Forró zum Frühstück

Jacaré, 17.7.2016

Da sind wir! Zum Abschluss der Passage gab es noch einmal 8 Stunden Motorrappeln, der Wind hatte einfach keine Lust mehr. Dann eine Nachtansteuerung – immer spannend! – und pünktlich um Mitternacht fiel der Anker kurz hinter der Fähranlage von Cabedelo. Für den Rest nach Jacaré war es uns einfach zu dunkel. Beim kleinen Absacker-Pastis räsonnieren wir darüber, dass wir hier vor 2008 schon einmal waren –  wir sind also „rum“. Drauf hin gearbeitet haben wir nicht, aber jetzt war es so weit, und es war toll, wunderschöne 9 Jahre lang. Vielen Dank, lieber Eigner/Käpt’n/Ehemann, dass Du mich mitgenommen hast!

Zum Frühstück zeigt sich Cabedelo sonntäglich ruhig. Die Fischerboote sind auf“s Ufer gezogen, die kleine Autofähre schaufelt Ausflügler nach Forte Velho, und vom Strand klingt lautstarker Forró. „Music for Maids and Taxi Drivers“, wie eine CD betitelt ist. Beschwingt klaren wir das Deck auf. Danach die letzten Meilen: Jacaré ist unverändert. Die Straße ist unbefestigt, die Stege wabbeln im schnell fließenden Fluss. Das Paar gegenüber dem Pontontor sitzt immer noch am Sonntag unterm Baum am Straßenrand und grillt – staubige Sache. Und noch immer pustet der Saxofonist um 17 Uhr in sein Instrument und entlockt ihm Ravels Bolero. Business as usual!  Bis bald!

Griesegrau und Tintenblau

09°33 S und 026°24 W, 13.7.2016

Heute ist es mal griesig grau, von hinten kommt gerade eine Regenwand – wenigstens fühlt sich das in diesen Breiten nicht schlotternd kalt an. Will sagen: wir schwitzen wieder. Tropensegeln. Mit Brotbacken, um jeden Temperaturzweifel auszuschließen.
Tintenblau war es dagegen am Wochenende: der Wind hatte sich gegen Freitagmittag entschlossen, ein freies Wochenende zu nehmen, ein schwacher Versuch mit dem Genaker währte nur wenige Stunden. Ich liebe dieses Segel und den Aufwand, wir sollten es wirklich öfter benutzen (denn nur Routine kann den Aufwand in erträglichem Umfang halten). Nee, so schlimm ist es nicht – wenn nur die Passageträgheit nicht wäre. Es folgte ein bisschen Motortuckern, aber als das Meer sich zusehends glättete, war Schluss mit „Fortbewegung“. Motor aus, keine Segel oben – absolute Ruhe, im Schiff und draußen. Herrlich! AKKA driftet trotzdem mit einem halben Knoten oder gar ein bisschen mehr in die richtige Richtung, eine Geschwindigkeit, die ich mir als Schwimmerin leicht zutraue, folglich gab es einen „dip“ in die unglaubliche, leicht violettstichige Tinte. 4.000 m war der Pool tief – ich gestehe, dass ich in solcher Situation durchaus nach verdächtigen Schatten Ausschau halte. Sicher nicht ganz zu Unrecht, denn Kerstin „Lop To“ hatte kürzlich beim Funkgespräch ein kleines, nächtliches Schreckerlebnis zu berichten, was auf eine Walbegegnung schließen ließ – gestern übrigens konnten sie die Vermutung auf „Orcabegegnung“ einengen; gleich ein ganzer Trupp begegnete ihnen vor Rio de Janeiro. Na, das hätte ich auch gern gehabt. Vielleicht nicht gerade, wenn ich im herrlichen Tintenblau dümpele, die Jungs sollen ja ihre Opfer lustig in die Höhe schmeißen. Ich bin ja kein Pinguin oder Seelöwe.

Sonst: Alltag. Wir kämpfen mit der Abrechnung der Satellitenrouterverbindungen, die wir neuerdings (und schlauerweise) für die Wetterabfrage benutzen. Funktioniert gut und ist nicht so nervenaufreibend wie das Funken zur Zeit – ich kriege nämlich kaum meine Positionsreporte raus – aber leider scheint man uns Datenverkehr zu großen Teilen wie Sprechverkehr abzurechnen; da wechseln dann die eMails von mid-atlantic nach Südafrika und England. Eben kam zu meinem Vergnügen auch noch eine Benachrichtigungsmail („…we have not heard from you, which we hope means that your problems have been solved…“ Nee, Mann!) vom Anbieter rein, an der 100 kB an Bildchen klebten, ein schickes Firmenlogo und ein Werbebanner für eine Satellitentelefonieveranstaltung. Klingeling, sagt die Kasse da. Andreas avisierte eine strenge Sitzung unterm schattigen Baum in Jacaré in der kommenden Woche, da wird dann gerechnet.  Ach ja, und noch ein Erlebnis, quasi ein déjà-vu aus dem Jahre 2011. Samstagmorgen, Windstille, der Motor tuckert knapp über dem Leerlauf. Ich bin gerade dabei, ein Akkatouille zu bereiten, grüne Bohnen, Auberginen, Zucchini, Tomaten, Zwiebeln und … ein Rest immer noch gutes Rinderfilet aus Kapstadt, da kommt der Eigner mit einem typischen „kleine Krise“-Gesichtsausdruck vorbei: „… ich mache mal den Motor aus und bin in der Achterkammer…“ ??? „…eine Batterie ist heiß…“ Da waren es nur noch 5! So ein Mist – aber schließllich sind wir eine ganze Tongasaison so gefahren (und verglichen mit anderen Booten sind wir mit nunmehr nur noch 600 Ah immer noch gut ausgestattet). Wir haben nur ein etwas wacheres Auge auf den Ladezustand der Batterien – und unser Bestand an Elektronika ist setiher leider gewachsen, Smartes und Tablets gab es damals noch nicht.
Zusammenfassung: Die Akkatouille war lecker. Das Bad im Tintenblau war ein Traum. Griesegrau muss auch mal sein. Der Ozean ist weitgehend schiffsverkehr- und orcafrei. Strom ist ausreichend vorhanden. Und der Mond scheint wieder (lässt aber noch genügend dunkle Stunden für sensationelles Milchstraßengucken). Wir gucken aber auch in die Zukunft. Ein alter Chile-Reiseführer macht Lust auf Rucksack.
Noch 500 Meilen bis Brasilien. Bis dann!

Ein Fest!

13°46 Süd, 13°36 W
6.7.2016

Ich starre auf den Plotter: gleich werden wir ein Längen- und Breitengraddoppel erreichen, irgendwo hier in den „Dreizehnern“, ungefähr 13 Grad 40 Minuten Süd, 13 Grad 40 Minuten West. Lustig. Ein Grund zu Feiern.
Wir werden das Ereignis mit Paté auf finnischem Brot begehen – richtig gelesen, in Jamestown gab es am letzten Tag außer einem unerwarteten Eierregen auch noch kleine Stücke Pilzleberpastete, außerdem grüne Bohnen, Zucchini und auch Tomaten unterschiedlichen Reifegrades (wichtig, damit sie nicht alle gleichzeitig rot-matschig werden!). Man darf nur nicht aufgeben: offensichtlich lohnt sich der Gang in den Star-Supermarkt auch kurz vor Geschäftsschluss (und es lohnt sich, wie der Eigner meint, bei dieser Versorgungslage sich alter DDR-Sitten zu entsinnen und stets einen Einkaufsbeutel dabei zu haben!). Erst die Eierüberraschung, dann plötzlich grüne Bohnen und Paté. Wir sind also gut versorgt – heute Mittag gab es schon ein kleines Festessen, selbst gemachter Kartoffelbrei, gebratenen Tunfisch, Schmorzwiebeln und grünen Salat. Salat und Fisch aus der Kategorie: das Letzte.
Ich werfe ansonsten ein nettes „Eid Mubarak“ in die Runde, oder ein „Hari Raya“ an die Malaysier – ich denke, heute ist Ramadan zu Ende, oder? Verrückt, wenn ich denke, dass es nur ein Jahr her ist, das Ros mir ein Hari Raya-Brot in die Hand drückte, im heißen Pangkor, „on the hard“. Wir sind ziemlich weit gekommen in diesem Jahr, und es hätte gern ein bisschen langsamer sein dürfen. Auf den von den Ramadanfeierern ersehnten Mond warten wir übrigens auch – als schlichte Himmelslaterne, aber bis der sich zu unserer Zufriedenheit zeigt, dauert es noch ein paar Tage; für die nächsten Abende beschränkt er sich auf einen Kurzauftritt, und das heißt, dass unsere Nächte hier stockduster sind. Noch dazu haben wir stark wechselnde Bewölkung, also prescht AKKA im Blindflug durch die Nacht – der Mangel an Schiffsverkehr ist klar von Vorteil. 2 magere Radarechos waren bislang die Ausbeute, Schiffe wohl auf dem Weg von den USA zum Kap der Guten Hoffnung. Gesamturteil der Fahrt: es geht voran, und wir müssen nicht mal große Anstrengungen mit unserer Segelgarderobe machen. Der Windpilot steuert unermüdlich, wir schlafen, wachen, lesen. Und überlegen schon mal, was wir in Südamerika anstellen werden. Gut! Bis demnächst mal wieder! —

Das Schiff

 Jamestown, St. Helena, 1.7.2016

Die „no onions, no potatoes“-Angelegenheit wurde nahtlos durch „no eggs“ abgelöst, und während ersteres heilbar war – das Postschiff ist da! – scheint es für unsere Überfahrt nach Brasilien nur noch Eier rationiert zu geben. Diese Insel… Oder: ich hätte ja auch ein bisschen aufpassen können. Jedenfalls scheint RMS St. Helena keine an Bord gehabt zu haben.

Heute ist in Jamestown so richtig was los, als wir nach unserem Funkgespräch mit der Lop To an Land gehen („Sked“ nennt man das übrigens, und die beiden sind schon so weit nach Westen vorgedrungen, dass sie um Zeitverschiebung baten!). Seit Dienstagnachmittag wurde die St. Helena entladen. Wir sprachen kurz mit dem Willkommensaufgebot an der Wharf – Madam Governor, Mr. Harbourmaster und die versammelte Zollmannschaft. Steve, der Hafenkapitän meinte, dass es jetzt 2 sei und es wohl dunkel würde, bis die 130 Passagiere an Land seien.  Hm, hm… da wundern die AKKAnauten sich und trollen sich dann, aber richtig, als wir gegen 18:00 zurückkommen, schwebt gerade etwas ein, was wir zuvor und von Ferne als Gepäckkäfig identifiziert hatte. Mitnichten, oder wenigstens nicht nur Gepäck, denn in dem Käfig sitzen, mit Schwimmwesten versehen, die Passagiere. Das ist vielleicht ein Ast hier! Der Käfig wird beladen, mit was auch immer, vom Ladekran ins Wasser gelassen, auf einem Schwimmponton abgesetzt, dann tuckert das Gefährt, von einem kräftigen Baumaschinenmotor getrieben dem Kai zu. Unnötig zu erwähnen, dass die „RMS“ weit draußen ankert… Am Kai dann das umgekehrte Spiel, der Käfig wird vom Kran an Land gehievt, aussteigen, ein paar Hundert Meter an der Wasserkante entlang zum Zoll und Immigration marschieren. Den Kai hat man mit einer Schranke und Plastik-Bollwerk abgesperrt, als Yachtie läuft man da einfach durch (gibt ja nicht so viele von uns…) Hinter der Absperrung die erwartungsfrohen Familien. Geduld muss man da schon haben, und wenn man sich dieses Procedere anschaut, weiß man warum.  Am zweiten Tag: die Container. Viele Container, alles mühsam auf Schwimmponton und ein altes Landungsboot umgekrant. Am dritten Tag die Laderaumlast: AUTOS! Die (vor allem) Jungs hier scheinen ein Faible für Sportliches zu haben und so manches Auto, das ankam, musste erst einmal mit ein bisschen mehr Bodenfreiheit versehen werden – die Landstraßen hier sind halt nicht die Londoner M5. Und vierter Gang hat hier sicher Seltenheitswert, von 5- oder 6-Ganggetriebe wollen wir gar nicht sprechen.

Heute gucken wir ein bisschen traurig  – dieses sollte die letzte Fahrt der RMS werden, bevor sie außer Dienst gestellt wird, und darum kam sie aus London via Ascension hierher, und die Weiterreise nach Kapstadt führt wieder via Ascension und St. Helena. Nächste Woche wäre sie wieder hier – die Gelegenheit, auf einer Mini-Kreuzfahrt mal kurz nach Ascension zu stechen. Andererseits ist es zur Zeit sehr böig, und AKKA allein an der Mooring – ach, wir trösten uns mit dem Gedanken, dass das Schiff mit den letzten  Passagiertransport vor und zurück ohnehin ausgebucht gewesen wäre.

Ach ja – Brexit. Es wird eigentlich immer unglaublicher, wenn man die überaus gemeinnützigen Verlautbarungen der „Kandidaten“ hört. Vielen Dank für die Kommentare übrigens, lieber Bruder, Neffe etc (ja wir können manchmal eMails an Land abrufen!). Nur zu und mehr. Wir haben ja „Freunde“ in Brexitland, und eigentlich bin ich gespannt auf weitere Verlautbarungen auf Facebook und Co. Lieber aber die anderen, die direkten und differenzierten.  Was aktuelle Informationen betrifft waren wir nie so am Arxx der Welt…

Ich will mal schnell gucken, ob nicht irgendwo noch ein Ei aufzutreiben ist. Oder 10, vielleicht? Unser Passagefrühstücksritual muss bleiben.

 

 

Wir haben den Salat!

St. Helena, 25.6.2016

Ausland ist das hier. Britannia rule the waves! S

agt mal… wir sind wirklich ein bisschen schockiert. Entgeistert. Beunruhigt. Natürlich hätte man sich ausmalen können, dass das Brexit-Referendum so ausgeht, aber ich hatte etwas anderes erhofft. – allerdings wissen wir aus Diskussionen, dass nationalistische Tendenzen oder auch nur Empfänglichkeit für Populistisches mittlerweile Kreise von Personen erreicht, mit denen wir sonst deutliche Schnittmengen hatten.
Umso dringender fragt man sich: wohin? Wohin geht die EU? Und: wohin sollen wir? Vielleicht eine Greencard in den USA beantragen, wo man seit vielen Jahren in 50 unterschiedlich strukturierten Staaten zusammenlebt. Oder in Kanada, wo es sogar die Anglo- mit den Frankophonen aushalten. Leider zu kalt. Also doch nach Florida, zu Jeb Bush und Spaß mit Donald genießen. Kleiner Scherz.
Eine Frage möchte ich anfügen : was ist in Deutschland los? Wir lernten hier eben, dass man „in Deutschland nicht unbegleitet in den Supermarkt gehen könne“, weil der Immigrantenmob in 10er-Gruppen dort auflaufe, die Einkaufswagen fülle, um dann ohne zu zahlen von dannen zu ziehen, denn „wir sind Asylanten, Bezahlung ist an Euch“! „… das passiert sogar in Sportmärkten!“ Toller Akut-Bericht auf St. Helena, natürlich von einer Saint, wir sind ja außer einem südafrikanischen Katamaran die einzigen Inselgäste. Ich frage jetzt mal im Ernst, ob das tatsächlich so vorfällt und wo? „Die großen Städte, da wo die alle sind“ wurden genannt. Den dank der spärlichen Internetversorgung selten abgefragten Medien konnten wir das in dieser Form nicht entnehmen. Meine vorsichtige Theorie ist, dass die (ursprünglich südafrikanische) Berichterstatterin, die zur Zeit für 3 Monate aus Botswana in Deutschland ist, einen kleinen Südafrikaschaden mit sich herumträgt un d gern auf soziale Unterschiede hackt. Und dass sie so etwas erzählt, weil einfach nicht sein darf, was nicht sein kann, Empathie zwischen Reichen und Armen im Allgemeinen vielleicht, und der Versuch einer entsprechenden Flüchtlingspolitik, zum Beispiel. Möglicherweise ist die Dame auf diesem Auge so blind wie ich auf dem „(weißes) Südafrika ist einfach nur wunderbar“-Auge. Ich bin gespannt von Euch zu hören.

Lesen werden wir Eure Antworten nicht so bald, demnächst geht es wieder hinaus auf See, 3 Wochen können es bei den herrschenden Fächelwinden bis Brasilien werden. Darum  – und weil wir das Schauspiel als solches gern sehen möchten –  warten wir auch mit der Abfahrt auf Mittwoch der kommenden Woche, wenn die „allerletzte RMS aus England“ (siehe Bericht zuvor!) hier eintrifft und hoffentlich ein paar Zwiebeln und Äpfel und zwei Kartoffeln für uns mitbringt; auf Wiener Würstchen, Parmaschinken und Comtékäse (um mal ein paar EU-Länder zu bedienen) mögen wir aus Brexitland nicht hoffen. Was uns in der Nach-Brexit-Berichterstattung gut gefallen hat, war 1. der Namensvorschlag für ein mit einem unabhängigen Schottland zu vereinendes unabhängiges London, nämlich SCOTLOND, und 2. eine Statistik, die die Altersgruppierung der Wähler und die mittlere Lebenszeit zeigt, die der jeweilige Wähler mit der Brexitentscheidung zu leben hat – im Extrem überlebt demnach der jugendliche „Stay“-Sager den älteren, aber leider tonangebenden „Nein“-Schreihals um 50 Jahre. Hier sind die Leute eher skeptisch, ich denke, man fürchtet um die EU-Finanzhilfen. Aber das Wiedererstehen des Empires wird den Engländern bestimmt – ganz bestimmt! – einiges aus der Schatulle wert sein, auch für St. Helena/Ascension/Tristan da Cunha. Viel Geld für das Nichts?!

Hier auf St. Helena jedenfalls könnte man trefflich siedeln, wenn man mit der Versorgungslage ein bisschen Geduld und nun auch Nachsicht mit den Briten hätte. Ein tolles Beispiel (wirklich!) liefern Milla und Stefan. Heute haben wir wegen eines Wanderausfluges leider ihre Geschäftszeiten verpasst, und so muss ich gleich noch Brot backen. An 5 Tagen in der Woche – außer Mittwoch und Sonntag – stehen die beiden Finnen vor dem Consulate Hotel und verkaufen DIE Alternative zum englischen Toastbrot-Schwamm. Gutes, krustiges Weiß- und Weizenvollkornbrot, demnächst (wenn die nächste RMS aus Südafrika da war, siehe Stichwort „Versorgungslage“) auch Roggenbrot. Mohnbagel, Zimtkringel, Apfelrosen. Zwei Jahre dürfen die beiden hier leben und arbeiten, und wer unter 7.000 Pfund verdient, tut dies steuerfrei – zum Leben reiche das. Na, also. Noch Geschäftsideen? Wobei uns angesichts der Supermarktpreise 7.000 Pfund pro Jahr schon recht knapp erscheinen, das Preisniveau soll allerdings das finnische insgesamt nicht überschreiten. Da wir ja den „Independant“ (der gleich gestern Morgen das Referendumsergebnis herausschrie!) lesen, wissen wir, dass die Mehrzahl der Jobs auf dieser Insel unter der 7.000-Pfund-Grenze liegen. Behausungsmäßig sieht alles ganz moderat aus, oben in den Bergen ein bisschen bescheidener (an Kiwi-Schlichtbehausungen erinnernd), und das Government vergibt Häuser und Gärten, die als ehemalige Regierungswohnungen frei geworden sind, zu Minimalpreisen. Irgendwie geht es. Aber wenn man zu den 7.000 Pfund ein Gärtchen bewirtschaftet? Letzteres etwas, was viele ältere „Saints“ vermissen – man gibt sich sehr wohl dem Fischfang hin aber landwirtschaftliche Aktivitäten sind eher unbeliebt, obwohl sie die Versorgungsengpässe doch deutlich entlasten könnten, und die Inseltopografie würde das nach wie vor hergeben. Kelly aus der Touristeninformation erzählte mir, dass „moderne“ Anbaumethoden, z.B. unter Poly-Zelten, wegen des leichten Technologie-Touches neuerdings Interesse bei jüngeren Insulanern finden (mein Vorschlag: man müsste Gemüse virtuell aus dem Computer zaubern können!) Und vielleicht Weißkohl nur in der Weißkohlsaison essen, denn „wir sind einfach gezwungen, Gemüse außerhalb der Saison zu importieren“. Klar. Zwingend. Aber es gibt die erwähnten Anbaumethoden tatsächlich, und darum gibt es auch mittwochs Salat. Hydrokultursalat und der ist bestimmt ganzjährig in diesem Klima. Bei den Zwiebeln muss allerdings nochmal nachgelegt werden! —

Nichts. Oder: Möhrentag

St. Helena, 23.6.2016
Danke, lieber Neffe, für das Link zum SPIEGELartikel über den hiesigen Flughafen! Das hat uns sehr gefreut!
Zunächst mal, lieber Spiegel, ist diese Insel überhaupt kein „Nichts“, das ärgert mich ein bisschen, und schon gar nicht im „Nichts“. Dieses Nichts ist unser hauptsächlicher Lebensraum, und ohne das „Nichts“ wäre der Mensch… nichts. Ende der Philosophiestunde. Jahaa, ich weiß, wie es gemeint ist.
Die Insel, das haben wir letzten Freitag gesehen, ist erstaunlich vielfältig – karge, trockene Saumbereiche am Meer, fruchtbare Täler, bewaldete (wenn auch weitgehend von der endemischen Flora befreite) Berge, immerhin 800 m hoch. Viel Vulkangestein in interessanter Schichtung. Skurril erodierte Formationen wie „Lot’s Wife“. Dicke Kühe grasen extrem steile Weiden ab. Der Neuseelandflachs, ein Agavengewächs, das ehemals über die Produktion von Sisalseilen für einen bescheidenen Reichtum gesorgt hatte, macht sich übermäßig breit. Ein Regenpfeifer, der Wirebird, führt als unscheinbarer Trockenflächenbewohner ein etwas bedrohtes Leben: die Menschen haben natürlich allerlei unnatürlichen Unfug eingeschleppt oder zum Vergnügen ausgesetzt, Katzen, Hunde, Ratten… und solcherlei Feinde mögen Bodenbrüter nun mal nicht. Aber: der National Trust macht Anstrengungen zu seinem Schutz, und gerade in der letzten „Independant“ – es gibt außerdem noch den „Sentinel“ – stand, dass die Wirebirdzahlen wieder steigen. Freut mich sehr. Und so weiter.
Ganz wesentliche Frage noch zum „Nichts“: wieso kann man aus dem „Nichts“ heraus einen so grässlichen Muskelkater entwickeln wie wir in der vergangenen Woche? Zum Abschluss unseres Ausfluges waren wir auf die dämliche Idee verfallen, man könne ja die 699 Stufen der Jakobsleiter vom „Ladder Hill“ nach Jamestown hinabsteigen. Kann man. Geht auch ganz gut, man hat nur unten ein bisschen Pudding in den Seglerbeinen, und am nächsten Tage kann man sich nicht so recht bewegen… Zusammengefasst ist St. Helena also ein Nichts mit hohen Ansprüchen an die körperliche Fitness, mit (immer noch ) vielen endemischen Pflanzen und Tieren und zwei Zeitungen, mit 2 Radiosendern und regiert von der ersten GouverneurIN seiner Geschichte. Geschichte, die ein sehenswertes Museum sehr schön zeigt.
Wir waren am Freitag natürlich auch in Longwood, das lässt man sich ja nicht entgehen, und am „Tomb“, der Grabstätte, die sich Bony für den Fall seines Todes ausgeguckt hatte, in einem engen Seitental, unter Weiden, nahe an einer Quelle. Idyllisch. Er soll hier öfter spazieren gegangen sein und hat dann auch 19 Jahre streng bewacht hier gelegen, bis er exhumiert und nach Paris überführt wurde. Das Haus selbst – oh, weh! Sicher nicht schlecht, aber ganz sicher nichts für den anspruchsvollen ex-Kaiser. Auf der Fahrt dorthin ahnt man schon – die vielen Flechten an den Bäumen kommen nicht von ungefähr, und in der Tat war Longwood House mitten in den aufsteigenden Passatwolken gelegen. Hübsch feucht da oben! Mahlzeiten wurden unfranzösisch kurz gehalten, da das Esszimmer gegen die extreme Feuchte stets mit (ebenfalls nassem) Holz beheizt wurde. Huust! Und so fort. Kein wirkliches Vergnügen, dazu ein englischer Oberbewacher, der sich als besonders harte Nuss erwies: der Gouverneur Sir Hudson Lowe; der hat seine Pflicht erfüllt und Napoléon nicht noch einmal entwischen lassen, unter anderem, weil er die Bewohnerzahl der Insel mit 3000 Wachsoldaten (!) zu einem Allzeithoch angehoben hat. Miteinander gesprochen haben die beiden nur eine Handvoll Mal und das auch nur im ersten Jahr. Ich kann mir allerdings vorstellen, dass auch „der Kaiser“ weder ein angenehmer Gefangener noch ein guter Gesprächspartner war (angeblich hat er bezügliche Lowe verlauten lassen, dass er nicht mit Leuten argumentiere, die er nicht auf dem Schlachtfeld getroffen habe…).
Aber St. Helena ist viel mehr als Bonaparte, auch geschichtlich. Alle berühmten Seefahrer waren hier, viele der damaligen Astronomen (Maskelyne und Halley…) und Charles Darwin hat die Beagle für eine Woche vor Jamestown ankern lassen und kartiert, was das Zeug hält – das hat dem Käpt‘n sicher gut gefallen. Damals gab es noch keine Moorings, und der Ankerplatz ist nicht unbedingt ruhig zu nennen…
Nebenbei erhielten wir auf der Tour auch eine kleine Inselkunde für das hier und heute: Robert berichtete über die Sisalproduktion (in der er gearbeitet hat), über die Bedeutung der Insel als Funkrelaisstation, über die Insel Ascension etc. , und wir bekamen den neuen Airport gezeigt. Was für ein Drama… 4 Jahre wurden hier ganze Berge verschoben, um irgendwie im Südosten der Insel eine plane Fläche zu schaffen, auf der große Verkehrsflugzeuge landen können, und als es jetzt so weit war, stellt man fest, dass die Scherwinde so stark sind, dass den Piloten wahrscheinlich der Angstschweiß schon beim Abflug Richtung St. Helena auf der Stirn steht. Man gibt sich aber hoffnungsfroh, dass sich eine Lösung findet. Touristenverkehr mit kleineren Maschinen, möglicherweise ab Walvis Bay in Namibia. Und ganz pragmatisch: eine Frau meinte, dass die Möglichkeit, Medivac-Flüge zu bestreiten, schon die Geldausgabe wert sei. „Money well spent!“.
Der ganz große Touristenstrom wird allerdings zunächst ausbleiben. St. Helena ist wie immer: abhängig vom Fahrplan des Royal Mail Ship ST. HELENA, das nun weiter ackern muss. Nächste Woche kommt sie, und dann gibt es mal wieder Kartoffeln. Und Zwiebeln! Ich war wahrscheinlich nicht die letzte, die auf dem Gang durch den Ort angesprochen wurde: „… where did you get the banana?“ Sieht so aus, als bliebe das Prinzip „kauf das Gemüse, wenn es welches gibt!“ noch eine Weile erhalten. Und heute war Möhrentag. Every Thursday! Das Leben im Nichts!

Saint Helena

St. Helena, 21.6.2016

… oh, nein, oh! Kein Blog, keine Positionsmeldungen, oder letztere nur bedingt in Form einer Satellitenmail. Jetzt aber mal!

Donnerstag, am 16.6. um 5 Uhr früh krackelt das Radio – eine britische Frauenstimme führt ein britisches Radiogespräch mit einem anderen Schiff, 40 Meilen draußen: „St. Helena Radio, St. Helena Radio, St. Helena Radio! Station calling St. Helena Radio, this is St. Helena Radio!“ Als sie fertig sind – ich höre nur die Landstation – hänge ich mich dran; ich hätte sie so früh nicht geweckt, aber so können wir unserer Pflicht, die Ankunft 20 Meilen vor Jamestown anzumelden, geschickt nachkommen. 2 Leute an Bord, alles gesund. „Did you say five-zero tons?“ Nein, wir haben nur one-five tons. „That’s good! Contact the harbour master on channel 14 when you ar 1 mile out! Welcome to St. Helena“. Wir sind fast da. Wir halten Frühstück mit Delfinen, grüßen die ersten Tropikvögel, Tölpel und Feenseeschwalben kreisen in der Luft, und als wir um die Ecke biegen, kommen uns der Begrüßungs-Buckelwal entgegen – er hält sich allerdings etwas bedeckt und scheint in Eile.
Wir auch, wir müssen noch rasch die Bäume wegnehmen, ehe es ein allem Anschein nach komplizierteres Mooringmanöver gibt: wir sollen vorn und achtern an je einer der ausgelegten, gelben Moorings festmachen, und das wird in mehreren Quellen explizit beschrieben: eine Person signalisiert dem Steuermann, wohin er fahren muss. Eine Person besorgt zwei Festmacherleinen an den vorderen Klampen und eine steht im Bug und wirft eine lange Festmacherleine „aufwärts – vorwärts“ in einem Lassowurf über die Mooring. Wir scheinen ein Crewdefizit zu haben – unser Steuermann muss selbst gucken, wohin er fährt, und ich übernehme die anderen beiden Jobs. Und überhaupt, Lassowurf. Wir haben unseren alten Schwedenhaken herausgekramt, das muss auch gehen. Und es geht, allerdings dauert es eine ganze Weile, bis wir – Festmacher aneinanderstecken um sich zurückfallen lassen zu können, Balanceakt auf der Badeleiter etc. pp. – tatsächlich vorn und achtern fest sind.
Landgang! Einklarieren! Der „Ferryservice“ bringt uns hin – macht 1 Pfund pro Nase und Fahrt. Der Schritt an Land ist legendär und wird überall eingehend beschrieben, es kann, je nach Wellengang und Tidenhöhe, ein bisschen feucht, glitschig und bewegt sein. Anno 82 befand sich Prince Andrew auf dem Weg zu Kampfhandlungen in den Falklands und besuchte die Insel – die BBC berichtete live, und während His Royal Highness, wohl gut gebrieft, die bereithängenden Leinen ergriff und auch den Zeitpunkt gut erwischte, in dem das Bötchen gerade oben auf einer heranrollenden Wellen schwappte, und er elegant und trockenen Fußes an Land trat, gab der Gouverneur in vollem Ornat den „routinierten Local“, entschied sich für die freihändige Variante, sprang – und verschwand prompt in den Well en. Es wird gesagt, dass er kurze Zeit später an einen trockeneren Platz des Britischen Empire versetzt wurde – nach British Guyana. Da regnet es einem höchstens auf die Schärpe. Das Leben auf St. Helena – übrigens mit der Betonung auf dem zweiten „e“, mit einem klitzekleinen „i“. Heleeina! Wir eilen zum Harbour Master, der freundlicherweise vor dem Büro auf uns wartet und uns per Handschlag begrüßt. Wir halten den Inselbetrieb auf, er muss zu einer Besprechung „at the castle“, the governor trommelt schon mit den Fingern. Während er sich aufmacht, belästigen wir den Zoll. Ach, ja. Mindestens 12 unterbeschäftigte BeamtInnen füllen den Raum, das erste Symptom einer schlechten wirtschaftlichen Lage tritt zutage. So richtig voll ist es ja im Hafen nicht – die Lop To liegt neben uns, der Rest ist lokaler Fischereiverkehr, plus ein Überraschungsgast namens Don Baldo, eine alteRoRo-Fähre von Chile auf dem Weg zu ihrem nächsten (letzten?) Einsatzort in Äquatorial-Guinea, und Lop Tos und der Don haben schon vor Tagen eingecheckt. Also sind wir schnell durch, und nett, nett, supernett ist man, und nach kurzem Gang durch dieses historisch anmutende Städtchen – Immigration ist auch in der Besprechung „at the castle“ – plumpsen wir im Hof des Consulate Hotel auf die Stühle. Lunchtime mit Fußballfernsehen, es spielen England gegen die Waliser. Ganz normales Inselleben also.

Tag 2 – wir haben Programm! Die Lop Tos haben eine Inseltour arrangiert. Ferryservice um 9, Sprung an Land (siehe oben!). Unter der Steilwand – unter der auch wir liegen, und die einem höchstens einen halben Satellitenhimmel und ansonsten wenig Funkverkehr und damit auch keine Positionsmeldungen erlaubt – reihen sich ein paar koloniale Gebäude, alte Pulverhäuschen etc., und dort wartet Robert Peter mit seinem klapperigen Bus. Wir gehen auf „Historical tour“. Und treffen Trevor Magellan…
Robert ist ein ehemaliger Schulbusfahrer, der nun seinen Lebensunterhalt mit Taxifahrten verdient, er muss Ende 70 sein. Ein bisschen schwer zu verstehen ist Robert, sein er hat fast ein bisschen Südstaaten-Tonfall – ob er das in Ascension aufgeschnappt hat, als er dort in den 50ern und 60ern gearbeitet hat? Jedenfalls – erster Punkt unserer kleinen Geschichtstour – erinnert er sich an den Knall, den 1942 ein Torpedoschuss eines deutschen U-Bootes auf ein englisches Kriegsschiff in der Bucht von Jamestown verursachte. Geschichte aus erster Hand.
Und dann geht es zunächst einmal zu dem, was die meisten mit St. Helena verbinden (übrigens sagen viele „… ach, St. Helena, das ist doch die Mittelmeerinsel, auf der Bonaparte…“). Nö. St. Helena ist eine südatlantische Insel, und das nicht ohne Grund – diesen Herrn Bonaparte wollten sie so weit vom Schuss weg haben wie möglich, und es wurde mit allen Mitteln dafür gesorgt, dass kein französischer Fan „den Kaiser, den Kaiser“ zurück nach Europa holt. Übrigens war auch Wellington hier auf der Insel, und die erste Nacht seines Aufenthaltes hat Napoleon da genächtigt, wo auch Mr. Wellesley geschlafen hat, was diesen angeblich veranlasst hat, „Bony“ eine Nachricht aus Paris zu übermitteln, in dem er ihm wünscht, dass ihm sein Quartier in Jamestown so gut gefallen möge, wie ihm der Elyséepalast in Paris. Kriegsschauplatz-Scherze…
Bekannt ist St. Helena für Napoléons Unterkunft in Longwood, oben in den Bergen – nicht nur, dass die Insel abgelegen sein musste, um den kriegerischen Herrn unterzubringen, nein, auch innerhalb der Insel sollte er möglichst abgeschieden versteckt werden. Allerdings hatte er sich ausbedungen, dass er das geplante Haus besichtigen dürfe. Deprimiert über den Zustand der kleinen, heruntergekommenen Farm ritt er mit seinem General (und sicher einem Rattenschwanz an englischen Bewachern) zurück nach Jamestown, als ihm ein kleines Gartenhaus oberhalb der Stadt ins Auge fiel – fortan Briar’s Pavillion genannt. Ich denke, der Herr verfügte noch über ausreichend Überredungskunst, den Besitzer davon zu überzeugen, dass er kaiserliche Einquartierung bekommen würde; und in der Tat, während der zwei Monate, in denen Longwood erweitert und renoviert wurde, haben sich die beiden angefreundet. Es ist ein niedliches Haus in einem idyllischen Garten; Trevor, ein älterer Herr, der uns das Haus zeigt, weiß kleine Geschichten zu erzählen, von der Tochter des Hausherrn, Betsy, die dem ex-Kaiser als Sonnenschein diente und von den Wutanfällen, die zu dem führten, was man auf dem Kaminsims neben Napoléons Büste zu sehen ist: ein Porzellanteller in Scherben. Fast noch interessanter, was Trevor zu Siedlungsgeschichte der Insel zu erzählen hat – nicht von ungefähr sieht er ein bisschen olivfarben-portugiesisch aus, er heißt auch „Magellan“ mit Nachnamen. 1502 war die Insel von den Portugiesen entdeckt worden, und für viele Jahre ein gut gehütetes Geheimnis. Dann kriegten die Spanier Wind von diesem schönen Platz, an dem man sich auf dem Weg zum Kap verproviantieren konnte, verzeichneten die Insel in den Lotsenkarten, und es dauerte nicht lang, bis eine solche Karte während der steten Scharmützel zwischen den konkurrierenden Seefahrern in fremde Hände fiel. Ende des 16. Jahrhunderts begann dann ein länger andauerndes Bäumchen-wechsel-Dich-Spiel zwischen holländischen und britischen Besatzern/Besitzern.  Trotzdem ist mir die Geschichte vom ersten Langzeitsiedler auf St. Helena die liebste: Joao Lopez. Der hatte in Goa versucht zu desertieren, weshalb man ihm Nase, Ohren, eine Hand und den kleinen Finger der linken Hand abschnitt. So entstellt, sagt Winchester, hatte er wenig Lust, Frau Lopez daheim entgegenzutreten und entschied, auf St. Helena zu siedeln. Über Jahre floh er, wenn Schiffe ankerten, vor möglicher Gefangennahme; irgendwann allerdings nahm man ihn doch mit nach Lissabon. Als Kuriosität wurde er herumgereicht, und nachdem man ihn sogar zum Papst geschickt hatte, äußerte er einen Wunsch: man möge ihn zurück nach St. Helena bringen. Was man tat – noch 35 lange Jahre lebte er hier fröhlich, züchtete Schweine und Hühner und Ziegen und erfreute sich der Dinge, die ihm seine Gärten lieferten. Und wenn er nicht gestorben wäre, würde er noch heute in diesem fruchtbaren Tal oberhalb von Jamestown leben.  Mein Napoléon heißt Lopez!

Mein Kaiser, mein Kaiser!

Mein Kaiser, mein Kaiser!

Ach ja – wann es Bilder gibt, weiß allein der Internetprovider, und dessen Mühlen mahlen langsam…

Going west

17°2S – 002°10 W 14.6.2016
Tag xy unserer Passage nach St. Helena. Tag 9? Tag 9! Irgendwann verliert die Zahl ihre Bedeutung.  Es sind noch genügend Zwiebeln, Äpfel, Kartoffeln an Bord, und die Kühlbox ist auch noch ausreichend beschickt. Wir haben noch ungefähr 220 nm zu bestreiten.
Noch eine kurze Bemerkung zu Lüderitz: vielleicht habe ich das Schwergewicht meiner Schilderungen zu sehr auf die Deutschtümelei gelegt. Nein, Lüderitz ist kein „deutsches Nest“ in Namibia, das ist Swakopmund schon eher. Es gibt vielleicht noch 100 deutschsprechende Einwohner, und es gibt zwar einen „deutschen Club“, aber der wird fast ausschließlich von nicht-deutschen Namibiern frequentiert; eine zusammenhaltende „deutsche Gemeinde“ gibt es weniger. Beate, die Wirtin der Alten Loge, meinte, dass das Clubinteresse hauptsächlich im Knobeln und Jägermeistertrinken läge, und das geht auch ohne deutsche Zunge. Auffällig im Stadtbild ist lediglich, dass deutsche Gebäude, deutsche Beschriftung liebevoll gepflegt wird – das ist halt Ortsgeschichte, und Geschichte zu bewahren ist löbliches Tun, denn sonst wäre es ein ziemlich gesichtsloser Wüstenplatz.
Gestern haben wir zum zweiten Mal auf unserer langen Reise „nach dem Westen gemacht“. Längengradmäßig sind wir also definitiv „rum“, ein seltsames Gefühl – ich muss mal schauen, wann wir das erste Mal über den Nullmeridian geholpert sind. Klar, im Kanal, aber wo war das? OpenCPN sagt: auf dem Weg von Dieppe nach Cherbourg; mei, war mir da schlecht! Bei solchen Wegmarken drehen die Gedanken gern Ehrenrunden: Äquator. Datumslinie. Die Wendekreise. Und diese Ehrenrunden werden immer nostalgischer – und meine Spannung, was kommt, kriegt leicht skeptische Züge. Ein anderer Segler schrieb neulich aus der Karibik, dass es schwierig sei, an solchen (überfüllten) Plätzen wie in der Karibik die Erlebnisse einer Weltumsegelung zu toppen. Muss man vielleicht auch nicht – wenn wir uns weiter in der Kunst des „auch ganz schön hier“ üben, sollte eigentlich nichts schief gehen. Trotzdem frage ich mich, ob man wohl besuchte Plätze gern noch einmal sehen würde (Bonaire fällt mir ein, Blanquilla, die Roques), aber vielleicht sollten wir lieber die unglaubliche Menge an nicht besuchten Plätzen ansteuern; wir haben ja noch gar nichts gesehen. Die großen Antillen, allen voran Kuba, auch wenn die alten Buena-Vista-Knacker wahrscheinlich nun alle dahin sind. Mittelamerika! Die Bahamas? Kommt Längengrad, kommt Idee. Jetzt erst einmal kommt etwas, wovon Helmut „Lop To“ heute früh auf dem Funk sagte: „… super Ziel…“. Wir freuen uns auf St. Helena. Wir freuen uns auch auf die Queen, die muss dort sein, denn gestern wurde ihr Geburtstag gefeiert, ebendort, da wird sie ja wohl anwesend gewesen sein, oder? Und sie muss dort definitiv feststecken, denn Her Majesty’s Ship, The Royal Mail Service „St. Helena“, ist in London, und sowieso ausgebucht für die nächsten Monate. Und, Überraschung: eigentlich sollte – BER lässt grüßen! – der Flugplatz schon letztes Jahr fertig sein, dann im Januar, nun im Mai, aber Helmut meinte: „Airport is‘ nich‘!“ Wie nett für uns. Ich hätte zwar nicht erwartet, dass sich mit einsetzendem Flugverkehr das Inselflair am gleichen Tag um 180° dreht, aber so werden wir St. Helena noch im Urzustand betrachten können. Irgendwas ist mit der Landebahn. Uns wurde auch schon heute Crew nach Brasilien angedient – ein Kanadier ist als Gast mit einer Yacht auf der Insel „gestrandet“, will sagen: im Unfrieden ausgestiegen, und versucht seit Wochen, egal wie zu irgendeinem Festland zu kommen. So ist das auf St. Helena. Ich lese gerade mit Vergnügen das Buch „Outposts – Journeys To The Surviving Relics Of The British Empire“ von Simon Winchester. Die „Journeys“ sind zwar auch schon ein paar Tage her, aber es macht großen Spaß, über Ascension (ein Kurzfrist-AKKA-Ziel?!), Diego Garcia oder Tristan da Cunha zu lesen, und besonders Letzteres hat mich in seiner Abgeschiedenheit schwer beeindruckt, ein Ziel, das man in jedem Fall einen Traum bleiben lassen sollte. So hätten es damals wohl auch gern die Einwohner gehabt – ob das heute noch ist? Aber St. Helena ist ja auch ausreichend abgeschieden – drum hat man Herrn Bonaparte dort ja auch untergebracht. So abgeschieden, dass Lop Tos heute mahnten, wir mögen doch bitte mit unserem Frischproviant sehr sorgsam umgehen, die Inselregale seien weitgehend leer. Siehe oben – HMS St. Helena auf Abwegen, da kommt nichts nach. Insofern ist es nicht so ganz unwesentlich, dass wir noch genügend Zwiebeln an Bord haben. Die Karotten muss man leider von der schwarzen Pilzschicht befreien, und von den Tomaten haben nur die südafrikanischen, nicht die grünen aus Namibia überlebt. Die Kürbisse müssen auf die Brasilienpassage warten, und die Kohlköpfe muss ich mal pflegen. Ansonsten gibt es halt mal wieder Dosengemüse mit Zwiebel. Kennen wir ja schon. Damals. In San Blas… Oder in der Lau-Gruppe. Schöne Zeiten, also fügen wir ein weiteres Kapitel an. Es soll in St. Helena günstigen, frischen Tunfisch geben! Wenn das nichts ist – we are going west!

Ach, Luise…

21°19 S und 005°28 E 10.06.2016 Tag 5 unserer Passage nach St. Helena. Alles gut an Bord. Die Anfangsmüdigkeit ist der Passagegrundmüdigkeit gewichen, will sagen: man muss sich drauf konzentrieren, auch zwischendurch ein Nickerchen zu machen, damit die Nachtwachen nicht allzu schwierig sind. Der Wind ist leicht, leichter als wir aus den Langfristvorhersagen erhofft hatten, aber es geht doch immer noch mit ungefähr 5 Knoten voran, „platt vor den Laken“ in die richtige Richtung. Das südliche Afrika versinkt im Kielwasser. Und damit die Erinnerung nicht vollends mit versinkt, noch ein paar abschließende Kapstadt-Noten. Fällt mir nicht ganz leicht… Der Abschied von Südafrika war ohne Wehmut. Keine wirkliche „Yachtheimat“ ist uns Kapstadt geworden, und die anderen Häfen, Richards Bay, Durban, Port Elizabeth auch nicht, aber das waren ja auch eher Stippvisiten. Und doch war es gerade in Kapstadt schön. Der kleine Yachtclub mitten im Industriehafen, nette Menschen, guter Kaffee auf der Restaurantterrasse, alles gekrönt von diesem fantastischen Tafelberg. „Landschaft“, das kann Südafrika einfach, und Kapstadt ist keine Ausnahme. Am besten fand ich den Blick, wenn man ermattet vom Einkauf im Builders Warehouse in Paarden Eiland kam und ein ganzes Stück auf den Berg zu radeln musste. Muss man gesehen haben – atemberaubend, und das lag nicht an der Radelei. Und zum Schluss, als es schon auf den Winter zuging, tauchte die flach stehende (und unermüdliche!) Sonne die Stadt in ein milchiges, melancholisches Herbstlicht – das hieß: schöne Sonnenspaziergänge und zur Kaffee(= Café)-Zeit dann schöne Dramaschatten. Pelzrobben wälzen sich im Hafenwasser, tausende Touristen sorgen für Trubel ründ um meine Einkaufsecke an der V&A-Waterfront und am Nobel Square, alte Herren spielen fetzige Jazzstücke – überhaupt war dort immer für gute Musik gesorgt. Traditionell-Schwarzafrikanisches, Bläsergruppen, Marimbaplayer. Schick. Und genau diesen Ausschnitt sieht man halt auf Kurzbesuch in Kapstadt, aber es gibt ja auch den Alltagsaspekt. Und immer wieder diese dämlichen Sicherheitsfragen. Wenn ich über die Fußgängerbrücke zum Woodstock-Bahnhof gehen wollte, kam mit Sicherheit jemand aus der Yachtie-Gemeinde, der ein „da kann man nicht langgehen!“ einwandte, und die Sicherheitsleute am Gate rufen fröhlich: „… take care, auntie!“. Fährt man mit dem Hausmä dchenbus morgens zum Tafelberg hinauf – wir haben den Ausflug wiederholt, weil es einfach unvergesslich schön ist! – kriegt man die ganze Pracht der besseren Wohngebiete vor Augen geführt. Western Cape – die einzige Provinz, wo man noch „leben“ kann, sagte jemand. Nebenan aufgepeppte alte Wirtschaftsviertel oder solche, wo es mit dem Aufpeppen noch nicht ganz so weit ist, zum Beispiel Woodstock. Und vom Tafelberg in die „falsche“ Richtung geguckt präsentiert sich einem die ganze Bescherung: die Cape Flats. Townships, Wellblechbuden (wenn man Glück hat) oder Plastikplanendächer. Und drunter duckt sich wieder Constantia, allerfeinst, die soziale Schere könnte nicht weiter klaffen. Gegen Ende unseres Aufenthaltes schickt uns ein Freund eine befreundete Familie, die uns zum Italiener ausführen, in einem der ganz alten Gebäude der Stadt. Das Volvo-SUV wird von einem der nigerianischen „Parkwächter“ eingewiesen, der lustigerweise sein eigenes Auto auf immer andere Parkplätze stellt und s o immer ein Plätzchen für einen solventen und (hoffentlich ) großzügigen Parkplatzaspiranten bereit hat („Thanks, my brother!“). Bargeld führt die Familie lieber nicht bei sich, nur eben für Trinkgeldjobs. Der Abend ist schön, das Essen gefällt uns sehr, am besten gefällt mir allerdings die Aussage der Mutter, die von ihrem Zuhause in Franschhoek erzählt und schließt: „… eigentlich sollten wir da nicht mal wählen dürfen… wir leben in einer Blase!“ Eine Blase der Sicherheit, des Luxus, weit weg vom normalen Leben, x-fach umzäunt und bewacht und gesichert. Eine für uns unvorstellbare Art der „Normalität“. Jetzt, gerade auf dieser Passage, lese ich die Deon Meyer-Kapstadtkrimis um Bennie Griessel ganz gern; gut getroffen, das Kapstadtbild, und für mich natürlich nett, sich in der Stadt ein bisschen auszukennen, nicht nur topografisch, sondern auch im Miteinander der Leute. Ein „Heimatroman“ ist es nicht. So war es dann ganz einfach, die Leinen loszuschmeißen. Während die Lop To sich tapfer auf den Weg nach St. Helena machten, sahen wir das Windloch in der nachfolgenden Woche, und es war rasch klar, dass wir lieber nach Lüderitz gehen, statt über Tage in die eine oder andere Richtung zu dümpeln. Sehr gute Entscheidung, hätten wir doch ein paar aufschlussreiche Gespräche und ein bisschen Diamantenrauschgeschichte verpasst. Und eine Woche namibisches Ministadtleben. Wir hingen – von der sensationellen Evoldini, der Herrin über den Hafen Lüderitz, dorthin vermittelt – an der Mooringboje des Diamantendredgers „Rachel“, der am Tag nach unserer Ankunft hinausfuhr, um seinem wirklich mühseligen Geschäft nachzugehen, nämlich 8-10 Tage vor der Küste „staubsaugen“. Die Diamanthaufen, die man Anfang des 20. Jahrhunderts noch von der Oberfläche sammeln konnte, sind natürlich längst abgeerntet – man lag dazu bäuchlings im Sand, hatte ein Sammeltäschchen um den Hals gebunden und raffte so viel zusa mmen wie möglich. Heute ist es lukrativer, an vielversprechenden Stellen, sprich: unterseeischen Senken und Gräben, zu ankern und einen Taucher hinab zu schicken, der den dicken „Diamantensauger“ lenkt. Was genau sie aufsaugen, ist in dem Moment noch nicht klar, und der Wert der Beute steht erst fest, wenn Crew und Schiff gründlich auf Schmuggelware untersucht sind (wie findig die Diamantenarbeiter in diesem Punkt sind, kann man im MUseum sehen!), und wenn der eingesammelte Dreck gewaschen und sortiert ist. Das macht einzig und allein die Firma de Beers, die nicht nur den Hafen Lüderitz penibel überwacht, sondern das gesamte Sperrgebiet. Früher, zu Zeiten der „Diamanteneinsacker“ war das noch anders, und es ergoss sich ein Reichtum über Stadt und Region, der schon ans Abstruse grenzte. Dies ist zwar eine harsche Sandwüstenumgebung, aber man hatte angeblich Wasser genug, um Rosen zu züchten, damit man die Tanzböden mit Rosenblättern bestreuen konnte, obwohl ein Champagnerbad tatsächlich billiger gewesen sein soll als eines im über zig Kilometer aus dem Inland herbeigeschafften Wasser. Ein Stadtleben, das eine gewisse Dame der wilhelminischen Zeit offensichtlich nicht wirklich goutierte. Luise hieß sie und war die Frau eines zu Reichtum gekommenen kaiserlichen Leutnants namens Hans Goerke. Hans hatte seine Luise aus Berlin nach Lüderitz geholt und, damit es ihr auch ja gefällt, ein wilhelminisches Prachthaus an den Felsen oberhalb des Dorfes geklebt. Wir waren da. Salon Studierzimmer, geräumige Ankleide, Schlaf- und Gästegemächer, 2 (zwei!) Badezimmer. Bleiverglaste Zierfenster… Nur dass Hans Luise vielleicht doch nicht die ganze Wahrheit über das Leben in Lüderitz gesagt hat – dass die weißen Tropenkleider im ständigen Sandsturm nicht lange weiß bleiben. Dass man die riesigen Hüte nur im Haus tragen kann. Und dass vielleicht trotz aller Turnhallen und Kegelbahnen und Tanzsäle das gesellschaftliche Leben nur bedingt mit dem von Berlin zu vergleichen ist. Hat er Dir das gesagt, Luise? Hast Du, Hans? Jedenfalls: zwei Jahre hat sie es in diesem diamantenen Käfig aus gehalten. Das Haus ist interessant anzusehen, aber es atmet für mich heute noch den Geist des „Untertan“. Deiner Tochter, Luise, hat es gefallen, als sie als 80jährige das Haus der Eltern besuchen durfte. Und Hans hatte sich wirklich Mühe gegeben…

Jooo.

Lüderitz/Namibia. Am Anker…
31.5.2016

Ich arbeite mal meine Blogschulden ab – wir diskutieren, wann unsere Reise nach St. Helena weitergeht, es ist Gewurschtelwetter, und darum – genauer gesagt wegen akuter Windschwäche – sind wir nach 4 Tagen schöner Leichtwindsegelei nach Namibia abgedreht.
Darum hier jetzt ein gut durchgeschmorter Eintrag noch aus Kapstadt. Damit alles schön chronologisch bleibt!  Joo…

—————————–

Cape Town, 21.5.2016

Happy birthday an meinen Vater, der heute 106 geworden wäre und an den Neffen nachträglich!  Jooo…
Dieses „joo“ ist so ziemlich das wichtiges Wort auf Afrikaans. Abgesehen vom zu kaufenden Esel, baia dankie, gesprochen „buy a donkey“, was so viel wie „vielen Dank“ heißt. Joo geht immer. Zum Beispiel als kurzes, bestätigendes „jo…“. Der  Ton sinkt dabei leicht ab. „Oder als General-Fragewort „joo-o?, in der Tonlage ansteigend. In jedem Fall wird das Wort durch ein leicht gezischtes „j“ eingeleitet, Google sagt dazu „palataler Frikativ“. Toll.  Ich sage das, weil wir in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Taxifahrern bemüht haben, und Spitzenreiter im Unterhaltungswert war gestern Ivan.  So ein „Jooo!  Joooo! Joooooo!“, Tonlage steil ansteigend, hatten wir noch nicht gehört. Das kam so: „We go to Edgemead!“. „Do you live in Edgemead?“ „No, we live at the yacht club!“  Gelächter und dann „No, I mean your HOME!“  „Yeah, the home is our boat, and that’s at the RCYC…“ Pause. „Joo.“  Wieder Pause. „…and how many days have you been sailing?“  Wieviele Tage wir gesegelt sind?  Jahre!  „?? 9 years?  Joo. Joooo – joooo – noo – jooooo!“ Ansteigender Tonfall!  Ivan quietscht vor Bewunderung und kriegt sich gar nicht mehr ein. Es folgt ein längeres Interview zum Leben an Bord im Allgemeinen und im Besonderen, und weil Taxifahrer es hier gerne haben, wenn man sie für die Rückfahrt warten lässt, war auch Zeit für einen informativen Nachschlag.  Ivan ist coloured und gibt uns an der Ampel, wo wieder einmal ein Vertreter der Berufsgruppe Straßenhändler/Bettler/Fensterwäscher steht, Tipps, wie man damit umzugehen habe, und kommentiert auch die Gefahr, die damit einhergeht, in ruhige, ansehnliche Wohnviertel wie Edgemead zu ziehen. Ganz gefährlich, denn „die Drogenbarone bzw. ihre Dealer zieht es dort hin“. Und dann zieht die Kriminalität ein.  Nein, ein Leben an Bord kann er sich nicht vorstellen – schließlich ist er in einem kriminellen Land aufgewachsen, da weiß man, was Gefahr ist, und dann zeigt er uns seine Elektroschockpistole. Man kann doch nicht einfach irgendwo ankern?! Allein?  Wie furchtbar!  Genau, furchtbar, wenn man solche Ängste mit der Muttermilch aufsaugt.  Joo.
Dann hatten wir neulich George. „George, wo lebst Du denn?“  Na, hier in Maitland. Schlichtes Viertel, aber in Ordnung. Die Kinder sind gut in der Schule, da achten wir drauf und da bezahlen wir auch für. Aha..
Unsere Taxifahrer waren sonst alle weiß oder coloured… „George – habt Ihr Taxifahrer, die zum Beispiel in einem Township wie Kayalitsha wohnen?“  „WHAAT?“ Also, so was Unvorstellbares, da wohnen die Leute, die nur von der Wohlfahrt leben.  „Sag mal, bist Du aus Cape Town?!“  „Iiich?! Ich bin aus Zim, ist doch klar. Schwarze Taxifahrer bei den professionellen Taxifirmen sind oft aus Zim. Und Leute, die hart arbeiten sind sowieso überwiegend aus Zimbabwe… wir kommen mit nix, arbeiten, und nach einer Weile gehört uns ein Auto. Ganz einfach!“ Tja.
Oder Rodney. Coloured as coloured can be. Wir stehen an der Hafenwache zur Stadtmitte. Mit dem Wachpersonal hatte ich auf meinem Fahrrad immer Spaß – Richtung Paarden Eiland macht die Dame den Schlagbaum nicht auf. Geht nicht, nur für Autos – quetsch Dich einfach an der Seite durch! Das Personal Richtung Waterfront, also zu meinem steten Einkaufsplatz und damit hoher Passierfrequenz, winkt immer freundlich, schwatzt auch mal und wünscht einen schönen Tag/Abend.  Das Tor in der Mitte ist der Hammer, mit stets wechselnden Regeln. Manchmal muss man das Fahrrad durch die Wachbude tragen, 3 Stufen rauf, und sofort drei Stufen wieder runter. Es sitzt aber niemad dort drin, und wenn, dann ist er / sie nicht an diesem Durchgangsverkehr interessiert. Und jetzt also mit dem Taxi und Rodney. Zunächst mal ist man als Autofahrer generell scheixxend freundlich, „brother“ und „sister“ ist das Mindeste. Heute haben wir einen schwierigen Fall erwischt, denn in Paarden Eiland rein und zur Stadtmitte raus, das geht gar nicht. Kofferraumkontrolle. Diskussion.  Was sagt Rodney anschließend zu mir über den „brother“?  „… die stellen uns jeden Tag neue baboons hier her!“  Baboons. Paviane. Ich schlucke kurz. „… die kommen aus Kwa Zulu Natal oder direkt aus dem Wald…“  Und dann geht die Tirade los. Ich kriege zum Abschluss unseres Südafrikaaufenthaltes noch einmal eine massive Lektion zu den politischen Verhältnissen. „Apartheidregierung? Die waren saudumm!  Aber die jetzige, die schlägt alles…  Diktatoren sind das hier“  Rodney gerät ins Kreischen: „… all das Gute schaffen sie ab, reißen sie ein, und nichts dürfen wir mehr tun…  Die holen uns noch den Mugabe ins Land!“  Er streckt mir seinen dunkelbraunen Arm hin – es folgt eine Bewegung, die ich schon aus den ersten Tagen in Richards Bay kenne – man streicht sich über die Unterarmhaut und sagt bedeutungsvoll: „Wrong colour!“  – die falsche Farbe. Im Funk krackelt es, Rodney wird gerufen. „oh, yeah, sweetie! I am here, we go to V&A“ säuselt er. Und sagt zu mir: „New baboon on the radio“. TISA. That is South Africa.

Jooo!