La Ilustre Communidad de Cabo de Hornos

Die berühmte Gemeinde Kap Horn...

Die berühmte Gemeinde Kap Horn…

El Calafate, 2.12.2016

Immer dieses Rückwärts-Bloggen. Ich wollte, bevor wir nach Norden aufbrechen, eigentlich up to date sein, aber mitnichten: wir haben schon die Pampa erreicht (schlimmer noch, wir sind sogar schon in El Chaltén, und hier nun endlich gibt es so gut wie kein Internet…).

Puerto Williams. Gelegen auf der Insel Navarino, in deren Süden das Kap-Horn-Archipel liegt – La Illustre Municipalidad de Cabo de Hornos (als ilustre Municipalidad, ehrenwerte Gemeinde, firmieren hier in Südamerika alle Kommunen, also nichts Besonderes). Das Hostal Pusaki hat 3 Zimmer, 2 davon Doppel, ein 5-Bett-Dorm, und letzteres war unseres. Mit 5 Leuten, 2 mal 2 Doppelstockbetten, ein Einzelbett, das verdächtig danach aussieht, als könne man es noch zum Doppel konvertieren – mehr geht dann definitiv nicht mehr, es ist so schon eng. Ich hatte Patti, die Besitzerin, aus Punta Arenas angerufen und mit ihr ein sehr lustiges telefonisches Radebrechen abgehalten, und, hurra, wir konnten zwei Betten ergattern .Motto: im Bus oder im Flugzeug geht das ja auch so dicht beieinander.  Die Nachbarn stellten sich als sehr verträglich heraus, ein weitestgehend stummer, junger Chilene und 2 Berliner, die wir schon auf der YAGHAN kennengelernt hatten, und wenn man die weiteren Begleiterscheinungen der Unterkunft betrachtet, war es ein echter Glücksgriff: die gemütliche, holzgeheizte Wohnküche hatte ich ja schon erwähnt. Frühstück gut, Kochgelegenheit auf Wunsch, allerdings kochte Patti an zwei Abenden für uns, und es gab, ganz patagonisch, Centolla, dazu ganz unpatagonisch diverse Gemüse- oder Salatsachen, das war für uns – nach der Vorbereitung durch andere Segler und Toruisten – eher eine Überraschung.

Micalvi. Der Yachtclub am Ende der Welt

Micalvi. Der Yachtclub am Ende der Welt

Der erste Spaziergang durch diesen grau-grau-grau-feuchten Novembertag führt  „natürlich“ zur Micalvi, einem alten Rheindampfer, der seit den späten 50ern in einer Seitenbucht auf Grund liegt und als Hauptponton für die vielen Segler dient, die Puerto Williams anlaufen – fast zwangsläufig tun sie das, weil man aus Argentinien kommend und um’s Horn herum zunächst mal das 30 Meilen weiter östlich im Beaglekanal liegende Ushuaia anläuft. Dort klariert man aus und läuft die 30 Meilen zurück nach Puerto Williams, dem ersten Einklarierungshafen in Chile. Hier liegen diverse Yachten, die Segelinteressierte durch die Gegend schippern, sei es durch die patagonischen Kanäle oder auch in die Antarktis – wir fühlen uns hin- und hergerissen zwischen Faszination und dem intermittierenden Glücksgefühl, nicht hierher gesegelt zu sein. Zum Frühstück im

Hundeheim Pusaki.

Hundeheim Pusaki.

Hostel hatten wir einen Franzosen getroffen, der auf der YAGHAN am Abend abreisen sollte, nachdem er von Uruguay aus Puerto Williams als Crew auf einem der Touristensegler erreicht hatte. Tenor: tolle Erfahrung, bescheidene Reise. Wozu man sagen muss, dass dies wohl wieder einmal so ein Terminding war, sie waren 2 Tage vor Eintreffen der ersten Gäste angekommen, und so ein Terminplan gestaltet sich öfters mal turbulent. Andererseits hörten wir viele hohe Töne der Begeisterung,

Hostel-Essen der besonderen Art: Centollas

Hostel-Essen der besonderen Art: Centollas

à la „… man nähert sich dem Eisberg langsam an, lehnt sich leicht an und kann dann schieben…“ oder „… der ganze Trip war völlig easy, völlig problemlos…“ (dass der Mast dieser Yacht zu diesem Zeitpunkt noch zur Reparatur an Land lag ist nebensächlich. Oder? Irgendwie scheint einen die Gegend high zu machen).
Also wenden wir uns den Schönheiten an Land zu. Spaziergang mit den beiden Haushunden Jacinta und Flo, durch

Dinnervorbereitungen

Dinnervorbereitungen

Matsch und Regen und Bäche, mit entsprechendem Spaß. Der Sonntag hat strahlendes Wetter für uns bereit, eine ellenlange Wanderung entlang der Küste mit vielen, vielen Stopps für Vögel, Moospolster, Flechtengebilde, mit dem Besuch in den südlichsten Wäldern der Welt und alten chilenischen Besfestigungen aus der Zeit der Beaglekrise. Am Hafen ist ein nettes Café namens Puerto Luisa (der alte Name der Ansiedlung), wo man sich durch die großen Fenster die Sonne auf den Balg schienen lassen kann, auf die gut gekühlten Berge auf der argentinischen Seite schaut und eine heiße Schokolade zu sich nimmt. Draußen sind es an diesem Tag unglaubliche 16 ° Celsius und die Besitzerin stöhnt unter der Sommerhitze; ist ja auch fast unerträglich – für mich beschränkt sich das Unerträgliche eher auf das stete An- und Auskleiden. Segeljacke aus. Schatten? Segeljacke an. Schattenfreier Strandspaziergang? Segeljacke um die Taille geknotet, Fleece ausziehen. Windig –  Segeljacke wieder an. Sonne weg? Jacke aus, fleece an, Jacke drüber und tortzdem gefroren. Ein Freund schreibt: “ … so lieben wir unser Patagonien – 4 Jahreszeiten an einem Tag!“  Naja.
Am Montag reisen unsere Berliner Mitbewohner ab, was sich ein bisschen kompliziert gestaltet – in der einfachen Variante kauft man ein Ticket für das „Zodiac“ nach Ushuaia, nimmt einen Minibus nach Puerto Navarino und wird in halbstündiger Fahrt über den Kanal geschifft. In der heutige Version allerdings werden bedenkliche Blicke auf den Beaglekanal geworfen, der kleine Schaumkronen trägt; zuviel Wind gegenan für das vermeintliche Schlauchboot. Die amerikanischen Mitfahrer werden nervös, denn sie haben am gleichen Tag einen Anschlussflug nach Hause via Buenos Aires. Die Abfahrt wird verschoben und verschoben – aber am Abend scheint die Lage bereinigt. Als wir am Mittwoch die gleiche Route nach Ushuaia nehmen, stellt sich das alles ganz anders dar – die 1-stündige Fahrt zum Westende der Insel ist ein Landschaftstraum im Sonnenschein, dazu ein Sonderprüfungstraum für alte Rallyehasen, der Beaglekanal ein Ententeich, man blickt meilenweit, mit der fantastischen Darwinkordillere auf der einen Seite und ahnt auf der anderen den Ausgang in den Atlantik. Kommentar von den Berlinern: „… da hattet Ihr dann wohl eine nettere Überfahrt als wir…“ Klingt wenig verlockend. Schwein gehabt.

Willkommen in Argentinien! Straßentango

Willkommen in Argentinien! Straßentango

Auch in Ushuaia haben wir Schwein: die Formalitäten nach Argentinien hinein sind fix erledigt. Wir buckeln die Rucksäcke bergan, steil ist es hier in Ushuaia. Schon in Punta Arenas hatten wir manchmal vertrautes Spikereifen-Geräusch von Autos vernommen, hier nun haben die Nägel der Winterbereifung tiefe Furchen in den Asphalt gefräst. Beii einem Anstieg bleibt es nicht: dies ist altes Gletscherland, also geht es bis zu unserem Hostel noch zweimal auf und ab –  glücklicherweise nicht wieder hinunter bis auf Meerespiegelhöhe. Die Unterkunft ist ein kleines Familienhaus, die Besitzer, ehemals Tourguides, haben sich im Erdgeschoss eingerichtet und vermieten 3 Zimmerchen im oberen. Familienanschluss garantiert! Und die Wohngegend bietet unbegrenzten Hundespass, wobei in einem Fall doch eine Grenze gezogen wird, ein völlig durchgeknallter Großhund kann sich endlos über uns ereifern und begeifern. Er ist an einem alten Lieferwagen angekettet, den er am liebsten hinter sich her zerren würde. Wir erwägen eine Würstchenspende beim nächsten Vorbeigang. Andere Hunde sorgen auch für Aufsehen – an einer Kreuzung sprechen wir zwei professionelle Reifenbeißer an, die an diesem verkehrsarmen Sonntagnachmittag eher Langeweile haben und unsere freundlichen Worte und das Gekraule als Einladung auffassen, uns zu folgen. Ganz schlecht, denn für mindestens eine halbe Stunde laufen wir nun zu viert durch falsche Reviere. Hundeprotest von allen Grundstücken, Beißattacken auf Kreuzungen. Hier herrscht Ordnung, ganz klar.

Frau Patagonischer Riesenspecht

Frau Patagonischer Riesenspecht

Aber auch ohne Hundebegleitung lässt sich gut laufen, zum Beispiel zum Gletscher Martial, gleich oberhalb der Stadt – ein kleiner, dreiteiliger Hanggletscher mit hervorragendem Blick auf die Stadt und die Umgebung. Ohne Hundebegleitung auch der Busausflug zur Isla Martillo – es gibt einen Touroperator in der Stadt, der täglich den Besuch von 40 Gästen bei den Magallan-Pinguinen erlaubt; keine Angst, man wird 1. massiv gebrieft („…wer ‚oh, so cuuute!‘ schreit geht zurück auf*s Boot…!“) und auch als Herde von 2x 20 Leuten im Zaum gehalten, 2. scheren sich die Pinguine kaum um uns Besucher und 3. kontrollieren Biologen Verhalten und Reproduktion der Kolonie und sind stets bereit, dieser Besuchsregelung einen Riegel vorzuschieben. Zur Strafe sehen wir nicht, was gerade als Besonderheit passiert – es sind zwei Königspinguine gelandet; dafür schließt die Tour mit dem wirklich sehenswerten kleinen Naturmuseum auf der Estancia Haberton, das vor allem Meeressäuger  und -vogelskelette sammelt und ausstellt. Da wäre ich gern noch einmal einen Tag hingefahren, zumal die Busfahrt allein schon sehenswert war: hohe Berge, Moore – und Totholzgebiete. Die Biber leisten hier ganze Arbeit. 1938 zum Zwecke der Pelzproduktion aus Kanada eingeführt, hat sich wieder einmal ein Lebewesen im falschen Lebensraum pestartig ausgebreitet. Man stellt nämlich schnell fest, dass das gemäßigt ozeanische Klima zwar viel Schnee erzeugt und die Winter recht lang sind, aber für die ständigen Temperaturen um die 0° müssen Biber sich kein dickes und damit gut verkäufliches Winterfell wachsen lassen. Also gab man wegen der schlechten Pelzqualität die Zucht auf und ließ die Tiere frei. Und erzeugte eine weitere Ökopest, denn Raubtiere, die der Biberausbreitung Einhalt gebieten könnten, gibt es nicht; nicht mal der Beaglekanal ist eine geeignete Grenze – 1968 erreichten die Biber die Isla Navarino. Schlecht.

Ushuaia ist eine Art Touristen-Disney-Feuerland, da gibt es was für alle Geldbeutelgrößen, allen voran natürlich die Antarktisfahrer, die richtig viel Geld aufrufen. In den Straßen reiht sich Touroperator an Restaurant und das wieder an Outdoorausstatter, aber Ushuaia hat auch schöne Museen zu bieten. Das „Fin del Mundo“ zum Beispiel, das sich mit der Geschichte von Feuerland allgemein und der von Ushuaia  beschäftigt; dazu ein weiteres „Gefängnismuseum“ auf unserer Liste. Nachdem sich die völlig abgelegene und fast nicht anzufahrende Staateninsel als schlechter Deportationsort herausgestellt hatte, wurde Ushuaia dazu auserkoren. Nicht wirklich schön, aber wir haben schon schlimmere Gefängnisse gesehen.

Wracks am Kap Horn...

Wracks am Kap Horn…

... und an der Le Maire Strait.  Puuh.

… und an der Le Maire Strait. Puuh.

Viel besser ist, dass es tolle Abteilungen für die Seefahrtsgeschichte von Feuerland und für die Antarktisforschungsreisen gibt. Rings um Ushuaia machen sich Wohngebiete breit, die Stadt ist in den letzten 40 Jahren um ein Vielfaches gewachsen. Ursprünglich ging es dabei um die schon beschriebenen Gebietsansprüche gegenüber den Chilenen; um die zu unterstreichen, siedelte man Industrie an, in letzter Zeit vor allem Elektronikproduktion, und zahlte dem patagonienwilligen Zuzügler gute Gehälter. Dass der Streit mit Chile um vor allem Inseln im Beaglekanal fast zum Krieg geführt hätte, erzählt unser Hostelwirt – seine Familie wurde Ende 1978 auf den letzten Drücker ausgeflogen; in der Erinnerung von anderen Touristen scheint sich das als chilenische Aggression darzustellen, aber es war eigentlich andersherum – immerhin haben wir jetzt eine Erklärung für die alten Verteidigungsstellungen und Unterstände auf der Seite von Puerto Williams. Heute sieht man überall Monumente die die chilenisch-argentinische Freundschaft loben. Weiter so – vielleicht kriegt Ihr ja auch noch den Grenzverlauf hier oben im patagonischen Eisfeld geregelt…

Zwischen Magellan und Beagle

Der Forscher. AKKAnaut in der Magellanstraße

Der Forscher. AKKAnaut in der Magellanstraße

Puerto Williams, 19.11.2016

So gut wie neu!

So gut wie neu!

Punta Arenas, das war… Hostal Aventura Austral mit einer unermüdlich uns betüdernden Familie. Papa rennt ab 6 zwischen Küche und Essraum und deckt uns mit Brot, Schinken, Käse, Rührei ein. Die Söhne an der Rezeption versorgen die Gäste mit Informationen, stellen uns, insbesondere dem Akkanauten einen schicken schwarzroten Käfer – leider nur zum Gucken – vor die Tür. Andreas kann sich kaum beruhigen, dieser Klang! Baujahr 68, so gut wie neu! Die Damen des

Farbenmut macht Patagonier froh

Farbenmut macht Patagonier froh

Hauses sorgen für Sauberkeit. Das Rundumsorglos- und Spaßpaket. Geradeaus den Berg hinunter liegen große und kleine Schiffe, Frachter, antarktisfahrende Forschungs- oder Passagierschiffe. Über allem schweben Skuas und Kormorane zuhauf, ein einsamer Königspinguin wird uns von Mitbewohnern gemeldet – leider hat der sich am nächsten Tag wieder verzogen. Es gibt  davon wohl kleine Kolonien in chilenischen Teil von Patagonien, aber gewöhnlicherweise leben die

Kormorane gibt es aber reichlich...

Kormorane gibt es aber reichlich…

großen Kaiser- und Königspinguine eher in der Antarktis, und diese Box auf unserer Liste der Kontinente wird kein Häkchen kriegen, denn eines ist sicher: so verlockend es scheint, eine Antarktisfahrt kommt nicht in die Tüte, auch aus finanziellen Gründen nicht; unter 1.000 pro Tag und Nase passiert nichts, auch nicht in einer 4-Bettkabine. Wir gucken trotzdem gern auf die Schiffe, die dorthin aufbrechen. Hurtigrouten (FRAM) oder ex-Forschungsschiffe aus Holland (ORTELIUS, PLANCIUS) und mehr, meistens für knapp 3 Wochen via Malwinen/Falklands und Südgeorgien. Sicher spannend.

Panorama mit Magellanstraße

Panorama mit Magellanstraße. Im Hintergrund: Feuerland!

Auf der Nao Victoria

Auf der Nao Victoria

Stattdessen besuchen wir die Nachbildung der Nao Victoria, einem Schiff aus Magellans kleiner Flotte. Sehr schön anzuschauen und gruselig, darauf herumzusteigen, es ist einfach kaum zu glauben, dass man mit einer Nussschale von 27 m Länge samt zahlreicher Manschaft – nämlich 275 Mann auf 5 Schiffen – ohne Seekarte ins Blau-Graue fahren konnte,  dabei den Seeweg um Südamerika entdeckte, um schließlich nach 3 Jahren wieder in Spanien einzutrudeln. Leider ohne Magellan, den es in den Philippinen dahinraffte, und auch sonst dezimiert: es kam nur ein Schiff zurück, mit 18 Leuten. Plus 3, die 1527 aus portugiesischer Kerkerhaft entkamen.

Wagemut pur. Die James Caird

Wagemut pur. Die James Caird

Nebenan wird auf dem Museumsgelände zur Zeit die BEAGLE nachgebaut, das Schiff unter Robert Fitzroy mit Charles Darwin als Naturfoscher,  ebenfalls in Originalgröße, und ich hoffe, dass man dafür einen ebenso ausführlichen und informativen Audioguide erstellt wie für die anderen Exponate – als da sind der kleine Kutter ANCUD, mit dem die ersten Chiloten 1848 in  den Süden von Patagonien aufbrachen und last, but not least mein Hauptgrund für diesen Besuch, ein Nachbau der JAMES CAIRD. Das ist das Rettungsboot, das Shackleton benutzte, um von Elephant Island, vor der Küste der antarktischen Halbinsel, nach Südgeorgien zu gelangen, um Hilfe für seine zurückgelassene Mannschaft zu organisieren; eine Reise, für die ich immer noch allerhöchste Hochachtung habe, zumal es ja mit der Ankunft in Südgeorgien nicht getan war – zwei Versuche brauchte man, bis die YELCHO aus Punta Arenas die Männer mitten im stürmischen Südwinter dort abbergen konnte. Ich musste in meiner Begeisterung zwei junge, deutsche Rucksäckler zur JAMES CAIRD hinunter an den Strand schicken, glücklicherweise gibt es dort eine große Schautafel zu Shackletons Unternehmung, denn sein Name oder „ENDEAVOUR“ riefen eher fragende Blicke hervor… Geschichte halt. Aber hinterher gab es Anerkennung für diesen Antarktiskrimi.

Was noch? El Choccolate – ein Café zum Aufwärmen. Tickets kaufen bei Transbordadora Austral Broom, die Fähre nach Puerto Williams. Das wild gewürfelte Salesianer-Museum, ausgestopfte Vögel und Pumas, Devotionalien, sehr eindrucksvolle Filme aus den 20ern, als Pater Agostini das Leben der Yaghan dokumentiert hat, und viel Krempel mehr. Ein Besuch in der Zona Franca, wo allerlei Produkte günstig angeboten werden  Zwecks Betonung ihrer ’soberanía‘ – will sagen: Gebietsansprüche – haben sowohl die Chilenen wie die Argentinier über Steuererleichterungen versucht, diesem eher unwirtlichen Teil ihrer Länder zu mehr Bevölkerung zu verhelfen, mit Erfolg. In Chile umfasst der steuerliche Teil der Zona ganz Patagonien, sodass man, wenn man die Carretera Austral mit dem eigenen Auto befährt, Zollkontrollen unterworfen ist.

YAGHAN. Unsere Fähre nach Puerto Williams

YAGHAN. Unsere Fähre nach Puerto Williams

Frühstück unterwegs nach Puerto Williams. Kekse, Muffins, Plörre...

Frühstück unterwegs nach Puerto Williams. Kekse, Muffins, Plörre…

Und dann ging an einem regnerischen, kalten Donnerstag die Fähre Yaghan nach Puerto Williams, am Beaglekanal. Eine kleine Autofähre mit Flussfährencharakter, ein paar LKWs, ein paar chilenische Carabineros und Armadaangehörige, ein paar Touristen. Man schläft wie im Bus in Sitzreihen, aber da wir lange im Voraus gebucht hatten, kriegten wir die teuren Schlafsessel, auf denen man sich voll ausstrecken kann, die „semi cama“ (auch nicht schlecht!) sind bis kurz vor Abfahrt für

Beaglekanalwetter

Beaglekanalwetter

Chilenen reserviert, nur Restposten werden an Touristen vergeben. Leider war die Sicht während der gesamten 32 Stunden eher schlecht, aber das ist eben auch eine „sehenswerte“ Seite von Patagonien, und als wir den Gletscher Pia erreichten, hatte der Wettergott ein Einsehen und ließ es ein bisschen aufreißen. In Yendegaia – ein Armadaposten am Arxx der Welt, Stichwort „soberanía“ – laden wir die Polizei- und Soldatenschicht für die nächsten Wochen aus und

Gletscher- Besuchen wir ihn oder er uns?

Gletscher- Besuchen wir ihn oder er uns?

nehmen die dienstfreien an Bord. Am Ufer wird im Nieselregen Fußball gespielt, etwas anderes fällt einem hier kaum ein. Netz, sprich Internet, ist hier Fehlanzeige, wahrscheinlich versteckt sich irgendwo ein grottenlangsamer Satellitenzugang. Um 21 Uhr passiert man die leuchtende Silhouette von Ushuaia auf der argentinischen Seite – die Grenze verläuft genau in der Kanalmitte – und um Mitternacht erreicht die Yaghan Puerto Williams. Die Mannschaft fragt ab, wer das Schiff verlassen will – mitten in der Nacht will einen kein Hostel. Ein paar Passagiere werden abgeladen, die anderen schnarchen durch bis um 07:30, vor Anker. Perfekt. Frühstück gibt es an diesem absolut traurig-patagonischen Morgen aber schon in Pattis Wohnküche. Wir mischen uns unter Taucher und Segler im Abreisemodus. Das Hostal Pusaki. Holzofenfeuer. Gemütlich am Beaglekanal.

Das Willkommenskommittee wartet. Hostal Pusaki

Das Willkommenskommittee wartet. Hostal Pusaki

Berge, Gletscher, Regen

Gunanaco-Paar

Gunanaco-Paar

Ushuaia, 23.11.2016

Puerto Natales also. Von der Navimag zum Hostel „El Sendero“ hieß: aufpassen – der Wind war noch immer so stark, dass es einen mit dem wenig windschnittigen Gepäck von der Straße wehte. Winziges Zimmer, dafür riesige Gemeinschaftsräume und eine große Küche zur Selbstbewirtschaftung, und Rosa heizt mit dem Eisenofen gegen die Kälte an. Im Dorf mieten wir uns einen Renault Duster, um die Torres del Paine erreichen zu können; diese Empfehlung hatten wir vom Schiff mitgenommen, weil die Unterkünfte in diesem Wandererparadies unglaublich teuer seien. Stimmt wohl auch – selbst für Campingplätze werden ansehnliche Summen aufgerufen, dazu kommen noch Leihgebühren für Zelte, Schlafsäcke etc. Campingplätze übrigens können nur genutzt werden, wenn man sie im Voraus bucht, auf diese Weise beschränkt man die Zahl der Besucher auf den berühmt bis berüchtigten, großen Wanderwegen, dem „W“ und dem „O“, für die man zwischen 4 und 10 Tagen benötigt. In Puerto Williams trafen wir auf „W“-Wanderer, die schon jetzt von ziemlich vollen Campsites berichteten und sich fragten, wie das wohl in der Saison aussehen mag. Ich frage mich nebenbei, wie man das Feuerrisiko bei so vielen Benutzern im Zaum hält. Wenn es demnächst wieder mal brennt (1998, 2005, 2010) bleibt nicht mehr viel vom nativen Wald übrig. Da hilft nicht viel, dass die Ursprungsländer der letzten Brandstifter – Tschechien, Italien und Israel – Schadenersatz leisten. Die Vegetation in Patagonien basiert grundsätzlich auf einer sehr dünnen Bodenschicht, die in Windeseile erodiert. Ach ja, Wind… an einem Tag wandern wir vom Salto Grande zum Lago Nordenskjöld und sitzen gerade am Seeufer, als uns eine Wanderergruppe überholt. Über den See fegen die Böen von Westen heran, das sieht gespenstisch aus, weil Gischtwolken über dem Wasser stehen – was man nicht sieht, wenn man den Wind im Rücken hat. Zu dumm… ich schaue hinter den anderen her und sehe sie purzeln. Unglaublich, es reißt einen einfach von den Füßen, wenn man nicht aufpasst.

Los Cuernos del Paine - Dreischichtkuchen

Los Cuernos del Paine – Dreischichtkuchen

Wir kommen unbeschadet am See an, wo man nun am Fuß dieser fantastischen Felsformation sitzt. Die Paine-Kordillere besteht aus mehreren Teilen, im Westen das höchste Massiv names Paine Grande, aber am augenfälligsten sind die eigentlichen „Torres“, die Cuernos del Paine, mehrere hoch aufragende Türme aus ganz scharf getrennten, unterschiedlich gefärbten Steinschichten – wie ein Schichtkuchen mit einer Schicht Schokolade oben und unten. Toll. Das Geheimnis bei der Schichtung ist das Eindringen von flüssiger Magma in bestehende Sedimentgesteine – die Sedimente schwarz, die Magma“intrusion“ hell, das Ganze mit der Anden-Hebung in die Höhe gehievt, von Wind und Wasser bewittert, von Gletschern geschliffen… einfach „boah“! Überhaupt, die Gletscher… Die Torres del Paine liegen am Eingang zum drittgrößten Eisfeld der Welt (nach Antarktis und Arktis). Viel bekommen wir davon nicht zu sehen, das Wetter verschlechtert sich nämlich zusehends, aber was die Gletscher hier angerichtet haben, bleibt sichtbar: eine Serie von Seen, die auch in großen oder kleineren Wasserfällen ineinander übergehen, in verschiedenen Türkistönen oder Gletschergrau. Die Fahrt hinaus zum Greygletscher schenken wir uns, es ist auch recht feucht und grau, und leider bleibt uns der Blick auf das Südliche Patagonische Eisfeld verwehrt. Nur die Zunge des Grey sehen wir in den See lecken. Wir bestaunen stattdessen kleine Growler, die sich vom – leider, wie überall – abschmelzenden Gletscher gelöst haben und genießen Ruhe und Beschaulichkeit auf einer kleinen Inselwanderung. Und schon fängt es wieder an zu regnen. Zeit für Kaffee in style im Hotel Lago Grey, und Zeit für die Heimfahrt. Lustig: wir nehmen einen jungen Slowaken mit, der mit seinem Auto hier oben gestrandet ist. Mobiltelefonverbindung gibt es hier oben nicht, also muss er persönlich beim 150km entfernten Verleiher vorstellig werden. Es ist der 8.11., und natürlich ist die US-Wahl Thema, noch ohne Netz und Nachrichten. Er sagt: “ … I am afraid he is going to win…“. Glücklich sah er dabei nicht aus, und wir wollten ihm lieber nicht glauben. Am nächsten Morgen wussten wir’s dann auch besser.

So gehen die Tage in Puerto Natales dahin. Nach Rückgabe des Autos gibt es einen Museumsbesuch, wo wir deutsche Kolonialgeschichte (Familie Eberhardt ist immer noch ganz vorn!) betrachten können und die Folgen missionarischen Eifers: die Kawesqar-Nomaden, die dieses völlig unwirtliche Gebiet bis hinauf nach Chiloë befahren haben, sehen so richtig glücklich aus, als man ihnen die (sorgsam gegerbten und verzierten!) Fellumhänge weggenommen und sie in europäische Klamotten gesteckt hatte. Prima Idee – die Sachen werden einfach nicht trocken, und so wird man schnell krank. Kränker als sie „halbnackt“ je waren.

Torres del Paine - DER Wanderertraum in Chile

Torres del Paine – DER Wanderertraum in Chile

 

Windige Ecke

Windige Ecke

 

... so windig, dass es einen von den Füßen reißt!

… so windig, dass es einen von den Füßen reißt!

 

Nicht der klarste Tag für die Wanderung am Grrey-Gletscher

Nicht der klarste Tag für die Wanderung am Grey-Gletscher

 

Immerhin schwimmen kleine Growler umher!

Immerhin schwimmen kleine Growler umher!

Museumsbesuch. "Glückliche" Kawesqar Seenomaden.

Museumsbesuch. „Glückliche“ Kawesqar Seenomaden.

El kondor pasa

El kondor pasa

Südwärts

Patagonische Kanäle

Patagonische Kanäle

Punta Arenas, 17.11.2016

1.-3.11. Drei Tage Gedödel in Puerto Montt. Zur weiteren Patagonien-Eingewöhnung ist das Wetter nun nicht mehr strahlend, sondern drieselig und grau, gerade recht zur Aufrüstung in Sachen Klamotten. Der Eigner kriegt Socken und ein Sweatshirt, die Schipperin beglückt sich im zweiten Anlauf – nämlich in Vollzeug, also Funktionshemd, Fleecepolo plus Fleecejacke „zum Unterziehen“ – mit einem 2XL Hoodie von einer der neuen Lifestyle-Ketten.  Die Firma heißt CAT, wie Caterpillar, von der ich bislang nur Rapper-Stahlkappenschuhe kannte. Die Damen Verkäuferinnen gucken etwas fragend, aber was soll’s – vielleicht kriege ich damit ja einen Job auf einem Grader oder einer Dampfwalze. CAuf der arretera Austral oder so. Oder vielleicht als Dampfwalze, wenn ich alles übereinander ziehe. Immerhin ist das Ding knallrot und färbt ab, nicht rot, aber rap-mäßig, ich neige seitdem zu „was geht?“ Und „jooo!“.

Am Freitag war’s dann so weit: morgens Abgabe des Gepäcks im Büro der Navimag, mit Verwirrspiel. Dass das Büro umgezogen ist, wussten wir schon vom Bestätigungsvorgang, während es andere Mitreisende zunächst mal bei der alten, jedoch noch im Internet notierten Anschrift probierten. Allerdings wurden wir vom Büro in den Busbahnhof, 1.Etage, verwiesen, wo umherirrende Rucksackträger und Rollenkofferer das einzig sichtbare Zeichen sind, dass hier irgendwo das Check-in für die NAVIMAG sein müsste. Dass sich die Abfahrt um 4 Stunden auf 1600 am Nachmittag verschoben hatte, kriegte man zuvor per Mail mitgeteilt – wohl dem, der Zugang dazu hat. Jedoch: Ende gut, alles gut, ein Schalter tut sich auf, wir checken ein, müssen nur das Gepäck selbst buckeln. Um 1300 wird die Gesellschaft mit Bussen zum Anleger geschafft, 10 km außerhalb der Stadt. In Kabine 165 ernten wir die fragenden Blicke unserer Mitreisenden: „…which language?“ fragt der Eigner kryptisch. „Russian, english and german!“ Na gut, also deutsch, moin moin dann. Einweisung in die Bord-Basics (Essenszeiten!) und die Sicherheit, natürlich; eigentlich eine Fährschiffsreederei ist „die Navimag“ für Touristen auch Synonym für die Schiffsverbindung zwischen Puerto Montt und Puerto Natales, es bleibt aber eben doch eine Fährverbindung ohne Kreuzfahrtanspruch. Noch dazu behält sich die Reederei vor, in der Wintersaison ohne Gäste zu fahren, und so waren wir das erste Schiff der Saison „mit“. Das war es dann aber auch schon mit Gemecker. Die ganze Reise, um das vorweg zu nehmen, wird sich als entspannt und nett herausstellen, prima Versorgung, saubere Kabinen, funktionierende Sanitäreinrichtungen (dagegen muss man mal die Tiraden auf Tripadvisor lesen…).

Auf Beobachtungsposten

Auf Beobachtungsposten

Das Ablegemanöver ist beim herrschenden Wind und Strom spannend, wir nehmen schon mal unsere „Rentner beobachten andere bei der Arbeit“-Grundstellung ein, Oberdeck vorn, wo man ein endloses Ankermanöver verfolgen kann, danach zieht EVANGELISTA langsam aus dem Seno Reloncavi nach Süden. Und weil der interessierte, zur See fahrende Rentner sofort die Brücke belagern muss – die junge Frau Chiefmate lässt sich erweichen und lädt uns ein – kriegen wir gleich den ersten Vortrag zum Reiseverlauf nicht mit, den  für die Touristen ist ein Guide geheuert, Percy. Wir hatten wohl doch nur bis „Essenszeiten“ zugehört, aber auf der Brücke gab es viel zu fragen – die Instrumentierung ist ein bisschen umfangreicher als auf unserer, die Redundanz der Funkgeräte (UKW und Kurzwelle) beträchtlich, entsprechend der Antennenwald oben auf Deck. Die chilenische Armada ist ja bekanntermaßen recht streng mit der Überwachung ihrer seefahrenden Schäfchen, drum werden zusätzlich zu UKW und Grenzwelle alle DSC-Kanäle auf mehreren Kurzwellenfunkgeräten gescannt. Dann segeln wir dem Abend entgegen, das Essen ist überraschend gut, die Gesellschaft nett. Von den Matratzen, die wir bald aufsuchen, erweist sich meine als grottig durchgelegen, dort oben im zweiten Geschoss, dafür wird an der Leseleuchte der technische Fortschriit sichtbar: jede hat einen Stromanschluss, NAVIMAG denkt an seine stets irgendein Gerät ladenden Gäste. Nicht dass jemand denkt,dass Smartphones auf dieser 3-tägigen Reise viel nützen: bis auf eine Stunde in Puerto Eden schweigt das Netz. Kein Wunder in einer derart dünn bis unbesiedelten Ecke des Globus.

Der Käptn und Percy

Der Käptn und Percy

Zeitvertreib an Bord sind die Mahlzeiten, ganz kreuzfahrtgerecht, die Vorträge von Percy, dem Guide, und natürlich „gucken“. Wale (vor allem Minkwale, aber auch zwei nicht identifizierte größere), Riesensturmvögel, Schwarzrückenalbatrosse, die uns ständig begleiten (und sich überhaupt nicht auf „Platte“ bannen lassen). Wir gucken uns die Augen aus nach der „flightless steamer duck“, einer kurzflügeligen Ente, die dank fleißiger Fußarbeit aber dennoch schneller vorankommt als manches Schiff, die Flügelstummel machen dazu putzige Flatterbewegungen; es gibt auch eine fliegende Art „Dampfschiffente“, die ganz ähnlich aussieht, nur eben ausgebildete Flügel hat, aber sonst sind diese Enten flugunfähig. Witzig übrigens der Gattungsname: Tachyeres – schneller Ruderer. Muss wohl vor der Erfindung der Dampfschiffe benannt worden sein.

Stopp in Puerto Eden

Stopp in Puerto Eden

Solche und ähnliche Geschichten erzählt uns Percy, dessen Begeisterung für seine Aufgabe und für seine Heimat nie erlahmt. Fauna, Flora, Wanderwegtipps, alles in Spanisch und dann noch einmal in  Englisch. Deutsche Darbietungen gibt es nur in  der Hauptsaison, aber auch die wären sprachlich perfekt, schließlich kam Opa oder Uropa aus Wuppertal. Ein bisschen Agitation ist auch dabei… die Lachsfarmen! Da gerät er richtig in Fahrt. Lachs kommt ihm nicht mehr auf den Teller, sagt er, und gibt seinen Beschreibungen zur Umweltbelastung durch chilenische und vor allem norwegische Lachsfarmen  reichlich Raum. Auch die Evangelista transportiert Lachsfutterpellets (aus Schlacht- und Fischabfällen, baah!), davon gehen auf den Aquakulturfarmen täglich Tonnen ins Wasser, damit die armen eingepferchten Lachse recht schnell fett werden. Allerdings fressen die natürlich nicht alles davon, die Reste sinken samt der Kacke auf den Boden, daraus resultiert Sauerstoffarmut. Und Antibiotikaanreicherung. Was für ein Käse. Der größte Ääse dieser Art war allerdings die letzte red tide-Algenblüte aus den ersten Monaten dieses Jahres. Mehr als 20 Millionen Fische verendeten am Toxin und verseuchten ihrerseits die umliegenden Gewässer, sicher war diese Algenblüte auch eine Folge des El Niño-Phänomens, aber die Überdüngung der hiesigen Gewässer tut ein Übriges. Mal gucken, wann ich den nächsten Lachs zu mir nehme. Einen frisch geangelten, vielleicht.

Ein bisschen Drama...

Ein bisschen Drama…

Aber dann kamen wieder Albatrosse und Dominikanermöwen, Sturmvögel und Kormorane vorbei und rissen uns aus der Trübsal. Und natürlich eine fröhliche Durchsage am Sonnabendnachmittag, dass, falls man das möchte, man jetzt eine Seekrankheitspille nehmen möge. Hinter dem Canal Pulluche winkt der offene Ozean. Wir stehen wieder auf dem Oberdeck und beobachten die sehr gemäßigten Wellen, die  gelegentlich das Vordeck fluten. Hm, wenn hier „Wetter“ ist, will man sicher gern innerhalb der Kanäle sein… wir sehen auch, dass einige Vorkehrungen für mehr Seegang getroffen werden, Sicherung der Ankerketten etc. Allerdings bleibt alles ruhig, jedenfalls für unseren Geschmack. Und genau für den guten Geschmack begrüßen wir die Seegangsankündigungen, es bleiben nämllich einige Lücken in der Besetzung der Abendbrottische: wir bekommen klaglos einen Nachschlag beim Salat, yeah…

So geht es dahin, morgens sind wir wieder in den teils engen Kanälen und bestaunen die hohen Felswände zu beiden Seiten. Navigation nicht immer ohne Risiko, vor wenigen Jahren ist NAVIMAG hier ein Schiff verloren gegangen, ohne größere Personenschäden, Percy kann vom Ereignis berichten, er war dabei. Steuerfehler plus Strom = Riss im Rumpf und eine Stunde Zeit für die Evakuation. Alles gut. Wollen wir nicht, u d unser cooler Käptn fährt dort auch nicht mehr lang.

Es weht! Gegebenefalls auch von den Füßen!

Es weht! Gegebenefalls auch von den Füßen!

Seine Künste kann er am Montamorgen dennoch unter Beweis stellen: wir waren in Puerto Montt schon früher losgefahren, weil für das Ende der Reise reichlich Wind vorhergesagt war, und so war es – in Puerto Natales fegt es so, dass die Hafenbehörde das Anlegemanöver untersagt und an der Mole erst einmal umräumt. Einer der kleinen Patagonier-Cruiser muss raus und  vor Anker, und dann… mal schauen. Es wird uns ein finales Mittagessen in Aussicht gestellt, wer weiß wie

Cooler Käpt'n. Anleger mit Funke und Kaffee

Cooler Käpt’n. Anleger mit Funke und Kaffee

lange wir ausharren müssen, aber dann kommt die Durchsage: “ … wir dürfen es versuchen!“ Raus mit den Rentnern auf Manöverbeobachtungsstation, und, in der Tat, das macht er wirklich cool, der Kapitän der Evangelista. Der AKKAschlauberger mosert ein bisschen, dass der Wind ihm ja eigentlich hilft, aber es ist eben doch eine große Schüssel.

Jetzt gleich steigen wir auf eine Kleinere dieser Schüsseln: YAGHAN, von der Reederei Transbordadora Austral Broom (ich liebe diesen Namen!). Fährt um 1800 los und ist Sonnabend um 0000 in Puerto Williams.  Weiter südlich führt uns unser Weg dann nich mehr. Melden können wir uns sicher erst aus dem benachbarten Ushuaia, Mitte nächster Woche, dann  gibt es auch mehr  Bilder. Bis dann!

Eine Frage der Asche

Unterwegs nach Chaitén. El Corcovado

Unterwegs nach Chaitén. El Corcovado

Puerto Natales, 10.11.2016 (Tag 2 der Trumpiade)ñ

Mitten drin in Patagonien, und schon wieder so viel passiert… ich bin wohl des Bloggens ein bisschen müde. Dazu noch all dieser Politwirbel. Das tut mir leid, denn eigentlich tut es mir, vor allem meinem Kurzzeitgedächtnis und dem späteren Erinnerungsschatz, doch gut. Also ran an die Tastatur.

Mitreisender nach Chaitén

Mitreisender nach Chaitén

5 Stunden dauerte die Fahrt von Quellon nach Chaitén,  ab 7 konnten wir mit der Hundertschaft reisender Scouts den wunderbaren Corcovado vor blauem Himmel näher rücken sehen, und um 8 in der Frühe waren wir da. Ein eher trauriges Plätzchen, zumal unsere Suche nach einem Frühstückskaffeelokal vergeblich verlief. Nicht nur, dass Totenstille im Dorf herrscht, auch das Straßenbild präsentiert sich lückig, allerdings ohne Zahnlückencharme. Eingebrochene Dächer, Schutthaufen auf baren Grundstückennzwischen frisch Repariertem. Was geschehen ist, wissen die meisten, der Vulkanausbruch des Chaitén ging 2008 ja durch die Medien – klar, wenn Aschewolken den Touristen wie den Businessman am Fliegen hindert, geht das durch die Presse.. Am frühen Morgen des 8. Mai 2008 weckte eine Vulkanexplosion die Bewohner des Städtchens – der Blick aus dem Fenster ließ zunächst den Michinmahueda als Bösewicht vermuten, aber mitnichten, es war der (seit 9000 Jahren!) totgeglaubte, eher unscheinbare Chaitén. Die Aschewolke gewaltig, bis 20 km hoch, die nachfolgenden Eruptionen ebenso gigantisch. 20 cm Asche legte sich auf Chaitén. Aber es war nicht die  Asche, die so viel Schaden anrichtete, sondern nach einigen Tagen trat der durch Asche und Bimsauswurf verstopfte Rio Blanco über die Ufer und riss den größten Teil der Siedlung mit sich. Noch heute sieht man leere Hausgerippe mit funktionierendem Dach stehen, der Fluss ist einfach durch das Untergeschoss gelaufen, am Strand hat sich Vorland gebildet, auf dem Baumstämme und Bauteile liegen. Zunächst hatte man geplant, die Stadt zu verlegen, aber die Bewohner wollten das nicht, haben tapfer geräumt und in bescheidenem Umfang wieder aufgebaut. „… ach, wir müssen halt lernen, mit dem Vulkan zu leben…“ heißt es. Seit 2013 schweigt der Vulkan nun. Wie lang? Nobody knows.

Vulkankegel Chaitén

Vulkankegel Chaitén

Wir verlassen das Örtchen und beschließen ein Frühstückspicknick mit kaltem Kaffee zu halten, irgendwo, wo es uns gefällt. Und es gefällt, je tiefer wir in den Parque Pumalín hineinfahren, immer wieder mal mit Blick auf den schneebedeckten Michinmahueda (boah-wow…), eine Schotterstraße durch undurchdringlichen Wald – Teil von Pinochets „Carretera Austral“. Jaja, andere Diktatoren können auch „Autobahnen“ bauen, nur dass diese hier knapp zweispurig ist. Null Verkehr. Dann öffnet sich der Blick auf eine Lichtung, ein Parkplatz mit geradezu englisch gepflegtem Rasen rundum. Ha! Picknick! Sehr hübsch, wenn auch insgesamt etwas kühl. Ach, da steht ja auch eine Informationstafel… wir sind solche Blindhühner –  dies ist der Parkplatz für den Aufstieg zum Vulkan Chaitén. Der Eigner sagt gleich: „…finde ich sehr attraktiv!“, die Schipperin liest, leicht zweifelnd vor: „3 Stunden, 2,6 km, 660 m Höhenunterschied…“. Na gut. Frau kann ja anhalten, wenn sie nicht mehr steigen mag. Das  Wetter ist herrlich, die Landschaft ebenso. Viele vulkangeschädigte Baumstämme liegen und stehen umher, aber die Natur bekrabbelt sich fleißig. Man überquert ein Flüsschen und steigt einen recht gut gepflegten Pfad bergan. Diese Riesenrhabarber! So schöne Wegbegleiter überall. Andreas rennt schon mal vor, ich behalte mir vor, nicht mit aufzusteigen, und so kommt es auch: auf den letzten Höhenmetern hören Stufen und Wurzeln auf, die den Weg befestigen, es wird aschig-rutschig, und mir fällt der qualvolle Abstieg vom Tafelberg ein – Mensch, hier muss ich auch wieder runter… Pause. Allerdings gestehe ich, dass mir nicht wohl in meiner Haut ist – der Kerl da oben, wenn der sich einen Fehltritt leistet… was macht man da? Wir sind hier allein! Allerdings erspähe ich unten im Tal unser Auto, und da hat sich ein zweites hinzugesellt. So allein dann doch nicht. Entsprechend fröhlich kann ich den Vulkanbezwinger nach einer 3/4 Stunde wieder in Empfang nehmen. Man kann bis zum alten Kraterrand aufsteigen, sagt er, und darin befindet sich dann der unerreichbare, neue Vulkankegel, nochmals 200 m höher. Kurz nachdem wir eine kleine Trink- und Apfelpause gemacht haben, kommt uns die andere Autobesatzung entgegen, die Andreas mit Zeit- und Schwierigkeitsangaben beglückt. Wir steigen ab, ich freue mich, dass das so problemlos, wenn auch langsam, geht. Wir bereiten ein Zweitpicknick vor und sitzen kaum, als unsere zwei Mitwanderer bergab stürmen. „… hey, that was quick! Did you go up to the rim?“ Ja klar sind wir bis hinauf gestiegen, aber dann den ganzen Rückweg gerannt. Ja, sagt der Eigner, vor 40 Jahre hätte ich das nicht anders gemacht. Ich schweige peinlich berührt, so richtig trittsicher war ich noch nie. Ein grässlich fittes, israelisches Pärchen, sicherlich dem ertüchtigenden Wehrdienst noch nicht lange entkommen. Diese dschungen Leute…

Caleta Gonzalo

Caleta Gonzalo

Noch haben wir keine Unterkunft für die Nacht, also treibt es uns weiter. In Caleta Gonzalo soll es an einem alten Bauernhof ein paar Hütten zu mieten geben. Gibt es und schön an einen Fjord gelegen! Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn in Chile ist langes Wochenende, der Allerheiligentag naht, die Hütten sind ausgebucht, wir haben keine Campingausrüstung, und so ist die einzige Option: zurück nach Chaitén. Was keine Strafe ist, denn der Wald ist wunderschön, man gondelt am Lago Blanco und am Lago Negro entlang. Bei Don Carlos finden wir ein Zimmer, und auch das nur für zwei Nächte, was unsere Pläne für den Parque Pumalín etwas durcheinander schmeißt. Am Folgetag laufen wir – leider wird es kalt und trübe – den Sendero Ranita Darwin, einem 2 km kurzen Pfad, der  aber wirklich die Schönheiten dieses nördlichen Endes von Patagonien zeigt. Scheinbuchen, Alerce, viele Epiphyten, tolle Ausblicke auf die umgebenden Vulkane, frisch und feucht und grün, und zum Abschluss ein gurgelnder Bergfluss, randvoll mit Wasser. Ach, dieser Park. Ein tolles Stück Natur. Parque Pumalín ist, wie man am Namen erkennt, kein Nationalpark. Bis vor kurzem – die Ländereien wurden gerade der chilenischen Wald- und Naturschutzbehorde CONAF übergeben – war er reiner Privatbesitz und ein ziemlich umstrittener dazu: ein reicher Kalifornier, Douglas Tompkins, hatte ab 1990 angefangen, zahlreiche Ländereien aufzukaufen, teils ehemals bewirtschaftete, teils eben nativen gemäßigten Regenwald.

Riesenrhabarber

Riesenrhabarber

Niemand wollte ihm und seiner Stiftung glauben, dass dies uneigennützig zu Naturschutzzwecken dienen sollte, die Aufregung und Ablehnung war groß. Tompkins hatte in den 60ern die Firma Northface (siehe oben, Jack Wolfskin für Fortgeschrittene) gegründet, verkauft und sich dann an der Firma seiner ersten Frau beteiligt. ESPRIT heißt die, auch nicht gerade ein modisches Leichtgewicht, und der Erlös aus dem Verkauf seiner Teilhaberschaft sollte dem Naturschutz in Patagonien dienen. Seine zweite Frau war Managerin bei PATAGONIA, Outdoorfreaks. Die Chilenen dagegen tippten auf Goldschätze der Inkas, die es zu bergen galt, auf politische Verschwörungen, denn insbesondere Pumalín, mit 3.250 qkm 0,5% der Landesfläche von Chile, reicht von der argentinischne Landesgrenze bis an den Pazifik, ideal, um Patagonien „abzuriegeln“. Die Fischer sind bis heute stinksaue, da man keine Lachsfarmen betreiben kann, sondern tatsächlich nur Naturschutz. Auf anderen Flächen gibt es ökologischen Landbau, große Areale werden bis heute rekultiviert Es passierten so schreckliche Sachen wie Anerkennung der Landrechte für im Gebiet ansässige Chilenen. Nicht zu vergessen Jobs und Häuser für sie und eine Schule. Uneigennützigkeit ist einfach eine unmögliche Sache. Alles eine Frage der Asche, aber hier wurde sie mal richtig verwendet. Schön hat er das gemacht. Der Park, der definitiv NP-Status verdient (allein schon für 2000 Jahre alte Alercenbäume, für Pumas und Co.) hat einen viel höheren Pflege-und Überwachungszustand als die vom  CONAF geführten. Leider ist Herr Tompkins vor einem Jahr einem Kajakunfall (nicht unpassend als Todesart) zum Opfer gefallen, aber die Sorge für seine Parks – die Gesamtsumme der von ihm geschützten Flächen ist fast 3x so groß wie Pumalin – übernimmt seine Stiftung. Gut so, denn CONAF  ist so was wie Bock und Gärtner zugleich, sie sind nämlich auch für die gnadenlose Holzwirtschaft in Chile verantwortlich, und die ist wiederum einer der großen Wirtschaftsfaktoren hier. Mit der noch fürchterlicheren Aquakulturwirtschaft und Kupferabbau steht Chile wirtschaftlich auf ziemlich naturschutzfeindlichen Füßen. Zum Lachs sage ich demnächst noch was. Auch dies: eine Frage der Asche, aber eben gegen alle Naturschutzaspekte.

Auf der Fähre nach Hornopirén

Auf der Fähre nach Hornopirén

Wir jedenfalls waren von Pumalín ziemlich begeistert. In Hornopirén dann – 5 Stunden entspannungsreiche Fährfahrt von Caleta Gonzalo entfernt, um die geplante Straßenverbindung durch seinen Park hat sich Tompkins bis zuletzt mit der Regierung gestritten!

Was griechischen Fähren so werden kann!

Was griechischen Fähren so werden kann!

–  war es kalt, ungemütlich, aber dennoch patagonisch schön. Wir hatten auch Gelegenheit, einen CONAF-gepflegten Wandersteig Richtung Volcano Hornopirén zu begehen (und schnell umzudrehen, das war kein Spaß). Und schon waren wir zurück in Puerto Montt, 11 abwechslungsreiche, schöne Reisetage später.

Das war: Patagonien zum Eingewöhnen.

Chiloë. Ein Abstecher

Hornopirén, 31.10.2016

Unsere kleine Autorunde nähert sich leider schon dem Ende. Oder auch nicht so leider, weil wir möglicherweise noch einmal in Sachen warmer Bekleidung aktiv werden wollen, Northface nachrüsten. Heute traten wir nach einigen Regenstunden aus der Tür und sehen einen feinen Schneeschleier auf den Bergspitzen, die Wartezeit bis zum Abendessen im Hostal verbringe ich zugedeckt im Bett, und gestern haben wir uns einen Spaß gemacht: der Eigner sagt: „… mach‘ die Segeljacke zu und setz‘ die Mütze auf! Wir stellen uns jetzt hier in den Wind und freuen uns, dass wir hier nicht mit dem Schiff sind!“ Tolles Spiel… Kurz, es ist schön hier, und es ist kalt. Dieses Empfinden mag weniger an der Jahreszeit liegen als an der Tatsache, dass wir mit den zurückliegenden Jahren in den Tropen und Subtropen einfach zu Frostköddeln mutiert sind. Schließlich trotzt der Los-Lagos-Bewohner den Wetterunbilden in Boxershorts und Flipflops… gelegentlich zumindest.

In Puerto Varas hatten wir auch die Villa Kuschel aufgesucht, die heute das Hauptquartier des Parque Pumalin beherbergt. Schöne alte Holzvilla mit einem netten Angebot an patagonischen Büchern und Souvenirs, vor allem aber bot sie die Auskünfte mit der ausgesprochen kenntnisreichen und zugänglichen Frau Kati, die uns diverse Empfehlungen für Pumalin auf den Weg gab, mit leichtem sächsischer Zungenschlag berichtete sie auch aus dem Leben einer jungen „Auswanderin“. So konnten wir auch das Geheimnis der vielen Outdoorgeschäfte in Puerto Varas lüften – Chilenen scheinen ausgesprochene Freiluftfans zu sein, und wenn man am Wochenende, wie Kati berichtete, mit dem Schlauchboot und Zelt an einsame Strände fährt, um mit der mitgebrachten Schaufel ein Badewanne mit heißem Thermenwasser zu graben, braucht man solche Sachen.

Aber erst einmal ging die Fahrt zur Fähre auf die Insel Chiloë. Ein grieser Tag. Die Fähren gehen alle naslang und brauchen eine knappe halbe Stunde. Mittagskaffeepause in Ancud in einem alternativen kleinen Teestube, mit „Estrudel“, das Erbe lässt einen nicht los. Für Castro hatten wir mal ein Billighostel gebucht, im staubigen Ortsteil Alto Gamboa es mangelt (immer noch dank El Niño?!) am Regen, also mülmt alles ein, Hunde, Pflanzen, Häuser, denn die Straßen sind hier nicht befestigt. Dafür thront man hoch über der Altstadt und der Bucht. Schön. Und die Hunde sind ein einsames Gedicht, teils als wilde Beller hinter ihren Zäunen, als friedfertige „ach, schau mal, ich  schmeiß mich hin, also kraul mich“-Kandidaten, andere wieder durchgraben die Müllcontainer mehr oder weniger ungeschickt, die meisten liegen einfach dekorativ im Staub. AKKAnautenkino, interaktiv. Wir müssen natürlich eine der berühmten chilotischen Holzkirchen sehen, da bietet sich die Kathedrale an der  Plaza an,  außen gelbes Blech, innen prächtiges, dickes Alercenholz, das ist die Patagonische Zypresse (Fitzroya cupressoides, da hat mal wieder jemand, Darwin war es nicht, den Beagle-Kaptein geehrt). Bilder darf man dort nicht machen. Sagte mir mein Mitreisender, als es zu spät war. Museum haben wir verpasst, das war schade, aber das normale Leben bei  Stadtspazergang aufzunehmen freut ja auch.

Hit des Chiloë-Besuches war zunächst mal der Ausflug in den Parque Nacional de Chiloë bei Cucao und der Gang durch’s Tepuál, ein – abgesehen vom prima präparierten Wanderweg – schier undurchdringliches Stück gemäßigter Primärwald mit zahllosen Moosen und Farnen, Epiphyten, hohen Alercen, verschiedenen Notofagus-Arten. Bei uns stand so eine kleine Südbuche mit ihren zierlichen Blättchen am Gartenteich; wenn die geahnt hätte wie groß die Kollegen werden können, wäre sie vielleicht über die Strauchgröße hinaus gewachsen – aber was macht eine Süd-(oder Schein-)buche auch in der nördlichen Hemisphäre. Wir legen uns bäuchlings auf den Bohlenweg und versuchen vergeblich, den kleinen Darwinfrosch zu erspähen, der sich durch zartes Quaken bemerkbar macht. Ein vom Aussterben bedrohtes Fröschlein, 2-3 cm groß. Passend zum Thema Artenschutz laufen wir an diesem Tag kostenfrei durch den Park, das Personal streikt. Unterbezahlung, wie an so vielen Stellen im chilenischen Regierungsbetrieb, sorgt für Unmut. Und dabei hat die ökologische Landschaft in Chile so vieles Schützenswertes. Aber Wert hat halt nur, was Geld macht, also schietegal, ob der Tépu, eine Myrtenart, der einzige seiner Art ist und njcht nur Namensgeber für die wilde Feuchtwaldformation ist, die wir gerade betrachtet haben, sondern auch wichtig für deren Erhalt… nee, Tépuholz ist gutes Bau- und Feuerholz. Ich will angesichts der allgegenwärtigen Holzverbrauches zum Bauen und Verfeuern gar nicht wissen, wieviel davon gerodet und eingeschlagen wird. An jedem Haus hier quiemelt eine Schornstein. Das kleine Tépual bei Cucao ist jedenfalls nur noch eine von Riedgrasflächen umgebene Fläche. Gegen die Wand gesprochen, sorry.

Wir schauen noch die vorgelagerten Dünen an, auch hier schön und eingängig erklärt (ein nicht streikender Guide wäre wohl noch besser gewesen) wie sich die dünne Vegetationsschicht der Erstbesiedlung über die Sekundärvegetation mit kleineren Sträuchern zum dichten Tertiärwald steigert. Auch schützenswert. Warum sag ich das? Na, weil das Interesse bei der Handvoll Backpacker sich eher an Strand und dem Nichtvorhandensein von Netzabdeckung orientiert.

Kommt der nächste Hit – die Holzkirchen mal beiseite gelassen und von der indigenen Bevölkerung kriegt man wenig mit. Lediglich die lang und floral berockten Damen auf der Plaza in Castro geben ein Bild. Sie betteln und benutzen dazu ihre Kinder… Dafür nehmen wir einen lokalen Tramper mit, der sich über den Lift Richtung Ruta5, auch als Panamericana bekannt freut. Für ein gigantisches „Oh, ah, to-oll!“ sorgt der Blick, der sich in der Anfahrt nach Quellon bietet: hinter einer Kuppe leuchten plötzlich Michinmahuida und Corcovado über die Meerenge herüber. Kann man gar nicht genug von kriegen, zumal noch ein paar Schneegipfel mehr einen gebührenden Rahmen für diese beiden großen  Vulkane bieten. Ein Schild am Hito Cero, dem Kilometer Null besagter Panamericana sagt, dass man dazwischen zeitweilig die Rauchsäulen des Chaitén sieht. Da wollen wir hin. Noch ein paar Stunden bis zur Fähre. Kilometer 0 der Transamericana angucken, Picknick und Hundefütterung (im nicht anderweitig besetzten Unterstand für Obdachlose), ein bisschen Autoschlaf, und nachts um 3 – der Mensch muss Opfer bringen! – geht die Fähre in Richtung Chaitén.

… Kuchen, Siedler und Herr Krause

Osorno im Abendlicht

Südamerikas schönster Vulkan: der Osorno im Abendlicht

Puerto Varas/Los Lagos, 23.10.2016

Zona Sur, „der kleine Süden“ Chiles. Noch nicht ganz Patagonien, aber ganz nahe dran. Der Nachtbus von Santiago nach Puerto Montt war leider nur ein semi-cama, manchmal kriege ich Dinge im Gespräch mit Chilenen wohl nicht mit. Entweder gab es keinen Bus mit richtigem 180° Bett, oder er war voll, oder die Dame hat mich an jenem verregneten Sonntagmorgen nicht verstanden… aber halbliegend durch die Nacht geht auch. Im Morgenlicht schiebe ich die Vorhänge ein bisschen zur Seite – ooh! Schneeberge zur Linken! Vulkane! Um 10 Uhr rollen wir nach Puerto Montt hinein, und mein erster Gedanke ist: ein bisschen Harz (Walmdächer mit Rundbögen), ein  Schuss Irkutsk (braune Holzhäuser), durchmischt mit Schweizer Alpenarchitektur. Fast alle Häuser sind Holzhäuser, mit Schindeln verkleidet und gedeckt.

Puerto Montt, Unsere Fähre wartet schon

Puerto Montt, Unsere Fähre wartet schon

Man tritt aus dem Busterminal, schneebdeckte Vulkane glitzern in der unerwartet scheinenden Sonne, der Pazifik wird seinem Namen gerecht und plätschert friedlich auf den gerölligen Strand; nicht schwer für den Stillen Ozean, denn hier bildet er eine tiefe, geschützte Tasche. Daunenjacken undGummistiefel sind in der Überzahl, aber einige Mutige lassen sich auch die Sonne auf entblößte Arme und Beine brennen. Auf der Molenmauer erfreuen sich ein paar fröhliche Fischersleut‘ des schönen Tages, sie fischen nach Münzen von Passanten (O-Ton Eigner: …. und neigen zur Geselligkeit). Hunde gibt es zuhauf, alle recht entspannt. Kleines Zimmer in einem netten Hostel, viel Radebrechen ; einigermaßen erfolgreiche Spanischbemühungen erzeugen stets Wortsalven von und Gelächter bei Marisol, die den Laden schmeißt.

Ceviche und Wein

Ceviche und Wein

Ein Orientierungsspaziergang – wir wollen wissen, wo wir unsere Fährtickets nach Puerto Natales bestätigen lassen können – endet bei Robben und Pelikanen im alten Marktviertel Angelmo, und anschließend bei Ceviche, Wein und Fischspeisen auf einer wackeligen Bank in Don Juanitos Fischbüdchen – ein Büdchen von vielen, vielen, und jedes möchte einen der wenigen Spaziergänger hereinlocken. Unsere Lockvogelin jedenfalls reckt die Faust: „Si! Si!“

Landeanflug

Landeanflug

Draußen schweben die Pelikane vorbei – schade, dass man diese Landungen nicht so gut fotografieren kann. Bilderbuchreif.

Anderentags marschieren wir die Bucht nach Westen entlang „nur mal auf den Hügel, gucken, wo die Marina liegt“. Wir sehen deren zwei, von ferne, nur die Hoffnung auf einen Kaffee treibt uns um die ganze Bucht;  zur Belohnung für den Gewaltmarsch  gibt es weder Kaffee noch Zugang zur Marina, sondern nur ein Schwätzchen mit dem Wachmann. Macht nix. Fahren wir halt mit dem Bus zurück und belagern die Hostelküche. Und dann werden Pläne gemacht. Zwei Wochen bleiben bis zur Abfahrt der Fähre Evangelista nach Puerto Natales – Gelegenheit, ein Auto zu mieten und sich im Kleinen Süden umzuschauen, und als das Auto da ist, fahren wir doch noch einmal zur vielleicht etwas  weniger streng gehandhabten Reloncavi-Marina. Die vorgetragene Geschichte vom Segelboot in Brasilien tut ihre Wirkung, und die Atmosphäre der Marina wiederum wirkt auf uns. Zwar sind wenige Segler im  Wasser  und auch die an Land stehenden sind zumeist unbewohnt, aber irgendwie erfasst uns der Geist vom „… in 20 Jahren wirst Du nicht bedauern, was Du getan, sondern was Du nicht getan hast…“. So viele, die sich um die Südspitze von Südamerika gequält haben. Beaglekanal, Magellanstraße, Kap Horn. Ein bisschen Neid kommt auf, aber dann treffen wir auf die Schweizer Yacht Robusta, und Anja weiß unsere Zweifel zu zerstreuen. Doch, sagt sie, im Nachhinein war es toll, auch der Winter in Patagonien, aber… ab Mar del Plata war es eigentlich anstrengend bis hin zum K(r)ampf. Beidrehen, Sturm durchlassen, weiterfahren. Höhe wieder gutmachen,  wenn es einen unverhältnismäßig in den Atlantik rausgeblasen hat, beidrehen… und so fort. Frohgemut ziehen wir von dannen und freuen uns auf Kap Horn mit dem Rucksack. Basst scho‘!

Das Erbe

Das Erbe

Zwischenstopp in Puerto Varas. Das Deutsch/Österreichzentrum hier im kleinen Süden. Nach einem Ausflug zum „schönsten Vulkan Südamerikas“, dem Osorno, umrunden wir den Lago Llanquihue, bestaunen Gutshöfe, die ihr europäisches Erbe nicht verhehlen können und versuchen, auf alten Friedhöfen Familien- und Integrationsgeschichte nachzuvollziehen. Das mit der Integration hat hier sehr gut geklappt, wobei sich chilenisch-deutsche Mischehen schon früh ergeben haben,  nämlich unter den katholischen Familien. Die protestantischen Siedler blieben, so sagen es die Grabsteine, fein unter sich, auch wenn sich die Sprachgewohnheiten schon lange in Richtung Spanisch geändert hatten – spanischer Vorname, zwei deutsche Familiennamen. Insgesamt sieht man viele Spuren. Die Biere. Der „Kuchen“ ist ein chilenisches Wort. Deutsche Schulen, gern auch Berufsschulen. Und die volle Ladung davon kriegen wir bei Sr. Krause im Museo Antonio Felmer zu sehen, ein wirklich schönes Stück bäuerlicher Zeitgeschichte, inklusive Vorführung des Polyphons, einem Exponat, das man den Besuchern nicht mehr allzu oft vorführt, aber wir kriegten von einer großen  gekrümmten Messingplatte das dort eingravierte „Muss i denn“ zu hören und einen schmalzigen Walzer. Darauf gibt es noch einen kleinen Abriss über die Siedlungsgeschichte; wenn man die unglaublich fruchtbare Gegend mit all ihrer Milch- und Fleischviehwirtschaft heute betrachtet, die fetten Weiden im lichtem Baumbestand, mag man gar nicht glauben, dass viele der ersten Siedler die Anfangsjahre nicht überlebten. Allerdings waren wir zuvor am Lago de Todos los Santos gewesen, und angesichts des  Waldes in der dortigen Gegend versteht man, was für eine Knochenarbeit es gewesen sein muss, auch nur eine kleine Parzelle zu roden. Dem auswanderungswilligen Hessen oder Pfälzer oder – um die Österreicher nicht zu vergessen – Salzburger hatte man wohl gesagt, dass sie ein Stück Land bekämen, eine

Kuh, Ochse und 200 Bretter...

Kuh, Ochse und 200 Bretter… dies sind 196.

Kuh, einen Ochsen und 200 (!) Bretter  und Nägel, allerdings nicht, dass das Land gar nicht erreichbar war… Aber sie haben sich durchgeschlagen, und nicht schlecht. Auffälliger Unterschied zu Namibia: die deutsche Gemeinde ist zwar existent, aber es sind Chileno-Alemanes, die sich gut assimiliert haben. Was nicht heißt, dass sie nicht um ihre Tüchtigkeit und ihre Erfolge beneidet werden. Sagt Herr Krause – auf Spanisch. Sein Schuldeutsch rostet seit 50 Jahren.

Wer macht denn so was?

Novemberwetter

Novemberwetter

Santiago de Chile, 17.10.2016

Grau ist es, und kalt. Wenn ich nicht wüsste, dass es in den kommenden Tagen und Wochen noch kälter werden wird, würde ich gern saukalt sagen; doch, so ist es – mit der Größe der Säue halte ich mich allerdings lieber zurück. Jedenfalls sind wir schon lange nicht mehr mit Schal und Mütze durch eine Stadt geirrt und haben Zuflucht in Cafés gesucht. Moskau und Irkutsk könnte ich anführen.  Jetzt sitzen wir im Frühstücksraum des Hostels und warten auf den Schlafbus nach Puerto Montt. Das Haus ist eine große alte Villa mitten in der Altstadt von Santiago, nahe dem dem Museum Bellas Artes. Schöne Gegend. Und weil es ein altes Haus ist, hat es dicke Mauern, die im Sommer schön die Kühle halten. Nur ist eben kein Sommer. Schnatter. Wir sind wirklich von der Sonne verwöhnt und in gewisser Weise abhängig.  Mal sehen, wie das weitergeht.

Was unsere Ausstattung betrifft, war ich blauäugig genug, natürlich die Wanderstiefel zu packen, dazu die ewigen Birkenstock Zehensandalen, die schon seit Kapstadt tapfer Dienst schieben (incl. 4 nicht unterbrochenen Wochen Deutschlandsommer! So warm war das!) plus Badeflipflops und ein paar ausgelatschte Trekkingsandalen. Hier oben im Zentrum von Chile naht der Frühling, und wir haben tatsächlich auch schon abends auf der Straße gesessen und in der Heladeria Mó ein Rieseneis geschlotzt, aber seit Sonnabend zeigt uns der Andenwettergott, wo der Hammer hängt, und nach Süden wird das kaum besser. Also rennen wir am Sonntag im April(=November)regen durch die Stadt und verbringen nach Abholung der Bustickets  einen Großteil des Tages in Santiagos größter Mall und suchen Ersatz für die ausgelatschten Trekkingsandalen. Unabdingbare Merkmale: geschlossen, wasserfest, warm, bitte – so hält das kein Schwein aus. Dazu eine Dose Imprägnierspray, ein Buff für den kleine Halswärmebedarf und eine schicke Northfacemütze (NorthFace ist Jack Wolfskin für Fortgeschrittene. Deutsche im Ausland? Deuter- oder VauDe-Rucksack. Und vor allem Rentner dazu gern mit JW-Jacke. Quechua-Sachen? Franzosen. Kathmandu? Kiwis. Die Reihe lässt sich fortführen.).   Meine neue Mütze ist international-neutral und mit Fleece gefüttert. Schönen Dank, Schwester, für den tannengrünen Irlandwolleschal, den ich zur Abreise kriegte, der kommt hier zu ungeahnten Ehren! Passt auch zu den grünlichen Chileschuhen! Wir sind gewappnet. Wahrscheinlich. Hoffentlich. Wir fahren jetzt das Valle Longitudinal südwärts, dahin, wo es im Meer versinkt und wo die Küstenkordillere die Insel Chiloe bildet. Geologisch tolle Gegend, toll bis tollkühn, Stichwort Supervulkan, Kontinentalplatten und so. Meteorologisch… bislang „naja“. Von den schneebedeckten Anden, an deren Fuß Santigao liegt, ist nichts zu sehen, aber die begleiten uns ja im Osten südwärts, drum heißt das Tal longitudinal, und sie werden vielleicht doch mal die graue Mütze ablegen. Vielleicht ist diese Hoffnung der Grund, warum man sich freiwillig in die  Kälte begibt? Wer macht denn sonst so was?

Geschichten vom Ahu

Kerle mit Mana...

Kerle mit Mana…

Hanga Roa, 13.10.2016

Da war noch was! Die Sache mit dem Ahu! Ich sitze gerade auf einem, obwohl das Sitzen auf einem Ahu eigentlich ganz fürchterlich „tapu“ ist, ein Sakrileg. Ahus sind Zeremonialterrassen. Aber wir folgen nur unserem ureigenen Ritual, dem Café latte-Schlürfen, und unser Ahu ist ein Kaffee-Ahu, die Bohlenterrasse des Eco Taina-Cafés. Ihr seht, für den Touristen ist gesorgt, und wir danken es den Rapa Nui.

Klar. Was alle Welt mit der Osterinsel verbindet, muss nicht nur nebenbei erwähnt werden, sondern war unser Ziel. Stichworte wie Kontiki, Aku Aku, Thor Heyerdahl kommen immer sofort. Und eben Moai. Meine Schwester schreibt, dass ihr diese riesigen Steinfiguren immer unheimlich waren – mir auch. Heyerdahls Bücher standen natürlich im heimischen Bücherschrank, aber das meiste davon hatte ich vergessen oder niemals verstanden. Wir befanden uns also auf einer Tour der Ahnungslosen, das Rapa Nui-Thema wollte ganz neu beackert werden.

Weit läuft man nicht in Hanga Roa, bevor man über die ersten Steinfiguren stolpert. Gleich hier auf der Terrasse steht eine ansehnliche Nachbildung. Am Fischerhafen steht ein Moai, der auf’s Meer schaut, und einer ins Inland. Letzterer guckt richtig, und meine Schwester hatte recht: unheimlich sind sie, und so waren sie auch gemeint. Leere Augenhöhlen, die Lippen zusammengenkniffen, was manchmal fast verschmitzt aussieht. Niedrige Stirn, ausgeprägte Nase und langgezogene Ohrläppchen. Wirklich markant. Sie stehen immer auf einem Ahu, und sie schauen, den Rücken dem Meer zugewandt, immer auf den Clan der Siedler, die vor ihnen ihrem Alltag nachgingen. Ein Archäologe, den ich belauschte, sagte zu seinen Gästen:“… they do not look at the sea, because they are not on vacation!“ Moai zu sein war kein Urlaub. Die Siedlungen, die sie beobachteten, waren hierarchisch geordnet: erst die Hauser der Noblen, eigentlich große Terrassen für das Alltagsleben mit einem schmalen, langgezogenen Schlafhaus dahinter, geformt wie ein Kanubug. Je weiter vom Wasser und dem Ahu weg, umso niederer der Rang der Bewohner, die Grundstruktur dieser Gesellschaft. Von den Häusern sieht man nur noch wenige Fundamente, dafür sind viele hare moa erhalten: komplette, geradezu riesige Hühnerhäuser aus Vulkanschlacke. Klingt einfach, aber es ist doch besonders: das Leben drehte sich zu einem gewaltigen Teil um diese Figuren, um ihre Anfertigung. Als zwischen 800 und 1000 a.d. die ersten Siedler, wahrscheinlich aus den Gambierinseln, eintrafen, brachten sie außer allem Überlebensnotwendigen. also Hund, Schwein, Taro, Ratte, auch polynesische Traditionen mit, wie zum Beispiel ihre Rituale auf Terrassen (marae) zu feiern und kleine Steinfiguren zu fertigen. Nur entwickelte sich hier in der völligen Abgeschiedenheit der Osterinsel eine Art  Bildhauerwahn: die Figuren, die immer nach dem Tod von wichtigen Männern angefertigt wurden (es gibt ungefähr 10 Figuren mit weiblicher Anmutung!), wuchsen. Anfangs klein und rundlich und von normaler Körpergröße, streckten sie sich, wuchsen auf 2, 3, 4m an  und mehr, sie wurden feiner in der Darstellung und bekamen einen Kopfschmuck aus rotem Tuff aufgesetzt. Fast alle kamen aus dem zentralen Steinbruch Rano Raraku, wo der beste Vulkanstein zur Verfügung stand, und dort liegen und stehen noch heute über die Hälfte der insgesamt 900 Figuren. Wirklich umwerfend, wenn man da im scharfen Vormittagslicht hindurchstreift. Halbfertige Moai und solche, die zum Abtransport bereitstehen. Einige, die bei Transport oder bei den Abschlussarbeiten am Rücken beschädigt wurden – Ausschussware. Vielleicht sind auch dem einen oder anderen Clan die Mittel ausgegangen? Ein unfertiger Gigant von 20 m Höhe, ohne „Pukao“, dem Haardutt, der sicher noch einmal über 10 Tonnen gewogen hätte, die Figur selbst über 250. Und damit sind wir eigentlich bei der Tragik der ganzen Geschichte angelangt: die Figuren wurden in gar nicht so langer Zeit aus dem Fels gehauen, bergab gezogen, aufgerichtet und fertiggestellt, sodann mühsam von 50 bis 500 Leuten vom Steinbruch zum Ahu ihres Auftraggebers transportiert, wozu man Holzschlitten und Seille aus Pflanzenfasern brauchte. Übrigens erfolgte der Transport ohne Augen – Sinn des Moai war, sein mana auszustrahlen, eine übernatürliche Kraft, und das mana wäre durch die Augen auf die falschen Menschen gefallen. Das Aufrichten auf dem Ahu war entsprechend mühsam, es gibt da die kühnsten Theorien, aber all das ist und bleibt wohl rätselhaft. Erst mit der Blickrichtung auf die heimische Siedlung wurden Augen eingesetzt und strahlten nun streng. Je größer der Moai, umso mana… je größer der Moai, umso aufwändiger auch Produktion und Transport, umso mehr Ressourcen wurden verbraucht, als Bezahlung für die Arbeiter und Transporteure und für die Transportmittel. Je größer die Not der Clans, umso mehr mana wurde gebraucht. Umso größer müssten die Moai sein. Und umso mehr Bäume gefällt, für Seile und Schlitten und Hebelapparate. Alles klar? Das Ende vom Lied nennt Jared Diamond „Ökozid“, Mord an der Umwelt für rituelle Zwecke. Als 1722 erstmals Europäer die Insel beschrieben, war sie schon baumlos. Als Cook 50 Jahre später kam, waren viele Moai schon umgestürzt – möglicherweise hatte man den Verdacht, dass vielleicht zu viel mana das Elend brachte, also fort mi den unheimlichen Geistern. Aber es ging mit der nun schlecht versorgten Bevölkerung weiter bergab: Unterernährung wegen der Verkarstung der Landschaft, ansteckende Krankheiten von den Besuchern, und Sklavenschiffe dezimierten die Rapa Nui weiter. Man wandte sich einer anderen Gottheit zu, dem make make , aber auch dieser Wechsel zum Birdmankult half nicht mehr. Zu spät. Abgewirtschaftet.

In den 60er Jahren begann die Forschung zu diesen wundersamen, wundervollen Steinfiguren, Mitte der 60er wurde die ersten wieder aufgerichtet, am Strand von Anakena. Ein Japaner spendete einen Kran, um ab 1996 die moai auf dem größten Ahu in Tongariki wieder aufzustellen. Jared Diamond sagt, dass ihn die Abkehr vom Moai-Kult an die Wut der Rumänen und Russen beim Umstürzen der Statuen von Ceaucescu oder Stalin erinnert. Unsere Rapa Nui-Führerin Emilia hat da eine andere Meinung: keine gebrochene Nase, das muss heißen, dass man die Figuren sanft aufs Gesicht gelegt hat. Lass‘ das mana in die Erde strahlen… Geholfen hat es nichts. Eine Kulturtragödie nach kollektivem Größenwahn.

Ein denkwürdiger Ausflug für uns, mir fielen noch viele kleine Dinge ein, aber wir fliegen dann mal zurück. Wer Jared Diamond (natürlich gibt es andere Autoren zu Thema….) lesen will: „Collapse. How societies decide to succeed or fail“. Interessant.

Der Nabel der Welt

und AKKA oben rechts

und AKKA oben rechts

Hanga Roa/Osterinsel, 13.10.2016

Te pito o te henua, der Nabel der Welt, so sagt man hier. Allerdings gibt es viele solcher Nabel in Polynesien, und eigentlich kann es auch heißen: Ende der Welt. Oder Ecke… Alles ganz richtig. 3 Ecken hat die Osterinsel – es ist, bis auf ein paar Felslein tatsächlich nur eine, also „die Osterinsel“ in der Einzahl – und vielleicht war auch jede dieser Ecken einstmals ein Nabel und jeder Nabel ein eigenes Ende der Welt. Eines ist klar: die Insel ist entlegen. Südöstlichste Ecke des polynesischen Dreiecks, das im Norden in Hawai’i endet und im Südwesten in Neuseeland. Polynesien, das riesige. Ich freue mich unglaublich, noch einmal hier gewesen zu sein – schon diese vokalreiche Sprache finde ich toll. Der Hang zur Blume im Haar, zu dicken, schönen Tatoos. Und auch wenn vom  Erbe Rapa Nuis nicht so schrecklich viel übertragen ist, man lehnt sich an Tahitianisches oder Marquesanisches an. Ansonsten: Lebensgrundlage Tourismus. Das wurde schon vor einer Woche klar, als wir in der Früh den Check-In-Schalter von LAN bzw. LATAM erreichten – es wird derzeit täglich ein Flieger voll nach Rapa Nui geschaufelt, und zurück,  je 300, 400 Leute. Einige davon natürlich Einheimische, so dass sich die neugierige Rucksackreisende an dem einen oder anderen Haardutt oder dem „Regen“-Tattoo am Hals erfreuen kann. Der Flug selbst geht, siehe oben, Ende der Welt, auch nicht gerade mal um die Ecke, 5 Stunden dauert der Spaß, aber danach gleitet man eine Weile im Sinkflug über pazifisches Wasser, bis die Landebahn von Matavere aus dem Nichts auftaucht. Warm und feucht ist es. Blumenkranz zur Begrüßung. Ein Minibus, leicht polynesisch, holpert uns ein paar hundert Meter zum Hotel, das den Namen des ersten Siedlers trägt: Hotu Matu’a. Weiträumig ist es hier jedenfalls nicht.

Im Dorf begegnen uns die Bewohner mit Regenjacken und Gummistiefeln – auf das Wetter ist nicht so recht Verlass. Es kann nass von oben sein, muss aber nicht, und frischer Wind lässt einen in der schwülen Feuchte unangenehm abkühlen, dabei ist unsere Erkältung noch nicht vorbei. Pfui. An der Fischermole sitzen wir eine Weile und bestaunen den Schwell, der hereinläuft, zur großen Freude junger Surfer. Auf den vorgelagerten Felsen klettern zwei Frauen herum und angeln sich das Familienessen. Ein Segler – einer von vielleicht 30 im Jahr, die es hierher treibt – liegt an einer Mooring. Gemütlich sieht anders aus.

Hanga piko, Hafeneinfahrt

Hanga piko, Hafeneinfahrt

Im AKKAnautentempo geht es voran: noch ein Tag im Dorf, mit Kaffeetrinken, ausgiebigem Surfen (wir haben von einem Seglerkollegen in Jacaré lauter südamerikanische SIMkarten geerbt, und die chilenischen EnTel und Movistar tun’s auch im tiefen Ozeanien). Ganz langsam weichen Laufnase und Husten. Erstes polynesisches Vergleichsessen: während man auf den Sonnenuntergang lauert und außerdem die äußerst spannend anzuschauende Einfahrt zur Mole von Hanga Piko beobachten kann, gibt es Ceviche vom Kana Kana (ein lokaler Barrakuda) und vom Tunfisch. Der Kana Kana ist besser, auch in der gebratenen Version. Lokal merken und ansparen… wir halten aus Kostengründen ansonsten gern ein Hotelzimmerpicknick ab, die Minimercados geben alles her, was man braucht und eingeflogen werden kann. Im Hafen liegt eine Lederrückenschildkröte herum. Fischer klären uns über ihren Widerstand gegen den geplanten Marine-Nationalpark auf, aber da wird’s dann mit der Verständigung ein bisschen schwierig. Und mir fehlt kraft meiner Naturschutzneigung auch das Verständnis für Tunfisch-Longline-Fischen, und dafür, dass man nternationale Schutzbehörden, die wirklich tatkräftig mit den Rapa Nui zusammenarbeiten und ihnen alleinige Fischereirechte in der Region zubilligen wollen, als Kolonialisten bezeichnet. An dieser Stelle ist die Bevölkerung denn auch gespalten. Wie allerdings die Kontrolle dieses riesigen Seegebietes, nämlich 200 nm rund um die Insel, gewährleistet werden soll, ist mir auch nicht klar. Nebenan kampieren Rapa Nui-Familien dauerhaft und lassen schwarze und Inselfahnen im Protest gegen das Luxushotel Hangaroa Eco Village. Eco ist sicher fein, aber ungern auf Grund, den man den Einheimischen abgeschwindelt hat. Gleiches gilt für den Flughafen, und immer wieder blitzen Hinterlassenschaften der Pinochet-Aera durch. Da ließen sich wohl leicht Geschäfte machen, und umso erboster kämpfen die RapaNui um Rechte. Rechte übrigens, die man ihnen über viele Jahrzehnte vorenthalten hatte. Bis in die frühen 50er war die Bewegungsfreiheit der Einwohner auf den Ort Hanga Roa beschränkt, Landrechte hatten sie nicht, die Insel seit 1888 an einen britischen Schafzüchter verpachtet, sie waren nicht einmal Chilenen. Aber genau das ist auch immer noch strittig: man fühlt sich als Polynesier, nicht als Chilene. Und wieder kommt das Wort: Kolonialismus.

Aber all das schwingt eher im Hintergrund. Wichtig für uns eher, dass Maria, die Wäscherin uns am offiziellen Dia de la descubierta de las Americas, auch bekannt als Columbus Day, die Wäsche abnimmt und säubert. Maururu, Maria, für Wäsche und Schnacken und Abschiedsumarmung. Wichtig ist auch zu wissen, dass 98% der vielen Straßenhunde freundliche Kerle sind, um die die Autos Kurven fahren. Bei den restlichen 2%handelt es sich um a. Hühnermörder mit gutem Gedächtnis, die mir meine Rolle als Mordverhinderer übel nehmen und beim nächsten Vorbeimarsch eine Scheinattacke auf mich starten. Und b. gibt es den Wegelagerer, der weiß, dass in Richtung unseres eher bescheidenen Hotels am Ortsrand – sehr schön, weil im normalen Leben! – manchmal Gäste mit Plastiktüten und Picknickzubehör vorbeigehen; da kann Hund dann reinbeißen und klauen, was rausfällt. Bye, bye und adios Salami!

Das war’s dann von der Osterinsel. Oder war da noch was? Ich schick’s mal raus und denke derweil nach… Unser Rückflug sollte sich eigentlich gerade in die Luft erheben, hat aber 6 Stunden Verspätung, Zeit wäre noch. Für Bilder und … noch was.