Au revoir, Martinique

Unser schüchterner Vulkan. Mont Pélé

Saint Pierre, 9.4.2018

Ausklariert ham’s, die AKKAnauten. Das geht in Martinique grundsätzlich so einfach wie das Einklarieren, nämlich am Computer. Man muss sich nur durch das Leerformular kämpfen, das einem Deutschland nicht da in der Liste präsentiert, wo es nach französischer Sprachsitte stehen sollte, also unter A wie Allemagne, sondern unter D, wie Deutschland. Nur dass eben mitten in den Ds für Djibouti etc. „ALLEMAGNE“ steht. übrigens unter der Tschechischen Republik. Verwirrend. Aber nein, wirklich ein einfacher Klarierungsvorgang. Computer stehen schön über die Insel verteilt, in der Capitanerie in Le Marin und auch in der dortigen Tankstelle, also muss man sich nicht mal behördenordnungsgemäß verkleiden. Und in Saint Pierre ist es besonders nett, weil elsässisch-deutsch, da steht der Rechner beim Wirt des Alsace à Kay, der auch Gourmet-Kaffeesorten, elsässisches Bier, wahlweise auch Getöpfertes zum Kauf anbietet und Andreas zu einem Eisbein mit Sauerkraut locken wollte. Ich hätte Letzterem glatt zugesprochen, denn leckeres Schwein ist leckeres Schwein (das hat schon Obelix so gehalten!), aber die Kruste der bayerischen Schweinshaxe ist des Eigners Himmelreich – das Eisbeingeschwabbel kann er nicht ab. Na, dann nicht! (Die letzte wirklich gute Schweinshaxe – hab ich bestimmt schon 5mal erwähnt – gab es in Lumut in Malaysia. Heimwehkranke deutsche und österreichische Ingenieure abseits der Halalwege…).
Morgen verlassen wir Frankreich für ein Weilchen – aber hinter Dominica lauert ja schon wieder Guadeloupe, insofern musste man/frau sich jetzt nicht bis zu den Grenzen der Wasserlinie mit westeuropäischen Spezialitäten eindecken (frau musste zugegebenermaßen im HyperU einen Vorrat an „Petit Marseillais“-Duschgel und -Shampoo besorgen. In Reunion war das Shampoo aus Neukaledonien alle, in Trinidad das aus Reunion. Notlage! Le Petit Marseillais hat als Logo einen kleinen Jungen, der ursprünglich nur auf Kernseifepackungen hockte, sich aber zum Markenzeichen einer „schicken“ Marke gemausert hat.)

St. Anne. Kirchplatz mit Fake-Platanen

Das war schon witzig hier in Martinique – es ist so unglaublich französisch. Südfranzösisch eher, dabei, wie in allen diesen kolonialen Ablegern, mit dem lokalen Flair gewürzt, und kreolisch gefällt uns Frankreich ganz gut. Tahitianisch war auch wunderbar. Neukaledonien – naja und La Réunion total normal französisch. Aber wo auch immer man ist, kann man lange gehegte Konsumwünsche erfüllen. Allen voran: QUARK! Mein erster Besorgungsgang in allen französischen Kolonien ist der „Fromage Blanc“.  Gute Würste: Merguez (Lamm), Créole (kreolisch-scharf), Persillade, Aux Herbes, Chipolata. Paté! Foie Gras haben wir gemieden… Aber die Butter! Ohne Tropenbeimischungen. Und der Käse erst… Beim Brot scheiden sich allerdings die Geister an Bord, der Eigner nimmt auch „Baguette“, die Schipperin steht mehr auf „Pain“ oder wenigstens Baguette de Santé – ein bisschen mehr Masse und Geschmack muss sein. So vergehen dann die Wochen, nun wisst Ihr’s!

His Majesty’s Ship Diamond Rock

Der Fort-De France-Bericht hatte ja die Anreise in die Anse Mitan unterschlagen, und damit ein kleines, ebenfalls erzählenswertes Stück Geschichte. Wir kamen am Rocher du Diamant vorbei, zu deutsch: Diamantfelsen. Erst im Englischen kriegt der Fels einen ganz besonders bedeutsamen Namen: Diamond Rock. Genau gesagt muss man in das Schiffsregister der britischen Royal Navy während der Kriege gegen Napoleon schauen und findet dort… Na was? „His Majesty’s Ship Diamond Rock“. Die Engländer hatten diesen kleinen Felsklotz, nicht einmal eine Meile vor der Küste und damit direkt vor der französischen Nase gelegen, zu einer Festung ausgebaut und ballerten um 1804 herum für eine ganze Weile auf alles, was sich zwischen St. Lucia und Martinique an Feindverkehr bewegte. HMS DIAMOND Rock war als richtiges Schiff klassifiziert, nämlich als 6-Kanonen-Sloop. Erst Villeneuve (das ist der, der, bei Bonaparte ohnehin in Ungnade gefallen, den Briten bei Trafalgar unterlag, aber versehentlich Nelson den Garaus machte. * ) konnte das Schiff „versenken“; ich weiß nicht, ob das war, bevor er die Engländer in ihrer Palmwedeltarnung in Marigot Bay übersah oder die sich den Scherz danach erlaubten. Geschichte, Geschichten…

Und am jetzigen Standort schon wieder „Geschichte“, aber aus einer ganz anderen Richtung. Saint Pierre ist weltbekannt, weil hier am Himmelfahrtstag (!) 1902 die Welt unterging: die Montagne Pélée (aka Mont Pelé, „Kahler Berg“) explodierte kurz vor Kirchgangszeit und 30.000 Menschen, die sich in Saint Pierre aufhielten, fanden einen sehr plötzlichen Tod. Wochenlang hatte der Berg rumort, und es hatten sich allerlei Ungereimtheiten ereignet: Tage zuvor war aus „unerfindlichen Gründen“ das unterseeische Telegraphiekabel nach Guadeloupe gerissen. Riviere Blanche, der Fluss, der am nördlichen Stadtrand in die See mündet, schwoll unerklärlich an, um ebenso unerklärlich vollkommen zu versiegen. Es gab Schlammlawinen und einen kleinen Tsunami. Es starben über 50 Leute durch Schlangenbisse – Schlangen, Feuerameisen und giftigen Hundertfüßlern war der Boden oben am Berg zu heiß geworden und kamen zuhauf ins Tal. Spätestens hier hätte man vielleicht reagieren können, denn wenn das Viehzeug seine Standorte verlässt, ist irgendwas im Busch, aber dem war nicht so. Der Gouverneur von Martinique schickte noch am Morgen des Ausbruchs eine beruhigende Depesche nach Paris, dass alles ruhig und unter Kontrolle sei. Stichwort Kontrolle. Mouttet, so hieß er, wollte unbedingt die Kontrolle. Saint Pierre war die reichste Stadt der Karibik, das kulturelle Zentrum der französischen Kolonien in der Karibik, und es war der Hauptumschlaghafen für die Reichtümer der Insel, drum lagen hier auch 12 Schiffe vor Anker, die auf Ladung warteten. Die GEschäfte konnte man nicht riskieren. Also bildete man ein Kommittee, das die Gefahr einschätzen sollte, die vom Vulkan ausging, der als mäßig aktiv bekannt und schon 1851 und nochmals in den 70ern ausgebrochen war. Wortführer war der naturwissenschaftliche Lehrer des Gymnasiums de Landes, und ob Mouttet den Lehrer beschnackt hat oder umgekehrt – es war „alles ruhig und unter Kontrolle“. Musste es ja, weil man es so wollte; möglicherweise auch, weil Wahlen anstanden und eine Evakuierung der aufmüpfig werdenden schwarzen Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil geboten hätte. Ach, im Gegenteil – Leuten, die sich auf den umliegenden Gütern und in den Dörfern unsicher fühlten, wurden aufgenommen und nach Kräften beruhigt, und reichen Städtern, die nach Fort de France flohen, versuchte man, das zu verbieten bzw. ihnen die Rückkehr schmackhaft zu machen. Sehr merkwürdig, sehr tragisch. Klären lässt sich das alles nicht – die beiden Männer waren unter den 30.000 Opfern.

… was com Gefängnis übrig blieb…

Gegen 8 strömten noch immer Menschen Richtung Saint Pierre, teilweise aus Fort de France, denn man wollte am festlichen Himmelfahrtsgottesdienst teilnehmen. Anreisende auf den umliegenden Hügeln wurden so zu Augenzeugen, und es gab ein Schiff, dass dem Inferno entkam und berichten konnte: um kurz vor 8 tat sich die Bergflanke auf, mit einer extremen Explosion trat eine „plinianische Wolke“ aus und „fiel“, wie es ein Augenzeuge beschreibt, auf die Stadt. Die Temperatur in solchen Wolken beträgt bis zu 800 Grad – und da sie „fiel“ bzw. mit über 600 km/h raste, war schlicht kein Entkommen. Die Rum- und Zuckerlager übrigens taten ein Übriges, die Stadt brannte für Tage. Wir haben, was man an Ruinen hat stehen lassen, heute angeschaut. Keine Asche, keine Lava – nur dieser Feuerball hat ganze Arbeit geleistet. Es war übrigens nicht nur der bekannte Gefängnisinsasse, der das Unglück überlebte. Louis Auguste Cyparis war nur schlau genug, sich vom Zirkus Barum als Kuriosität ausstellen zu lassen und so zu Berühmtheit zu gelangen, aber mindestens ein Schuhmacher kam ebenfalls davon, und eine junge Frau, die ein Ruderboot in eine Höhle rudern konnte.
Heute wüsste man es besser – Tage zuvor hatte man die Entwicklung eines Lavadoms beobachtet, und das ist ein untrüglicher Vorbote für eine solche Explosion. Obwohl… ein italienischer Kapitän soll sich in den Tagen vor dem Ausbruch  – trotz Androhung von Disziplinar- und Zollstrafen! – vom Ort des drohenden Geschehens entfernt haben, Zitat: „… wenn der Vesuv so aussähe wie Euer Berg hier, würde Neapel fliehen.“ Ob’s stimmt? Viel wusste man zu dieser Zeit noch nicht über Vulkanismus, aber er sprach aus eigener Erfahrung.
Die Montagne Pelée hat noch weiter gewütet, und ein paar Wochen später Morne Rouge und zwei weitere Dörfer zerstört, dieses Mal zu atlantischen Seite hin, was nochmals über tausend Menschen das Leben kostete.

Grün, lauschig, harmlos. Das neue St. Pierre

Und nun?! Schön ist es hier (wenn man mal von Quallen und Nesselfäden im Wasser absieht), man kann auch nach den im Hafen gesunkenen Schiffen tauchen. Ein schöner Ankerplatz vor der Stadt, oben drüber unser schüchterner Vulkan mit dem satt grünen Kleid und der schief sitzenden Wolkenmütze. Schläft. Oder ist inaktiv?! Nach einer Pause hatte er 1929 nochmals einen Anfall und seit 1932 schweigt er vor sich hin – aber er wird als „unberechenbar“ geführt. Na dann. Wir fahren mal weiter. In Dominica baden die Touristen in heißen Quellen. Ein bisschen weiter nördlich schmaucht der Soufriére auf Montserrat vor sich hin. Dies ist keine besonders stille Zone unserer Erdkruste …

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* Nächste Geschichte, die ich aber jetzt nicht erzähle: „Tapping the Admiral“  – wie Nelsons Leiche in Brandy eingelegt wurde. Googlen!

Geschichte(n)

Kleines Vorwort:  schon wieder hat mich die Ungeduld erfasst – dieser Beitrag ist schon per Satellit unterwegs, aber er kommt und kommt nicht an, also nochmals „von Hand“.

Anse Mitan, 5.4.2018

Man müsste Geschichte studiert haben. Oder wenigsten einen größeren Arbeitsspeicher im Kopf?! Dieses Hin- und Her! Wer hat hier wen und wann besiegt, wer hat wem welche Insel abgejagt? Ich versuche mich gerade durch die Wirrungen karibischer Kolonialgeschichte zu arbeiten, all das übrigens ohne ausreichenden Internetanschluss (danke, WikiTaxi!); der Eigner muss Tagesgeschehen absurfen, das ist auch wichtig, ich kriege es dann aus zweiter Hand.
Gestern gab es einen Tagesbesuch drüben in Fort de France. Erst musste ich mich mit einem Markthändler anlegen – ich wollte nur wissen, ob „Bois d’Inde“ das gleiche ist wie unser Piment, englisch: Allspice, musste aber sehr lang auf Gesprächsbereitschaft warten, der Typ quatschte unablässig mit der Markt-Informationstante; ja-ja, es hat mich ungeduldig gemacht. Ich habe das Beutelchen unwirsch zurück auf den Haufen geschnackt, da kam die Quittung. Kurzfassung: „putain!“. Nutte… Toller Auftritt.

Fort Saint Louis, Fort de France. EIn Klotz am Strand

Zur Entschädigung gab es eine Führung von Luic durch die alte Festung Fort Saint Louis, sehr gesittet, sehr informativ. Ziemlich französisch leider, und ich habe fast den Eindruck, dass meine in St. Laurent du Maronis als „schwierig“ beklagte Führung durch das Bagne einfacher war, rein sprachlich. Einen Vorteil haben solche Sprachlücken allerdings – man versucht, sich im Nachhinein einzulesen.
Das Fort ist tatsächlich beeindruckend; klar gibt es dickere, höhere – aber was man im 17. Jahrhundert alles auf die Beine, in diesem Fall auf den Strand gestellt hat, ist bewunderungswürdig. Kasematten, Pulverhäuser, Zugbrücken, unerklimmbar steile Mauern. Noch heute sitzt die französischen Marine hier und nutzt den schönen Sitz über der Bucht.

Es waren nicht nur die Briten und die Franzosen, die hier versucht haben, sich gegenseitig Land abzujagen, insbesondere waren auch die Niederländer in ihrem „Goldenen Zeitalter“ aktiv. Die Motivation für 3 Niederländisch-Englische Kriege mutet ein bisschen „trumpy“ an: „… was kümmert uns der eine oder andere Grund? Wir möchten ein Stück mehr von dem Handel, den die Holländer haben!“ Duh, wie der Amerikaner sagt. Harte Zeiten.

Das ehrenwerte Fort Saint Louis hat den Holländern und ihrem Admiral de Ruyter jedenfalls eine merkwürdige Niederlage eingebracht. Eigentlich waren die Holländer überlegen, es war auch schon alles kaputt, was kaputt gehen konnte, die Franzosen – im 3. „Dutch War“ hatten sich die Engländer mit den Franzosen zusammengetan! – hatten bereits begonnen, ihre eigenen Einrichtungen zur Barrikade zu machen, aber man weigerte sich schlicht aufzugeben. Nach drei Tagen, als das Verteidigungsgeballer der Franzosen dank Munitionsmangel schon erloschen war, gab es die Überraschung: der Kampfesmut der Holländer ließ plötzlich nach. Angeblich von der unangenehmen Seereise – gegen den Passat von Brasilien kommend – mit Seekrankheit und Skorbut geschlagen, zog Herr de Ruyter ab. Vive la France!

Die erwähnte Kooperation zwischen Briten und Franzmännern hat allerdings nicht lange angehalten: Fort Saint Louis ist zum Meer hin wunderbar geschützt, eine echte Bastion. Was also, wenn man sich von hinten anschleicht? Haben sie gemacht, die Engländer, und hatten Erfolg – so wurde aus Fort Saint Louis „Fort Edward“, zu Ehren Admiral Vernons. Aber nur kurz… und hin, und her, und wieder hin, wie es hier in den Antillen über Jahrhunderte gegangen ist. Das Gegenbeispiel mit umgekehrten Rollen liefert St. Georges/Grenada. Die Briten starren auf See, Franzosen kommen vom Inland. Überraschung! Es versteht sich von selbst, dass man in Fort de France 2 weitere Forts auf den Höhen über der Stadt gebaut hat. Ein Fort braucht zum Schutz eben ein Fort. Oder zwei.

Und was war so wichtig an diesem und den anderen Inselchen?! Richtig! Der Zucker. Vor allem die Marine musste mit Rum versorgt werden, ein bisschen Tabak und Baumwolle fiel nebenbei ab. O.a. Admiral Vernon hat übrigens dafür gesorgt, dass der starke, karibische Rum ab 1740 mit heißem Wasser verdünnt wurde – ich kann es mir so recht vorstellen, wie die trunkenen Seeleute nach ihrem „tot of rum“ sehr fröhlich in die Seeschlacht zogen – möglicherweise auch in die Schlacht mit den eigenen Beinen. Also: Grog ist dünner, also besser als Rum, so viel steht fest. Die Sitte der täglichen Rumzuteilung wurde übrigens bei den Briten erst 1970 (neunzehnhundertsiebzig!) aufgegeben, existiert aber als Ausnahmeerscheinung weiterhin, die Queen muss nur sagen: „Splice the mainbrace!“, dann geht es los. Hicks! Zum Spleißen der ekelhaft dicken Brassen bedurfte es auf alten Rahseglern zusätzlicher Motivation, drum: Rum. (Die Kanadier halten die Sitte mit dem Befehl „Up Spirits!“ hoch. Nicht weniger „hicks“.)

Wir haben keine Rahen zu brassen, also keine Brassen zu spleißen und halten uns daher fern vom Rum. Wir werden dieser Tage dann ein Inselchen weiter nach Norden und der alleraktuellsten Geschichte auf den Leib rücken: das von Hurrikan Maria geschundene Dominika steht auf dem Plan.
Bis dann!

Happy Easter!

… und Joyeuses Pâques und frohe Ostern! Gestern abend ist unser Internetabo ausgelaufen und das WIRD JETZT NICHT ERNEUERT, sonst hängen wir nächste Woche noch hier. Ostereier gab es, abgesehen vom Frühstücksei, nicht, wir wärmen die vom letzten Jahr auf: die waren vom Eigner handbemalt, vielleicht suche ich noch einmal ein Bild heraus… Wun.der.schön!  Hier sind sie, im Nachgang:

Guyana-Ostereier!

Mal gucken, ob wir das mit der Weiterreise hinkriegen – wir haben diverse Optionen: St. Anne (ca. 1 Meile). Anse d’Arlet (15 – in Worten: fünfzehn! – Meilen) oder den ganz großen Schlag nach Fort de France. 20 unglaubliche Meilen… – wofür es aber heute schon zu spät ist, ich denke es bleibt bei St. Anne. Wenn wir allerdings dort das Internetabo wieder auffrischen – wer weiß, wer weiß, wann es weitergeht. Kleiner Scherz. Leider tut es die Digicel-Karte nicht, die ich eigens erworben habe – dabei hatte Digicel Grenada bis St. Lucia ihren Dienst treulich getan. Es ist auf nix Verlass. Also raus mit den Osterwünschen – per Satellit. Hoffentlich kollidiert Tiangong nicht mit der Mail!
Bis bald und habt einen schönen Feiertag!

Eine Reise durch die …

Le Marin, 24.3.2018

… durch die Welt? Nö, zur Zeit eher durch die Bucht.
Der Anker ist gut eingewurzelt und treibt schon Sprossen, auf Blüten warten wir noch. Kürzlich fragt eine Freundin per Messenger, wie es denn so aussehe mit „Euren Reparaturen“. Nette Nachfrage – welche Reparaturen? Ach so… ach, naja – ehrlich gesagt hängen wir eher ab. Bisschen mal am Rigg schrauben, heute mal ein Seitenfenster von außen zugekliert. Die Wasserpumpe hat eine neue Dichtung – im zweiten Versuch hat das Abdichten richtig gut geklappt; ein Ganztagesprojekt vom Eigner mit Erfahrungszuwachs und neu erfundenen Tricks. Rumpf geschrubbt ohne Tauchgerät – Rumpf nachgeschrubbt mit Tauchgerät.
Oder: Gasflasche füllen – Letzteres ein echt teures Geschäft, wobei man nicht alle der angefallenen Kosten der teuren Lebenshaltung in französischen Überseegebieten anlasten kann – ein bisschen Pech gehört dazu… Also, die Geschichte geht so: „… langsam brauchen wir mal Gas!“, denn die letzte Flasche hängt seit Dezember am System. Da schaut die Köchin schon skeptisch, ob’s anfängt zu flackern und zu blaken (tut’s bis heute nicht, die Trinis hatten wieder einmal reingequetscht was geht.) Part 1 der Mission: wo findet man in Martinique=Frankreich, wo das Befüllen von Butanflaschen den Profis vorbehalten ist und fremländische Flaschen ausschließt, volle Gasflaschen. Antwort 1: nirgendwo, fahrt zurück nach St. Lucia, das ist am einfachsten. Wirklich?! Part 2: klar, wir füllen selbst. Wo also kriegen wir eine volle Gasflasche her? Google weiß es nicht, daher: Dorfspaziergang, kombiniert mit Motorteilsuche. Da! Kiosk an der Ecke, wir werden schnell handelseinig: 21€ für 13 kg Butan, und 50 für die Flasche. Rückvergütung bei Rückgabe. Wer sagt’s denn. Schon gluckert das Gas auf dem Besandeck von einer Flasche in die andere, eine Routineübung. Das war Part 3, Mission fast erfüllt. Bleibt noch die Rückgabe der Flasche… also hin zum Kiosk, Part 4. Nee, sagt die Dame, Rückgabe nur „bei der Gemeinde“, Wo denn? Ach, oben in den Bergen, jedenfalls nicht in Laufweite. Das klingt ja nett! Zumal… Gasflaschentransport in öffentlichen Verkehrsmitteln ist verpönt. Verständlich, irgendwie. Taxi? Was kostet das? 30 Euro. Zum ersten Mal in diesem Theaterstück keimt in mir ein Fluchtgedanke. Leere Flasche stehen lassen und weg hier! Mittlerweile aber wissen wir wenigstens, wohin unsere Flasche muss, es steht nämlich auf der Quittung: „Rückgabe nur im SMCR-Büro in der Rue de Jambette“. Das ist nicht hier in den südlichen Bergen, das ist Fort de France! Gelegenheit zum Haupstadtbesuch! Easy! Flasche under cover in meiner großen Wäschetasche und … Bus! Freitag ist es so weit. Kläng! sagt die Tasche, als der Eigner sie am Bushäuschen abstellt. Pssst! Bus kommt, 2,10 p.P. bis Riviere Saléé. Dort umsteigen in ein „Taxi Collectif“, 3.80 p.P. . Schöne Bus- und Kleinbusfahrt mit Vollbetreuung für dusselige Touristen-Umsteiger durch eine mitfahrende Dame, Hilfsaktion für jemand, der sein Wechselgeld nicht eingesteckt hatte (hier versagte mein Französisch… die Unterhaltung lief mehr auf Patois ab). Ein englischsprechender Kleinbusfahrer, der uns seine Sprachkenntnisse zum Üben aufzwingt, stolz wie Oskar. Mutter mit Kleinstsäugling freut sich damisch, dass wir ihr unseren Platz anbieten – ist es hier unterschwellig doch ein bisschen kolonial und Weiße sind normalerweise nicht „so nett“? Egal, pfadfindermäßig eine gute Tat vollbracht. Mittlerweile ist es Freitagmittag (man horche auf!). Wir buckeln die Flasche noch einen Kilometer durch’s Industriegebiet – und stehen prompt vor einer verschlossenern Tür, die auch erst am Montag wieder geöffnet werden soll. Freitag, yeah! Auf die 12 Euro Transportkosten hierher darf man nun die Rückfahrt aufschlagen. Wir überlegen nicht lang: Flasche nach Le Marin zurück und Neuexpedition am Montag? Nochmal Verkehrschaos und langes Latschen auf Asphalt? Echt? Sechster und letzter Teil des Stückes: wir schreiben die Flasche und die 50 Euro Pfand ab.
Man könnte nun denken, dass es sich an diesem Tag mit dem Geldausgeben hatte, aber da waren wir noch nicht über den Decathlon gestolpert. Decathlon ist für den körperlich aktiven Menschen, was IKEA für den Wohnungsbesitzer ist: man braucht eigentlich nichts, aber man kann ja mal nach Duftkerzen und Kochlöffeln schauen! Wir kamen mit 2 neuen Handtüchern raus, als Schwitzabdeckung für die Cockpitpolster. Toll. Und einem Paar Flipflops. Und zwei Paar Trekkingsandalen. Eine Schnorchelbrille samt Schnorchel und eine Schwimmbrille. Und ein paar Kleinigkeiten mehr.
Wir waren echt platt, als wir am Abend daheim ankamen – viel gelaufen und zum Schluss 1h20 Wartezeit an einem offensichtlich selten angefahrenen Busstopp in Rivière Salée. Aber da kam dann wieder „Martinique“ zum Vorschein: ob ein festlandsfranzösischer Fahrer diese armen Segler auch  auf seinen übervoll besetzten Kleinbus geladen hätte?! Es ist ja hier alles ganz schön französisch, will sagen: französisch reguliert und ein Bus ist voll, wenn alle Sitzplätze belegt sind. Ganz schlüssig war er sich nicht, der Fahrer, aber dann siegte das Mitleid: „…die ersten Kilometer müsst Ihr auf dem Boden sitzen!“. Versöhnlicher Abschluss einer teuren Reise nach Fort de France. So geht KARIBIK!

Eine neue Schuessel

Marigot – hier hat mal die britische Navy gelegen und die Masten mit Palmwedeln getarnt. Die Franzmänner fuhren vorbei…

Le Marin/Martinique, 5.3.2018

Ein dunkler Montagabend, AKKA liegt mitten in der Lagune von Marigot auf St. Lucia an einer Mooring. Wir gucken auf AIS und MarineTraffic: OCEAN BLUE kommt! Noch 3 Meilen. OCEAN BLUE ist ein Zufalls-Facebookkontakt und bringt ein relativ neues Radardome; eigentlich verrückt: wir suchen ein älteres Radargerät, das zu unserem System passt, und aus St. Martin kommt uns ein Engländer entgegen, der einen Abnehmer für sein Altgerät sucht. Netter Zufall.
Wir funken, um zu verabreden, wann wir morgen die alte, neue Schüssel übernehmen können. Nee, sagt Derek, wir wollen rasch weiter, first light tomorrow. Ich gehe vor der Lagune vor Anker, lasse das Dinghy runter und komme rüber. Hehe – diese Geschwindigkeit ist völlig neben dem AKKA-Zeittakt: Arbeit nach dem Abendessen! Eine halbe Stunde später liegt die neue Schüssel – sie hat schon mal Transatlantik und die Ostküste der USA hinunter bis St. Martin gedient – auf unserem Cockpitdach, Kabel dran, und… wir haben ein zuverlässiges Radarbild. Zur Belohnung für den schnellen Deal gibt es 300 US$ auf die Hand und als Zugabe ein paar Tipps in Sachen Pazifik. (Es zwickt mich jedes Mal, wenn ich höre, dass Leute durch den Panamákanal gehen. Tuamotus. Cook Islands. Neuseel… Lang, lang, ist’s her.).

Vanish. Nicht gerade verschwindend klein.

Wir hatten uns eigens für diesen Deal in die Lagune gelegt, damit wir mit Zeit und Muße und gutem Licht dem Radargeschäft mit Derek nachgehen könnten, aber nun liegen wir hier gut, sicher, fest, also zieht die neue Radarschüssel für ein paar Tage aufs Salonsofa – sieht gut aus, man könnte sie dort sitzen lassen, nur vielleicht einen passenden Bezug nähen?! Jedenfalls nutzen wir die Gelegenheit lieber für ein paar Spaziergänge auf der Insel, fahren nach Castries, begucken die Marina in Rodney Bay… mei, ist das alles gewachsen! Die Marina ist gigantisch – und gigantisch ungemütlich. Platt im Industriegebiet, ringsum eine Ansiedlung von Ferienbehausungen im Floridastil – will sagen: sehr viel Shopping… „Karibik“ gibt es nur als pastellfarbene Hausdeko. Och, nö – wir loben uns den netten Verschnaufplatz in Marigot, wo man nicht mal den Motor anhängen muss, um an Land zu kommen, und harmonisches Paddeln ist auch eine Paarübung in Harmonie.

Jah Come und die Gemüselieferung

Jah Come rudert zu einem Schwätzchen und zum Tomaten- und Bananenverkauf heran, auch sehr harmonisch. Ein bisschen lästig waren die Boat Boys am Ankunftstag vielleicht, aber seitdem ist Ruhe. Für Kieferklemmen ist ebenfalls gesorgt, Whisper (Medium-Megayacht, außen schick, innen hässlich), Vertige (schwindelerregend modern) und … boah. VANISH! An ihrem Helikopter sollt ihr sie erkennen! Ein nachts neonbeleuchtetes Hochhaus (nicht wirklich hässlich!) für maximal 12 Gäste, wie wir ergooglen. So etwas leistet sich der stolze Auftraggeber für mickrige 125 Mio., wenn er seinen Autohandel für mehrere Milliarden an Warren Buffet vertickt. Unser Gemüsemann Jah Come wird von Vanish leider enttäuscht – er hat versucht, mit seinen Tomaten/Gurken/Mangos zum Zug zu kommen und wird auf Sonnabend vertröstet. „Da muss ich dann zeitig zum Markt nach Castries!“ Wer natürlich am Freitag im strömenden Regen Richtung Lagunenausgang verschwindet, ist VANISH, nomen est omen. Ist das gemein für den armen Jah Come? Ist es. Gemüsehändlerverarsche. Uns winkt er aber fröhlich hinterher, als wir auch unseren kurzen Hopser nach Martinique antreten. „Come back soon!“ Ich fürchte, alle diese karibischen Klein-Dienstleister sind an „Verarsche“ gewöhnt – wir nehmen uns da nicht aus, denn vertrösten können wir auch. Da hilft nur karibische Gelassenheit, auf allen Seiten.

Hatte ich gesagt, dass es Bindfäden regnete am Freitag? Ich guck‘ ins Zollbüro zum Auschecken: „… kann ich so reinkommen?“ „Your coat is dripping, take it off!“ Der Zöllner will keinen Teich vor seinem Schreibtisch, na sowas. Nach getanem Verwaltungsakt – ich kann mal wieder die Geschichte platzieren, warum AKKA so heißt, das ist meist lustig und verbindet – rutschen wir aus der Bucht. Tschüss, Marigot, war überraschend schön! In Höhe von Rodney Bay wird es uns zu blöd: Bindfäden ohne Wind?! Nicht für uns – wir übernachten noch einmal vor St. Lucia.

Der Rest der Schüsselgeschichte ist rasch erzählt – am Sonnabend geht es mit moderatem Wind und Welle hinüber nach Martinique. Eigentlich ein Fall für den Genaker, aber… wie sagt der Eigner: bis wir den oben haben, sind die 20 Meilen schon um. Dann nicht.
Ich muss keinen Schonbezug für unseren Radargast auf dem Salonsofa nähen, denn die Bucht vor Le Marin liegt am Sonntag (und bis heute) in weitgehender Windstille, und wenn ein Fächelwind, dann aus ungewöhnlicher Südrichtung. Das lockt den Eigner nach dem Frühstück in den Besanmast, die Gunst der stillen Stunden nutzen. Altes Radar abbauen. Alte Befestigungsteile abschrauben und reinigen. Phosphorsäurebäder, Drahtbürsten. Das neue Radar vorbereiten – glücklicherweise sind die Anschlüsse die gleichen. Nach dem Mango-Grapefruitsalat am Mittag das neue Radar hinaufhieven. Kabellänge im Mast anpassen – der stolze Eigner und Chef-Vorausdenker hat anno 2004 ein bisschen Kabellänge am Mastfuß auf Vorrat eingeplant, der uns heute gut zu Gesichte steht. Und dann: anschließen (Verpolung gerade so umschifft!). Fertig. Nun gut. Es dauert fast bis zum Sonnenuntergang, bis wir den Schalter umlegen können. Spannend! Mein Vater würde sagen: „… der Augenblick, wo der große Elefant sein Wasser lässt – Nichtschwimmer bitte auf die Galerie!“ Und?! Yess! Radar läuft. Ein Punkt weniger auf der neuesten To-Do-Liste (Abendunterhaltung in St. Lucia: „… was schreibst Du da? Ein Buch?“… Schweigen, Kritzeln… „Nein, die To-Do-Liste für Le Marin!“
Sieht aus, als ob wir noch ein paar Tage verbasteln werden. Ich werde gleich mal den neuen Lichtmaschinenregler abholen gehen. Damit der Eigner im Motorraum verschwinden kann. Aber immerhin: die Schüssel sitzt!

Cool!

Cumberland Bay. Mojito’s Bar

Soufrière, St. Lucia, 26.2.2018

Cool!  Nicht kühl, wie in Deutschland derzeit; wir sehen 20 cm Schnee auf Lübecker Stegen.  Hier ist einfach… Karibik. Cool!

Bequia, Gemüsestand an der Straße

Bequia war schön. Einfach „schön“, nicht mehr, nicht weniger. Alles da, was man so möchte, die Ankerplatzaufregung der ersten beiden Tage reduzierte sich für den Rest des Aufenthaltes auf scharfe Beobachtung möglicher Gegner; sehr beliebt hierfür immer die großen Charterkatamarane. Katamarangröße umgekehrt proportional zur Ankergeschicklichkeit. Das ergibt Ankerfeldkino mit Geschrei-Vertonung.
In Bequia genießt man das Touristenleben, es gibt zum Beispiel „Jack’s“, wo man am – hurrah! All you can eat! – Buffet teilnehmen kann. Sehr leckerer Mahi Mahi in Zitronensauce. Und würzige Rippchen…  Dazu ein Hairoun – in der östlichen Karibik sind die Biere gern in der Sprache der Cariben benannt. Carib, Hairoun, Wadadli… you name it. Im Hintergrund rödelt eine Live-Band alte Hits, Musik für die Altersgruppe derer, die zu „I can’t get no satisfaction“ auf Altenheimstühlen abhotten. Wobei die anderen Gäste tatsächlich die Tanzbeine schwingen –  No woman, no cry. Sittin‘ on the dock of the bay. Ain’t no sunshine.  Zielgruppe erreicht, ich bin beschwingt und hotte mit, auf dem Stuhl.  Das Ganze findet statt zum bisweilen beeindruckenden Brandungsgeräusch. Seefahrerische Nebenbemerkung – wir haben seit Tagen wirklich starke Passatwinde, und es läuft ein ganz schöner Schwell in die Buchten. Das Dinghy will vor Jack’s mit Heckanker vom Ponton weggehalten werden, sonst gibt es „damage“; nasse Klamotten auf den Überfahrten sind so oder so Programm, ich schwanke regelmäßig zwischen hilfslosem Gelächter und „och, nöö!“. Der lauschige Abend bei Jack’s zieht allerdings auch wieder klitzekleine Unmutsfalten auf der Eignerstirn nach sich – so richtig doll leuchtet unser Ankerlicht nicht. Das gibt demnächst eine Reise ins Masttopp.
Dabei hatte der Bootsalltag bereits ein recht feuchtes Wochenende für uns bereit gehabt… Das ging so: die Schipperin näht, der Wassermacher läuft, da hört sie die Hochdruckpumpe kavitieren (ein Lieblingsausdruck eines ex-Chefs. Luft schlucken soll das heißen). Sie guckt… der 5 Micron-Filter ist zu zwei Drittel leer, irgendwo zieht der Vogel Luft. Eigneralarm. Der guckt auch – hey, das spritzt ja hier überall?! Lange Geschichte in Kurzfassung: der Sonnabend ist ziemlich hin, denn nicht nur der Wassermacher zog Luft, sondern auch der Wasserhahn pullerte fröhlich nach unten – und just in diesem Moment hatte sich der Abfluss vom zweiten Waschbecken, in das der Wassermacher seinen Salzwasser-Überlauf entlässt, von den Rohranschlüssen getrennt. Was ein kleines, korrodiertes Schräubchen an Schweinerei anrichten kann… Den Abbau und die leckere Reinigung der Abflussröhre übernehme noch ich, danach ist der Fummler und Bord-Improvisierer gefragt, passende Schraube finden, anpassen. Wassermacher, Wasserhahn, Ablauf – das nennt man 3-in-1-Reparatur. Des Eigners Begeisterung lässt zu wünschen übrig, zumal dieser Unterschrank ein prima Ort für Torsionskünstler ist. Des Abends liegt er mit Kopfschmerz und Verspannungen und leicht entmutigt im Bett. Mittlerweile sind die Wasserspiele abgestellt, das Luft-Spiel allerdings will noch näher untersucht werden. Och, nöö.

Ginger Bread Café

Und sonst? Mount Pleasant (ächz, Asphaltstraße, aber ziemlich bergauf!) und Hintergassen. Dort ist normales karibisches Leben, und „Doris'“ bietet nebenbei alle Unmöglichkeiten importierter Esswaren, von Lindt über Knäckebrot bis zum feinen Brie, sehr willkommen. Immer mal wieder das „Ginger Bread“ für einen guten Kaffee, nebenan Maranne’s Eisladen (richtig, ohne „i“, und der Apostroph ist nicht deppert, sondern englischer Genitiv). Aber nach ein paar Tagen ist es dann genug mit „schön“.

Gegenverkehr

Nach schön kommt: cool!
Ruppige Überfahrt nach St. Vincent. Das Festlandspendant zum Segler-Paradies Bequia namens „Blue Lagoon/Young Island“  ist nicht anzusteuern, und das ist nach so viel „schön“ auch gut so. Aus Kingstown kommt uns die „Royal Clipper“ entgegen, auf Südkurs, unter Tuch. Navigatorische Frage: auf welchem Bug liegt so ein Rahsegler?  Die hat den Wind von Backbord das sah zwar nach Vorfahrt für AKKA aus, aber wir weichen doch lieber aus –  irgendwie ist so ein Teil mehr manövrierbehinderter Ochse als Segelschiff, selbst wenn sie wahrscheinlich unter Motor läuft…
In Buccament wollen wir ankern. Der Guide sagt dazu: ein lebhaftes Resort ragt in die Bucht wie ein schlecht sitzendes Toupet (danke, Herr Doyle, immer amüsant zu lesen!). Stimmt, es ragt – aber lebhaft ist es nicht, es ist eine totenstille Investitionsruine. Wie wir später hören, hat die Anlage – ein Timesharing-Unternehmen – schon zweimal Pleite gemacht, was wirklich schändlich für die Leute in den Dörfern ist. Besitzer über die Berge, Timeshare-Anteilseigner geprellt, Arbeitsplätze dahin. Doofer Platz, wir holen den Anker wieder aus dem Mud. Ein paar Felsnasen weiter wurde „Kearton Bay“ für uns gelobt.
St. Vincent bietet eine tolle Kulisse, es entspricht meinem Karibikklischee: wild und grün, grün, grün, dazu graue Wolken und Regenbögen. Für Yachties ist es eher so làlà – das Renommée, wenn es je ein gutes gab, hat in den letzten Jahren ziemlich gelitten, zuletzt nach einem Mord in der Bucht von Walalibou. Die Unsitte meist jugendlicher Boat Boys, Segler schon meilenweit draußen in der Annäherung abzufangen, um sich ein paar EC als Leinenhelfer zu verdienen, ist zwar verständlich, aber es nervt.
Der erste Kandidat prescht auf uns zu, lässt sich aber mit der Aussage abwimmeln, dass schon alles geregelt sei – ich hatte per Skype Kontakt mit dem Rockside Café in Kearton aufgenommen, die uns eine Mooring versprachen. Dann kommt Shawn. Da wird’s schon schwieriger mit dem Abwimmeln. „I take you to Walalibou!  You know: Johnny Depp! Pirates of the Caribbean“. Nee, Shawn, machst Du nicht, wir sind schon versorgt, danke Dir. Er fährt mit seinem – ganz beeindruckenden! – Aluboot mit dickem Motor neben uns her, lacht mal über Bemerkungen von mir, eher aber guckt er wütend. Die ganze Leier. Guter Preis, eigentlich ist er Offizieller, Kinder (hat er mit Sicherheit noch nicht!) sind hungrig, alle an Land sind Gauner, es gibt auch gar keine Moorings… Ja, ja, aber wir haben eine Verabredung. Ich bemühe mich, freundlich zu bleiben. In der Bucht warten Squint und Curtis auf uns und helfen freundlicherweise mit den Leinen. Wegen des Schwells werden wir vorn und achtern zwischen zwei Moorings gehängt, da ist Hilfe angenehm. Nette Jungs, Orlando hatte sie mir angekündigt mit der Maßgabe „und keine von den Boat Boys draußen heuern!“ Auftrag ausgeführt – wobei Shawn während des ganzen Manövers im Hintergrund mault und jammert „… die kriegen alles und ich nix!“  Ach, Shawn…

Kearton Bay. Das Rockside Café

Das Rockside Café ist ein kleines Privathaus, die Besitzer sind Orlando und Rosi, ein deutsch-vincentinisches Paar, die uns am Abend einen Fisch servieren und ein bisschen vom Inselleben erzählen. Außer uns gibt es noch zwei durchreisende Katamarane, mehr Platz ist auch gar nicht. Sehr angenehm, wenn man es mit dem benachbarten Walalibou vergleicht, wo „Piraten“ in Verkleidung für das

Squint als Taxifahrer. Bis zum Strand geht’s einfach…

Vergnügen sorgen und die Tagesgäste mit Musik beschallen; das kriegt man hier überhaupt nicht mit, denn wie in St. Vincent üblich, ist man immer von hohen Bergen umgeben. Wir bleiben eine zweite Nacht – und da zeigt sich dann der Nachteil dieser Jahreszeit. Nicht weil  es ungewöhnlich reichlich regnet, da gewöhnt man sich dran – sondern weil im winterlichen Passat pausenlos nördlicher Schwell die Küsten herunter rollt.

Spannend! Dinghy Landung in Kearton Bay. Curtis wartet schon…

Schon in Bequia war es zeitweilig ausreichend schaukelig gewesen, aber diese zweite Nacht in Kearton’s Bay ist wirklich hochseekojenpflichtig. Hm. Schnell ausklarieren und weiter nach St. Lucia – wir können ohnehin nicht bleiben, weil Rosi die Mooring für eine Voranmeldung braucht. Chateaubelair ist der Ausklarierungshafen. Und soll „rollig“ sein. Schon wieder? Im strömenden Regen steuern wir stattdessen die tief eingeschnittene Cumberland Bay an. Ha! Wer hätte

AKKA in Cumberland Bay. Regen?! Nicht doch…

Zum Trinken zu stark: St. Vincent-Rum

es gedacht: es gibt eine richtige Fahrwassermarkierung. In der Ferne eine Handvoll Yachten. Bei der Steuerbordtonne steht eine Person in einem Schlauchboot. Ostfriesennerz mit hoch aufragender Kapuze. Das ist Kenny, und die Kapuze steht so hoch, weil sie einen unglaublichen Rasta-Haarturm birgt. Wir ankern mit Heck zum Strand, Kenny legt unsere 50 m Landleine an einen alten Pontonstummel. „Mojito’s does nice food! Come in the evening“. Unaufgeregt, unaufdringlich. Hier ist gut sein… Wir lassen das Dinghy an Deck und Kenny fährt uns auf Zuruf hin und her. Tolles Essen mit flambierter Banane – der Sprit, der verbrannt wird, ist zu nichts anderem gut, denn trinken kann man dem lokalen Rum kaum (angeblich mit Bier mischen, das dreht wunderbar…).
Sehenswerte Taxifahrt zum Ausklarieren nach Chateaubelair – in unzähligen Kurven, über die Berge und Nebenwege in ein Dorf (die Krankenstation bietet „Popsicles“. Eis am Stiel – Service am minderjährigen Patienten!), runter zur See, rauf, wieder runter. Chateaubelair ist ein gottverlassenes Dorf mit etwas heruntergekommener Holzbebauung und den üblichen kolonialen Hafenresten aus grobem Gestein, und es hat je einen Immigration- und einen Zollbeamten. Wofür? Für den gelegentlichen Charterkatamaran?!

Brennpunkt des Lebens: Chateaubelair

Jedenfalls sind wir rasch durch mit den Formalitäten, die Herren Beamten können sich bald wieder dem Warten auf Kundschaft hingeben. Wir streichen Komplimente für den feinen Akzent ein („Germans normally sound different!“. Briten sehen das anders!) und schwatzen über die Dialekte auf den Inseln. An der Bushalteecke stehen wir mit Männern, die Macheten in die Gummistiefel gesteckt haben. Feldarbeiter. Gummistiefel sind

The one and only Wesley. Der Gemüsemann von Cumberland

dieser Tage unabdingbar, es schüttet aus Eimern. Alle vorbeifahrenden Busse (nach Trini-Standard 12-Sitzer-Maxitaxis) sind voll, aber ein 7-Sitzer-Kleintaxi nimmt uns mit.
Schade, dass wir schon ausgecheckt haben – St. Vincent ist

Bob!

einfach schön und wild und naturbelassen. Matschiger Fußweg von der Straße zurück zur AKKA. Auf Mojito’s Terrasse ist gerade Kleidermarkt – aus Pappkartons werden T-Shirts, Shorts und Kleidchen gezerrt. Altkleider!?  Altkleider. St. Vincent ist kein sehr reiches Land…

Das Ganze hat wenig von „Bequia“.  Sehr schlicht und ziemlich relaxed, man muss sich nur an die Art der Rastaunterhaltungen gewöhnen – was wie Dauerstreit klingt, ist ganz normale Kommunikation. Ansonsten: Kenny und Co. sitzen auf der Terrasse, man schneidet mit der Schere ein bisschen Kraut für die Dauerzigarette. Die Zigaretten sind „Bob Marley-Style“ und duften auch so. Sehr speziell, sehr entspannend. So sitzt man und starrt zum Horizont. „Looks like a charter. Does he come in?!“ Falls ein Schiff den Bug in die Bucht lenkt – auf! Das dicke Schlauchboot ins Wasser. Kundschaft!
Derweil kriegen wir an Bord Besuch: Wesley. „The one and only Wesley“, wie er sich nennt, mit Gemüse und Früchten. Hochwillkommen, und einen guten Schnack wert.

Kingstown. Google Map muss wissen wo es Kaffee gibt (es gab keinen!)

Kenny, der Zigarettenmann! Cool!

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus nach Kingstown, um wenigstens noch ein bisschen von St. Vincent sehen. Allein die Busfahrten sind den Ausflug wert. Egal, wohin man fährt, wild ist es allemal, die Landschaft und die Fahrt als solche. Sagte ich 12-Sitzer MaxiTaxi? Der Eigner hat durchgezählt. 21 mit den gestapelten Kindern. Die Reifen quietschen, man hängt auf dem Nachbarn und hofft, dass der Fahrer weder Bier mit Rum noch allzu vielen Bob Marley-Zigaretten zugesprochen hat.
Cumberland – kein Idyll, aber ein Platz zum Wiederkommen. Wir fragen Kenny, wie das mit dem Ablegen ist, wir wollen früh los. „Ja, ich komme total früh. Vor 8!“ Unsere Lösung: im Morgengrauen schwimmen gehen, die Leine losknoten.  Wer ist um 06:15 da? Kenny. Wegen der Leine. Zigarette im Mundwinkel.
Kenny?  Cool. Wesley? Cool.  St. Vincent? Echt cool!

Bequia und der Weg dorthin

Panorama Horseshoe Reef

Schön, schön! Das Horsehoe Reef vom „Petit Bateau“-Gipfel aus.

 

 

Bequia 13.2.2018

So kann’s gehen: man liegt an der Ile Petit Tabac und zweifelt, ob man noch hinüber ins altbekannte Horsehoe Reef fahren soll. Die Schipperin mag, weil das Riff schön ist, die Eigner mag „aus alter Anhänglichkeit“, unser erster Besuch liegt viele Jahre zurück, Ende der 90er. Zum guten Ankerplatz findet sich das „zum Bleiben schön“-Gefühl, für 3 Nächte. Weil aber die Dinghyfahrten mit dem 3PS-Pöttermotor so mühsam und durchnässend sind, verziehen wir uns danach aus dem wunderbar windigen Ankerfeld „achtert Riff“  ins deutlich geschütztere hinter Petit Rameau, und auch hier kann man es gut aushalten.

Diese gebackenen Banaaanen1

Neuerliche „Bergwanderung“ auf Petit Bateau mit schönen Ausblicken. Mahi-Mahi-Essen bei Julia vom Grillstand Romeo, den Fisch direkt vom

In Julias Küche

Angelboot (der Eigner-Hummer wackelte noch…). Sehr karibisch: unter großen Bäumen auf grober Holzbank hockend, die Kante des mit Wachstuch belegten Tisches ziemlich unter der Kinnlade. Alles extrem lecker! Allein diese gebackenen Kochbananen! Die Rechnung nicht unbeträchtlich, aber lohnend. Eine merkwürdige Diskrepanz: dort dicke Schiffe auf türkisfarbenem Wasser, dazu die herangeschipperten oder auf

Voilà! Karibisch farbenfroh und lecker

eigenem Kiel hergesegelten Touristen, am Strand eine Reihe bescheidener Grillstände und die zugehörigen Ansässigen, zufrieden und fröhlich. Ich glaube, unter den Seglern gibt es mehr Meckerpötte, obwohl man, an der Dicke der Geldbeutel gemessen, denken könnte, es müsste andersherum sein.

Aber auch der netteste Aufenthalt – es waren 6 genussvolle Tage! – muss zu Ende gehen. In Sichtweite

Der Fahrende Winterstiefel von Canouan. Gedränge am Fähranleger.

liegt Canouan, da waren wir noch nicht, also hin. Die Bucht vor Charlestown ist weit, wir ankern im Achtungsabstand vor dem Fähranleger. Die Insel ist ein bemerkenswertes Stück Organisation. Im Süden wurde gerade eine kleine Marina namens „Glassy Bay“ eröffnet –  und im Segelführer steht, man hoffe, der Südteil der Insel werde nicht abgesperrt. Abgesperrt? Ja, genau so wie der gesamte Norden. Ein Luxusresort, ein paar private Villen – und ein Zaun. Wenn das Gleiche jetzt mit der Marinagegend passiert, wohnen die Canouaner demnächst „zwischen den Zäunen“, ein unangenehmer Gedanke. Ob die Anzahl der Bootseinbrüche vor Charlestown auch Ausdruck von Unmut ist?  Eigentlich müssten wir Lebensmittel einkaufen, und es gibt einen richtigen, italienischen „alimentari“, mit angeblich guten Sachen. Der Laden ist einem Italo-Hotelkomplex angeschlossen – vieles hier kommt uns „italienisch“ vor, z.B. die abgesperrte Bucht etwas weiter im Norden. Ankern nicht erlaubt – feudal italienisch am Strand essen darf man sehr wohl. Wir kratzen uns am Kopf – eine wenig heimelige Insel, auch wettermäßig: die Fallböen in der Bucht sind gewalttätig und der Wind soll noch zunehmen – schon auf den paar Meilen hierher hatten wir den vollen Passat auf die Nase gekriegt. Sollen wir noch an Land? Salami oder… ach schiete wat, weiter im Norden gibt es auch was zu kaufen. Cheddar statt Provolone. So machen wir uns auf den Weg – leider liegt Mustique voll im Wind, Bequia können wir gerade so anliegen. Also Bequia.

Zu dieser Strecke schrieb Segelfreundin Susan kürzlich: „… it was a romp, all the way to Bequia!“ Können wir bestätigen – das war wirklich eine „Nummer“. Die See bewegt – an die 3 m. Der Wind in den guten Mitzwanzigern, und immer schön hoch ran. Pedder, der Windpilot, verrichtet sein Werk unermüdlich, wir müssen nur aufpassen, dass uns die flinken, vor dem Wind dahineilenden Gegenkommer nicht umfahren – Verkehr ist reichlich in dieser Jahreszeit. Wir fragen uns, wie all diese südwärts strebenden, auf 1, maximal 2 Wochen beschränkten Charterer ihre Basen in St. Lucia oder Martinique wieder erreichen – die Nordrichtung im voll entwickelten Passat ist wirklich eine „Nummer“… Langsam schälen sich die Umrisse von Bequia aus dem Dunst, die Entfernung ist nicht wirklich weit, vielleicht 20 Meilen, aber eben holperig. Von Steuerbord sehen wir auf dem AIS einen großen Schlepper unseren Kurs kreuzen, bzw. er kreuzt ihn eben nicht – die Peilung steht, wie der Segler sagt. Eine stehende Peilung endet unweigerlich mit einer Kollision, die Annäherung kann die Schipperin, die auf der Cockpitsüllkante sitzt, über ein Stündchen oder so beobachten. „… na, wandert er nun aus?!“ Nee, tut er nicht. Wir wollen mit genau gleicher Geschwindigkeit die genau gleiche Ecke runden, und mit Schleppverbänden ist nicht zu spaßen. Solche Späße hatten wir in Indonesien reichlich, wir eirinnern uns an „Oh, wie schön ist Lummerland“, als sich „eine nicht kartierte Insel“ auf unserem nächtlichen Kurs verirrte. Oh, je. Ein Schlepper und 200 m dahinter (dazwischen sollte der Segler tunlichst keine Durchfahrt suchen!) eine riesige alte Schute mit Landeklappe, sie rücken näher, und auch da das ausdauerndste Starren keine gegnerischen Kurse ändert, wenden wir. Windpilot außer Funktion nehmen. Ach, wir machen eine automatische Wende unter Autopilot, wozu hat man diese beiden synchron zu drückenden Knöpfe. Sehr fein geht das in mäßig bewegter See! Die haben wir allerdings nicht zu bieten. Der Versuch scheitert, vielleicht an einer unglücklichen Folge von Wellen, in denen wir uns feststampfen. Macht nix, passiert halt. Variante Handsteuerung. Gleiches Spiel: Fahrt aufnehmen, sich nicht festfahren, rum die Bude. Jau, und steht. Die Schipperin schaut etwas belämmert, aber Übung macht den Meister, im dritten Versuch ist es geschafft. Die Wende ist von allerlei Geräusch begleitet, mein beliebte Kramablage neben dem Niedergang zum Beispiel entleert sich schlagartig nach unten, Nagelfeilen, Gastlandflaggen, Bändselbeutel, Postkartenvorrat, Bücher, Stifte (der Eigner wird zum Zustand unter Deck später sagen: „Dein Tablet ist noch heile!“ und  „… Du kannst auch gern mal vorn in der Vorschiffskabine gucken!“). Egal, aber durch den Wind ist durch den Wind. Nun folgen 15 Minuten wirklicher Romp – es kommt halt immer drauf an, in welchem Winkel einen die Wellen treffen, und dieser ist… ungünstig. Also halten wir den Ausweichkurs kurz. Die zweite handgesteuerte Wende gestaltet sich schon besser. Wir sind nahe an Bequia, die Ankerbucht liegt voll im Wind, da kreuzen wir nicht rein, wir motorsegeln! Motor an. Der Schipperin am Ruder flattern die Ohren, also hört sie nicht, dass sie nichts hört, aber am leicht hektischen Verschwinden und Wiederauftauchen des Eigners kann sie es ablesen, dass der Motor nicht anspringt – es gibt für alles mal eine Premiere. Später rekapitulieren wir unsere jeweiligen Gedankengänge – Wetterlage, Chance auf Ankern unter Segeln und wo? Zurück nach Canouan? Oder weiter?  Wie ankert man unter Segeln im vollen Passat? Spannende Frage. Der Eigner schaltet dann die – laut Anzeige gute – Starter- und die Verbraucherbatterien zusammen, worauf der Motor wenigstens ein keuchendes Kotzgeräusch macht. Nochmal!  „Gib mal mehr Gas!“  Keuch-kotz-uaa–uaa, wrrrummmm!  Ach, da bist Du ja, kleiner Motor!  Hattest Du Dich verschluckt? Hatte er wohl, vielleicht in einer der komischen Wenden ein Gläschen Wasser durch den Auspuff? Unangenehmes Erlebnis. Vor dem Low Bay-Strand fällt der Anker. Im zweiten Versuch, immerhin. Nachtpause.

Am Morgen pfeift es immer noch, Port Elizabeth ist von allen Seiten von grünen Hügeln umgeben, von denen Böen auf uns herabstürzen – nicht so schhlimm wie Canouan, aber dies ist eben die Passat-Saison, da bläst es. Dazu läuft etwas Schwell in die Bucht. Gucken wir doch mal, ob wir in der Tiefe des Hafens zwischen den vielen Seglern noch ein ruhigeres Plätzchen ergattern können. Auch das gestaltet sich mühsam, denn nach Norden ist die Bucht sehr tief, dann folgt ein Streifne ankerunfreundlichen, härteren Grundes. Im dritten Versuch hält der Anker – nicht ohne dass hinter uns ein Yachtie-Erdmännchen streng auf unsere Versuche schaut. So sehe ich also aus, wenn ich die Ankermanöver anderer beobachte! Einschüchternd! Kontrolle per Schnorchelgang – sehr gut es gefällt mir nicht. Ich liebe es, wenn mein Anker so weit eingegraben ist, dass man den Bügel kaum sieht; weg ist er schon, aber es guckt noch viel raus… Aber wir haben reichlich Kette draußen, wird schon. Am Abend legt der Wind noch einen Zacken drauf, die Fallböen könnte man als „wütend“ bezeichnen, was mich beunruhigt und mir eine Nacht auf der Cockpitbank beschert. Lieber sofort da sein, wenn der Ankeralarm piept. Schisserige Schipperin.
Am Morgen der Umzug. Weiter vorn ist ein Loch im Ankerfeld. 3m Wassertiefe ist schon recht knapp, aber es funktioniert gut. Schnell sind wir fest, und voll eingegraben, das beruhigt ungemenin. Ein angenehmer Tag mit Landgang folgt, Highlight: Besuch auf dem Rastamarkt. Unser Segelfüher schreibt: „… viele Kunden haben sich vor der  geballten Rasta-Verkaufskraft zu den kleineren Shops und Ständen in den Hinterstraßen verzogen!“  Da sagt er was, der Herr Doyle – aber spaßig ist es schon. Es gibt Kartoffeln, schöne Knubbelmöhren, frische Zwiebeln von der Dame gleich am Eingang, während hinter einem dauernd neue Angebote auf einen einprasseln!  Hier – Soursop! Probier mal – klasse Mango! Das Stück Sapodilla wird mir einfach unter die Nase gehalten, aber lecker ist es. Grapefruit! Lemon! Frühlingszwiebeln. Wir schreiten zum Zahlen. Zack! Eine Tüte grüne Bohnen vom Nachbartisch. Wer hier nicht entschieden „nein!“ sagt, hat verloren. So wie wir – es bleibt einem bei dem Ansturm nur ein hilfloses Lachen. Noch Eier? Noch Zitronen? Guck: ’ne Tüte frisches Basilikum! Und diese Papaya ist für morgen!
Die Anzahl der Bananen- und Zitronengeschenke, die wir zugesteckt bekommen, sind ein sicheres Zeichen dafür, dass wir heute der Rastagemeinde zu finanziellem  Gewinn verholfen haben. Wir werden trotzdem wieder hingehen, für manche Show muss man einfach zahlen. Auf dem Rückweg streichen wir noch ein frisches Baguette ein (klar, gibt es im Dive Shop oder so…). Zufrieden sinken wir auf die Cockpitbänke. Kleiner Pastis zum Sundowner?! Gern.
Kaum ist die Sonne weg, sagt es „bu-bumm“. Hä? Was war das? Und nochmal: „bu-bumm“. AKKA hoppelt! AKKA hoppelt „irgendwie“ auf Grund! Nee… Wir sind ins Flache geschwoit, und da liegen Klamotten. Ankerauf, zurück zum allerersten Ankerplatz, im Schwell, aber mit Sand und ausreichend Wassertiefe. Unter dem Schein der Taschenlampe fällt der Haken, er hält, alles gut, auch wenn der Abstand nach achtern zum nächsten Boot ein kleines bisschen knapp ist. Ruhige Nacht. Bis bewusster Nachbar zum Frühstück auf seinem Vorschiff erscheint: „… hey, AKKA! That’s close!  Dangerous!“  Ich geh‘ mal schnorcheln und guck‘ mit die Bescherung an.  Harmlos, zumindest wir mit unserem zuverlässigen Bügelanker würden nicht auf Drift gehen, was des Nachbarn Befürchtung war – beim seinem CQR-Anker sieht das schon anders aus, der liegt CQR-programmgemäß wie dumm auf der Seite. Von uns eigentlich ganz gut abgeschätzt, aber wo wir schon so gut in Übung sind mit „Umankern in Bequia“, können wir John schnell zu etwas Seelenfrieden verhelfen. Wir sind die Bequia-Ankermeister!

Witzig!

Die Tobago Cays

Tobago Cays, 5.2.2018

Es sollte mehr Wind werden, also verlassen wir den etwas exponierten Platz an der Ile Petit Tabac – der Anker vorn am Riff und das Heck fast an den Korallen auf der Gegenseite macht schlechten Schlaf, da mag der Anker noch so tief im Sand stecken. Drüben, in den eigentlichen „Cays“, sehen wir auch Schiffsbewegungen, also werden wir ein Plätzchen finden in dem Gewusel.

„Luftbild“ von der Spitze von Baradal. RIff-Tief-Riff…

Stimmt! Wir kurven durch’s Anker- und Mooringsfeld. Der Eigner würde gern hinter Baradal gehen, die Insel am Schildkrötensperrgebiet, um vielleicht etwas Wellenschutz zu haben, aber das war nix. Weiter draußen, zum Riff hin macht gerade ein kanadischer Katamaran Platz. Merci bien und Thank you! Rein in das Loch. Hier ist offensichtlich auch Langfahrergebiet, vor uns eine norwegische Kolonie, zur Linken Holländer, zur Rechten Franzosen. Passt. Die ersten Karettschildkröten

Begegnung beim „Berg“_Spaziergang

beobachten das Ankermanöver neugierig. Doch, es ist viel Platz hier  – heute übrigens, nach der 2. Nacht, ist das Ankerfeld schon sehr gelichtet. Glasklares Badewasser und „hinterm Riff liegen“ gefällt mir sowieso seit der ersten „Nonsuch Bay“ 1992 ganz besonders. Voll dem Wind ausgesetzt, vor sich die Brandung, am Ankerplatz Ententeich.

Mittagspäuschen. Es klopft an der Bordwand. ?! Sind wir auf Slip?  Nein, der Anker hält. Ein unbekanntes Gesicht an der Reling. British English. „Da sind Freunde von Euch! Chris and… don’t recall the name. Denen habt Ihr Bücher gegeben, bevor Ihr los seid. Haven’t seen you in 10 years!“ Ähm. Danke. Chris, und irgendwer… Vor 10 Jahren. Wer ist Chris? Wir sollen mal rüberfahren, deren Dinghy sei schlecht. „BROADER VIEW HAMBURG“. Sehe irgendwie rennbootmäßig aus.  Kennen wir nicht. Kennen wir überhaupt Regattasegler?  Kurz vor einem fetten Squall machen wir uns fix auf den Weg. Bei diesem Wind ist übrigens jedes untermotorisierte Dinghy „schlecht“. Wir kommen näher, patschnass… Wer sind Chris und  „I don’t recall the name“? Schmale blonde Frau. Nicht möglich – das muss ein Witz sein! Ihr hier? Christiane und Jochen. Segelacht SOCORRO, unsere Stegnachbarn aus Arnis, Vorbilder mit mehreren Atlantikrunden auf der Uhr. Das ist wirklich überraschend und rührend. Leider erlaubt der Squall keinen Aufenthalt, also verabreden wir uns für einen Schwatz am Morgen. Die BROADER VIEW HAMBURG ist ein Vereinsschiff des Hamburgischen Vereins Seefahrt, der sich vornehmlich Jugendförderung auf die Fahnen geschrieben hat, und sie ist eine echte Rennziege. Der Verein füllt die Zeiten zwischen den Regatten und Ozeanpassagen mit  der Möglichkeit zu „Familientörns“. Was man denn so als Familientörn auf einem Regattaschiff (innen blank, natürlich, Gewicht zählt! Rohrkojen, kein Tisch…) bezeichnet. Viel Zeit ist nicht für das „catch up“, aber wir freuen uns. „Teenie“ Inka ist ein gestandener Twen, eine „Hanna Dampf in allen wissenschaftlichen und sportlichen.Gassen“, Jochen und Christiane völlig unverändert, dazu an Bord ein befreundetes Seglerpaar, eine ziemlich eingeschworene Crew für ein sehr sportliches Schiff.
Wir brechen bald auf. „Wir müssen noch das Reff einbinden, ehe es losgeht, das dauert!“ sagt Skipper Jochen. Viel Segelfläche ist viel Geaste. Mast anpowern, Backstagen…  – dabei ist dies ja nur das Familienprogramm, da zu wenig „action“ für die jüngeren Vereinsmitglieder. Hey, Leute, hier weht der Passat unablässig mit 20 Knoten (plus)!

Eine witzige Begegnung. Wenig später sehen wir sie aus der Bucht rennen, Ziel Mustique. Marinetraffic sagt, sie waren um 14 Uhr dort. Mit ihren 10 Knoten. Von so etwas  (alb)träumen AKKAnauten!

Wahrnehmungssache

Happy Island. Ein Ritual: Fruit Punch zum Sonnenuntergang

Ile Petit Tabac/Grenadines, 4.2.2018

Ganz schön voll da drüben, wenn man ins berühmte Horseshoe Reef in den „Tobago Cays“ guckt. Es gibt ein Bild aus 2009, da lag die AKKA dort fast allein, nur Chamicha war noch dabei. Aber das war natürlich in der nicht-Segel-Saison. Selbst hier in Petit Tabac, wo eigentlich nicht mehr als 4 Schiffe hineinpassen, ist tagsüber der Kitesurf-Bär los  – die Tagesgäste schmeißen zu meinem Missfallen ihre Anker gnadenlos auf die Korallen vor der Insel –  aber das ist eben nur am Tag, abends kehrt die Ruhe ein. Vor allem die Chartersegler zieht es dann an die Strandbar, aber außer Strandgut gibt es hier gar nichts. Gut so. Ob wir noch drüben anhalten auf unserem Weg nach Norden wird sich zeigen. Wieviele Schiffe – überwiegend Charterkatamarane – mögen da liegen? 50? In der Nacht sah es aus wie eine kleine Stadtsilhouette, ein Topplicht am anderen. Aber dieses Riff ist zugegebenermaßen schön und eine der großen Attraktionen in den südlichen Grenadinen.

NDinghyparkplatz in Clifton

Der Besuch in Union Island war mit 2 Tagen eher knapp, die Moorings kosten ordentlich Geld und das Örtchen Clifton erinnerte uns etwas an den Besuch in San Pedro de Atacama: nett, aber völlig auf die Gäste ausgerichtet; dort war die Backpackergemeinde bestimmend, hier rekrutiert sich das Gros der Gäste aus den Seglern. In benachbarten Ashton ist sicher „mehr Union Island“, aber bis dahin laufen die Segler nicht. Wir auch nicht. Steil ist es! Im Ankerfeld

Der Charterflotte den Rücken zudrehen…
Petit Tabac

wieder ein paar große Brocken, Katamarane wie die Ocean View aus Polen, und die Ruwani mit ihren 88 Fuß und dabei fast so breit wie eine AKKA lang ist – Monsterkatamarane kommen sehr in Mode, vielstöckig und schwerst luxuriös; die früher erwähnten Super-Monohulls lassen sich nicht lumpen. 130 Fuß, 150 Fuß… für 90 gibt es nur noch ein müdes Lächeln. Allen gemeinsam wohl der Wunsch, den Sonnenuntergang bei Jonte (John T.?!) aus seinem „Happy Island“ zu beobachten und sich die Nase mit Rumpunsch zu begießen. Ein Seglerritual, dem wir uns zumindest für einen Abend nicht entziehen.
Außer den Großen und den Kurzfrist-Seglern gibt es aber auch ein paar, die offensichtlich länger unterwegs sind; so unsere Nachbarn heute Nacht im einsamen „End of the World“-Riff, eine holländische Familie, die ihre Teenietöchter für die Nacht im Zelt auf Petit Tabac

DIe Kehrseite. AKKA und Zeester in P.Tabac.  Im Hintergrund das Horseshoe Reef

aussetzen (mit Abendessen und Frühstücksservice zum Sonnenaufgang. Sehr nett). Wir sprachen kurz, kennen die Verhältnisse alle aus früheren Jahren und finden doch, dass sich immer noch schöne Stellen finden, um die es sich lohnt, die Antillen zu bereisen. Man muss nur den Katamaranmassen den Rücken drehen.

Aber um positive Stimmung muss man/frau sich natürlich auch bemühen. Mit den Locals fällt einem das leicht, egal auf welcher Insel – na gut, mal mehr, mal weniger. Als wir in Clifton nach St. Vincent & The Grenadines einchecken, entwickelt sich, kaum dass der Zollbeamte hinterm Papierstapel sein Mittagessen aufgegessen hat, ein angeregtes Gespräch: „… does Germany have a government now?!“ Nee, sagen wir, Angela ist noch nicht zu Potte gekommen, und machen gleich weiter bei großen und kleinen Koalitionen, bei Randparteien und der Welt- und Europapolitik mit einem Abstecher auf die Kleinen Antillen. „…unsere Regierung ist echt gut, schönes Leben in St. Vincent. Vor allem vor den Wahlen!“ Wir lachen.  Also, ich finde solche Begegnungen immer klasse.
Die Tür geht auf. Zwei Segler. Zollbeamter: „… what can I do for you?! How can I help you?“  „… you kän hälp mie wiz ze pepers!“. Und zu uns: „Unfreundlicher Kerl. Aber so ist das hier, und so war es schon vor 30 Jahren. Nix dazugelernt! Immer unfreundlich.“  Wie bitte?! Ich bin dann auch gleich mal unfreundlich, zur Demonstration, mir fällt kurzfristig das von mir abgefragte Datum nicht ein. Kleiner Scherz von mir.  „… so ist das unter Rassy-Eignern!“, sagt der Herr Rassy-Eigner. Ein Segler, der die Welt durch die graue Brille sieht und uns in eine Bootsmarken-Schublade schieben will. Ich muss rasch raus aus dem Zimmer.
Ein Spaziergang auf den Berg mit weitem Blick auf Petit Martinique und Petit St. Vincent und Carriacou hat meinen Hals schnell abschwellen lassen.   Selektive Wahrnehmung ist, wenn man nur recht intensiv sucht und tatsächlich Negatives findet.
Oder? Wenn wir nur recht gut hinschauen, finden zumindest wir immer etwas Schönes. Eine Frage der Wahrnehmung.

Beamtenspaß

Karibik-Kitsch. Sandy Island, Carriacou

Sandy Island/Grenada, 31.1.2018

Damit sich die Blogverteilung über den Januar ein bisschen schöner ausmacht, kommt hier eine Monatsabschlussgalerie. Morgen geht es wieder auf einen ganz schweren Schlag nach Norden. Union Island. Ich glaube, das werden 6 harte Meilen… Masten und Häuser sind schon in Sicht!

Dazu haben wir heute ausklariert. Die Bekanntschaft der Frau Zollbeamtin hatte ich gestern schon gemacht, ich bin nämlich jetzt alt genug und brauche auch eine Lebensbescheinigung – damit die demnächstige Rentenzahlung nicht ins Leere läuft. Die Notwendigkeit einer Unterschrift in fernen Regionen „offiziellen Stellen“ zu erklären, ist immer sehr erheiternd. Am besten eigenlich vor diversen Jahren der Polizist auf der Ile des Pins in Neukaledonien – der hat lange erwogen, dem Eigner den Wunsch zu erfüllen und sich, obwohl der Stift in seiner Hand schon zuckte, dann doch dagegen entschieden. Zu viel Verantwortung… In Trinidad verlangte der Zollbeamte neulich nach ebenfalls langem Überlegen einen Handstand zum Nachweis der Lebendigkeit; wenn der Vorgang ins Scherzhafte übergeht, ist die halbe Miete schon eingestrichen. Auch meine Customs Officerin war sich so schlüssig nicht, aber dann ging’s doch. Prima, und so waren wir heute zum Ausklarieren schon alte Bekannte. Die Unterschiede der Klarierungsvorgänge sind wirklich eklatant. Manchmal per Maschine, manchmal persönlich, dafür aber ruck-zuck. In Tonga begibt man sich auf mehrstündige Wanderungen durch den Ort, um die zuständigen Beamten aufzustöbern. In Singapur reicht man die Papiere im Kescher auf’s Behördenboot – hier nun wieder eher langwierig. Karibisch eben. Was nicht schlecht ist, weil man ja auch – sorry an die hinter uns Wartenden – das eine oder andere Schwätzchen abhält. Der Eigner war diese Mal mit – ich bin ja die Sekretärin und gewöhnlich für schnöde Behördengänge zuständig -, und er geniert sich ein bisschen, weil ich zu den Caribe-Rap-Klängen aus dem Zoll-Lautsprecher auf dem Stuhl wackele. Die Immigration Officerin mochte dann ihre ernste Miene nicht lang durchhalten: „It is carnival!“  Karneval?  Nee, Karneval ist doch im August! „You are in Carriacou! Carnival is next week! Grenada Carnival is in August!“  Und grinst sich eins: wir in Carriacou haben eben Karneval and „Spicemas“. Lots of partying…  So rocken wir dann von dannen. Zwischenstation: den Pelikanen und Tölpeln auf Sandy Island einen letzten Besuch abstatten.
Und dann: St. Vincent & The Grenadines. Mal schau’n!