Back in the USSR

Abraham L.!

Deltaville, 7.10.2019

… you don’t know how lucky you are, baaack in the US, baack in the US, baack in the USA-haha. The Beatles (USSR). Und wir (USA). Die Anmutung an der Grenze zwischen Fort Erie/Kanada und Buffalo hatte durchaus etwas UDSSR-mäßiges. Oder DDR oder ähnlich. Wir haben jedenfalls noch lange gelacht und auch einen neuen running gag gewonnen: „CITIZENSHIP!“ „WHY!“ Bölk. Keine Fragezeichen.

… gleich bölkt’s!

Wir nähern uns an diesem grau-regnerischen Morgen der kanadisch/US-amerikanischen Grenze. Bisschen Schlangestehen. Vorziehen „nur wenn die Kontrollstelle frei ist“. Sicher doch. Wir flöten „good morning“, darauf: „CITIZENSHIP“ Kein Fragezeichen in der Stimme. Umm. Siehste doch, german. Hast ja den Pass in der Hand. „WHERE?“ Wie bitte? „WHERETO?“ Naja, nach Hause. Virginia. Deltaville.  „WHY?“ Ich fange an zu gackern, der Eigner

Gegen-Protestierer am Weißen Haus.

haut mich – die Lage ist ernst. Bei „WHEN DO YOU LEAVE“ fehlt nur das „endlich“. „What goes into the US“ als Abschiedsfrage, ebenfalls nicht auf Anhieb klar – Antwort „nüscht, nur Persönliches“, dann sind wir wieder drin. Schade, Kanada war netter. Ich weiß, total subjektiv, aber der Brüllaffe tat seinen abschreckenden Dienst (wieso hatte der eigentlich dicke schwarze Lederhandschuhe an beim Passblättern? Muss das? Gegen vergiftete Pässe oder so?). Der Eigner meint, es sei gut, dass wir durch die DDR-Grenzkontrollen in Marienborn geschult seien. Mit Brüllaffen und Grenzbeamten scherzt man nicht. Und außerdem: Build the wall!
Ich wäre auf unserem Heimweg gern noch ein bisschen durch die etwas ländlicheren und merkwürdigeren Gegenden der USA gefahren, West Virginia, wo sie die Bergkuppen für offene Kohleminen absprengen, und wo die Opioidkrise Gesichter kriegt. Noch lieber vielleicht noch weiter nach Westen, aufs Ozark-Plateau – das teilen sich Missouri, Arkansas und Oklahoma. Viel zu weit weg für uns, und ich hatte es nach den vielen Meilen nach Nova Scotia sowieso mit dem Autofahren. Wir werden uns schadlos halten, indem wir demnächst mal wieder den Ozark-Film „Winter’s Bone“ einlegen. Schuhuu. Hinterwald, die Crystal Meth-Küchen, Familienelend. Fällt natürlich nicht unter die höchstpräsidentielle Kategorie „shithole countries“
Wir fahren stattdessen auf ziemlich geradem Weg durch Pennsylvania, an den Alleghennys entlang, stoppen für eine Nacht in Altoona – Auswahlkriterium: irgendwie klingt der Ortsname vertraut. Im total leeren Macy’s dort gibt es frische Unterwäsche, toll. Gespenstisch, leere amerikanische Malls…

Warnung in Trinidad

Ab dort sind es nur noch 2 Stunden bis Washington. Quartier im Ortsteil Trinidad, sehr lustig: ein „Self Check-in“. Strenge Regeln: 3 Zahlenschlösser gilt es zu überwinden. Wer zu früh eincheckt, dessen Reservierung erlischt. Seltsam. Wir sind pünktlich, die Zahlenschlösser funktionieren, dafür liegt der Zimmerschlüssel nicht wie verabredet auf dem Türrahmen. Alternativ käme das frei zugängliche „de luxe“-Zimmer infrage, es handelt sich dabei um ein mit Vorhängen abgetrenntes Kingsize-Bett im Flur, aber es ist leider belegt, das Zimmer (nicht das Bett, wie wir beim Vorhanglüften sehen können). Unser Schlüssel kommt allerdings umgehend von Gastgeber Jarryd („I am the Yoga-guy“; wir sind hier in Yuppie-Land…). Gutes Quartier –  in Laufentfernung mehrere Supermärkte inklusive ALDI. Und eine kostenfreie Straßenbahn zur Union Station, Washingtons Hauptbahnhof, gleich neben dem Kapitol. Zum ersten Mal in den 4, 5 Monaten, die wir hier sind, habe ich das Gefühl im richtigen US-Leben gelandet zu sein. Trinidad ist ein Mix aus heruntergekommenen Miethäusern, wo abends die (afroamerianischen) Bewohner auf der Straße sitzen, Musik machen, Domino spielen und irgendwelche „Geschäfte“ tätigen. Straßenschilder warnen, dass, wer mit Drogen handelt oder welche besitzt, strafrechtlich verfolgt wird – die Gegend erinnert mich an Donnie T.s Ausbruch zum rattendurchseuchten Baltimore. Wahrscheinlich war er noch nicht in dieser – seiner – Stadtregion, aber nach der Frequenz der überfliegenden Hubschrauber zu urteilen, wird er das von oben betrachten. Auf dem Hügel, auf dem wir wohnen, ändert sich das Bild, die Häuser werden zunehmend bürgerlicher, es wird viel um- und ausgebaut, Gentrifizierung (genauer gesagt: Re-Gentrifizierung!) überall. Die dusseligen Touristen von der AKKA schlagen am nächsten Morgen an der Straßenbahnstation auf, wissen natürlich nicht, wie das mit der Bezahlerei geht, da ein Ticketautomat fehlt, und fragen herum. Ha, sagt die ältere Dame mit der dicken Struma, das ist das einzige in Washington, was kostenlos ist… und schon sind wir mitten im Gespräch, an dem sich gleich mehrere Fahrgäste beteiligen. Wir reden über Mietpolitik und Arbeitslosigkeit, es wird überraschend offen über die derzeitige Regierung gelästert, wir werden befragt, wie das denn im sozialistischen Deutschland mit der Krankenversicherung geregelt ist. Bis die Bahn kommt. Es gibt auch andere Bewohner in diesem Viertel –  die sieht man  am Samstag auf dem Farmer’s Market (sehr schön aussehende!) Roggenbrote und organische Gemüse kaufen. Beförderungsmittel: statt Straßenbahn wahrscheinlich ein SUV vor der frisch renovierten Tür. Trinidad war bis in die 60er Jahre ein streng rassengetrennter Stadtteil, in dem zum Beispiel schwarze nicht ins gleiche Kino gehen durften wie weiße Einwohner – ich finde es unvorstellbar; das ist ja nicht lange her. Nach dem Mord an Martin Luther King war Trinidad ein Brennpunkt der aufflammenden Rassenunruhen, es folgte ein Total-Exodus der weißen Bevölkerung, Gangkriminalität kam auf, bis ab 2008/09 langsam Ruhe einkehrte. Aber wir waren ja nicht wegen eines „mixed feelings“-Stadtteiles gekommen: in Wahsington kann man sich für Sehenswürdigkeiten die Beine stumpf laufen.

Bitte recht freundlich! Das Kapitol.

Das Kapitol ist unser erstes Ziel, da nahe an der Endhaltestelle „Union Station“ (sehr schön anzuschauender, prächtiger Neoklassik-Bahnhof). Gucken. Unvorbereitete Besucher wie wir trappeln natürlich ins Besucherzentrum des Kapitols, bzw. die Schipperin tut’s, während der Eigner draußen fotografiert. Ich versuche Informationen zu bekommen, eigentlich nur über das Besuchsprozedere, aber davor hat die US-Regierung eine Sicherheitskontrolle gesetzt, wie doof! Ich stehe unschlüssig herum und werde dann auch gleich (un)freundlich hinauskomplimentiert, entweder rein oder raus. Zu zweit entscheiden wir uns dann für „rein“, was auch immer kommen mag. Sicherheitskontrolle mal gründlich, der Eigner hat etwas Metallisches im Schuh, ich frage, ob ich den Bügel-BH ablegen soll (siehe oben, mit Grenzposten und militärischem Sicherheitspersonal scherzt man nicht!). Dann sind wir drin und schließen uns einer kostenfreien Führung an – ach, wie war es doch vordem im „Capitolio“ von La Habana so bequem, mit nur 8 Leuten und einem enthusiasmierten Führer. Nett und begeisterungsfähig ist unsere Führerin auch, aber sie hat mindestens 30, 40 Schäfchen zu führen und diese durch mehrere weitere Hundertschaften von Besuchern zu schlängeln. Immerhin – Rassismus hin oder her! – sie ist afroamerikanisch und freut sich ihrerseits, als ich mich unzweideutig über die Statue von Rosa Parks im Alten Sitzungssaal freue; den Platz teilt Rosa sich mit Leuten wie Eisenhower, Reagan, Ford und anderen Geistern  der

Zu Nancy Pelosi hier entlang.

Geschichte, ich glaube, sie ist die einzige Frau… nein, stimmt nicht, es steht noch Frances Willard dort, Sozialreformerin und Suffragette. Nancy Pelosi – die hat gerade das Impeachmentverfahren angestoßen – ist nicht zu sehen, aber wir sehen den Eingang zu ihrem Office und rufen: „Go for it!“. Es fällt hier leicht, nicht p/c zu sein, ich hatte schon beim ersten Anblick des Kapitols von der Bahnstation aus einen bösen Blick kassiert, als ich fröhlich: „Oh, el Capitolio! Viva La Cuba!“ rief. Dummer Scherz. Also, so richtig doll fanden wir den Kapitolbesuch nicht. Wir streifen danach die National Mall entlang, das ist die Anlage, die sich zwischen Kapitol und Lincoln Memorial erstreckt, bekannt auf der Kapitolseite als der Tatort für den traditionellen Präsidentenamtseid  (Stichwort: „biggest crowd ever“ – wenn ich Michelle Obama glauben darf, deren „Becoming“ ich gerade angehört habe, waren die Schlangen damals länger… – der Besuchermengenstreit übrigens der Anfang vom Begriff „alternative news“). Das andere Ende der Mall ist bekannt von Martin Luther King und „I have a dream“ (und von Forrest Gump, der so wunderschön als Vietnamveteran in den Mirrorpool springt und „Jenny! Jenny!“ ruft).  In der Mitte der National Mall treffen wir auf zig ordentlich aufgereihte LKW-Zugwagen, die amerikanische Sorte, monströs und chromglänzend, reichlich mit Stars und Stripes geschmückt. Was denkt der Besucher da – ja klar: Nationalstolz, Republikaner und so… Reingefallen – es ist eine Wahlkampfwerbung des demokratischen Kandidaten Andrew Yang, einem Unternehmer aus dem Staat New York, der sich um Ausgleich für sozial schlecht gestellte Arbeiterschaft kümmert und die Trucker im Zusammenhang mit einer Diskussion um Digitalisierung des Arbeitsmarkts und Automatisierung des Straßenverkehrs einbestellt hatte. An einem kleinen Infostand wird sein Programm für ein bedingungsloses Grundeinkommen beworben. Viel zu links, klaro. Interessant!

Da schließt er sich gern an…

The Wall

Unsere Beine werden schon kürzer. Noch ein Museum: das Smithsonian für Afroamerikanische Geschichte – ein weiterer Fall für „da muss man sich für jede Etage einen halben Tag nehmen“, ein Nachmittag für das Ganze reicht bei Weitem nicht.
Noch schnell zum Weißen Haus gerannt – wenig beeindruckend, da „building the Wall“ auch hier im vollen Gang ist. Michelles Gemüsegärtchen wird wohl auch planiert sein, wie die meisten Obamaüberreste. Langer Weg heimwärts.

Das Kapitol, das Washngton Monument, die Marines

Der Plan für den nächsten Tag: “ … vom Lincoln Memorial zu Fuß entlang der National Mall, Abklappern der aufgereihten Smithsonian Museen“. Den abgelatschten Beinen zuliebe nehmen wir den 1-Dollar-Bus, gute Idee. Arlington lässt die Friedhofsliebhaberin für einen späteren Besuch aus. Am Memorial die volle Dröhnung militärisch angehauchten Nationalstolzes, es sind Mengen an

Veteranen unterwegs, viele davon in Rollstühlen – Golf, Vietnam (unser Alter), Korea (älter), 2. Weltkrieg (steinalt…). Leute gehen herum und schütteln den alten Herren die Hand: „Thank you for your sacrifice!“ Auf dem Weg durch den Park hatten wir schon eine Gruppe Marines bei Exerzierübungen gesehen; das Marine-Motto: „It’s earned – never given!“ steht groß am Bus. Verdient, nicht geschenkt. Eine ziemlich „besondere“ Truppe, sagt mir das.  Die Marines üben nicht zufällig dort – wir kommen in den Genuss einer ihrer

Lustiges Gewehrewerfen

Paradevorführungen. Doch, doch, beeindruckend, so ein auf den Millimeter abgestimmter Marschtritt, und dann dieses Gewehr-Geschleuder/-Gewerfe/-Geklacker… filmreif. Sie werden sich ihren Status als Marinessicher nicht allein mit Gewehrschleudern verdient haben – „A few good men“ mit dem wunderbar ekelhaften Jack Nicholson kommt mir in den Sinn. Code Red und so.  Die Veteranen sind jedenfalls begeistert.  Eine andere Welt. Mehr von der gleichen Welt gibt es kurz hinter dem „Mirror Pond“ –  der so heißt, weil sich das Washington Monument, dieser riesenhafte Obelisk, der mal das höchste Gebäude der Welt war, darin spiegelt. Zwischen Monument und Teich das neue Weltkrieg 2-Denkmal. 

Veteranen-Nichte

Es wird uns zu viel Militär, zu viel Nationalstolz, zu viel… Übermachtstreben, denke ich. Wir eilen weiter, der Nachmittag schreitet fort. Das Washington Monument kann man besteigen, aber wir erwarten uns nicht allzuviel vom schönen Blick an einem trüben Tag (ist ja auch ziemlich platt hier…)  und lassen die 680 Stufen ausfallen, ja, ’n Aufzug gibt es auch, aber trotzdem. Umso willkommener die Reihe der kleinen Vans mit Imbissangeboten, einer der Anziehungspunkte an der National Mall. Es gibt Falafel und sonst allerlei vom algerischen Einwanderer, der uns zu unserer Nationalität befragt. Lecker – wir sind dennoch zu erschöpft für den Besuch des Air&Space-Museums, befinden es auch für zu spät (gut so!). Stattddessen im Galopp durch die National Gallery of Arts – wir müssen nämlich aufs Klo. Damit ist Platz geschaffen für einen späten Kaffee auf der „Street H“, praktisch, diese Namensgebung – gegenüber wird gerade eine Eishockeymannschaft vorgestellt, dafür ist die Straße gesperrt, die Menge ist in knallrote „Capitols“-Hemden gehüllt und bejubelt die Helden, die einzeln im SUV angekarrt werden. Danach Chinatown und endlich die Straßenbahn heimwärts. Uff.

Der Flieger der Brüder Wright. Genau der. Original.

Noch ein Tag in Washington… früh los, damit wir das Air&Spacemuseum zeitig hinter uns bringen. Kurz nach 10 sind wir da, kurz nach halb 6 sind wir wieder raus. Noch Fragen? War gut. Voll fertig, vollgepumpt mit alten und neuen Fakten. Die ersten paar Stunden sind wir allein unterwegs, trotz (magerem) Audioführer etwas verloren, danach ein super Führer in Menschengestalt –  so etwas brauchen AKKAnauten, wenn sie  nachvollziehen wollen, wie das bei den Brüdern Wright so war, oder bei Amelia Earhart. Von Wrights Flieger (der ja wirklich „Flyer“ hieß) am Strand von Kittyhawk in 65 Jahren zum Mond, sehr klasse.

Und dann heimwärts zur AKKA, 3 Stunden sind es noch. Zum Abschluss ein kleiner Spaziergang über das Schlachtfeld an der Slaughter Pen Farm bei Fredericksburg, das Bürgerkriegsgrauen schlechthin: 13.000 Tote in 3 Tagen, einfach so aufeinander zugerannt, weil sie sich über die Sklaverei nicht einigen konnten (Geschichte in einem Halbsatz…) – und eine nicht gar so kleine Unterhaltung mit einer Frau, die wir dort zufällig treffen. Amerikanerin mit britisch-deutschen Wurzeln, die nach einem Weg „aus dem System“ sucht und über die Stimmung unter den nicht-regierungskonformen Amerikanern erzählt. Ein guter Abschluss für unseren Ausflug ins „richtige“ Amerika. Irgendwo zwischen versöhnlich – weil es solche Leute gibt, die auch den Mund aufmachen – und erschreckend, weil von ihr geäußerte Skepsis mit unserer übereinstimmt. Gut.

Dann nur noch „back at the AK-KA-KA-KAA“. Eigene Koje. Kalt ist es mittlerweile. Heute (20.10., man beachte das Erstelldatum!)  heult draußen auf dem Atlantik Nestor vorbei und überzieht uns mit seiner Regenschleppe. Mal schauen, ob AKKA aufschwimmt.

Ozean? Am Rande!

Indian Summer!

Montreal, 28.9.2019

Ein Update von den AKKAnauten, wer hätte es gedacht?!
Wir sind in Montreal, AKKA steht derweil brav auf Holzklötzen und, wie wir hoffen, nicht allzu tief im Matsch. Wenn es regnet in der Chesapeake Bay, dann tüchtig, zum Beispiel, wenn Hurrikan Dorian draußen  vorbeizieht. Für uns ein wahrlich regnerischer Tag, der auch sein Schönes hatte: es rauscht mal wieder Wind in den Kiefernwipfeln, ein ganz ungewohntes Geräusch mittlerweile. Spannendes gab es für uns vom anderenorts schrecklichen Dorian nicht – außer einem beachtenswerten Hochwasserstand: wo wir kurz zuvor noch am Steg vor der Slipanlagegelegen hatten, guckten gerade noch die Enden der Dalben aus dem Wasser.

Wir haben lange herumgebastelt, Wintervorbereitungen getroffen zum Beispiel. Man weiß nicht, wie sich das in der Chesapeake Bay macht – so richtig tief fallen die Temperaturen nicht, die Angaben sagen allerdings „höchstens mal ein paar Tage unter Null“; das reicht aber, um alle Wasser führenden Leitungen entleeren zu müssen oder mit Frostschutz zu versehen. („Unter Null“ klingt auf amerikanisch übrigens furchtbar: „minus 50 / minus 60“. ° Fahrenheit).
Erstmalig hatten wir auch mehr Mühe mit unsererm Coppercoat-Antifouling, denn die Chesapeake Bay ist ziemlich berühmt für massiven Bewuchs, und so haben 14 Tage vor Anker gereicht, um AKKAs Rumpf mit vielen, kleinen Crustaceen-Pünktchen zu besiedeln. Eigentlich kein schreckliches Problem, wenn man denn nicht nach dem Druckstrahlen den Rumpf trocknen lässt und – der Hitze wegen! – erst Tage später daran geht, die Fußabdrücke der Seepocken abzukratzen, dünn, aber oho, gut durchgehärtet… Die gängige Meinung der ortsansässigen Hardware- und Schiffszubehörshops für die Entfernung sieht meist Salzsäure vor –  nicht unser Ding. Also haben wir in 1-Gallon-Plastikflaschen (davon sind 3 zur Zeit an Bord unseres Autos, zweimal Wasser, einmal „Abwasser“, Ihr wisst, „reuse, repurpose, recycle…“) investiert und reichlich Küchenessig gekauft, Küchenpapier darin getränkt und einwirken lassen. Mit ein bisschen Fluchen, denn manchmal fällt einem so ein essignasses Tuch bei Überkopfarbeiten dann aufs Haupt… 3 Arbeitstage hat’s gedauert, ungefähr. Die benachbarte „Treib(t) gut“ mit ihrem dicken Bart auf Standardantifouling entschliesst sich daraufhin dann doch für die Salzsäurekur…

Aber Ende der Bummelei gut, alles gut, noch schnell Dorian durchwinken, und ein paar Tage „…aber morgen fahren wir dann!“. Na gut – dann eben am Mittwoch. Der Donnerstag bricht an… Treib(t) Guts luden uns schon zum Michels Geburtstag ein „…falls Ihr dann immer noch…“. Aber nein, das ist der Anreiz, das NAJA_Auto mit Campingkisten und Gepäck vollzuwerfen und aufzubrechen. Am späten Nachmittag. Plan A: an der Kreuzung in der Ortsmitte gibt es ein Seven Eleven, da kann der erschöpfte Tourist sein Nachtlager einrichten. Kilometer 1 wäre damit abgehakt. Aber nein, wir schaffen es noch bis Maryland… All die Wunschziele (Washington, New York) lassen wir nun rechts und links liegen, in der Ferne erzeugt die Skyline von Manhattan ein bisschen Gänsehaut, Verkehrswunder zwingen uns (bzw. der etwas ungeschickten Beifahrerin) allerdings doch eine Rundfahrt am Hudsonriver, durch Washington Heights und die nördliche Bronx auf. Man muss ja dafür sorgen, sich wie zu Hause zu fühlen, also mitten rein in den freitäglichen Berufsverkehr, wenn man die Brückenabfahrt an der Washington Bridge versemmelt (übrigens etwas, was mir noch mehrmals passieren soll, die Autobahnführung ist verwirrend, und dann gibt es hier auch kein Rechtsfahrgebot, ts-ts-ts; die Navigatorin muss manchmal tief atmen). Next stop: New Hampshire, ein Lehrstück in „billiges Motel=schlechte Betten“, das macht „Rücken“, und so legen wir eine zweitägige Pause in Boston ein. Tolle Stadt – und wir beginnen, die USA ein bisschen zu mögen. Kolonialgeschichte, Revolutionsgeschichte. Rentnerbank-Drücken am Hafen. Ein Food-Festival. Ein ziemlich doofer Tritt in eine Touristenfalle namens „Boston Tea Party Museum“ – jaa, es war ganz lustig, ein Historien-Disney zum Mitmachen, wir waren die Brüder Pitts und durften Teekisten ins Wasser schmeißen (was nicht ganz der Wahrheit entspricht, denn der Tee wurde aus den Kisten ins Wasser geschaufelt…). Etwas entnervt von der Show spazieren wir durch die Stadt, und so passiert uns eine sehr gute Führung durch das Haus von Paul Revere. Das ist der Mann, der mit einem nächtlichen Ritt 1774 das Umland vor einem Angriff der Briten gewarnt hat und im Endeffekt mit der Schlacht bei Lexington die Ablösung der USA vom Königreich eingeleitet hat – es zeigt sich immer wieder, dass Führungen eine Bereicherung sind. Da vergeben wir gleich 10 „Likes“. Der nächste Tag ist kalt und trübe, wir eilen durch Maine, im letzten Woolworth vor der Grenze nach Kanada besorgen wir nicht nur Essen, sondern auch ein rot-schwarz kariertes Holzfällerhemd für den Herrn (if you are in Canada, do like the Romans Canadians  do) und ein Sixpack Socken (bei Woolworth gibt es keine Einzelpaare, und ein Sixpack ist das Minimum… wir erwerben auch keine Fleeceanzüge für Halloween, Fleece ist verständlich in dieser Gegend, aber bitte nicht als Spiderman. Oder Kuh mit Euter). Wir haben uns ein Motel mit indischer Bewirtschaftung ausgesucht und siehe da – Montags Küchen-Ruhetag. Frech, dabei hatten wir uns auf Naan und Korma gefreut! Die freundliche Landlady, sehr jung, und möglicherweise frisch nach Kanada verheiratet, klagt: „… ich hasse die Kälte!“, das Thema wird uns jetzt noch weiter beschäftigen.

Wir sind so im Schwung, dass wir nun doch meinen alten Traum wahrmachen und zwar nicht nach Labrador reisen, aber immerhin doch zum „Lac Bras d’Or“ auf der Insel Cape Breton in der Provinz Nova Scotia, von wo man die Fähre nach Neufundland nehmen könnte. Könnte, aber nicht wollte. Das Wetter entscheidet sich für  „herbstlich hold“, der Indian Summer beginnt bereits, aus dem Dunkelgrün der Nadel- und dem helleren der Laubbäume ragen vorwitzige knallrote Zweige hervor. Sehr hübsch! Das Gefühl ist schon arktisch-frisch und recht skandinavisch – ich bin sicher, meiner Familie würde es hier gefallen! Der „Lac“ ist ein Salz- und Brackwassersee, zwar rundum von Land eingeschlossen, aber über Meerengen und Fjorde mit dem Atlantik verbunden. Ein Augenschmaus!
Die Funkerin der AKKA muss natürlich nach Sydney, Kohle- und Stahlproduktionsort im Norden der Insel und die Stelle, an der Marconi seine erste drahtlose Funkverbindung nach Europa hergestellt hat. Eine National Historic Site of Canada. Super?! Nix da! Außer einem Schild „wird im Juli 2019“ (!) wieder geöffnet und ein paar Fundamenten für die ehemaligen, riesigen Antennentürme nüscht gewesen – aber man kann sehr weit nach Irland hinüberblicken; nun ja, nicht ganz. Dafür hat Cape Breton noch eine Touristenbelustigungsentschädigung bereit: Louisbourg, das der Eigner gern besuchen möchte – hätten wir nur gewusst, dass Herr Marconi verschwunden ist, wäre mehr Zeit gewesen. Louisbourg ist ein Fort aus der Franzosenzeit, das nicht nur als Garnison am Eingang zum St. Lorenzstrom diente, sondern auch einen wirklich reichen Handelsstützpunkt schützte. Zu den mehreren Tausend Soldaten und Kaufleuten kamen sommers noch einmal mehrere Tausend Fischer aus Frankreich, Spanien und Portugal hinzu, die vor der Stadt lagerten. Noch heute eine erfrischend anzusehende Mischung aus Militär- und Zivilsiedlung: wir sehen, wie die Schafherde abends ins Gatter getrieben wird (gar nicht wahr, die wussten, wo die Leckerlis liegen und köttelten ihren Weg freiwillig durchs Museumsgelände…). Eine rundliche Bauersfrau, wie alle hier im Originalkostüm, trägt ihren Korb mit Lauch und Zwiebeln heim, klaut den Hühnern noch ein paar Eier (Protestgeschrei!) und spricht den beiden Ziegen gut zu: Divina ist, wie sie sagt, eher teuflisch veranlagt, ihre Lieblingsziege ist Antoinette, die sich auch von uns zwischen den Hörnern kraulen lässt. Eine „Hausmagd“ sortiert Möhrenkraut zum Färben „für den nächsten Sommer“, beim Bäcker kaufen wir Soldatenbrot, so gutes, dass wir beim Rückweg ganz enttäuscht sind, dass wir keinen Nachschlag mehr besorgen können. Es ist merkwürdig: die Leute sind so gut geschult, dass man ihnen das Leben in diesem Fort ohne Weiteres abnimmt. Die Magd erklärt uns, warum die französischen Flügel-Fenster hier keine gute Idee waren, sie sind noch heute undicht (im Gegensatz zu den amerikanischen vertikalen Schiebefenstern. Und auch zur norddeutschen Technik der nach außen öffnenden Fensterflügel, möchte ich anmerken).. Ein Soldat, der auf der Bastion Wache schiebt, kann uns zum Schluss Militärisches erzählen, auch zum Nachteil, den die Franzosen hatten: die Briten waren einfach besser organisiert, sie waren besser ausgebildet, konnten besser zielen und bildeten eine disziplinarische Einheit. während den Franzosen in Kriegszeiten plötzlich hochrangige, aber der Situation unkundige Offiziere aus Übersee vorgesetzt wurden. Schlecht, und so kam es das Louisbourg zweimal den Besitzer wechselte. Schöner Tag, trotz Marconi-Pleite.

Kommt der Freitag der weltweiten Klimastreiks. Haben wir mit unserer Reise mit dem NAJA-Auto unseren CO2-Fußabdruck ohnehin deutlich vergrößert, schaffen wir es leider nicht, das Ende der Demonstration in Halifax zu erreichen – nach 2/3 des Weges erreicht uns der Anruf unseres Campingplatzes, dass da einer von uns seinen Rucksack hat stehen lassen. Mit Rechner und Pass und all dem. Macht fast eine ganze Tankfüllung, ausgerechnet heute. Ein Treppenwitz…
Aber auch Halifax ist eine nette Stadt. Die Unterkunft bei einem chinesischen Ehepaar ist ein „self check’in“, da die beiden im Ferienhaus sind – also teilen wir das Stadthaus mit einer weiteren Mieterin, sehr erfreulich. Viel Gelaufe, ein tolles Auswanderermuseum, quasi das Gegenstück zu Bremerhaven, und viel Einblick in ein wirkliches Einwandererland. Wer 5 Jahre bleibt und arbeitet, hat ein Anrecht auf Einbürgerung, und die allermeisten richten sich tatsächlich mit dem langen Winter ein und bleiben. Nach langen Jahren der rassistisch orientierten Einwanderungspolitik ist heute auch in dieser Hinsicht vieles leichter geworden. Wir finden: die Toleranz untereinander ist groß (wenn das ein durchreisender Mensch beurteilen kann).
Noch einmal Geschichte an der Zitadelle, und noch mehr im Maritime Museum. Natürlich Schiffstechnik, aber auch das schauderhafte Explosionsunglück vom Dezember 1917, als ein brennendes Munitionsschiff die halbe Stadt in Schutt und Asche legte – die größte menschengemachte Explosion bis zu den Atombomben… Die Titanic-Abteilung – von bzw. nach Halifax liefen Rettungsmaßnahmen mit der Carinthia und die Bergung von Opfern. Interessante Statistiken über die Opferzahlen: „Frauen und Kinder zuerst“ hat gewirkt. Die meisten Opfer waren Männer, die meisten davon wiederum in der 2. Klasse. Für die 3. Klasse und die Besatzung ging es ganz schlecht aus.

Auf dem Weg nach Quebec regnet es unablässig, trübe, trübe, aber in der Stadt selbst erwischen wir einen kalten Tag ohne Niederschlag, dafür mit einer wirklich tollen Stadtführung, zu Fuß. Marie (nenne ich sie), die Frau, die uns durch die Stadt und durchs kanadische Leben leitet, macht das wunderbar, eine Historikerin mit einerm Hang zur Beschreibung des täglichen Lebens – Politik, Mieten, Löhne, Gesundheitssystem, dazu Churchill und Roosevelt im Chateau Frontenac; das ist ein Hotel der kanadischen Eisenbahngesellschaft, das so neo-romantisch/gotisch/was auch immer ist, wie es aussieht, nämlich ab 1890 bis 1920 errichtet, Projektmotto: „let’s make Quebec look older than it is!“. Poutine, der schreckliche Käse-Kartoffelschlabber (den wir noch nicht probiert haben, es sieht einfach nicht gut aus). Präsident Taft, der wegen eines „Hilfe, ich stecke in der Badewanne fest!“-Unfalles nicht ins Frontenac ziehen wollte, kommt vorbei, und natürlich Wolfe und Montcalm, die gegnerischen Generäle, die man auf einem gemeinsamen Obelisk ehrt; sie haben beide die entscheidende Schlacht 1759 an den Plains of Abraham nicht überlebt – eine Schlacht die nach wochenlanger Belagerung in nur  20 Minuten zur britischen Übernahme der Stadt führte, man hatte einfach immer an der falschen Stelle versucht… Fortan fürchteten sich die Quebecois eher vor den Amerikanern als vor den Briten. Die Story, warum die Franco-Kanadier sich 1775 nicht den USA angeschlossen haben?! Die Amerikaner hatten als Argument geliefert, dass man so nicht nur die Briten, sondern auch den Papst loswerde – das geht ja gar nicht in einem katholischen Land: Quebec blieb unter dem (gnadenlosen?!) Einfluss der katholischen Kirche, und so ist die Provinz Québec bis heute französisch, säkularisiert zwar, aber die französische Kultur wird, seit der Einfluss der Kirche („…furchtbar!“, sagt Marie, die Klosterschülerin…) in den 60er Jahren eingebrochen ist, durch Gesetze der Provinz geschützt. Französisch ist die erste Sprache, und wenn die Queen zu Besuch kommt, registrieren die Quebecois das, wenn überhaupt, „mit mildem Interesse“. Wir hätten noch Stunden zuhören und gucken mögen. „Tours Voir Québec“, Quebec City Walking Tour. Total empfehlenswert.
Kleiner Nachschlag am nächsten Tag, hier wissen wir sogar den Namen der jungen Führerin: Sarah zeigt uns das Fort von Quebec (das noch immer eine Militärbasis ist und daher nur mit Führung zu besichtigen ist). Hier sitzt heute die vortreffliche Julie Payette als Generalgouverneurin, mit einem tollen Blick über den Strom und die Stadt – muss ja, man musste ja sehen gegen wen man sich verteidigt. Na gut, an diesem Tag ist die Sicht gemäßigt… das benachbarte Chateau Frontenac steht im Nebel, und an uns läuft der Prasselregen nur so herunter (ein Hoch auf meinen australischen Lederhut… der Eignerhut, südafrikanisch und aus Stoff, hält dem nur kurz stand), aber egal, wir sind dennoch gebannt. 

Eins meiner liebsten „Plakate“

Und schon sind wir ein Städtchen weiter, und marschieren mit 315.000 (sagt die Polizei) bis 500.000 Menschen (sagen die Veranstalter) fürs Klima durch Montreal. Die Stadt hat den Tag zum Kulturtag erklärt, Autoverkehr in der Innenstadt ist abgewürgt, dafür dürfen wir von Longeuil mit dem Zug kostenlos anreisen, die Menge ist faszinierend bunt, auch faszinierend jung (wir sind mit Abstand die Ältesten!), und die

… oder doch das hier?!

Reden der ortsansässigen Aktivisten, z. B. die der „first Nations“, sind ausreichend mitreißend (es hapert ein bisschen an der Akustik, dadurch wird Französisch anstrengend…). Zum Abschluss die berühmte Greta. Wir wünschen uns unabhängig von Personen, dass die Bewegung ihren Schwung erhält, und dass wir alle gute Ideen zur Abwendung der drohenden Katastrophen entwickeln. Mitmachen!

Und nun? Weiter am Rande des Ozeans wieder nach Süden. Irgendwie. Kanada hättte mehr verdient als nur eine Stippvisite.

Landleben

Deltaville, 26.8.2019

Da stehen wir also wieder an Land. Eine ganze Weile schon, und wenn es schon nicht freundlich schaukelt, dann muss man sich andere schöne Sachen suchen, um über den Nachttopf (insbesondere das Fortbalancieren desselben) und die 3 m Leiter hinwegzusehen.

Der blaue Blob sind wir. Norfolk wäre unten mittig, oben links Washington

Deltaville ist ein Ort am Arm der Welt, mitten in Trumpland, also dem richtigen Trumpland, da, wo ihn alle gewählt haben. Fast alle. Nachdem ein Mitarbeiter hier anfangs schon durchblicken ließ, was er vom Präsidenten hielt, hatte ich kürzlich ein sehr nettes Gespräch zwischen kalifornischem Wein und Einweg-Eiswürfeltüten mit Meredith, die meinte, sie sei in Virginia (oder, Gott bewahre, North Carolina!) einfach am falschen Platz.  Auch sie hatte sehr herzliche Worte der Abscheu für die derzeitige Regierung parat. Wir staunen täglich über brillante Ideen aus Washington, gerade dieser Tage kam mal wieder die Atombombe gegen Hurrikans hoch. Genial!

Will sagen: wir lernen jetzt, USA zu verstehen, so weit es geht. Wichtig sind in jedem Fall Aufsitzrasenmäher, dazu viel Platz um die Häuser. Wald, Maisfelder, Wald. Dann Rasen, Rasen, Rasen, Rasen, weißes Haus (!), Rasen, Rasen, Fahnenmast mit Stars & Stripes, Rasen, Rasen. Selbst die Gartenabteilung im Lowe’s Baumarkt heißt „Lawn & Garden Products“, nicht etwa „Gärtnern“. Rasen zuerst –  der Selfmademan von heute wäscht nicht mehr Teller, sondern mäht Rasen. Der Sonderlichkeiten sind noch mehr (wir sind wirklich meckerige europäische Landpomeranzen), zum Beispiel: für das Luftpumpen an der Tankstelle muss man 5 Quarter einschmeißen, 1,25 US$; dafür darf man beim ersten Pumpen beim Tankwart nachfragen, wie das funktioniert, denn es heißt, dass das Manometer an der Spitze des Befüllrohres angebracht ist. Da ist aber nüscht! Zumindest nichts, was man sieht. Die Tankwartin hilft uns auf die Sprünge, denn wenn man den Schlauch ansetzt, schiebt sich eine schnöde Messzunge aus dem Rohr. Landtechnik, wer denkt an so etwas.

Im Übrigen gibt sich Virginia ziemlich gewöhnlich: die Landstraßen – es ist ja recht weiträumig hier! – sind alle paar Meilen gesprenkelt mit ländlichen Geschäftszentren, bestehend aus Tanke, SevenEleven-Laden, vielleicht einer Autoreparatur oder einem Gebrauchtwagenhändler, günstigenfalls auch einem Landhandel oder Baumarkt und unfehlbar einem Dollar-Shop (um den Bedarf an Unnützem zu decken). Leider gibt es wenige Kaffeeläden, das mindert den Eindruck, und da mein persönlicher Bedarf an „Schönem“ à la Glasmöwen und Patchworkdecken äußerst gering ist, sind auch die kleinen Kunst- und Kunsthandwerkläden wenig attraktiv. Aus all dem – Tankwart, Überland etc. geht hervor, dass wir einigermaßen mobil sind, denn ohne Auto ist man hier nur aufgeschmissen. Die Segelyacht Naja hat uns für ihre Abwesenheit das Nutzungsrecht an ihrem Auto überlassen, das erleichtert Transporte und Sightseeing ungeheuer, denn ÖPNV… ist nicht. Ich bemühe mich dennoch, das meiste per Fahrrad zu erledigen, immerhin bietet Deltaville Post, Baumarkt und Canvas-Näher in der einen Richtung und Supermarkt, Gemüsestand und … jaa! einen Dollarladen in der anderen. „Hurd’s Hardware“, der Baumarkt (Haushaltwaren, Kleider, Haarpomade – also echter Landhandel)  wird öfter mal frequentiert. Frostschutz und solche uns völlig unbekannten Dinge stehen wieder auf der Liste – als ich mich bei einem der am Wochenende einfallenden Nachbarn über die maßlose Hitze auslasse, meint der trocken: „… Eiskratzen kommt schneller als gedacht!“. Pfui. Vom Regen in die Traufe.  Palmen waren mal – jetzt sind Kiefern angesagt (was ungemein gut riecht!).
Der Eigner verbiegt sich den Rücken beim Einbau des neuen Heißwasserboilers –  ich sitze im Cockpit und höre ein klägliches „… kannst Du mal zum Motorraum kommen?“ und scherze: „… und jetzt muss ich Dich da rausziehen?“  Genau, das war’s.  Ich versuche mich an mittelmäßig Feinmotorischem, indem ich das Steuerrad mit einem neuen Lederbezug versehe, im „Herringbone Stitch“. Fischgrätenstich. Handarbeitsunterreicht, 3. Klasse. Nützt allerdings wenig, wenn das Leder zu breit zugeschnitten ist, ein Fehler vom Lieferanten, der mit den Millimetern und den Zollmaßen etwas durcheinander kam. Heute kommt das Ersatzleder an…. auf ein Neues.
Mein Korrekturleser bittet um ein paar Positiva – die kann ich gern liefern: die Marina/der Boatyard bietet lecker warme Duschen (in eiskalt heruntergekühlten Räumen). Eine Terrasse mit reichlich Grillgelegenheit (die frau auch zum Brotbacken nutzt). Angrenzend ein Pool, wo man abends zur Entspannung ein paar Bahnen ziehen kann (es beginnt schon kalt zu werden, das ist gemein!). Der Boatyard ist weitgehend unbelebt, und es ist unglaublich still hier, nur die Schrecken und Frösche singen uns ihre Lieder. Und wirklich nette Leute gibt es hier – vielleicht, solange man die Politik außer Acht lässt. Ein Gespräch mit einem Herrn wäre kürzlich fast auf die schiefe Bahn geraten – einer von denen, die eine Studie eines Klimaforschers gelesen hatten, aus der hervorgeht, dass alles total prima ist… –  dabei hatten wir mit einem Konsens über die schlechte Wasserqualität der Chesapeake Bay begonnen. Die Schlüssel-Stichworte kamen von mir: Nährstoffeintrag, menschlicher Einfluss. Sag sowas nie!

Da steht sie im Gebüsch!

Gerade sitzt wieder unser freundlicher Besucher, ein leider sehr fotoscheuer Cardinal, auf dem Besan – das ist nett! Er lässt grüßen! Wie kann ein kleiner Vogel so rot sein?! Weißkopfseeadler nisten auch hier. Es gibt hier sogar Kolibris –  bis der Winter einbricht. Ich denke aber, dass unsere Begleiter seit North Carolina, die Fischadler, uns die Wintertreue halten werden, denn bei aller Kälte friert die Chesapeake Bay selten zu, und schon gar nicht für längere Zeit. Das müssen diese schreienden Gesellen dann aushalten.  Wir auch!

Norfolk

Kein Witz. Oder doch?

Deltaville/Virginia, 23.7.2019

One night in Bangkok makes a hard man humble… 6 nights in Norfolk allerdings auch. Nicht wegen der (mangelnden) Exotik in Virginia, sondern – ha, puuh: man ist von der Navy umzingelt, und das färbt jeden anderen Eindruck. Angefangen hatte der Eindruck schon diverse Meilen vor dem Great Bridge Battlefield, als uns die Jungs und Mädels vom Navy

AKKA umschwärmt. AWACS Schulflugzeug

Airfield mit ihren Übungs-AWACS-Flugzeugen umkreisten, ein paar  Akzente lieferten dazu startende Kampfjets; das war nur ein kurzer Spuk, danach war bald wieder Ruhe.

In den Docks

Aber Norfolk – das ist die größte Marinebasis der Welt, es  lässt sich nicht leugnen. Amerikanische Stadt mit Navy, Navy und Navy. Im Rundblick vom Ankerplatz: nach Süden liegen in den Docks 8, 10, 12 Werft-Restaurationsobjekte auf einen Blick, und alles in „battleship gray“ (so nannte sich das Grau der alten Jaguars… Briten halt). Auf dem Westufer des Elizabeth River ist Portsmouth, ein Ort mit Marine-Schiffsbau in der harmlos-hübsch anzusehenden Historie, denn hier wurde das erste Kriegsschiff mit Eisenarmierung gebaut, in den 1860er Jahren. Ging auch nicht immer gut mit diesen schweren Dingern. Was umzingelt noch? Wir liegen vor „Hospital Point“, das heißt vor Amerikas ältestem und immer noch größtem Marine-Hospital. Nach Norden werden gerade zwei saudische Eisenbahntransporter (?!) in „Battleship Gray“ umgebaut. Auf der Norfolkseite staht das „Nauticus“, ein großes Schifffahrts- und Meeresmuseum, dessen Kernstück gleich hinter dem Hauptgebäude um die Ecke lugt: No. 64, auch bekannt als „The Wisky“. Die Wisconsin, das letzte amerikanische Schlachtschiff der „IOWA“-Klasse. Ein Monster aus dem Jahr 1943 –  und Navy-Skepsis hin oder her: das müssen wir natürlich angucken.

Ein Schlachtschiff in der Stadt. Die Wisconsin

 

Zur Orientierung gibt es eine „Naval Rover Tour“, was nichts anderes ist als eine Hafenrundfahrt mit Schwerpunkt Militär. Wer Glück hat, läuft wie wir zur Einstimmung über das „Armed Forces Memorial“: um den Flaggenmast am Town Point liegen 20 in Bronze gegossene Briefe verstreut, teilweise scheinen sie vom Wind angehoben zu werden – das sieht hübsch und „leicht“ aus, ist aber schwere Kost zu lesen. Keiner der Briefschreiber hat den jeweiligen Krieg überlebt – Revolutionskrieg, Sezession, die beiden Weltkriege, Korea, Vietnam, erster Golfkrieg. Nur wenige heroische Worte findet man, dafür viel Nachdenkliches zum Sinn und Unsinn der Situation, in der sich die Schreiber (inklusive einer Krankenschwester) befinden, auch offen Kritisches, das nimmt uns sehr für die Macher des Memorials ein.
So „gebrieft“ steigen wir auf unsere Barkasse – schönes Wetter, der Guide hüllt uns in eine Wolke von Superlativen. Es beginnt eher harmlos mit Zahlen zu den Trocken- und Schwimmdocks und den Containeranlagen für den zivilen Teil des Hafens. Ein paar große Containeranlagen später wird es dann richtig militärisch. Und unheimlich. Gigantische Versorger, genannt „Navy-Walmart“ sind da noch harmlos anzuschauen. Zerstörer, Ro-Ro-Transporter für schweres Gerät, Landungsboote, Spezialschiffe für ganz flache Gewässer. Die U-Boot-Pier, wo zwei von diesen immer bedrohlich ausschauenden Viechern über das Dock schauen. Die Route führt an einem endlosen Zaun entlang, vor dem gelegentlich Militärpolizei mit Maschinengewehr am Bug Wache schiebt –  besonders lustig eine Geheimpier, die so geheim ist, dass man außer der Absperrung für ein Boot nichts sieht. Stealth-Kampfschiffe mit merkwürdig verformten Aufbauten. Bemerkenswert auch, dass die Anlagen leer erscheinen – der Guide preist, dass man so auf jeden Fall von jeder Kategorie ein Schiff zu sehen bekäme, der Rest sei leider unterwegs. Wo um alles in der Welt sind die alle? Iran? Korea? Vielleicht ja auch in Europa, um Boris zu unterstützen und Emmanuel M. und Angela vors Bein zu schießen… Der Umkehrpunkt auf der Tour ist der Flugzeugträger John C. Stinnis, bei dem man gerade den Atomreaktor auswechselt, nach 25 Jahren ist das ein Routineeingriff (man weiß gar nicht, wie lange die durchhalten würden).  Alles natürlich in weitem Abstand, und, nachdem alles gesagt ist, werden wir unter Abspielen diverser America-the-Beautiful-Hymnen zurückgeschippert. Eindruck: überwältigend im negativen Sinne. Mir kommt der Gedanke, dass allein der Anschein dieser Übermacht jeden Gegner davon überzeugen muss, dass da nur eines hilft, nämlich „die Bombe“. Wirklich zum Gruseln. Finde ich. Der Eigner ist mit seiner Luftwaffenvorbildung ein bisschen gelassener (Hauptausbildungspunkt außer Fallschirmpacken war wohl Luftraumbeobachtung, kurz: LRB = Liegen, Ruhen, Bräunen –  solcherlei Scherze bleiben mir hier eher im Halse stecken).

Nächster Punkt: Nauticus-Museum. Schön gemachtes Museum mit allerlei zivilem und militärischem Exponat, nachgebaute Schiffsbrücken, das normale Leben an Bord eines Schlachtschiffes, Pazifik-Kriegsstories und Meeresnatur obendrein. Und eben… Wisky. Was ist das für ein Monster! 1934 vom Kongress genehmigt, mit der kostensparenden Maßgabe, dass alle 4 Schiffe durch den Panamakanal passen müssen –  diese Schlachtschiffklasse stellte quasi die ersten Panamax-Schiffe dar. Je eine Handbreit am Bug, am Heck und an den Seiten muss in der Schleuse reichen. 1941 auf Kiel gelegt, nach Pearl Harbour dann beschleunigt weitergebaut, ging sie 1943 in Dienst und nahm an den schrecklichsten Schlachten des Pazifikkrieges teil; Stichwort Iwo Jima, zum Beispiel –  wirklich furchtbar anzuschauen und sich vorzustellen. Die drangvolle Enge eines zwar gigantischen, aber überbelegten Schiffes mit 2800 Mann Besatzung. Keine Klimaanlage, dafür wurde gern an Deck geschlafen und auch mal ein Teakdeck-BBQ agehalten, wenn nicht gerade der Feind mit Kamikaze drohte.  Diese riesigen Kanonen. Natürlich klettern wir durch einen engen Einstieg in einen der Geschütztürme. Bevor wir uns versehen ist der Tag um, wir werden mal wieder aus einem Museum geschmissen. Kurze Verhandlung an der Kasse, jammer, jammer – wir waren so spät, und können wir nicht vielleicht morgen wiederkommen?  Dürfen wir, wir bezahlen allerdings für eine erweiterte Navy-Show ordentlich drauf, dafür ist es sicher interessanter als ein Tag in Disneyland. Wir buchen nämlich die „Engine Room Tour“ und anschließend noch „Command & Control“. Engine Room ist klasse, man vergisst ein bisschen, wo man ist – es könnte halt jedes dampfturbinengetriebene Schiff sein, aber die Ausmaße schmeißen einen um. Im

Hamrlos. Nur riesig – der „Broadway“

Schiffsbauch gibt es den „broadway“, ein mehrere hundert Meter langer Gang mit einer verwirrenden Zahl und Anordnung von Leitungen. Die Steuerung des Schiffes ist auch so einfach nicht: für jeden Propeller gibt es Boiler und Turbine, die abgestimmt werden wollen, der Heizer heizt fröhlich, die Turbinencrew will nicht so viel Druck, der Käptn will Gas geben – das geht alles über Stockwerke… Wir waren gewarnt worden, dass ein „decent amount of ladder climbing involved“ sei. Stimmt. War wirklich gut!  Das Ganze wird von Pete vorgeführt, Pete, der bestimmt als Peter geboren ist, in der Nähe von Hamburg, und mit den Eltern gleich nach dem Krieg als Kleinstkind ausgewandert ist. Er lässt wenig von seiner Marinehistorie durchblicken, aber hat viel Interessantes beizusteuern, inklusive Anekdoten zu den Knochenjobs, Boilerreinigung (nur für die ganz jungen, ganz schlanken…), Heizer (die mussten aufpassen, dass sie nicht vertrocknen). Pete interessiert sich im Anschluss an seine Engine Tour für die unsrige („…wie macht Ihr das denn mit den Zimmerpflanzen zu Hause?!“). Sehr nett!
Kommt die Command&Control-Tour in Gestalt von Doug, da geht es schon kerniger zu – über die Gangway kommt ein Mann heran, verharrt, salutiert. Was macht der Typ da?! Ah, die Stars&Stripes am Heck!  Fahne grüßen (machen wir ja auch morgens, „Moin, Konrad!“).  O.k., das ist also Doug. Doug fragt die – mit 20 Personen ungleich größere  – Gruppe erst einmal nach Navyerfahrung ab, haben wir einige zu bieten, das macht ihn zufrieden. Junge, Alte, Aktive, Vets, alles dabei, dazu eine kleine oberschlaue Schülerin, die uns fortan die Last des „dumm Fragens“ abnimmt, und ein „Assistent“; die Führungen auf diesem verwirrend großen Schiffe bedürfen eines Wachhundes, der die Reste der Gruppe zusammenfegt und -scheucht, und dieser Assistent ist, wie die meistens Museumsguides hier, ein Volunteer und dieser ein High School-Schüler und Marinenarr. Der weiß viel Kleinkram, auch zu Waffen und hakt bei der Führung durch die Kapitänskammer gleich mal beim Unterschied zwischen „cook“ und „chef“ ein. Also, ich bin „cook“, denn ich bereite Mahlzeiten ohne Ausbildung zu, jetzt weiß ich’s!  Bei „command & control“ geht es zu einem großen Teil um Hierarchien, um nicht weisungsbefugte Admiräle, die Koordination zwischen Schiffsführung und Kampf-Koordination. Sehr beeindruckend, sehr beängstigend – will ich gar nicht so genau wissen. Riesendicke Armierung in der Zitadelle, damit die Verantwortlichen auch ja davonkommen. Ich freue mich geradezu, als es wieder an Deck geht, ein kurzer Blick in die sehr schöne, altmodische Navigation mit redundanten Sextanten, DEKKA und viel Karte und Stechzirkel;  die Wisconsin wurde nämlich zu Beginn des GPS-Zeitalters außer Dienst gestellt, nach „Desert Storm“ 1991 –  man hatte festgestellt, dass diese Kriegsschiffmonster sich überlebt hatten.  Wieder draußen genießt der Besucher die herrliche Aussicht über das Vorschiff mit seinen 2×3 Riesen-Kanonen.  Ich glaube, ich geh‘ doch nicht zur Marine, wenn ich groß bin. Aber alles in allem: anguckenswert, auch überlegens- und überdenkenswert. Wir werden, sollten wir mal in San Diego sein, noch einmal auf die „IOWA“ gehen, der Namensgeberin der Schlachtschiffklasse, allein, um Roosevelts Badewanne anzuschauen, Spezialeinbau wegen Behinderung… Die wird heute noch benutzt – man kann sich auf den Museumsschiffen nämlich zur Übernachtung einbuchen.

Der Rest von Norfolk gibt sich  eher zivil, wenn man einen Besuch im iMax in Hampton mit „Apollo 11“-Film so nennen kann – gekoppelt an das Virginia Air&Space-Center mit toller Ausstellung zur Luftfahrtentwicklung bis hin zur Mondfahrt. Wusstet Ihr, dass Apollo 12 fast schief gegangen wäre? Coole Socken, diese Astronauten… ein Blitz traf die Rakete während des Countdown, und die Besatzung berichtete daraufhin, dass sie bis zum Mond noch gelacht hätte, weil Peter Conrad in den verbleibenden 90 Sekunden bis zum noch möglichen Startabbruch in Maximalgeschwindigkeit so viel Knöppe gedrückt hätte wie nie zuvor. Naja, und dei Doku – ich bin halt leicht zu beeindrucken.  Ich fand’s gut.

Geleitschutz

Das war’s dann auch fast mit der Navy und Norfolk. Fast. Bei Abfahrt – es ist ein bedeckter Tag mit Gewitterwarnung – hören wir im Funk, dass in Höhe der Navyanlagen ein U-Boot geschleppt wird, 500 yards Abstand nach allen Seiten. Naja, bis wir da sind… Fahren los, kriegen das Gewitter voll ab, null Sicht in den Böen, waagerechter Regen, Blitzschlag direkt neben uns, als wir einem MAERSK-Frachter begegnen… , dann klart es auf und was fährt da quer vor uns?! Das UBoot. Nicht auf Kollisionskurs, aber 500 yd. Abstand waren es eher nicht, immerhin aber ausreichend für ein Militärpolizeiboot mit schwerer Bewaffnung, das sich zwischen uns schiebt und das dicke Teil abschirmt. Dabei wollten wir doch nur glotzen. Durch den Blitzschlag war unser AIS und unser Batteriecontroller ausgefallen, möglicherweise haben wir dadurch auch keinen Funk mehr gehabt, aber die Herren von der Navy haben schön aufgepasst, dass wir dem Lulatsch nicht gefährlich werden.
Zwei Tage später sind wir in Deltaville. Und hier in der Fishing Bay ist alles friedlich. Außer allgemeinem Quallenalarm. Hier geht jetzt AKKA aus dem Wasser und wir befleißigen uns wieder einmal der Landreisen. Es soll ja auch nicht-militärische Ziele in den USA geben. Wir werden es sehen.

Friedvoll. AKKA in der Fishing Bay

Rund um den 4th of July

Passt immer! Memorial Day? Independence Day? Oder Weihnachten…

Norfolk, 12.7.2019

Das Befahren des Intracoastal Waterway ist so ein Ding, zumindest für uns als Segler. Ja, doch, die AKKAnauten, die sich schon mal als Nicht-Segler bezeichnen (weil die Reisemotivation auf Reiseerlebnis und weniger auf Segelmeile liegt), vermissen die Segel. Für viele Amerikaner und Kanadier ist der ICW dagegen wunderschön – sie lassen auf ihren Motoryachten ohnehin den Motor brummeln. Ich freue mich, wenn das Teil mal schweigt, und dazu gab es in den vergangenen 10 Tagen überhaupt keine Gelegenheit. Natürlich ist es toll, nicht panisch auf das Wetter draußen vor Cape Hatteras zu schauen, weil AKKA sich gemütlich durch’s Inland schiebt, aber auch da gibt es Feinheiten, die es zu beachten gilt: Gewitter. Wenn die USA eines können, dann ist es „Wetter“, aber wir haben eine schöne Phase erwischt. Und die Löcher zwischen den unschönen.
Wegen der Motorrapppelei und weil wir denken, dass noch genügend Gelegenheit kommt, Kolonial-/Revolutions-,/Sezessionskriegsgeschichte anzuschauen, halten wir die Strecke eher kurz – kein „Washington“ (ein verschlafenes Dorf am Ende eines Seitenarmes), kein „Bath“ (ältester Ort von North Carolina).   ICW geht hier oben so: ein Stück Flusslauf, ein Stück offenes Wasser, ein Stück Kanal. Allen gleich ist die Wasserfarbe, es ist britzebraun vom eingetragenen Tannin, und AKKA ist bald mit einem Kakaobart am Bug geschmückt. Manchmal treibt ein Baum vorbei.  Manchmal weitet sich die Landschaft so, dass es schwer wird, das Ufer zu sehen, aber zum Segeln reicht das nicht: zu flach ist es seitlich des Wasserweges. Der Verkehr ist erstaunlich gering, dabei bewegen wir uns um den 4. Juli herum, Amerika hat „langes Wochenende“.

Uncle Sam, Sternenkissen, Fähnchen. Kurz: 4th of July

Am 3. sind wir nachmittags in Belhaven und versuchen, ein Gefühl für den flachen Ankergrund vor dem Städtchen zu entwickeln, unter 2,5 Meter finden wir schon ziemlich „ui“. Natürlich kommt ein Gewitter mit ordentlichen Sturmböen auf, so dass wir überdenken, überhaupt an Land zu gehen, aber dieser Spuk ist, wie meistens, rasch vorbei. Spaziergang! Ein amerikanisches Landstädtchen im Nationalfeiertagsrausch! Die Veranden, a.k.a. „porches“, sind mit Kissen im Stars & Stripes-Stil geschmückt, die Fenster der Versicherungsbüros, der Altentagesstätte und der Bank schreien „God Bless America“. Wir streben einer kleinen Menschenansammlung zu – Jahrmarktatmosphäre! Wir sehen unser erstes Rodeo – ein automatischer Bulle dreht sich in einer Aufblasarena und wirft seine jugendlichen Reiter in die Gummi-Bande. Ein paar mobile Kinderkarusselle – und, was kann man anderes erwarten, ganz viel Fressstände: Pizza, Zuckerwatte, frische Limonade, Burger, Gegrilltes. Und wenig los, das muss man sagen.  Wir wenden uns dem anderen Ortsrand zu: da ist es schon eher „4th of July“, denn das ist nicht, wie Donnie möchte, ein Militär-, sondern traditionell ein Familienereignis: am Wasser hat sich ein ganzes Wohnviertel unter Bäumen versammelt und grillt und bespaßt die Kinder. So muss es sein – wobei wir Donald T. mit seiner Militärshow in Washington für den running gag der letzten Tage natürlich dankbar sind: dass die Amerikaner im Unabhängigkeitskrieg, das war anno 1775, auch die Flugplätze der Briten erobert hätten –   das wird in allen Medien aufs Köstlichste ausgeschlachtet. Die Schlacht am Gepäckband!  Bilder von Rolltreppen mit musketentragenden Rotrücken. Schlachtgemälde rufen „Vorwärts nach JFK-Airport! Ehe uns der Windgeneratorenkrebs alle umbringt“ – einfach wunderbar! Dankeschön, # 45! Ja klar, er war’s nicht, er war’s nicht – da hat jemand einen Teleprompterfehler eingebaut. Sagt er.

Zum Abendessen kehren wir so richtig amerikanisch ein, in der „Tavern“. Lange Bar, darüber viele Sportfernseher, Boxen, Basketball, Motorsport, und natürlich Baseball – da ist für jeden etwas dabei. Abgetrennt davon der klassische, eher dunkle Speiseraum, irgendwie ham sie’s hier mit dem Licht in den Kneipen, entweder neon-ungemütlich oder taschenlampenpflichtig. Voll ist es – ein langer Tisch ist vom Betriebsausflug der Bereitschaftspolizei besetzt; die brauchen auch besonders viel Platz mit ihren dicken Schusswesten. Wr versuchen uns am Amerikanischen: Hackfleischsteak und ein Signature Burger. War so „naja“, irgendwie müssen wir noch lernen, die Speisenkarte richtig zu interpretieren. Viel Fleisch, wenig Gemüse – aber nett inmitten all der Nationalfeiertags-Familien zu sitzen.
Zurück am Dock, wo das Dinghy wartet, treffen wir auf nette Leute aus Arizona. „Ah, Ihr seid die mit der deutschen Yacht!“ (Schwierig zu erraten: wir sind die einzige Yacht vor Anker und sehen auch irgendwie deutsch aus…). Viele Gespräche hier fangen mit „… and you came all the way from Europe, across the Atlantic?“ an, und wir immer noch „.. so ungefähr…“. In diesem Fall können wir Langfahrtweisheiten von uns geben, denn die beiden möchten ihre kleine, pummelige, aber seegängig ausschauende Motoryacht demnächst nach Neufundland und Grönland lenken. Toll!

Die Alligator River Bridge

Ein Tag weiter: von Belhaven zur Alligator River Bridge. Krokodile haben wir nicht gesehen, dafür sind wir aber einmal ein winziges Bisschen vom Wege abgekommen und „schlürf“ in den Dreck gefahren, mitten im Kanal; das schärft die Aufmerksamkeit. Wir lernen, dass man auch als überholtes Schiff seine Fahrt reduziert, eine fette Motoryacht überholt und zeigt uns, wie’s geht: Funkkontakt, Überholvorgang ankündigen, man sieht die Yacht hinter uns aus der Gleitfahrt in langsame Verdrängerfahrt absinkt. Winken/grüßen (wichtig!). Überholvorgang beendet –  und Hebel auf den Tisch. schon hebt die Yacht sich wieder aus dem Wasser;  ein paar Minuten später ist sie ein winziges Pünktchen an Horizont des schnurgeraden Kanals. Wir brauchen ein bisschen länger, dafür machen wir aber auch nicht so eine Welle – unsere eigene Verlangsamung ist nur zugunsten des Überholers, dadurch wird der Vorgang auf ein Minimum verkürzt.  Am Ende des Tages erwartet uns die Alligator River Bridge – die große Mehrzahl der Brücken auf dem ICW ist fest, die Standardhöhe sind 65 Fuß (wir haben 58, das fühlt sich von unten anfangs etwas kribbelig an, aber frau gewöhnt sich dran). Alligator River Bridge dagegen ruft man an, und fragt freundlich, ob sie am 4. Juli im Dienst sind – natüürlich! 24/7.  Eine halbe Meile vorher Funkkontakt – „… ich stoppe den Verkehr dann“. Ampel, Autos halten, Feiertagsfamilien springen raus und gucken „Schiffspassage“. Die Brücke schwingt auf, wir winken und sagen artig „Thank you, Alligator River Bridge and have a nice day!“ . Der Brückenwärter wünscht uns im Gegenzug einen schönen Segelsommer und hofft, uns im Herbst wiederzusehen. So ist das hier – immer freundlich, immer verbindlich. Oder meist? Oder nur am Lande? Und was muss ich erwidern?
Wir fahren gleich hinter der Brücke zum Ufer, genießen Zypressenduft von Land (und Massen von Zuckmücken, die gerade Schlupftag haben, aber das wissen wir an dem Abend noch nicht). Der Anker fällt. Pause. Zeit über Floskeln nachzudenken

Tja, was sagt man auf die Floskeln? Ich kann mich noch immer nicht richtig benehmen hier, so viel ist klar. Konnte ich es jemals und irgendwo? Gute Frage – aber hier grenzt es schon an „anstrengend“: wenn ich bei West Marine, dem großen Schiffsausrüster oder jedewedem anderen Laden, durch die Gänge laufe und mehrfach angesprochen werde, ob man mir helfen könne, ob ich alles finde – das reißt mich geradezu aus der Konzentration. Das stete „ich weiß es zu schätzen/I appreciate it“ . Die höflichen Rückversicherungen, dass alles wunderbar sei, wenn man sich für etwas kaum Erwähnenswertes entschuldigt „oh, I am SO sorry!“ – wie oft sage ich das mittlerweile? Ich muss manchmal lachen – Norfolks Straßen sind zum Feierabend verlassen, ein breiter Gehweg, wir bewegen uns im Schatten der Bäume am Straßenrand. eine junge Frau sitzt in 5m Entfernung auf einem Mäuerchen und telefoniert, unterbricht ihre Rede und flötet: „Hi –  how are you doing?“ Frollein Deutschmann würde hier gern sagen: „… hä?“ Gewöhnungsbedürftig, zumal mir eigentlich außer einer mehr oder weniger wortreichen Danksagung nichts einfällt. Es erinnert mich deutlich an sozial organisierte Insektenstaaten; Ameisen oder Termiten, die sich immer durch Kontaktaufnahme ausweisen müssen, ob sie dazugehören, ein kleines Antennentasten hier, ein kleines Pheromonschnuppern dort – wer am Ritual nicht teilnimmt, macht sich verdächtig. Wenn frau im Supermarkt jemand anderem den Weg blockiert und sich entschuldigt, kriegt sie unweigerlich ein „… oh, no – you are doing perfectly fine!“ oder Ähnliches zu hören; „macht nix“ oder das neudeutsche „allet jut!“ reichen hier jedenfalls nicht. Frage: ob diese Automatismen die Leute nicht auch ganz wuschig machen?  Denn im Gegenzug herrscht ja vielfach „runter von meinem Rasen“.  Gruß aus der Pantry – kleiner küchenpsychologischer Zwischengang.

Der nächste Tag bricht an, ich erwähnte es schon: Zuckmückenalarm. Überall. Zuckmücken stechen nicht, das ist schon mal gut, aber wenn das ganze Schiff voll ist, überall die kleinen grünen Zuckmückenschisse verteilt sind und grünlich schmieren, das ist gemein! Andreas greift zur ultimativen Waffe im Achterschiffbereich: der Druckwasserschlauch. Eine riesige Wolke steigt auf, ha! Gut gemacht! Oder? Nö… die Chironomidengemeinde hat einfach das Versteck gewechselt und sitzt jetzt unter der Sprayhood. Toller Trick! Die gute Nachricht ist, dass Zuckmücken eher Ein- bis Zweitagsfliegen sind, die Belästigung hält sich zumindest zeitlich in Grenzen.
Wir zickzacken weiter den ICW nordwärts, es wird wieder enger, umso mehr freuen wir uns, dass die Barge, die von achtern aufkommt, auch langsamer kurven muss. Tagesziel: Coinjock, da wo alle anhalten, hier gibt es nämlich ein sagenumwobenes Prime Rib. Wer, wie wir, Prime Rib mit Rib Eye verwechselt, wundert sich natürlich über das riesige Stück Braten, das einem serviert wird – ich fand am besten das Zucchini-Kürbisgemüse. Einen Tag Pause wollen wir uns gönnen, dieser Galopp durch die Landschaft macht einen mürbe. Im Endeffekt werden es 3 (teure) Nächte, denn die vorhergesagten Gewitter im Norden lassen wir lieber aus, dafür duschen wir, waschen Wäsche, machen Ölwechsel und probieren das Restaurant ein zweites Mal.  Der US-Fleischfresser mag begeistert sein, aber Andreas‘ Steak ist „in Ordnung“ und mein Fischteller… ziemlich paniert. Das Prime Rib ist bestimmt gut, das stimmt, aber der Rest – ach, naja. Aber ungeheuer beliebt ist der Laden, denn außer den paar Motoryachten (plus 2 Hallberg Rassys, das ist ein echter Zufall!) kommen reichlich Gäste, die im Bereich der nahen Outer Islands ihre Ferien verbringen.
Frühmorgens am 3. Tag zieht der Eigner AKKA aus der engen Lücke – man sagt, an diesem Anleger bieten Yachtbesitzer dem Hintermann an, dessen Anker zu reinigen, damit der Schmutz nicht aufs eigene Deck fällt. Wir liegen zwischen „Scout“, der anderen HR, und einem Motorkahn mit dem schönen Namen „Dun Wurkin“, zu deutsch ungefähr „Fättich mitte Aabeit“. Das Manöver geht dem Eigner gut von der Hand, wir verbringen einen letzten, schönen Motortag auf dem ICW, sogar der sturzbachartige Regen, der uns knapp vor Ankunft am Great Bridge Battlefield erwischt, stellt für unser Anlegemanöver den Dienst ein. Wir werden trotzdem nass, denn bis die Scout, die uns gefolgt ist, eintrifft, geht das Gepladder wieder los, und es wäre wirklich unhöflich, nicht zu helfen… WIr liegen zwar vor dem Battlefieldmuseum, aber wir entnehmen dem Internet, dass es ein zukünftiges Museum ist und „Mitte 19“ eröffnet wird. Dieser Tage also, aber leider noch nicht. Trotzdem kann man auf einem Spaziergang in der Nähe ein bisschen Schlachtgetümmel nachempfinden – hier hat das Ende der Briten in Virginia seinen Anfang genommen, und das ist auf Schildern am Wegesrand bildhaft dokumentiert. Gruselig, diese alten Schlachten mit Marschmusik und Trommeln und Gebrüll.
Drei zu öffnende Brücken und eine Schleuse später war’s das mit dem ICW. Vor uns liegt die Chesapeake Bay. Der Anker fällt am Hospital Point, in DInghydistanz von der Altstadt von Norfolk und ebenso von Portsmouth. Wir tauchen ein in die Welt der US-Navy. Mal andere Monster sehen! Dazu später mehr.

Binnenrevier

Vorsicht! Flach! Es gibt auch Stellen ohne Schild…

 

Norfolk/Virginia, 11.7.2019

Es gewittert, eben hat es kurzfristig extrem geblasen. Wir liegen vor Norfolk, zwischen Kriegsschiffen, altehrwürdigen Kolonialgebäuden und Bankengeglitzer, am Eingang zur Chesapeake Bay – ein bisschen ist hier die „Wiege der USA“, denn in dieser Gegend kriegten die Briten es 1775 von hinten und von vorn…

Was unsere Berichterstattung betrifft: Asche auf mein des Bloggens müdes Haupt…  Hier kommt erst einmal ein Beitrag, den ich am zweiten Tag unserer Fahrt über den Intracoastal Waterway begonnen hatte. Ihr werdet es überstehen, riechen tut der Beitrag noch nicht…

R.E. Mayo, Goose Creek/North Carolina, 2.7.2019

Lecker! Beute von R.E. Mayo!

Wir sind unterwegs! Zwei Wochen in Beaufort haben wir fast vollgemacht, 6 Stunden haben gefehlt, aber früh um 05:30 heult der Wecker. Und weg! Weiches Morgenlicht, flaches Wasser (sehr, fast zu spannend), viele Seezeichen, die es abzuhaken gilt.
Nett war es bei Homer Smith – eigentlich ein kleiner Seafoodbetrieb, gelegentlich kommen die Langleinenfischer vom Atlantik herein, dann werden große und sehr große Thunfische ausgeladen und als Beifang Spanische Makrele für die umliegenden Restaurants filettiert. An anderen Tagen kommen die Shrimper und laden Prawns und Krabben ab. Als Gutsle für die orstansässigen Angelboote und Gäste wie uns gibt es eines: „… you can get all the ice you need!“ sagt Tony zum Empfang, was wir mit einem uninteressierten „ah, ja!“ quittieren. So amerikanisiert sind wir noch nicht, dass wir zur marinaeigenen Eismaschine traben, um uns Eiswürfel für dringend benötigtes Eiswasser oder „irgendwas on the rocks“ zu besorgen –  13 Jahre „ohne“ ging auch. In Marathon sahen wir die Variante: Dollar einwerfen und die 5-l-Kühltasche vollklackern lassen. In Canaveral kam das Eis aus einem stinknormalen Kühlschrank, was man so stinknormal nennt, die linke Hälfte war zum Eismachen da. Die Versorgung mit Eis ist eben Standard, aber das ist nicht, was Tony in Beaufort meint. Er meint wirklich „alles Eis, das Ihr braucht“, und es ist kostenfrei. Zwischen Ponton und Bürohaus steht nämlich ein gemauerter Kubus, gerade groß genug für einen AKKAnauten-Alterssitz (dabei würden wir es nicht mal doppelstöckig brauchen). Das Haus hat eine Schiebetür, und dahinter ist… man ahnt es: Eis. Clark und Matt fahren dort mit dem Bobcat hinein, füllen die Ladeschaufeln und lassen das Eis über einen Schneckentrieb in die Fischerboote am Dock laufen. Ob da ein Segler eine Handvoll oder 20 l abgreift spielt keine Rolle. Es ist eben alles ein bisschen größer hier; richtig schade, dass wir keinen Gebrauch davon machen können. Vielleicht hätten wir mal ein Eisbad nehmen können…

Ordentlichst aufgeschossen: die Rettungsleine in der Faking Box

Beaufort war nett und ruhig, aber natürlich haben wir für ein bisschen Grusel Edward Teach besucht, a.k.a. „Blackbeard“. Ihm ist als einem der erfolgreichsten Piraten der Geschichte ein großer Teil des schönen North Carolina Maritime Museums gewidmet – schließlch hat er hier, vor Cape Lookout, sein Flaggschiff namens „Queen Anne’s Revenge“ verloren. Wahrscheinlich „verloren gehen lassen“, es war nämlich nichts Wertvolles an Bord, als man vor einer Weile ein Schiff fand, das mit ziemlicher Sicherheit eben dieses Flaggschiff war. Blackbear ist der wildeste unter einer Schar von ziemlich wilden Burschen, mir gefällt besonders seine Frisur, in die er gern brennende Lunten steckte. Leider/glücklicherweise hat er den Verlust des Schiffes nicht mehr lange überlebt – er war in der Gegend so gefürchtet, dass man ihn, als man ihn fasste, kurzerhand erschoss und seinen abgehackten Kopf der Öffentlichkeit präsentierte: schaut her – nun kann er euch nichts mehr tun. Man mag vielleicht denken, dass ein einzelner Pirat gegen so viele Siedler nichts ausrichten kann, aber er befehligte eine ganze Flotte von Schiffen und hatte kurz zuvor die ganze Stadt Charleston für Tage in einen Belagerunngszustand versetzt. Weil er der Stadt Medizin abpressen wollte, wie sich herausstellte. Wirklich ein wilder Typ. Sonst geht es in dem schönen Museum um Bootsbau, um Walfang (Frage eines Mädchens angesichts des großen Walskeletts: „Was ist das?“ – Vater: „… ein Dinosaurier!“, und schon galoppierten sie weiter durch das langweilige Museum, ohne dass ich zur Aufklärung des Irrtums beitragen kann) – besonders eindrucksvoll die geradezu abenteuerlichen Rettungsmittel für Schiffe, die vor den Outer Banks und um Cape Hatteras so zahlreich auf Grund liefen. Zip-Lining, das stellt sich hier heraus,  ist eine ganz alte Erfindung. Die „Zip-Line“ wurde vom Ufer in die Masten des havarierten Schiffes geschossen, und dann hatten dnie zu Rettenden eine Freifahrt durch die Brandung gewonnen.  Ich finde den Abspulmechanismus für das Hunderte von Metern lange Seil am allererstaunlichsten – die so genannte „fake box“. Später wurden an den Zip-Lines auch geschlossene Metallkapseln durch die Brandung geschickt – bis zu 15 Personen wurden dort aufeinander liegend „gestapelt“. Bestimmt ein tolles Erlebnis…

Ein tolles, abschließendes Erlebnis haben wir für uns selbst auf Lager: die alljährliche Ausstellung der Lebensbescheinigung für unsere Rentenversicherung ist dran. Im letzten Jahr sehr lustig beim Trini-Zoll, da kann es in North Carolina nicht schwieriger sein, eine Behörde mit einem willigen Geist und einem Stempel zu finden –   aber weit gefehlt: eine Unterschrift für etwas, das nicht unmittelbar zum Sachgebiet gehört? No way! Wir probieren als erstes den Sherriff – die schicken uns zum Gericht, in die Abteilung für Grundstücksangelegenheiten („… die haben dort einen Stempel!“. Aha!). Wir hangeln uns durch sämtliche Ebenen – mein Telefon zeichnet zufällig einen Track auf, der später sehr putzig anzu sehen ist! Die Katasterleute? Fehlanzeige, Special Proceedings? Vielleicht die Kasse? Ganz oben in der Hierarchie angelangt, bescheidet uns die Sekretärin das Clerk of Court, dass das einfach nicht geht; dafür gibt es keinen Vorgang, keine Anweisungen, nüschte. Nicht mal dass wir hier doch ganz augenscheinlich atmend vor ihr stehen und Faxen machen? Nö.
Wir sind ein bisschen konsterniert, wat nu? Gibt es eine ordentliche Verkehrspolizeistation? Müssen wir den „courtesy car“ der Marina (nette Einrichtung übrigens, Schllüssel hängt zur freien Verfügung neben der Waschmaschine!) ausgreifen und nach Morehead zum Customs & Border Patrol fahren, schließlich sind wir dort aktenkundig? „Wir fahren jetzt zur Feuerwehr, das ist doch hier um die Ecke…“ Der Eigner guckt ein bisschen fragend, aber radelt hinterher – und siehe da, bei Feuerwehrleuten gehört „spontan“ und „um die Ecke gedacht“ zum Geschäft. Tammy Turek, Ihres Zeichens special officer und notary der Feuerstation hört zu – und begreift das Problem: sie muss durch Stempel und Unterschrift bestätigen, dass wir leben . Ziemlich einfach, unser Begehr. Für unsere Reise interessieren sich Tammy und der Chef des Hauses (die Ausgehuniform blitzt ebenso wie die Feuerwehrautos) auch noch. Na also. Wir können los.

Und so sitzen wir denn nach einem ersten Tag Binnenfahrt beim Fischereibetrieb  R.E. Mayo kurz vor der Hobucken Bridge und freuen uns auf eine selbst gebratene Flunder und denken an die vielen Fischadler, die die Seezeichen mit ihren Nestern schmücken und schrill hinter uns her schreien. Platt ist es hier, ganz schön „Niedersachsen“. Anfangs noch mehr oder weniger schöne Häuser, dann nur noch Kiefern und Eichen zuhauf. Und abgestorbene Bäume – möglicherweise eine Folge des hohen Wasserstandes nach dem letztjährigen Hurrikan. Florence wusste über Tage nicht wohin und blieb darum einfach sitzen. Ein unangenehmes Wesen, das wir auch nicht unbedingt zu Gaste haben möchten – drum fahren wir weiter. Binnen.

PS: … es ist Mitternacht, das Gewitter vorbei – und ich finde keine aktuellen Bilder. So was… Die Deko wird nachgereicht!

Hinter Kairo…

Beaufort/North Carolina, 20.6.2019

Hinter Kairo, sagt Trudy Culross* , wird es besser! 
Hinter Florida auch, finde ich.  Die Sonne scheint, ein frischer Wind weht vom Atlantik. Sommermorgen im Cockpit, der Kaffee ist schon fertig, der Eigner ist noch fertig und schlummert, und Supertramp spielt derweilen „Breakfast in America“. So muss es sein.

Weiße Häuser mit viel Grün

Gestern haben wir einen ersten Spaziergang durch’s Stadtchen gemacht, und das besänftigt die US-Skepsis etwas. Donald, the biggest T. ever, hat zwar vorgestern in Orlando seine Wahlkampagne 2020 ausgerufen  und wir sehen, dass auch die demokratischen Kandidaten langsam zur Offensive aufgaloppieren, Cory Booker bat gestern um 1-Dollar-Spenden, um das vorgeschriebene Kampagnenbudget von 130.000 Dollar sicherzustellen (herrje, dieses System hier…) , mit Amy Klobuchar habe ich heute schon Kaffee getrunken, virtuell; aber hier ist alles beschaulich und ganz angenehm. Gewiss: Stars & Stripes gibt es reichlich vor den niedlichen Holzhäusern aus dem 18.(!) und 19. Jahrhundert, und die allgemeine Flaggeninflation erzeugt ein bisschen Gänsehaut, aber vielleicht ist das zumindest in Beaufort auch dem verordneten Faktor „hübsch muss es sein!“ geschuldet –  und hübsch ist es.

Alte Pracht…

Weiß gestrichene Holzhäuser ducken sich unter üppig grünen Bäumen, die „Historical Society“ hat ganze Arbeit geleistet, und es gibt noch viel zu schauen.
Nein, nein – es ist nicht so, dass wir es ganz schrecklich in Florida fanden, wir waren sogar in Orlando. Einen Tag im Premium Outlet Center. Der Verschleiß an den immer wieder geflickten und geänderten Bürohemden aus den 80er und 90 Jahren (erst gehen die Ärmel, dann die Kragen, dann werden die Säume kürzer…) nahm doch groteske Züge an, einige wurden nun der Putztuchbrigade zugeordnet, und Columbia und Co. boten Ersatz. Gut. Das Liebäugeln mit einem weiteren Tag bei Minnie und Mickey (Eigner) und Fozzy Bear und Miss Piggy (Schipperin) nahm nach einem Blick auf die zu erwartende Endsumme ein rasches Ende.  Sagt mal, wer leistet sich so etwas, möglicherweise noch als Familie? Das Muppets 3D-Kino wäre schon Klasse gewesen,  mit Statler und Waldorf, und Gonzos langer Schnabel fummelt mitten im Publikum; der Eigner wäre sicher nochmals in den Tower of Terrors gegangen und wir zusammen mit Aerosmith durch die Stadt gefahren, achterbahnmäßig, aber einmal im Leben reicht dann doch, und das war in den 90ern. Punkt.

Solange die Segel noch stehen, kann man’s ja probieren

Damit stand der Abreise nur noch die Wetterlage entgegen. Ein bisschen hin und her und „ui, da kriegen wir Wind auf die Nase, auch noch gegen den Strom, dann lieber am Wochenende“ – die Vorhersagen der Wetterwelt sind uns nach wie vor lieb! „Gutes Wetterfenster, ein bisschen auf der schwachen Seite“, sagt der Eigner – mir ist es recht. 10-12 Knoten raumschots geht schon, dazu ist es mit dem Strom, wenig Welle, und bei Abfahrt am Sonnabend schaut es nach wenig oder keiner Gewitterneigung aus. Toll! Noch kurz tanken und weg.. Und richtig, der Wind  ist „etwas auf der schwachen Seite“, auch ein bisschen schwächer als angesagt, aber irgendwann wird der Golfstrom schieben, denken wir. Tut er. Allerdings – Bekennerschreiben! – haben wir in unseren Planungen eben genau den Strom nicht berücksichtigt, und der nimmt uns 3-4 Knoten vom ohnehin schwachen achterlichen Wind, will sagen: es bleibt kaum etwas zum Segeln übrig. Das Ende vom Lied: 77 Stunden Reisezeit, davon 72 mit Motorunterstützung. Man mag nun sagen, dass wir dann eben 1 oder 2 Tage länger draußen bleiben sollen, aber das hätte uns die gefürchteten Gewitterzellen in den Weg geschoben, und was Gewitter betrifft sind wir wirklich furchtsame Hühner. Abgehakt (und was gelernt). Sonst war es eine prima Vollmondfahrt. Die Einfahrt nach Beaufort bietet nochmals Spannung – nach Florence im vorigen Jahr haben sich die Sände an der ganzen Küste verschoben, es wird überall gebaggert,, und wenn wir kommen, immer mitten in der Fahrrinne;  dabei kann diese Einfahrt auch ohne Bagger schon ein Abenteuer sein. Es kommt uns ein Fahrzeug der US Coast Guard entgegen, dass enorme Gischtwellen aufwirft: wir haben ablaufendes Wasser, das heißt „Wind gegen Strom“. Hier möchte man nicht sein, wenn es richtig bläst, das bestätigt auch die Historie:  wrackreiche Gegend, das. Beaufort liegt an einem der Inlets in den Intracoastal Waterway, ein Tausende von Kilometern langer Wasserweg, der den Booten früher den gefährlichen und mühsamen Weg über den offenen Atlantik ersparte – zum großen Teil natürlich, aber auch mit vielen künstlichen Kanälen und mit einem traditionellen Hang zum Versanden (auch da muss gebaggert werden… und die Yachties hier schließen gern eine Versicherung bei US-Tow ab: einfach anrufen und es kommt jemand, der einen freischleppt!) Also hinein. Ist man erst einmal im Inlet drin, ist alles ruhig, jetzt gilt es nur noch Tonnen und Pricken zu raten, auch die hat es nach Florence ein bisschen durcheinandergewürfelt. Es geht kurz im Zickzack – Kontakt zur Marina. Alles gut: „…am ersten Stegkopf hinter dem großen Motorboot in die Boxengasse. Fender und Leinen an Backbord“. Vollbetreuung. Ich spreche gerade mit Matt, der uns einweist, und sage mitten im Satz: „… and now we got stuck!“  Festgefahren. Shit, ist das flach hier! Ein bisschen geschnibbelt und schon saugt sich AKKA in den Schlick – so ist der Intracoastal Waterway. Der Eigner wühlt sie raus, die alte Gans, mit Motordrehzahl und rechts-links-Drehungen, mit Bugstrahl und viel Mülm im Wasser. Eine weitere Pricke wäre nett (sagt uns auch Clark am nächsten Tag…).
Aber: die Strecke Florida-North Carolina ist erledigt. Es ist ein angenehmes Gefühl, dass die Fluchtdistanz vor möglichen Hurrikanen deutlich geschrumpft ist. Bevor es weiter nach Virginia geht, genießen wir noch ein bisschen Südstaatenkultur in den Carolinas, Grits und Shrimps und nicht zuletzt den „Southern Drawl“, dieses Südstaatengeknödel. Wie bitte?! Say again, please…‘

Ah –   PS:   es bläst, und zwar ordentlich, der „frische Wind“ von heute früh hat zugelegt, mit dem Rad zurück von „Food Lion“ war schon eher anstrengend. Der Westen von NC und Virginia kriegen ordentlich was ab –  gut dass wir hier sind!

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Trudy Culross: Hinter Kairo wird es besser (Leaving Home – Every Girl’s guide to going it alone; )
Manche Reisebeschreibungen „von damals“ sind einfach umwerfend – ich würde gern mal die heutige Version, in Zeiten von Internet, Instagram und Tralala lesen…

Does it spark joy?

Du bist schön von hinten/unten: Saturn-Rakete

Cape Canaveral, 7.6.2019

„… does it spark joy?“ ist die Frage von Marie Kondo, einer sozial-medialen Aufräum-Gurufrau, und soll so viel heißen wie: „… wenn es keinen Spaß macht, dann weg damit!“
Das ist natürlich ein sehr simples Prinzip, vor allem wenn sich konsumsüchtige Menschen das fragen sollen: kaufen, nicht schön finden, wegschmeißen.  Nicht wirklich ein nachhaltiges Lebensmotto, aber im Grunde eine wichtige Frage. Und ich frage mich das hier, seit wir in Florida angekommen sind. Oder vielleicht besser: was macht denn so richtig Spaß hier?  Ihr merkt es schon: ich tu mich wieder einmal schwer.  Gestern bin ich unter Fluchen – es regnet dieser Tage stark – zum Supermarkt geradelt, unter Fluchen, weil sie’s hier nicht so mit Gullys haben, sprich: die ohnehin schlechten Übergänge an den Querstraßen stehen voller Wasser; Radfahrer und Fußgänger sind eine vernachlässigbare Minderheit. Schlecht sowieso, wenn frau mit einem Rad ohne Schutzblech unterwegs ist, aber wenigstens ist das Pfützenwasser, das einem den Hintern benetzt, pipiwarm. Die fluchende Frau schimpft auch über die endlose Kette von Nagelstudios, Fastfood-Facilities und Yogaläden – keine Elektronik in Sicht, so ein Mist, ist sie doch auf der Suche nach einem altmodischen Kartenlesegerät für CF-Karten. Aber am Ende der Pfützenfahrt blüht mir ja der Besuch beim Publix, und dort ist es schön, Obst jenseits von Papaya und Mango kaufen zu können. Pfirsiche machen gerade besondere Freude (wahrscheinlich aus „Georgia, The Peach State“. Die Bundesstaaten schmücken sich hier mit Blümchen, Tieren und anderen schönen Sachen. Florida, The Sunshine State. Hessen, The Äbbelwoi State. Hamburg, The Grüner Aal State. Oder so.)
Unterm Strich: es ist alles westlich-normal hier – nur etwas überdimensioniert, dicke Autos, fette Straßen, Riesen-Saftflaschen, vor allem aber dick aufgetragene Reklame. Ein Land der Superlative. Warum habe ich das die letzten Jahre nicht so wahrgenommen –  Amerika ist doch überall? Hat nur das exotische Äußere der Inseln und Inselchen das überstrahlt? Ja, hat es wohl. Es sind die eigenen Vorurteile, die es mir schwer machen.
So grübele ich die Straße entlang.  Quatsch, konzentrier‘ Dich auf den Weg (platsch!), und auf das Positive – was also macht Freude?
Vor dem Auspacken der Räder in Canaveral (in Marathon gab es Marina-Fahrräder, sehr gut!) stand der erste zu überspringende Schatten: UBER – ein Taxidienst für Smartphonebenutzer!  Und UBER – verlockend leicht und komfortabel zu bedienen – beschert uns gleich den ersten Spaß, denn Rose, die uns abholt („… will be there in 4…3…2…1… minutes“, danke SMS, so ungeduldig sind wir gar nicht!) ist Jamaikanerin aus Montego Bay, wir haben daher gleich zu schwatzen und gewinnen mit ihr unsere persönliche Taifahrerin, an UBER vorbei. Zwei Fliegen, eine Klappe.  Das macht Spaß.

Alle meine Space-Cowboys

Rose bringt uns auch am Folgetag zum Kennedy Space Centre, wo wir uns als ausreichend blöd erweisen, nur ein Tagesticket zu lösen – ein 2-Tagesbesuch wäre durchaus lohnend gewesen. So galoppieren wir durch die Ausstellungen. Im Rocket Garden gibt ein ehemaliger NASA-Mitarbeiter einen Überblick über die Entwicklung und lässt nicht aus, dass all diese Anstrengungen für die Menschheit, nicht für eine Nation gedacht sein sollten. Pluspunkt! (Der Tourbusfahrer war mehr von der „ist das nicht eine wunderschöne, riesige Flagge“-Sorte, aber das meiste auf der Tour kam glücklicherweise vom Videodisplay). Nun ja, und der Rest… es bleibt einfach eine maßlose Bewunderung für den Mut, mit aus heutiger Sicht völlig unterentwickelter Technik solche „Reisen ins Unbekannte“ zu unternehmen. Ein bisschen wie die frühen Seefahrer. Ich gestehe auch, dass mir das Cowboytum der Astronauten Spaß macht. Herrn Armstrongs Coolness, der zu verdanken ist, dass die erste Mondlandung nicht vollends in die Hose ging, Bewunderung für Michael Collins, der derweilen „um den Block“ fuhr und sich sicher ein Liedchen gepfiffen hat, während die anderen einen „small step for man, a giant leap for mankind“ vollführten. Applaus für Juri Gagarin (ja, wird erwähnt!). Noch mehr Applaus für Allan Shepard, der zu Zeiten, als Raketen in den USA noch zu einem hohen Prozentsatz explodierten statt abzuheben, als erster Amerikaner den Weltraum erreichte und doch bei seiner späteren Mondmission weinen musste, als er die Erde aufgehen sah. Die echte Atlantis-Raumfähre. Nicht zu vergessen das Modell des Hubble Teleskops, das treue Ding, das für 5 Jahre senden sollte und nun im 30. Jahr noch immer tief ins Weltall pliert. Ja, ja, und es war auch wirklich lustig, sich in den Launch-Simulator der Raumfähre Atlantis zu setzen, wo sie einem ein bisschen Anpressdruck vorführen. Guter Tag! A spark of joy.

Wir haben mit unserem Liegeplatz in Canaveral wirklich Glück gehabt – kurz bevor wir die Einfahrt erreichen, nötigt mich der Eigner, mit dem telefonischen Abklappern von Marinas – teuer!  Teuer! – zu beginnen, und gleich der erste Versuch ist’s: Port Canaveral Yacht Club, eine private Anlage, die uns einen Platz zum halben Preis der umgebenden Marinas bietet. Spannendes Anlegemanöver – Dalben haben wir seit 2005 nicht mehr gesehen, und es ist absoluter Tiden-Tiefstand, so dass wir ein bisschen jonglieren müssen. Jetzt fahren wir täglich 1.5m rauf und runter (es wird weniger, die Neumond und Springtide sind vorbei… Eid Mubarak übrigens!). In der Ferne ragen die Gebäude der Raumfahrtstation in den Himmel, gleich ums Eck sammeln „Norwegian Sun“, „Irgendwas of the Seas“ und ein Disney-Riese Passagiere ein und spucken sie nach ein paar Tagen wieder aus. Art und Umfang des hiesigen Kreuzfahrttourismus war uns nicht bewusst: Taxifahrerin Rose geht auf Kreuzfahrt, so oft sie kann, auf Spritztour zu den Bahamas vorzugsweise. Kostet für ein Wochenende ab 100/150 Dollar oder so; Gewinn kommt wohl von den Leuten, die sich im Bordcasino arm machen. Die Norwegian Sun geht am Montag bis zum Freitag auf „große Fahrt“ (4–5 Tage!), um dann am Wochenende noch schnell eine ebensolche Kurzreise für Rose und Co. einzuschieben.  Gesund ist das nicht…

Da wir hier nun an einem Clubsteg liegen, nehmen wir natürlich auch am Clubleben teil – es wird 2x pro Woche gekocht, und weil die Clubmitglieder eher Rumlieger sind, geben die AKKAnauten die Stars. Es stößt bereits auf Bewunderung, wenn man die Karibik bereist hat. „… und wo wart Ihr vor Jamaika?“ Meist gucken wir uns an – man will ja nicht protzen – und der Eigner sagt beiläufig „New Zealand“.  Habt Ihr das Schiff dort gekauft?  „Whaaat? You sailed the WORLD?“ Weiterer Kommentar: Ich bin zu ängstlich, um die USA zu verlassen… Gutes Thema – schlechtes Thema. Ich weiß nicht, wie die Mit-Esser am Tisch mein Kubatiraden ertragen haben, teilweise sicher eher ablehnend, aber ich kann einfach nicht damit aufhören – und dabei ist offene Sprache über Politik so notwendig, wie sie hier als unkorrekt empfunden wird. Stellt sich die Frage, wie man auf diese Weise jemals Informationen austauschen oder gar Interessen angleichen kann. Das gilt auch für Religion, dabei ist freizügige (christliche) Religionsdemonstration wiederum absolut erwünscht, egal ob als Stoßstangensticker oder wie gestern beim Walmart – zwei Frauen umarmen sich und bleiben für Minuten umarmt, bis sie ein lautes „…amen!“ ausstoßen. Zwischen Bananen und den Holzkohlestapeln. 
Das nächste Mal gehe ich daher mit Maulkorb zum Essen:  seit 2 Tagen hat die Trumpregierung die Einreise für private US-Segler (und Flieger) nach Kuba unterbunden. Kuba ist einfach eine Gefahr, ein destabilisierender Faktor in der Region, eine Quelle des Kommunismus vor der US-Haustür (sagt Herr Mnuchin). Das Entsetzen unter Seglern ist so groß, wie die Diskussionen darum wild sind. Wir also werden über Sashimi (lecker!) und die Tischdekoration sprechen. Ist nicht wahr – wir hatten Gesprächspartner aller Seiten am Tisch, aber ich denke schon, dass unsere Diskussionsbeiträge etwas naiv erschienen sind.

What else sparks joy? Morgen gehen wir auf Landreise – ein Leihwagen trägt uns nach Orlando, wo ich bei Crocs Plastikmüll kaufen werde, denn im Gewitter gestern ist in unserer Abwesenheit ein FlipFlop fortgeflogen, und Crocs sind die Schuhe, die meinen Beinen am besten tun.

Ein Viertelstündchen anstehen (ohne uns):
Selfie am Southernmost Point, Key West

Von Marathon aus war auch ein Busausflug nach Key West sehr lustig – eigentlich als 90er Jahre-Revival gedacht, landeten wir im „Southernmost Inn“ statt wie damals im „Southernmost Point Guest House“. In Key West ist eben alles „southernmost“, der südlichste Schweißer, der südlichste Eisladen, Strand, Apotheke…  und eben die südlichste Pension. „Inn“ statt Guesthouse war trotzdem schön, mit Pool und Leihfahrrad und Leuchtturm und viel Hemingway.
Was zur Zeit nicht so viel Spaß macht ist das Wetter  – viel Flaute durchmischt mit Gewitter und den entsprechenden Böen. Mal gucken, wann wir nach Norden können. Mitte der Woche wäre gut, vielleicht gleich bis South Carolina.
Wobei solches Wetter auch „sparks of joy“ hervorrufen kann – gestern gab es eine Fahrradtour nach Merrit Island, zwecks Besuchs des „Office Depot“ wegen des CF-Readers (siehe oben). Schwül isses, und als wir aus dem Walmart (ein furchtbarer Kramladen gigantischen Ausmaßes – Damenunterwäsche nur im 6erpack und dann auch noch gemustert! Pfui!) treten, gewittert es massiv. Die Rückfahrt (12 Meilen hin, 12 Meilen her) teilt sich in diverse Teilstrecken, Pause wegen Regen unterm Baum, dann wegen massiven Gewitters unterm Vordach der CVS Pharmacy (ha! Spark of joy! Drugstores in den USA haben alles, auch gekühlten Starbucks-Kaffee in der Glasflasche. Leider überzuckert, aber wir waren ja auch unterzuckert…). Dann wieder Pause auf einer Tankstelle wegen Wolkenbruchs (muntere Sprüche von allen Seiten!)  – das ging so, bis wir derartig bedient waren, dass uns die wadentiefen Teiche an den Kreuzungen nicht mehr anfochten. Ein ganz neues Gefühl, bis zur Nabe durch Wasser zu fahren – so sauber waren unsere Räder schon lange nicht mehr.
Ebenfalls keinen Spaß macht das Problem mit dem alten Plotter: CF-Karten sind aus der Mode, die Kartenleser haben wir/haben sich alle geschlachtet, und die Karte mit unseren elektronischen Seekarten von USA/Canada sind zu groß für unser „altes“ Teil – das Gerät selbst ist von 2012; wir haben es letztes Jahr gebraucht nach Grenada geflogen und eingebaut, aber die Entwicklung ist 10 Jahre älter. Also heißt es rumfragen, basteln und versuchen – wenn der Bildaufbau so langsam ist, dass man schon am Wegpunkt vorbei ist, wenn das Gerät fertig ist, muss das System optimiert werden; noch lustiger ist, wenn in der Einfahrt nach Canaveral der Plotter denkt, er müsste runterfahren und neu starten. Gut, dass Redundanz unser Hauptprinzip ist, das Tablet liefert die wichtigsten Informationen, auf Grund läuft man damit jedenfalls nicht. Grund zur Freude!

Den ultimativen Grund zur Freude liefert jedoch Kapitän und Bordingenieur Hänsch, immer wieder. Dass unser Motorkühlsystem sich rätselhafterweise immer weiter mit Wasser füllt, hat ihm echte Kopfschmerzen bereitet, zunächst einmal, bis die Beobachtungen „keine unmittelbare Gefahr“ ergaben – das war noch am Cabo de San Antonio. Danach begann die neue Kopfschmerzen generierende Forschungsarbeit –  alle Faktoren sind ausgeschlossen, und dennoch tropft es. So ein Mist – bis er auf die Idee kam, dass unser Heißwasserboiler ein Leck hat – nicht zum ersten Mal, das Gerät ist von 2013, Neuseeland. Dieses Mal ist es ein internes Leck, und die Druckwasserpumpe fördert Wasser in den Süßwasserkreislauf des Motors. Das isses! Wer braucht schon warmes Wasser (the captain himself!), drum kann man den Boiler gefahrlos abklemmen, und schon ist alles in Butter.

… sowas hat er im Urin, der Held: Impeller. Alle Flügel angerissen

Noch ein freudeerzeugendes Projekt ist der Umbau der Klos –  der Nationalpark um die Keys erfordert die Benutzung eines Schwarzwassertanks, ein Thema, das mich auch schon ohne Nationalparkbedingungen seit langem beschäftigt (ich wünsche mir ein Kompostklo!), nun wurde es akut. Also reduzieren wir in unserem achteren „Schuppen“, der auch das unbenutzte Zweitklo mit Drecktankanschluss beinhaltet, die Kisten und Kästen und fahren seit neuestem für „Sitzungen“ mit dem Hintern ins Regal. Das macht vielleicht Spaß!  Doch, doch, er ist (m)ein Held, der Kapitän!

Zurück zur Eingangsfrage: macht es Spaß?  Ja, klar macht es Spaß – man muss sich nur die schönen Dinge suchen!

Bis demnächst aus … South Carolina, The Palmetto State (and the Lindsey Graham State. Ei-ei-ei…)

Kuba – der Nachklapp

AKKA in Cayo Levisa

Marathon/Florida Keys, USA – 22.5.2019

Vorbei, vorbei, die schöne Zeit in Kuba.  Was frau so „schön“ nennen mag. Eine gemischte Wundertüte. Vorhin habe ich die erste politische Diskussion in den USA begonnen, ganz harmlos, weil ich den Publix-Supermarkt dafür gelobt habe, dass er Eier (!!) gehabt habe. Die Fake-News-Trulla von der AKKA, die uns erzählen will, was in Kuba abgeht („… I have not been there but I would like to go before they open it!“ Was wird geöffnet? Kuba-Disney?).
Kuba verwirrt, daran hat sich aus unserer Sicht nichts geändert. Zwischenzeitlich dachten wir, wir hätten ein bisschen mehr verstanden, aber nun kamen die – auch in Europa in der Presse kommentierten – neuen Rationierungsmaßnahmen. Es ist wirklich unfassbar. Bei aller Fähigkeit der Kubaner, das Leben zu nehmen wie es ist, das heißt: so positiv wie möglich, hörten wir in den letzten Tagen doch ein paar Mal, dass man sich ein bisschen vor den kommenden Monaten, wenn nicht Jahren, fürchtet – gewiss ist die Lage nicht so umfassend schlecht wie Anfang der 90er, als der Ostblock auseinanderbrach, aber die Abhängigkeit von Venezuela als Öl- und damit Devisenlieferant ist doch extrem, sodass wir die Befürchtungen nachvollziehen können. Ich hoffe nicht, dass meine Ahnung wahr wird: jetzt haben sie sie am Schlaffittchen, und zwar sowohl Venezuela wie Kuba, zwei auf einen Streich.
Nein – ich pflege keine Kuba-Romantik. Oder wenn, dann nur ein kleines bisschen.

Wir haben tatsächlich unseren Kubaaufenthalt ohne Einkäufe in den Läden hinter uns gebracht –  zugegebenermaßen sind wir jetzt entsprechend knapp mit Vorräten (Zitat Eigner beim Blick ins Kühlschapp: „…hier ist immer noch mehr Butter drin als in ganz Havanna!“). Wir haben uns auf den gelegentlichen Kauf von Gurken, Zwiebeln, Tomaten und Obst vom Straßenhändler beschränkt, besonders jetzt, nachdem die Rationierungen verschärft wurden. Erinnert Ihr Euch daran, dass ich in Los Roques/Venezuela nach einem Eiskrem zum Kaffee gefragt hatte und der Kellner haltlos zu lachen begann?  Ähnliches passierte in der Marina Hemingway im „Caracol“ , ein Supermarkt der Marke: 10 m kolumbianische NestaFit-Kekse und 20 m Wasserflaschen. Und viel Rum zum Betäuben…  Ich frage nach Eiern, ganz schlicht. Da gehen die Augenbrauen schon hoch: „Huevos? EN DIVISA?“ Wat? Eier im freien Verkauf? „Noooo!“ Als Beispiel für die (ziemlich umfassende) Schieflage: Kuba hat im März, wie wir hörten, 900.000 Eier weniger produziert als sie gebraucht hätten, das sollten 5,8 Millionen sein,  woran die Tourismusbranche sicherlich nicht unschuldig  ist (man möchte den all-inclusive-Touristen „immer schön aufessen!“ zurufen). Der April war mit nur 600.000  Stück weniger etwas besser, aber man kann sich vorstellen, dass da eine Bedarfslücke klafft. Ich glaube nicht, dass die Legehennen nun alle gemeinsam in die Mauser gegangen sind und daher das Legen eingestellt haben. Wie genau der Fehlbestand zustande kam, vermochte niemand genau zu sagen (der Kubaner ist vielleicht auch zu fatalistisch veranlagt, um das zu hinterfragen ?!) – ich glaube jedenfalls weniger an eine Hühnergrippe als an einen Mangel an Futtermitteln, siehe meine Embargoklage. Vielleicht hat man auch in vorauseilendem Gehorsam den Hennen den Garaus gemacht, um der Nachfrage nach Hühnchenfleisch gerecht zu werden, das gab es in den letzten Tagen nämlich auch nicht mehr.
Ach je, ich weiß es nicht – irgendwie hat uns diese Lage den Abschied von Kuba ein bisschen leichter gemacht, dabei war es doch wirklich schön.  8 Wochen sind allerdings für den durchreisenden Segler ein bisschen kurz, zumindest für die ganze Insel, noch dazu, wenn er so lahmarschig ist wie wir. Wir haben 6 davon für Cienfuegos und die Umrundung des Westens gebraucht, und dabei ging die Segelstrecke zügig vor sich.

Dockmaster Abel und die Fischersleut‘

Schöne, unbewohnte Inselchen vor der Südküste, ein total nettes Willkommen am Cabo de San Antonio in der „Marina Gaviota Los Morros“, beim herzlich-freundlichen Dockmaster Abel und seinen Fischersleuten. Ein paar Tage im kleinen Tropenstrandparadies Cayo Levisa, das wir uns tagsüber mit Touristen vom Festland teilen mussten, aber wo man abends bei den Fischern Grenada-Bier gegen Mangos tauschen kann. Zum

Stillleben mit Geschossen

Picknick das Dinghy in den Mangroven festbinden. Mit den Kanadiern Rui und Leeza (Kanadier genießen Sonderrechte in Kuba, die dürfen sogar 2 x 3 Monate bleiben!) schnacken und Erfahrungen austauschen und Hundekraulen: ein interessanter, absolut netter Bordhund, ein Australian Shepherd/Koyote-Mix!. Eine junge amerikanische Familie auf der Rückreise nach Utah und Gelegenheit zum großen Politikaustausch (definitiv ohne

Das? Das war ich nicht!

MAGA-Mütze). Damit hatte sich die Seglergemeinde auch schon erschöpft, obwohl diese beiden und 2 weitere Yachten in Los Morros auf den letzten 500 Meilen sich schon fast wie „Überfüllung“ anfühlten. Eine sehr genussvolle Reise trotz mehrerer Nachtschläge.
Unsere letzte Station in Kuba sollte die Marina Hemingway werden – ein etwas dereliktes Überbleibsel der späten Batista-Aera, 10 km westlich von Havanna gelegen. Hier wurden 4 lange Kanäle in die Korallen gesprengt, mit reichlich Platz für je 100  Yachten und viel, meist unbewirtschafteter bzw. meist unbelebter Infrastruktur: Restaurants/Hotels/Swimmingpools auch für die Havaneser Wochenendbespaßung; unter anderem mit einem großen, grauen Hotelklotz names „El Viejo Y El Mar“, ehemals gern genutzt für Medizintouristen aus Venezuela. „Der Alte Mann und das Meer“ ist sowieso weit verbreitet, als Skulptur, als Wandmalerei, gern wird auch das Bild vom überaus geschätzten Ernesto (Hemingway) und Fidel gezeigt, die sich hier ein einziges Mal in ihrem Leben getroffen haben, beim Angelturnier (das Fidel gewonnen hat – man ließ ihn ebenso gewinnen wie Ché ihm beim Golf den Vortritt gelassen hat).
In dieser Marina geben sich während unseres Aufenthaltes im Kanal 1 ein paar Segler – 2 Handvoll?! – die Klinke in die Hand; „Hemingway“ ist Absprungort für sowohl unsere Richtung nordwärts wie für die, die nach  Mexiko-/Guatemala/Panama zielen. Zum Beispiel die „Luna Mare“, eine nun schon langjährige Internetbekanntschaft, bayerisch-hessisch, mit denen ich mich schon vor Monaten für „Bohnen-mit-Reis-Essen in Kuba“ verabredet hatte. Hat geklappt. Das Treffen resultierte allerdings in einem kleinen Missklang. Oh, je…  – eine Episode aus der Serie „The Confessional“ und ein Kunststück vom Fuchs: Anlegemanöver. Marion nähert sich dem Dock sehr suutsche, ein Leinhandler geht achtern an Land, die Schipperin nimmt die Vorleine und schaut nicht, was sonst passiert, vor allem nicht nach achtern – also belege ich die Vorleine zu früh, der Bug der Luna Mare schwingt herum und „bäng“. Orangefarbener Stahl auf Beton. Glücklicherweise erweisen sich Paul und Marion als ausreichend stressresistent (vielen Dank dafür! Der hässliche Aufprall klingt mir noch immer in den Ohren!) – sie zücken noch am gleichen Tag den Lacktopf für die Schmarre; wenigstens habe ich keine Beule erzeugt. So etwas Dusseliges, aber es ist mir eine Lehre. Dafür tauschen wir dann Bücher aus und schwätzen über gewesene und angepeilte Ziele; mein Neid auf die, die in den Pazifik gehen, wird mit jedem solchen Gespräch signifikant größer… . Gute Reise, Luna Mare! Wir sehen uns in Arrecife!
Zuvor hatten wir uns zu einem Nachschlag „Kuba wie es leibt und lebt“ nochmals nach Havanna verholt. Zimmer bei Hans auf der Calle Chacón,  in kürzester Laufentfernung zu unserem persönlichen Zentrum der Stadt namens „Lo de Monik“, was so viel heißt wie „Der/die/das von Monik(a)“. Das Restaurant, die Bar.  Hatten wir schon beim ersten Besuch mehrfach für Frühstückszwecke besucht, aber besonders, wenn der AKKAnaut mittags nach Erfrischung lechzt, kommt eine eiskalte Gurkenlimonade besonders gut, zumal man sich man sich auch über die Herkunft ihrer Inhaltsstoffe keinen großen Kopp machen muss. Beim Frühstück – mit Eiern! Siehe oben! – schon eher. Es ist verzwickt – wir bringen mit unserem „business“ ein bisschen Geld, gleichzeitig essen wir Touristen den Kubanern die Haare vom Kopf. Teurer machen? Machen die Touristen dann vielleicht nicht mehr lange mit, denn die gezahlte Kohle ist direkt proportional zu den Leistungsansprüchen, und das funktioniert hier höchstens bei wohlwollenden Individual- oder Alternativtouristen. Es ist ein bisschen wie in den 40er/50er Jahren: eine Haupteinnahmequelle ist der Tourismus, der im Endeffekt zu einer massiven Ungleichverteilung beiträgt. Erholen kann sich das Land eigentlich nur, wenn es Handelserleichterungen gibt anstatt den Handel zu erschweren – solange man Kuba nicht mitspielen lässt, zum Beispiel im Kreis internationaler Organisationen, oder es von internationaler Hilfe abschneidet bzw. diese erschwert, wenn  bestimmte Bedingungen nicht erfüllt sind, wird sich das kaum regeln lassen.  Wir Westler unterstützen gern mal miese Potentaten, wenn es in den Kram passt – der Kuba-Kram passt seit 60 Jahren nicht. Mit solchen Gedanken, die eigentlich mit jedem Tag mehr werden, marschieren wir ein letztes Mal die Calle Cuba bis zum Bahnhof hinunter und die Habana wieder rauf –  „morbiden Charme“ kann ich immer weniger empfinden, es schaudert mich zunehmend. Wir haben an der Situation unseren Anteil – nur: wie können wir Einfluss nehmen? Schwacher Versuch: drüber reden. Das tu‘ ich – siehe Eingangssatz – mit dem Chef der Marathon Marina hier in den Florida Keys, indem ich von unserer Ohnmacht nach dem Besuch des PUBLIX-Supermarktes berichte, sie hatten nämlich Eier! Unglaublich. Da kommt erst einmal „naja, eine Regierung mag die andere nicht! Und die haben ja ihre eigenen Hühner!“. Ich hake nach, wie die Kubaner wohl ihr Eierdefizit ohne Hühnerfutter decken können. „You mean – the embargo?“ Ha! Er ist von selbst drauf gekommen! Der Eigner, der dem Schauspiel beiwohnt, sagt, die ältere Frontdesk-Dame sei schon merklich abgerückt. Da bahnt sich eine politische Diskussion an – shoohoo! Aber vielleicht ist ja ein winziges Cent-Stück gefallen.

In jedem Fall: wir sind in „God’s own country“ angekommen (so sagten die Südafrikaner früher gern), die Amerikaner haben uns auch reingelassen *, Mr. Poster vom Customs and Border Patrol war so freundlich. Wir haben sogar eine Cruising License für ein Jahr bekommen, das ging automatisch. MAGA-Mützen gab es noch nicht, aber Im Supermarkt sichteten wir das erste „I proudly stand for the national anthem“-T-Shirt. natürlich alt und weiß und männlich. Wir sind echt gespannt!

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*Kleiner Schluckauf zum Beginn der Reise: Customs & Border Patrol kann man die Arbeit erleichtern, indem man sich eine App auf das Tablet lädt, die heißt ROAM. Gesagt, getan, gemacht, gefummelt, authorisiert… alles mit dem schwachen Kubanetz. Und zack! Raus mit der Arrival-Datei für AKKA. Toll! Abends noch einmal duschen und schnell gucken, ob die Behörden reagiert haben. Hatten sie! „Unfortunately, your arrival has been denied and you may not enter the US territory at this time…“  Nee, oder? Müssen wir jetzt auf die Bahamas laufen? Kurze Verwirrung und Rücksprache mit Luna Mare und den Freunden von der Kuba-Gruppe auf Facebook. Kleiner Systemfehler von der Schipperin. Man darf die Ankunft erst ankündigen, wenn man im US-Netz ist – puuh!  Der Rest der Reise war easy. 8 Stunden Motorsegeln, 12 Stunden Segelei mit Golfstrom (hui!) und noch ein paar Stunden Tuckerfahrt. Voilà – Florida!

 

Havanna, Havanna

El Capitolio – der „amerikanische Traum“

Isla del Rosario, 29.4.2019

Versprochen ist versprochen!  Es ist 17 Uhr, AKKAs Anker liegt auf 2.5 m in einem Sandfleck, mühsam angesteuert inmitten eines Meeres von Seegras, hier „turtle grass“ genannt, dickes Zeug, wo selbst unser Bügelanker nicht immer beißt… Sonst beißt auch nicht viel, weder Schildkröten noch Fische sind in Sicht, wie ich beim Kontrollschnorchelgang feststellen konnte.
Wir sind auf dem Weg zum Westkap, dem Cabo de San Antonio, von dort geht es die Nordküste entlang wieder ostwärts, dorthin, wo wir schon waren: La Habana, Kubas Haupststadt; schön, scheußlich baufällig, fröhlich und touristenüberflutet. Einfach spannend.

Für unseren Busausflug dorthin hatten wir AKKA in Cienfuegos ans Dock gelegt, schließlich wollten wir länger als die ominösen 3 Tage wegbleiben, und es ist auch ein angenehmeres Gefühl, denn als wir aus Trinidad zurück kamen, knatscht unsere Ankerkettenentlastung: kaum lässt man die alte Dame mal allein, fängt sie sich irgendwas am Grund ein und ruckt kurzstag an der Kette. Eine Premiere und eine eher unagenehme Überraschung, die allerdings schnell behoben war. Die Dockplätze werden nach dem „first come, first serve“-System verteilt, und ich hatte Glück, im rechten Moment am Marinabüro vorbeizukommen, was zum spontanen Entschluss führt, AKKA anzubinden und gleich am nächsten Tag loszufahren. Rucksäckchen gepackt und weg!

Wir nehmen wieder den Viazul-Bus in Anspruch, in CUC zu zahlen und daher häufig von Touristen frequentiert –  es gibt andere Beförderungsarten, von deren Benutzung Touristen ausgeschlossen sind oder nur nach Gutdünken des Fahrers erlaubt, wie zum Beispiel die Pferdetaxen in Cienfuegos. Eigentlich macht man bei Viazul eine Reservierung (sogar online, aber das nur bis 14 Tage vor der Reise, nix für uns…), man bekommt einen Ausdruck, den man zur Abfahrt in ein Ticket tauscht (Schlangestehen ist einfach ein schönes Hobby hier, genannt „hacer la cola“), aber ohne Reservierung und 30 Minuten vor Abfahrt muss man dann schon mal ein bisschen frech sein und sich vorbeischlängeln.  „Ein Ticket? Für wann?“ fragt der freundliche Herr, der inmitten von alten Plüschsesseln vor einem Flachbildschirm hängt (das Viazulbüro in Cienfuegos ähnelt eher einem 50er-Jahre-Wohnzimmer, solche Möbel haben wir zuletzt in Zambia am Bahnhof erlebt). Jetzt gleich! Sofort! Ahorita! Er verfällt in Schweigen und hämmert auf die Tastatur ein, schüttelt den Kopf, starrt… Dann streckt er die Hand nach dem Geld (2×20 CUC) aus und reicht mir zwei handgekrickelte Zettelchen: „System funktioniert nicht!  Geht aber in Ordnung!“, und das stimmt, 4 Stunden später sind wir in Havanna. Richtig gut vorbereitet sind wir nicht. Ein Zimmer in Habana Vieja, der Altstadt, schwebt uns vor (es lebe OSMAnd, die offline-Karte für Kuba und den Rest der Welt!), also halten wir ein Taxi an (ein Lada und nicht, was Ihr denkt, Buick oder Oldsmobile…) und sagen so lässig wie ungefähr: „Capitolio!“. Der Fahrer ist nett (wie die Kubaner im Allgemeinen), fragt ein bisschen, erzählt ein bisschen und setzt uns dann am Mini-Kapitol raus. Das Capitolio, nach dem Bild des Kapitol in Washington, ist eine Ikone der Amerikanerzeit, in den 20er Jahren erbaut, zunächst vom späteren Diktator Gerardo Machado, dem „Schlächter“, als Präsidentenpalast geplant, jedoch bis in die 60er Parlamentssitz (Hintergrund ist, dass das geplante Parlamentsgebäude in seiner Marmorpracht der damaligen Präsidentengattin so gefiel, dass sie den Gatten überzeugen konnte, dort einzuziehen). Heute beherbergt das Capitolio das Wissenschaftsministerium o.ä. – Fidel hatte, wie beim eigentlichen Präsidentenpalast, eine Aversion gegen alte Prachtbauten, denke ich. Drum beherbergt der jetzt auch das Revolutionsmuseum. Unbedingt anschauen!

Glitzer und Glamour

Wir springen aus der Taxe, mischen uns unters reichlich vorhandene Volk, stehen Kurz-Schlange für ein Softeis (ein CUP-Eis zum CUC-Preis, was heißt, dass man 24 mal mehr bezahlt als ein Kubaner und sich dennoch nicht geschröpft vorkommt). Staunen vor dem großen Buchladen, eine Ladenkategorie, die es in Cienfuegos fast gar nicht gibt – so viel Ché! Leider darf ich mit dem Rucksack nicht hinein. Dann tauchen wir in die Altstadtstraßen ein und sehen schon, was Habana Vieja ausmacht: heruntergekommene Ladenpassagen, daneben glitzernde Hotels von Kempinski und Co., Renovierungsbemühungen (das Capitolio ist noch halb eingerüstet, strahlt aber bereits in hellstem Alabasterglanz) überragt von Mehrstöckigem, aus dessen leeren Fensterhöhlen Bäume wachsen. Und dann die „Obispo“. Calle Obispo ist quasi die Touristen-Aorta der Altstadt, viel Lärm, viel Musik, viele Besucher, viele Shops, viele Restaurants. Und viele Ché-T-Shirts… aber für die Ché-Devotionalien haben wir keinen Blick, wir müssen ja noch ein Zimmer finden – was sich als schwierig herausstellt, denn wir sind so aus der Welt bzw. aus dem Kalender gefallen, dass uns nicht bewusst ist, dass dies die Osterwoche ist. Für Kubaner nicht so wichtig, selbst wenn Johannes Paul vor 20 Jahren die katholische Kirche reinstalliert hat – aber für europäische Touristen! Die ersten Versuche, ein Zimmer zu bekommen, gehen schief – unser Prinzip ist das von Versuch und Irrtum: Arendadora Divisa-Logo ansteuern, am Haus hochgucken (Baufälligkeitsstatus, Lärmpegel, hat’s Balkon?!) und klopfen: leider nein, oder nur für eine Nacht… Bei Hans auf der Chacón sehen wir Licht, denn die klassische, kubanische Hilfsbereitschaft trifft uns in vollem Umfang. Auch Hans‘ Mutter hat keinen Platz, aber er läuft mit uns los, von Freund zu Freundin, erzählt derweil ein bisschen über die Gegend, über alte Verbindungen zur DDR (siehe „Hans“, ob es da wohl Gegenstücke names Juanita o.ä. in Berlin gab?!). Wir tüfteln schon am Plan B namens „Hotel“ als Hans uns zurück nach Hause leitet und telefonieren geht – und ein paar Minuten später landen wir bei zwei Damen auf der Calle Cuba, sehr nett. Wie viele der kubanischen Stadthäuser ab den 20er Jahren ist auch dieses geteilt, ein Raum für eine Familie; nach der Revolution hat man noch mehr Menschen in diese Wohnungen gepresst. In unserem Fall bleibt die Teilung undurchsichtig: wir wohnen im Erdgeschoss. Man öffnet die Haustür und steht im Wohnzimmer, ein kleines Nebengelass schließt sich an, weiter in die Tiefe des Hauses findet sich dann unser Raum, mit zwei großen Betten und einem veritablen Badezimmer. Küche und Abstellräumchen nebenan kann man ahnen, die 79-jährige Mutter der Vermieterin lebt in einer weiteren „Abseite“, von der wir annehmen müssen, dass sie kein Fenster hat. Das Gästezimmer ist eindeutig das größte in dieser Wohnung. Die Betten sind gut, es gibt Ventilatoren, sogar eine Klimaanlage, Steckdosen für traveller’s delight, nämlich das Laden von Kameras und Smartem… – nur werden wir vergattert, unbedingt sparsam mit dem Wasser zu sein, was uns als Bootlingen ja leicht fällt. Prima! Erkundungsgang!
Die nächsten 4 Tage verbringen wir im Wesentlichen in genau diesem Viertel, aber es ist definitiv auch besonders sehenswert. Zum Beispiel: hier beginnt der Malecón, die endlos lange Uferpromenade –  ich freue mich wirklich hier zu sein und habe sofort die Eingangsszene aus Buena Vista Social Club in Erinnerung –  ein 50er-Jahre-Auto fährt durch die Gischt, die von der Ufermauer auf die Straße wuscht. Es schwappt dieser Tage nicht so gewaltig wie im Film, aber für Teen-Vergnügen (nasse T-Shirts und Gekreisch) reicht es allemal.  à propos Buena Vista Social Club – ich hätte nicht erwartet, dass man dessen überdrüssig werden kann, aber wenn man das 50. Cover d von „El cuarto de Tula“ gehört hat, freut man sich dann doch über andere Stücke. Der Spaß am Rhythmus bleibt aber.

„Die Wiege des Daiquiri“ und Baufälliges… La Floridita (Hemingway lässt grüßen)

 

Die alten Befestigungsanlagen sind beeindruckend, die werden wir in den nächsten Tagen mehrfach unsicher machen, ebenso den alten Palast der Kapitäne an der Plaza de Armas, der jetzt ein Stadtmuseum beheimatet. Aber natürlich gucken wir nicht weg (der Eigner schon gar nicht!), wenn einer der vielen, alten Straßenkreuzer vorbeifährt oder besser noch, wenn einer geparkt zu besichtigen ist. Von diesen Oldtimern gibt es zwei Kategorien: solche, die als veritable Taxen arbeiten (uns schon bekannt aus Cienfuegos), häufig erkennbar am klapprigen Zustand und dem matten Lack und der vollen Beladung,  und daneben hier in Havanna unglaublich viele, die in pink und gelb und grün aufgehübscht sind (von Nahem erschließt sich dem Sachkundigen allerdings so mancher Spachtel-Wahn!); eine ganze Flotte, die für eine Firma namens „Gran Car – Rent a Fantasy“ Touristen durch die Gegend fährt. Letztere sind nicht gerade zimperlich im Vortrag ihrer Angebote, aber auch dadurch – und unsere freundliche, aber bestimmte Ablehnung – ergeben sich nette Gespräche.

Rentar una fantasia

Als wir das dritte Mal nahe dem Castillo de la Real Fuerza auftauchen, haben wir schon Wiedererkennungswert, aber – bis auf die Oldsmobile-Taxenfahrt zurück zum Busbahnhof, Kategorie normal-klapprig – sind wir standhaft geblieben und haben nur geguckt und uns gefreut; mir wäre es auch irgendwie peinlich gewesen, Cruiselinergast-mäßig in Bonbonrosa durch die Stadt kutschiert zu werden. Sonnenbrille, Strohhut, Blümchenkleid, Zigarre und viel Frohsinn; wahrscheinlich auch das eine oder andere Glas „Habana Club“ intus… Rent a fantasy –  ein nachvollziehbarer Slogan. Ich sagte ja schon, dass diese Vehikel ein zweischneidiges Schwert sind: mit der Revolution ging im Endeffekt ab 59/60 die gesamte Oberschicht ins Exil – später auch die Mittelschicht – und ließ alles zurück, inklusive der zuvor massenweise importierten Buicks und Oldsmobiles, Chevrolets, Ford… In den 50ern hatten sich ja viele Prominente Stimmen zu und gegen die amerikanische Kultur in Kuba geäußert (Hemingway, selbst dem Alkohol nicht abhold: „Die große Hure“, Einstein: „abstoßende Ungleichheit besonders die Schwarzen betreffend“), die Autos waren eines der äußeren Zeichen für den – überbordenden – Tourismus aus den USA; Prostitution, Alkohol, Casinos, was das vergnügungssüchtige Herz begeht, und alles im Übermaß.  Da mit der Revolution bzw. den Enteignungen sofort die Wirtschaftssanktionen der Amerikaner einsetzten, blieb die Automobiltechnik am Ende der 50er Jahre stehen: bis auf Sowjetprodukte keine Neuimporte mehr, keine Ersatzteillieferungen. Sieht nett aus, hat Charme, und es ist auch ein technisches Wunder, die Dinger so lange am Laufen zu halten, aber für die Kubaner ist es ein Kreuz. Es gibt Schauergeschichten insbesondere über die echten Taxen; eine meiner liebsten ist eine Fahrt von Havanna nach Trinidad, auf der alle x Kilometer frischer Sprit aus den im Kofferraum hin- und herrutschenden und -schwappenden Kanistern angesaugt werden musste „… der Tank ist schon seit vielen Jahren defekt!“. In der Geschichte heißt es auch, dass die Türen nicht schlossen, die Fensterkurbeln fehlten, und dass die Bremsen zu wünschen übrig ließen, spielte bei der erzielten Geschwindigkeit eine geringere Rolle (der Fahrer hatte auch keinen Führerschein…). Aber es geht eben doch vieles, was in anderen Ländern unter „unmöglich“ laufen würde. In solche Taxen passen gewöhnlicherweise 6-7 Fahrgäste: 4 hinten, mindestens, mindestens 2 auf der Vorderbank (+ Fahrer). Ich bewundere die Kubaner für ihren Erfindungsreichtum und ihre Widerstandskraft.
Wir fahren mit dem Hotelbus durch die Stadt – das kostet 10 CUC pro Nase und man darf dafür den ganzen Tag „hop-on/hop-off“ genießen. Wir hopsen insbesondere am Cemeterio Colón runter und genießen einen riesigen Stadtfriedhof. Ibrahim Ferrer haben wir leider nicht gefunden, aber dafür schöne Geschichten gehört, zu begrabenen Feuerwehrleuten oder anrührende Mutter/Kind-Stories. Eine Ehesache ist besonders nett: schwierige Anbahnung einer nicht standesgemäßen Ehe. Die Frau stirbt recht jung. Da das höchste Grabmal des Friedhofs den o.a. Feuerwehrleuten als den Opfern eines Explosionsunglückes vorbehalten ist, muss sich der trauernde Ehemann etwas ausdenken und ersinnt ein gigantisches Mausoleum aus Marmor und Granit, vor das er – ganz unschuldig – zwei kleine Königspalmen setzen lässt. Wer die Grabstellen sucht, muss nur nach dem hohen Marmorengel und den beiden noch höheren Königsplamen Ausschau halten… Unter dem Engel werden heute noch die Hanaveser Feuerwehrleute begraben, und  Helden der Revolution gibt es natürlich auch reichlich.
Das Ganze ist der Recoleta in Buenos Aires nicht unähnlich. Nur ohne Evita.
Im Umfeld des Friedhofs das ganz normale Havanna – das sich durch „gibt’s nicht“ auszeichnet. Nicht mal eine Kaffeestation. Ah! Doch! Ein Laden in einem Treppenhaus! Serviert uns schnell noch einen Kaffee um dann schnell – es sit 13 Uhr! – zu schließen. Soll erfüllt, wahrscheinlich.

Nach der zweiten Nacht eröffnet uns unsere Vermieterin, dass sie uns leider nicht weiter beherbergen kann – die Mutter ist krank, sie brauchen jeden Tropfen Wasser für sich selbst, denn der Wasserwagen ist am Vortag nicht gekommen und die Zisterne, die sie mit anderen Hausbewohnern teilen, fast leer – in großen Teilen der Altstadt gibt es keine zentrale Wasserversorgung Es ist uns wirklich unangenehm, dass wir ihre Hilfsbereitschaft überhaupt in Anspruch genommen haben, dabei ist diese noch nicht zu Ende, denn natürlich hat sie uns schon an eine Freundin weitergereicht. Die neue Landlady ist eine Kinderäztin im Ruhestand, bietet uns ein schönes Zimmer mit einem noch prächtigeren, pfuschneuen Bad. Kleiner Willkommenskaffee inklusive. Beim prachtvollen Bad stellt sich die Frage, woher die Technik kommt: ein Regenwasserduschkopf. Was  zu neuem Grübeln über die wirtschaftlichen Verhältnisse führt: die Ärztin mit dem Luxusduschkopf (Lohnniveau „Standard“ = < 50 CUC) treffen wir auf der Straße wieder, sie sucht ausdauernd nach Kartoffeln; zugegebenermaßen sind Kartoffeln „Luxus“, da Frühlingsgemüse und absolute Saisonware, trotzdem kann man sich schwer vorstellen, dass z.B. der Hannoveraner im Mai/Juni auf Wanderschaft gehen muss, um wenigstens ein bisschen Spargel zu ergattern… Anderes Obst und Gemüse wird allerdings am Straßenrand reichlich verkauft, von kleinen Handkarren aus.

Gemüse – aus dem Osten oder auch aus städtischen Gärten!

Wir haben Mangozeit, Ananas und Guaven gibt es wohl rund ums Jahr. Möhren sind ein bisschen mickrig, aber erhältlich, Zwiebeln und Knoblauch gibt es immer, auch von mit Zwiebel-/Knoblauchzopf behängten Straßenhändlern. Schwierig ist die Lage bei normalen Haushaltsdingen – Landlady 1 war am Wochenende bevor wir kamen 150 km weit mit dem Bus nach Varadero gefahren, um Speiseöl und Klopapier zu suchen; da hilft dann auch die „libreta“ nichts, was es nicht gibt kann auch nicht rationiert werden. „Butter“ und „Kaffee“ aus der Bodega, die die Rationen verteilt, sind Mischprodukte, und nur was nach dem Verteilen der Rationen an die Nachbarschaft übrig ist, steht zum freien Verkauf; das System sichert wirklich nur das Allernötigste (und ob Reis mit Bohnen auf die Dauer gesund sind?). Was Löhne angeht: ein zugänglicher Kellner klärt uns über die Restaurant-Schlepper, die an allen Ecken lauern, auf: er lebt wie diese ausschließlich vom Trinkgeld, in den Paladares verdient man gewöhnlich kein Grundgehalt. Seine Mutter ist aktive Ärztin (Gehalt siehe oben!), und er macht in der Woche ein Mehrfaches von ihrem Verdienst. Eine Schieflage, wie wir finden, und besonders schlimm in Touristengegenden.
Wir wandern durch die Stadt, erleben mehrfach „no hay“, vornehmlich in den staatlichen Restaurants, wo es dann kein Trinkwasser gibt (und auf dem Klo wird auch gespart…), ganz zu schweigen von Angeboten von der Speisenkarte – ein Eis zum Kaffee? No hay helado – das ist dann im ehemals beste Hotel. Dabei ist es auf der Terrasse des Gran Hotel Inglaterra lustig (wenn auch nicht „hübsch“), eine etwas ältere Sonero-Gruppe macht Musik, die Passanten gehen hüftschwenkend vorbei, zwei kleine deutsche Kindergartenmädchen tanzen zur Musik. Der Kaffee läuft unter „geht so“ . Wir sagen zu solchen Etablissements schon nach Kurzem „Gaviota, oder?“ Gaviota ist die staatliche Tourismusagentur, deren Geschäftsführung Raúl dem Militär überantwortet hat, die haben ja Erfahrung in schlichter Ernährung und strikter Regulation. Der privatwirtschaftliche Witz ist, dass wir gleich ums Eck von unserem Zimmer auf der Calle Aguiar in einem der baufälligen Häuser das „Helad’Oro“ finden, ein Eisladen mit so gutem Eis wie schon lange nicht mehr gegessen. Dieses Erdbeereis! Was fragt sich der aufmerksame Gast?  Wo kommen bloß die Erdbeeren her?! (Und die Sahne und all die anderen Ingredienzien). Die Bude ist dementsprechend dauernd voll, vornehmlich mit Kubanern, bei denen die CUC etwas reichlicher fließen. Ein wirklich schönes Eis – für die allermeisten aus der Nachbarschaft allerdings eines: unerschwinglich. Wer sich etwas leisten kann, braucht Nebeneinnahmen, und neben privaten Nebenjobs (siehe Zimmervermietung) kommen viele davon als Überweisung von Auslandskubanern. Dazu gibt es einen Scherz: man braucht „fé“. Den Glauben? Das vielleicht auch, aber im Wesentlichen „Familia Extranjera“ – Familie im Ausland.
Je weiter man in der Altsadt nach Süden vordringt, umso augenfälliger wird die Diskrepanz zwischen Luxusläden (hehe! Montblanc-Füller gefällig?) und einer Bausubstanz, die man schon gar nicht mehr als solche bezeichnen kann. Es ist mir geradezu peinlich, als ich die Kamera auf einen Fenstersims richte, unter dem der Farn hervorwuchert – und im selben Moment ein Bewohner herausschaut. Ich würde diesen neugierigen Touristen was… Einen Abend sitzen wir einem kleinen Restaurant auf  dem Balkon, bekommen leckeres Essen serviert und schweben über den Massen, die sich auf eines  bzw. das Saufloch von Hemingway zubewegen – und auf dem gegenüberliegenden Balkon sitzt eine Bewohnerin, die sich niemals einen Besuch in der (überteuerten) „Bodega del Medio“ leisten kann, und die auch nicht den Blick von unseren Maissuppentassen wenden kann. Fisch mit Bohnen und Reis (ja, klaro, al cubano nicht wirklich „fancy“). Zum Nachtisch Käse mit Guavenmarmelade und Espresso. Lecker war’s – aber die Zuschauerin führt uns unseren unverschämten Reichtum vor Augen.

Was zu dem dämlichen Embargo führt. Es ist nicht alles „Gold“ in Kuba, fürwahr. Menschenrechte werden missachtet, Pressefreiheit existiert nicht, Dissidenten werden verfolgt. Haben wir aber auch in anderen Ländern, oder? Uns beschäftigt das Thema jetzt seit Wochen, denn das Handelsembargo, das da seit 60 Jahren aufrecht erhalten wird, trägt wesentlich zur Verschlechterung der Lage bei. Die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten, medizinischen Hilfsmitteln oder Diagnosegeräten wird planmäßig behindert oder unterbunden, andere Importe ebenso. Fast die gesamte UN ist für die Aufhebung des Embargos, nur ein Mitglied nicht, im Gegenteil, Erleichterungen werden wieder rückgängig gemacht, für „mehr Demokratie“. Ziemlich undemokratisch. Gnadenlos.
Drum fahren wir nochmal hin, nach Havanna. Vielleicht lernen wir noch mehr.

Gruß vom Cabo de San Antonio, 250 Meilen nach der letzten Internetstation (immerhin!)