Ein Wochenende in Guatemala

Punta Bonita, Nummer 6
Das Corona-Heim

Rio Dulce/Guatemala, 24.3.2020

Da sitzen wir nun! Kleine Hütte. Kleine Insel. Ein kleines, dschungelartiges Gehölz, 20 m vom Festland entfernt im Rio Dulce. Papageien, Reiher, Schildkröten. Zwei verfressene Labrador Retriever und ihre 2 Mix-Kumpels. Zwei weitere Seglerpaare aus Deutschland und Frankreich mit uns in den umliegenden Hütten, vor unserer Terrasse zwei dauerbebewohnte Einsiedler-Yachten. Dazu der Besitzer der Anlage und der Manager. Morgens kommen drei  Arbeiter mit dem Kanu, und ein Gemüseboot bringt 3x die Woche Frisches. Alles perfekt für social distancing (die Hunde halten sich nicht dran, die wollen durchgekrault werden). Da wir im Rahmen unserer Backpackermöglichkeiten gehamstert hatten (6 Packungen Quasi-Knäckebrot, Milchpulver und eine Tüte Mehl), haben wir nichts auszustehen.  Kurz: alles den Umständen entsprechend prima. 

Die letzten Wochen fingen lustig an, man mag in der derzeitigen Situation, die sich auch für uns  explosionsartig verschärft und verändert hat, gar nicht darüber berichten, aber wenn wir dereinst im Altenheim sitzen, wollen wir es ja doch rekapitulieren… also:

Buuh! EIn roter Bus!

Guatemala City gibt sich als gewöhnliche mittelamerikanische Großstadt, wir haben allerlei Warnungen im Ohr, von Trickbetrügern und Fake-ATMs, von no-go-Stadtvierteln und k.o.-Tropfen. Und ganz böse: die roten Stadtbusse – Du brauchst nur hinzugucken, da bist Du Deine Habe schon los (die Leute im Bus, den wir in der Tat meiden, schauen aber gelassen aus der Wäsche). Auf dem Weg zu unserem Hotel

Posada Museo Belen. Ein guatemaltekisches Stadthaus

fährt neben mir eines Nachmittags ein SUV langsam, der Fahrer öffnet das Fenster und vom Beifahrersitz beugt sich ein fein gekleideter Herr herüber: “ … hier sollten Sie nicht laufen, das ist gefährlich!“ Er lässt sich erst beschwichtigen, als wir beteuern, dass wir nur wenige Schritte von der Posada Museo Belen entfernt sind. Und Francesca, die rührige Besitzerin vom „Museo“, entkräftet die Aussage auch gleich, sowohl was

Posadas Museo Belen. Innenhof

die Gegend, die Zona 1, wie auch die Tageszeit betrifft – während des Tages kein Problem. Die Warnung war sicher nett gemeint und mehr generalisiert zu betrachten. Gewiss, der Parkplatzverwalter, der in unserer Straße, der Calle 13A, für die Anwohner tagsüber allerlei alte Kanister, Eimer und anderes Absperrmaterial auf den wenigen Parkplätzen als Platzhalter hin- und herschiebt, wohnt selbst auf einem der Parkplätze in einem schrottreifen Kastenwagen, Armut ist nicht weit. Ob die Pappen-Isolierung, die wir durchs Fenster sehen, wohl kuschelig ist?   

Wir machen eine Weile die Stadt unsicher – oder machen wir sie etwa sicherer? Plaza de la Constitución, durchaus sehenswert mit den alten Arkadenhäusern, dem Nationalpalast und der erzbischöflichen Kathedrale, und da Letztere auch historisch interessante Nischen hat, gefällt das sogar der Schipperin (die sonst eine Religionszoo-Aversion hegt). Natürlich fallen die Augen auf viel Prunk – zum Beispiel auf den Erzbischofsthron, ganz in Lila – oder im Gegensatz dazu auf ein Maya-Hutzelweibchen, das sich von Heiligennische zu Heiligennische betet. Die mittelalterliche Verknüpfung von weltlicher und kirchlicher Gewalt fasziniert mich sehr. Der heilige Sowieso, König von irgendwo. Und nicht nur einmal.

Was ein Diktator wissen muss. Friede, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit…

Ach, und der Nationalpalast. In den frühen 40erJahren des letzten Jahrhunderts aus dem Boden gestampft, in verschiedenen Baustilen gebaut – insgesamt möchte man den Stil nach dem Diktator „Jorge Ubico“ nennen. Dessen  Frau mochte grün, also ist das Ding jadegrün. 5 seine Glückszahl, also 5 Stockwerke, in jedem Flügel 5 Portale und so fort. Unglaublich. Kurz nach Einzug war’s das mit seiner Diktatur, geblieben ist die Pracht der Wand- und Deckengemälde und der bedeutungsschweren Bleiglasfenster, Freiheit, Gerechtigkeit… sehr einleuchtende Deko, denn das muss man sich ja als Diktator täglich neu vor Augen führen. Nebenan geht es lustig zu, im öffentlichen Garten veranstaltet der Bürgermeister einen Schwoof für die Alten. Nicht dass der Eigner das Tanzbein geschwungen hätte, aber es ist herrlich anzuschauen. Man hat sich teils in Tanzkleidung geworfen – die glänzendste Anzughose aller Zeiten kombiniert mit den Ausgehhosenträgen, glitzernde Blusen, elegante Röckchen, und man meint,  so manches Knie, so manche Hüfte unter den beschwingten Bewegungen knacken zu hören. 

Wir absolvieren schlichte Gänge durch die Stadt, um zum Beispiel Busverbindungen für einen Wochenendausflug oder die Weiterreise herauszufinden. So etwas macht man im Vorfeld mit Rome 2 Rio , in diesem Fall kommt aber die Information analog aus dem gedruckten Reiseführer. Rebulí heißt der Betrieb. Wir stratzen durch die Straßen, die abseits der Fußgängerzone immer interessanter werden. Am Ziel steht nirgendwo „Rebulí“, aber hinter einem Tor rummelt ein großer Motor. Treffer! Wir sprechen mit den Besitzer, der gerade eine Dachlast ablädt und uns bestätigt, dass morgens um 7:30 ein Bus an den Atitlan-See fährt.

Der frühen Stunde wegen nehmen wir am betreffenden Morgen ein Taxi – und es schlägt die Stunde des orts- und sprachkundigen Taxifahrers: was nämlich nicht da ist, ist ein Bus – vielleicht waren wir viel zu früh, aber der Fahrer beteuert, hier sei früher Rebulí gewesen, und jetzt kein Schild, keine Beschriftung?! Er findet das merkwürdig und überzeugt uns, uns in die Calle41 zu fahren, von dort gehe es in alle Richtungen. Glücklicherweise kann der aufgeweckte Fahrgast heute die Bewegung eines Taxis in der Stadt auf Google Maps verfolgen, der Mann macht auch alles richtig (das hatte er vorher schon, denn diese lange Fahrt geht auf’s Haus, sprich: ist im Preis für die eher kurze, vorherige enthalten). In  der Calle 41 geht es wild zu,  lange Reihen von großen chicken busses, in den Seitenstraßen werden 9- oder 12-Sitzer vollgestopft und bekommen schwere Dachlast. Wir haben nur eines verstanden: umsteigen in Los Encuentros (das liegt, sagt Google, nordnordöstlich von Guate City), unser Taxifahrer führt die Verhandlungen, und der Schaffner eines leeren Busses nötigt uns einzusteigen. Hm, sind wir hier richtig? Doch, alles gut, werden wir beschieden, und wir kriegen Bescheid, wenn es Zeit ist auszusteigen. Draußen will das Nötigen kein Ende haben, der Mann ist wirklich gut, und von „leer“ kann schon bald keine Rede mehr sein (es ist erst knapp vor „social distancing“ ). Wir tuckern los, anfangs langsam durch die Stadt, der Schaffner hängt aus der Tür und wirbt mit Chimal, Chimal-Rufen um weitere Fahrgäste für einen Bus, den wir so schon für voll halten. Weit gefehlt! Chicken Busse sind ausrangierte, nordamerikanische Schulbusse (die aus Kanada heißen Blue Bird), und da passten ja auch immer 3 Schüler auf eine Sitzbank, also… sitzen zwei vollflächig, einer mit nur einer Backe und der Raum, den zwei halbe Backen im Gang lassen, ist Stehplatz. Von „social distancing“ keine Spur, aber noch kümmert das ja auch niemanden. Der Bus nimmt Fahrt auf, immer bergauf, an tapferen Rennradfahrern vorbei (hey, die Luft ist dünn hier!).  Zwar in der richtigen Richtung nach Atitlán, aber leider weg von Los Encuentros – was ist hier los? Haben wir was falsch verstanden? (Nein, immer noch alles gut, sagt der Schaffner). Und Fahrtaufnehmen ist gar kein Ausdruck… wir beginnen, den Fahrer mit Formel1-Pilotennamen zu belegen, wir klammern uns fest, wo es geht, und wo es nicht mehr geht, fliegt der Gangsitzer aus der Kurve, die Tür, wo der Schaffner ebenfalls klammert, fliegt ab und zu auf, und eine Sinneswahrnehmung umschreibt die Fahrweise besonders gut. Eigner, hinter einer Kurve : „… riechst Du den Reifenabrieb?“  Aber bei aller Fülle, bei allem Geschleuder – für eine Mayafrau bleibt genug Gelegenheit, Tortillas und Chicharrones etc. aus großen Körben unter die Leute zu bringen. Schaffner und Fahrer zuerst – das schafft Zutrauen, diese Kombination aus schmierigem Tamal, fettigen Fingern und dem Lenkrad in glitschiger Fahrerhand! In Los Encuentros (ich habe mittlerweile gemerkt, dass es zwei Los Encuentros, zu übersetzen mit „Straßenkreuzungen“, gibt, der Schaffner lacht sich eins) hupfen wir nach 3 Stunden raus, rein in den nächsten Bus nach Sololá, und noch einer nach Panajachel, fertig! 

Am Lago Atitlán

Genau. Fertig. Ein ziemlich von Besuchern überlaufener Ort an Zentralamerikas „schönstem See“, dem Lago de Atitlán. Da sitzt dann die Schipperin am Abend – Sonnenuntergang ist ein Muss für alle! – mit Blick auf die 3 Vulkane und denkt: „… ach ja. Osorno. Lago Llanquihue. Chile.“ Das war Südamerikas schönster Vulkan. Dennoch: nette Begegnung mit Beverly, nach Mexiko ausgewanderte Kalifornierin, mit

Mayafrauen in traditioneller Kleidung.

der man zum Kaffee trefflich über Politik herziehen kann, aber sonst… gut dass es nur ein Wochenendausflug ist; für einen längeren Aufenthalt wäre ein Dorf am anderen Seeende sicher schön gewesen. Am Sonntag Fahrt zum Regionalhighlight Chichicastenango (Maya ist eine wunderbare Sprache!), und da trifft uns der Markt-Hammer. So viele Stände mit Stoffen und Webmaterial, Tortillas und Früchte,

Chichicastenango. Sonntagsmarkt

bunte Bänder und Holzschnitzereien – und alles für die Bergbevölkerung, nur am Rande für Touristen. Wir lütten Niedersachsen überragen die Menge um mehr als einen Kopf, verlieren dafür aber in der Disziplin „Drängeln“. Da Backpacker mit Minirucksäcken keine Staukapazitäten haben, bleibt es beim Staunen und Mitdrängeln, aber ein entspannter Marktbummel ist etwas anderes.

Drangvolle Enge, nicht nur drinnen

Wir treten zeitig den Rückzug an – und der Bus, den wir erwischen, ist schon voll. Will sagen: wir haben die Stehplätze gewonnen, ganz hinten, bis Chimaltenango zumindest, sonst ändert sich zu  obiger Beschreibung nur, dass der Schaffner gelegentlich von hinten ein- und über Armlehnen und Passagiere hinweg nach vorne steigt. So ist das also in einem vollen Bus in Guatemala. Und die Frau mit den Leckereien im großen Korb erreicht uns erst gar nicht. Nur das benachbarte Baby darf sich glücklich schätzen, Nahrung gereicht zu bekommen.

Daheim im Museo angekommen, packen wir die Rucksäcke für die Weiterreise – der Plan steht noch immer auf „Mayas, Azteken und Co.“. Mexiko, wir kommen. Dachten wir.

Das war ein Wochenende in Guatemala. Vor Corona. Wie wir zu unserer Hütte gekommen sind, verraten wir in Kürze.

Nicaragua

Rio Dulce, 10.3.2020

Das wird ein kurzer Eintrag… 

Nicaragua stand eigentlich gar nicht auf dem Programm, eher eine „wenn wir schon mal hier sind“-Station. Für die Geografie-Ungeübten: unser Weg von Costa Rica nach Guatemala, das ja ursprünglich unser Erstziel sein sollte, führt zwangsläufig über Nicaragua, Honduras und El Salvador.

Erster Stopp nach elend langen Grenzprozeduren in Peñas Blancas ist Ometepe im Nicaraguasee – das ist der, der immer mal wieder in der Diskussion ist für einen alternativen Kanal von der Karibik in den Pazifik, schon seit 150 Jahren. Derzeit sind die Pläne auf tropisches Eis gelegt, der chinesische Billionär, der das zuletzt geplant und sogar begonnen hat, ist plötzlich keiner mehr, seine Investmentgesellschaft hat sich… verdaddelt, aber was 150 Jahre währt, kann sicher auch wiederbelebt werden. Zunächst scheint das mal schlecht für die nicaraguanische Wirtschaft, besser aber für die ohnehin geschundene Natur, denn den zweitgrößten See Südamerikas von einem Süßwasser- in einen Salzwassersee zu wandeln, hätte weitreichende Wirkung, ökologisch gesehen. Das Projekt als solches ist auch sozialpolitisch extrem umstritten, geht es doch mit massiven Enteignungnen einher, zumal in Gebieten mit indigener Bevölkerung. Und innenpolitisch, man horche auf, ist der Chef des nicaraguanischen Entwicklungsbüros der Sohn von Daniel Ortega, dem ehemaligen Hoffnungsträger der Sandinisten, heute wieder Regierungschef und gehasster Despot. Und nicht genug mit Ortega-Klüngel: da die Investmentgesellschaft eine chinesische ist/war, sprich: es eigentlich „die Chinesen“ waren, die da ihre Finger ausstrecken, hätten sich, wie die USA  in Panamá, die Erbauer des Kanals mit den Enteignungen weitreichende Land- und Abbaurechte erschlichen. Sehr anrüchig und alles allzu wohlbekannt in der zentralamerikanischen Geschichte, nur mit dem Unterschied, dass hier der neue „Kolonialherr“ von der anderen Pazifikseite käme. Die nicaraguanische Bevölkerung ist allerdings auf der Hut – die Unruhen im Sommer 18 nahmen ihren Ausgang von den Kanalbauplänen. Warten wir’s ab. Wünschenswert wäre so ein Kanalbau nicht.

Wir erreichen mit Ach und Krach die letzte Fähre von San Jorge nach Moyogalpa auf Omotepe, schultern nach einer Stunde Sunsettour auf dem See die Rucksäcke und wandeln an zahlreichen – eher unbelebten – Toruistenllokalen entlang Richtung Hostel. Es ist sehr dunkel. Am Ortsende grillt eine Dame das unvermeidliche Hühnchen, ein bisschen Schwein und ein bisschen Rind. Dazu gibt es Tortillas und… schaaarf! Die letzte Erfahrung mit „schaaaarf“ lässt uns zögern. Zu Recht. Des Eigners Gesicht nach einem großzügigen Löffelchen „Chile“ auf seiner Ceviche in San José werde ich so bald nicht vergessen, aber auch ohne ist es lustig, in einem Vorgarten zu sitzen und sich von einem von Mopeds umkurvten Grill das Abendessen hereinreichen zu lassen. Auf den „frischen Saft“ aka refresco natural aus der Plastiktüte verzichten wir, zu dunkel der Platz für eine optische Kontrolle! Wenige hundert Meter weiter warten die Wirte von der Casa Mauro, mit denen wir schon von der Grenze aus im Mailkontakt standen („… wissen nicht, ob wir die Fähre schaffen… “ ). Ein zum Hostel umgewandeltes Gehöft, ein paar Hängematten unterm Vordach, schlichte Zimmer, alles ein bisschen grob. Sehr nette Leute, Mutter Sohn und Enkelin betreiben das Hostel, obendrein gibt es einen den Gästen sehr zugewandten Jung-Husky, der das Dauerbellen noch verlernen sollte – was macht so ein aufs Rennen versessener Hund aus kaltem Klima an einer Kette in den Tropen? Kleiner Wermutstropfen..

Wir erkunden den Ort und die Insel, und so vergeht die „wo wir schon mal hier sind“-Zeit. Die dem Festland abgewandte Seite, insbesondere der Ort Alta Gracia, erinnert uns dann schon sehr an das bescheidene Äußere von Kuba. Nicht zuletzt wegen der Bürgerkriegsmahnmale à la „Genosse Pedro… kämpfte heroisch in den Nordprovinzen“. Die meisten Todesdaten 1983/84. Wo man geht und steht – der Kalte Krieg, seine heißen Stellvertreterkriege und das scheindemokratische Gefummel der USA verlässt einen nicht. Hier: erst Somoza. Die Sandinisten, die ihn ablösten. Reagan, der das nicht zulassen mochte und die Contras unterstützte… kein Ende in Sicht.

Fähre zurück nach San Jorge, Sammeltaxi nach Rivas, Chickenbus nach Granada. Das ist die alte Hauptstadt Nicaraguas, spanisches Kulturerbe pur und Touristenmagnet – wir kommen in der Casa Amarilla unter, in einer Seitenstraße zum alten Zentrum; nicht so leicht zu erreichen von der Chickenbus-Haltestelle. Wem traut man mehr, dem Herrn, der hinter einem „nicht dort runter“ ruft (jau, war ziemlich unbefestigt und ein bisschen ärmlich!) oder Google Maps? GM natürlich und prompt ist die Straße, die eigentlich über einen Fluss führen sollte und direkt zu unserem Haus führt, mit Wellblechwänden gesperrt. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier ein ziemlich armes Viertel von einem getrennt wird, in dem sich Touristen und das nur mittelarme Granada treffen. Egal, wir finden eine Brücke, nach einer Weile auch unsere Casa Amarilla, und die ist toll: ein veritables geräumiges Ferienappartment. Mit  Kühlschrank und Mixer (ha! Kalter Kaffee, Fruchtmatschegetränke! Bratkartoffeln vom 3-Flammen-Gaskocher!). Das genießen wir ein paar Tage. Wäschereibesuch und so, quasi ein bisschen Haushalting, und alles im altkolonialen Umfeld – es kommt einem schon sehr spanisch vor. Abends die volle Dröhnung Livemusik und Straßenbier für alle, Nicas und Touris vereint, glücklicherweise in ohrfreundlicher Distanz zu unserer Bleibe.

Weiter! Managua! Das ist noch mehr „Kuba“ – außer viel schlichter Wohnbebauung leicht überdimensionierte Moderne in Form von weiträumigen Straßen und Kreiseln mit zum Beispiel einem großen Hugo Chavez, um den sich nun alles dreht. Hola, Hugo!  Mehrstöckige Gebäude gibt es wegen der Erdbebengefahr nur sehr wenige;  außer ein paar Prachtbauten der Regierung und, was sonst, den Hotelbauten der ausländischen Ketten ist alles maximal 2-geschossig, was den Eindruck nicht übermächtig werden lässt. Der Managuasee ist leider gekippt, schon seit Jahren, daran hat auch die  mehrheitlich deutsch finanzierte Kläranlage nichts ändern können.

Zum Besuch von Managua gibt es eher negative Meinungen, und wir lassen uns hier folgerichtig schön verunsichern. Wir setzen die Rucksäcke im netten Hostal Los Cisneros ab (diese zentralamerikanischen Häuser mit den schönen Innenhöfen sind toll!) und marschieren in die nahe Busstation., denn mit TicaBus wollen wir weiter nach Guatemala. Gelesen hatten wir schon zur Sicherheitssituation in Managua, tagsüber wären diese 300 m oder 1 1/2 Blocks geradeaus und noch einer nach rechts gar kein Problem – aber in diesem Viertel heißt es die Dunkelheit zu meiden. Heißt es… Und siehe da, der Bus fährt morgens um 5. Minus 45 Minuten vorher dort sein bedeutet das: um 4 Uhr durchs Viertel stiefeln. Wir fragen rum… TICABus-Angestellter: dann solltet Ihr lieber knapp hierher kommen, ab 4:30 sind die Straßen etwas voller. Hotelrezeptionist: nebenan ist die japansiche Botschaft, da steht die Polizei! (Hm, ja, nebenan ist relativ. 1 Block in die falsche Richtung, und ob die dann, wenn wir gerade eins über den Schädel kriegen, in die richtige Richtung gucken und losrennen?). Am Abend machen wir einen Testgang. Hotelbesitzer (und Notar…): ach, nee, in diese Richtung lieber nicht laufen. In die andere gern. Wir laufen trotzdem bis zum Eck – es sind auch noch Familien mit Hund und Kind unterwegs, man läuft mitten auf der Straße. Da kommt eine Stimme vom Gehweg: „… das solltet Ihr nicht tun, nach Einbruch der Dunkelheit im Hotel bleiben. Hier ist es gefähr…“. Genau die Nachricht, die ich gern höre, so was Blödes. Und hier eiern wir dann um 4 mit Gepäck rum? Wir mischen uns in der Eckkneipe noch ein bisschen unters Volk, bei Rückkehr hat das Hostel schon die Gitter verschlossen, das trägt alles zu meiner Begeisterung bei. Das Ende vom Lied? Wir geben unser Zimmer in der zweiten Nacht auf und kaufen uns ein Bett im Busbahnhof. Feige Bande… oder zumindest zu 50% feige. 

Das war dann Nicaragua – ja, wir haben die Küste ausgelassen, wo sich die backpackende Jugend der Welt surfenderweise finanziell vom teuren Costa Rica erholt (tatsächlich, Backpacker, die riesige Surfbretter herumschleppen sind kein Einzelfall!). Der Bus fährt auf die Minute pünktlich los, die Grenzabfertigung nach Honduras geht unkompliziert, nach ein paar Stunden ist man in El Salvador. Da kommt dann erstmalig Corona ins Spiel, wir werden mit Infrarotthermometern beschossen und müssen Kontaktdaten angeben (Anweisung an den Chef: nicht husten!). Nicht ganz fahrplanmäßig ein plötzlicher Busstopp ca. 150 km vor San Salvador – Getriebedefekt. Der Fahrer bugsiert uns rückwärts 2 km zurück an eine „sicherere Stelle“.  Da bäckt eine Frau die salvadorianische Nationalspeise namens Pupusas, mit Hackfleischmasse gefüllte Maisfladen. Sehr nett. Bis Ersatz kommt ist es allerdings stockeduster und Vvn San Salvador sehen wir so nur einen erstaunlich modernen und amerikanisierten Innenstadtteil und… das Tica-Hotel. Wird schon seinen Grund haben, dass die Busgesellschaft ihre Schäfchen nicht allein herumtraben lässt. Es folgt ein weiterer 5-Uhr-Bus.

Ein paar Stunden und ein Infrarotthermometer später rollen wir in Guatemala Stadt ein. Ab hier wird’s Maya!

Zwischen Karibik und Pazifik

Omotepe, Nicaragua, 26.2.2020

Schwer zu toppen, dieses Yatama… zumal wir uns für den nächsten Schritt wieder ins Getümmel werfen müssen. Die Busfahrt geht von Horqueta über Guápiles und Carriari durch endlose Bananenplantagen* bis La Pavona, da ist dann Ende Bus-Gelände, weil von dort nur der Wasserweg noch an die Küste führt. Ziel Tortuguera. Glücklicherweise bekommen wir ein „normales“ Boot, das auch ein paar Gehöfte von Einheimischen anläuft und daher nicht vollends mit unseresgleichen (aka Tourist) besetzt ist. Wohl aber mit einer deutschen Familie, deren Sohn (4?) für Dauerbeschallung sorgt: „Mama! MAMAA! Das wackelt! Mamaaa, das kippt um!“ Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, muss aber zeitgleich die Hand der Tochter nehmen, die gottergeben und mit geschlossenen Augen der drohenden Katastrophe entgegengeht (der Vater hat eine weitere Tochter im Arm). Dann geht es los, teils wegen Ebbwasserstandes mit Gewühl (sehr tief wären wir nicht gesunken…), noch ein bisschen Entsetzensgequieke, dann aber hat Sherlock – außer einem Plüschtier ist das Kind mit Plastikfernglas und Lupe gerüstet – die Lage analysiert:“… so, Mama, Du kannst Dich wieder an Deinen Platz setzen!“. Die Angsttiraden werden aber nahtlos durch Live-Berichterstattung ersetzt:“ … Mamaaa! Der Vogel! Das Krokodil [war ein Leguan].“ Ob sich die Gäste im La Baula Resort, wo die Familie aussteigt, auch gefreut haben?

In Tortuguero irren wir ein bisschen durchs Dorf, finden dann unser Hostel El Gecko am Ortsende, schaurig schön am Atlantik, der für die nächsten Tage mit seinem Gedonnere für eine ununterbrochene Geräuschkulisse sorgt. Hier ist nun Tourismus „pur“ angesagt, alles zwar eher einfach, obwohl ein paar luxuriösere Resorts sich in den Palmenhainen außerhalb des Dorfes verbergen. Vorteil des Gästestromes: nettes Essen, Ingwer-Zitronengras-Limonade und richtig guter costarikanischer Kaffee im Buddha-Café. Es hat was, mal kein Gallo Pinto (Reis mit Bohnen) vorgesetzt zu kriegen. Die Nachtwanderung hat auch was: zwei Europäer in Vollzeug – lange Hose, Wanderschuhe, langärmeliges Hemd, so wie wir’s halt kennen, und wie es auch empfohlen wurde – dazu eine Gruppe von Uruguayanas, die sich das nächtliche Abenteuer in kurzen Shorts und bauchfreien Tops geben, und beim Durchstreifen des Unterholzes natürlich kreischen und juchzen. Umpf… wenn es keinen Grund zum Kreischen gibt, wird gegackert. Was das Vergnügen nicht allein trübt. Es sind zig Gruppen à 6-10 Gästen, die zu allem Übel auch noch ein recht kleines Gelände am Ortsrand durchpflügen; aus allen Richtungen blitzen die Taschenlampen. Lauschig. Immerhin… Baumfrosch, Kolibri im Nest, ein paar – iiieeeek! – Spinnen sind der Lohn, Saulo, dem es auch zu voll ist, führt uns noch ein Stück weiter nach Norden, wir erhalten einen kleinen Vortrag über Meeresschildkröten, deren Eiablage er in der Saiason betreut und bewacht. Zwei schöne Schlangen kommen auf unsere Liste, eine namenslose, die man glatt für einen braunen Ast halten könnte, und die – wieder einmal – ohne die geübten Augen eines Guides unentdeckt geblieben wäre. Und eine grüne Weinstockschlange sitzt hoch im Baum und verdaut. Schick. Kleine Leguane gibt es als Zubrot, aber die erhofften Faultiere verstecken sich gut und erfolgreich.

Nächstes „Muss“ in Tortuguero ist eine morgendliche Ausfahrt mit dem Ruderboot oder Kanu. Wo an einem Urlaubsort erlebt man um 6 Uhr früh einen solchen Auftrieb? Glücklicherweise verteilt sich das gut, wir sitzen zu vielleicht 10 Gästen im Boot, aber die Ausfahrt ist dann doch zeitweise beschaulich und ruhig, wenn sich nicht gerade 10, 12 Boote vor einem springenden Klammerschwanzaffen versammeln und „oh! Ah!“ rufen, ansonsten paddelt man recht still durch die Mangroven. Es gibt reichlich Reiher und Jacanas, Tukane, Fledermäuse im Tagversteck, Kormorane und natürlich die leider bedrohten grünen Soldatenaras. Schön! Sollte man mitmachen, wenn man hier ist! Im Nachhinein betrachtet hätten wir lieber ein Kajak genommen, mit dem man sich leichter absetzen kann. Wir unternehmen noch zwei ausgedehnte Spaziergänge allein, einen davon im fast unvermeidlichen Regen – die Regenmengen sind unglaublich.  Leider ohne Jaguarsichtung, obwohl doch kürzlich erst einer in der Nacht ins Dorf gekommen war, um sich einen der zahlreichen Hunde zu holen. Aber damit ist unser Karibikausflug auch erledigt – den Nationalpark Cahuita lassen wir aus.

Zurück nach San José. Aida im Hostal Trianon freut unser Wiederholungsbesuch. Der Eigner schwankt zwischen dem Erwerb neuer Wanderschuhe und Reparaturversuch an den Sohlen – also eher einfache Aufgaben – dann Abreise nun doch noch in den Nebelwald. Bus nach Puntarenas am Pazifik, ein bisschen an der Bushaltestelle abhängen und aus der pazifischen Hitze hinauf in die Berge des Monteverde – dass es sich um Nebelwald handeln muss, hatte man schon vom Strand sehen können, denn die Wolkenwalze, der wir uns nähern, ist gewaltig. Nicht auf dem Schirm hatten wir allerdings die geradezu gewalttätigen Winde, die den feinen Nebelregen waagerecht durch die Luft treibt: von Ost kommt der Passat, der auch die feuchten Wolken die Hänge hinauf treibt. Eine Passagierin im Lokalbus antwortet später auf die Frage, ob das immer so sei, knapp: si, más o menos. Mehr oder weniger. Gespenstisch – gleichzeitig ist Santa Helena aber ein viel netterer Ort als La Fortuna, trotz des Touristenaufkommens: es ist bergig und verwinkelt, also verteilen sich Bebauung wie auch Leute in der Landschaft. Wir buchen einen geführten Gang im kleinen Reservat Curi Cancha, gekrönt von einer Quetzalsichtung (eigentlich ein leichtes Thema, weil Quetzals gern in Avocadobäumen sitzen, wenn die Früchte tragen), und am nächsten Tag marschieren wir frei durch den Nebelwald. Was für Wassermassen! Manchmal peitscht einem der Wind den Nebel ins Gesicht, an der Stelle, an der man Atlantik und Pazifil gleichzeitig sehen kann, hüllt uns die Wolke vollends ein – es ist eben kein „ruhiger Tag“; dennoch gibt es ganz windstille Taschen im Wald. Und eine Hängebrücke in Höhe der Baumwipfel – das hätten wir  damit auch abgehakt. Manchen Besuchern geht es um so viele Brücken wie möglich, was auch ziemliche Kraxelei bedeutet; es gibt Nebelwaldtouren mit 6, 8, 15 Brücken. Eine reicht, der Weg ist beschwerlich. Und sehr lohnend.

Nach 3 Nächten geht es wieder auf, runter an die Küste Richtung Liberia, von wo es nicht mehr weit zur nicaraguanische Grenze ist, und wo der Schuster das Geschäft des Jahres macht – endlich werden die o.a. schon erwähnten Sohlen „professionell“ geklebt. Klingeling, 14 Dollar – diese Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen. TICA-Bus bucht freundlicherweise unsere bestehenden Tickets von San José nach Managua um – so viel Gemecker um die Firma, aber wir hatten nur Serviceglück, vor allem mit deren Chatverfahren. Perfekt. Auf nach Nicaragua!

 

(Jetzt muss der Eigner wieder einmal den Rechner für Bilder freigeben, dennoch: raus damit, wir hinken maximal hinter dem Zeitplan her, immerhin sind wir schon vier Länder weiter…)

 


* Bananen kommen mittlerweile auf meine Liste der zu vermeidenden Nahrungsmittel, sofern sie nicht zertifiziert organisch sind. So viel Plastikmüll (blaue Säcke gegen Insekten- u ndFledermausfraß. Und so viel Pestizide, dass an der Küste die Koralleriffe durch den Pestizideintrag von den Feldern geschädigt werden. Costa Rica, das Ökotourismusland…

Yatama.

Puntarenas, 18.2.2020

Abgang aus La Fortuna. Bisschen spannend, weil nirgendwo ein Busfahrplan hängt. Tags zuvor hatte mir ein Mann beteuert, dass ab 8 alle Stunde einer nach Ciudad Quesada fährt. So finden wir uns gegen 9 ein, ich parliere mit einer jungen Nachbarin, die aber auch irgendwie keine Ahnung hat… bis deren Nachbarin ostentativ an die Decke voraus zeigt. Was heißt das? Steht in Gottes Hand, wann die Busse fahren? Nö, ein großer LED-Bildschirm zeigt alles an, was ich wissen will. Dussel.

Umsteigen in Quesada, dann rasch nach Puerto Viejo de Sarapiqui. Rasch… die geschätzten 1 1/2 Stunden ziehen sich auf 3, und mal abgesehen davon, dass wir einen noch nicht bekannten Anschluss nach Horqueta erwischen müssen, benötigt unser Lodgemanager eine ungefähre Ankunftszeit, immerhin braucht er selbst 40 Minuten vom Berg herunter. Aber hurra, moderne Kommunikation:  in Pt. Viejo gibt es endlich Netz, Pedro ruft via WhatsApp schon „what is you position?“ . Der Anschlussbus scharrt bereits mit den Hufen, wir müssen nur noch klarmachen, dass wir am SuperRoyka- Markt aussteigen wollen, und selbst das klappt, dank 220 Tagen Duolingotrainig (jaja, lacht nur. Hilft aber; die Verständigung ist allerdings eher einseitig gut, da zunächst immer eine schnell gerappelte Antwort kommt. Herrje…más despacio, por favor).

Hola, Pedro! Wir entern seinen Mitsubishi Pajero (der hier aus gutem Grund Montero heißt, denn Pajero ist der Wichser…), eine alte Klapperbüchse, die für den Weg zur Lodge jährlich einen Satz neue Stoßdämpfer und Reifen braucht. Auf den letzten 5 km wird es auch wirklich rumpelig – so mögen wir’s, und Pedro freut sich, dass wir’s mögen.

Tukane fliegen auf, die Weiden werden von Wald abgelöst, nach einer Dreiviertelstunde tut sich ein Tor auf: in den Regenwald. Yatama EcoLodge. Und fast niemand außer uns. Doch, eine deutsch-schweizer Familie mit drei Töchtern und ein photowütiger Franzose mit Frau. Und Alba, die die Küche schmeißt (und wie! Lecker!) Schöne Fachbüchersammlung *. Am netten, schlichten Holzhaus empfängt uns ein Gelbhosen-Manakin (guckt es Euch an… Manakins beim Balzen sind immer einen Blick wert. Es gibt auch welche, die mit den Flügeln singen und knallen). Es ist einfach schön hier oben, ziemlich exklusiv im Sinne von „nur für uns“. Eigentlich über unserem Budget, aber die 70 Dollar, die wir pro Tag und Person einreichen, sind gut angelegt, denn nicht nur, dass wir ein nettes Holzhaus bewohnen, das keine Glasscheiben, sondern nur Insektennetz in den Fenstern hat (damit die Waldgeräusche direkt ins Bett dringen, sagt Pedro; und es riecht nach feuchtem Wald, ergänze ich), nein, außer dem leckeren Essen gibt es auch mindestens eine geführte Waldwanderung am Tag, normalerweise 2. Sagte ich schon, dass es schön ist? Nach dem Abendessen machen sich Pedro und Adlatus Luis (der Reptilienspezialist) mit dem Franzosen in den nächtlichen Wald auf. Schlangenjagd mit der Kamera. Langsam entfernen sich die Kopfleuchten, die durchs Unterholz blitzen. Uns wird es schon bettschwer nach dem langen Tag im Bus. Andreas streift vor der Tür vom Gemeinschaftshaus umher – und wenn er so ganz harmlos tut, dann ist was im Busch: „… gib doch mal Deine Kamera!“ Warum? „… ach, nur ein Frosch!“ Da sitzt doch direkt vor unserer Nase das Vieh, das hier alles sehen wollen: ein etwas verpennter Rotäugiger Baumfrosch, und der Kollege Maskenbaumfrosch nur ein paar Schritte weiter. Wir verlegen unsere erste Nachtwanderung auf die Terrasse.

Es stellt sich auch gleich das Problem der kommenden Tage ein – der Eigner hat sich in Deutschland eine neue Kompakt-Reisekamera gekauft, und kämpft mit der unüberschaubaren Vielzahl an Einstellungen. Freundlicherweise hat er mir seine alten Canon weitergegeben, wahrscheinlich, damit er nicht allein zu kämpfen hat. Wie oft sagen wir dieser Tage, dass es mit einem 36er  Film in einer Agfa Klack leichter war? Oft. Ich stecke meine Kamera dann auch weg und konzentriere mich aufs schlichte Gucken, da gibt es genug Gelegenheit. Auch genug zu Fluchen, für mich, denn Yatama liegt in den Bergen – Regenwaldstiefelei (im wahrsten Sinne des Wortes, ohne Leih-Gummistiefel geht nichts!) bergauf und bergab ist total anstrengend, rutschig, steinig. Und schön dazu. Man muss gestehen, dass es nicht einfach ist, die sehenswerten Dinge zu entdecken, da kommt die Waldführung ganz recht. Yatama liegt in einem Sekundärwaldgelände an der Grenze zum Braulio Carillo-Nationalpark. Es ist faszinierend zu sehen, wie sich der erst vor 20 Jahren auf alten Weideflächen aufgeforstete Wald zu einem veritablen Regenwald entwickelt hat – natürlich gehört zu unserem Revier auch der angrenzende Primärwald auf dem Nationalparkgelände. Zu mehr als Tapirspuren reicht es zwar nicht, kein Jaguar weit und breit, aber Agutis und Nasenbären kommen bis direkt ans Haus, nachts schmeißt ein Opossum, das im Baum über uns haust, mit Birnenfrüchten, das knallt so schön (denkt das Opossum… wir eher nicht). Wenn niemand schmeißt, prasselt tropischer Regen aufs Dach, oder die großen Soldatenaras kreischen im Morgengrauen um die Wette. In der Ferne schreit ein Brüllaffenmännchen, so gut es kann (muss es ja, es sind die mit dem geringsten Testosteronspiegel, die am lautesten brüllen). Rote Pfeilgiftfrösche mit blauen Hosen gibt es, eher unscheinbare Pristimantis-Fröschlein, ein Königsspecht – ba-bamm! – hämmert auf einen hohlen Baum ein**. Ein Motmot versucht sich in Camouflage – man möchte denken, dass ein so bunter Vogel auffällig ist, aber im Blattgewirr und dem ständig wechselnden, schwachen Licht löst er sich quasi optisch auf. Die Insekten- und Spinnenschar ist natürlich auch vertreten, Gottesnabeterinnen und Stabheuschrecken, Taranteln und die allgegenwärtigen Blattschneiderameisen, denen man ständig zusehen möchte. Da fahren wehrhafte Soldaten auf der Last mit, es scheint auch Vorhuten zu geben, die mal eine Probe von einer blauen Blüte anschleppen: „…wie wäre es heute damit? Nur eine halbe Stunde durchs Unterholz von hier…Ich habe schon eine Pheromonspur gelegt.“ – eine unglaubliche Leistung. Natürlich auch bullet ants, die 24h-Ameise, eine der größten Tropenameisen, vor der man sich gut in Acht nehmen sollte. Was wieder zurück zu den beschwerlichen Wegen im Wald führt – so uneingeschränkt nach einer sichernden Liane greifen mag man nicht, wenn’s rutschig wird. Könnte ja eine Schlange sein oder eine bullet ant dran sitzen. Ach ja, Lianen. Und Epiphyten. Und gewaltige Bäume… 

Zu kurz war’s. Am vierten Tag rumpelt uns Pedro wieder zur Hauptstraße. Überraschungsbus nach Guápiles und über ein paar Stationen weiter an die Karibikküste. Aber das ist eine andere Geschichte.

 


* Wer Lust hat, googelt oder Ecosia-t mal den Bildband von Armin Dett, Moths of Costa Rica. Ein wunderbares Coffee Table Book. Es ist so unglaublich „entomologist“. 

 

** Schöne Waldbilder und eine witzige Story…

Pura Vida?

Pura Vida. In aller Munde, auf allen T-Shirts

San José, 16.2.2020

Pura Vida! Costaricanischer Nationalschnack, würde ich mal sagen. Heißt alles: Hallo! Alles gut! Boah, wow!  …  ein Ausdruck allgemeiner Zufriedenheit, der einem mexikanischen Film der 50er (glaube ich) entlehnt ist, nur dass Mexikaner mit dem Spruch nichts anfangen können. Im Film ein häufig wiederholter Gag, der sich verselbständigt hat. Die Ticos mögen ihn. Pura vida – das schiere Leben.

 

Musik? Immer! Und schön laut…

Die erste Portion Pura Vida kriegen wir in San José  – normales Leben in der Stadt. Zum Aufgalopp ein bisschen Geschichte im Goldmuseum, das sich in 3 Stockwerken tief unter der Plaza de la Cultura mitten in der Stadt verbirgt. Zuerst Staatsgeschichteentlang der Münzreihenfolge. „Reales“ aus Gold, Plata aus Silber – spanische

Präkolumbianischer Schmuck

Kolonialgeschichte. 1821 lösen sich die zentralamerikanischen Länder vom Kolonialherren bzw. seiner Provinz Guatemala und bilden einen „Länderverbund der Mittelamerikanischen Länder“. Sehr niedlich: jedes Land darf eine eigene Version einer kleinen Goldmünze prägen, auf dessen Rückseite dann ein „fruchtbarer, reichverzweigter“ Baum geprägt wird, als Zeichen von Reichtum und Fortschritt für die Föderation. Die Costaricaner, aka „Ticos“, wählen eine Palme. Ein Wunderbaum, der alles macht: eine Frucht mit Feuer- oder Polstermaterial und Trinkgefäß, essbarer Trieb und Schnaps oder Zucker aus dem Saft, Bauholz, Blätter für Hut, Dachdeckung oder Korbmaterial; aber der Rest der niffeligen Federación nimmt an der staksigen Gestalt ddr Palme Anstoss, und 1831 müssen die Münzen eingeschmolzen werden. Was ein Licht auf die freundnachbarlichen Verhältnisse wirft, die auch bald zur Gründung der ersten, eigenständigen Republik führen. Danach geht Costa Rica durch das politisch-ökonomische Auf-und Ab, das vor allem die USA mit ihrem schon damals großen Dominanzanspruch noch verstärken. Erst gab es William Walker, ein junger Texaner, der sich berufen fühlte, den Einflussbereich der Sklavenhalter nach Mittelamerika auszuweiten – den haben sie in einer 14-Minutenschlacht erledigt, aber United Fruit war nicht so leicht loszuwerden… Reformer und Diktatoren geben sich an der Staatsspitze die Klinke in die Hand. 1948 gibt es die 2. Republik und eine hervorstechende Idee: Abschaffung des kostenaufwändigen Militärs. Kühn, oder? Funktioniert! All das erklärt die kleine numismatische Ausstellung, danach taucht man ein Stockwerk tiefer in präkolumbianische Zeiten, in eine faszinierende, Jahrtausende alte Kultur – mit ganz viel Gold, das die Spanier, gerissen wie sie waren, gegen Glasperlen austauschen konnten. Und ein paar bevölkerungsdezimierende Erreger hinterließen sie auch. Schandhaft.

Schlechter Tausch

Am selben Tag noch besuchen wir das Jademuseum -wir wohnen mitten in der Stadt, und es ist gleich gegenüber. Dort wird es erst recht präkolumbianisch, und dazu wunderschön und kurzweilig anzuschauen, dschungelartiges, gebrochenes Licht, viel Grün, viele Naturdarstellungen umrahmen die Jade-Exponate und anderes rund um das Leben dezr frühen Indigenen. Unbedingte Empfehlung, falls es mal jemanden nach San José verschlägt. San José wird vom Normaltouristen auf dem Weg zu Strand- und Zip-Lining-Vergnügen gern als „uninteressante Großstadt“ geschmäht. Zu Unrecht, wir finden’s „echt tico“, das zeigt uns auch die Free Walking Tour am Montag. Diese Touren waren in allen Ländern bislang ein Gewinn. Ohne wüsste ich auch nicht, woher der Ausdruck Pura Vida kommt, und was der uns benachbarte hässliche Betonklotz ohne Fenster ist (das neue Parlament. Man wünsche den Parlamentariern erhellende Gedanken!).

Aber dann reicht’s auch, am Mittwoch steigen wir in den Frühbus nach La Fortuna am Vulkan Arenal. Machen ja alle, und von da  – wie alle! – soll es dann nach Monteverde in den Nebelwald gehen. Jetzt halte ich es kurz… Highlights in La Fortuna sind Adventurewahn und Abkassiertwerden. Persönliche Highlights: eine Blattschneiderameisenautobahn auf der benachbarten Begrenzungsmauer (kann man wirklich immer anschauen!), ein nettes Café mit wirklich gutem Costa Rica-Kaffee (Los Arabigos), ein Tag in den heißen Quellen der Ecotermales (sehr lecker, 42° bis runter

Einfach abhängen

zu 27…) und ein wunderschöner geführter Gang durch einen kleinen Faultierwald – ohne Guide wird man da kaum etwas, und es war das viele Geld wert. Wie erfährt man sonst schon, dass 3-Zehenfaultiere nur alle 4 Tage aufs Klo müssen, für den Abstieg dazu bis zu 4 Stunden brauchen – und den in seinem Fell lebenden Motten dabei  Gelegenheit geben, ihre Eier in den Kot zu legen. “ …seid Ihr mit der Eiablage fertig? Dann bitte einsteigen, ich scharre das Loch noch zu und dann geht’s wieder aufwärts!“ Netter Fahrstuhl! Aber Rafting und Zip-Lining? Nö.

Unterm Strich: „Pura Vida“ kriegt Risse, La Fortuna und der Adventurewahn sind nicht unser Bier. Planungsänderung: wir folgen nicht den Nebelwaldlemmingen nach Monteverde. Wir gehen nach Osten. Da soll es eine einsame EcoLodge in den Bergen geben…

 

 

Von Deltaville nach Costa Rica

Bordleben im Winter

Tortuguero/Costa Rica, 13.2.2020

Am 24.1. hatte das Schnattern an Bord der Akka endlich ein Ende, „endlich“ ebenso in Tüttelchen wie „schnattern“, so lang sind 9 Tage ja nicht, aber wir haben doch öfter unserer schönen Zentralheizung gedacht (deren Dieselpumpe seit 2007 zur Diesel-Umwälzpumpe für den Kraftstofftank umfunktioniert ist, drum…). 

Autoabgabe in Richmond, die Firma Enterprise shuttelt uns zum Amtrak-Bahnhof, und der Fahrer ist wieder einmal einer von der „oh wow!“-Sorte, als wir erst Florida, dann Mittelamerika (oh, wow-wow!) als Ziel benennen, und irgendwie zieht er uns noch die Segelreise aus der Nase, was ihn fast gegen den virtuellen Baum fahren lässt. Diese Last an Bewunderung addiert sich zu unseren je 8 kg Rucksack (finden wir gut für drei Monate, wobei es ein bisschen geschummelt ist, der Eigner hat noch eine Schultertasche, in der sich Rechner und Reisebibliothek befinden). Lässt sich aber alles gut schulterrn, der Weg von der Wartehalle bis zum – Tuut! Tuuuut! – Gleis drei ist nicht weit. Amtrak schiebt im Nordosten viele Pendler hin und her, Washington und New York sind ja fast um die Ecke, an amerikanischen Maßstäben gemessen. Ab Richmond südwärts scheint uns der Schwerpunkt der Klientel aber mehr auf Familienreisen zu liegen, ein paar Kreuzfahrer kommen dazu, die in Miami ihr Schiff besteigen. Man stratzt zur nächstbesten Abteiltür, an der ein Schaffner auf Gäste wartet, der guckt auf einen handgeschriebenen Plan und sucht ein Loch für uns: „… nach rechts, linke Seite Nummer 15 und 16“. Fertig. Nix elektronisches Reservierungssystem. 17 Uhr 17. Der Zug – das Tuut! Tuuuut! Tuuuuut! wird uns jetzt 24 Stunden erhalten bleiben, denn an jedem Bahnübergang tutet’s –  rattert los, der Schaffner scannt von unserem Smartphone den QR-Code der Buchung (diese komischen Fleckenquadrate), verfällt aber sofort ins Altmodische, indem er einen Filzstift zückt, einen kleinen Zettel mit „FLD“ markiert und über unsere Sitze steckt – jetzt sind wir offizielle Amtrak-Passagiere bis Lauderdale und vor weiteren Kontrollattacken geschützt. Bisschen Gefummel mit der Sitzverstellung und ab geht die Eisenbahn, in die bald einbrechende Nacht hinein. Die 24 Stunden sind sicher „Mittelstrecke“, auf deren Zügen es keine besseren Sitze gibt, höchstens eine Liegekabine zum dreifachen Preis. Urteil: geht (ganz gut, sage ich, der Chef verbiegt sich trotz viel Beinfreiheit ein bisschen die Knochen; so ein dämliches nierenförmiges Kopfkissen, wie es dieser Tage an jedem 2. Rucksack baumelt, wäre vielleicht doch nicht schlecht). Ob man in Ost-Westrichtung bessere Liegesitze kriegt? Wir werden sehen… Gegen Luftzug holen wir unsere Pareos und eine dünne Fleecedecke raus, das reicht aus, der Zug ist unamerikanisch moderat gekühlt. Irgendwann essen wir von unserem „mitchebrachten Pickerd“, nämlich die vorletzten Deltavillebrötchen, daddeln noch ein bisschen im Zug-Wifi und versinken im Schlaf. Zum Sonnenaufgang in Jacksonville gleißt durch das leider schmutzige Abteilfenster schon die Floridasonne – das wird mit einem Kaffee aus dem Snackbarwagen gefeiert, und den allerletzten Brötchen. Während wir lesen und und das Bord-WiFi weidlich nutzen – youTube und WhatsApp erlauben zum Beispiel einen transatlantischen Austausch über Chattanooga Choo Choo und andere musikalische Amerikanismen – dreht der  Zug eine üppige Schleife durch Zentralflorida und die Westküste und ist nach genau 24 Stunden, auf die Minute pünktlich am Ziel (nicht nur die DB hat einen schlechten Namen, dem sie nicht immer gerecht wird! Auch auf Amtrak wird geschimpft). Bus in die Stadt, kurzes Umsteigen am Breeze-Terminal. Kostet alles wirklich wenig, nämlich einen Dollar pro Bus und Nase. Eine Brücke über den Intracoastal Waterway öffnet sich – zu unseren Ehren vermutlich, damit wir mal mitkriegen, wie das ist, wenn Akkanauten da unten den ganzen Verkehr mit ihrem Durchfahrtbegehr aufhalten. Und dann ist es schon bald geschafft. Das etwas in die Jahre gekommene Seaclub Resort, direkt an der Strandpromenade (4-6spurig, klaro!) gelegen, nimmt uns in Empfang. Noch ein schickes Essen beim hauseigenen Italiener; wir verweisen auf unser Dasein als Backpacker und das damit einhergehende Budget, sehr zum Leidwesen des trinkgeldheischenden Kellners… und „plumps“. Koje. Nicht wirklich. Zwei wahrlich königliche Queensizebetten stehen zur Verfügung. Wir haben Urlaub!

Was tut der brave Urlauber? Natürlich. Geht shoppen. Der Eigner war ohne die ausgelatschten Trekkingsandalen angereist, und ohne Ersatzbermudas, das ergibt am Sonntag nach ausgiebigem Marathon-Gucken zuerst einen Gang zur Galleria-Mall (Ecco-Schuhe, European Design ist immer noch „in“, trotz Donnies „tariffs“) und eine kurze Busreise zur Sawgrass Hill Outlet Mall. Wie das in den USA so ist: x Kilometer und 80 Minuten „kurz“. Kost‘ aber auch nur einen Dollar. Klarer Fall von „Transportwesen für die weniger begüterten Mall-Mitarbeiter“. Und für uns. Und kurzweilig dazu. Es ist am Sonntagnachmittag grauenhaft voll, der generelle Konsum- paart sich mit dem Schnäppchenwahn, aber Columbia hat die gewünschten Hosen – und ein Hemd für mich, was dazu führt, dass wir eine Gepäckrevision vornehmen und am Montag ein Päckchen mit Überflüssigem nach Hause schicken (meine überzähligen Socken wären, wie sich herausstellen wird, in einem schwülwarmen Klima, in dem nichts trocknet, so überzählig nicht gewesen, aber man muss auch mal kühne Entscheidungen treffen). 

Montag ist auch Hausaufgabentag, will sagen: Planungstag für die Weiterreise. Nicht so einfach. Die Flugangebote sind verwirrend, viele Direktflüge voll und mit jedem Tag näher am Abflug steigen die Preise. Auch ein Bus von San José nach Managua will gebucht werden, um bei der Immigration die Wiederausreise dokumentieren zu können, sonst lässt man uns gar nicht erst auf den Flieger – leichte Aufgabe, es gibt sogar einen Online Chat mit Tica Bus in San José.  Es wird ein Flug mit „Spirit“, auf ungepolsterten ÖPNV-Sitzen und vielen Extragebühren für Gepäck, Eincheckschlange, Getränke, Sitzreservierung. Atmen ist allerdings kostenfrei (makabrer Scherz – ein Passagier wird das Ziel nicht unbeschadet erreichen).  Ein Tagesausflug nach Miami beschert uns das Pre-Superbowl-Fieber, ein Riesenrummel am Strand von South Beach, aber wir können uns doch ausreichend an starken Muskelmännern und -frauen ergötzen, die sich dem Strand-Fitnesswahn hingeben. Und am Freitag sind wir in San José.

Und das fühlt sich gut an! Mittelamerika! Stadt-Chaos statt Walmart!

 

Faultiere

Eines von 6 Gesichtern. 3Zehen-Faultier, gerade auf dem Weg zum Klo. Geile Frise, oder?

Ciudad Quesada, Costa Rica, 8.2.2020

Lange nichts gehört, und wir sind schon so viel weiter gerückt: per Bahn von Richmond nach Lauderdale, von Lauderdale per Hartstuhl-Flieger nach San José, von San José nach La Fortuna am Vulkan Arenal.

Stadtferien Lauderdale sehr nett (amerikanisch), San José super prima Costaricanisches Stadtleben (echt „tico“). Und dann La Fortuna… ei, ei, ei. Es geht nix über Rafting, Abseiling oder extreme volcano hiking. Wir haben die Flucht angetreten und sind jetzt 4 Tage außerhalb von Internetreichweiten, die letzten Kilometer braucht’s sogar einen 4-Radantrieb.

Wir hoffen – das war tröstlich in Fortuna! – auf weitere Faultiere (außer uns…)

Where have all the pumpkins gone?

Grönland in Sicht! Schöön!

Deltaville, 20.1.2020

Kaum zurück in den USA tun sich wichtige Fragen auf. Zum Beispiel im Supermarkt, beim Gemüsekauf für den 8-tägigen Aufenthalt: wo sind all die Kürbisse hin, die wir im November noch überall fanden? Eindeutig – die müssen zum Thanksgiving Day verspeist worden sein, anders ist der Kürbismangel nicht zu erklären.  Also bereiten wir andere Suppen auf unserem (arxx)kalten Schiff. Erbse, Kartoffel, Möhre. Einzig die kleinen gelben Squash gemahnen noch an kürbisreiche Zeiten (Nebenfrage: die dicken Dinger waren auch in den Tropen mein Lieblings-Ausdauergemüse, monatelang haltbar. Wieso, wieso gibt es die hier nur im Herbst? Möglicherweise liegt es an der Region…). Vorhin habe ich mich vom Bett zügig in den Salon gewagt; die Bett-Schichtung beläuft sich auf Bettdecke, Sommerdecke, Fleecedecke, Bettdecke! Der Eigner hat eine Schicht weniger obendrauf, denn der liegt auf einer der Bettdecken, weil er das Gefühl hat, es zieht durch die Matratze… . Jetzt ist Kaffeezeit, der Heizlüfter tut, was er kann, und das ist nicht viel. Schichtung auf dem Salonsofa: 2 Fleecedecken. Selbstredend mit Wollsocken und dem dicksten der vorhandenen Fleecepullover.  Ganz ehrlich? Mittelmäßige Idee, im Januar hierher zu kommen. Dabei ist es gar nicht so abartig kalt, heute mal knapp unter Null, sonst eher drüber. Kürbissuppe wäre da nicht schlecht, mit „scharf“, das wärmt.

Neufundland

Wir sind am Dienstag von Hannover via Amsterdam nach Washington geflogen, alles prima, nette Verbindung: Kaffee zu Hause, zum Flughafen rollern, Abflug um 10:40 und – zack! – Washington. Für die Nacht – nach Passkontrolle und Gepäckaufsammeln ist es schließlich 1800 Ortszeit und „Mitternacht“ auf unserer inneren Uhr – ein Zimmer in Manassas, eine halbe Stunde südlich vom Flughafen, auch sehr nett.
Danach heim zur AKKA.

Das Marine Corps Museum

Ungeplanter Stopp: das „National Museum of the Marine Corps“ in Quantico; erst fahren wir dran vorbei, dann drehen wir um. Ich muss ab und zu an meine Mutter denken, die beim Anblick eines gequälten Pferdes beschieden wurde „… dann guck nicht hin!“. Ungefähr so geht es mir mit militärischen Angelegenheiten – aber meine Neugierde ist einfach zu groß, also: gucken. Schon der äußere Aspekt ist erschlagend. Der Komplex  sieht aus wie eine riesige Befestigungsanlage, die aus dem Hang wächst, umgeben von wehrhaften erscheinenden Betonkonstruktionen. Betonklötze à la „Panzersperre“ sind dekorativ (mit Betonung auf dekorativ, in strahlendem Weiß)  aufgereiht, das steil ansteigende Dach soll die Bewegung der Soldaten beim Hissen der Flagge auf Iwo Jima nachbilden. Heroismus pur. Der Empfang ist freundlich; wie überall wird man auch hier von Freiwilligen eingewiesen –  Bob ist sicher Mitte 80, Vietnamveteran, mit zwei Hörgeräten ausgestattet und scherzt ein bisschen herum; wo die Toilette ist, sei besonders wichtig in unserem Alter. Danach nimmt die Tour ihren Lauf. Für die, die’s nicht wissen: die Marines (auch „Leathernecks“) sind das Expeditionscorps der US-Armee, zu Lande, zu Wasser, in der Luft. Schon seit dem Revolutionskrieg sind das harte Kerle und seit dem zweiten Weltkrieg auch Kerlinnen. Der Museumsteil zur Historie ist noch vergleichsweise harmlos, danach sehe und höre ich mir zur Entspannung ein paar Tracks der United States Marine Band („The President’s Own“. Räusper.) an, während der Eigner in den Tiefen der Ausstellung verschwindet. Was nicht unbedingt zur Hebung meiner Laune beiträgt – die ersten Tiefschläge kommen für mich schon mit ein paar Marine-Werbefilmen im zentralen Gang.

… naturgetreue Darstellung rockt (die Kerle sind „echt“)

Dann erster Weltkrieg, besonders die Schlacht von Belleau. Einfach so, sehenden Auges ins gegnerische Feuer, und massenhaft. so grauenhaft, dass das Folgende überwiegend an mir abgleitet.
Die Ausstellung ist gewiss gigantisch und auch beeindruckend angelegt – im Zentrum ein ringförmiger Gang, von dem ein Labyrinth einzelner Kriegs- und Schlachtdarstellungen abzweigt, teils mit Originaltondokumenten,  oder es vibriert der Boden unter den Füßen vom Gefechtslärm. Mich graust wirklich. An der Originalflagge von Iwo Jima (WW2, Pazifik) lasse ich mir vom zuständigen Veteran die Verluste erläutern. Noch gruseliger. Ich bin wirklich deprimiert, lege eine Pause ein und lande in der Eingangshalle; da wird gerade eine junge Frau befördert, oder dekoriert?! Irgendwas mit Familie und ihrem Platoon und viel Begeisterung. Und Stolz. Eben Heroismus auf höchster Ebene.
Korea ackern wir wieder gemeinsam ab, jetzt wird es politisch merkwürdig – vom heißen antikommunistischen Krieg in den kalten; dazu nukleare Bedrohungsszenarien, Täuschung hin und her, aber kein noch so geringer Zweifel am rechten Tun der Marines. Die alte Tradition, Leute ins Feuer zu schicken, siehe Belleau, scheint ungebrochen erhalten, auch im Ausstellungsteil „Koreakrieg“ wird die halsbrecherische Einnahme von Incheon bejubelt.
Kommt Vietnam… und ein Volunteer. Noch ein Bob. Urdeutscher Nachname, 30 Jahre Marine Corps, plus ein ganzes Leben, das sein Vater dort gedient hat, plus die Dienstjahre der Kinder, Sohn, Töchter… Wir geraten ins Schwadronieren – dass wir ziemlich unterschiedlicher Meinung sind, was die Berechtigung der Amerikaner angeht, bei allem und überall zu intervenieren, ist schnell klar. Und wir kriegen es auf’s Brot geschmiert… dass die Amerikaner Einsätze nur aus uneigennützigen Motiven machen. Wir fragen nach Kuba, und warum ein Land, das am Boden liegt, dringend noch mit Füßen getreten werden muss. Wie weit die Bedrohung geht, die von Kuba ausgeht?! Und sind beim Kommunismus. Amerika selbst sei gar nicht bedroht, dazu ist es zu groß, aber… Und bald sind wir bei den berühmt-berüchtigten Nato-Beiträgen der Europäer. Wir müssen begreifen, dass Amerikaner uns Europäer bis heute beschützen, für viel Geld, nur damit wir unsere kleinen, sozialistischen Planspielchen durchführen können. Schmarotzer (sage ich, sagt nicht Bob). Der amtierende Präsident jedenfalls will nur zwei Sachen: keinen Krieg (kann höchstens mal passieren, huch!), und vor allem nur das Beste für die USA (Kohle). Genau. America first. Dachten wir’s doch. Drum sind internationale Vereinbarungen auch völlig nebensächlich. Wo soll man bei Betonköpfen anfangen?!
So der verkürzte Gesprächsinhalt. Wir sind  auf beiden Seiten ganz ruhig und gefasst, und vor allem sind wir uns einig, dass man reden muss. Viele Argumente fallen uns leider erst bei der Weiterfahrt ein.  Ich verleibe mir zum Thema Iran gerade „All the Shah’s Men“ ein. Lesen bildet!

Heute ist eine Aufenthaltswarnung für unsere Provinzhauptstadt ausgegeben – in Richmond findet eine Versammlung zum 2nd Amendment statt, und die militanten Waffenbesitzer haben zum Widerstand aufgerufen: es sollen die Grundrechte der Amerikaner geschmälert werden, zum Beispiel soll man nur noch 1 Waffe pro Monat kaufen dürfen. Und die Backgroundchecks… ganz schrecklich. 
Dazu fragt Andreas gerade im Bezug auf den Blogtitel: „… where have all the pump guns gone?“  und ich: … when will they ever learn.

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* für die Interessierten: die Ausreise aus dem USA hatet gut geklappt, auch ohne Stempel ist man (sofern alles normal läuft) als „ausgereist“ registriert, also gab es bei Wiedereinreise ohne Mucken die üblichen 6 Monate Aufenthaltserlaubnis. Zolltechnisch wurden wir lediglich knapp befragt, das macht CBP in einem Rutsch –  Ofenbleche, Kleinteile für’s Schiff, Fahrradnaben? Alles easy.

Hurra, hurra!

Winter in Deutschland. Im Miniaturwunderland in Hamburg…

Berlin, 29.12.2019

Das Hurra gilt nicht nur dem anrückenden neuen Jahr, sondern auch der Tatsache, dass ich nach einigen, spannenden Tagen wieder Zugriff auf den Blog habe. Das Leben im Internet ist immer für ein bisschen Spannung gut.
Jetzt können wir uns wieder voll darauf konzentrieren, unsere diversen Erkältungen (Schipperin leicht verschnupft, Eigner mehr „Seelöwe“) zu pflegen und noch ein bisschen Berliner Luft zu schnuppern.

Wir wünschen allen freundlichen Lesern ein glückliches Neues Jahr!