Gemütlich!

Deltaville, 19.10.2020

Dies ist ein Bildbeitrag,  quasi als Lebensbescheinigung. Wir sitzen immer noch hoch und meist trocken.  Wenn’s regnet, dann richtig, und das heißt: fröhliches Tropfensuchen. Die Lichtprismen im Salon tropfen schon länger, auf den Herd (macht nix), auf den Navitisch (konnte man mittels eines Dauer-Tropfenfängers regulieren. Das Funkgerät hat schon seit Urzeiten einen kleinen Regenschirm, es kann also nix passieren.) Ein neues Minileck glücklicherweise über der Eignerkoje, da ist dann der Ehrgeiz, es zum Erliegen zu bringen, besonders hoch. Hat geklappt.
Das Bild des Tages ist aus dem Kapitel „Absperrhahn für den Warmwasserboiler“.
Die entsprechenden Lautäußerungen sind:
Eigner: „Bleibst Du jetzt an Bord? Falls Du mich hier herausziehen musst…“
Versteht sich ja wohl von selbst.
Eigner: „… reichst Du mal den kleinen Engländer an?“ (etc. etc.)
Ich: „Wann benötigst Du denn den Wasserhahn, der liegt noch hier?!“
Eigner: „… das dauert! Ich nehme alle Schläuche ab, ich trau‘ dem empfohlenen Dichtmaterial nicht.
… und, ach ja, ich esse dann hier drin zu Mittag!“

So ist das Leben an Bord!

Gemütlich. Man beachte die Haltung des linken Armes.

Winterdeckenalarm

Deltaville, 21.9.2020

… der Sommer ist vergangen, ich seh‘ des Herbstes Schein. 

Oh je, es ist kalt geworden in den letzten Tagen, und daran ändert auch die Aussicht auf ein paar warme Tage in dieser Woche wenig. 24 Grad sind ja auch nicht wirklich viel. Der Swimmingpool hat, nachdem ich am Freitag ein letztes Mal plantschen war, seit gestern geschlossen, und es tut bei diesen Temperaturen nicht mal wirklich weh. Am Mittwoch kam Hurrikan „Sally“ von achtern durch, brachte bei noch warmen Temperaturen tagelangen Regen und ließ dann die Tür nach Norden offen. Brr. Und so erwischt mich gestern der Wunsch, möglichst bald in wärmere Gefilde aufzubrechen. Ein sehr frommer Wunsch… bis der in Erfüllung geht, hören wir wärmende Musik (ich habe zum Jahrestag von Hurrikan Maria ein schönes Remix von Lin-Manuel Mirandas Puerto Rico Song  entdeckt. Das wärmt in der Tat!). 

Dass Sally hier war und zeitgleich Maria-Jahrestag (daher der Puerto Rico-Song) 2017, wirft ein Licht auf die recht wirbelige Saison im Atlantik – hatten wir voriges Jahr gerade mal D wie Dorian durchgewinkt, ist den Wetterfröschen in diesem Jahr schon das Alphabet ausgegangen, als Ersatz dient das griechische… Beta steht gerade im Golf von Mexiko, aber nun darf sich das Geschehen gern beruhigen. Wäre in unserem Sinne.

Wir haben mittlerweile einen Entspannungsausflug (Entspannung vom Dauerbastelurlaub) hinter uns gebracht: Am letzten Montagmorgen hurtig mit dem (Leih)Auto nach Baltimore. Erstens brauchen wir ein neues Cruising Permit für die USA, zweitens hatten wir vor Kurzem mal die Haube vom Kompass genommen… huch? Was’n das für eine Luftblase? Kennen wir doch… anno 10, Tonga-Neuseeland. Wenn es kühl wird, zieht sich Dämpfungsflüssigkeit zusammen. Dann ist die gealterte Ausgleichsmembrane gefordert, und wie das so mit älteren Herrschaften ist – alles nicht mehr so elastisch… Inkontinenz nennt man das wohl. Also auf zum Kompassservice.

War schön, Donald T.’s „rat infested shithole“ zu besuchen. Es sieht tatsächlich schwer nach industriellem Niedergang aus, oder nach Niedergang der Schwerindustrie, und Brian, unser Mr. Kompass, warnte auch, den inneren Stadtbezirk nicht zu verlassen, denn das möge durchaus gefährlich sein. Auf der Suche nach einem fußläufigen Supermarkt (witzig, witzig, die Idee. This is the USA… wir sind im Endeffekt im CVS Drugstore gelandet) kamen uns dann am Abend auch folgerichtig Zweifel. Das Hotel übrigens weitgehend leer, schicke Suite im 11. Stock, Frühstück „americano“, bah. Dafür alles prima mit Maske, was die Schipperin beim Abholen der Frühstückstüte erst merkt, als sie nackt an der Rezeption steht. Mund-Nasen-nackt, versteht sich. Als Boatyardanwohner ist man da nicht so in Übung, aber der Mensch braucht Lehrstücke. 

Während wir also auf die Füllung und Reparatur unseres Kompasses warten, ist Gelegenheit, die Sache mit dem Cruising Permit in Angriff zu nehmen, und Customs and Border Protection ist eines unserer Lieblingsstücke im Bürospiel. Das schöne, alte Zollhaus ist gleich ums Eck. Prächtig. Viel dunkles Holz, Stuckdecken, ein bisschen Gold, dazu lächeln Trump/Pence vom Sims. Prächtig leer allerdings. Room 120.  Die lange Reihe der Schalterfenster ist mit einer Dame im Hintergrund besetzt, die uns ostentativ den Rücken zukehrt. Schließlich tritt ein sehr freundlicher, zivil gewandeter Herr auf. „Well“, sagt er, „… das ist schon das richtige Haus“. Oder bis vor Kurzem sei es das gewesen, die Schifffahrtssektion sei aber zum Flughafen umgezogen. Ja, logisch. Hafen=Flughafen. Hätten wir uns denken können. Wir werden mit einer Ortsanweisung gebrieft und bekommen gleich noch ein „… ich weiß auch nicht, wann und wie dieser Mist hier ein Ende nimmt“ hinterhergerufen – war das jetzt regierungskritisch? Der Officer jedenfalls hat Heimweh nach München. Ach, wie war es doch vordem in der Army so bequem: Würstel und Bier statt Institutionenabbau. Nett. Und desillusionierend.
Zweiter Akt. Auto aus dem Valet Parking abrufen (Premiere für uns! Valet Parking, also „Autoschlüssel lässig dem Portier zuwerfen“, hatten wir noch nicht). Raus zu Washingtons drittem Flughafen, übrigens mit Namen Thurgood Marshall, seines Zeichens wichtiger Supreme Court Chefrichter – ich hoffe, die gerade verstorbene Rechtsikone RBG, The Notorious Ruth Bader Ginsburg, kriegt einen Weltraumbahnhof! Der Flughafen ist ein bisschen schockierend – schon in der Annäherung sehen wir völlig leere Parkplätze und drinnen… applaudieren wir jedem Reisenden, den wir treffen, einzeln. Nichts, aber wirklich nichts los, und das liegt nicht an der Mittagszeit. Freund Jochen beschreibt den Flughafen aus dem vorigen Jahr als „brummend“, während hier derzeit nur die Klimaanlagen brummen. Das CBP-Büro zu finden ist mittelschwierig, unter Missachtung von „kein Zutritt“-Schildern windet sich ein schmaler, dunkler Gang durch das fensterlose erste Untergeschoss, macht einen Knick und endet an einem Zwei-Fenster-Schalter. Kein Stuck, keine dickes Holz, kein Gold, dafür Sackgasse, wohl mit Bedacht, denn laut Jochen werden hier auch die verdächtigen Einreisenden hingeführt. Eben Jochen und Helga…. Wir sind nicht sicher, ob wir hier richtig sind. Der gemächlich reagierende Officer am Schalterfenster – wir überholen eine Reihe von „Verdächtigen“, die irgendwie slawisch sprechen – bestätigt aber, dass man „unfortunately…“, also unglücklicherweise die Schifffahrtssektion hierher verlegt habe. Klingt ja alles total fröhlich und zufrieden beim CBP und der Homeland Security. Der uns behandelnde Officer allerdings ist fix und verständnisvoll, fragt ein bisschen nach Woher und Wohin, wann wir eingereist sind und wieder ausreisen wollen, und kommt nach 10 Minuten mit einem schmucklosen Blatt wieder, das nun als Cruising Permit in unserem Ordner ruht. Ich denke, das Wesentliche ist die Aufnahme ins elektronische System – wir müssen eine „Nummer“ haben. Haben wir.
Der Rest des Aufenthaltes ist Tourismus, Besuch in Annapolis, das Seglerzentrum der Chesapeake Bay (Annapolis Boatshow gerade frische ausgefallen…), Besuch am Fort McHenry, wo das erste Mal das „Star Spangled Banner“ wehte, vor dem man nicht auf die Knie gehen darf, Spaziergang am – in seltsamem Kontrast zum verfallenden Industriehintergrund stehenden – glitzernden Hafen von Baltimore (nein, wir waren nicht bei der Cheesecake Factory, und ja, die historischen Schiffe sind alle geschlossen…). Ein Tag in Washington – wir parken am neuen „Black Lives Matter“ Triangle, wo noch immer der riesige Schriftzug auf der Straße prangt, in Spuckweite zum Weißen Haus. Die Glasfronten sind zwar mit Holz verschlagen, aber die Häuser mit „BLM“ Schildern bepflastert. Beeindruckend. Beeindruckend auch, dass das Parkhaus quasi so leer ist wie sich die National Mall – die Verbindung zwischen Capitol und Lincoln Memorial – eigentlich wie die ganze Stadt als leer herausstellt. Keine Touristen, nur vergleichsweise wenige, geschäftige Ortsansässige, und die Leere im Parkhaus ist den „Home Office“-Zeiten geschuldet –  in dem Bürogebäude sitzen Firmen wie die New York Times, aber die sind halt alle daheim.
Donald ist nicht zugegen, der reist umher und tönt. Um dem etwas entgegenzusetzen, spiele ich ich unseren Tischnachbarn beim Frühstück in South Side Diner in Baltimore am letzten Tag des Ausfluges dieses schöne Lied vor – ich glaube, ich habe es schon einmal verlinkt, aber da es Laune macht und auch politische Neuerungen aufgenommen hat (die Taliban, zum Beispiel) kommt es hier noch einmal, und die Tischnachbarn, afroamerikanisch, versprechen, sich daran zu halten: Vote Him Away.
Was das betrifft sind wir gespannt. Was auch immer passiert, hier spielt sich ein Krimi ab – eben lese ich, dass Donnie (von Freunde gern IQ45 genannt) gerade angedroht hat, eine „presidential executive order“ zu erlassen, die die Wahl von Biden unterbinden soll. Nein, das steht nicht in der „Onion“. Und die einen Leute jubeln, während andere sagen, dass sie sich keinen Biden-Bumpersticker ans Auto bappen „because you never know“. So weit ist es gekommen.
Drückt mal schön die Daumen, dass wir einen zeitigen und eleganten Weg heraus finden. Nicht nur wegen des Wetters – wir ziehen uns warm an, politisch gesehen. Wettermäßig? Winterdeckenalarm.

… ein Baum liegt auf der Wiese

… ganz schön hohl… der war überfällig (der Baum!)

5.8.2020

Vorbei!

Ich geb’s zu: ich schlafe etwas löcherig, wenn so eine Bombe droht. Eher ein Bömbchen, aber immerhin. Als um 4 Uhr die ersten Böen kommen und Akka anfängt, mit dem Rigg zu zittern, lege ich erleichtert den Kopf aufs Kissen: es geht los – jetzt kannste schlafen! In North Carolina räumt Isaias ein bisschen auf, aber bis er hier ankommt, hat er schon wieder Kraft verloren.

Southport Marina North Carolina. Isaias räumt auf.

Die Reibung über Land und der Verlust an Temperaturnachschub aus dem Wasser macht’s. Den Schwung holt er sich auf dem Weg nach Neuengland über den Atlantik wieder, für die Kollegen Flora in Narrangansett zum Beispiel, aber die hatten sie gut versteckt. Mal Hurrikan, mal Tropischer Sturm. Eigenwilliger Bursche.

Gut übrigens der alte Schnack vom „was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ – die moderne Kommunikationstechnik bietet ja viele (allzu viele!) Warnmöglichkeiten, aber als Isaias gestern morgen 2 oder mehr Tornados absondert, hören wir das Telefon nicht pingen. MyRadar sagt um 5 Uhr: „Tornadowarning in your area“, so lese ich es dann zum Frühstückskaffee. Huch! Damit erklärt sich auch, warum mir um 8Uhr Mitsegler aus der Captain’s Lounge entgegenkommen, wo sie sich verkrochen hatten; die hatten ihr Smartphone wohl zur Hand (ob das dünne Blechdach im Tornado geholfen hätte steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht… Kissen als Kopfschutz, falls Akka.umkippen will?). Zum Ende des Frühstücks kommt schon die Sonne heraus.  Isaias war doch etwas eiliger als vorhergesagt. Der Kontrollgang ergibt an den Pontons ein paar im Wellengang tanzende, mit Fendern schmeißende Boote (die Bucht ist doch relativ geschützt, wenn also „Welle“ ist, hat das seinen Grund). Ein paar Kratzer von den Dalben. Eine abgeknickte Windsteueranlage. Bei uns nur Überschwemmung unterm Kiel. Und… ein Baum liegt auf der Wiese…

Das war Isaias! 

Wieder mal…

 

 

 

Deltaville, 3.4.2020

Schon wieder mal wieder die Sonnensegel weggepackt. Nicht wegen mangelnder Sonne – es ist zwar gerade trübe, aber sonst brennt sie vom Himmel. Nein, wegen des Windwiderstandes –  morgen kommt Isaias vorbei und schraddelt diesmal ziemlich genau über uns hinweg. Angeblich pumpt er sich gerade vor North Carolina noch ein bisschen auf, er wechselt immer zwischen kleinem Hurrikan und Tropischem Sturm, aber pusten tut er so oder so, und wir wollen nichts beschreien. Morgen früh haben wir die Bescherung vor Ort. Begeisterung ruft der Name hervor; ich nehme mal an, dass deutsche Leser leichthin den alttestamentarischen Bezug zu Jesaja herstellen können. Können amerikanische Radiostationen aber nicht. Möglicherweise ist es pfui, einen tropischen Sturm mit einem biblischen Namen zu belegen. Drum heißt der hier auch phonetisch gern „Eisa-eisas“ oder „Iisa-äss“ und 20 andere witzige Versionen. Schick.
Sonnensegeleinrollen hatten wir bis zum späten Nachmittag noch aufgeschoben, wir versuchen durch geschickte Drückbewegungen den Verlauf des Sturmes raus in den Atlantik zu schieben, aber so viel wir gedrückt haben: nö, Isaias möchte gern mal die Chesapeake Bay besichtigen.  Bitte sehr.  Aber nicht so früh wecken morgen früh, der Zeitplan sieht Dich hier um 8. Und nicht mehr als 60 Knoten in Böen.

Und sonst so? Internet ist erschreckend schlecht, a. sind wir von Guatemala super verwöhnt, und b. ist irgendwas mit dem Werft-Wifi faul, so wie bis zum Januar – also einigermaßen zufriedenstellend – tut es nun nicht mehr. Wir verbraten in der ersten Woche 8 GB vom Telefonkonto und schaufeln immer neue 3 GB-Scheibchen nach, 20 Dollar die Tranche. Uff. Daraufhin laufen wir bei AT&T in Gloucester auf, die zwei echt schweren Jungs kennen wir schon aus dem vorigen Jahr. Aber so nett sie sind, sie schaffen es nicht, eine SIM in meinem alten Tablet zum Laufen zu bekommen, über die wir zu einem erträglichen Betrag unbegrenzt Daten saugen könnten, und man kriegt noch 30 GB Hotspot obendrauf (natürlich ganz so unbegrenzt nicht, ab einer gewissen Grenze wird gelegentlich gedrosselt). „Ach, das liegt an dem alten Gerät, Ihr neueres kann das bestimmt!“. Heimfahrt. Nee, kann es nicht, wie sich daheim herausstellt. Oh, nee… diese riesigen Distanzen, wenn man etwas jenseits von Milch und Eiern erledigen möchte, und sei es nur ein Mobiltelefonproblem. Neue Exkursion nach Gloucester – bekanntermaßen sind die Mobiltelefonieshops dieser Welt mein erklärtes Hobby, und dem können wir an diesem Nachmittag ausführlich frönen: wir sitzen 2 Stunden und mehr im unterkühlten Geschäft, natürlich allseits maskiert, was die Kommunikation manchmal etwas erschwert, und warten, dass Servicemitarbeiter und Hotline gemeinsam etwas ausrichten. Höchst vergeblich. Wir lassen den schon geschlossenen Vertrag stornieren. Um dem Hobby doch noch etwas Erfreuliches abzugewinnen, gehen wir flink zu Verizon – das eine ist wie deutsches D-Netz, das andere mit E-Netz vergleichbar, reine Frequenzsache. Da sitzt dann ein höchst kompetente Frau, hört sich unser Problem an, lässt sich mein Tablet zeigen, guckt auf eine Kompatibilitätsliste und sagt binnen 30 Sekunden: “ … wird nicht funktionieren!“  Und dafür haben wir 2 Stunden gefroren…
Zum finalen Aufwärmen ein Besuch bei Starbucks – die Situation ist wirklich jammervoll: überall Leuchtkleber am Boden, Einbahnverkehr, Sitzen nur draußen; Letzteres kommt uns in Sachen Aufwärmen natürlich entgegen. Zum Zeitvertreib kann man draußen aber bei Passanten Maskenkritik üben, Maske in allen Varianten und Positionen, locker übers Ohr gehängt oder die Nase guckt raus. Hinter uns der Drive Through, da kann man sehen, wie Strohhalme unter der Maske eingefädelt werden. Cold Brew in Zeiten von Cholera. Corona. Ganz „oben ohne“ gibt es allerdings selten! Auf der Heimfahrt reift der Gedanke, dass man sich vielleicht ein kompatibles Gerät anschaffen müsste. Ja, genau, schon wieder. Schon wieder Elektronikkauf, schon wieder einer Fahrt nach Gloucester. Und schon wieder 2 Stunden Unterkühlung, weil nun der frisch stornierte Vertrag wiederbelebt werden soll. Der AT&T-Kumpel tat uns wirklich ein bisschen leid. Aber nun ist alles gut. Hoffentlich. Wahrscheinlich erholt sich jetzt auch das Werftnetz.

Ich weiß, wolltet Ihr alles nicht wissen. Was wollt Ihr wissen? Wenn man die hiesigen Nachrichten ausblendet, fühlt sich das alles nicht so schlecht an hier. Es ist hübsch, streckenweise sogar sehr schön anzuschauen, die Leute freundlich. Die Weitläufigkeit gefällt. Und dann unsere stete Freude: diese wie unbeteiligt auf ihren Aufsitzmähern sitzenden Rasenpfleger. Richtig, ich sollte mal eine Bildserie davon machen.  Schon wieder –  ein leeres Versprechen…

Tadaaa!

Das Bild von Flora:
AKKA in Deltaville

Deltaville, 25.7.2020

Wo fangen wir an?  Dass es Akka gut geht? Dass die Crew gemault hat, dass sie weder Pest noch Cholera „Choronera“ an Bord hatten? Der alte Bär und seine Kumpane hatten was läuten hören, sind aber mit der Nomenklatur nicht so ganz auf dem Laufenden. Oder ist es wichtig zu sagen, dass es in der Chesapeake Bay heißer ist als am Fluss in Guatemala?

Yes, Ihr Lieben – die Akkanauten sind zurück bei ihrem Schiff.  Spannend war das schon, und auch ein bisschen traurig, weil wir uns von der Insel und den Insulanern, vor allem von den Hunden trennen mussten. Getriggert hat den schon länger angedachten Vorgang ein Foto, das uns die Segelyacht Flora von der Durchreise durch die Fishing Bay schickte. Akka ging es augenscheinlich gut – selbst die Sonnensegel (Urteil des Segelmachers, der eine neue Sprayhood gefertigt hatte: bloß nicht drauf lassen im Winter!)  standen noch wie eine Eins.
Irgendwie, ach irgendwie… müsste man doch langsam versuchen zurückzureisen. In Guatemala steigen seit Wochen die Infektionszahlen, in unserem departamento zwar nur leicht, aber insgesamt zieht sich die Schlinge zu, und weitere Maßnahmen – zum Beispiel 14 Tage Total-Lockdown, wenn die Tageszahlen über 500 steigen – kann sich Guatemala einfach nicht mehr leisten. Mittlerweile sind die Zahlen über 1.000, mit Schwerpunkt in den dicht bevölkerten westlichen Regionen des Landes. Also schauen wir uns die Lage in den USA an. Insgesamt niederschmetternd, die Gesamt-USA und besonders die Südstaaten, aber wir vergleichen Coronasituation am Rio mit Middlesex County/Virginia, wo Akka steht. Und siehe da: der alte Bär hat recht, auf Akka und umzu gibt’s „gar kein Choronera*“, sogar noch weniger als im Departamento Izabal. Die gedanklichen Mühlen fangen an zu arbeiten. Wir diskutieren mit den Mitinsulanern. Dave, das 85jährige Einhandseglerwunder, möchte gern für eine Weile nach Seattle. Jim hat Geschäftliches und Familiendinge an der Ostküste – aber beide haben ein Problem, das wir nicht teilen: sie wollen wieder zurück ins hermetisch abgeschlossene Guatemala. Das ist der Schlüssel, denn das müssen wir nicht.
Flüge in die USA gibt es aus Guatemala City regelmäßig bis unregelmäßig, alles läuft unter „repatriation“, und nur noch eine Fluglinie bedient die Strecken. Maximal 5x pro Woche nach Houston – ohne Corona wäre das unser Lieblingsziel, kurzer Flug, lange Autofahrt (auf Bus haben wir „irgendwie“ keine Lust mehr) durch die Mitte zur Atlantikküste. Start unter Coronabedingungen im schwer gebeutelten Texas? …eher nicht so verlockend. 2 Flüge pro Woche jeweils nach Los Angeles (zu weit, und Kalifornien ist nicht besser dran als Texas), New York (merkwürdiger Umweg, dahin können wir auch segeln, wir dürfen sogar…)  Also das nächstliegende Ziel:  Washington. Wir buchen, und wir suchen uns einen Flug aus, der für 100 Dollar extra Business Class bietet, will sagen: fort von der möglicherweise infizierten Menge (als so voll wird sich der Flug nicht erweisen, aber dennoch angenehm). Wir ziehen aus!
Bleibt nur die Frage, was Customs and Border Protection zu unserem „Besuch“ sagt. Und in der Tat, das macht es für die letzten 24 Stunden noch einmal spannend. Montagmorgen. Schon unterwegs auf dem (5 Stunden langen Taxi-)Weg nach Guatemala City sendet United Airlines die Nachricht, dass man unseren Reisezweck prüfen müsse, die USA erlauben derzeit keine Einreise für Besucher auf Touristenvisa, sondern unsere B1/B2-Visa gelten nur für geschäftliche oder anderweitig wesentliche Einreisen. Wir sitzen im IN/OUT-Hotel am Flughafen und schwitzen ein bisschen nervös. Die bis zum Feierabend versprochene Freigabe erfolgt nicht. Himmel – was tun wenn das nicht klappt? Der Eigner sendet schon mal ein „… please hold our cabin!“ an Jim nach Rio Dulce.
Um 05:30 schultern wir die Rucksäcke und laufen hinüber zum Airport, noch ist die Schlange nicht lang, wir werden ein letztes Mal von Guate-Souvenir- , nun auch Desinfektionsgel-/Masken-/Handschuhverkäufern belagert, dann rückt die United-Bodencrew an. „Bitte bleiben Sie vor der Tür, wir versuchen uns zu kümmern!“ Wir pfeifen uns ein Lied – unser Taxifahrer aus Rio Dulce, OtiTours, hat versprochen, uns im Zweifelsfall am gleichen Tag mit zurückzunehmen. Das ist so ungefähr Plan D oder E aus unseren ratternden Hirnen. Und dann… „…we got news from CBP, you have been cleared!“ Juhuu! Wir konnten dank mitgeführter Bootspapiere und Marinabestätigung nachweisen, dass wir einen triftigen Grund für die Reise haben. Oder andersherum: ein freundlich gesonnener CBP-Mensch hat das als triftig anerkannt. Das hätte auch anders kommen können. Der Rest ist einfach: einchecken, durch einen gespenstisch leeren Flughafen laufen, der eigentlich berstend voll mit Mayas und anderen Guatemalteken und mit mayageschichtsgierigen Touristen sein sollte. Wir finden eine Kaffeestation, außer einer kleinen Apotheke das einzig offene Geschäft –  die Damen freuen sich über eine Handvoll Passagiere. Es ist wirklich elend. Abflug. 4 Stunden später erreichen wir wiederum einen gespenstisch leeren Flughafen, diesmal Dulles International Airport, Hauptflughafen der US-Hauptstadt. Wahnsinn. Die erste CBP-Kontrolle ist freundlich, mündet aber im Verweis an eine Zweitprüfung, dem jungen Officer ist die Yachtgeschichte ein bisschen unheimlich. Der Zweitprüfer versteht und nickt und fragt  nach Yachtreisen und dem Ozean – außer Plaudern ist ja auch sonst nix zu tun: in dieser Stunde landen 3 (drei!) internationale Flüge. Irgendwie erschütternd.

Wir greifen ein Auto bei Enterprise ab – ein gigantisches „midsize SUV“, das billigste Angebot. Als wir gestern auf dem Supermarktplatz zwischen zwei richtige SUVs der US-Kategorie rutschen, wird uns klar, warum dieses – an ein 7-sitziges Leichenauto gemahnende – Auto nur „mittelgroß“ ist. Wir übernachten in Dumfries, weil wir keine Lust auf Leitersuche im Dunklen haben, essen standesgemäß Hühnerfutter von Kentucky Fried Chicken (super Show, zu Fuß durch die Drive-Through-Spur, Restaurants sind ja geschlossen! Amerikaner hätte für die 100 m natürlich die Karre angeworfen…). Wir frühstücken in einem vergleichsweise maskenfreien „Dumfries Café“ (T-Shirtaufschrift: „Always on the left in Dumfries“ – ob da ein Stück Politikprogramm drinsteckt? Eher nicht. Der Diner ist voller star-spangled banners und Veteranensouvenirs – das Etablissement steht lediglich auf der Verkehrsinsel zwischen zwei Einbahnspuren…) . Danach rollern wir durch die mittlerweile schon bekannte Landschaft Virginias und erinnern uns an die Hitze des letzten Jahres – in Gloucester besorgen wir uns kurzerhand eine Fenster-Klimaanlage. Die Virginians sind übrigens ziemlich dispzipliniert im Maskentragen. Bis auf den sehr breitschutlrig auftretenden Herrn bei Home Depot, der es gern mit Tuchfühlung hat. Ich spreche ihn nicht an, sondern weiche zurück. Gut so –  beim Rausgehen sehe ich die Rückseite seines TShirts : „You may give peace a chance, but I cover for you if it doesn’t work out“ steht da um ein fettes AK 47 Schnellfeuergewehr herum gepinselt. So sind die USA. Freundliche Leute (in der großen Überzahl), doofe Leute (umso auffälliger).
Abends sitzen wir im Kreise von mehr oder weniger bekannten Yachtcrews (Arcadia, Worlddancer, Tin Lizzie und Obelix, für die Insider), grillen und reden Zeugs. Die kleine deutsche Deltaville-Yachtwelt. AKKA hat uns wieder.

Jetzt ist Schluss! Wir müssen die Klimaanlage montieren! Tadaa! Zurück in den USA!

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* kleine Anleihe beim ZDF aus dem März: Straßeninterview in Kassel. „Ei, hier is nix! In Kassel gibts kein CONORA!“

Ein Wochenende in Guatemala

Punta Bonita, Nummer 6
Das Corona-Heim

Rio Dulce/Guatemala, 24.3.2020

Da sitzen wir nun! Kleine Hütte. Kleine Insel. Ein kleines, dschungelartiges Gehölz, 20 m vom Festland entfernt im Rio Dulce. Papageien, Reiher, Schildkröten. Zwei verfressene Labrador Retriever und ihre 2 Mix-Kumpels. Zwei weitere Seglerpaare aus Deutschland und Frankreich mit uns in den umliegenden Hütten, vor unserer Terrasse zwei dauerbebewohnte Einsiedler-Yachten. Dazu der Besitzer der Anlage und der Manager. Morgens kommen drei  Arbeiter mit dem Kanu, und ein Gemüseboot bringt 3x die Woche Frisches. Alles perfekt für social distancing (die Hunde halten sich nicht dran, die wollen durchgekrault werden). Da wir im Rahmen unserer Backpackermöglichkeiten gehamstert hatten (6 Packungen Quasi-Knäckebrot, Milchpulver und eine Tüte Mehl), haben wir nichts auszustehen.  Kurz: alles den Umständen entsprechend prima. 

Die letzten Wochen fingen lustig an, man mag in der derzeitigen Situation, die sich auch für uns  explosionsartig verschärft und verändert hat, gar nicht darüber berichten, aber wenn wir dereinst im Altenheim sitzen, wollen wir es ja doch rekapitulieren… also:

Buuh! EIn roter Bus!

Guatemala City gibt sich als gewöhnliche mittelamerikanische Großstadt, wir haben allerlei Warnungen im Ohr, von Trickbetrügern und Fake-ATMs, von no-go-Stadtvierteln und k.o.-Tropfen. Und ganz böse: die roten Stadtbusse – Du brauchst nur hinzugucken, da bist Du Deine Habe schon los (die Leute im Bus, den wir in der Tat meiden, schauen aber gelassen aus der Wäsche). Auf dem Weg zu unserem Hotel

Posada Museo Belen. Ein guatemaltekisches Stadthaus

fährt neben mir eines Nachmittags ein SUV langsam, der Fahrer öffnet das Fenster und vom Beifahrersitz beugt sich ein fein gekleideter Herr herüber: “ … hier sollten Sie nicht laufen, das ist gefährlich!“ Er lässt sich erst beschwichtigen, als wir beteuern, dass wir nur wenige Schritte von der Posada Museo Belen entfernt sind. Und Francesca, die rührige Besitzerin vom „Museo“, entkräftet die Aussage auch gleich, sowohl was

Posadas Museo Belen. Innenhof

die Gegend, die Zona 1, wie auch die Tageszeit betrifft – während des Tages kein Problem. Die Warnung war sicher nett gemeint und mehr generalisiert zu betrachten. Gewiss, der Parkplatzverwalter, der in unserer Straße, der Calle 13A, für die Anwohner tagsüber allerlei alte Kanister, Eimer und anderes Absperrmaterial auf den wenigen Parkplätzen als Platzhalter hin- und herschiebt, wohnt selbst auf einem der Parkplätze in einem schrottreifen Kastenwagen, Armut ist nicht weit. Ob die Pappen-Isolierung, die wir durchs Fenster sehen, wohl kuschelig ist?   

Wir machen eine Weile die Stadt unsicher – oder machen wir sie etwa sicherer? Plaza de la Constitución, durchaus sehenswert mit den alten Arkadenhäusern, dem Nationalpalast und der erzbischöflichen Kathedrale, und da Letztere auch historisch interessante Nischen hat, gefällt das sogar der Schipperin (die sonst eine Religionszoo-Aversion hegt). Natürlich fallen die Augen auf viel Prunk – zum Beispiel auf den Erzbischofsthron, ganz in Lila – oder im Gegensatz dazu auf ein Maya-Hutzelweibchen, das sich von Heiligennische zu Heiligennische betet. Die mittelalterliche Verknüpfung von weltlicher und kirchlicher Gewalt fasziniert mich sehr. Der heilige Sowieso, König von irgendwo. Und nicht nur einmal.

Was ein Diktator wissen muss. Friede, Verlässlichkeit, Gerechtigkeit…

Ach, und der Nationalpalast. In den frühen 40erJahren des letzten Jahrhunderts aus dem Boden gestampft, in verschiedenen Baustilen gebaut – insgesamt möchte man den Stil nach dem Diktator „Jorge Ubico“ nennen. Dessen  Frau mochte grün, also ist das Ding jadegrün. 5 seine Glückszahl, also 5 Stockwerke, in jedem Flügel 5 Portale und so fort. Unglaublich. Kurz nach Einzug war’s das mit seiner Diktatur, geblieben ist die Pracht der Wand- und Deckengemälde und der bedeutungsschweren Bleiglasfenster, Freiheit, Gerechtigkeit… sehr einleuchtende Deko, denn das muss man sich ja als Diktator täglich neu vor Augen führen. Nebenan geht es lustig zu, im öffentlichen Garten veranstaltet der Bürgermeister einen Schwoof für die Alten. Nicht dass der Eigner das Tanzbein geschwungen hätte, aber es ist herrlich anzuschauen. Man hat sich teils in Tanzkleidung geworfen – die glänzendste Anzughose aller Zeiten kombiniert mit den Ausgehhosenträgen, glitzernde Blusen, elegante Röckchen, und man meint,  so manches Knie, so manche Hüfte unter den beschwingten Bewegungen knacken zu hören. 

Wir absolvieren schlichte Gänge durch die Stadt, um zum Beispiel Busverbindungen für einen Wochenendausflug oder die Weiterreise herauszufinden. So etwas macht man im Vorfeld mit Rome 2 Rio , in diesem Fall kommt aber die Information analog aus dem gedruckten Reiseführer. Rebulí heißt der Betrieb. Wir stratzen durch die Straßen, die abseits der Fußgängerzone immer interessanter werden. Am Ziel steht nirgendwo „Rebulí“, aber hinter einem Tor rummelt ein großer Motor. Treffer! Wir sprechen mit den Besitzer, der gerade eine Dachlast ablädt und uns bestätigt, dass morgens um 7:30 ein Bus an den Atitlan-See fährt.

Der frühen Stunde wegen nehmen wir am betreffenden Morgen ein Taxi – und es schlägt die Stunde des orts- und sprachkundigen Taxifahrers: was nämlich nicht da ist, ist ein Bus – vielleicht waren wir viel zu früh, aber der Fahrer beteuert, hier sei früher Rebulí gewesen, und jetzt kein Schild, keine Beschriftung?! Er findet das merkwürdig und überzeugt uns, uns in die Calle41 zu fahren, von dort gehe es in alle Richtungen. Glücklicherweise kann der aufgeweckte Fahrgast heute die Bewegung eines Taxis in der Stadt auf Google Maps verfolgen, der Mann macht auch alles richtig (das hatte er vorher schon, denn diese lange Fahrt geht auf’s Haus, sprich: ist im Preis für die eher kurze, vorherige enthalten). In  der Calle 41 geht es wild zu,  lange Reihen von großen chicken busses, in den Seitenstraßen werden 9- oder 12-Sitzer vollgestopft und bekommen schwere Dachlast. Wir haben nur eines verstanden: umsteigen in Los Encuentros (das liegt, sagt Google, nordnordöstlich von Guate City), unser Taxifahrer führt die Verhandlungen, und der Schaffner eines leeren Busses nötigt uns einzusteigen. Hm, sind wir hier richtig? Doch, alles gut, werden wir beschieden, und wir kriegen Bescheid, wenn es Zeit ist auszusteigen. Draußen will das Nötigen kein Ende haben, der Mann ist wirklich gut, und von „leer“ kann schon bald keine Rede mehr sein (es ist erst knapp vor „social distancing“ ). Wir tuckern los, anfangs langsam durch die Stadt, der Schaffner hängt aus der Tür und wirbt mit Chimal, Chimal-Rufen um weitere Fahrgäste für einen Bus, den wir so schon für voll halten. Weit gefehlt! Chicken Busse sind ausrangierte, nordamerikanische Schulbusse (die aus Kanada heißen Blue Bird), und da passten ja auch immer 3 Schüler auf eine Sitzbank, also… sitzen zwei vollflächig, einer mit nur einer Backe und der Raum, den zwei halbe Backen im Gang lassen, ist Stehplatz. Von „social distancing“ keine Spur, aber noch kümmert das ja auch niemanden. Der Bus nimmt Fahrt auf, immer bergauf, an tapferen Rennradfahrern vorbei (hey, die Luft ist dünn hier!).  Zwar in der richtigen Richtung nach Atitlán, aber leider weg von Los Encuentros – was ist hier los? Haben wir was falsch verstanden? (Nein, immer noch alles gut, sagt der Schaffner). Und Fahrtaufnehmen ist gar kein Ausdruck… wir beginnen, den Fahrer mit Formel1-Pilotennamen zu belegen, wir klammern uns fest, wo es geht, und wo es nicht mehr geht, fliegt der Gangsitzer aus der Kurve, die Tür, wo der Schaffner ebenfalls klammert, fliegt ab und zu auf, und eine Sinneswahrnehmung umschreibt die Fahrweise besonders gut. Eigner, hinter einer Kurve : „… riechst Du den Reifenabrieb?“  Aber bei aller Fülle, bei allem Geschleuder – für eine Mayafrau bleibt genug Gelegenheit, Tortillas und Chicharrones etc. aus großen Körben unter die Leute zu bringen. Schaffner und Fahrer zuerst – das schafft Zutrauen, diese Kombination aus schmierigem Tamal, fettigen Fingern und dem Lenkrad in glitschiger Fahrerhand! In Los Encuentros (ich habe mittlerweile gemerkt, dass es zwei Los Encuentros, zu übersetzen mit „Straßenkreuzungen“, gibt, der Schaffner lacht sich eins) hupfen wir nach 3 Stunden raus, rein in den nächsten Bus nach Sololá, und noch einer nach Panajachel, fertig! 

Am Lago Atitlán

Genau. Fertig. Ein ziemlich von Besuchern überlaufener Ort an Zentralamerikas „schönstem See“, dem Lago de Atitlán. Da sitzt dann die Schipperin am Abend – Sonnenuntergang ist ein Muss für alle! – mit Blick auf die 3 Vulkane und denkt: „… ach ja. Osorno. Lago Llanquihue. Chile.“ Das war Südamerikas schönster Vulkan. Dennoch: nette Begegnung mit Beverly, nach Mexiko ausgewanderte Kalifornierin, mit

Mayafrauen in traditioneller Kleidung.

der man zum Kaffee trefflich über Politik herziehen kann, aber sonst… gut dass es nur ein Wochenendausflug ist; für einen längeren Aufenthalt wäre ein Dorf am anderen Seeende sicher schön gewesen. Am Sonntag Fahrt zum Regionalhighlight Chichicastenango (Maya ist eine wunderbare Sprache!), und da trifft uns der Markt-Hammer. So viele Stände mit Stoffen und Webmaterial, Tortillas und Früchte,

Chichicastenango. Sonntagsmarkt

bunte Bänder und Holzschnitzereien – und alles für die Bergbevölkerung, nur am Rande für Touristen. Wir lütten Niedersachsen überragen die Menge um mehr als einen Kopf, verlieren dafür aber in der Disziplin „Drängeln“. Da Backpacker mit Minirucksäcken keine Staukapazitäten haben, bleibt es beim Staunen und Mitdrängeln, aber ein entspannter Marktbummel ist etwas anderes.

Drangvolle Enge, nicht nur drinnen

Wir treten zeitig den Rückzug an – und der Bus, den wir erwischen, ist schon voll. Will sagen: wir haben die Stehplätze gewonnen, ganz hinten, bis Chimaltenango zumindest, sonst ändert sich zu  obiger Beschreibung nur, dass der Schaffner gelegentlich von hinten ein- und über Armlehnen und Passagiere hinweg nach vorne steigt. So ist das also in einem vollen Bus in Guatemala. Und die Frau mit den Leckereien im großen Korb erreicht uns erst gar nicht. Nur das benachbarte Baby darf sich glücklich schätzen, Nahrung gereicht zu bekommen.

Daheim im Museo angekommen, packen wir die Rucksäcke für die Weiterreise – der Plan steht noch immer auf „Mayas, Azteken und Co.“. Mexiko, wir kommen. Dachten wir.

Das war ein Wochenende in Guatemala. Vor Corona. Wie wir zu unserer Hütte gekommen sind, verraten wir in Kürze.

Nicaragua

Rio Dulce, 10.3.2020

Das wird ein kurzer Eintrag… 

Nicaragua stand eigentlich gar nicht auf dem Programm, eher eine „wenn wir schon mal hier sind“-Station. Für die Geografie-Ungeübten: unser Weg von Costa Rica nach Guatemala, das ja ursprünglich unser Erstziel sein sollte, führt zwangsläufig über Nicaragua, Honduras und El Salvador.

Erster Stopp nach elend langen Grenzprozeduren in Peñas Blancas ist Ometepe im Nicaraguasee – das ist der, der immer mal wieder in der Diskussion ist für einen alternativen Kanal von der Karibik in den Pazifik, schon seit 150 Jahren. Derzeit sind die Pläne auf tropisches Eis gelegt, der chinesische Billionär, der das zuletzt geplant und sogar begonnen hat, ist plötzlich keiner mehr, seine Investmentgesellschaft hat sich… verdaddelt, aber was 150 Jahre währt, kann sicher auch wiederbelebt werden. Zunächst scheint das mal schlecht für die nicaraguanische Wirtschaft, besser aber für die ohnehin geschundene Natur, denn den zweitgrößten See Südamerikas von einem Süßwasser- in einen Salzwassersee zu wandeln, hätte weitreichende Wirkung, ökologisch gesehen. Das Projekt als solches ist auch sozialpolitisch extrem umstritten, geht es doch mit massiven Enteignungnen einher, zumal in Gebieten mit indigener Bevölkerung. Und innenpolitisch, man horche auf, ist der Chef des nicaraguanischen Entwicklungsbüros der Sohn von Daniel Ortega, dem ehemaligen Hoffnungsträger der Sandinisten, heute wieder Regierungschef und gehasster Despot. Und nicht genug mit Ortega-Klüngel: da die Investmentgesellschaft eine chinesische ist/war, sprich: es eigentlich „die Chinesen“ waren, die da ihre Finger ausstrecken, hätten sich, wie die USA  in Panamá, die Erbauer des Kanals mit den Enteignungen weitreichende Land- und Abbaurechte erschlichen. Sehr anrüchig und alles allzu wohlbekannt in der zentralamerikanischen Geschichte, nur mit dem Unterschied, dass hier der neue „Kolonialherr“ von der anderen Pazifikseite käme. Die nicaraguanische Bevölkerung ist allerdings auf der Hut – die Unruhen im Sommer 18 nahmen ihren Ausgang von den Kanalbauplänen. Warten wir’s ab. Wünschenswert wäre so ein Kanalbau nicht.

Wir erreichen mit Ach und Krach die letzte Fähre von San Jorge nach Moyogalpa auf Omotepe, schultern nach einer Stunde Sunsettour auf dem See die Rucksäcke und wandeln an zahlreichen – eher unbelebten – Toruistenllokalen entlang Richtung Hostel. Es ist sehr dunkel. Am Ortsende grillt eine Dame das unvermeidliche Hühnchen, ein bisschen Schwein und ein bisschen Rind. Dazu gibt es Tortillas und… schaaarf! Die letzte Erfahrung mit „schaaaarf“ lässt uns zögern. Zu Recht. Des Eigners Gesicht nach einem großzügigen Löffelchen „Chile“ auf seiner Ceviche in San José werde ich so bald nicht vergessen, aber auch ohne ist es lustig, in einem Vorgarten zu sitzen und sich von einem von Mopeds umkurvten Grill das Abendessen hereinreichen zu lassen. Auf den „frischen Saft“ aka refresco natural aus der Plastiktüte verzichten wir, zu dunkel der Platz für eine optische Kontrolle! Wenige hundert Meter weiter warten die Wirte von der Casa Mauro, mit denen wir schon von der Grenze aus im Mailkontakt standen („… wissen nicht, ob wir die Fähre schaffen… “ ). Ein zum Hostel umgewandeltes Gehöft, ein paar Hängematten unterm Vordach, schlichte Zimmer, alles ein bisschen grob. Sehr nette Leute, Mutter Sohn und Enkelin betreiben das Hostel, obendrein gibt es einen den Gästen sehr zugewandten Jung-Husky, der das Dauerbellen noch verlernen sollte – was macht so ein aufs Rennen versessener Hund aus kaltem Klima an einer Kette in den Tropen? Kleiner Wermutstropfen..

Wir erkunden den Ort und die Insel, und so vergeht die „wo wir schon mal hier sind“-Zeit. Die dem Festland abgewandte Seite, insbesondere der Ort Alta Gracia, erinnert uns dann schon sehr an das bescheidene Äußere von Kuba. Nicht zuletzt wegen der Bürgerkriegsmahnmale à la „Genosse Pedro… kämpfte heroisch in den Nordprovinzen“. Die meisten Todesdaten 1983/84. Wo man geht und steht – der Kalte Krieg, seine heißen Stellvertreterkriege und das scheindemokratische Gefummel der USA verlässt einen nicht. Hier: erst Somoza. Die Sandinisten, die ihn ablösten. Reagan, der das nicht zulassen mochte und die Contras unterstützte… kein Ende in Sicht.

Fähre zurück nach San Jorge, Sammeltaxi nach Rivas, Chickenbus nach Granada. Das ist die alte Hauptstadt Nicaraguas, spanisches Kulturerbe pur und Touristenmagnet – wir kommen in der Casa Amarilla unter, in einer Seitenstraße zum alten Zentrum; nicht so leicht zu erreichen von der Chickenbus-Haltestelle. Wem traut man mehr, dem Herrn, der hinter einem „nicht dort runter“ ruft (jau, war ziemlich unbefestigt und ein bisschen ärmlich!) oder Google Maps? GM natürlich und prompt ist die Straße, die eigentlich über einen Fluss führen sollte und direkt zu unserem Haus führt, mit Wellblechwänden gesperrt. Man kann sich des Eindruckes nicht erwehren, dass hier ein ziemlich armes Viertel von einem getrennt wird, in dem sich Touristen und das nur mittelarme Granada treffen. Egal, wir finden eine Brücke, nach einer Weile auch unsere Casa Amarilla, und die ist toll: ein veritables geräumiges Ferienappartment. Mit  Kühlschrank und Mixer (ha! Kalter Kaffee, Fruchtmatschegetränke! Bratkartoffeln vom 3-Flammen-Gaskocher!). Das genießen wir ein paar Tage. Wäschereibesuch und so, quasi ein bisschen Haushalting, und alles im altkolonialen Umfeld – es kommt einem schon sehr spanisch vor. Abends die volle Dröhnung Livemusik und Straßenbier für alle, Nicas und Touris vereint, glücklicherweise in ohrfreundlicher Distanz zu unserer Bleibe.

Weiter! Managua! Das ist noch mehr „Kuba“ – außer viel schlichter Wohnbebauung leicht überdimensionierte Moderne in Form von weiträumigen Straßen und Kreiseln mit zum Beispiel einem großen Hugo Chavez, um den sich nun alles dreht. Hola, Hugo!  Mehrstöckige Gebäude gibt es wegen der Erdbebengefahr nur sehr wenige;  außer ein paar Prachtbauten der Regierung und, was sonst, den Hotelbauten der ausländischen Ketten ist alles maximal 2-geschossig, was den Eindruck nicht übermächtig werden lässt. Der Managuasee ist leider gekippt, schon seit Jahren, daran hat auch die  mehrheitlich deutsch finanzierte Kläranlage nichts ändern können.

Zum Besuch von Managua gibt es eher negative Meinungen, und wir lassen uns hier folgerichtig schön verunsichern. Wir setzen die Rucksäcke im netten Hostal Los Cisneros ab (diese zentralamerikanischen Häuser mit den schönen Innenhöfen sind toll!) und marschieren in die nahe Busstation., denn mit TicaBus wollen wir weiter nach Guatemala. Gelesen hatten wir schon zur Sicherheitssituation in Managua, tagsüber wären diese 300 m oder 1 1/2 Blocks geradeaus und noch einer nach rechts gar kein Problem – aber in diesem Viertel heißt es die Dunkelheit zu meiden. Heißt es… Und siehe da, der Bus fährt morgens um 5. Minus 45 Minuten vorher dort sein bedeutet das: um 4 Uhr durchs Viertel stiefeln. Wir fragen rum… TICABus-Angestellter: dann solltet Ihr lieber knapp hierher kommen, ab 4:30 sind die Straßen etwas voller. Hotelrezeptionist: nebenan ist die japansiche Botschaft, da steht die Polizei! (Hm, ja, nebenan ist relativ. 1 Block in die falsche Richtung, und ob die dann, wenn wir gerade eins über den Schädel kriegen, in die richtige Richtung gucken und losrennen?). Am Abend machen wir einen Testgang. Hotelbesitzer (und Notar…): ach, nee, in diese Richtung lieber nicht laufen. In die andere gern. Wir laufen trotzdem bis zum Eck – es sind auch noch Familien mit Hund und Kind unterwegs, man läuft mitten auf der Straße. Da kommt eine Stimme vom Gehweg: „… das solltet Ihr nicht tun, nach Einbruch der Dunkelheit im Hotel bleiben. Hier ist es gefähr…“. Genau die Nachricht, die ich gern höre, so was Blödes. Und hier eiern wir dann um 4 mit Gepäck rum? Wir mischen uns in der Eckkneipe noch ein bisschen unters Volk, bei Rückkehr hat das Hostel schon die Gitter verschlossen, das trägt alles zu meiner Begeisterung bei. Das Ende vom Lied? Wir geben unser Zimmer in der zweiten Nacht auf und kaufen uns ein Bett im Busbahnhof. Feige Bande… oder zumindest zu 50% feige. 

Das war dann Nicaragua – ja, wir haben die Küste ausgelassen, wo sich die backpackende Jugend der Welt surfenderweise finanziell vom teuren Costa Rica erholt (tatsächlich, Backpacker, die riesige Surfbretter herumschleppen sind kein Einzelfall!). Der Bus fährt auf die Minute pünktlich los, die Grenzabfertigung nach Honduras geht unkompliziert, nach ein paar Stunden ist man in El Salvador. Da kommt dann erstmalig Corona ins Spiel, wir werden mit Infrarotthermometern beschossen und müssen Kontaktdaten angeben (Anweisung an den Chef: nicht husten!). Nicht ganz fahrplanmäßig ein plötzlicher Busstopp ca. 150 km vor San Salvador – Getriebedefekt. Der Fahrer bugsiert uns rückwärts 2 km zurück an eine „sicherere Stelle“.  Da bäckt eine Frau die salvadorianische Nationalspeise namens Pupusas, mit Hackfleischmasse gefüllte Maisfladen. Sehr nett. Bis Ersatz kommt ist es allerdings stockeduster und Vvn San Salvador sehen wir so nur einen erstaunlich modernen und amerikanisierten Innenstadtteil und… das Tica-Hotel. Wird schon seinen Grund haben, dass die Busgesellschaft ihre Schäfchen nicht allein herumtraben lässt. Es folgt ein weiterer 5-Uhr-Bus.

Ein paar Stunden und ein Infrarotthermometer später rollen wir in Guatemala Stadt ein. Ab hier wird’s Maya!

Zwischen Karibik und Pazifik

Omotepe, Nicaragua, 26.2.2020

Schwer zu toppen, dieses Yatama… zumal wir uns für den nächsten Schritt wieder ins Getümmel werfen müssen. Die Busfahrt geht von Horqueta über Guápiles und Carriari durch endlose Bananenplantagen* bis La Pavona, da ist dann Ende Bus-Gelände, weil von dort nur der Wasserweg noch an die Küste führt. Ziel Tortuguera. Glücklicherweise bekommen wir ein „normales“ Boot, das auch ein paar Gehöfte von Einheimischen anläuft und daher nicht vollends mit unseresgleichen (aka Tourist) besetzt ist. Wohl aber mit einer deutschen Familie, deren Sohn (4?) für Dauerbeschallung sorgt: „Mama! MAMAA! Das wackelt! Mamaaa, das kippt um!“ Die Mutter nimmt ihn auf den Schoß, muss aber zeitgleich die Hand der Tochter nehmen, die gottergeben und mit geschlossenen Augen der drohenden Katastrophe entgegengeht (der Vater hat eine weitere Tochter im Arm). Dann geht es los, teils wegen Ebbwasserstandes mit Gewühl (sehr tief wären wir nicht gesunken…), noch ein bisschen Entsetzensgequieke, dann aber hat Sherlock – außer einem Plüschtier ist das Kind mit Plastikfernglas und Lupe gerüstet – die Lage analysiert:“… so, Mama, Du kannst Dich wieder an Deinen Platz setzen!“. Die Angsttiraden werden aber nahtlos durch Live-Berichterstattung ersetzt:“ … Mamaaa! Der Vogel! Das Krokodil [war ein Leguan].“ Ob sich die Gäste im La Baula Resort, wo die Familie aussteigt, auch gefreut haben?

In Tortuguero irren wir ein bisschen durchs Dorf, finden dann unser Hostel El Gecko am Ortsende, schaurig schön am Atlantik, der für die nächsten Tage mit seinem Gedonnere für eine ununterbrochene Geräuschkulisse sorgt. Hier ist nun Tourismus „pur“ angesagt, alles zwar eher einfach, obwohl ein paar luxuriösere Resorts sich in den Palmenhainen außerhalb des Dorfes verbergen. Vorteil des Gästestromes: nettes Essen, Ingwer-Zitronengras-Limonade und richtig guter costarikanischer Kaffee im Buddha-Café. Es hat was, mal kein Gallo Pinto (Reis mit Bohnen) vorgesetzt zu kriegen. Die Nachtwanderung hat auch was: zwei Europäer in Vollzeug – lange Hose, Wanderschuhe, langärmeliges Hemd, so wie wir’s halt kennen, und wie es auch empfohlen wurde – dazu eine Gruppe von Uruguayanas, die sich das nächtliche Abenteuer in kurzen Shorts und bauchfreien Tops geben, und beim Durchstreifen des Unterholzes natürlich kreischen und juchzen. Umpf… wenn es keinen Grund zum Kreischen gibt, wird gegackert. Was das Vergnügen nicht allein trübt. Es sind zig Gruppen à 6-10 Gästen, die zu allem Übel auch noch ein recht kleines Gelände am Ortsrand durchpflügen; aus allen Richtungen blitzen die Taschenlampen. Lauschig. Immerhin… Baumfrosch, Kolibri im Nest, ein paar – iiieeeek! – Spinnen sind der Lohn, Saulo, dem es auch zu voll ist, führt uns noch ein Stück weiter nach Norden, wir erhalten einen kleinen Vortrag über Meeresschildkröten, deren Eiablage er in der Saiason betreut und bewacht. Zwei schöne Schlangen kommen auf unsere Liste, eine namenslose, die man glatt für einen braunen Ast halten könnte, und die – wieder einmal – ohne die geübten Augen eines Guides unentdeckt geblieben wäre. Und eine grüne Weinstockschlange sitzt hoch im Baum und verdaut. Schick. Kleine Leguane gibt es als Zubrot, aber die erhofften Faultiere verstecken sich gut und erfolgreich.

Nächstes „Muss“ in Tortuguero ist eine morgendliche Ausfahrt mit dem Ruderboot oder Kanu. Wo an einem Urlaubsort erlebt man um 6 Uhr früh einen solchen Auftrieb? Glücklicherweise verteilt sich das gut, wir sitzen zu vielleicht 10 Gästen im Boot, aber die Ausfahrt ist dann doch zeitweise beschaulich und ruhig, wenn sich nicht gerade 10, 12 Boote vor einem springenden Klammerschwanzaffen versammeln und „oh! Ah!“ rufen, ansonsten paddelt man recht still durch die Mangroven. Es gibt reichlich Reiher und Jacanas, Tukane, Fledermäuse im Tagversteck, Kormorane und natürlich die leider bedrohten grünen Soldatenaras. Schön! Sollte man mitmachen, wenn man hier ist! Im Nachhinein betrachtet hätten wir lieber ein Kajak genommen, mit dem man sich leichter absetzen kann. Wir unternehmen noch zwei ausgedehnte Spaziergänge allein, einen davon im fast unvermeidlichen Regen – die Regenmengen sind unglaublich.  Leider ohne Jaguarsichtung, obwohl doch kürzlich erst einer in der Nacht ins Dorf gekommen war, um sich einen der zahlreichen Hunde zu holen. Aber damit ist unser Karibikausflug auch erledigt – den Nationalpark Cahuita lassen wir aus.

Zurück nach San José. Aida im Hostal Trianon freut unser Wiederholungsbesuch. Der Eigner schwankt zwischen dem Erwerb neuer Wanderschuhe und Reparaturversuch an den Sohlen – also eher einfache Aufgaben – dann Abreise nun doch noch in den Nebelwald. Bus nach Puntarenas am Pazifik, ein bisschen an der Bushaltestelle abhängen und aus der pazifischen Hitze hinauf in die Berge des Monteverde – dass es sich um Nebelwald handeln muss, hatte man schon vom Strand sehen können, denn die Wolkenwalze, der wir uns nähern, ist gewaltig. Nicht auf dem Schirm hatten wir allerdings die geradezu gewalttätigen Winde, die den feinen Nebelregen waagerecht durch die Luft treibt: von Ost kommt der Passat, der auch die feuchten Wolken die Hänge hinauf treibt. Eine Passagierin im Lokalbus antwortet später auf die Frage, ob das immer so sei, knapp: si, más o menos. Mehr oder weniger. Gespenstisch – gleichzeitig ist Santa Helena aber ein viel netterer Ort als La Fortuna, trotz des Touristenaufkommens: es ist bergig und verwinkelt, also verteilen sich Bebauung wie auch Leute in der Landschaft. Wir buchen einen geführten Gang im kleinen Reservat Curi Cancha, gekrönt von einer Quetzalsichtung (eigentlich ein leichtes Thema, weil Quetzals gern in Avocadobäumen sitzen, wenn die Früchte tragen), und am nächsten Tag marschieren wir frei durch den Nebelwald. Was für Wassermassen! Manchmal peitscht einem der Wind den Nebel ins Gesicht, an der Stelle, an der man Atlantik und Pazifil gleichzeitig sehen kann, hüllt uns die Wolke vollends ein – es ist eben kein „ruhiger Tag“; dennoch gibt es ganz windstille Taschen im Wald. Und eine Hängebrücke in Höhe der Baumwipfel – das hätten wir  damit auch abgehakt. Manchen Besuchern geht es um so viele Brücken wie möglich, was auch ziemliche Kraxelei bedeutet; es gibt Nebelwaldtouren mit 6, 8, 15 Brücken. Eine reicht, der Weg ist beschwerlich. Und sehr lohnend.

Nach 3 Nächten geht es wieder auf, runter an die Küste Richtung Liberia, von wo es nicht mehr weit zur nicaraguanische Grenze ist, und wo der Schuster das Geschäft des Jahres macht – endlich werden die o.a. schon erwähnten Sohlen „professionell“ geklebt. Klingeling, 14 Dollar – diese Gelegenheit konnte er sich nicht entgehen lassen. TICA-Bus bucht freundlicherweise unsere bestehenden Tickets von San José nach Managua um – so viel Gemecker um die Firma, aber wir hatten nur Serviceglück, vor allem mit deren Chatverfahren. Perfekt. Auf nach Nicaragua!

 

(Jetzt muss der Eigner wieder einmal den Rechner für Bilder freigeben, dennoch: raus damit, wir hinken maximal hinter dem Zeitplan her, immerhin sind wir schon vier Länder weiter…)

 


* Bananen kommen mittlerweile auf meine Liste der zu vermeidenden Nahrungsmittel, sofern sie nicht zertifiziert organisch sind. So viel Plastikmüll (blaue Säcke gegen Insekten- u ndFledermausfraß. Und so viel Pestizide, dass an der Küste die Koralleriffe durch den Pestizideintrag von den Feldern geschädigt werden. Costa Rica, das Ökotourismusland…