg, in dem sich alle europäischen Mächte unter anderem über ihre Überseebesitztümer an die Köppe gekriegt hatten. Die Briten und Preussen obsiegen, mit dem Ergebnis: Florida geht an die Briten, dafür kriegen die Spanier Havanna und … die Philippinen. Aus dem Castillo de San Marcos wird „Fort St. Mark“, dann unter den Amerikanern Fort Marion (letzteres keine Amerikanisierung von „Mark“, sondern nach einem General Francis Marion), bis es in den 1940er Jahren unter Denkmalschutz gestellt wird, inklusive dem alten Namen.
Das ist mal richtig alte Geschichte. Nicht so häufig hier!

Und jetzt? Warten wir aufs Wetterfenster, die alte Leier.

…in diesem Wässerchen ließ uns vor Kurzem der Strom nicht ablegen

Bis bald!

Surprise, surprise!

Fernandina Beach

St. Augustine/Florida, 17.1.2022

Ist ja schon gut!
„… es hat sich seit 3.1. nichts im Blog geändert!“. Stimmt. War ja auch – rein seglerisch gesehen – nichts Aufregendes zu berichten. Ist es eigentlich immer noch nicht, außer, dass es draußen fast so frisch ist wie zuvor. Das ist nicht ganz wahr, es ist frühlingshaft frisch, wenn es nicht wie gestern

Diese Spanier… (nein, kein Disney-Nachbau)

gerade aus allen Knopflöchern bläst – da geraten die Facebook-Gruppen von den Bahamas und vom Intracoastal Waterway schon mal in Wallung und suchen oder vergeben gute Tipps, wo man sich verstecken kann. Tags drauf gibte es die Rekordmeldungen in Sachen Windgeschwindigkeit und slippenden Ankern. Wir dagegen… machen es uns gemütlich und verziehen uns, da St. Augustines Ankerplätze im kräftig strombeaufschlagten Fluss liegen

Bridge of Lions. Nicht spanisch – aus den 20er Jahren, dafür mit Medici-Löwen

und Rentner ungern Ankerwache schieben, zunächst mal an einer Mooring der „St. Augustine Municipal Marina“ . Als am Martin-Luther-King-Feiertag die Moorings alle ausgebucht sind, verholen wir uns noch für 2 Nächte an einen Marinaliegeplatz. Hat immer was. Warme, sauberere Duschen, Waschmaschine… Es gibt Hafenkino (viel Strom!) und auch nette Schwätzchen mit den Nachbarn und deren netten Hündinnen, und bei den Waschmaschinen wird die Welt ganz klein. Es kann so lustig sein, sich mit Amerikanern zu unterhalten! Oh, Du bist Deutsche? Und aus Nordeutschland. Das ist bei Hamburg? Kennst Du vielleicht „Ralph and Vicky?“  Umm. Nee, das tut mir leid – ich kann ja nicht immer sagen, dass wir eigentlich niemanden kennen, aber dafür rechtfertige ich mich vollmundig „… wir haben 82 Mio. Deutsche und 2 Mio. Hamburger…“. Peinlich. Hallo, Flora, aufgepasst – das war Polaris, mit der Ihr In Charleston „Marika’s“ Geburtstag gefeiert habe, Vicky ist natürlich Wiebke, und, Marika ist nicht so weit von Mareike. Es kamen noch mehr Bewohner des deutschen Dorfes vorbei, zum Beispiel Helena und Klaus von der LuSea. Sehr witzig, sehr kurzweilig, so ein Waschmaschinentermin.
Aber… Wäschereigespräche wolltet Ihr nicht hören und fragt: was macht Ihr da eigentlich, wenn es doch weiter südlich wärmer ist? Nun, wir warten darauf, dass uns ein freundlicher Travelliftfahrer aus dem Wasser hebt! Warum?
Drum:

Am 4.1. verabschieden wir uns aus Beaufort und machen uns auf die Socken nach Charleston, jedenfalls ist das der Plan:  die Wetterfenster sind ein bisschen klapprig, so dass wir auch Georgetown in Erwägung ziehen. Klappt gut (kurze nächtliche Episode aus der Story „Frau Fuchs, Cape Fear und der Seegang“ inklusive), am Nachmittag des zweiten Tages laufen wir den langen Fairway Richtung Charleston entlang und lassen vor dem Fort Sumter den Anker fallen. Telefongespräch mit der städtischen Marina, ob sie uns vielleicht zwecks Wetterabwartens 2 oder 3 Nächte unterbringen können. Sie können, wir hätten Strom fürs Heizlüfterchen, und Charleston ist ja immer nett. Beim Frühstück tags drauf – in der Marina läuft man möglichst bei Stillwasser ein, wir haben Zeit bis mittags – noch ein Blick aufs Wetter: … hmh. Vielleicht nach ein paar Stunden Segelei ein bisschen schwachwindig, aber bis Fernandina würden wir es gut schaffen, wenn wir jetzt gleich den Anker ziehen?! Wir sagen der Marina Bescheid, und los geht’s. Alles gut. In der Nacht geht uns erwartungsgemäß der Wind aus. Motor an. Und plötzlich ein neues Geräusch aus der Kategorie „unangenehm“. Wir schwärmen aus – was klappert da so? Wo? Das Geräusch pflanzt sich durch das ganze Schiff fort, da vibriert nichts in irgendeinem Schapp oder unter einem Bodenbrett. Das kann nur aus dem Bereich Propeller/Welle kommen. Oh, Schei…

… alles Wellpappe!

Fernandina ist eigentlich ein schöner Pausenplatz mit Gürteltieren auf der nahegelegenen Insel Cumberland, aber danach ist uns gerade nicht. Die Stadt empfängt uns mit einem gewissen industriellen Charme: rauchende Schornsteine und süßlich-saurer Geruch von großen Bergen Holzmehl. Wir haben eine Wellpappenfabrik vor der Nase. Fernandina liegt im St. Mary’s River, auch hier reichlich Strom – und als der am Nachmittag nachlässt, gibt es nur eines: Neoprenanzug hervorkramen und nett schnorcheln gehen. Die Sichtweite unter Wasser ist mehr als bescheiden, und so kann ich nur sehen, dass der Prop sich frei dreht, es hängt nichts herum, ich erkenne auch eine helle Stelle am Eingang ins Stevenrohr, die hat der Eigner mit heller Dichtpaste abgedichtet. Es scheint alles am Platz zu sein… Eine Zeit des Grübelns beginnt. Den Sonntag verbringen wir mit einem Spaziergang in der Stadt, die sich als überraschend nett und im Stil des 19. Jahrhunderts entpuppt. Alte Autos rollen durch die Straßen, Motorradler auf dicken Hondas und Harleys freuen sich an der frühlingshaften Sonne, die Sozia standesgemäß hinter dem Fahrer „aufgebockt“. Das Fuß-Publikum scheint eher älter zu sein – kein Wunder: Amelia Island, dessen Hauptort Fernandina Beach ist, bietet den Snowbirds (das sind die Winterflüchtlinge aus Kanada und dem Mittleren Westen) ein moderates Winterquartier, nicht zu warm, nicht zu kalt, mit Betonung auf „zu“, denn wenn es hier, wie so oft im Winter, aus Nord bläst, dann wird es doch recht frisch… Amelia Island ist auf der Atlantikseite voller Apartmentblocks.
Montag ist schlechtes Wetter, aber eine gute Gelegenheit, mit dem Dinghy ums Eck zu tuckern. 2 Meilen von hier gibt es eine kleine Werft, den Tiger Point, wo wir leider abschlägig beschieden werden, denn aus dem Wasser können wir als Notfall frühestens in 3 Wochen geholt werden. Alternativadressen: zum Beispiel in Jacksonville. Wir fühlen vor. Da freuen sich die einen schon auf unseren Besuch, bis wir merken, dass wir unter der letzten, entscheidenden Brücke nicht hindurchpassen. Eine weitere Alternative sähe uns an der Mündung des St. Johns River (wie praktisch, rein/raus schnell gemacht), jedoch gleichzeitig am Ende der Welt (wie unpraktisch. Amerika ist halt Autoland, und wer weiß, wie lange die Reparatur dauert). Also: St. Augustine. Wir übernachten kurz im St. John’s River und müssen für die 30 Meilen nochmal den Motor zu Hilfe nehmen, aber immerhin hat sich ein Boatyard gefunden, das St. Augustine Marine Center.

Boom! Schöne Sache das!

Die Stadt ist hübsch – Floridas älteste befestigte Stadt, sehr spanisch! – , wir holen uns am Freitag in der CVS Pharmacy unseren Boostershot, können eine neue Starterbatterie kaufen, lauter solch schöne Sachen.
Und seit gestern steht Akka an Land; es bewahrheitet sich, was sich als Idee in des Eigners Kopf schon länger verfestigt hat: die Verschraubung zwischen Wellenlager und Stevenrohr hat sich gelöst. Nichts wirklich Schlimmers also – nun harren wir der Dinge. Hoffentlich ist der große Drehmomentschlüssel leichter zu finden als in Stingray Point… Drückt die Daumen, dass es bald weitergeht.
Ach ja. Eine Schmarre haben wir auszupolieren – das Dockingmanöver gestern war keines, das rühmlich in die Annalen eingehen wird. Bei sehr viel Wind von querab und noch mehr Strom machen wir „ganz kurz“ am Ponton der benachbarten Coast Guard fest, wo wir (ich höre die Panik in der Stimme der Boatyardsekretärin Erica am Telefon) KEI.NES.FALLS liegen bleiben können, bis der Travellift bereit ist. Einer meiner „scheiße-scheiße-scheiße“-Momente. Man könnte auch sagen: ein unkoordinierter Abgang. Zum Schluss verhakt sich noch die letzte Landverbindung, in die wir eigentlich eindampfen wollten. Ich schmeiße sie an Land und hole sie mir später zu Fuß wieder, übers Coast Guardgelände trappelnd (so ist das sicher nicht gewollt). Die Tasche vom LifeSling muss ich wohl reparieren und der dicke Kugelfender zum Eindampfen braucht einen neuen Überzug… siehe oben. Hatte ich über Hafenkino gelästert? Wir hatten glücklicherweise kein Publikum, aber… hat jemand den Mantel des Schweigens gesehen?
Sonst ist alles gut. Wenn denn die Helfer bald auftauchen!

Ein Neues Jahr und ein Ausflug

Alles so schön bunt hier! Rot und blau sind „bäh“!

Posteingang

Beaufort/North Carolina, 3.1.2022

Happy New Year oder: ein gutes Neues Jahr!

Ja, wir sind noch immer in Beaufort, und gerade heult es völlig unbotmäßig im Rigg. Wirklich frech. „Eigentlich“ – siehe hätte hätte Lichterkette – wären wir ja schon weiter nach Süden, zumindest bist South Carolina, vorgedrungen, und das wäre auch nett, die Easy Ones schicken Bilder der sommerlich bekleideten Skipperin auf dem Vorschiff und Weihnachtsgrüße, bei denen sich Nikolausmütze und ärmelloses Top trefflich paaren. Hätte. Und die Easy Ones sind schuld, dass wir noch hier sind… Das kommt so:
Wir hatten im Zusammenhang mit dem Autoverkauf eine größere Rückzahlung der Kfz.-Versicherung zu organisieren. Schöne amerikanische Bankgeschichte: Du zahlst Deine Prämie per Paypal (voll amerikanisch, sehr bequem zumal), aber die Rückzahlung kommt per Schneckenpost und als Scheck, den es zu cashen gilt. Na gut, muss Holden von der Marina halt unsere Post sortieren und den Brief weiterleiten.
Textnachricht (nirgendwo wird sms-t, es wird eigentlich überall ge“text“-et): „Your letters have arrived, where should I send them?“. Klasse. Da waren wir noch auf dem ICW, schicke es halt an Homer Smith in Beaufort… oder – halt?!  Nachricht meinerseits an Easy: „Seid Ihr noch in Deltaville? könnt Ihr einen Brief mitbringen?“   Sie konnten, so fuhr unser Brief um Cape Hatteras und ließ sich durchschütteln. Easys wollen sofort weiter – nach einer Nacht Hatterasruhe tut sich ein winziges Wetterfenster auf. Wir stellen uns ans City Dock, Ingo bringt Easy rückwärts in Greifdistanz, Stollen hin, Briefe her und tschüss! Nun hätte mich der erste Text mit dem Wort „letters“ in Mehrzahl ja schon stutzig machen sollen. Letters. Ah, ja, Mahnung von der bereits bezahlten Tunneldurchfahrt. Versicherungsscheck – noch was? Noch was. Zwei Briefe vom USCIS, dem US Citizenship und Immigration Service. Unsere Visa! Oder die Ausweisung? „… bitte stellen Sie sich am Montag, 27.12. um 11 Uhr im Field Office in Norfolk vor. Bringen Sie dieses Schreiben mit, einen Lichtbildausweis. Vorzeitiger Eintritt nicht möglich.“  Uh, ah, das war knapp – Riesendank an Ingo und Andrea, die uns da geholfen haben, eine bürokratische Klippe zu umschiffen! Aber das schmeißt die Pläne durcheinander, vielleicht wäre ein Heiligabend auf See noch drin gewesen… Wir kriegen mühsam einen Leihwagen von Budget (schließlich ist Weihnachten), donnern am 2. Weihnachtsfeiertag nach Norfolk – immerhin 4 Stunden, aber so können wir wenigstens mal den Dismal Swamp-Kanal in Augenschein nehmen, für den Akka einfach zu tief geht. Urteil: geht so, zumindest im Winter wenig verpasst. Der Termin beim USCIS stellt sich als schlicht heraus, ein Foto („take your glasses off!“, was ich liebe, dann sehe ich besonders hübsch aus!), danach sehr sorgfältige Abnahme der Fingerabdrücke. Nicht dieses übliche „rechte Hand-rechter Daumen-linke Hand-linker Daumen“, sondern volles Abrollen der einzelnen Finger durch den Officer. Interessant zu sehen, was frau über die Jahre so an Schnittnarben ansammelt! Und mit arthritischen Fingern möchte sie das nicht mit sich machen lassen, der Herr wendet Kraft auf…. Abschließend: „…wir melden uns.“ Per Schneckenpost. Also gibt es noch einen Termin, und es gibt einen Hinweis auf der Website, dass der Vorgang zwischen 14 und 18 Monaten dauert. Kein Kommentar. Es gibt zwar die Möglichkeit, sich elektronisch auf der Website nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, aber seit Ende Oktober stehen die beim Eigner auf „Zahlung eingegangen“ und bei mir auf „Schreiben eingegangen“. Siehe CBP und die Verwirrung um die Einreisedaten. Konsistent geht anders, aber wir wollen nicht meckern, wir sind im System. Am Rande bemerkt ein interessanter Kulturunterschied zwischen den Bundesstaaten: North Carolina feiert den 2. Weihnachtstag, bekannt als „Boxing Day“, am Montag als „bank holiday“ nach, während in Norfolk=Virginia die Behörden fleißig schaffen.

Zurück in Beaufort wandeln wir den Scheck in Bares – auch nicht so einfach, nach mehreren Fehlversuchen zwischen BT&T Bank (probiert mal bei Food Lion!), Food Lion Supermarkt (keine Versicherungsschecks) und Piggly Wiggly, (dito Supermarkt, aber zu hohe Summe), stellt sich heraus, dass das Einlösen nur bei der Ursprungsbank geht, die in Morehead City glücklicherweise eine Filiale unterhält. Nett dort – wir bereiten der älteren Trainee-Frau am Schalter eine Jahreswechselfreude, indem wir sie ein schwieriges Geschäft abwickeln lassen, die assistierende Vorgesetzte schnackt derweil mit uns über Deutschstunden in der Schule und Europabesuche.
Und dann? Erfreuen wir uns mit Spaziergängen im Sturm und warten auf das Silvesterkind, zu mehr reicht das Wetter nicht. Aber morgen, morgen geht es weiter! Charleston, South Carolina!

Hätte, hätte… Lichterkette!

Sonnenaufgang am Alligator River

Beaufort NC, 22.12.2021

Das war ein sehr netter Weg hierher – schon das Gefühl nach so langer Zeit die Leinen zu lösen ist wunderbar.

Das „Lösen“ war ein klein wenig komplizierter als gedacht, denn am Tag, an dem uns unser Autoverkäufer Tim Tillage den Saturn wieder abnimmt (win-win auf allen Seiten, quasi 100 Dollar Leihwagengebühr pro Monat…), trifft den Eigner der Hexenschuss, und gleich so massiv, dass wir ihn für ein paar Stunden im Marinabüro unterbringen. Soforttherapie nach dem ersten Schreck: die „dogtor’s round“ (kleiner Wortscherz, die doctor*s round ist die deutsche „Visite“). Die Marinahunde wundern sich ein bisschen, dass ihr Sofa besetzt ist, kümmern sich aber gern um den Patienten.

 

Bisschen kalt ist es ja auf der Chesapeake Bay, als wir am 12.12. endlich loskommen. Norfolk sonnig, nur ein weiteres Boot auf unserem klassischen Ankerplatz vor dem Hospital Point – aber des Morgens dann feuchte Stellen, wo die Bordwände kaum isoliert sind. Bisschen kalt?  Saukalt. Nahe dem Nullpunkt, und das ohne Heizung, absolut pfui. Dresscode Long Johns, Funktionsunterhemd (ein Ganz-Wochenhemd!), Fleece oben und unten, Ölzeugjacke – und kurze Zeit später werden die ersten Schichten schon abgeworfen, Klärchen strahlt vom Himmel, und wird das die ganze Woche tun.

Kühl!

Nächster Morgen: Rauhreif auf dem Steg. Siehe oben – das Bekleidungsritual wird zur Routine. Alligator Bridge – immer klasse, der Brückenwärter dort ist gut drauf, hält den Autoverkehr für uns an, ruft noch etwas Freundliches hinter uns her, wir werfen zurück; ist ja auch langweilig dieser Tage, ein oder zwei Yachten, ein oder zwei Schuten. „I am here to serve! – …at least that’s what my wife says!“ ist der Abschiedsschnack.
Es ist wirklich null Verkehr auf dem Intracoastal Waterway und doch… einen ganz großen Hit gibt es: Ankerplatz am

Aber so was von kühl!

Alligator River, nicht mehr lange hin bis zum Sonnenuntergang. „Komm mal hoch – sagt Dir der Name „Walkabout“ was?“  Unmöglich! Meine persönlichen Helden aus Norderney in der Vorbeifahrt. Thomas und Frauke sind auf dem Weg zum Dismal Swamp, die können noch bis zum Sonnenuntergang tuckern. Meine Bewunderung für die beiden ist zwischen Kap Horn, den großen nordamerikanischen Trails und dem Fernwanderweg Te Araroa in Neuseeland angesiedelt. Wir schnacken kurz über Funk – Walkabouts sind gerade nach 4.000 Meilen von Teneriffa in North Carolina eingetroffen, scharren aber schon wieder mit den Wanderhufen. Der Florida Trail soll es sein, 1.500 km Wanderspaß. Wer gucken will: Wir segeln und wandern durch die Welt

Einen Traditionsstopp und ein paar frische Shrimps von RE Mayo  später trudeln wir in Beaufort ein, das war wirklich eine schöne Woche. Aber kühl ist es schon – wir müssen weiter. Da wir kein Cruising Permit mehr haben, müssen wir in jedem Hafen, in dem wir uns länger aufhalten, einklarieren. Fahrt zum CBP – sehr witzig… „… ach, ich bin nur der Landwirtschaftsbeauftragte, der Officer, der die Clearance macht, kommt Montag wieder!“  Na gut, Montag dann. Ich weiß schon gar nicht mehr, ob am Wochenende ein Wetterfenster nach Süden verstrichen ist, aber der Schnack des Tages schon bei unserer Ankunft war „… eigentlich hätten wir gleich nach Charleston durchsegeln sollen, das sieht nicht gut aus die nächsten Tage!“ Womit wir zum Titel dieses Blogeintrages kommen. Hätte, hätte… Noch gucken wir verstohlen auf Wetterprognosen – die Strecke vor der US-Ostküste ist selbst hier unten nicht ganz so einfach, Golfstrom und Nordwinde vertragen sich nicht, dafür fließt häufig ein nicht ganz zuverlässiger Gegenstrom, der einen nach Süden trägt, aber dann darf es eben auch nicht aus Süden wehen. Wenn es aus West weht, weht es uns hier auf die Nase, aus Ost wäre es fiese Welle – beides nicht die Spezialdisziplin der Schipperin, die es gern ruhig hat. Was also jetzt?  Hätte, hätte… Lichterkette in Beaufort? Haben wir Lust auf heizungsfreies Ankern in Wrightsville Beach mit ungwissem Warten auf weitere Wetterfensterchen?  So richtig weit tut sich keines auf, ohne Mühen schaffen wir es gerade nicht bis Charleston oder Georgetown. Tony Frost, seines Zeichens Chef von Homer Smith, wo wir uns den Strom für das Heizlüfterchen kaufen, meint: „… bleibt so lange Ihr müsst“ Nicht der schlechteste Platz für „Lichterkette“.
In diesem Sinne: fröhliche Weihnachten!

Helden der Arbeit

Man at work

Deltaville, 6.12.2021

… frau könnte das xte Bild einfügen, auf dem ein Eigner bäuchlings im Motorraum liegt, aber die Turbosache ging so turbomäßig über die Bühne, dass zum Fotografieren einfach keine Zeit blieb.

Ihr wisst: zwei Tage vor Thanksgiving geht der Turbo fest. O.k. – wann der genau festgegangen ist, wissen wir nicht, aber da haben wir es gemerkt. Die Gedanken rasen. Wie kommen wir hier weg, was sind die Alternativen? Aufarbeiten? Neueinbau?  Eine kleine Runde im „Dorf“ erbringt nur, dass es wenig Hilfe geben wird, man ist „fully booked until February“. Ersatz kaufen?  Wo? Wie heißt das Teil? Nummer suchen. Das ist easy, denn warum schleppen wir die Schiffsdokumentation in 5 Ordnern seit so vielen Jahren durch die Welt  (moderne Schiffe haben sowas natürlich digital…). Internetsuche – wer hat’s, wer liefert sofort? Der Lieferant mit dem günstigsten Preis stellt sich als eBay-Händler heraus, der einen gebrauchten Turbo vertickt, und dazu in Rotterdam. Oder Volvo Penta USA und seine Kumpane? „Can be ordered daily from Volvo Penta“ steht da, das klingt wenig zügig. Mit all den „backorder“-Nachrichten der letzten Wochen und Monate im Hinterkopf reisen die Gedanken schon bald nach Hamburg. Carl Baguhn hat uns, als wir in Trinidad waren, schon mal gut bedient. Wir suchen noch ein bisschen drumherum, aber es ist wirklich eilig – für diesen Mittwoch ist in der Gegend erstmalig Schnee angesagt, wir sollten in die Hufe kommen. Für die Quelle spricht außerdem, dass der Eigner eigentlich alles, was im Umfeld benötigt wird – Dichtungen, Bolzen – ohne viel Diskussion und Rückfragen mitbestellen kann, und Versand ins Ausland ist den Baguhns kein Fremdwort (im Gegensatz zum deutlich günstigeren Händler in MeckPomm). Also: Baguhn.

Mi., 24.11. (unser Abfahrtstag) – eMail Anfrage, Antwort mit Angebot kommt umgehend „Vorkasse. Lieferung nach Geldeingang, 7-9 Tage“. Nun ja, vielleicht geht es ja auch schneller. Gut. Bestellung, Bezahlung.
Do, 25.11.  – Mail von Baguhn: „…das ging ja fix. Geld ist eingegangen. Zoll ist erledigt! Trackingnummer bekommen Sie morgen!“  Tätärätätää!
Fr., 26.11. – keine Trackingnummer. Hm…  Irgendwas faul?
Mo., 29.11. – noch nicht aus der Koje gefallen ein Anruf bei Baguhn (danke, Microsoft, danke Skype!) „—uh, habe ich das vergessen?  Kommt gleich!“ Kommt dann auch. Allerdings: Paketabholung am Montag um 15:29. Immerhin, und um 23:00 ist das Ding schon in Köln. Die Sendung lebt!  Wir geben ihr eine Woche. Oder bis zum Freitag?
Di., 30.11. – die neugierige Schipperin gibt – siehe oben, in der Koje – die Trackingnummer ins Telefon ein. Köln? Sonstwo in Europa? What?  Das Paket ist in Philadelphia, wir sind platt.  Der Vormittag vergeht mit ein paar Telefonaten mit UPS, damit die die Verzollung anschieben können, zu Mittag dann „Ihr Sendungsstatus wurde geändert – das Paket ist unterwegs“.
Mi. 1.12. – 12:00: der Turbo liegt in der Fishing Bay Marina im Büro. Zollfrei – wir sind ja „Yacht in Transit“. Gesamturteil: Turbo.
Donnerstag und Freitag gehen mit dem Zusammenschrauben dahin – und nicht nur ich bin Meisterin im Auftrennen, auch der Chief Engineer muss gelegentlich doppelte Arbeit leisten; die Ein- und Auslässe gucken ein bisschen in die falsche Richtung, aber nur ein bisschen. Die Betrübnis währt allerdings nicht lang.

Dafür ist meine Betrübnis umso größer, denn der Kerl mit dem Turbo hat die Dinghycoverflickschneiderin links überholt. Der Motorprobelauf findet am Samstagabend statt.

Die Medaille „Held der Arbeit“ erhalten heute:
– David Kläring von Carl Baguhn GmbH, Hamburg – danke, danke!
– United Parcel Service als Organisation für turboartigen Transport
– Andreas Haensch (76!), Chief auf Akka (und „der Chef“ sowieso)  dafür, dass er sich nicht entmutigen lässt, schlaflose Nächte wegsteckt und dann einen Turbo mit links aus- und wieder einbaut. Danke, danke, danke, danke!

Leider geht die Schipperin bei der Medaillenvergabe leer aus. Wenig heldenhaft, die Fortschritte am Dinghycover. An den damit einhergehenden Entmutigungsattacken ist zu arbeiten, sagt das Medaillenkommitee.

PS: es fügen sich auch sonst noch andere Steinchen zum Mosaik!  Vor drei Tagen bekamen wir Nachricht, dass unser Antrag auf Visaverlängerung eingegangen sei, das ist gleichbedeutend mit „geduldet“ sein, bis sich CBP bzw. der USCIS (US Citizenship and Immigration Services) eines Besseren besinnt.
Manche Steinchen brauchen allerdings ihre Zeit: die im letzten Beitrag erwähnte Apostille ist seit 11.11. auf dem eingeschriebenen Postweg nach Deutschland. Als ich nach 7 Tagen etwas unruhig werde (Eigner: „… ich muss das aber nicht nochmal machen, oder?“) ordere ich Sendungsupdates. Die kommen auch, tröpfchenweise und eher kryptisch. „USPS RF … … … in transit to next facility“. Wochenlang, bis auf ein besonders nettes „… arrived in facility Jamaica…“ – erst beim zweiten Lesen fällt auf, dass die Postverteilstelle in New York so heißt. Aber: am 3.12. endlich „processed in facitlity in Germany“. Na bitte. Louis deJoy (aka Louis Destroy, der famose US-Postdienstvernichter mit haufenweisen Anteilen an privaten Konkurrenzdiensten) hat in seiner Funktion als General Postmaster schon mal ganze Arbeit geleistet. Jetzt kommt es drauf an, wer in Deutschland Postminister wird!

 

Lauter Funfacts

Deltaville, 23.November 2021

Lausig kalt ist es in Deltaville geworden, und eigentlich sollte dies ein rechter Jubelthread werden, so etwas wie „…hurra! Wir sind unterwegs nach Süden!“ Dickes Plus: seit letzter Woche sind wir im Wasser, das ist ja schon mal was. Die Probefahrt verläuft friedlich und genussvoll. Wir sind zurück in der Fishing Bay.

Auf den letzten Blogeintrag hin hieß es, dass es zwar nett sei, von uns zu hören, aber diese ganze Technik… Ihr Lieben, das ist einfach, was uns umtreibt, und kurzweiliger wird dieser Eintrag daher nicht; vielleicht wird er aber ein bisschen bürokratischer. Übrigens rächt sich jetzt, wenn ich allzu lange mit einem Eintrag warte – ich weiß schon gar nicht mehr, was alles an Banalitäten passiert ist. Also los!

Oktober!  Irgendwie rückt uns die Terminlage auf die Pelle. Das US-Visum läuft am 3.12. aus, und unser Arbeitstempo lässt zu wünschen übrig. Früher war mehr „volle Kanne“. Die Tage beginnen mit dem klassischen frugalen Frühstück und einer länglichen Internetsitzung – dem läuft natürlich zuwider, dass die Tageslängen schrumpfen. Wir gehen vielleicht nicht mit den Hühnern schlafen, aber zumindest das Rumbasteln stellen wir mit dem Sonnenuntergang ein, wenn auch die Hühner das Eierlegen einstellen.  Viel Kleinkram ist im Sommer an der Hitze hängengeblieben, nun entmutigt einen der sich türmende Kleinkramberg. Zum Beispiel Thema Dinghy – hatten wir ja schon, die Luftverlustsache haben wir für erledigt erklärt, aber dass es uns beim Transport an Deck Lacksplitter serviert, stört. Projekt: Lackentfernung. Die Schipperin, die blöde, geht zu Hurd’s und guckt sich Lackentferner aus, irgendwas, das „effektiv“ aussieht. Der ältere Verkäufer empfiehlt „CitriStrip“ im hübschen, orangefarbenen Container, was die Käuferin als „höchst alternativ anmutend“ bewertet und abwählt. Die beiden gewählten Varianten erweisen sich als wenig wirksam. Sehr mühsames Geschäft. Wir fragen beim Bootshersteller in Kolumbien, aber der kann für das alte Ding keine Aussage zur Lackqualität treffen – aber bei den mühseligen Versuchen sieht man, dass die Malaysier bei ihrer Schönheitslackierung über eine alte (Pulver?)beschichtung gepönt haben, die sich als sehr widerstandsfähig erweist. Nach ein bisschen Forschung fahren wir nach Gloucester, zu Nordamerikas Farbspezialisten Sherwin Williams – wir erinnern uns nämlich an die Entfernung von 18 Antifoulingschichten im Jahr 2004 mit einer Art süßlich bis übel riechendem Pudding namens „Peel Away“, und den gibt es dort. Wunderbar, das kennen wir , das funktioniert, das Zeug wird uns auch noch als besonders wirksam gepriesen. 20 Meilen hin, 20 zurück. Glücklicherweise recherchiert der Eigner vor Öffnen des Containers im Netz, und was da steht, weist nicht unbedingt auf Entfernung modernerer Lacke hin. Telefonat mit dem Hersteller – nein! Da müsst Ihr Strypeeze nehmen (20 Meilen hin, 20 Meilen zurück – die Sherwin Williams-Mitarbeiter sind auch ganz dankbar für unsere Schulung).  Dann mal druff mit dem Zeug, das auch noch stinkt wie eine Chemiefabrik für Organisch-Chemisches (besonders wenn frau die Innenseite des Dinghys behandelt, dann sammeln sich die Gase besonders freundlich). Versuchsanordnung „Auftrag und Abdecken mit Backpapier“ folgt,  mit gestaffelter Einwirkzeit, aber Ihr denkt es Euch schon: das Geschäft bleibt mühsam. Funfact ist, dass ich unterm nicht besetzten Nachbarkatamaran sitze und gelegentlich Ratgeber vorbeitraben, die sich an den mehr, meist aber weniger großen Fortschritten freuen und vor allem zwischen „mach das doch mit der Hand“ oder „mach das doch mit der Maschine“  schwanken. Ich mach’s halt chemisch. Maschine haben wir probiert, vergeblich. Und nur mit der Hand? Ich bin nicht Popeye. Aber mühsam ist es – das sagte ich bereits. Bliebe nur eines: die Aufgabe des Projektes, aber einen Versuch geben wir ihm noch. Back to the roots, back to Hurd’s. Hurd’s ist der örtliche Hardwarestore, und der Spruch auf dem Boatyard ist: „… if Hurd’s doesn’t have it, you don’t need it!“  Wir investieren doch noch einmal in CitriStrip, das alternativ ausschauende (wer mal gucken will, wie ich auf die Fehlannahme kam, das könne nur unwirksam sein, sollte mal bei YouTube nach selbst gemachten Reinigungsmitteln aus Orangenschalenaufguss schauen…). Und CitriStrip ist… Bingo! Fun! Ein bisschen Mühe bleibt noch, aber das Zeug tut’s. Ich will nicht wissen, wie es wirkt – es riecht angenehm und wandelt doch den Lack in leicht zu entfernende Schmiere. Ende vom Lied? Ein natur-alufarbener Dinghyrumpf und eine Abbitte beim älteren Verkäufer bei Hurd’s. Nach getaner Tat sieht natürlich der alte, rutschfeste Belag im Dinghy doof aus, angefressen wie er ist. Nächster Fun: Suche nach einer Alternative (gekürzte Fassung – erst viel Internet, dann schwarze Gummifußmatte von Lowes Hardware. In Gloucester. 20 Meilen hin… ihr wisst schon. Manche Sachen, die man braucht, hat Hurd’s dann eben doch nicht). Zieht eine schwierige Suche nach einem Kleber nach sich, der nun (hoffentlich) das Gummi mit dem Alu verbindet.
Nur mal so als Beispiel für Projekte, die sich lang hinziehen.

Apostille? Was’n das?

Nun der Bürokratieteil. Es war vor einigen Tagen wirklich so weit, dass ich die Nase vergleichsweise voll vom Fun hatte. Nicht nur, dass es technisch nur langsam vorangeht, nein, es gibt immer wieder neue Kleinhindernisse. Ein Notar in Hannover möchte die Beglaubigung einer Unterschrift, die wir schon aus den Bahamas eingesendet hatten, nun mit einer Apostille – unnötig zu sagen, dass die hiesige Notarin nicht mal weiß, was das ist (wir auch nicht, es ist die behördliche Beglaubigung, dass die Notarin eine Notarin ist. Braucht zwei Briefe nach Washington.). Dann schmeißt Frau Fuchs ihren Laptop die Treppe hinunter, das ergibt eine besondere Variante eines Split Screen: das Glas ist heile, aber Display trennt sich vom Deckel und seitlich guckt eine Platine raus. Nicht gut. Zusammenbau, starten (noch einmal), danach passiert nichts mehr. Fummel, fummel, externen Bildschirm anschließen (inklusive Kurs an der YouTube Universität und beim Acer-Forum, leider ohne Diplom). Suche nach Spezialisten (nicht so dolle in rural Virginia, am liebsten ist mir der mit dem Office im Schreibwarenladen in Gloucester, der nie da ist und auch nie zurückruft. eMail-Verkehr? Ist in den USA zumindest unaufgefordert sowieso ein bisschen „off“. Wie übrigens auch Messenger. SMS schon eher…). Ach… shit happens.
Nächster Fun: fehlendes Cruising Permit für die USA – wer mit der Absicht ausreist, wieder einzureisen, sollte sein gültiges Cruising Permit beim CBP löschen lassen. Wer nicht beabsichtigt zurückzukommen, tut das natürlich nicht, so wie wir im vergangenen Januar, wir wollten ja in die Karibik; aber dann gibt es halt auch kein neues Permit, wenn der geneigte Segler es sich anders überlegt. Die Bedingung für die Neuausstellung ist, das Boot nach Ablauf des Permits 14 Tage außer Landes zu bringen, in unserem Fall nach dem 15. September. Das ist einfach unmöglich, denn jedwedes „außer Landes“ ist viele hundert Meilen fort…  – Mexiko oder Kanada sind sowieso nicht „außer Landes“, die Bahamas oder Bermuda oder die Karibikwelt liegen voll im Hurrikangürtel, um dessentwillen wir uns hier oben herumtreiben. Also muss es ohne gehen. Telefongespräch mit dem extrem netten CBP-Officer Amiss in Richmond. Es geht tatsächlich ohne – „holt Euch zur Abfahrt eine Clearance hier in Richmond, danach in jedem Hafen Clear In/Clear Out…“ Kompliziert und kostenpflichtig (à 19 US$ je Vorgang), aber wer ankert und keinen Hafen anläuft, erspart sich Weg und Kosten. Wir wissen, was wir zu tun haben werden. Trotzdem versuchen wir noch einmal einen anderen Kanal, um ein Permit zu erlangen, nämlich den Officern in Norfolk einen Überraschungsbesuch abzustatten und ihnen eines aus den Rippen zu leiern. Leider ist das Vorhaben nicht von Erfolg gekrönt. Nett sind sie, aber unnachgiebig. Wir hören von vielen solchen CBP-Stationen – nur zu einer Frau in New Bedford scheint noch nicht durchgedrungen zu sein, dass solches Ansinnen strikt ablehnend zu behandeln ist, aber Massachusetts ist weit. „Betty“ in Baltimore gibt es übrigens auch nicht mehr. Auf der Rückfahrt – diese Tagestour buche ich als „unsere Sommerreise“, zu mehr reicht es nicht – gucken wir uns einen neuen Rechner mit heilem Display für mich aus. Gut, noch ein bisschen recherchieren, am Abend dann Onlinekauf. Oder – nicht so gut, denn das zieht eine Onlinezahlung nach sich, die damit einhergeht, dass ich eine vorgegebene amerikanische Adresse als bezogene Rechnungsadresse angeben muss, eher abenteuerlich, wie ich finde, ich vergewisserem mich auch zweifach, dass das in Ordnung ist, aber der Kauf klappt. Nächster Spaß: nicht alle Abenteuer gehen gut aus – beim nächsten größeren Onlinevorgang mit dem (übrigens selten dämlichen) Satphonestore wurde die Kreditkarte unwiderruflich gesperrt; die Bank verrät einem übrigens nicht den Grund. Aufgalopp vom Posthalter und Bruder, der mühsam die Ersatzkarte zu uns schaffen muss (was DHL dann tatsächlich innerhalb 4 Tagen hinkriegt, sehr gut. Für’n Fuffi…). Das war übrigens die dritte Kartensperre in 4 Monaten, 2 irreversible „harte“, eine weiche, und die Bank sagt dazu: „… haben wir keinen Einfluss drauf, das macht das System!“. Danke für wenig.
Mittlerweile ist es November geworden, wir haben noch ein paar Mal in der Sonne am Ponton gesessen und schon Vorfreude auf die Fahrt nach Süden geübt – es ist nämlich optisch und auch atmosphärisch sehr schön hier. Die Kiefern, der Eichenmischwald, die Ferienhäuser sind noch leerer als im Sommer, ein paar Segler, ein paar Fischer. Die Chesapeake Bay glitzert. Fun bei uns: ein paar Wochen wird im Bad gespült, dazu steht das Schmutzgeschirr auf dem Klodeckel und das saubere in der Abtropfschale in der Dusche. Funktioniert gut, man muss nur drauf achten, dass man vor nächtlichen Klogängen abgewaschen hat und „den Eimer“ wieder in die Schüssel… sage mal noch einer, dass wir keinen Campingurlaub hatten. Der Grund dafür ist der ziemlich verwinkelte Einbauort für das Kühlaggregat, für das wir auch das Küchenseeventil ersetzt haben, und für besseren Zugang ist die Küche quasi entkernt, Spüle raus, Trinkwassertank raus, Aggregat raus… Glücklicherweise ist es schon ausreichend kühl, so dass Kühlgut zeitweise in einer Plastiktonne an Deck stehen kann, mit etwas Eis aus dem Fischereibedarf frisch gehalten. Siehe oben, Campingurlaub. Vorm Einbau der Spüle muss noch die neue „Lackierung“ der Arbeitsoberfläche erledigt werden, die Folienstücke hatte ich schon vor Wochen zugeschnitten, aber dann… Rückbau auf Normalzustand. Das ist so ungefähr die Zeit, in der wir endlich den Antrag auf Verlängerung unseres Aufenthaltsstatus stellen wollen, es ist Wochenende, dann hat frau Zeit dazu. Die Formulare sind… Formulare eben, es werden ein paar merkwürdige Fragen gestellt, wie überall. Waren Sie Mitglied einer terroristischen Vereinigung, haben Sie eine paramilitärische Ausbildung genossen, und… nennen Sie Ihre I94-Referenznummer. Easy. I94 ist die Aufzeichnung der Ein- und Ausreisen aus den USA, früher bekam man dafür einen kleinen Papierwisch, heute geht das zumindest bei den Seereisen elektronisch. Frau guckt dazu auf die I94-Seite der Regierung, gibt die persönlichen Daten ein und liest die Nummer ab, die unter „letzte Einreise“ steht. Alles klar. Nun noch der zweite Streich. Persönliche Daten Eigner, enter, Einreise… Ups. Die letzte Einreise des Eigners war am 21.7.2020. Stimmt, da war eine, das war, als wir aus Guatemala kamen. Jetzt steigt der Blutdruck – im Klartext heißt das, das Andreas seit Juli 20 im Land ist und damit sein Visum um 12 Monate überschritten hat. Natürlich passiert das am Wochenende. Am Montag telefoniere ich mit Paul Amiss, der mittlerweile mein bevorzugter beratender CBP-Officer geworden ist. Er kann nicht helfen, aber doch die richtige Richtung vorgeben. Vor allem Papierberge nach Norfolk mailen und das Beste hoffen. Ich untermauere das noch mit ein paar Telefonaten („Haben Sie das erhalten?“ Nächster Tag „…fehlt noch was?“) Für das zu erhoffende Beste brauche Norfolk dann 5 Arbeitstage. Der Antrag soll eigentlich 45 Tage im Voraus gestellt werden, aber bis es endlich so weit ist, sind es kaum mehr 4 Wochen. Die Bestätigung, dass der Antrag eingegangen ist, steht noch aus, aber, wie das hier so ist… so lange man den Antrag gestellt hat und nichts Negatives hört, ist der Besucher geduldet. Irgendwie gibt einem diese Ungewissheit eine Ahnung davon, wie sich Illegale hier fühlen müssen. Luftleerer Raum… und nebenbei häufen sich die kleinen Schreckensstorys von Leuten, deren Visa abgewiesen werden, weil irgendwas in die falsche Schublade gerutscht ist. Das sind vereinfachte elektronische Abläufe.

Völlig losgelöst. Der Turbo.

Bis gestern übrigens waren wir sehr froher Dinge, dass wir bald losfahren, morgen eigentlich, nach Durchzug einer Front. Und seit gestern sind wir ganz froh, den oben beschriebenen Antrag gestellt zu haben. Warum? Weil wir gestern noch einen Motorprobelauf veranstaltet haben. Alles total schön und vibrationsfrei, so viel zur Chief-Engineer-Arbeit. Nur dass wir im selten erreichtenTurbobereich  nicht so recht auf Drehzahl kommen. Die Schipperin mit den peripher besseren Ohren wird am Motorraum positioniert. Drehzahlerhöhung, noch mehr, noch höher. Sirrt der Turbo? Nö…  Darf nicht wahr sein, oder? Not-so-much-fun: das Ding ist fest. Nein, der Turbo ist überhaupt nicht fest, im Gegenteil, seit heute ist er ausgebaut. Ersatz muss her. Ist Wochenende?  Nee. Dienstag. Und morgen ist Mittwoch. Und dann… Happy Thanksgiving! Mahlzeit!
Wir richten uns auf ein paar motorfreie Tage ein.  Schön kühl isses!

30 Tage Aequatorfahrt

Stingray Point, 1.10.2021

Kleiner Nachtrag zum gestrigen Blogbeitrag, den ich aber mit Absicht extra erstelle:
Guckt mal auf die Blogroll und die Segelyacht „Gegenwind“ – ich hatte leider die letzten Wochen nicht verfolgt, ob sie nun endlich, nach so vielen Monaten in Ost-Timor lossegeln konnten. Sie konnten, und die Geschichte ist eher qualvoll – wir hatten auf der Strecke nur gute Zeiten, aber wir durften ja auch alle naslang anhalten. Wirklich ausdauernd und tapfer, eine wahrlich ermüdende Reise über 2.000 Seemeilen mit meist wenig Wind, wenig Schlaf, wenig Wasser, wenig Diesel. Jetzt haben sie allerdings etwas Zeit – in der Quarantäne in Thailand, aber „confinement“ sind sie ja schon aus Dilli gewöhnt, die beiden…
Wer Lust hat, kann Asha und Helge zu einem Kaffee oder zu einem frischen Apfel oder Pad Thai einladen; am 27. Tag ihrer Reise erklären sie etwas zur finanziellen Lage. Zahlen ist einfach, per PayPal, oben rechts in ihrer Seitenleiste.
Das würde mich freuen, und die Gegenwinds bestimmt auch!

Sauber abgeschert

Stingray Point/Deltaville, 30.9.2021

Home, sweet home!
Boatyardleben.

Ei, ei… der Herbst ist da!  Der Herbst, der hier, wie Freundin Pat es aus dem mittleren Westen beschreibt, bedeutet, dass man vom Mittag bis 17 Uhr die Klimaanlage anwirft und in der Nacht dann Winterdeckenalarm ausgerufen wird. So isses. Oder so ähnlich. Wobei unsere Klimaanlage schon eine Weile stillsteht – hat jemand Interesse an einer 110 V Fensteranlage? Wir brauchen sie nicht mehr.

Auf Akka ist alles schön, der Eigner klopft Teakproppen ins Deck, die Schipperin wäscht die Schoten oder flickt irgendwelche Sachen, kocht, kauft ein oder kämpft mit den Rechnern und gesperrten Kreditkarten, die die Lieferung von Ersatzteilen behindern. Das AT&T-Netz hier  ist mittelmäßig schlecht, die Datenpläne teuer, das Boatyard-Internet ist auf Akka nicht einzufangen, alles doof; ein neues, aktives Verlängerungskabel und Antenne im Besantop hilft auch nicht. Aber nun… es liegt ein Tablet auf dem Cockpitdach und schubst uns – einigermaßen zuverlässig – 100 GB pro Monat in die Laptops. Geht doch. Hätten wir früher haben können.

Größere und kleinere Projekte hat es – neben dem Großprojekt „Abfahrt“ – reichlich. Das Dinghy… ist seit Jahren intermittierend schlapp. Wir stellen Versuchsreihen an, wann in welche Richtung Luft entweicht – es hat drei Kammern, einen Bugwulst und je einen rechts und links. Luft entweicht eindeutig aus dem Backbord- in den Bugwulst, wogegen der rechte absolut dicht ist, dabei ist das der verdächtige, denn er hat einen reparierten Austernschalenschnitt aus Wallis/Futuna. Nach außen können wir nichts feststellen, Spülilösungsexperimente zeigen nichts an, obwohl es auch das geben muss. Also wollen wir das Dinghy von innen abdichten, dazu gibt es Gummierungsflüssigkeit, die in die Wülste eingefüllt wird. Diese Lösung muss aber verteilt werden, also bringen wir mindestens zwei Tage damit zu, mit Taljen und Leitern eine Konstruktion zu ersinnen, die einem ermöglichen würde, das Dinghy von vorn nach hinten zu kippen und dabei gradweise zu drehen. Ein Fall für „Szenen einer Ehe“, nebenbei bemerkt. Anstrengend. Der Eigner ist für Drehen und Hebeln von Hand, in meiner Vorstellung sehr kraftraubend. Vielleicht hat er recht, und eine Beschreibung besagt, es reiche, das Dinghy bei Wellengang auf einen „wild ride“ zu nehmen. Ich kann mir das nicht vorstellen, das müsste ja in einer Eskimorolle enden, von „gradweise drehen“ keine Rede; ich bin für – übermäßig komplizierte? – Taljenlösungen. Das Dinghy bekommt unseren Jockey Pole untergeschnallt, das Heck wird per Talje aAkkas Bugbeschlag befestigt, das Vorderende auf eine A-Leiter gelegt. Die Leiter fällt beim ersten Versuch um. Wir schleppen einen hohen, hölzernen Bock an. Funktioniert auch nicht wirklich gut. Den Spibaum quer über den Bug legen und mit zwei Taljen…? Wir diskutieren, bis wir das Thema vertagen. Und das Ende vom Lied? Seit wir entschlossen sind, das „irgendwie hinzukriegen“, stellen wir keinen Druckverlust mehr fest. Projekt verschoben, die Flasche Gummierung packen wir ein, vielleicht gibt es eine Abdichtsitzung an einem schönen Bahamasstrand… Dinghyprojekt 2: wir haben beschlossen, das Aludinghy von der abblätternden Farbschicht zu befreien und danach in „Alu pur“ zu belassen, hat es doch in den letzten Jahren nicht nur hässlich ausgesehen, sondern auch zunehmend kleine Lacksplitter auf dem Deck hinterlassen, wenn es umgedreht auf dem Vorschiff gefahren wurde. Ach ja, und das neue Kühlaggregat steht immer noch auf dem Sofa und will eingebaut werden… Das wird nun wirklich Zeit, schließlich steht es in meiner Ecke, und wenn das mit der Tagestemperaturentwicklung so weitergeht, sind die Tage des Cockpits als Aufenthaltsraum gezählt. Die Pantry (Ihr seid Euch bewusst, dass das wieder einmal eine  Fehl-Eindeutschung eines englischen Fremdwortes ist? Siehe das deutsche „Handy“, englisch für „hübsch“. Und die Schiffsküche ist die galley, die pantry dagegen der Vorratsschrank…). Unsere Küche also sollte schon seit längerem eine neue Arbeitsoberfläche bekommen. Ihr wisst ja, wie die Arbeitsfortschritte bei uns verlaufen (gibt es das Wort verschleichen?), und so verschwinden manche Projekte leicht ans Ende der To-Do-Liste. So auch dieses . Als wir ankamen, hatte uns Rick (das ist der Motormann aus dem letzten Beitrag) freudig bestätigt, dass er auch Schreinerarbeiten macht, wie toll! Da lassen wir uns schickes Formica/Resopal schneiden und druff damit! Nun ist Rick aber recht beschäftigt, vielleicht ist auch unser Zutrauen in seine Künste im Allgemeinen etwas gemindert – und das Projekt rutscht zügig der Prioritätenliste abwärts, denn eher muss Rick uns mit dem Motor auf die Beine helfen! Muss er? 

Muss er nicht. Ich wage es kaum zu berichten, aber der Eigner, der Bordingenieur und Wunderknabe hat es wieder allein geschafft. Die Aktionen verlaufen vom zögerlichen „wir müssen in die Strümpfe kommen, wann hat Rick Zeit?“ über stille Entschlossenheit bis zum optimistischen „…eigentlich mache ich das ja doch ganz gern – man muss es nur anfangen“.  Kleine Entmutigungseinsprengsel inklusive.  Schritt eins: Propellerwelle ziehen. Rick hat „gerade“ keine Zeit, bringt schon mal eine große (eine überdimensionierte!) Klempnerrohrzange, das berechtigt zu schönen Hoffnungen. Die Zange stellt sich als so groß heraus – viel Länge, viel Hebel! – dass der Eigner diesen Schritt schon am gleichen Tag aus dem Ärmel schüttelt. Einhand, wie man in Seglerkreisen sagt, und Rick freut’s. Jetzt müssen die alten Motorlager (das sind die elastischen Füße, auf denen der Motor steht und mit dem Schiff verbunden ist!) raus. Tadaa! Ich hatte ja schon mehrfach angedeutet, dass ich das mit den Motorvibrationen nicht so dramatisch fand, vielleicht ein bisschen altes, hartes Gummi oder so… aber der Chief hatte den richtigen Riecher, da muss etwas Größeres faul sein. Richtig – beide

Passt doch! Fast.

…  kommt zusammen, was zusammengehört? Nö.

hinteren Motorlager sind unterhalb der Mutter sauber abgeschert. Wo gibt es denn so was?  Auch wenn das eigentlich katastrophal ist – der 450 kg-Klotz hat also eine nicht zu kurze Weile nur noch an zwei Bolzen gehangen, und das bei diesen Schiffsbewegungen! – den Eigner freut’s, die Ursache gefunden zu haben. Es folgen Überlegungen, wie man die Kraftverteilung auf die Bolzen verbessern kann, das dauert ein bisschen – und da kommt dann doch der Motortischler Rick wieder ins Spiel, denn er tischlert uns Distanzplatten aus irgendeinem tollen NASA-Material. Ich darf auch einmal mitspielen und mein ganzes Übergewicht zum Tragen bringen: den Motor diagonal kippen, um einen neuen Motorfuß in Position zu schieben. Nicht zu vergessen, dass  dabei auf dem zu bewegenden Teil noch der halbe Eigner liegt, aber was tun schon

Alt und neu. Beim rechten Lager ist was faul…

ein paar zusätzliche Kilos. Noch ein paar Tage Kleinarbeiten, und schon sind „wir“ fertig .  Der Eigner, dieser Ingenieurstyp, ist einfach der Hammer. (…ja, es hat gedauert, aber das liegt auch daran, dass man in Wahlkampfzeiten auch immer viel an politischen Nachrichten zu lesen hat). Das hintere Wellenlager ist auch neu, eine Empfehlung von Rick, der ansonsten froh ist, dass er, außer uns seine rieseige Klempnerzange und seinen Drehmomentschlüssel zu leihen, nichts weiter mit unserem Projekt zu tun hatte – aber man merkt, dass seine Hochachtung vor dem Bordingenieur massiv gestiegen ist. Wie gut alles geklappt hat, wird sich zeigen, wenn wir im Wasser sind.

Noch was? Wir haben Rick auch in seiner Funktion als Tischler überholt – die neue Arbeitsoberfläche wird doch erneuert und wird aus selbstklebender „heavy duty“-Folie bestehen. DC-Fix fixt alles – wir hatten im Erdhaus in Isernhagen von 1985 bis 2006 ein zwei Dekaden währendes, knallrotes DC-Fix-Waschtisch“provisorium“. Gute Erfahrung!  DC-Fix gibt es hier allerdings nur eingeschränkt – „not for the North American market“ merkt Amazon bei bestimmten Farben und leider auch bei Mattweiß an – aber es gibt ein vertrauenerweckendes Alternativprodukt aus US-Produktion.
Manche Projekt krabbeln eben auch wieder vom Ende der Liste nach oben. Hoffentlich kommt uns nun auch der Abfahrtstermin entgegen.

Ida, Ida

Stingray Point/Deltaville, 2.9.2021
Ganz schnell, weil Nachfragen kamen:
Es war eine längliche Ida, die gestern bei uns durchzog – gleich am Anfang ein fetter Squall mit waagerechtem Regen, aber danach zwar lang anhaltend, aber nur noch leicht windig mit ein paar Böen. Immerhin gab es Tornadowarnung – und dies zu Recht: 2011 wurde Deltaville von einem getroffen, sehr unschön, 35 von den traditionell klapprigen Häusern wurden auseinandergenommen; das passierte gestern glücklicherweise nicht. Dafür aber gleich zwei Hits in und in der Gegend um Anapolis, was sicher so manche Bootseigner mit Sorge betrachtet haben. Solche Bilder sind durchaus beunruhigend. Und in New York ist derweil „Land unter“.
Puuh… mach mal langsam, Ida! Hier ist jedenfalls „business as usual“, und ich hoffe, für die Leute weiter nördlich auch.