Traditionsschiffe, Henry und Fish&Chips

Harbour Light Fish&Chips

… und immer gerne Gaffelsegler!

Falmouth, 9.8.2022

Da dümpeln wir also im Tidenstrom: im Schatten des Kriegsschiffes „Argus“. Vor uns liegt, manchmal auch dahinter, der alte Gaffelkutter Greyhound. Andere Traditionssegler, Cornish Cutter und so, dümpeln wechselnd ringsum, sowie die modernen Freizeitsegler, die uns mächtig auf die Pelle rücken; frech (ayy! Die Franzosen!) – dabei sind wir hier die Platzhirsche. Seit letzten Mittwoch geht das so – und gestern haben wir  das 6. Ankermanöver gefahren. Es ist zu Zeiten ein bisschen eng hier in Falmouth, noch dazu haben wir die Rennwoche für den Aufenthalt erwischt, vielleicht sorgt das für noch mehr Auftrieb. Was macht der Segler da? Verzieht sich ganz an den Rand des Feldes, wunderbar ruhig, nur um aufgescheucht zu werden, wenn von der Pier ein großes Berufsschiff ablegen will. Macht nix. Da der Ankergrund gut hält, ist umankern leicht und tragen wir es mit Fassung. Mitten im Feld zu liegen kann außer der Enge durchaus auch andere Nachteile haben: ein freundlicher Brite riss vorige Woche den Anker der Shakti aus dem Grund und zusammen – die Shakti-Crew war gerade auf Landtour nach Land’s End… –  gingen sie auf Reise, bis sie gemeinsam an einem Motorboot am Ponton hängenblieben. Böse Überraschung.

Falmouth. Touristenflut (ab 17:00 ist Ebbe!)

Ansonsten? Nichts zu meckern. Das Wetter ist unbritisch sonnig, das hat die Stimmung nach der grauen Anreise ungemein gehoben. Landwärts, über einem uralten kleinen Hafenbecken für Fischerboote, bappen die Häuser des alten Falmouth am Hang, sehr idyllisch. Ein bisschen erschreckend für uns ist die Besucherdichte – wir hatten einen kleinen Fischerhafen erwartet, das war naiv, denn schon die 600 Mooringbojen für Segler und Motorboote den Fluss entlang deuten auf einigen Freizeitverkehr. Aber die Stadt ist auch voller fußläufiger Briten im Ferienmodus, und ich frage mich, was für Geschäfte wohl früher auf der Market Street angesiedelt waren, wo sich heute die Restaurants und Souvenirshops reihen; bestimmt Bäcker und Schlachter und Gemüse- und Fischhöker. NIchts mehr davon da für uns, nur ein TESCO Express.  Aber wir wollen uns nicht beschweren: das Angebot verlockt dazu, Flat White zu schlürfen und Victorian oder – hui! Moderne Zeiten! – Zucchino Sponge Cake zu schlotzen. „High Tea“ mit Scones, Clotted Cream und Jam gefällig? Im kleinen Thailaden um die Ecke lässt sich ein Abendessen trefflich genießen.

Zurück zu unserer Ankunft in England, noch im tiefen Grau: vor Coverack legen wir eine Nacht vor Anker ein, die gelbe Flagge unter der Saling, zugegebenermaßen nicht das geradlinigste Zollverfahren. Der Brexit hat für nicht-Briten eine ordentliche Einklarierung als Folge, aber das haben die Briten kommod gelöst: schon in der Azoren hatten wir das Einklarierungsformular heruntergeladen und ausgefüllt, als Exceldatei (die Alternative ist ein bisschen weniger kommod, nämlich als PDF, das man in einen Umschlag stecken und per Schneckenpost versenden soll. Also, so was!). Am Morgen nach dieser Absackernacht – es tut so gut, mal wieder durchschlafen zu können!  Ohne Wachwechsel! –  zeigt der Himmel schon Silberstreifen, die Hoffnung auf Wetterbesserung stirbt bekanntlich zuletzt. Wir senden das Einklarierungsformular an den Zoll, hieven den Anker und schieben uns bald durch die zunehmende Zahl an Freizeitseglern – für die schisserige Schipperin wirklich anstrengend. Ich fürchte mich jetzt schon vor der Kieler Bucht! Aber siehe da, als der Anker in Falmouth Harbour fällt, klart es richtig auf. Schnell einen Anruf bei der „Yachtline“ lancieren – wir haben ein bisschen Telekom-Verbindung, denn die Telefongesellschaften haben sich geeinigt, dass die Europa-Roamingregeln auch nach dem Brexit noch eine Weile gelten. Das Gespräch ist superfreundlich und sehr effektiv, schnell sind wir mit den Zollangelegenheiten durch. Können wir die Quarantäneflagge runter…?  Neiiin! „Since you are Germans you have to do immigration first!“ Ach, ja… Nächste Rufnummer. 7x klingeln, dann Besetztzeichen. 1mal. 2mal. 10mal. Rückruf bei der Yachtline – ist die Nummer falsch? Nö. Vielleicht ein bisschen zu beschäftigt. Aber man kann auch direkt in Plymouth anrufen. Das tu ich und treffe auf einen eher muffigen Beamten, der zunächst an eine falsche Nummer weiterverweist, nämlich an einen Survey-Desk, wo man eine Bewertung für die Immigrationdienste abgeben kann, witz, witz. Nochmaliger Rückruf dort und damit die ultimative Alternative: ruf doch mal die Yachtline an. Toll. Da kommen wir gerade her. Um 16:30 geben wir auf. Akka ist drin in England, wir noch nicht. Tags drauf verläuft alles relativ rasch, kurz telefonisch durch die Personendaten, dann den ganzen Sums nochmals per eMail an das „Home Office“ senden, eine letzte Rückfrage bezüglich der Geburtsdaten beantworten – schon sind wir drin (was eigentlich, wenn ein einreisendes Boot keine Internetverbindung oder Mobiltelefonie aufweist?!). Egal. Flagge Q runter, Union Jack rauf! Ich singe zu Ehren der alten Queen die Nationalhymne (Rule Britannia ist mir zu nationalistisch).

Pendennis Castle

Kanonen in alle RIchtungen

Kanonen in alle Richtungen

À propos alte Queen. Über Falmouth erhebt sich Pendennis Castle, das dürfen wir natürlich nicht auslassen. Am Beginn es 16. Jahrhunderts fürchteten sich die Tudors vor Spaniern, Franzosen und dem „Heiligen Römischen Reich“. Das hatte seinen Grund unter anderem in der Ehe-Politik von Heinrich dem Achten; wegen Mangels an männlichen Nachkommen wollte er bekanntlich die Ehe mit Katharina von Aragon, der höchst katholischen, annullieren lassen. Die war aber leider gut im Katholischen vernetzt, Kaiser Karl, der Papst und andere, kurz: das Ansinnen brachte die katholische Welt gegen ihn auf. Heinrich ließ also eine Befestigung an der Mündung des Flusses Fal bauen (daher auch „Fal Mouth“. Pendennis ist übrigens, wo wir schon bei Sprachen sind, eine Verballhornung von Cornisch „Pen Dinas“ , Befestigung der Landspitze. As simple as that.). Die vielen Frauen Heinrichs erfuhren bei unserer Besichtigungstour allerdings keine Berücksichtigung  Fazit: die waren eigentlich, bei aller turbulenten Religionspolitik und den vielen, auch männlichen Köpfen, die in diesem Zusammenhang rollten, total egal. Ach, hätte doch nur eine mal einen männlichen Nachkommen serviert! Aber nein. Ehefrauen sind prima Verbrauchsmaterial.*
Dafür ist die Befestigungsanlage beeindruckend und war sicher auch effektiv, Kanonen weisen in alle Richtungen, jahrhundertelang, von Elizabeth I. über anti-Napoleonische Zeiten bis in die Weltkriege – diese südöstliche Ecke Englands ist sehr exponiert. Von den Zinnen des Wehrturms aus sehen wir in der Ferne einen Tanker liegen – das ist bestimmt ein Spanier oder Franzose, und man ist versucht, Henry eine warnende WhatsApp-Nachricht zu schicken. Was wohl der alte Heinrich zur modernen Europapolitik gesagt hätte? Alles eins!  Wie schrecklich, und sehr verständlich, dass England da nicht mitmachen kann. Ungefähr so. Eine lohnende Besichtigung!
Aber was tun die Akkanauten abschließend? Lassen sich auf einen Caféstuhl sinken, vergleichen rückwärts und finden, dass Brompton Hill Castle auf St. Christopher in den Antillen noch interessanter war. Verwöhnte Bande!

Abends sitzen wir mit der Crew der EMMA bei Fish&Chips, letztere leider nicht in Zeitungspapier gewickelt, wie es die Tradition verlangt, sondern sehr gesittet auf Porzellan in dem F&C-Restaurant der Stadt. Wir können zwischen Colin und Henry wählen, Cod oder Haddock (Spaß auf der Speisekarte muss sein!). Ganz lecker. Siehe oben, verwöhnte Bande! Fish&Chips sind erst einmal abgehakt, bis uns die richtigen in Zeitungspapier unterkommen. Aber da die Emmas ausgesprochen nette Gesellschaft sind, genießen wir den Abend unterm Strich sehr. Langzeitreisende treffen auf Atlantikrundensegler mit, wie wir hoffen, weiterführenden Ambitionen. Wir können unsere Art zu reisen immer nur empfehlen und werben ausgiebig.

Heute Nachmittag bekommen wir übrigens Besuch: die Red Arrows werden Falmouth überfliegen. Hm. Muss das? Aber bei der Race Week wird an nichts gespart. Außer am Wind.
Auf den warten wir jetzt, denn es uns weht eher entgegen aus und auf dem Kanal. Mal gucken, ob wir ein Flautenloch nutzen und Richtung Isle of Wight tuckern. Verglichen mit den Red Arrows wäre der Kraftstoffverbrauch gering. Aber Falmouth im Sommer ist auch nicht schlecht. Wir lassen es Euch wissen, wann es weitergeht!

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* … natürlich hatte es einen männlichen Erben gegeben, das war Edward der Sechste (1547-1553), Sohn von Jane Seymour, die aber im Kindbett verstarb. Seine Halbschwester Mary wurde die Nachfolgerin, gefolgt von Elizabeth (zwischendrin gab es noch eine Cousine als 9-Tage-Königin, die der Mary zum Opfer fiel. Nett, diese Tudors).
Gar so „mörderisch“ war die Ehepolitik gar nicht: 2 annullierte Ehen (Katharina von Aragon und Anna von Kleve), 1 natürlichen Todes gestorben (Jane Seymour) und eine, die ihn überlebt hat (Catherine Parr) . Nur 2 geköpfte Ehefrauen (Anne Boleyn und Catherine Howard; paar Kollateralschäden dazu), Henry war wohl doch ein gutmütiges Kerlchen.

Very British!

Unterwegs nach Falmouth, 29.7.2022
… der graue Himmel ist es, der so British erscheint. Battleship Grey, um in Kategorien klassischer Autolacke zu sprechen, und das schon seit Montag, an dessen Nachmittag unseren Driftplatz verlassen und wieder auf Kurs gehen (und, was soll frau sagen, uns beiden geht kurz durch den Kopf, ob der Anker klar ist! Schwieriges Ankeraufmanöver mit 1.500 m Kette.)
Von der Woche gibt es außer der Himmelsfarbe (und gegebenenfalls Menulisten) wenig zu berichten. Das Wetter ist sehr „milde“, was bei aller Windarmut den Charme hat, dass der Segler sich um dickes Wetter wenig Sorgen machen muss. Nur einmal – am Morgen nach dem Drifttag – verschwinden unsere Elektroniksachen im Backofen. Wetterwelt hatte für 9 Uhr mit Gewitter gedroht, und zack: 09:00 – grummel, grummel. Dauerte in der Tat auch nur die vorhergesagten 2 Stunden an, und schien mehr Höhengewitter zu sein. Mit der EMMA, die ungefähr 1 1/2 Tage vor uns her fährt, funken wir neuerdings abends, was mich vor alte neue Aufgaben stellt: es hat ein wenig gebraucht, bis ich gemerkt habe, dass ich auf nur einem Drittel der Sendeleistung stehe (als ordentliche Winlink-Funkerin muss das so!). Hatte ich schon mal über Satellitenkommunikation gemeckert? Ich glaube ja, oder?! Geht weiter so, oder zumindest bleibt es verwirrend, also texte ich den in Wacken (?) befindlichen Neffen an, ob er unsere Position sieht. Die Antwort war ein bisschen „Wacken“, mit den Zahlenfolgen hat man es auf Metal-Festivitäten wohl nicht so, aber immerhin: ja doch, er sieht sie! Hurra! Und: im letzten Blog gab es einen Nachsatz dazu, und es ist doch nett festzustellen, dass das gelesen wird – gestern Abend trifft ein Text ein von Helena Neal auf „AMALIA of LONDON“. Helena ist Betreiberin von Noforeignland, und bestätigt, dass die Positionen alle 4 Stunden frisch im Netz stehen. Ist das Service?! Ist es. Wir hätten dort viel früher anschließen sollen – liebe dauersegelnde Mitleser, schaut es Euch an. www.noforeignland.com . Lohnt sich! VIel Nützliches! Noch 500 Meilen bis Falmouth. Mal schauen, wie British es da ist!
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Uuund… Windstille

43°51N 25°43 N. Unterwegs nach England, 25.7.2022
Tja. Unterwegs… Schon. Wir driften mit 0,2 bis 0,8 Knoten ungefähr in die richtige Richtung. Könnte schlechter sein – das einzige Erlebnis dieser Art auf unserer langen Reise war die erste Passage nach Neuseeland – da mussten wir uns die 25 Meilen, die wir in Richtung der Kermadecs zurückgetrieben waren, wieder neu erarbeiten, als der Wind endlich aufkam.
Gestern gab es Post von der Wetterwelt, und die macht uns wenig Hoffnung auf frische Winde, die uns nach England tragen können – dieser Trip kann also durchaus noch dauern. Maßnahme 1: wir haben den Motor abgestellt und sparen uns den Dieselvorrat auf, um gegebenenfalls nochmal 1 oder 2 Tage Richtung Falmouth schieben zu können. Maßnahme 2: AIS- und Radaralarm aktivieren, damit sich die jeweilige Wache einen Schönheitsschlaf leisten kann. Die See ist mittlerweile spiegelglatt, nur eine alte Dünung wiegt uns ein bisschen. Geräusche? Ohrenbetäubende Stille, nur unterbrochen vom Patschen des Wassers in den Cockpitabläufen und in der Küchenspüle. Und ruhige Atemzüge aus dem Salon – der Eigner hat Freiwache. Gelegentlich knatscht es aus dem Rigg, wenn eine Welle uns rollen lässt, und die Flasche mit kaltem Tee neben mir auf dem Cockpitboden rutscht gegen die Wand. Bopp!
Bald ist Frühstückszeit. Mit rationierten Eiern. Man muss die Feste feiern wie sie vor sich hin dümpeln! Bis demnächst!
PS: ich hoffe, das Tracking auf Noforeignland ist wieder da – Janine, SY EMMA, ungefähr 150 Meilen voraus, konnte per SMS die fehlenden Daten beisteuern. Danke! Ich schimpfe auch nicht mehr über schlechten SMS_Empfang (nur manchmal. Denn: Iridium Go! und die Schipperin. Zwei Welten…)
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Noforeignland und so

Unterwegs nach England, Tag… 4. 24.7.2022
Noch ein sich sehr mühsam nährendes Eichhörnchen ist das hier. Wenig Wind, gar kein Wind… Die Wetterwelt verheißt nicht viel bessere Verhältnisse für die nächsten Tage (oder länger). Ich fange schon mal an Eier und Früchte zu rationieren.
Leider ist mir bei dem Gebastel mit diversen Rechnern das Tracking für noforeignland abhanden gekommen. Im Moment müsste das Tracking wie durch Wunderhand bei PredictWind.com erscheinen (eine automatische Grundeinstellung) – aber ich weiß noch nicht, wie man oder frau das aufrufen kann. Ich hoffe, die EMMA, die 120 Meilen vor uns läuft, weiß Bescheid und kann mir das Geheimnis enthüllen.
Also: wir sind noch hier, dödeln durch die Flaute und versuchen, das Tracking wieder in Gang zu bekommen.
Gruß von unterwegs.

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Beschaulich war’s

Porto Pim. Wirklich beschaulich

Horta, 21.7.2022

Lebenszeichen von den Azoren:
Wir haben die Zeit dahingehen lassen. Die Azoren sind ein schönes Fleckchen Erde, das Klima ist – zumindest jetzt im Sommer – angenehm. Während Festlandseuropa unter Hitzewellen stöhnt, geht hier alles moderat zu, und der Rhythmus ist gemächlich. Am Abend setzt sich der entspannte Segler gern an die uralte Hafenmauer von Porto Pim,

Treib(t)gut. Auf nach Europa, wie so viele.

wo die Taberna de Pim nette Sachen serviert. Zum Beispiel einen mit Kardamomkapseln, Minze und Sternanis aufgepeppten Gin Tonic , gefolgt von allerlei leckeren Schweinereien, von Tunfisch über geschmorte Blutwurst bis gebratenen Oktopus. Danach rollt es sich gleich doppelt so gut hinüber an den Hafen von Horta.

Pottwal. Das sind zwei, Kalb und Mutter (oder Tante)

Golfinhos. Die Verrückten unter den Delfinen

Nicht widerstehen konnten wir den Angeboten der Whale Watcher, und so sind wir vorgestern dann doch noch in den Genuss gekommen, ein paar Pottwalen beim Ruhen-Atmen-Schnaufen-Tauchen zuzuschauen. Viel zu sehen ist da leider nichts. Die  Delfine – gepunktete und gestreifte – sind da ungleich unterhaltsamer, aber so ein kleiner, neugieriger Baby-Pottwal (ab 6 m aufwärts), der auf das Watcherboot zuschwimmt, ist schon sensationell.

Und nun?
Gleich geht es los, wir heben den Anker und segeln nach England. Spannende Strecke noch einmal.
Bis demnächst von unterwegs.

Horta!

Akka und ihr Freund Pico

Horta/Azoren, 3.7.2022

Nach einer Woche auf Faial ist es wohl an der Zeit, sich mal kurz zu melden.   Schön finden wir es hier. Eine echte Urlaubsinsel – stramme Waden, Wanderstöcke und Segler, Segler, Segler. Mehr als wir dachten, die Hafenmauern sind mit 3er und 4er-Päckchen belegt.  Egal wo diese Segler herkommen, sie haben sicher ein bisschen mehr Blau- und Grünwasser hinter sich gebracht als die schlichten, wenn auch langen Transozeanstrecken auf der Barfußroute. Wir haben es ja zu kosten bekommen.

So richtige Jubelgefühle stellen sich am Freitagmorgen nicht ein, aber wir sind sehr froh, angekommen zu sein. Ein bisschen räumen, ein Getränk bei „Peter Café Sport“, ein langer Nachtschlaf. Am Sonnabend bemühen wir uns um Internetverbindung, und damit kommt der Tiefschlag von Floras aus Hawai’i: „Die Escape ist verunglückt! Meldet Euch bitte!“  Uns wird ganz kalt – was ist passiert? Mit Annelie und Volker haben wir in Bermuda Spaß gehabt, wir haben im Scherz vereinbart, dass wir für eine Panamakanalpassage gern als Linehandler einfliegen. Wir laufen gemeinsam aus Bermuda aus, wir nach Nordosten, Escapes in Richtung Kanada, Prince Edward Island ist ihr Ziel. Wir winken und funken hinterher. Das Leben hat allerdings manchmal schreckliche Wendungen in petto: bei extrem schlechtem Wetter im Golfstrom werden beide bei einem grauenhaften Unfall tödlich verletzt, die Abbergeaktion der US Coast Guard überleben beide nicht mehr. Das alles ist so unfassbar, dass wir wie betäubt sind.  Das schlechte Wetter ist das Tief, vor dessen Südostkante wir nach Osten ausgewichen sind – mittlerweile sind weitere Yachten hier eingelaufen und berichten Dramatisches zu den Seegangsbedingungen und zum Wind auch in Richtung Azoren. Unsere Gedanken gehen immer wieder zurück zu den beiden. Schrecklich, wirklich entsetzlich. Völlig unbegreiflich.

Basalt mit weißer Deko.

Und das Leben? Macht derweil „business as usual“. Wir schließen uns zögernd an; wir sind aber ohnehin ausreichend und nachhaltig kaputt. Wir traben durch eine kleine, portugiesische Stadt, Basaltpflaster mit cremefarbener Deko. Kirchen und Klöster aus dem 16. Jahrhundert. Das Leben ist vergleichweise preisgünstig – wir wundern uns manchmal, ob auf Rechnungen nicht irgendetwas vergessen wurde. 2 Milchkaffee mit einem Vanillepastetchen? 3,10 €. Undenkbar in den USA/Bahamas/Bermuda (in genau dieser Reihenfolge steigen die Preise).  Wie schön es hier ist, das lernen wir gerade neu zu schätzen. Morgens früh häufig nebelig-nieselig, am Nachmittag klart es auf und mit Glück schaut der Pico, seines Zeichens Vulkan auf der gleichnamigen Nachbarinsel, durch die Wolken. So wie im Bild unten. Wir haben nämlich unsere letzte Hafenmauer-Marke hinterlassen, hier noch in der Vorschau. Der Eigner bringt gerade die letzten feinen Striche an. Die erste war 2007 in Porto Santo – eine Akka, die gerade abhebt und keck über die Schulter schaut. Wie Ihr seht, landet sie jetzt. 15 wunderschöne Jahre später. Wir sind wirklich dankbar, dass uns das so beschieden war.

Das Akka-Gemälde und der Pico

The List

Unterwegs nach Horta, 23.6.2022. Tag… hmm. 15.
Frühstück im Cockpit. Das vorletzte, wohlgemerkt, denn morgen, Freitag, werden wir ankommen. Noch 150 Meilen sind es ungefähr. Das Unterhaltungsprogramm zum Rührei besteht aus des Eigners Vortrag aus dem Logbuch, und es ergibt sich eine zentrale Frage: wie lange dürfen wir eigentlich auf den Azoren bleiben? Es hat sich einiges an Kleinscheiß angesammelt, von der verstopften Duschwasserpumpe (wie schade, dass ich kein Mikroskop an Bord habe, das müssen Bakterienfäden sein!) über Genakerreparatur bis Kühlwasserkreislauf auf Blockaden prüfen. Kann uns jemand raten, ob „Leuchte in der Segellast ausschalten“ auch auf die Liste muss? (Die brennt sicher, seit wir in Bermuda die Fock rausgeholt haben). Egal wie: das würde den Kohl bei der langen Liste auch nicht mehr fett machen, und der Eigner schließt den Vortrag treffend mit den WOrten ab: „…die alte Liste existiert ja auch noch!“. Die Bordfrau hat ein paar Lieblingsaufgaben zugewiesen bekommen: dem Eignerrechner den Mailverkehr über das Iridium beibringen, überhaupt das Iridium Go! auf den Umfang der Funktionalität prüfen (sie flucht jetzt schon!) und das allerbeste: sau-ber ma-chen!! Ich glaube, dass bestimmte Seegangsbedingungen bisher versteckte Staubquellen frisch aufwirbeln, das Zeug fein verteilen und mit Salzspray an die Wand pappen. Und überall diese Patschen-Abdrücke vom Festhalten im Seegang. Das wird eine Freude! Nein, ich kann das nicht unterwegs machen, wenn einen die Welle völlig unberechenbar von einer Ecke in die andere wirft. Das Kochen, gerade auf Steuerbordbug wie in den letzten 3 Tagen, ist Strafe genug. Eine späte Entdeckung unserer langen Reise: wieder verwendbare Silikon-ZipLocks eignen sich hervorragend als „Mise en place“-Behältnisse. Nichts ärgerlicher, als wenn die mühselig in Würfelchen geschnittenen Zwiebeln sich frei in der Galley verteilen. (Die Verkleinerungsform ist beim Kochen im Seegang eher verfehlt).
Dennoch: ich habe der to-do-Liste als Kringel zum Abhaken ein Tourismusprogramm hinzugefügt: Faial angucken! Ein Hafenmauergemälde anfertigen! Und der Horta-Klassiker: Gin Tonic in Peter’s Sports Café. Oder so etwas in der Art, das vielleicht über ein Glas Wasser hinausgeht. Ich meine mich zu erinnern, dass die LopTo dieses Ereignis zeitnah an die Ankunft geknüpft hatte – das werden wir zu vermeiden wissen, denn im Überschwang des „we made it“ fällt das GT-Zählen schwer, und anschließend verschwimmt der Unterschied zwischen „Landgangsbehinderung“ und alkoholbedingten Schlangenlinien.
Aber erst einmal werden wir in Quarantäne gehen, und die zu verbringen wird uns leichtfallen. Mit SCHLAFEN!
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Vom Eichhoernchen

Unterwegs zu den Azoren, 20.6.2022. Tag 12.
Es stampft, es hackt, Akka wühlt. Bei sehr (sehr!) moderater Geschwindigkeit. Wann haben wir je so lange am Wind gelegen? Noch nie. Der Weg an der und um die Südostseite des neulich erwähnten Tiefs plus Randtief war mühsam. Hohe Welle plus eine ordentliche Tüte Wind, glücklicherweise eher Halbwind. Geschafft, jetzt schleichen wir am Westrand des Hochs über den Azoren nordostwärts – das wird ein lustiger Knick in der Kurslinie, wenn wir bei 41 Nord quasie zurückfahren.. Die Kommunikation gestaltet sich weiterhin schwierig, und es ergeben sich immer wieder Putzigkeiten, aber immerhin haben wir unseren Frieden mit den ECMWF-Vorhsagen über Predict Wind gemacht. Da schaut der geduldige Segler drauf, rätselt und tentert sich einen möglichen Kurs aus – ein Kurs, der nun definitiv nach Horta führt, denn das Eichhörnchen, das sich so mühsam nährt auf diesem Törn, ist schon ganz schön schlapp. 3 Tage weniger auf See wäre eine Erleichterung, zumal der Weg nach Falmouth druckgebietstechnisch auch nicht ganz klar ist – weitere Mühsal? Erst mal nicht, danke! Wir mühen uns durch die Wachen, probieren auch mal andere Staffelungen – 2 zentrale Schichten à 4 Stunden zerhauen aber irgendwie den Tagesrhythmus, also kehren wir zu den gewohnten 3-Stunden-Wachen zurück und verkneifen uns mitleidgesteuerte Schlafgeschenke. Ein Jammer, einen weit entrückten Eigner mit einem munteren „Hallo! Mitternacht!“ aus dem Tiefschlaf zu holen (funktioniert sowieso nicht, er trägt Ohrstöpsel – da muss frau schon handgreiflich werden). Wenigstens handelt es sich um eine Dösewache mit gelegentlichem Rundumblick und Radarkontrolle. Das wird noch ein paar Tage so gehen, wenn wir Glück haben, sind wir am Freitag da. Gebiet der Windstille inklusive, und zuvor eine gute Portion „Hack“ auf dem anderen Bug. Delfinkurzweil ist leider selten, dafür treiben Massen an Portugiesischen Galeeren vorbei. Ein paar Sturmtaucher führen Flugkunststücke vor. Die Tropikvögel haben wir längst hinter uns gelassen (man könnte die zunehmende nördliche Breite auch am Riggen einer zusätzlichen Bettdecke ablesen).
Noch ein paar Alltagsanmerkungen: Du schickst eine SMS und der Text ist weg, obwohl es einen positiven Quittungston gibt? Dann hat der Router das System mal kurz auf „Herstellungsdatum“ gestellt. Muss frau auch drauf kommen. Nachbar Fabian aus Wien berichtete vom Weg zu den Bermudas, dass seine Herdaufhängung durchgekracht ist – haha! Das kennen wir: Cocos Keeling-Rodrigues, Oktober 2015, und es lässt uns grübeln. Vielleicht ist es doch nicht so gut, den Herd die ganze Zeit schwingen zu lassen, wenn der schwere Wok darin gestaut ist. Brotbacken im gusseisernen Wok ist die bewährte Methode, nur ist das Stauen des (langfristig heißen) Wok bei dem Gehämmer sehr mühselig. Also stellt die Schipperin um auf „Edelstahlpott“ als Form. Ergebnis: ein deutlich blonderes Brot. Nicht schlecht, aber spätestens in Horta gibt’s wieder Gusseisen. Ach, und unser Telefonvorrat schwindet zusehends: ein Telefon erleidet einen leichten Seegangsschaden und lässt sich nicht mehr einschalten, das andere (mein US-Burner aus 2019) ist zwar kaum abzulesen, aber immerhin liefert es noch Hörbücher für die Nacht. Carl Moerck und Commissario Brunetti lassen grüßen. Das amerikanische Motorola liefert mir noch ein paar Stunden Hoaxilla und Dan Carlin’s Hardcore History (empfehlenswert: „Blueprint for Armageddon“. Die Deutschen und der erste Weltkrieg). Ihr seht: für Unterhaltung ist gesorgt. Und morgen muss das Eichhörnchen mal wenden. Es nährt sich wahrlich mühsam, aber wir sind dennoch guter Dinge.
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Passagealltag

Unterwegs zu den Azoren, Tag 7. 15.6.2022
Frühe Morgenstunde. Die Sonne ist schon eine Stunde zugange, ich habe 05:03 Bordzeit/Bermudazeit für den Aufgang notiert, es wird wohl Zeit, die Bordzeit der erreichten Länge anzupassen – das ist jetzt so ungefähr 49° West, und noch knapp 1000 Meilen nach Horta. Das ist ein ziemlich wildes Wettergefrickel hier und im Moment laufen Diskussionen, ob Horta überhaupt erreichbar ist: ein dickes Hoch stellt sich uns in den Weg und beschert uns schlecht überwindliche Gegenwinde. Mal gucken. Alternativ bieten sich eigentlich nur der Englische Kanal oder A Coruna in Spanien als Ziel an.
CHronologisch: am Montag, 6.6., kam Alex in St. Georges zu Besuch. Ziemlich spannend, im Sinne von anspannend, denn die Wetterprognosen nähern sich über Tage immer weiter an, und da das eine Modell Alex östlich der Bermudas sah und ECMWF knapp westlich, sah es nach einem „Hit“ für Bermuda aus. Predict Wind bietet eine parallele Darstellung von GFS und ECMWF an – unser Dauerbrenner auf den Rechnern über Tage. Sonntag werden noch einmal Leinen gezuppelt und eine sehr lange Spring zur vor uns liegenden Straßenbrücke gelegt, und dann… warten. In den frühen Morgenstunden geht es los, erst aus Süd – da schützen uns das Hafenmeistergebäude und das „White House“. Der Durchgang ist schulbuchmäßig, Süd, Südwest, West, Nord. Bei Südwest bläst es unter der Brücke durch, die unruhigste Zeit. An Schlaf ist nicht wirklich zu denken, ich schrecke so gegen 4 auf und klettere ins Cockpit. Der Eigner steht an Land und korrigiert Leinen und Fender, er in Öljacke, neben ihm Fabian, unser Hinterlieger aus Wien, in Badehose. Praktisch denken… „Ab! Geh‘ ins Trockene!“ Yes, Sir. Bei West ist der Windeinfluss auf Akka schon gebrochen, weil parallel zur Inselkante, und Nord bedeutet, dass wir im Schutz des Berges sind. Um 7, volle Südwestlage, gehen wir raus und schauen uns an, was die Kollegen draußen an den Ankern so machen – es sieht teilweise wild aus, obwohl ja die Bucht von St. Georges eigentlich voll geschlossen ist. Five&Dime tanzt in der Gischt und zerrt am Anker, beim Docknachbarn hat sich die Fock halb gelöst und knattert im Wind. Ein infernalisches Geräusch. Es ist bei aller Anspannung toll, einigermaßen geschützt im Cockpit zu sitzen, den irren Wolkenzug zu beobachten und Hoffnung machende Wolkenlücken zu entdecken. Berechtigte Hoffnung: zu Mittag bläst es noch gut, aber eben aus Nord und damit über uns weg, und die Sonne scheint. Vorbei. Das war Alex, der erste atlantische Tropensturm 2022. Gesehen haben wir selbst 50 Knoten, aber ich gucke da ungern hin – die Ankerlieger draußen berichten von mehr. Gesamturteil: Ging so. Einen ausgewachsenen Hurrikan muss frau nicht miterleben. Wir gönnen uns wie alle einen Ruhetag, aber der Sturm hat wohl die Seglergemeinde aus dem friedlichen Bermudaschlaf gerüttelt: es muss weitergehen. Am Mittwoch gehen diverse Boote raus, wir ziehen den Donnerstag vor. Weniger Welle am Reisebeginn macht sich besser. Die ersten Tage sind ziemlich ruhig, so ruhig, dass wir am Abend des zweiten Tages beschließen, den Genaker zu setzen, auch wenn das nicht meine Lieblingsbesegelung für die Nacht ist. Die Genua wird weggenommen, damit der Autopilot den Kurs halten kann, bekommt er kurzfristig Motorunterstützung. Ich bastele schon mal den Genakersack aus dem Vorluk, gehe wegen der Schot nach achtern und denke: „… klingt echt sonor, der Motor!“ Da springt schon der Eigner an Deck: „Kein Kühlwasser!“ Mannnn. Klar. Eigentlich hätte ich jetzt Freiwache, gleich wird es dunkel. Wat nu? Weitermachen. Der Pinnenpilot hält den Kurs tapfer auch unter reinem Be,sanantrieb, gutes Kerlchen. Wir zerren den Genaker hoch, schöpfen kurz Luft im Cockpit und dann ein ergebenes: „Ich geh dann mal runter, Diagnose und Instandsetzung!“. „O.k. – ich bleibe so lange am Ruder!“ Genakerblase vorn und Windpilot vertragen sich nämlich nicht hundertprozentig, da bedarf es ab und zu einer zackigen Korrektur. Während unten Türen klappern und Werkzeug klirrt genieße ich den frühen Abend. Angenehm. Akka zieht ordentlich davon, es hat auch ein bisschen Wind zugelegt, vielleicht sogar einen Ticken zu nah an der Windstärkengrenze für die dicke Blase. Nach einer Weile kommt von unten eine mittelmäßige Entwarnung. Es ist eindeutig so, dass wir dünnhäutiger geworden sind und solche Zwischenfälle rufen gleich irgendwelche Horrorvorstellungen von nicht reparablen Defekten hervor. Nicht so schlimm, wenn man nicht gerade mehrere hundert Meilen von Land entfernt ist. Aber nun „… ist tätsächlich nur der Impeller!“. Es klappert weiter. UNd bei mir? Ritsch! Das war das Vorliek vom Genaker, ach Du Schande. Das Riesentuch flattert wild im Wind. Jetzt braucht es den Motormann leider auf dem Vorschiff. Hoffentlich kriegen wir das Teil ohne Theater runter. Obwohl der Genaker defekt ist, hat er noch genug Zug, um den Eigner, der die Bergesocke herunterzieht, auf dem Hintern sitzend über’s Deck zu hoppeln. Aber doch, das Vieh kommt runter. Ein Teil geht baden – eine schöne Demonstration, wie schwer so ein „Leichtwindtuch“ plötzlich ist, wenn frau es aus dem Ozean heraufzerren muss. Das nasse Teil wird gestaut, der Eigner geht seiner Impelleraufgabe nach, und kaum ist meine Freiwache vorbei, läuft der Motor, Akka zieht unter Genua friedlich dahin, und wir genießen ein Stück Belgische Importschokolade aus Bermuda. So viel Belohnung muss sein.
Ach, übrigens: eMailverkehr ist immer noch quälend langsam. Aber Wetter kriegen wir trotzdem – nachdem so viele Leute berichtet hatten, dass sie Wetterwelt und Predict Wind parallel benutzen, gab es einen Predict Wind-Testballon auf Akka. Und siehe da: großräumige Gribfiles kommen herein! Nicht in Windeseile, aber doch in angemessener Geschwindigkeit! Schönen Dank für die Ermutigung aus Hawai’i an die Flora. Sagt der Eigner kürzlich, als der Satellitenrouter einen kurzen Schluckauf hatte: „Siehste! Der Computerkram ist Dein Impellerstress!“ Stimmt.
Wir laufen gerade vor einem Tief weg, in Richtung Hoch, das uns nicht nach Horta lassen will. Aber davon lassen wir uns nicht stressen. Kochen, essen, schlafen. Hörbücher hören. Lesen. Passagealltageben
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Alex

oder: spannende Sache das.

St. Georges/Bermuda, 5.6.2022

… gestern noch lag diese grünliche Rinne noch genau über uns. Schade eigentlich!

Ankunft in St. Georges, wir verholen Akka kurz an die Zollpier, unkompliziertes Einklarieren bei den netten Behörden-Damen. Danach Anker unterhalb des Barrack Hill, Ausruhen, Schwimmen, Ausschau halten nach einem Wetterfenster für die Weiterfahrt. Wir sind wie immer etwas pomadig mit unseren Plänen, und als wir am Montag ins Wetter schauen, gibt es eine Überraschung: auf der Pazifikseite von Mexico sitzt Agatha und robbt hinüber in den (karibischen) Golf von Mexico.  Was’n daas?  Die Wetterwelt schreibt: könnt Ihr schnell weiter? Am Dienstag, am Mittwoch? Schöne Südwestwinde und ein direkter Kurs zu den Azoren; und aus dem Golf von Mexico rückt ein Sturm hoch. Ich bekomme die Nachricht – Internet ist hier zwar „frei“, mehr oder weniger, aber nicht an Bord zu empfangen – auf der Towne Hall Plaza sitzend. Ui. Andreas schraubt gerade die Wanten wieder zusammen, es hatte an den Püttingen ein bisschen geleckt. „Das werden wir  wohl aussitzen müssen“, schreibt die Eignerin zurück. Ganz kurz zucken wir, ob wir nicht doch die Hufe schwingen sollten, aber so eine Hektik… Nö. Das DIng sieht nicht wirklich katastrophal aus. Die FantaSea, eine deutsche Feltz, die in der Nachbarschaft liegt, bestärkt uns, mehr aus touristischen Gründen: „Ihr seid doch gerade erst angekommen, und es gibt so schöne Dinge zu sehen!“. (spricht’s und lupft planmäßig den Anker…) Uns ist ein verlängerter Aufenthalt nicht unrecht – was sich sich durchaus lohnt, wir haben mittlerweile Fort St. Catherine besichtigt und den Dockyard besucht, der sich als eine gigantische Festungsanlage entpuppte. Aber dieser Sturm… je näher das aufkommende Teil rückt, umso mehr fragen wir uns, wohin wir uns einigermaßen sicher verholen können. Schwierige Frage, zumal ja auch nicht wirklich klar ist, zu welcher Stärke sich dieser erste Atlantische Wirbelsturm der Saison entwickelt. Pünktlich am 1. Juni (da startet die Wirbelsturmsaison offiziell!) wechselt die pazifische Agatha den Namen und heißt fortan Alex. Wir legen uns ins kleine Hafenbecken zwischen Town Hall und Zoll und hoffen das Beste. Das Allerbeste wären moderate Windstärken – die Wetterwelt hat am Freitag einen kleinen Scherz dazu auf Lager, indem sich das Zentrum des Sturm genau über den Inseln als lang gestreckte Rinne schwächerer Winde durchgeht; leider wurde das mit der nächsten Vorhersage revidiert. So sitzen wir hier mit 6 anderen Yachten am Dock und warten auf Alex – der Rest der Flotte hatte entweder spätestens zum Ende der Woche die Flucht nach vorn ergriffen oder hat sich in der relativ weiten Bucht ein Plätzchen gesucht, wo man an zig Meter Ankerkette frei schwingen kann. Morgen zum Frühstück wissen wir mehr und noch mehr zum Abendessen. Doof. Nervig, so ein Alex. Aber er könnte sich schlimmer benehmen, 35 bis 40 Knoten sind „machbar“; ein paar Püster werden dazukommen.
Und wie weiter?! Keine Ahnung: für die nächsten Tage sieht es windmäßig eher mau aus. Predict Wind fasst es in der Routenplanung nett zusammen: 35 Tage bis Horta, ohne Motor Dann doch lieber noch ein paar Tage Britisch-Amerikanische Militärhistorie erforschen!