Geht los!

… ein rotes Ungetüm

Man o‘ War Cay, 18.5.2022

Wir liegen direkt vor dem Cut, durch den wir morgen in der Früh in den Atlantik hineinstechen werden.
Wir haben ganz schön herumgedaddelt mit dem Wetter, aber vorgestern überredet mich der Eigner endgültig, dass es gut sei, mit schwachem Wind loszueiern. Also fein. Wetterwelt bestätigt den Gedanken. Zum Ende mag es uns wohl leider etwas entgegenwehen. Mal schauen – das wird eine schöne Bananenkurve nach Norden und bei den schwachen Winden rechnen wir mit 7-8 Tagen bis Bermuda.

Überraschungen gab es zwischenzeitlich auch, erst schmort ein Solarstromladekabel, die Reparatur kostet uns den Sonntagsausflug nach Hopetown, aber nun lädt das Panel wieder. (Merkt Ihr was? Früher war weniger „irgendwas ist immer!“). Und vorhin dann kurzfristiges Gedankenkarussell:
Die Schipperin schmeißt den Wassermacher an, unverzichtbar für eine mehrtägige Reise, auch wenn unterm Salontisch 3 Kanister Notreserve stehen. Wasser kommt aber nicht aus dem Feederzulauf. Gleich erst mal „Scheiße“ rufen und ins Cockpit weitertröten. Lässt sich der Wassermacher locken? Hochdruckpumpe an… nüscht. Feederpumpe (unterm Bodenbrett vorm vorderen Klo) läuft, und jawoll, die Ventile sind alle offen. Die Schipperin denkt: „Verstopft. … da muss ich wohl tauchen!“ , der Eigner übernimmt den Problemfall. Die Schipperin steuert ihr Gedankenkarussell Richtung: „Mist, wir sind voll ausklariert!“ und der Eigner bescheidet mich, langsam in Richtung Man o’War zu tuckern, denn seines dreht sich Richtung „… eventuell müssen wir umdrehen. Wasser tanken!“ Mache ich. Das wäre eine doofe Verzögerung, siehe oben, nach hinten weht es uns vielleicht entgegen. Unten wird ausgiebig geschraubt und geklappert, Schranktüren ausbauen und so. Ich genieße derweil einen sonnigen Segeltag und mein Karussell dreht sich noch, als ich ein „Ha! Ich glaub‘ ich hab’s!“ vernehme. Bisschen gestresst ist er ja, aber der Chiefengineer kam dann doch durch Ausschlussdiagnosen (Anschluß an der Hochdruckpumpe: nüscht; an diversen anderen Stellen ebenfalls nüscht – bis zum Anschluss an den Wasserfiltern. Huch, schnell wieder festziehen, es sprudelt!) darauf, dass schlicht der Ventilhebel für den Zulauf sich gelöst und auf „zu“ stehengeblieben war. Erleichterung, Stressmittagessen Spaghetti mit Paprika, Hühnchen und Tomate. Ende Gedankenkarussellfahrt.
Nö. Langweilig ist uns nicht.
Gleich packen wir die Fahrräder in die Taschen und stauen sie weg; wir waren nämlich heute früh zum Hochwasserzeitpunkt rasch ausgelaufen. Während der letzten Springtidentage (hat jemand den pinken Mond gesehen?!) stand Akka nämlich hübsch auf dem Grund und lehnt sich gemütlich ans Dock  – so weit war das Wasser gefallen. Nebenschauplatz: ich überlege noch, wie ich an eine Bermudaflagge komme. Roter Grund und Union Jack in der Ecke ist ja machbar (reuse-recycle, zum Beispiel von den Cook Islands…), aber dieses Bermudawappen kriegt niemand hin. Es gibt schlaue Leute, die Flaggen doppelseitig auf Papier drucken und in Klarsichthüllen packen, aber so viel Rot gibt der Drucker nicht her. Und a. sollen die Bermudans locker sein und b. … Zeit, die Nähnadel zu schwingen, wäre ja. Nur Wappen sticken – nicht mein Ding.

……….
hier nochmal das Link zum Norforeignland-Tracking

Geht los, geht nicht los

Marsh Harbour, 13.5.2022

„… und ich habe schon das Cockpit sauber gemacht, so ein Sche…!“, sagt der Eigner gerade. Sauber gemacht, damit wir morgen oder übermorgen ganz sauber Richtung Bermudas aufbrechen können. Während der Eigner wischt, kassiere ich Applaus für eine Radtour vom Maxwell’s Supermarket zurück zum Boot, zwischen den Schauern, mit fettem Rucksack und nicht nur einer, sondern zwei Lenkertaschen. Orangen, Kohlkopf, Käse… das volle Programm. Es applaudiert der Wagenschieber ob der Last. Das arme Fahrrad…

Wir sind also voll gerüstet – letzte Notrationen für das Grabbag sind gepackt, heute noch die Abfolge der notwendigen Bürokratieschritte: Covid-Test, Bermuda Travel Permit beantragen, Testergebnis hochladen, bezahlen, Pre-Arrival Notice abschicken, Auschecken beim Bahamas Zoll –  kurz: wir müssen früh aufstehen. Um 6 wird es hell, die Wetterwelt schickt die neueste Vorhersage. Der Eigner, noch in der Koje „… was für ein Mist! Willst Du mal gucken?!“  Nein, möchte ich nicht. Tolle Einstimmung an einem ohnehin trüben Morgen. Das sowieso etwas wackelige Wetterfenster sieht wirklich kacke aus, egal wohin man den Abfahrtzeitpunkt schiebt. Viel Welle am Anfang – es gab ein wirklich fieses Tief vor der US-Ostküste – durchsetzt mit Gewitter, dafür schwacher Wind, ganz unser Humor. Und das alles, damit es ab Montag nach Motoren aussieht.  Geht los?!  Geht nicht los. Das Ganze ist ein Glücksspiel, und wir setzen auf eine zweite Chance in 8 Tagen. Hoffentlich. Dann läuft nämlich unser Cruising Permit für die Bahamas aus, das wir großmäulig „Ach! Bis dahin sind wir längst weg!“ auf 3 Monate beschränkt hatten. Kost‘ im Zweifelsfall 300 extra. Also, bitte sehr: drückt die Daumen.

Aber wenn es so weit ist: man kann uns jetzt auf einer weiteren  Quelle verfolgen – die Schipperin hat es nach jahrelangem Zögern geschafft, den Iridiumrouter darauf zu dressieren, dass er alle 4 Stunden eine Position verschickt (das stündliche Intervall habe ich wohlweislich vermieden – bei unserer Geschwindigkeit macht das doch einen eher peinlichen Eindruck).  Wer Lust hat, schaut sich das bei Noforeignland an. Wenn man hineinzoomt, erscheint unter dem Schiffssymbol ein grauer Punkt, hinter dem sich Position, Kurs und Geschwindigkeit verbergen.  Wer andere Schiffe sehen will oder sucht, schließt das AKKA-Fenster oben links. Viel Spaß beim Surfen!  Ich hatte jetzt 25 Tage Spaß, weil die Flora sich auf den langen Weg von Galapagos nach Hawai’i begeben hatte. Ganz so sportlich wird es bei uns allerdings nicht ausschauen…

Bis es aber losgeht, sagen wir uns nochmal ein paar Mal: geht los?  Geht nicht los!

Butter bei die Fische

Frisches Gemüse für Great Guana Cay

Nassau, 24.4.2022

Yeesss, gemein, so lange zu schweigen, aber immerhin: wir leben noch.

Die Zeit in den Bahamas neigt sich schon dem Ende zu. Irgendwie werde ich – alte Leier – dieses unbeschreibliche Blau vermissen. Und unser Rumdödeln vielleicht auch.

Eines netten Sonntags vor langer Zeit verlassen wir die Exumas durch den Dotham Cut. Der Eigner hat sich es sich nicht nehmen lassen, dumme Fragen in der Facebookgruppe „Bahamas Land&Sea“ zu stellen, wie das denn nun ist mit den Tidenzeiten und den Strömen ist (dabei meistern wir das alles ja nun schon ein paar Jahre, so oder ähnlich). Toll, was man oder frau da für Antworten kriegt, alles eher allgemein gehalten, aber es gibt auch die, die raten daheim zu bleiben, wenn einen so etwas bewegt. Nein, wir wollen nur altengerecht und eben unbewegt durch den Cut fahren, kein Wind gegen Strom und damit keine resultierende Mörderwelle – es geht rein um den Zeitpunkt. Am besten war eigentlich in diesem Zusammenhang, dass wir bei Abfahrt aus Nassau in Richtung der Exumas auch schon nach Tidenverhältnissen für die „Yellow Bank“, ein Flachgebiet mit vielen Korallenköpfen, gefragt hatten. Ich konnte mich dann an einem bestimmten Punkt („I wonder how you can ask such a question with your sailing resume“. Döspaddel.) nicht enthalten, eine Antwort dahinzuschnoddern (… „Tonga Trench is easier. Only that you have drifting pumice islands“.)  Doofe Fragen sind immer unterhaltsam.

Bohog & The Rooters.

Egal, wir treffen den Dotham Cut natürlich zum richtigen Zeitpunkt. Wir halten für ein paar nette Tage in New Bight auf Cat Island, wo uns die Segler-Community einholt. Lisa aus South Carolina klopft an, ob wir nicht am Abend zum „Rake ’n Scrape“ an Land kommen wollen. Na jut, mit dem Argument, es sei für die Ortsansässigen, lassen wir uns breitschlagen. Die Runde entpuppt sich als fröhlicher Binational-Paarmix, US-Deutsch (Lisa und Stefan), Kanadisch-Ungarisch (Dave und Maryann), Kanadisch-Deutsch (Bill und Brigitte). Plus zwei Langweiler deutsch-deutsch und US-US (aus dem total maritim-marinen Arizona). Brigitte freut sich darüber, dass nach 20 Jahren im Exil endlich mal wieder Leute „Brigitte“ sagen können, und im Nebensatz stellt sich heraus, dass Brigitte in Altwarmbüchen gelebt hat, Seerosenring meets Kleiststraße. Witzig. Nach dem Essen und Plaudern Rake ’n Scrape  mit „Bohog & The Rooters“; Akkordeon, schlichte Percussion und eine gebogene Säge.  Das ist noch viel witziger als der Seglertisch und ziemlich „local“, zumal die Säge uns zuvor das Bier serviert und die Trommel für uns gekocht hatte.

Es folgt die Insel Eleuthera. Auf dem Weg ein Übernachtstopp vor Little San Salvador – eines der hier üblichen Horrorgemälde für Kreuzfahrerbespaßung, mit Koggennachbildung und vielen Burger- und Bierständen – macht nix, wir gehen sowieso nicht an Land, der betreffende Kreuzfahrer ist auch schon abgerückt, und nur ein bisschen Baumaschinenlärm vom fernen Ufer stört die subtropische Ruhe – Carnival, oder wem auch immer die Insel gehört, (genau, richtig, es sind private Inseln nur für Kreuzfahrer!) muss ja gucken, dass die Passagiere bei Laune gehalten werden, wahrscheinlich wird eine neue „Yihaaa-Riesenrutsche“ gebaut. Oder so.
Für seglerische Unterhaltung sorgt unser Ankermanöver in Eleutheras Rock Sound-Bucht, laut Seekarte an einigen Stellen „bad holding“. Da hat die Seekarte recht – wir haben selten mal 4 Versuche gebraucht, bis der Haken hält. Interessante Abwechslung, aber wir sind nicht allein mit dem Problem, nur dass die meisten entnervt abrücken –  so bekommt man einen feinen Ankerplatz ganz für sich. Nur die Taimada, die wir aus Trinidad kennen, liegt verträumt in der Gegend. Nach ein paar Nächten Umzug vor den Ort, wind- und vorratsbedingt. Schöner Supermarkt, zwei nette Restaurants, Eisladen. Nur Rake ’n Scrape fehlt.

Mittlerweile sind wir in Nassau zurück, via Highborne Cay – ein letzter Stopp auf den Exumas. Letzter Stopp? War da nicht was mit „nächstes Jahr nochmal Bahamas vor der Reise zu den Azoren“? Ja, war es. Um „Butter bei die Fische“ zu machen: wir hatten ein paar stille Tage. Bedrückt. Ein bisschen verwirrt. Ich hatte ja schon öfter angedeutet, dass uns die Energie ausgeht, und nun konnten wir schon den Boden in unserem Fass mit Energievorrat sehen. Macht es Sinn, ein weiteres Jahr anzuhängen? Dann sind wir noch ein Jahr älter – und segeln kann ja auch anstrengend sein (wir hatten gerade eine Episode „Wassermacher“, auch das ist anstrengend; in Sachen Technik war diese Saison sowieso vielfältig, um es milde zu sagen!). Was sind die Alternativen? Andere verschiffen ihr Boot nach Europa. Das fragen wir mal an, die Ostertage geben derweil Gelegenheit weiter zu diskutieren. 2 Tage danach kommt das Angebot, das so mancher vielleicht nicht ablehnen kann: West Palm Beach-Eemshaven/NL für nur 28.500 € („Wasser-Wasser“ wie es heißt, also plus Abfertigung und Zoll, Unterkunft, Flüge, Mietwagen etc. ). Ein Schnäppchen, quasi, und Akka hätte sicher gefallen, zwischen Superyachten zu stehen. Für manchen toll, nicht für uns. Alternative zwo: Akka wird in den USA verkauft. Wir fragen beim Broker in Deltaville an, und die sind geradezu begeistert („Kommt! Der Markt ist leer!“) und überschütten uns schon mit Anweisungen, was zu tun wäre (Import, Ausrüstungslisten, aber allem voran: Schiff ausmisten, schöne Fotos machen) – und an dieser Stelle trifft uns der Schlag: plötzlich ist die Idee real. Wollen wir das? Wirklich? Der Schlag geht absolut in die Magengrube, wir sind ein bisschen geschockt. Nee, wollen wir nicht. Alternative drei: zurück zum alten Plan – wir gehen mit Akka in den nächsten Tagen oder Wochen nach Bermuda, von dort auf die Azoren und weiter in die Ostsee, oder wohin auch immer es uns verschlägt. Sollte uns schon wieder die Energie verlassen, dann stellen wir sie einfach wieder bei der Marina Oostwatering ab, wo wir sie anno 2003 eingesammelt haben.  Deal!

Jetzt sind wir schon auf den Abacos, ein kleiner Schritt weiter Richtung Bermuda. Es gilt die Einreisevoraussetzungen zu schaffen, 4 Tage vor Ankunft will man dort einen negativen Covid-Test sehen. Also, nix wie ran!  Ist alles gleich um die Ecke. 4.500 Meilen* bis Cuxhaven. Es geht vorwärts-nordwärts-ostwärts!

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*
Ich empfehle, in Sachen Distanz die Flora zu verfolgen. 4.300 Meilen Galapagos-Hawai’i. Läuft gerade. Und „läuft“. Seit heute früh liegt der direkte Kurs wieder an.
Und eine andere Art der Distanz bringt gerade die Atanga hinter sich. Lieber nicht…

Dover? Klintholm?

Bitter Guana Cay

Bitter Guana Cay/Bahamas, 28.3.2022

Es ist blau. Und schön. Und sonnig. 3 Millionen – oder mehr – Jahre alte Erdgeschichte vor unseren Augen, und die Damen und Herrn, die am Strand umherrennen, haben Vorfahren aus diesem Zeitalter: Felsleguane. Cyclura cychlura, hier auf dem Bahamas mit drei Unterarten vertreten. Auf Bitter Guana Cay ist es Cyclura cychlura figginsi. Echte Urviecher, mit einem Scheitelauge, und leider eingestuft als „vom Aussterben bedroht“, zumindest die Unterarten figginsi und die von Allan Cay, C.c. inornata. Der Andros-Leguan ist lediglich „bedroht“ – ganz interessant deswegen, weil Andros eine größere Insel ist und daher den Leguanpolulationen mehr Rückzugsraum bietet als die kleinen Cays der Exumas.  Das spielt vor allem bei Naturkatastrophen eine Rolle, vor allem Hurrikane beeinträchtigen den Lebensraum – bis sich die Vegetation erholt hat, dauert es nach einem Wirbelsturm eine Weile,  bis dahin ist „Hungertuch“ angesagt.  Was nicht heißen soll, dass unsere Leguane nichts anderes kennen als die ewig gleichen trockenen Blättchen und die gelegentliche Fliege… nee, es kommen ja fast täglich Touristen zum Glotzen. Damit kommt gleich das größte Bedrohungspotenzial ins Spiel – der Mensch, der Ziegen mitbringt, die den Leguanen das magere Essen wegschnappen. Oder der Feuer macht. Hunde oder Katzen ansiedelt. Die Touristen bringen gern irgendwelche Dinge zum Anfüttern – wäre schön, wenn es beim Salatblatt bliebe, was ich nicht glaube, aber selbst das tut den Kerlen nicht gut.  Der Bestand ist in stetigem Schrumpfen begriffen. Das machen sich die Besucher wahrscheinlich nicht klar, die hier für 5 Minuten anlanden (die Leguane sind ja nicht so niedlich wie die berühmten, für uns eher berüchtigten schwimmenden Schweine vom benachbarten Big Mayor Cay). Das Kurzprogramm sieht vor : an Land waten. Salatblatt. Foto. Haken an die Box „Leguansichtung“. Bemerkenswert fand ich gestern die Gäste einer großen Motoryacht, die parallel zu uns ankerte und auch über Nacht blieb (und zum Sonnenuntergang einen echten Pistolenschuss abgaben. Die haben einen Knall, im wahrsten Sinne des Wortes). Diese Gäste zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu sechst im hüfttiefen Wasser sitzen, Bierdosen im Neoprencooler in der Hand halten  und quatschen. Mit dem Rücken zum Strand, wo gerade 3 Mio. Jahre Naturwunder an ihnen vorbeimarschieren. Vielleicht haben sie die Leguane mit ihrem rückwärtigen Scheitelauge betrachtet, in diesem Fall  bitte ich um Verzeihung. Es macht mich verrückt. Der Hammer ist ein Dinghy, das samt Hund (!) angefahren kommt – glücklicherweise sind die Leute aufmerksam genug, um das Tier zurück ins Boot zu bugsieren, nachdem es schon zur Jagd angesetzt und eine Panikattacke in der Leguangemeinde verursacht hatte. Die. Sind. Vom. Aussterben. Bedroht. Ihr. Heiopeis!  Ich finde es derweil nett, bäuchlings im Sand zu liegen und einfach nur zu gucken. Galapagos‘ Meerechsen kommen uns in den Sinn. Und Komodowarane.  Aber ich denke, wir Menschlinge kriegen das schon hin mit dem Aussterben.

Felsleguan

Hier ist so ein freundliches Exemplar –  übrigens sind die schon so an Menschen gewöhnt, dass sie im Silikonbeutel für meine Kamera Fresschen vermuten. Nicht so toll.

Sonst? Exumas Land&Sea Park war schön wie immer. Wir vertrödeln die Zeit. Zeit bis zu einer irgendwie gearteten Abreise. Dover? Klintholm? Oder doch lieber der Kreidefelsen von Bitter Guana?  Im Moment lockt uns Europa nicht so sehr, und auf den Azoren fürchten sich die Leute vor einem Vulkanausbruch. Wollen wir dort hin? Hm. Vorstellbar wäre eine letzte Wirbelsturmsaison in den USA. Aber dann! Wir diskutieren das noch ein paar Tage.

Nein! Mein Scheitelauge zeige ich nicht!

Ein launiger Titel…

… fällt mir gerade nicht ein.

Nassau/Bahamas, 4.3.2022

2. Woche Ukraine-Krieg. Was für ein Wahnsinn. Wozu? Wir waren wohl ein bisschen naiv, als wir bis zuletzt gedacht haben, das werde sich friedlich(er) richten, und uns auf ein gewisses Unbehagen beschränkten. Mich erinnert das alles an die 60er/70er/80er – und die akute Situation an die Fassungslosigkeit, mit der ich im ersten Golfkrieg die „Live-Berichterstattung“ zum Frühstück serviert bekam. So auch jetzt, am Anker in den Bahamas. Dabei könnte es ungeteilt schön sein.

Interessiert da irgendwen noch, wie wir die USA hinter uns gelassen haben? Vielleicht.

s

Zwei Tage braucht es von St. Augustin nach West Palm Beach oder genauer: zwei Nächte. Ich habe gerade wieder das gute alte Stutgeron (aka Stugeron oder Cinnarizine, ein Zufallsfund aus Suriname anno 17) als Initialpille neu erfunden, macht sich gut – und so richtig schaukelig wurde es auch nicht. Merkt man am Seetagsritual: üppiges Frühstück mit Ei. Leider ist der Vorrat – ich hatte die Hälfte weitergegeben, ohne je Ersatz zu bekommen – mit 3 Tabletten eher knapp bemessen, aber als Seebein-Findungsmittel sollte es bis zu den Azoren reichen. Die Fahrt verläuft dicht unter der Küste, damit der aufmerksame Segler nicht in den Golfstrom gerät , sondern auf einen nach Süd setzenden Gegenstrom hoffen darf. Das mit dem Gegenstrom geht dieses Mal nicht ganz auf, aber was macht schon ein halber Knoten gegenan. Prima. In Höhe Canaveral gibt es einen kleinen Umweg ums Kap: temporäres Sperrgebiet wegen Raketenstarts – irgendein kleines Forschungsding, das dann im Endeffekt doch nicht fliegt; wir lesen später „gezündet, aber nicht abgehoben“. Dumm gelaufen. West Palm Beach empfängt uns mit zwei windreichen Tagen, an denen jegliche Dinghyfahrt „Dauerdusche“ bedeutet, aber wir liegen vor den Superyachten der Rybovich-Werft/Marina vor Anker und haben als Freizeitprogramm zumindest „oh“ und „ah“-Momente, wenn einer der Ochsen einläuft; Freizeit mit Bastulatur – Hecklicht ausgefallen, AP Navigator läuft nach der Relingsmontage nicht mehr,  der Motor startet nicht so frisch-fröhlich wie sonst. Kurz: das ganz normale „irgendwas ist immer“-Programm. Und alles lässt sich lösen. Auch das Wetter beruhigt sich, und es dauert nicht lang, bis sich ein Wetterfenster über den Golfstrom auftut – schnell noch etwas einkaufen, kleiner Ausflug zum Wassermacherbetrieb für Filternachschub, das war’s auch schon. Tschüss USA! Halt!  Nein… Covid gibt es ja auch noch, und neben der Tatsache, dass für die Einreise ein Antigenschnelltest zu absolvieren ist, möchten die Bahamas gern ihr neues, unausgegorenes Online-Einklarierungssystem namens „Click2Clear“ genutzt haben. Da ist Facebook gefordert – die jeweiligen Reisezielgruppen sind uns lieb und teuer geworden, und dies ist ein schönes Beispiel, wie nützlich das sein kann. Der moderne Internetnutzer ist geneigt, sich als erstes irgendwo zu registrieren, wenn die Option angeboten wird. Also wühlt sich frau durch die Registrierungsformulare (das hatte sie schon in St. Augustine vergeblich getan und dank steter Selbstzweifel gibt es einen neuen Versuch….) – das Ende der Fahnenstange ist wie schon zuvor „country of residence“. Da gibt es nur eine Möglichkeit: Bahamas. Isernhagen/Bahamas. Interessante Kombination. Nachfrage bei Facebooks „Bahamas Land & Sea“; „…ach, Du musst Dich nicht registrieren, einfach auf Permit Request klicken“. Siehe oben, unausgegoren.  Danach zieht es sich dennoch bis zum letzten Schritt, dem Ausdruck der Zahlungsquittung. Dazu schreibt der Gruppenguru auf meine Frage Tröstliches: „…you are not blind. The system is not intuitive. Be prepared for a face-palm or two.“  Danke, ich bin doch nicht doof. Zum Abschluss noch der Rapid Antigen-Test – danach hat man 72 Stunden Zeit, die Bahamas zu erreichen. Den lassen wir in Radelreichweite bei einem Pop-Up-Testcenter im Park machen, sehr praktisch und kostenfrei.

Covidtest Pop-Up im Park

Kurzes Nasebohren, nach 15 Minuten das (gewünschte) Testergebnis, das allerdings auf meinen zweiten Nachnamen lautet: Deutsch. Arrgh, passiert doch immer wieder, doofes Pass-Layout. Zurück, nachbessern, dann passt alles. Noch zwei Schritte: die Ergebnisse bei der Bahamas Gesundheitsbehörde hochladen, die Health Visa kommen innerhalb von Minuten; die Health Visa wiederum im Antrag auf  Cruising Permit hochladen, fummel, fummel, fummel – zahlen, fertig.  Der Lohn der Mühe? Am Folgetag rutschen wir über den Golfstrom nach West End auf Grand Bahama. Einklarieren? Was im Jahr zuvor mehr als 1 1/2 Stunden gedauert hatte, ist jetzt in 5 Minuten erledigt. So macht Einklarieren Spaß. Und alles ohne Papierkrieg. Womit wir wieder beim Thema wären.

Nassau. Muss nicht, aber kann durchaus…

Gruß aus den Bahamas. Nassau. (…wer will denn da hin? Wir! Immerhin 100 Meilen weiter südlich – das Wetter verlangt dieser Tage kleine Schritte). Direkt an der Hafeneinfahrt liegt Akka noch für ein paar windreiche Tage, bis es in die westlichen oder südlichen Inseln weitergeht – und Nassau stellt sich nicht so grässlich dar wie häufig kolportiert. Ja – am Ankunftstag 6 Cruiseliner, gestern nur 2, aber das verteilt sich in einer Stadt wie dieser besser als auf kleinen Karibikinselchen. Und die Kreuzfahrer machen sich spätestens abends auf die Socken – und drehen dazu vor unserer Nase im Hafenbecken. Spannend. Wir genießen Sonne und türkisfarbenes Wasser, ab und zu kommt selbst hier im Hafen eine Schildkröte vorbei.
Es ist gut, auch wenn es politisch gesehen besser sein könnte. Seid nett zueinander!

Ferien in Sankt Augustin

Leuchtturm im großen Grau

St. Augustine/Florida, 5.2.2022

Ferien auf Saltkrokan wäre ähnlich kühl, und vielleicht auch so wechselhaft. In meinem Gedächtnis spuken Tjorven und Bootsmann zwar immer auf einer sommerlichen Schäreninsel umher, aber Ostseewetter ist

… oder Marmorkuchen im Sonnenschein

Ostseewetter. Und Winter im nördlichen Florida ist eben Winter. Gerade heute wieder ist, nach 3 wärmlichen Tagen, Sockenalarm. Gutes Thema: gestern habe ich die von mir benutzten Waschmaschinen in der Marina abgesucht. Ich fand schon lustig, dass ich zuletzt 2 mit „links“ markierte Laufsocken hatte, die rechten scheinen schon zuvor den Weg aller Marinawäschereisocken gegangen zu sein: aufgefressen von Waschmaschinen oder Trocknern. Aber seit gestern nun habe ich nur noch eine einzige linke Socke. Ich finde das link.

Sebastian River aus der Masttoppperspektive

Unser Landaufenthalt ist irgendwo zwischen holperig und „alles glatt“ anzusiedeln. Das Problem Stevenrohr/Wellenlagergehäuse ließ sich schon beim Herausheben leicht erkennen, wir konnten sogar das Gehäuse von Hand einschrauben. Der holperige Teil?
Lee, der sehr freundliche, junge Boss vom St. Augustine Marine Center, sagt zum Empfang: „… in a couple of days you’ll be splashed again!“  Wie bitte? Ein paar Tage? Wir rechnen mit raus und rein, ganz fix. Aber wenn das Tempo erst einmal vorgegeben ist, passen wir uns an. Wir sind relativ sicher, dass man uns in Deltaville das falsche Schraubensicherungsmittel heiß empfohlen hatte, also suchen wir uns das richtige. Alles gut. Zum Abschluss eine Portion Dichtmasse, und die stellt sich beim zweiten Blick als langsam aushärtend heraus, nochmal von vorn… so geht unser erneuter Werftaufenthalt seinen Gang. Schon ist Freitag und die erste Arbeitswoche zu Ende – und wir müssen ja auch noch die Schmarre behandeln. Die sieht wirklich bedrohlich aus, jedenfalls von ferne betrachtet; vielleicht sollten wir doch lieber einen Fachmann befragen, der bei diesen miesen Temperaturen eine Gelcoatreparatur ausführen kann. Gesagt, getan, der Mensch kommt, stellt schon mal ein Gerüst an, dann kommt der Regen (die zweite Woche läuft!). 2 Tage später ist die Temperatur gerade so eben geeignet für das Gelcoat. Gleich früh morgens hören wir es draußen an der Bordwand schrubbeln. Dann braust eine Poliermaschine. Fertig! Fertig?  Wir sind echte Blindfische: was so übel aussah, war reiner Gummiabrieb vom Coast Guard-Dock. Fertig heißt allerdings nicht „ab ins Wasser“, dazu braucht es ja einen verfügbaren Travellift. Wir stehen kurz für den Freitag auf der Warteliste, aber miesestes Wetter macht uns einen Strich durch die Rechnung, und… am Wochenende ist in ganz Florida „Fallende Leguane“-Alarm: die Temperaturen sinken nahe an die Frostgrenze, nachts auch darunter, und dann fallen wechselwarme Tiere eben kältestarr von den Bäumen – wir loben uns unseren Landplatz und die Verfügbarkeit von Elektrizität, um unseren Heizlüfter zu betreiben. Termin: Montag. Als am Sonntag die Sonne wieder scheint – es ist immer noch bitter kalt! – knüpft der Eigner den großen Kugelfender ans Heck (der Fender belegt seit 15 Jahren die Hälfte der Badeplattform, geht aber nicht baden). „Guck mal hier! Am Heckkorb ist ein kleiner Riss im Rohr! Das müssen wir schweißen lassen!“ Oh, Mann… Die Aktion verläuft gleich am Montag ruck-zuck, aber unser Travelift ist dennoch abgefahren. Nächster Wassertermin: Donnerstag.
Einige Zeit um ein bisschen St. Augustine zu erkunden. Das ist in der so genannten Altstadt eher auf Tourismus ausgelegt, es schieben sich auch reichlich Besucher durch die zwei parallel gelegenen Sträßchen und ihre Nebengassen, vieles ist ein bisschen auf „extra spanisch“ getrimmt, Piratenstimmung, alte Karacken, Schifflaternen und so…, aber dahinter sieht man doch Spuren der alten Architektur, und das nicht nur an den protzigen Kolonialbauten der Spanierzeit. Besonders augenfällig: Balkone statt der in Nordamerika üblichen Veranden vor dem Haus.
Auffällig noch etwas anderes:  die Vielzahl Obdachloser. Wir nehmen an, auch die ziehen den Winter im Süden vor, selbst wenn es mal kalt wird. Wir dagegen haben uns das Café „Chocolatte“ auserkoren, um im Sonnenschein und Windschatten der Hintergassen übergroße Tortenstücke zu verschlingen und heiße Schokolade zu schlürfen. Wiederholungsbesuche finden ohne die mächtigen Torten statt, aber wir sind nicht weniger zufrieden.

Schrauben-Grabbelkiste mit Gartenharke

Ein kleines Technikparadies stellt der „Sailor’s Exchange“ dar – was auch immer es an Gebrauchtteilen geben mag, hier findet es der interessierte Besucher; mit Betonung auf „interessiert“ und das Maskulinum – ich konzentriere mich auf Sachaufgaben wie „such mal ein neues Scharnier für unsere achtere Backskistenklappe“ . Längeres Staunen lege ich lediglich vor den Sunbrellaresten ein, von denen ich selbst einige verkaufen könnte (vielleicht sollte ich ihnen

… hier gibt es (fast) alles

meine unangetasteten 2 Meter rotes Kunstleder aus Trinidad andrehen?!). Die Schipperin hat halt einen kleinen Horizont, für den Rest, also träumerisch durch Regale mit uralten Ankerwinschen oder pekigen Bilgepumpen zu streifen, fehlt mir die Fantasie. Aber die riesige Schraubenkiste, durch die der Käufer mit einer Gartenharke fahren kann, finde ich imposant. Und nebenan gibt es vorm Coffeeshop „Buena Onda“ einen guten Entspannungskaffee (Zitat: „…almond, oat, soy or milk milk?“). „Sailor’s Exchange“? Immer einen (Kaffee)besuch wert.

Das weitere leibliche Wohl wird hier dank „Winn Dixie“ befriedigt, 4 km Radtour; wäre nicht Sumpfland dazwischen, wäre man mit dem Dinghy über den Sebastian River schneller dort. Weiter weg den US Highway #1 entlang sind Walmart, Publix und auch ein eher chaotischer ALDI, der dafür aber Moser-Roth-Schokolade führt. Da lohnen sich die paar Extrakilometer Radelstress im sausenden Verkehr gleich wieder – alternativ zu bewältigen auf einem so verschlungenen wie holperigen Betonplattengehweg. Kein Wunder, dass hier kaum jemand zu Fuß geht.

Wildes Wetter am Steg – den Pelikanen gefällt’s

Akka mag ihren Ferienort – sie meint, dass sie von hier stamme, weil ihr Heimathafen bis 2003 auch „Sankt Augustin“ war. Im Rhein-Sieg-Kreis – man sieht, im Alter werden auch Schiffe etwas tüdelig. Wir mögen St. Augustine auch, irgendwie, es ist eine teils ansehnliche, zumindest interessante Mischung aus spanisch- und britisch-kolonialer Anmutung mit dem, was die USA sonst so ausmacht: weniger ansehnliche Strip Malls an breiten Straßen. Maritimes wie der Leuchtturm auf Anastasia Island macht das wieder wett. Oder das große Castillo de San Marcos. Ein gut sichtbares Stück frühe Kolonisationsgeschichte Nordamerikas: als im 16. Jahrhundert St. Augustine von den Spaniern gegründet wird, geht es bei dessen Verteidigung erst einmal um Piraten, die man von 9 kleinen hölzernen Befestigungsanlagen abzuwehren versucht, bis man sich entschließt, ein steinernes Fort zu errichten, das erste und damit älteste in den USA. Nur wenige Jahrzehnte danach, in der Mitte des 17. Jahrhunderts, beginnen die Briten, sich auch für Florida zu interessieren, das riecht nach kriegerischer Auseinandersetzung, und so ist es dann auch, mit mehreren Belagerungen und wechselndem Ausgang. Der Pariser Friede beendet den 7jährigen Krieg, in dem sich alle europäischen Mächte unter anderem über ihre Überseebesitztümer an die Köppe gekriegt hatten. Die Briten und Preussen obsiegen, mit dem Ergebnis: Florida geht an die Briten, dafür kriegen die Spanier Havanna und … die Philippinen. Aus dem Castillo de San Marcos wird „Fort St. Mark“, dann unter den Amerikanern Fort Marion (letzteres keine Amerikanisierung von „Mark“, sondern nach einem General Francis Marion), bis es in den 1940er Jahren unter Denkmalschutz gestellt wird, inklusive dem alten Namen.
Das ist mal richtig alte Geschichte. Nicht so häufig hier!

Und jetzt? Warten wir aufs Wetterfenster, die alte Leier.

…in diesem Wässerchen ließ uns vor Kurzem der Strom nicht ablegen

Bis bald!

Surprise, surprise!

Fernandina Beach

St. Augustine/Florida, 17.1.2022

Ist ja schon gut!
„… es hat sich seit 3.1. nichts im Blog geändert!“. Stimmt. War ja auch – rein seglerisch gesehen – nichts Aufregendes zu berichten. Ist es eigentlich immer noch nicht, außer, dass es draußen fast so frisch ist wie zuvor. Das ist nicht ganz wahr, es ist frühlingshaft frisch, wenn es nicht wie gestern

Diese Spanier… (nein, kein Disney-Nachbau)

gerade aus allen Knopflöchern bläst – da geraten die Facebook-Gruppen von den Bahamas und vom Intracoastal Waterway schon mal in Wallung und suchen oder vergeben gute Tipps, wo man sich verstecken kann. Tags drauf gibte es die Rekordmeldungen in Sachen Windgeschwindigkeit und slippenden Ankern. Wir dagegen… machen es uns gemütlich und verziehen uns, da St. Augustines Ankerplätze im kräftig strombeaufschlagten Fluss liegen

Bridge of Lions. Nicht spanisch – aus den 20er Jahren, dafür mit Medici-Löwen

und Rentner ungern Ankerwache schieben, zunächst mal an einer Mooring der „St. Augustine Municipal Marina“ . Als am Martin-Luther-King-Feiertag die Moorings alle ausgebucht sind, verholen wir uns noch für 2 Nächte an einen Marinaliegeplatz. Hat immer was. Warme, sauberere Duschen, Waschmaschine… Es gibt Hafenkino (viel Strom!) und auch nette Schwätzchen mit den Nachbarn und deren netten Hündinnen, und bei den Waschmaschinen wird die Welt ganz klein. Es kann so lustig sein, sich mit Amerikanern zu unterhalten! Oh, Du bist Deutsche? Und aus Nordeutschland. Das ist bei Hamburg? Kennst Du vielleicht „Ralph and Vicky?“  Umm. Nee, das tut mir leid – ich kann ja nicht immer sagen, dass wir eigentlich niemanden kennen, aber dafür rechtfertige ich mich vollmundig „… wir haben 82 Mio. Deutsche und 2 Mio. Hamburger…“. Peinlich. Hallo, Flora, aufgepasst – das war Polaris, mit der Ihr In Charleston „Marika’s“ Geburtstag gefeiert habe, Vicky ist natürlich Wiebke, und, Marika ist nicht so weit von Mareike. Es kamen noch mehr Bewohner des deutschen Dorfes vorbei, zum Beispiel Helena und Klaus von der LuSea. Sehr witzig, sehr kurzweilig, so ein Waschmaschinentermin.
Aber… Wäschereigespräche wolltet Ihr nicht hören und fragt: was macht Ihr da eigentlich, wenn es doch weiter südlich wärmer ist? Nun, wir warten darauf, dass uns ein freundlicher Travelliftfahrer aus dem Wasser hebt! Warum?
Drum:

Am 4.1. verabschieden wir uns aus Beaufort und machen uns auf die Socken nach Charleston, jedenfalls ist das der Plan:  die Wetterfenster sind ein bisschen klapprig, so dass wir auch Georgetown in Erwägung ziehen. Klappt gut (kurze nächtliche Episode aus der Story „Frau Fuchs, Cape Fear und der Seegang“ inklusive), am Nachmittag des zweiten Tages laufen wir den langen Fairway Richtung Charleston entlang und lassen vor dem Fort Sumter den Anker fallen. Telefongespräch mit der städtischen Marina, ob sie uns vielleicht zwecks Wetterabwartens 2 oder 3 Nächte unterbringen können. Sie können, wir hätten Strom fürs Heizlüfterchen, und Charleston ist ja immer nett. Beim Frühstück tags drauf – in der Marina läuft man möglichst bei Stillwasser ein, wir haben Zeit bis mittags – noch ein Blick aufs Wetter: … hmh. Vielleicht nach ein paar Stunden Segelei ein bisschen schwachwindig, aber bis Fernandina würden wir es gut schaffen, wenn wir jetzt gleich den Anker ziehen?! Wir sagen der Marina Bescheid, und los geht’s. Alles gut. In der Nacht geht uns erwartungsgemäß der Wind aus. Motor an. Und plötzlich ein neues Geräusch aus der Kategorie „unangenehm“. Wir schwärmen aus – was klappert da so? Wo? Das Geräusch pflanzt sich durch das ganze Schiff fort, da vibriert nichts in irgendeinem Schapp oder unter einem Bodenbrett. Das kann nur aus dem Bereich Propeller/Welle kommen. Oh, Schei…

… alles Wellpappe!

Fernandina ist eigentlich ein schöner Pausenplatz mit Gürteltieren auf der nahegelegenen Insel Cumberland, aber danach ist uns gerade nicht. Die Stadt empfängt uns mit einem gewissen industriellen Charme: rauchende Schornsteine und süßlich-saurer Geruch von großen Bergen Holzmehl. Wir haben eine Wellpappenfabrik vor der Nase. Fernandina liegt im St. Mary’s River, auch hier reichlich Strom – und als der am Nachmittag nachlässt, gibt es nur eines: Neoprenanzug hervorkramen und nett schnorcheln gehen. Die Sichtweite unter Wasser ist mehr als bescheiden, und so kann ich nur sehen, dass der Prop sich frei dreht, es hängt nichts herum, ich erkenne auch eine helle Stelle am Eingang ins Stevenrohr, die hat der Eigner mit heller Dichtpaste abgedichtet. Es scheint alles am Platz zu sein… Eine Zeit des Grübelns beginnt. Den Sonntag verbringen wir mit einem Spaziergang in der Stadt, die sich als überraschend nett und im Stil des 19. Jahrhunderts entpuppt. Alte Autos rollen durch die Straßen, Motorradler auf dicken Hondas und Harleys freuen sich an der frühlingshaften Sonne, die Sozia standesgemäß hinter dem Fahrer „aufgebockt“. Das Fuß-Publikum scheint eher älter zu sein – kein Wunder: Amelia Island, dessen Hauptort Fernandina Beach ist, bietet den Snowbirds (das sind die Winterflüchtlinge aus Kanada und dem Mittleren Westen) ein moderates Winterquartier, nicht zu warm, nicht zu kalt, mit Betonung auf „zu“, denn wenn es hier, wie so oft im Winter, aus Nord bläst, dann wird es doch recht frisch… Amelia Island ist auf der Atlantikseite voller Apartmentblocks.
Montag ist schlechtes Wetter, aber eine gute Gelegenheit, mit dem Dinghy ums Eck zu tuckern. 2 Meilen von hier gibt es eine kleine Werft, den Tiger Point, wo wir leider abschlägig beschieden werden, denn aus dem Wasser können wir als Notfall frühestens in 3 Wochen geholt werden. Alternativadressen: zum Beispiel in Jacksonville. Wir fühlen vor. Da freuen sich die einen schon auf unseren Besuch, bis wir merken, dass wir unter der letzten, entscheidenden Brücke nicht hindurchpassen. Eine weitere Alternative sähe uns an der Mündung des St. Johns River (wie praktisch, rein/raus schnell gemacht), jedoch gleichzeitig am Ende der Welt (wie unpraktisch. Amerika ist halt Autoland, und wer weiß, wie lange die Reparatur dauert). Also: St. Augustine. Wir übernachten kurz im St. John’s River und müssen für die 30 Meilen nochmal den Motor zu Hilfe nehmen, aber immerhin hat sich ein Boatyard gefunden, das St. Augustine Marine Center.

Boom! Schöne Sache das!

Die Stadt ist hübsch – Floridas älteste befestigte Stadt, sehr spanisch! – , wir holen uns am Freitag in der CVS Pharmacy unseren Boostershot, können eine neue Starterbatterie kaufen, lauter solch schöne Sachen.
Und seit gestern steht Akka an Land; es bewahrheitet sich, was sich als Idee in des Eigners Kopf schon länger verfestigt hat: die Verschraubung zwischen Wellenlager und Stevenrohr hat sich gelöst. Nichts wirklich Schlimmers also – nun harren wir der Dinge. Hoffentlich ist der große Drehmomentschlüssel leichter zu finden als in Stingray Point… Drückt die Daumen, dass es bald weitergeht.
Ach ja. Eine Schmarre haben wir auszupolieren – das Dockingmanöver gestern war keines, das rühmlich in die Annalen eingehen wird. Bei sehr viel Wind von querab und noch mehr Strom machen wir „ganz kurz“ am Ponton der benachbarten Coast Guard fest, wo wir (ich höre die Panik in der Stimme der Boatyardsekretärin Erica am Telefon) KEI.NES.FALLS liegen bleiben können, bis der Travellift bereit ist. Einer meiner „scheiße-scheiße-scheiße“-Momente. Man könnte auch sagen: ein unkoordinierter Abgang. Zum Schluss verhakt sich noch die letzte Landverbindung, in die wir eigentlich eindampfen wollten. Ich schmeiße sie an Land und hole sie mir später zu Fuß wieder, übers Coast Guardgelände trappelnd (so ist das sicher nicht gewollt). Die Tasche vom LifeSling muss ich wohl reparieren und der dicke Kugelfender zum Eindampfen braucht einen neuen Überzug… siehe oben. Hatte ich über Hafenkino gelästert? Wir hatten glücklicherweise kein Publikum, aber… hat jemand den Mantel des Schweigens gesehen?
Sonst ist alles gut. Wenn denn die Helfer bald auftauchen!

Ein Neues Jahr und ein Ausflug

Alles so schön bunt hier! Rot und blau sind „bäh“!

Posteingang

Beaufort/North Carolina, 3.1.2022

Happy New Year oder: ein gutes Neues Jahr!

Ja, wir sind noch immer in Beaufort, und gerade heult es völlig unbotmäßig im Rigg. Wirklich frech. „Eigentlich“ – siehe hätte hätte Lichterkette – wären wir ja schon weiter nach Süden, zumindest bist South Carolina, vorgedrungen, und das wäre auch nett, die Easy Ones schicken Bilder der sommerlich bekleideten Skipperin auf dem Vorschiff und Weihnachtsgrüße, bei denen sich Nikolausmütze und ärmelloses Top trefflich paaren. Hätte. Und die Easy Ones sind schuld, dass wir noch hier sind… Das kommt so:
Wir hatten im Zusammenhang mit dem Autoverkauf eine größere Rückzahlung der Kfz.-Versicherung zu organisieren. Schöne amerikanische Bankgeschichte: Du zahlst Deine Prämie per Paypal (voll amerikanisch, sehr bequem zumal), aber die Rückzahlung kommt per Schneckenpost und als Scheck, den es zu cashen gilt. Na gut, muss Holden von der Marina halt unsere Post sortieren und den Brief weiterleiten.
Textnachricht (nirgendwo wird sms-t, es wird eigentlich überall ge“text“-et): „Your letters have arrived, where should I send them?“. Klasse. Da waren wir noch auf dem ICW, schicke es halt an Homer Smith in Beaufort… oder – halt?!  Nachricht meinerseits an Easy: „Seid Ihr noch in Deltaville? könnt Ihr einen Brief mitbringen?“   Sie konnten, so fuhr unser Brief um Cape Hatteras und ließ sich durchschütteln. Easys wollen sofort weiter – nach einer Nacht Hatterasruhe tut sich ein winziges Wetterfenster auf. Wir stellen uns ans City Dock, Ingo bringt Easy rückwärts in Greifdistanz, Stollen hin, Briefe her und tschüss! Nun hätte mich der erste Text mit dem Wort „letters“ in Mehrzahl ja schon stutzig machen sollen. Letters. Ah, ja, Mahnung von der bereits bezahlten Tunneldurchfahrt. Versicherungsscheck – noch was? Noch was. Zwei Briefe vom USCIS, dem US Citizenship und Immigration Service. Unsere Visa! Oder die Ausweisung? „… bitte stellen Sie sich am Montag, 27.12. um 11 Uhr im Field Office in Norfolk vor. Bringen Sie dieses Schreiben mit, einen Lichtbildausweis. Vorzeitiger Eintritt nicht möglich.“  Uh, ah, das war knapp – Riesendank an Ingo und Andrea, die uns da geholfen haben, eine bürokratische Klippe zu umschiffen! Aber das schmeißt die Pläne durcheinander, vielleicht wäre ein Heiligabend auf See noch drin gewesen… Wir kriegen mühsam einen Leihwagen von Budget (schließlich ist Weihnachten), donnern am 2. Weihnachtsfeiertag nach Norfolk – immerhin 4 Stunden, aber so können wir wenigstens mal den Dismal Swamp-Kanal in Augenschein nehmen, für den Akka einfach zu tief geht. Urteil: geht so, zumindest im Winter wenig verpasst. Der Termin beim USCIS stellt sich als schlicht heraus, ein Foto („take your glasses off!“, was ich liebe, dann sehe ich besonders hübsch aus!), danach sehr sorgfältige Abnahme der Fingerabdrücke. Nicht dieses übliche „rechte Hand-rechter Daumen-linke Hand-linker Daumen“, sondern volles Abrollen der einzelnen Finger durch den Officer. Interessant zu sehen, was frau über die Jahre so an Schnittnarben ansammelt! Und mit arthritischen Fingern möchte sie das nicht mit sich machen lassen, der Herr wendet Kraft auf…. Abschließend: „…wir melden uns.“ Per Schneckenpost. Also gibt es noch einen Termin, und es gibt einen Hinweis auf der Website, dass der Vorgang zwischen 14 und 18 Monaten dauert. Kein Kommentar. Es gibt zwar die Möglichkeit, sich elektronisch auf der Website nach dem Stand der Dinge zu erkundigen, aber seit Ende Oktober stehen die beim Eigner auf „Zahlung eingegangen“ und bei mir auf „Schreiben eingegangen“. Siehe CBP und die Verwirrung um die Einreisedaten. Konsistent geht anders, aber wir wollen nicht meckern, wir sind im System. Am Rande bemerkt ein interessanter Kulturunterschied zwischen den Bundesstaaten: North Carolina feiert den 2. Weihnachtstag, bekannt als „Boxing Day“, am Montag als „bank holiday“ nach, während in Norfolk=Virginia die Behörden fleißig schaffen.

Zurück in Beaufort wandeln wir den Scheck in Bares – auch nicht so einfach, nach mehreren Fehlversuchen zwischen BT&T Bank (probiert mal bei Food Lion!), Food Lion Supermarkt (keine Versicherungsschecks) und Piggly Wiggly, (dito Supermarkt, aber zu hohe Summe), stellt sich heraus, dass das Einlösen nur bei der Ursprungsbank geht, die in Morehead City glücklicherweise eine Filiale unterhält. Nett dort – wir bereiten der älteren Trainee-Frau am Schalter eine Jahreswechselfreude, indem wir sie ein schwieriges Geschäft abwickeln lassen, die assistierende Vorgesetzte schnackt derweil mit uns über Deutschstunden in der Schule und Europabesuche.
Und dann? Erfreuen wir uns mit Spaziergängen im Sturm und warten auf das Silvesterkind, zu mehr reicht das Wetter nicht. Aber morgen, morgen geht es weiter! Charleston, South Carolina!

Hätte, hätte… Lichterkette!

Sonnenaufgang am Alligator River

Beaufort NC, 22.12.2021

Das war ein sehr netter Weg hierher – schon das Gefühl nach so langer Zeit die Leinen zu lösen ist wunderbar.

Das „Lösen“ war ein klein wenig komplizierter als gedacht, denn am Tag, an dem uns unser Autoverkäufer Tim Tillage den Saturn wieder abnimmt (win-win auf allen Seiten, quasi 100 Dollar Leihwagengebühr pro Monat…), trifft den Eigner der Hexenschuss, und gleich so massiv, dass wir ihn für ein paar Stunden im Marinabüro unterbringen. Soforttherapie nach dem ersten Schreck: die „dogtor’s round“ (kleiner Wortscherz, die doctor*s round ist die deutsche „Visite“). Die Marinahunde wundern sich ein bisschen, dass ihr Sofa besetzt ist, kümmern sich aber gern um den Patienten.

 

Bisschen kalt ist es ja auf der Chesapeake Bay, als wir am 12.12. endlich loskommen. Norfolk sonnig, nur ein weiteres Boot auf unserem klassischen Ankerplatz vor dem Hospital Point – aber des Morgens dann feuchte Stellen, wo die Bordwände kaum isoliert sind. Bisschen kalt?  Saukalt. Nahe dem Nullpunkt, und das ohne Heizung, absolut pfui. Dresscode Long Johns, Funktionsunterhemd (ein Ganz-Wochenhemd!), Fleece oben und unten, Ölzeugjacke – und kurze Zeit später werden die ersten Schichten schon abgeworfen, Klärchen strahlt vom Himmel, und wird das die ganze Woche tun.

Kühl!

Nächster Morgen: Rauhreif auf dem Steg. Siehe oben – das Bekleidungsritual wird zur Routine. Alligator Bridge – immer klasse, der Brückenwärter dort ist gut drauf, hält den Autoverkehr für uns an, ruft noch etwas Freundliches hinter uns her, wir werfen zurück; ist ja auch langweilig dieser Tage, ein oder zwei Yachten, ein oder zwei Schuten. „I am here to serve! – …at least that’s what my wife says!“ ist der Abschiedsschnack.
Es ist wirklich null Verkehr auf dem Intracoastal Waterway und doch… einen ganz großen Hit gibt es: Ankerplatz am

Aber so was von kühl!

Alligator River, nicht mehr lange hin bis zum Sonnenuntergang. „Komm mal hoch – sagt Dir der Name „Walkabout“ was?“  Unmöglich! Meine persönlichen Helden aus Norderney in der Vorbeifahrt. Thomas und Frauke sind auf dem Weg zum Dismal Swamp, die können noch bis zum Sonnenuntergang tuckern. Meine Bewunderung für die beiden ist zwischen Kap Horn, den großen nordamerikanischen Trails und dem Fernwanderweg Te Araroa in Neuseeland angesiedelt. Wir schnacken kurz über Funk – Walkabouts sind gerade nach 4.000 Meilen von Teneriffa in North Carolina eingetroffen, scharren aber schon wieder mit den Wanderhufen. Der Florida Trail soll es sein, 1.500 km Wanderspaß. Wer gucken will: Wir segeln und wandern durch die Welt

Einen Traditionsstopp und ein paar frische Shrimps von RE Mayo  später trudeln wir in Beaufort ein, das war wirklich eine schöne Woche. Aber kühl ist es schon – wir müssen weiter. Da wir kein Cruising Permit mehr haben, müssen wir in jedem Hafen, in dem wir uns länger aufhalten, einklarieren. Fahrt zum CBP – sehr witzig… „… ach, ich bin nur der Landwirtschaftsbeauftragte, der Officer, der die Clearance macht, kommt Montag wieder!“  Na gut, Montag dann. Ich weiß schon gar nicht mehr, ob am Wochenende ein Wetterfenster nach Süden verstrichen ist, aber der Schnack des Tages schon bei unserer Ankunft war „… eigentlich hätten wir gleich nach Charleston durchsegeln sollen, das sieht nicht gut aus die nächsten Tage!“ Womit wir zum Titel dieses Blogeintrages kommen. Hätte, hätte… Noch gucken wir verstohlen auf Wetterprognosen – die Strecke vor der US-Ostküste ist selbst hier unten nicht ganz so einfach, Golfstrom und Nordwinde vertragen sich nicht, dafür fließt häufig ein nicht ganz zuverlässiger Gegenstrom, der einen nach Süden trägt, aber dann darf es eben auch nicht aus Süden wehen. Wenn es aus West weht, weht es uns hier auf die Nase, aus Ost wäre es fiese Welle – beides nicht die Spezialdisziplin der Schipperin, die es gern ruhig hat. Was also jetzt?  Hätte, hätte… Lichterkette in Beaufort? Haben wir Lust auf heizungsfreies Ankern in Wrightsville Beach mit ungwissem Warten auf weitere Wetterfensterchen?  So richtig weit tut sich keines auf, ohne Mühen schaffen wir es gerade nicht bis Charleston oder Georgetown. Tony Frost, seines Zeichens Chef von Homer Smith, wo wir uns den Strom für das Heizlüfterchen kaufen, meint: „… bleibt so lange Ihr müsst“ Nicht der schlechteste Platz für „Lichterkette“.
In diesem Sinne: fröhliche Weihnachten!

Helden der Arbeit

Man at work

Deltaville, 6.12.2021

… frau könnte das xte Bild einfügen, auf dem ein Eigner bäuchlings im Motorraum liegt, aber die Turbosache ging so turbomäßig über die Bühne, dass zum Fotografieren einfach keine Zeit blieb.

Ihr wisst: zwei Tage vor Thanksgiving geht der Turbo fest. O.k. – wann der genau festgegangen ist, wissen wir nicht, aber da haben wir es gemerkt. Die Gedanken rasen. Wie kommen wir hier weg, was sind die Alternativen? Aufarbeiten? Neueinbau?  Eine kleine Runde im „Dorf“ erbringt nur, dass es wenig Hilfe geben wird, man ist „fully booked until February“. Ersatz kaufen?  Wo? Wie heißt das Teil? Nummer suchen. Das ist easy, denn warum schleppen wir die Schiffsdokumentation in 5 Ordnern seit so vielen Jahren durch die Welt  (moderne Schiffe haben sowas natürlich digital…). Internetsuche – wer hat’s, wer liefert sofort? Der Lieferant mit dem günstigsten Preis stellt sich als eBay-Händler heraus, der einen gebrauchten Turbo vertickt, und dazu in Rotterdam. Oder Volvo Penta USA und seine Kumpane? „Can be ordered daily from Volvo Penta“ steht da, das klingt wenig zügig. Mit all den „backorder“-Nachrichten der letzten Wochen und Monate im Hinterkopf reisen die Gedanken schon bald nach Hamburg. Carl Baguhn hat uns, als wir in Trinidad waren, schon mal gut bedient. Wir suchen noch ein bisschen drumherum, aber es ist wirklich eilig – für diesen Mittwoch ist in der Gegend erstmalig Schnee angesagt, wir sollten in die Hufe kommen. Für die Quelle spricht außerdem, dass der Eigner eigentlich alles, was im Umfeld benötigt wird – Dichtungen, Bolzen – ohne viel Diskussion und Rückfragen mitbestellen kann, und Versand ins Ausland ist den Baguhns kein Fremdwort (im Gegensatz zum deutlich günstigeren Händler in MeckPomm). Also: Baguhn.

Mi., 24.11. (unser Abfahrtstag) – eMail Anfrage, Antwort mit Angebot kommt umgehend „Vorkasse. Lieferung nach Geldeingang, 7-9 Tage“. Nun ja, vielleicht geht es ja auch schneller. Gut. Bestellung, Bezahlung.
Do, 25.11.  – Mail von Baguhn: „…das ging ja fix. Geld ist eingegangen. Zoll ist erledigt! Trackingnummer bekommen Sie morgen!“  Tätärätätää!
Fr., 26.11. – keine Trackingnummer. Hm…  Irgendwas faul?
Mo., 29.11. – noch nicht aus der Koje gefallen ein Anruf bei Baguhn (danke, Microsoft, danke Skype!) „—uh, habe ich das vergessen?  Kommt gleich!“ Kommt dann auch. Allerdings: Paketabholung am Montag um 15:29. Immerhin, und um 23:00 ist das Ding schon in Köln. Die Sendung lebt!  Wir geben ihr eine Woche. Oder bis zum Freitag?
Di., 30.11. – die neugierige Schipperin gibt – siehe oben, in der Koje – die Trackingnummer ins Telefon ein. Köln? Sonstwo in Europa? What?  Das Paket ist in Philadelphia, wir sind platt.  Der Vormittag vergeht mit ein paar Telefonaten mit UPS, damit die die Verzollung anschieben können, zu Mittag dann „Ihr Sendungsstatus wurde geändert – das Paket ist unterwegs“.
Mi. 1.12. – 12:00: der Turbo liegt in der Fishing Bay Marina im Büro. Zollfrei – wir sind ja „Yacht in Transit“. Gesamturteil: Turbo.
Donnerstag und Freitag gehen mit dem Zusammenschrauben dahin – und nicht nur ich bin Meisterin im Auftrennen, auch der Chief Engineer muss gelegentlich doppelte Arbeit leisten; die Ein- und Auslässe gucken ein bisschen in die falsche Richtung, aber nur ein bisschen. Die Betrübnis währt allerdings nicht lang.

Dafür ist meine Betrübnis umso größer, denn der Kerl mit dem Turbo hat die Dinghycoverflickschneiderin links überholt. Der Motorprobelauf findet am Samstagabend statt.

Die Medaille „Held der Arbeit“ erhalten heute:
– David Kläring von Carl Baguhn GmbH, Hamburg – danke, danke!
– United Parcel Service als Organisation für turboartigen Transport
– Andreas Haensch (76!), Chief auf Akka (und „der Chef“ sowieso)  dafür, dass er sich nicht entmutigen lässt, schlaflose Nächte wegsteckt und dann einen Turbo mit links aus- und wieder einbaut. Danke, danke, danke, danke!

Leider geht die Schipperin bei der Medaillenvergabe leer aus. Wenig heldenhaft, die Fortschritte am Dinghycover. An den damit einhergehenden Entmutigungsattacken ist zu arbeiten, sagt das Medaillenkommitee.

PS: es fügen sich auch sonst noch andere Steinchen zum Mosaik!  Vor drei Tagen bekamen wir Nachricht, dass unser Antrag auf Visaverlängerung eingegangen sei, das ist gleichbedeutend mit „geduldet“ sein, bis sich CBP bzw. der USCIS (US Citizenship and Immigration Services) eines Besseren besinnt.
Manche Steinchen brauchen allerdings ihre Zeit: die im letzten Beitrag erwähnte Apostille ist seit 11.11. auf dem eingeschriebenen Postweg nach Deutschland. Als ich nach 7 Tagen etwas unruhig werde (Eigner: „… ich muss das aber nicht nochmal machen, oder?“) ordere ich Sendungsupdates. Die kommen auch, tröpfchenweise und eher kryptisch. „USPS RF … … … in transit to next facility“. Wochenlang, bis auf ein besonders nettes „… arrived in facility Jamaica…“ – erst beim zweiten Lesen fällt auf, dass die Postverteilstelle in New York so heißt. Aber: am 3.12. endlich „processed in facitlity in Germany“. Na bitte. Louis deJoy (aka Louis Destroy, der famose US-Postdienstvernichter mit haufenweisen Anteilen an privaten Konkurrenzdiensten) hat in seiner Funktion als General Postmaster schon mal ganze Arbeit geleistet. Jetzt kommt es drauf an, wer in Deutschland Postminister wird!