Mateeee!

Mate-Reklame in San Ignacio. Mein Garagentor soll schöner werden!

San Ignacio/Argentina, 8.1.2017

Uruguaybesuch im Schnelldurchgang! Fähre namens Buquebus von Buenos Aires nach Colonia del Sacramento für ein möglichst ruhiges Weihnachtsfest, damit ging es los, über den Rio de la Plata, einen wirklich sehr breiten Fluss. Von Sacramento aus ahnt man nichts, aber überhaupt nichts von einem gegenüberliegenden Ufer. Buenos Aires war beeindruckend, klasse, ich frage mich dann oft, wie sehr ich doch Stadtpflanze bin; aber wie schön ist es, in einem alten Kolonialstädtchen im kleinen Bistro am plätschernden Ufer zu sitzen, einen Kaffee zu schlürfen und einer wilden Vogelmischung aus Reihern, Watvögeln und Papageien zuzuschauen.

Portugiesisches Erbe

Sacramento ist zwar uruguayisch, aber es hat portugiesische Wurzeln, was sich vor allem an den Azules, den blauen Kacheln festmachen lässt. Der Kampf um diesen exponierten Punkt ging über Jahrhunderte zwischen den Spaniern und den Portugiesen hin und her, denn über den Rio de la Plata und die Flüsse Paraná und Uruguay gelangt man weit die inneramerikanischen Siedlungssgebiete. Eine alte Befestigung mit Zugbrücke darf nicht fehlen. Die gepflasterten

Nachtspaziergang in Colonia

Straßen sind wirklich noch ursprünglich und von großen Platanen überkront, sehr kuschelig und angenehm ruhig. Sehr ruhig – schwierig, am Weihnachtstag ein Lokal für den Nachmittag zu finden! AKKAnaut spaziert am Wasser entlang, bewundert die vielen alten Fahrzeuge am Straßenrand. Und ein paar Yachten, die im Hafenbereich liegen. Leider ist es überraschend teuer – vielleicht nicht für argentinische Verhältnisse, denn Ferienlustige von der anderen Seite gibt es zuhauf.

Montevideo … in unserem Barrio

Wir kehren also zur Hostel-Picknick-Taktik zurück und wenden uns bald vom kleinstädtischen Weltkulturerbe ab und der nächsten Großstadt zu. Montevideo! Wir wohnen nahe der Haupteinkaufsstraße in der Altstadt, nettes Billighotel, schöne, von Platanen beschattete Straßen ringsum, leicht angemoderte Belle Epoque-Villen – aber viel übersichtlicher als die große Schwester auf der anderen Seite des Plata. Einzig das Zwillingsgebäude des Palacio

Feuer und Fleisch. Das nennt man Parilla…

Barolo in Buenos Aires ist um ein paar Zentimeter höher, dafür ist es nicht renoviert. Und es fehlt ihm die Glaskuppel… der Plan war gewesen, auf beide Gebäude ein Leuchtfeuer zu setzen, so dass man sich gegenseitig sehen könne. Warum weiß der Geier und rein geografisch/physikalisch ein Unding, mit 120 nautischen Meilen Abstand. Dafür speisen wir in der alten Markthalle, die ein Konglomerat von riesigen Grillfeuern ist, der Lust am Fleisch sind hier kaum Grenzen gesetzt.

Typische Körperhaltung

Zwischen den Steaks tut der Uruguayo eines: nuckeln, und das fasziniert uns nach wie vor. Schon in Argentinien oft zu sehen, hat hier jeder 3. Passant eine Thermosflasche im Armwinkel, in der Hand eine Calabaza und nuckelt an der Bombilla, dem silbernen Trinkröhrchen. Ein soziales Ereignis zumeist, denn das Gefäß wird dem jeweiligen Gesprächspartner weitergereicht, nachdem der Spender ein bisschen heißes Wasser in die grüne Matsche gekippt hat. Man zieht kurz an der Bombilla (die unten ein Sieb hat), reicht das Gefäß zurück – der nächste, bitte. Unseren ersten Mate hatten wir im Bus in Puerto Madryn genossen – von Ugo, dem Guide, und auch gleich erfahren, was man NICHT tut, wenn man Mate angeboten bekommt: ablehnen. Hatten wir leider schon getan, bei Francisco in El Calafate, so sorry! Der hatte erzählt, dass er den Mate seiner Mutter scheußlich finde, weil gesüßt. Dass Mate anregend sei, aber nicht wie Kaffee. Dass man auch kleine Kinder schon daran saugen lasse, und dass man in ihren Kreisen sage, dass ein Junge dann ein Mann wird, wenn er seinen ersten, eigenen Mate aufgieße. Hm. Interessant, das Letztere, sagte uns aber nichts, bis uns Ugo auf den Trichter brachte: das ist der Zeitpunkt, wenn das mit den Mädchen losgeht! Kannst Du mir bei den Matheaufgaben helfen? Magst Du vielleicht einen Mate mit mir… Also, egal ob zarte Bande oder Tourist mit Guide – eine Matecalabaza kann man nicht ablehnen, denn das Angebot ist ein Vertrauens- und Freundschaftsbeweis. Und wenn es noch so bitter ist… Mate trinkt man überall und man bereitet ihn überall, es wird also nichts zu Hause vorgefertigtes herumgeschleppt, nur heißes Wasser, das Trinkgefäß, das Trinkröhrchen und gegebenenfalls einen Vorrat an Mateblättern. Kurze Abwesenheit von der Matequelle? Calabaza füllen und unterwegs auffüllen – das ist der „Thermos unterm Arm“-Klassiker. Gefahr im Verzug, dass man ganz neu ansetzen muss? Im Bus, egal ob Fahrer oder Fahrgast zum Beispiel? Im Büro, Labor? Wenn der Shoppi gtrip länger dauert? Am Strand oder im Straßenkiosk? Dann braucht es einen „matero“, die es in vielerlei Ausführungen gibt. Von der Palmblattkonstruktion über eine rustikale Holztablettvorrichtung zum Lederkoffer, auch als allerfeinste Kalbsleder-Damenversion in Modefarben. Super Sache. Im Matero befindet sich die Mate-Vorratsdose und die Thermoskanne – die Calabaza hat man ja gewöhnlicherweise ja in der Hand, aber die passt natürlich auch hinein. Der Besitzer des Gefäßes gibt sich zuerst der Kunst der richtigen Dosierung der Blätter (kleingehäckselte Blättchen vom Ilex paraguayensis) hin, sodann der Abschätzung der richtigen Wassertemperatur, über 80°C, aber nicht zu heiß. Dann lässt er den sich bildenen Matsch kurz ziehen, saugt die ersten Schlucke selbst – weil richtig bitter! – füllt mit Wasser auf und lässt die Calabaza kreisen. Anerkennendes Nicken – gut gemischt! Aber ja nicht mit der Bombilla rühren, das obliegt, wenn überhaupt, dem Gastgeber und wird erst gemacht, wenn der Geschmack nachlässt – durch vorsichtiges Rühren werden noch nicht ausgelaugte Regionen der Matematsche dem Wasser nähergebracht. Wenn die Mischung zum Schluss dünner wird, sieht man allerdings häufig, dass man aufgießt und die Bombilla kurz um einen halben Zentimeter hebt. Dann schmeckt’s wieder, jedenfalls eine Weile… Den Abschluss bildet nach langer Saugezeit das beherzte Auskippen der Mateschweinerei. Im Blumenbeet, im Mülleimer oder daneben. Ist ja biologisch abbaubar und sieht ein bisschen nach grüner Kotze aus.
Und drum kommt hier unsere Mategalerie. Mate in allen Lebenslagen! Wohl bekomm’s!

Auf zum Strand!

Strandidyll mit Tattoo

Holz-Leder-Matero

Der Leder-Köcher

José Luis‘ Matesatz

Hafenmauertreff mit José Luis

Baah. Kuhfüße.

Die Damenversion

Der Juwelier bietet’s auch

Rauchen, Surfen, Schlürfen

Serviettenfalten, Buchführung, Mate

Eva, Isabel und andere

Und plötzlich ist es wieder Sommer! Palacio Barolo

Colonia del Sacramento/Uruguay, 25.12.2016

19 Stunden Cama-Bus von Puerto Madryn nach Buenos Aires, Endstation Retiro. Retiro ist einer der sozialen Brennpunkte in  Argentiniens Hauptstadt, und wirklich jeder Argentinienreisende hat eine Geschichte zur Kleinkriminalität hier beizusteuern. Gern erzählt, ungern erlebt: der Tourist wird angespuckt oder mit etwas Unappetitlichem beworfen oder bespritzt, ein freundlicher Helfer springt hinzu, um die Schweinerei zu beseitigen; ach, sind sie nett, die Portenos… Nur leider verschwindet während dieses Prozesses Handtasche, Rucksack, Hosentascheninhalt. Clever – und wir wussten’s ja, die Kassiopeias hatten drunter gelitten, die „Wanderer“ einen Rucksack „mit alles“ eingebüßt. Eine Engländerin im Hostel in El Calafate sagt: „… zweimal haben sie das mit mir versucht! Don’t make a fuss – just go!“ Also steigen wir aus, es gewittert, wir klemmen unsere Habseligkeiten an den Körper und suchen uns lieber ein Taxi. Nicht so einfach an diesem verwirrend großen Busterminal – zumindest da, wo die Schilder einen hinlocken, befinden sich keine. Nein, keine böse Absicht, nur vielleicht – schluderig?! An der Tankstelle nebenan aber, da holen die Taxis sich ihr Gas für die Weiterfahrt, und dort steht dann auch Fernando. Buenos Aires, die erste… Fernando ist sehr beleibt und springt auf „aleman“ sofort an: „Cheil Chitler“ ist der erste Gruß – Mann, wann hört das auf? Kulinarisch ist die Unterhaltung schon ansprechender: „…meine Mutter ist Uruguaya [ausgesprochen bitte „Uruguaischa“], und in meinem Heimatort gibt es die besten FRANKFURTER con chucrut.“ Er reibt sich die Wanne und kriegt sich gar nicht ein… Sauerkraut, das wäre ja mal was. Trotz der etwas missglückten Begrüßung eine kurzweilige Fahrt, wir bekommen auch noch einen kleinen Abriss über  „La Boca“ serviert, wo er aufgewachsen ist, mit einem Seitenhack auf die  Küche seines italienischen Vaters. Buenos Aires, wie es leibt und lebt. Be-leibt. Wir gleiten über die sonntäglich ruhige 9 de Julio, vorbei am Obelisk, voraus klebt Frau Perón an einem Hochhaus, aber vorher tauchen wir nach rechts in die Avenida Rivadavia ab. Wir wohnen mitten in der Stadt, nur wenige Hundert Meter vom Nationalkongress. Schäbige, heruntergekommene Belle-Epoque-Häuser, der Bürgersteig braucht auch liebevolle Zuwendung, will sagen: wir haben nicht im Lotto gewonnen und können uns nun Innenstadtlage leisten, sondern im Gegenteil, hier ist billig wohnen – so ziemlich das günstigste Hostel auf dieser ganzen – insgesamt sauteuren! –  Reise. Backpackerhotel La Parada nimmt uns auf und gibt uns ein Zimmer im 3. Stock – Fenster zur Parada, der Bushaltestelle auf der Talcahuano. Ah! Daher der Name; der Schall fängt sich in der Häuserschlucht. Bremsenquietschen, Türöffnen, Schließen, Anfahren. Ganz gutes

Buenos Aires. Mittendrin.

Zimmer, geräumig und mit eigenem Bad. Küchenbenutzung inklusive, allerdings bringt man tunlichst das eigene Besteck mit, und die Pötte in diesen Hostels – was machen Backpacker eigentlich damit? Nicht nur, dass die meisten verkohlt sind, ihnen fehlen auch gern die Topfstiele und fast alle sehen aus als seien sie für Jamsessions als Perscussioninstrument benutzt. Oder… für des Argentiniers liebstes Hobby? Topfschlagen auf Demonstrationen? Ganz gleich, für unser Hostelküchenkochen reicht es allemal. Wir sind zufrieden, und die Suche nach einem Kaffeehaus – es ist Sonntag und recht viel „Ruhetag“! – führt uns gleich durch viele interessante Altstadtstraßen. Buenos Aires – faszinierend!

Mafalda, die Schlaue!

Programmpunkt Nummer eins: die Grande Dame dieser Stadt, und das ist Mafalda! Na gut, eher petite fille dieser Stadt, aber clever. Eine Comicfigur mit schlauen Sprüchen à la: „Guck mal, ist der nicht schön, dieser Globus?! Und warum ist der schön? Weil er ein Modell ist – das Original ist eine Katastrophe…“ In San Telmo gibt es eine ganze Straße, an Figuren aus den argentinischen Comics Spalier stehen, und die Bank, auf der Mafalda sitzt, ist eigentlich immer mit Selfie-Schießern besetzt. Mir gefällt’s.

Als wir in den 80ern hier waren, haben wir eigentlich, von einer Stadtrundfahrt mit den Mechanikern vor der Rallye abgesehen, nichts gesehen, also laufen wir uns dieses Mal die Füße wund. Schickes neues Hafenviertel, Straßencafé am Teatro Colón, Geschäftsrummel, lautstarke politische Demonstrationen, Verfallendes und Schickimicki-Viertel mit Designerkram. Wir werden Stammkunde beim Carrefour an der Ecke – die Preise für Restaurantessen sind gepfeffert, und obwohl es mittlerweile durchaus ein bisschen Salat oder Gemüse gibt, reicht uns das nicht. Nur die Fleischportionen sind günstig, dafür kaum zu bewältigen. Merkwürdig. Und sowieso: Abendessen ab 21:30, und das ist noch früh…
Das Straßenbild hat sich auch geändert, der Verkehr ist zwar dichter geworden, aber weniger chaotisch, was wir auch schon in Brasilien beobachtet haben – keine 15 Spuren mehr in eine Richtung, von denen die inneren 5 abbiegen dürfen, und es auch tun, oder nicht. Damals war’s. Noch etwas fehlt im Straßenbild – die schöne, alte Herrenfrisur mit den pomadigen Locken im Nacken. Auch die älteren Herren sind zu  kürzeren Haarschnitten übergegangen – und bei den jüngeren geht der Trend zum Hipster. Schöne globalisierte Welt. Mafalda wüsste sicher was dazu zu sagen…

Die aktuelle politische Situation

Wir entschließen uns zu einem geführten Spaziergang durch die Stadt, und obwohl uns die Menge der auflaufenden Touristen ein bisschen schreckt, stellt sich die Veranstaltung als Gewinn heraus – mein Hang zu geführten Touren nimmt zu, man kriegt so einiges mehr mit. Auch heute, mit Juan… eigentlich ist es nur ein kurzes Stück vom Nationalkongress zur Casa Rosada, dem Präsidentenpalast an der Plaza de Mayo – aber wir brauchen 3 Stunden dafür. Die Führer der Free Walks Buenos

Demos, täglich neu

Aires bieten entlang der vorgeschlagenen Strecke jeweils ein eigenes Programm und eigene Einsichten in die Geschichte der Stadt und Argentiniens, also nichts Auswendiggelerntes. Juan behält sich gleich vor, dass er die Strecke ändern muss – wenn wir kurz vor einer Demo zur Casa Rosada einbiegen würden, verstünde man sein eigenes Wort nicht mehr. Und dann enthüllt er witzige Details – warum zum Beispiel die barbusigen Damen vor dem Parlament so alabasterweiß strahlen, während das Parlamentsgebäude so grau und verwittert daherkommt? Weil einer der Präsidenten des angehenden 20. Jahrhunderts nicht ertragen konnte, dass Freiheit, Wohlstand und Gerechtigkeit derartig freizügig dargestellt wurden – also weg damit! 100 Jahre waren sie verbannt und wurden erst kürzlich wieder frisch, weiß und barbrüstig auf ihr Podest

Café Tortoni. Alte Pracht

gestellt. Der Barolo-Palast, Bürogebäude, Hotel, Mausoleum und Leuchtturm in einem und ehemals Buenos Aires höchstes Gebäude. Argentinien war von 1880 bis zur Weltwirtschaftskrise ein sehr reiches Land, das zeigen die prächtigen Bürgerhäuser entlang der Avenida de Mayo, mittendrin ein Graffito zur aktuellen politischen Situation, in der der neue Präsident Macri in den Fängen internationaler Konzerngeier dargestellt wird. Eine Kathedrale ohne Türme – die Kathedrale des derzeitigen Papstes – im Stil eines griechischen Tempels, mit ägyptischer Mythologie verziert, als katholisches Gotteshaus fast nicht zu erkennen. In der Nähe steht auch das letzte koloniale Gebäude, das die Bau- und Abrisswut des ausgehenden 19. Jahrhunderts – und die Wut der Argentinier auf die spanischen Kolonialherren! – übrig ließ. Die Plaza de Mayo und die Geschichte um die Mütter und mittlerweile Großmütter der

Evita isst (k)einen Hamburger

Plaza de Mayo… und natürlich immer mal Einblick in den Peronismus samt Evita-Story, sehr anschaulich und amüsant bis erschreckend anzuhören. Eine Frauenfigur zwischen Heiliger und Polithexe. Zum Abschluss eine Vorführung der gültigen argentinischen Geldscheine – die alten, mit den Präsidenten und Befreiern, dann die Serie der Cristina Kirchner, Zitat: „… Ihr hättet mal das Gesicht meines Vaters sehen sollen, als da Evita Peron auf dem 100er auftauchte…“. Der aktuellste 50er im Umlauf zeigt übrigens die Islas Malvinas, auch bekannt als Falklandinseln – auch hier hatte Juan Sarkastisches zu bemerken; so ganz einhellig ist die Meinung zur Zugehörigkeit der Malvinen zu Argentinien vielleicht doch nicht… Herr Macri jedenfalls bemüht sich, Kirchner-Spuren zu verwischen, nicht nur bei den Geldscheinen, aber auch dabei sind die neuen neutraler gehalten. Wale, Jaguare, das sollte von Dauer sein.

Weil es uns auf diesem Spaziergang so gut gefiel, gelangte noch ein „Free Walk“ auf das Programm. Wir waren 1986 zwar schon einmal auf dem Friedhof der Recoleta gewesen, aber die Erinnerung war eher schwach, bis auf die Mengen an Blumen, die an Eva Duarte de Peróns Grabmal abgelegt waren. Dieses Mal war Francisco der Guide – und der führte uns seine Lieblingsgräber vor mit allerlei traurigen, schaurigen, lustigen Geschichten.

Schaurig. Rufina Cambaceres.

Schaurig: das junge Mädchen, das nach einem katatonischen Schock bestattet wurde und nach Tagen versuchte, ihrem Sarg zu entkommen – sie hat die Versuche nicht überlebt, was eine Flut von modernen Särgen hervorrief, die man von innen öffnen konnte. Im gleichen Zusammenhang das Beispiel des englischstämmigen Ingenieurs, der nun solche Angst davor hatte, bei lebendigem Leib bestattet zu werden, dass er ein ausgefeiltes Sicherheitssystem ersann – nicht nur das Öffnen des Sarges von innen, sondern auch Öffnen der Türen des Mausoleums war möglich, und er testete die Funktion alljährlich an seinem Geburtstag. 14mal tat er das. Beim 15. Versuch kam er nicht wieder heraus, er war allerdings auch hineingetragen worden, aller Wahrscheinlichkeit nach nicht lebend, but… who knows? Dann ein fantastischer, sehr unterhaltsamer Vortrag zu peronistischer Politik, dem Leben und Treiben Peróns und seiner Gattinnen; der zig Tausend km lange Weg der Leiche Evitas vom Sterbeort zur Familiengruft (die nur wenige 100 m voneinander entfernt liegen. Perón hatte seine Frau einbalsamieren lassen in der Absicht, sie auf Dauer zur Schau zustellen. Was man zum Machterhalt so tut, aber es half nicht. Viele solche faszinierende Geschichten gab es bis hin zu ihrer Nachfolgerin Isabel, die zwar Evitas Beliebtheit nicht erreichte, es aber bis zur Präsidentin schaffte – wirklich lustig war davon das Wenigste. Der viele Hass, der Eva Perón noch heute entgegenströmt steht in farbigem Kontrast zu den vielen Sympathiebezeugungen, den stets neuen Blumen am Tor des Grabmals, den „Santa Evita“-Heiligenbildchen – sehr interessant und so bitter wie spaßig: es versammelten sich um unsere Gruppe diverse amüsiert zuhörende Argentinier.

Dann lieber amüsant: Ein Grabmal, zwei Blickrichtungen.

Dann wieder Prachtbauten, Verfallendes, Gräber „for sale“- wer auf sich hält, lässt sich noch heute hier bestatten, und insgeamt liegen hier über 5.000 Leichname auf diesem beengten Friedhof – die meisten Gräber haben unterirdisch mehrere Stockwerke. Nicht vergessen möchte ich das Mausoleum der de Carrils… Frühes 20. Jahrhundert. Muttern war shoppingsüchtig und gab so viel Geld aus, dass Sr. de Carril, seines Zeichens Vizepräsident der Republik,  eine ganzseitige Anzeige in die Zeitung stellte, er sei bereit, alle anstehenden Schulden zu begleichen, aber für weitere käme er nicht mehr auf. Das tat der Ehe nicht wirklich gut. Als er starb, äußerte Sra. de Carril wenig Bedauern, sondern wollte wissen, wie viel Geld übrig sei, und es erwies sich als genug, um sich einen sehr schönen Lebensabend zu machen und zum Schluss ein gemeinsames Grabmal für die Eheleute bauen zu lassen – prächtig, prächtig. Obendrauf sitzen sie beide – und schauen in entgegengesetzte Richtungen. Ein wirklich herzliches Verhältnis…

Und das war‘ aus Buenos Aires.
Ach ja, und noch ein Schnack von Mafalda… „Wie wird das kommende Jahr sein?“ „Oh“ sagt Mafalda „… mutig muss es sein, denn es kommt ja, obwohl die Dinge so sind wie sie sind…“

Stimmt, Mafalda!

Weihnachtsgrüße aus Uruguay!

Löwen und Elefanten

Seeelefanten. Ferien auf dem Trockenen

Puerto Madryn, Mitte Dezember

…und noch ein Schlafbus, „Don Otto“ von Bariloche nach Puerto Madryn. Von Don Otto hatten wir schon vor Jahren gelesen, dass es gutes Essen an Bord gibt, und tatsächlich, die Klopse/Frikadellen waren super, aber ansonsten war es halt… ein Schlafbus. Mittlerweile sind wir ja zu Schlafbusspezialisten geworden, und dieses war wieder einmal ein „Cama ejecutivo“. Das sind die, wo die Beine zwar fast gestreckt, aber im Knie um 20° gewinkelt abgelegt werden. Ganz schick und knick-und faltenfrei kommt man  nur mit dem „cama premium“ ans Ziel, wo man sich richtig lang machen kann, aber es geht auch so, und wirklich gut. Kleine Buskunde für ältere Traveller.

Im Morgenlicht sieht man die Landschaftsbescherung: platt und halbwüstig. Noch ein Stopp in Trelew (am Abend zuvor nur in Esquel  ein merkwürdiger „alles raus-5 Minuten Zeit-alles wieder rein-Haltepunkt), dann öffnet sich der Blick auf den Atlantik und kurz danach sind wir da. Das Smartphone – was wären wir ohne OSMand und Google Maps? – leitet uns zum Hostel La Tosca. Extrem netter Empfang durch Eduardo, der es erst einmal auf Spanisch versucht. Es wird eine Weile des Stammelns brauchen, ehe wir ihm auf die Schliche kommen, dass sein Englisch prima ist. Winziges Schlichtzimmer mit geteiltem Bad: wer auf’s Klo will, muss kurz klopfen. Nothing heard? Dann darf man rein. Es ist nämlich ein Teilbad für nur zwei Zimmer. Während ein Teil unserer Reisegesellschaft nach einem unverdienten, aber dennoch kostenfreien Frühstückskaffee ein Päuschen einlegt, höre ich mir Eduardos Einführung in die Stadt und die Tourmöglichkeiten an, schließlich bin ich hier, um die ansässigen Seelöwen und Seeelefanten zu besuchen. Wale, das ist klar, werden wir nicht nicht mehr antreffen. Und Eduardo macht mir gleich den Mund wässerig, es gibt eine Stelle in der Nähe, wo unterhalb einer Steilküste zu dieser Jahreszeit Hunderte junger Seeelefanten pausieren. Das will ich!

An der Kliffkante

Tags drauf werden wir mittags abgeholt, Luis und Fahrer/Bruder René rumpeln mit uns gute 90 Minuten über Schotterstraßen zur Landspitze. Luis steigt aus und guckt schon mal über die Kante. Ist ja immer so eine Sache mit den wilden Tieren: lieg‘ ich hier heut‘ nicht, lieg‘ vielleicht morgen woanders…  und beim letzten Mal – die Stelle wird selten besucht! – musste man viele hundert Meter über den grobkiesigen Strand holpern. Als Luis sich umdreht, strahlt er, nee, er lacht: “ … so viele

Das Fellwurstangebot von heute

habe ich schon lange nicht mehr hier gesehen…“. Wir kraxeln die Kliffkante hinunter, das geht ganz gut, bis auf die ersten Meter, die eher schlecht als recht gesichert ist (und eine Mitkraxlerin kreidebleich werden lassen). Schon dieser Weg lohnt sich unbedingt: so viele Fossilien im weichen Sediment habe ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Muscheln, Schnecken, Sanddollars wohin man greift. Ich bin ganz beseligt. Aber eigentlich wollen wir ja runter zu den dicken Würsten dort am

Schwacher Versuch, in Deckung zu bleiben

Strand… Beseligungphase zwei bricht an – man kann das einfach nicht – oder nicht so einfach – beschreiben. Die meisten Seeelefanten, alle im jugendlichen Alter, lassen sich überhaupt nicht von unserem Besuch stören, wobei ein paar sich durchaus zu  einer kleinen Drohgebärde hinreißen lassen: weit aufgerissenes Maul heißt “ danke, diese  Distanz reicht!“, egal ob zwischen Elefant und Mensch oder zwischen-elefantlich. Wir sitzen an der Wasserkante, die uns bei

Das Gelbe ist der Eigner!

auflaufendem Wasser langsam näher rückt. Ein paar Seelöwen schwimmen elegant durch die Bucht, ein paar Seeelefanten baden im Flachwasser, andere beobachten den näher rückenden Wassersaum und entschließen sich vereinzelt, den beschwerliche  Weg

Mühsam bäuchlings bewegt sich das Robbenkind – ein Seelöwe würde auf den Hinter – und Vorderextremitäten watscheln!

auf sich zu nehmen und ins Meer zu robben. Alles nach der Devise: bloß keine Energie vergeuden. Auf große Fahrt (und damit zum Fressen) geht es erst, wenn das Fell gewechselt ist, bis dahin sind Ferien auf dem Trockenen angesagt. Ein paar sehen schon ganz schön nach Mauser aus – wir sammeln Fellstücke, die abgefallen sind. Ein  bisschen  wie zweiseitiges Klettband fühlt sich das an – kein Wunder, dass elefant sich da kratzen muss, sich wälzen oder mit Kieseln beschmeißen…

Nach gut zwei Stunden stehen wir wieder oben auf der Klippe, fast, aber nicht ganz allein – ein deutsches Weltreisemobil wartet dort oben auf Orcas und andere Sensationen „bis uns das Wasser ausgeht“ – ein beneidenswerter Platz zum Campen. Wir fahren in den Abend hinein, zurück nach Puerto Madryn, wir 5 Passagiere träumen von dicken Würsten, die am Strand liegen,  René und Luis quatschen und nuckeln an ihrem Mategefäß. Ein wirklich lohnender Strandspaziergang.

Halbinsel Valdes – immer geradeaus

Und weil’s so schön war, am nächsten Tag derselbe Bus, wieder Fahrer René, der auch für Gürteltiere bremst und aus weiter Ferne Nandus oder Schlangen entdeckt. Anderer Guide: Ugo. Wir fahren auf die Halbinsel Valdez, da wo ich schon immer mal hin wollte! Ugo ist in Camarones aufgewachsen, einem winzigen, sehr abgelegenen  Ort zwischen Madryn und Commodoro Rivadavia, wo er mit der Zwille auf alles gezielt hat, was sie als Jungs am Strand gestört habe. Zum

Magellanpinguine

Beispiel die Magellanpinguine, die sie als Konkurrenten beim Angeln betrachtet haben. Oder Seelöwen, Seeelefanten. Zu  Naturliebhaber machten ihn – nach und nach –  die Familienferien beim Großvater auf der Halbinsel Valdez, sodass der Schritt zum Wildhüter nicht mehr sehr schwer war. Mit so einem Guide ist natürlich gut Seelöwengucken. Oder Küstenlinienhistorie nachvollziehen – die Schwemmsände verändern die Küste am laufenden Band. Seeelefanten,  Magellanpinguine,

Einsamer Seelöwenbulle such Anschluss

Spaziergang durch’s dürre Hinterland der Dünen. Geschichten über Skunks (“ wie werde ich den Gestank wieder los?“ ) oder die wundersame Wegwespe, die große Spinnen als Wirt für den Nachwuchs nutzt.  Kleine Vogelkunde, dann wieder ein Ausflug in die Agrarhistorie der Halbinsel, die erst seit 1994 halbwegs geschützt ist und seit 1999 zum Weltkulturerbe gehört. Natürlich sind die großen Meeressäuger  – Wale, Seeelefanten, Seelöwen, Delfine… – das große Thema, vor allem für Touristen, und in  der Tat ist dieses Stück Küste ein Wunder. In der Walsaison hört man die Hunderte Wale, die sie vor allem in den beiden großen Buchten aufhalten, bis in die Stadt Madryn hinein platschen und blasen. Der Strand nach Osten der Halbinsel wird durch eine Abfolge von Robbenbesuchen belebt: zum Südfrühjahr hin die Geburt der neuen Seeelefanten, die nur 4 Wochen gesäugt werden, in denen sie 80 kg an Gewicht zulegen. Mamas Mastkur, Mama muss dann allerdings eilends hinaus auf See, mal wieder was essen. So liegen die jungen Seeelefanten herum, wie wir sie betrachten konnten, bis sie mit dem Fellwechsel dann reif für den Ozean sind.

Orca-Alarm!

Wir sahen aber auch schon die Vorboten der nächsten Besucherwelle, denn ab Januar sind hier keine Seeelefanten mehr, sondern alles ist voller Seelöwen, die an dieser Stelle ihre Jungen gebären. Und das zieht wieder Scharen von Orcas nach sich, die sich an den Strand schmeißen, um kleine oder auch größere Robben zu schnappen. Wirklich, wie … Knackwürstchen sieht das aus.
Die Seevögel nicht zu vergessen und die Magellanpinguine, die sich von uns Zuschauern überhaupt  nicht im Brutgeschäft stören lassen. Absolut einen Besuch wert, und, wie die steigenden Robbenzahlen zeigen, ein gutes Beispiel dafür, was Naturschutz auch in kürzerer Zeit bewirken kann.
Gleichzeitig ist die Halbinsel ein Beispiel dafür, wie so eine karge Landschaft auf Besucher wirken kann: langweilig. So hatten wir es am Abend vorher von jungen Backpackern gehört, die sich ein Auto gemietet hatten,  verständlich, denn ein Schnäppchen sind die Touren nicht. Deren Tour lief so: spät losgefahren, auf endlos geradeaus laufender Staubstraße Richtung Küste gezielt – und nichts gesehen. Seeelefant oder Seelöwe – alles eins (dabei ist die Fortbewegung der Löwen ungleich witziger!). Keine Pinguine. Kein Hugo, der einem einen Nanduhahn zeigt und erklärt, wieso er drei Gruppen unterschiedlich großer Küken bzw. Jungvögel führt (klar, ein Macho, der nach Kampf mit anderen Männchen deren Kindergarten gewonnen hat!). Und kein Besuch im wunderschönen und informativen Besucherzentrum. Tripadvisorbewertung:  „naja. Eher doof!“
AKKAnautenbewertung: ein unvergesslicher Tag!

Da lacht er, der Seeelefant!

Selten mal schlecht gelaunt. Pubertierender Seeelefant.

Eis und Berge und Schokolade

Puerto Madryn, 14.12.2016

Ushuaia ist abgearbeitet, wir wenden uns vom Beaglekanal ab. Fragt sich: wie? Wir wollen die Andenkette wieder nordwärts reisen, aber obwohl manche sagen, wir hätten alle Zeit der Welt, ist dem doch nicht so. Vor u s liegen 18 Stunden Bus nach El Calafate, wir wollen Eis sehen, und es ist der 28. November. Ticketkauf! Ticketkauf? Nein, nicht heute, heute ist der Dia de la Soberanía. Toll, und so ganz leicht lässt sich über die gewünschte Strecke auch online nichts ergründen – immerhin eine Fahrt mit Länderwechsel, schließlich sitzen die Argentinos nur auf der einen Hälfte von Feuerland, also führt kein Weg hinaus ohne noch einmal nach Chile ein- und wieder auszureisen. Tröstlich Auskunft: nach der Siesta werden manche Büros heute besetzt. Na, dann… Um 17:00 fallen wir im Büro von Tolkeyen  ein. Nö, wir verkaufen keine Bustickets mehr… aber fliegen können Sie mit uns! Fliegen!? Irgendwie uncool, aber so praktisch… und tatsächlich nur unwesentlich teurer als der Bus, nach 2 1/2 Stunden wäre man am Lago Argentino… wir fliegen. Miguel bringt uns am nächsten Mittag  zum Flugplatz. Wir hätten gern noch ein bisschen mehr zur Geschichte von Feuerland und den politischen Querelen mit den Chilenen gehört oder über seine alte Heimat Misiones, die ja noch auf unserem Programm steht, aber Aerolineas wartet nicht. Nein, sie startet pünktlich, es ist prima Sonnenwetter, bisschen windig vielleicht, wie das hier unten so ist. Ob DAS immer so ist mit der Fliegerei in Ushuaia? Die Start- und Landebahn kennen wir ja, da unten in den Beaglekanal gebaut. Gewöhnlicherweise startet man nach Westen, heute auch, und und dreht eine Schleife über die Isla Navarino (ciao, Puerto Williams!) und dann nordwärts. Alles normal – bis auf die quiekenden Mitreisenden, eine Schipperin, die sich sagt: „… das müssen die abkönnen -diese Airbusse sind dafür gemacht – keep cool, sitz‘ ENTSPANNT!“ Blickkontakt zum Sitznachbarn zur Rechten: er verdreht die Augen. Vor mir reicht eine Dame über den Gang hinweg ihrem Mann die Hand, der sie fest drückt – ein letzter Gruß? Ich schau‘ nach links, auch wenn mir der Blick auf diese wippende Tragfläche nicht recht taugt. „Interessant!“ lässt sich mein Reisebegleiter vernehmen und gibt später zu, dass wir derartige Turbulenzen in unserem doch langen Fluggastleben noch nicht erlebt haben. Glücklicherweise war das Vergnügen nach vielleicht 10 sehr langen Minuten vorbei. Erst mal die feuchten Handflächen abwischen und dann auf die Anden schauen, die uns im Westen in die Fenster blinken. Schön!

In El Calafate trifft uns erneut der Touristenhammer. Eine Reihung von Schoko-Läden, Outdoorausrüstern, Restaurants und Touranbietern. Als Glück stellt sich heraus, dass wir am Empfang im Hostel gleich für eine „alternative“ Tour zum Perrito Moreno-Gletscher gekeilt werden, manchmal ist so etwas ja doof und aufdringlich, aber hier klingt es angenehm: eine Busfahrt über die Hinterstraßen zum Gletscher, der 80 km entfernt liegt. Die anderen Busse fahren alle am Lago Argentino entlang, wir bekommen stattdessen von Francisco, der uns am nächsten früh abholt, einen Aspekt von Patagonien vorgeführt, den man sonst nicht wahrnimmt: die endlose Weite der Halbwüste, die sich vom Andenrand bis zum Hunderte von Kilometern entfenten Atlantik erstreckt. Estancias, die über viele Hundert Quadratkilometer Fläche verfügen, weil sich anders Schafzucht gar nicht lohnen würde. Die Estancia Anita, die im Gauchoaufstand der Zwanzigerjahre eine sehr unrühmliche Rolle spielte, weil von hier das Militär ausgesendet wurde, das den Forderungen der Gauchos nach gerechter Entlohnung und menschlicher Behandlung ein blutiges Ende setzte. Eine kleine Gedenkstätte erinnert an die vielen europäischstämmigen Arbeiter – Deutsche, Italiener, Jugoslawen vor allem,  die hier den Ranchbesitzern zu rechtem Reichtum verholfen haben. Ein hartes Leben. Kurz vor Erreichen des Brazo Rico, einem Nebenarm des Lago Argentino gibt es eine Kaffeepause mit einem Ausblick auf und Erklärungen zur Ökologie dieser Landschaft. In der Ferne die dramatischen Eisgipfel der Anden, davor ein schmaler, bewaldeter Streifen, denn zu mehr Wald reichen die Niederschläge nicht, die auf der Ostseite der Anden noch niedergehen. Die Bewaldung ist ausschließlich Südbuche, im Gegensatz zu unserer alpinen Vegetation koniferen- und damit tanninfrei, was wieder die Wasserqualität  beeinflusst. Die dünne Humusschicht hatte ich ja schon mal erwähnt – aber dass die Notofaguswurzeln ein so enges Geflecht bilden, dass so gut wie nichts ausgespült wird, wurde mir erst hier klar. Es ist eine völlig verrückte Gegend: im Westen der Anden so unwirtlich und dünn besiedelt, weil es so grenzenlos nass ist und es keinen beackerbaren Boden gibt, im Osten der Berge, selbst völlig abweisend und lebensfeindlich, nur dieser schmale Vegetationsstreifen bis es wieder ins Unwirtliche verfällt, nur eben absolut trocken. Kein Wunder, dass bis in die späten Jahre des 19. Jahrhunderts niemand wirklich an Patagonien interessiert war, im Gegenteil, man hatte den paar Bewohnern sogar die Autonomie zuerkannt. Und dann der Entwicklungsklassiker: eine Landschaft, die von wenigen Ureinwohnern mehr oder weniger nomadisch bewohnt wird, weil die Natur einfach nicht mehr hergibt, wird Grundlage für großfÄächige Extensivlandwirtschaft. Siehe Australien. Wie dort haben die Tehuelche, die Mapuche, die Selknam den Kürzeren gezogen.

Zurück zur Natur -zum Gletscher selbst. Wir sind sprachlos – dieses kalbende Ungetüm! Es dauert eine Weile, bis man drauf hat, dass man zuerst die Eisbrocken sich lösen sieht und danach erst das Krachen hört. Geduld ist gefragt, es gibt nicht alle naslang ein Kalb, aber es kalbt… Drei Dinge sind am Perito Moreno besonders, obwohl er nicht mal der größte Gletscher des südlich Eisfeldes ist. Erstens kommt man keinem anderen Gletscher in Flipflops und Muscle Shirt so nah wie diesem (bei schönem Wetter, wie wir es hatten, aber alle dürftig Bekleideten schleppen Schutz gegen patagonische Frostwinde mit). Zweitens ist der Perito Moreno einer von zwei verbliebenen Gletschern der Anden (von Tausenden!) die noch stabil sind, der andere ist der benachbarte Pio Onze – stabil heißt, dass sie abwechselnd vorrücken und zurückweichen; bis vor kurzem wurden sie noch als vorrückend geführt. Andere Gletscher der Region leiden unter dramatischem Rückgang, zum Beispiel der berühmte Upsala. Die dritte Besonderheit ist einzigartig: der Perito Moreno, der in den Lago Argentino fließt, blockiert bei der Halbinsel Magallanes, der Stelle, wo man ihm am nächsten kommt, in Phasen des Vorrückens die Verbindung zwischen dem Brazo Rico und dem Brazo de los Tempanos (dem Eisberg-Arm), und wenn der Stopfen nur lange genug geschlossen ist, manchmal Monate und Jahre, steigt der Pegel im Brazo Rico auf bis zu 11 m über den des Lago Argentino. Und dann weicht der Perito Moreno zurück… was passiert, nennt man die „ruptura“, die letzte im März 2016 hat Francisco beobachtet und war noch immer voller Bewunderung. Natürlich wollen die unterschiedlich hohe Wasserstände ausgeglichen werden, und das passiert mit Macht. Man kann das vielfach googeln, aber wer 15 Minuten Zeit hat, sollte sich die ruptura von 1988 ( https://m.youtube.com/watch?v=Dfl4DAtHkYQ ) anschauen – zwar ist das Intro auf Spanisch, aber während des Verlaufes werden  nur noch die Uhrzeiten genannt, also lohnt es sich, die Geduld aufzubringen. Ich finde das toll…
Wer nach El Calafate kommt, sollte übrigens einen Besuch im Glaciarium nicht auslassen – sehr anschaulich und informativ zu Geologie und Gletscherkunde!

Patagonia – 90% Halbwüste, ein bisschen Wald, viel Berge und Eis

Lago Argentino. Brazo de los Tempanos (Seitenarm der Eisberge)

Am Gletscher Perito Moreno. Einer von zwei „stabilen“ Gletschern

Anschlussprogramm: Fitzroy-Massiv. Tolle Busfahrt im Topdeck, 1. Reihe, und Wetterglück, die Anden geben ihr Bestes. El Chaltèn ist fest in Backpackerhand und bietet allerlei schöne, kürzere oder längere Wanderungen, von denen wir im Rahmen unserer Möglichkeiten genussvollen Gebrauch machen, mal im Nieselregen, malmbei Sonnenschein und mit dem leichten Bedauern, für ein Bad im Lago mangels Badeanzug nicht gerüstet zu sein. Ausdauernd lausche ich nach dem patagonischen Riesenspecht, und als ich gerade meine, einen fliegen zu sehen, höre ich was ganz anderes: “ … I need to get back to the hostel…“ Zwei Australierinnen durchschreiten diesen Wunderwald. Eine hat „alle Adressen im Smartfon gelöscht und hier oben ist keine Netzabdeckung!“ Ganz dumm gelaufen. Der Specht geht vor Entsetzen vor so viel Unglück in Deckung.

Unterwegs zum Fitzroy-Massiv. Doppeldeckerbus, 1. Reihe

… und da guckt er durch die Wolken, der Fitzroy!

Keine gesehen, aber schön gewandert. El Chaltén, Fitzroy

Wanderung am Fitzroy

Gstaad. Mitten in Argentinien

Als wir genug vom Wandern haben, der Eigner brütet pünktlich zum Geburtstag auch noch an einer Erkältung, besteigen wir etwas planlos einen Nachtbus nach Perito Moreno (der ein berühmter Naturforscher war und viele viele Orte, Straßen und eben auch einen Gletscher auf seiner Namenspatenliste hat!) auf halber Strecke nach Bariloche. Das lässt uns die Wahl, ob wir von dort nach Norden weiterreisen wollen oder gleich zur Küste abbiegen. Wir erwischen einen Bus voller junger Israelis, ein Gekakel wie auf einer Klassenreise. Eigentlich hält der Bus nicht in Perito Moreno, sondern ein paar Kilometer weiter in Los Antiguos, das ein beliebter Übergangsort nach Chile ist. Freundlicherweise werden wir um 05:30 in der Früh rausgekickt. Nur 4, 5 Blocks zum Busbahnhof! Wir laufen los. Solch ein argentinisches Landstädtchen ist auch erinnerungswürdig… Totenstille! Kein Mensch, kein Auto! Kein Busbahnhof! Als wir doch einn Frühaufsteher anhalten können,,weist der die schnurgerade Straße hinunter: “ bis zum Kreisel, da wo die Sträse nach Chile Chico abgeht!“ He, Busfahred, war das Schikane oder blöd? Egal. Wir trappeln mit dem Gepäck gern noch ein Kilometerchen oder zwei. Das Café in der örtlichen Tankstelle, wo auch das Busterminal ist, hat noch nicht geöffnet, aber wir gesellen uns zu weiteren Aspiranten, egal ob sie kaffedurstig sind oder ungeduldig auf heißes Wasser für ihren Maté warten. Ach ja.. auch der Busfahrplan ist nicht recht bekannt; so um 08:30 soll einer nach Bariloche gehen, und nachts einer nach commodore Rivadavia. Verkehrsbeobachtung ist nicht der Tankstellencrew liebste Beschäftigung. Und die Ticketbude macht erst um9 auf, wie soll das gehen? Alles zu frühr bemault – das Café macht zu aller Zufriedenheit ebenso auf wie unerwarteterweise der Busschalter. Wir kriegen ein Ticket für die Weiterfahrt nach Bariloche, denn der Akkanaut ist wieder fit wie ein Turnschuh. Und es kommen gleich zwei Busse, unserer hat zwar einen Radlagerschaden und verschwindet für ein halbes Stündchenzur Reparatur (getarnt als „Reinigungspause“), aber dann sinken wir ins Fauteuil. Cama Ejecutivo nach Bariloche. 12 Stundenspäter sind wir da.

Alles was Schweiz ist. Inklusive Berhnardiner

Bariloche = Schokolade

La Ilustre Communidad de Cabo de Hornos

Die berühmte Gemeinde Kap Horn...

Die berühmte Gemeinde Kap Horn…

El Calafate, 2.12.2016

Immer dieses Rückwärts-Bloggen. Ich wollte, bevor wir nach Norden aufbrechen, eigentlich up to date sein, aber mitnichten: wir haben schon die Pampa erreicht (schlimmer noch, wir sind sogar schon in El Chaltén, und hier nun endlich gibt es so gut wie kein Internet…).

Puerto Williams. Gelegen auf der Insel Navarino, in deren Süden das Kap-Horn-Archipel liegt – La Illustre Municipalidad de Cabo de Hornos (als ilustre Municipalidad, ehrenwerte Gemeinde, firmieren hier in Südamerika alle Kommunen, also nichts Besonderes). Das Hostal Pusaki hat 3 Zimmer, 2 davon Doppel, ein 5-Bett-Dorm, und letzteres war unseres. Mit 5 Leuten, 2 mal 2 Doppelstockbetten, ein Einzelbett, das verdächtig danach aussieht, als könne man es noch zum Doppel konvertieren – mehr geht dann definitiv nicht mehr, es ist so schon eng. Ich hatte Patti, die Besitzerin, aus Punta Arenas angerufen und mit ihr ein sehr lustiges telefonisches Radebrechen abgehalten, und, hurra, wir konnten zwei Betten ergattern .Motto: im Bus oder im Flugzeug geht das ja auch so dicht beieinander.  Die Nachbarn stellten sich als sehr verträglich heraus, ein weitestgehend stummer, junger Chilene und 2 Berliner, die wir schon auf der YAGHAN kennengelernt hatten, und wenn man die weiteren Begleiterscheinungen der Unterkunft betrachtet, war es ein echter Glücksgriff: die gemütliche, holzgeheizte Wohnküche hatte ich ja schon erwähnt. Frühstück gut, Kochgelegenheit auf Wunsch, allerdings kochte Patti an zwei Abenden für uns, und es gab, ganz patagonisch, Centolla, dazu ganz unpatagonisch diverse Gemüse- oder Salatsachen, das war für uns – nach der Vorbereitung durch andere Segler und Toruisten – eher eine Überraschung.

Micalvi. Der Yachtclub am Ende der Welt

Micalvi. Der Yachtclub am Ende der Welt

Der erste Spaziergang durch diesen grau-grau-grau-feuchten Novembertag führt  „natürlich“ zur Micalvi, einem alten Rheindampfer, der seit den späten 50ern in einer Seitenbucht auf Grund liegt und als Hauptponton für die vielen Segler dient, die Puerto Williams anlaufen – fast zwangsläufig tun sie das, weil man aus Argentinien kommend und um’s Horn herum zunächst mal das 30 Meilen weiter östlich im Beaglekanal liegende Ushuaia anläuft. Dort klariert man aus und läuft die 30 Meilen zurück nach Puerto Williams, dem ersten Einklarierungshafen in Chile. Hier liegen diverse Yachten, die Segelinteressierte durch die Gegend schippern, sei es durch die patagonischen Kanäle oder auch in die Antarktis – wir fühlen uns hin- und hergerissen zwischen Faszination und dem intermittierenden Glücksgefühl, nicht hierher gesegelt zu sein. Zum Frühstück im

Hundeheim Pusaki.

Hundeheim Pusaki.

Hostel hatten wir einen Franzosen getroffen, der auf der YAGHAN am Abend abreisen sollte, nachdem er von Uruguay aus Puerto Williams als Crew auf einem der Touristensegler erreicht hatte. Tenor: tolle Erfahrung, bescheidene Reise. Wozu man sagen muss, dass dies wohl wieder einmal so ein Terminding war, sie waren 2 Tage vor Eintreffen der ersten Gäste angekommen, und so ein Terminplan gestaltet sich öfters mal turbulent. Andererseits hörten wir viele hohe Töne der Begeisterung,

Hostel-Essen der besonderen Art: Centollas

Hostel-Essen der besonderen Art: Centollas

à la „… man nähert sich dem Eisberg langsam an, lehnt sich leicht an und kann dann schieben…“ oder „… der ganze Trip war völlig easy, völlig problemlos…“ (dass der Mast dieser Yacht zu diesem Zeitpunkt noch zur Reparatur an Land lag ist nebensächlich. Oder? Irgendwie scheint einen die Gegend high zu machen).
Also wenden wir uns den Schönheiten an Land zu. Spaziergang mit den beiden Haushunden Jacinta und Flo, durch

Dinnervorbereitungen

Dinnervorbereitungen

Matsch und Regen und Bäche, mit entsprechendem Spaß. Der Sonntag hat strahlendes Wetter für uns bereit, eine ellenlange Wanderung entlang der Küste mit vielen, vielen Stopps für Vögel, Moospolster, Flechtengebilde, mit dem Besuch in den südlichsten Wäldern der Welt und alten chilenischen Besfestigungen aus der Zeit der Beaglekrise. Am Hafen ist ein nettes Café namens Puerto Luisa (der alte Name der Ansiedlung), wo man sich durch die großen Fenster die Sonne auf den Balg schienen lassen kann, auf die gut gekühlten Berge auf der argentinischen Seite schaut und eine heiße Schokolade zu sich nimmt. Draußen sind es an diesem Tag unglaubliche 16 ° Celsius und die Besitzerin stöhnt unter der Sommerhitze; ist ja auch fast unerträglich – für mich beschränkt sich das Unerträgliche eher auf das stete An- und Auskleiden. Segeljacke aus. Schatten? Segeljacke an. Schattenfreier Strandspaziergang? Segeljacke um die Taille geknotet, Fleece ausziehen. Windig –  Segeljacke wieder an. Sonne weg? Jacke aus, fleece an, Jacke drüber und tortzdem gefroren. Ein Freund schreibt: “ … so lieben wir unser Patagonien – 4 Jahreszeiten an einem Tag!“  Naja.
Am Montag reisen unsere Berliner Mitbewohner ab, was sich ein bisschen kompliziert gestaltet – in der einfachen Variante kauft man ein Ticket für das „Zodiac“ nach Ushuaia, nimmt einen Minibus nach Puerto Navarino und wird in halbstündiger Fahrt über den Kanal geschifft. In der heutige Version allerdings werden bedenkliche Blicke auf den Beaglekanal geworfen, der kleine Schaumkronen trägt; zuviel Wind gegenan für das vermeintliche Schlauchboot. Die amerikanischen Mitfahrer werden nervös, denn sie haben am gleichen Tag einen Anschlussflug nach Hause via Buenos Aires. Die Abfahrt wird verschoben und verschoben – aber am Abend scheint die Lage bereinigt. Als wir am Mittwoch die gleiche Route nach Ushuaia nehmen, stellt sich das alles ganz anders dar – die 1-stündige Fahrt zum Westende der Insel ist ein Landschaftstraum im Sonnenschein, dazu ein Sonderprüfungstraum für alte Rallyehasen, der Beaglekanal ein Ententeich, man blickt meilenweit, mit der fantastischen Darwinkordillere auf der einen Seite und ahnt auf der anderen den Ausgang in den Atlantik. Kommentar von den Berlinern: „… da hattet Ihr dann wohl eine nettere Überfahrt als wir…“ Klingt wenig verlockend. Schwein gehabt.

Willkommen in Argentinien! Straßentango

Willkommen in Argentinien! Straßentango

Auch in Ushuaia haben wir Schwein: die Formalitäten nach Argentinien hinein sind fix erledigt. Wir buckeln die Rucksäcke bergan, steil ist es hier in Ushuaia. Schon in Punta Arenas hatten wir manchmal vertrautes Spikereifen-Geräusch von Autos vernommen, hier nun haben die Nägel der Winterbereifung tiefe Furchen in den Asphalt gefräst. Beii einem Anstieg bleibt es nicht: dies ist altes Gletscherland, also geht es bis zu unserem Hostel noch zweimal auf und ab –  glücklicherweise nicht wieder hinunter bis auf Meerespiegelhöhe. Die Unterkunft ist ein kleines Familienhaus, die Besitzer, ehemals Tourguides, haben sich im Erdgeschoss eingerichtet und vermieten 3 Zimmerchen im oberen. Familienanschluss garantiert! Und die Wohngegend bietet unbegrenzten Hundespass, wobei in einem Fall doch eine Grenze gezogen wird, ein völlig durchgeknallter Großhund kann sich endlos über uns ereifern und begeifern. Er ist an einem alten Lieferwagen angekettet, den er am liebsten hinter sich her zerren würde. Wir erwägen eine Würstchenspende beim nächsten Vorbeigang. Andere Hunde sorgen auch für Aufsehen – an einer Kreuzung sprechen wir zwei professionelle Reifenbeißer an, die an diesem verkehrsarmen Sonntagnachmittag eher Langeweile haben und unsere freundlichen Worte und das Gekraule als Einladung auffassen, uns zu folgen. Ganz schlecht, denn für mindestens eine halbe Stunde laufen wir nun zu viert durch falsche Reviere. Hundeprotest von allen Grundstücken, Beißattacken auf Kreuzungen. Hier herrscht Ordnung, ganz klar.

Frau Patagonischer Riesenspecht

Frau Patagonischer Riesenspecht

Magellanpinguin, im Gentoo-Pinguine

Aber auch ohne Hundebegleitung lässt sich gut laufen, zum Beispiel zum Gletscher Martial, gleich oberhalb der Stadt – ein kleiner, dreiteiliger Hanggletscher mit hervorragendem Blick auf die Stadt und die Umgebung. Ohne Hundebegleitung auch der Busausflug zur Isla Martillo – es gibt einen Touroperator in der Stadt, der täglich den Besuch von 40 Gästen bei den Magallan-Pinguinen erlaubt; keine Angst, man wird 1. massiv gebrieft („…wer ‚oh, so cuuute!‘ schreit geht zurück auf*s Boot…!“) und auch als Herde von 2x 20 Leuten im Zaum gehalten, 2. scheren sich die Pinguine kaum um uns Besucher und 3. kontrollieren Biologen Verhalten und Reproduktion der Kolonie und sind stets bereit, dieser Besuchsregelung einen Riegel vorzuschieben.

Gemütlich in der Bruthöhle. Magellanpiguin

Zur Strafe sehen wir nicht, was gerade als Besonderheit passiert – es sind zwei Königspinguine gelandet; dafür schließt die Tour mit dem wirklich sehenswerten kleinen Naturmuseum auf der Estancia Haberton, das vor allem Meeressäuger  und -vogelskelette sammelt und ausstellt. Da wäre ich gern noch einmal einen Tag hingefahren, zumal die Busfahrt allein schon sehenswert war: hohe Berge, Moore – und Totholzgebiete. Die Biber leisten hier ganze Arbeit. 1938 zum Zwecke der Pelzproduktion aus Kanada eingeführt, hat sich wieder einmal ein Lebewesen im falschen Lebensraum pestartig ausgebreitet. Man stellt nämlich schnell fest, dass das gemäßigt ozeanische Klima zwar viel Schnee erzeugt und die Winter recht lang sind, aber für die ständigen Temperaturen um die 0° müssen Biber sich kein dickes und damit gut verkäufliches Winterfell wachsen lassen. Also gab man wegen der schlechten Pelzqualität die Zucht auf und ließ die Tiere frei. Und erzeugte eine weitere Ökopest, denn Raubtiere, die der Biberausbreitung Einhalt gebieten könnten, gibt es nicht; nicht mal der Beaglekanal ist eine geeignete Grenze – 1968 erreichten die Biber die Isla Navarino. Schlecht.

Ushuaia ist eine Art Touristen-Disney-Feuerland, da gibt es was für alle Geldbeutelgrößen, allen voran natürlich die Antarktisfahrer, die richtig viel Geld aufrufen. In den Straßen reiht sich Touroperator an Restaurant und das wieder an Outdoorausstatter, aber Ushuaia hat auch schöne Museen zu bieten. Das „Fin del Mundo“ zum Beispiel, das sich mit der Geschichte von Feuerland allgemein und der von Ushuaia  beschäftigt; dazu ein weiteres „Gefängnismuseum“ auf unserer Liste. Nachdem sich die völlig abgelegene und fast nicht anzufahrende Staateninsel als schlechter Deportationsort herausgestellt hatte, wurde Ushuaia dazu auserkoren. Nicht wirklich schön, aber wir haben schon schlimmere Gefängnisse gesehen.

Wracks am Kap Horn...

Wracks am Kap Horn…

... und an der Le Maire Strait.  Puuh.

… und an der Le Maire Strait. Puuh.

Viel besser ist, dass es tolle Abteilungen für die Seefahrtsgeschichte von Feuerland und für die Antarktisforschungsreisen gibt. Rings um Ushuaia machen sich Wohngebiete breit, die Stadt ist in den letzten 40 Jahren um ein Vielfaches gewachsen. Ursprünglich ging es dabei um die schon beschriebenen Gebietsansprüche gegenüber den Chilenen; um die zu unterstreichen, siedelte man Industrie an, in letzter Zeit vor allem Elektronikproduktion, und zahlte dem patagonienwilligen Zuzügler gute Gehälter. Dass der Streit mit Chile um vor allem Inseln im Beaglekanal fast zum Krieg geführt hätte, erzählt unser Hostelwirt – seine Familie wurde Ende 1978 auf den letzten Drücker ausgeflogen; in der Erinnerung von anderen Touristen scheint sich das als chilenische Aggression darzustellen, aber es war eigentlich andersherum – immerhin haben wir jetzt eine Erklärung für die alten Verteidigungsstellungen und Unterstände auf der Seite von Puerto Williams. Heute sieht man überall Monumente die die chilenisch-argentinische Freundschaft loben. Weiter so – vielleicht kriegt Ihr ja auch noch den Grenzverlauf hier oben im patagonischen Eisfeld geregelt…

Zwischen Magellan und Beagle

Der Forscher. AKKAnaut in der Magellanstraße

Der Forscher. AKKAnaut in der Magellanstraße

Puerto Williams, 19.11.2016

So gut wie neu!

So gut wie neu!

Punta Arenas, das war… Hostal Aventura Austral mit einer unermüdlich uns betüdernden Familie. Papa rennt ab 6 zwischen Küche und Essraum und deckt uns mit Brot, Schinken, Käse, Rührei ein. Die Söhne an der Rezeption versorgen die Gäste mit Informationen, stellen uns, insbesondere dem Akkanauten einen schicken schwarzroten Käfer – leider nur zum Gucken – vor die Tür. Andreas kann sich kaum beruhigen, dieser Klang! Baujahr 68, so gut wie neu! Die Damen des

Farbenmut macht Patagonier froh

Farbenmut macht Patagonier froh

Hauses sorgen für Sauberkeit. Das Rundumsorglos- und Spaßpaket. Geradeaus den Berg hinunter liegen große und kleine Schiffe, Frachter, antarktisfahrende Forschungs- oder Passagierschiffe. Über allem schweben Skuas und Kormorane zuhauf, ein einsamer Königspinguin wird uns von Mitbewohnern gemeldet – leider hat der sich am nächsten Tag wieder verzogen. Es gibt  davon wohl kleine Kolonien in chilenischen Teil von Patagonien, aber gewöhnlicherweise leben die

Kormorane gibt es aber reichlich...

Kormorane gibt es aber reichlich…

großen Kaiser- und Königspinguine eher in der Antarktis, und diese Box auf unserer Liste der Kontinente wird kein Häkchen kriegen, denn eines ist sicher: so verlockend es scheint, eine Antarktisfahrt kommt nicht in die Tüte, auch aus finanziellen Gründen nicht; unter 1.000 pro Tag und Nase passiert nichts, auch nicht in einer 4-Bettkabine. Wir gucken trotzdem gern auf die Schiffe, die dorthin aufbrechen. Hurtigrouten (FRAM) oder ex-Forschungsschiffe aus Holland (ORTELIUS, PLANCIUS) und mehr, meistens für knapp 3 Wochen via Malwinen/Falklands und Südgeorgien. Sicher spannend.

Panorama mit Magellanstraße

Panorama mit Magellanstraße. Im Hintergrund: Feuerland!

Auf der Nao Victoria

Auf der Nao Victoria

Stattdessen besuchen wir die Nachbildung der Nao Victoria, einem Schiff aus Magellans kleiner Flotte. Sehr schön anzuschauen und gruselig, darauf herumzusteigen, es ist einfach kaum zu glauben, dass man mit einer Nussschale von 27 m Länge samt zahlreicher Manschaft – nämlich 275 Mann auf 5 Schiffen – ohne Seekarte ins Blau-Graue fahren konnte,  dabei den Seeweg um Südamerika entdeckte, um schließlich nach 3 Jahren wieder in Spanien einzutrudeln. Leider ohne Magellan, den es in den Philippinen dahinraffte, und auch sonst dezimiert: es kam nur ein Schiff zurück, mit 18 Leuten. Plus 3, die 1527 aus portugiesischer Kerkerhaft entkamen.

Wagemut pur. Die James Caird

Wagemut pur. Die James Caird

Nebenan wird auf dem Museumsgelände zur Zeit die BEAGLE nachgebaut, das Schiff unter Robert Fitzroy mit Charles Darwin als Naturfoscher,  ebenfalls in Originalgröße, und ich hoffe, dass man dafür einen ebenso ausführlichen und informativen Audioguide erstellt wie für die anderen Exponate – als da sind der kleine Kutter ANCUD, mit dem die ersten Chiloten 1848 in  den Süden von Patagonien aufbrachen und last, but not least mein Hauptgrund für diesen Besuch, ein Nachbau der JAMES CAIRD. Das ist das Rettungsboot, das Shackleton benutzte, um von Elephant Island, vor der Küste der antarktischen Halbinsel, nach Südgeorgien zu gelangen, um Hilfe für seine zurückgelassene Mannschaft zu organisieren; eine Reise, für die ich immer noch allerhöchste Hochachtung habe, zumal es ja mit der Ankunft in Südgeorgien nicht getan war – zwei Versuche brauchte man, bis die YELCHO aus Punta Arenas die Männer mitten im stürmischen Südwinter dort abbergen konnte. Ich musste in meiner Begeisterung zwei junge, deutsche Rucksäckler zur JAMES CAIRD hinunter an den Strand schicken, glücklicherweise gibt es dort eine große Schautafel zu Shackletons Unternehmung, denn sein Name oder „ENDEAVOUR“ riefen eher fragende Blicke hervor… Geschichte halt. Aber hinterher gab es Anerkennung für diesen Antarktiskrimi.

Was noch? El Choccolate – ein Café zum Aufwärmen. Tickets kaufen bei Transbordadora Austral Broom, die Fähre nach Puerto Williams. Das wild gewürfelte Salesianer-Museum, ausgestopfte Vögel und Pumas, Devotionalien, sehr eindrucksvolle Filme aus den 20ern, als Pater Agostini das Leben der Yaghan dokumentiert hat, und viel Krempel mehr. Ein Besuch in der Zona Franca, wo allerlei Produkte günstig angeboten werden  Zwecks Betonung ihrer ’soberanía‘ – will sagen: Gebietsansprüche – haben sowohl die Chilenen wie die Argentinier über Steuererleichterungen versucht, diesem eher unwirtlichen Teil ihrer Länder zu mehr Bevölkerung zu verhelfen, mit Erfolg. In Chile umfasst der steuerliche Teil der Zona ganz Patagonien, sodass man, wenn man die Carretera Austral mit dem eigenen Auto befährt, Zollkontrollen unterworfen ist.

YAGHAN. Unsere Fähre nach Puerto Williams

YAGHAN. Unsere Fähre nach Puerto Williams

Frühstück unterwegs nach Puerto Williams. Kekse, Muffins, Plörre...

Frühstück unterwegs nach Puerto Williams. Kekse, Muffins, Plörre…

Und dann ging an einem regnerischen, kalten Donnerstag die Fähre Yaghan nach Puerto Williams, am Beaglekanal. Eine kleine Autofähre mit Flussfährencharakter, ein paar LKWs, ein paar chilenische Carabineros und Armadaangehörige, ein paar Touristen. Man schläft wie im Bus in Sitzreihen, aber da wir lange im Voraus gebucht hatten, kriegten wir die teuren Schlafsessel, auf denen man sich voll ausstrecken kann, die „semi cama“ (auch nicht schlecht!) sind bis kurz vor Abfahrt für

Beaglekanalwetter

Beaglekanalwetter

Chilenen reserviert, nur Restposten werden an Touristen vergeben. Leider war die Sicht während der gesamten 32 Stunden eher schlecht, aber das ist eben auch eine „sehenswerte“ Seite von Patagonien, und als wir den Gletscher Pia erreichten, hatte der Wettergott ein Einsehen und ließ es ein bisschen aufreißen. In Yendegaia – ein Armadaposten am Arxx der Welt, Stichwort „soberanía“ – laden wir die Polizei- und Soldatenschicht für die nächsten Wochen aus und

Gletscher- Besuchen wir ihn oder er uns?

Gletscher- Besuchen wir ihn oder er uns?

nehmen die dienstfreien an Bord. Am Ufer wird im Nieselregen Fußball gespielt, etwas anderes fällt einem hier kaum ein. Netz, sprich Internet, ist hier Fehlanzeige, wahrscheinlich versteckt sich irgendwo ein grottenlangsamer Satellitenzugang. Um 21 Uhr passiert man die leuchtende Silhouette von Ushuaia auf der argentinischen Seite – die Grenze verläuft genau in der Kanalmitte – und um Mitternacht erreicht die Yaghan Puerto Williams. Die Mannschaft fragt ab, wer das Schiff verlassen will – mitten in der Nacht will einen kein Hostel. Ein paar Passagiere werden abgeladen, die anderen schnarchen durch bis um 07:30, vor Anker. Perfekt. Frühstück gibt es an diesem absolut traurig-patagonischen Morgen aber schon in Pattis Wohnküche. Wir mischen uns unter Taucher und Segler im Abreisemodus. Das Hostal Pusaki. Holzofenfeuer. Gemütlich am Beaglekanal.

Das Willkommenskommittee wartet. Hostal Pusaki

Das Willkommenskommittee wartet. Hostal Pusaki

Berge, Gletscher, Regen

Gunanaco-Paar

Gunanaco-Paar

Ushuaia, 23.11.2016

Puerto Natales also. Von der Navimag zum Hostel „El Sendero“ hieß: aufpassen – der Wind war noch immer so stark, dass es einen mit dem wenig windschnittigen Gepäck von der Straße wehte. Winziges Zimmer, dafür riesige Gemeinschaftsräume und eine große Küche zur Selbstbewirtschaftung, und Rosa heizt mit dem Eisenofen gegen die Kälte an. Im Dorf mieten wir uns einen Renault Duster, um die Torres del Paine erreichen zu können; diese Empfehlung hatten wir vom Schiff mitgenommen, weil die Unterkünfte in diesem Wandererparadies unglaublich teuer seien. Stimmt wohl auch – selbst für Campingplätze werden ansehnliche Summen aufgerufen, dazu kommen noch Leihgebühren für Zelte, Schlafsäcke etc. Campingplätze übrigens können nur genutzt werden, wenn man sie im Voraus bucht, auf diese Weise beschränkt man die Zahl der Besucher auf den berühmt bis berüchtigten, großen Wanderwegen, dem „W“ und dem „O“, für die man zwischen 4 und 10 Tagen benötigt. In Puerto Williams trafen wir auf „W“-Wanderer, die schon jetzt von ziemlich vollen Campsites berichteten und sich fragten, wie das wohl in der Saison aussehen mag. Ich frage mich nebenbei, wie man das Feuerrisiko bei so vielen Benutzern im Zaum hält. Wenn es demnächst wieder mal brennt (1998, 2005, 2010) bleibt nicht mehr viel vom nativen Wald übrig. Da hilft nicht viel, dass die Ursprungsländer der letzten Brandstifter – Tschechien, Italien und Israel – Schadenersatz leisten. Die Vegetation in Patagonien basiert grundsätzlich auf einer sehr dünnen Bodenschicht, die in Windeseile erodiert. Ach ja, Wind… an einem Tag wandern wir vom Salto Grande zum Lago Nordenskjöld und sitzen gerade am Seeufer, als uns eine Wanderergruppe überholt. Über den See fegen die Böen von Westen heran, das sieht gespenstisch aus, weil Gischtwolken über dem Wasser stehen – was man nicht sieht, wenn man den Wind im Rücken hat. Zu dumm… ich schaue hinter den anderen her und sehe sie purzeln. Unglaublich, es reißt einen einfach von den Füßen, wenn man nicht aufpasst.

Los Cuernos del Paine - Dreischichtkuchen

Los Cuernos del Paine – Dreischichtkuchen

Wir kommen unbeschadet am See an, wo man nun am Fuß dieser fantastischen Felsformation sitzt. Die Paine-Kordillere besteht aus mehreren Teilen, im Westen das höchste Massiv names Paine Grande, aber am augenfälligsten sind die eigentlichen „Torres“, die Cuernos del Paine, mehrere hoch aufragende Türme aus ganz scharf getrennten, unterschiedlich gefärbten Steinschichten – wie ein Schichtkuchen mit einer Schicht Schokolade oben und unten. Toll. Das Geheimnis bei der Schichtung ist das Eindringen von flüssiger Magma in bestehende Sedimentgesteine – die Sedimente schwarz, die Magma“intrusion“ hell, das Ganze mit der Anden-Hebung in die Höhe gehievt, von Wind und Wasser bewittert, von Gletschern geschliffen… einfach „boah“! Überhaupt, die Gletscher… Die Torres del Paine liegen am Eingang zum drittgrößten Eisfeld der Welt (nach Antarktis und Arktis). Viel bekommen wir davon nicht zu sehen, das Wetter verschlechtert sich nämlich zusehends, aber was die Gletscher hier angerichtet haben, bleibt sichtbar: eine Serie von Seen, die auch in großen oder kleineren Wasserfällen ineinander übergehen, in verschiedenen Türkistönen oder Gletschergrau. Die Fahrt hinaus zum Greygletscher schenken wir uns, es ist auch recht feucht und grau, und leider bleibt uns der Blick auf das Südliche Patagonische Eisfeld verwehrt. Nur die Zunge des Grey sehen wir in den See lecken. Wir bestaunen stattdessen kleine Growler, die sich vom – leider, wie überall – abschmelzenden Gletscher gelöst haben und genießen Ruhe und Beschaulichkeit auf einer kleinen Inselwanderung. Und schon fängt es wieder an zu regnen. Zeit für Kaffee in style im Hotel Lago Grey, und Zeit für die Heimfahrt. Lustig: wir nehmen einen jungen Slowaken mit, der mit seinem Auto hier oben gestrandet ist. Mobiltelefonverbindung gibt es hier oben nicht, also muss er persönlich beim 150km entfernten Verleiher vorstellig werden. Es ist der 8.11., und natürlich ist die US-Wahl Thema, noch ohne Netz und Nachrichten. Er sagt: “ … I am afraid he is going to win…“. Glücklich sah er dabei nicht aus, und wir wollten ihm lieber nicht glauben. Am nächsten Morgen wussten wir’s dann auch besser.

So gehen die Tage in Puerto Natales dahin. Nach Rückgabe des Autos gibt es einen Museumsbesuch, wo wir deutsche Kolonialgeschichte (Familie Eberhardt ist immer noch ganz vorn!) betrachten können und die Folgen missionarischen Eifers: die Kawesqar-Nomaden, die dieses völlig unwirtliche Gebiet bis hinauf nach Chiloë befahren haben, sehen so richtig glücklich aus, als man ihnen die (sorgsam gegerbten und verzierten!) Fellumhänge weggenommen und sie in europäische Klamotten gesteckt hatte. Prima Idee – die Sachen werden einfach nicht trocken, und so wird man schnell krank. Kränker als sie „halbnackt“ je waren.

Torres del Paine - DER Wanderertraum in Chile

Torres del Paine – DER Wanderertraum in Chile

 

Windige Ecke

Windige Ecke

 

... so windig, dass es einen von den Füßen reißt!

… so windig, dass es einen von den Füßen reißt!

 

Nicht der klarste Tag für die Wanderung am Grrey-Gletscher

Nicht der klarste Tag für die Wanderung am Grey-Gletscher

 

Immerhin schwimmen kleine Growler umher!

Immerhin schwimmen kleine Growler umher!

Museumsbesuch. "Glückliche" Kawesqar Seenomaden.

Museumsbesuch. „Glückliche“ Kawesqar Seenomaden.

El kondor pasa

El kondor pasa

Südwärts

Patagonische Kanäle

Patagonische Kanäle

Punta Arenas, 17.11.2016

1.-3.11. Drei Tage Gedödel in Puerto Montt. Zur weiteren Patagonien-Eingewöhnung ist das Wetter nun nicht mehr strahlend, sondern drieselig und grau, gerade recht zur Aufrüstung in Sachen Klamotten. Der Eigner kriegt Socken und ein Sweatshirt, die Schipperin beglückt sich im zweiten Anlauf – nämlich in Vollzeug, also Funktionshemd, Fleecepolo plus Fleecejacke „zum Unterziehen“ – mit einem 2XL Hoodie von einer der neuen Lifestyle-Ketten.  Die Firma heißt CAT, wie Caterpillar, von der ich bislang nur Rapper-Stahlkappenschuhe kannte. Die Damen Verkäuferinnen gucken etwas fragend, aber was soll’s – vielleicht kriege ich damit ja einen Job auf einem Grader oder einer Dampfwalze. CAuf der arretera Austral oder so. Oder vielleicht als Dampfwalze, wenn ich alles übereinander ziehe. Immerhin ist das Ding knallrot und färbt ab, nicht rot, aber rap-mäßig, ich neige seitdem zu „was geht?“ Und „jooo!“.

Am Freitag war’s dann so weit: morgens Abgabe des Gepäcks im Büro der Navimag, mit Verwirrspiel. Dass das Büro umgezogen ist, wussten wir schon vom Bestätigungsvorgang, während es andere Mitreisende zunächst mal bei der alten, jedoch noch im Internet notierten Anschrift probierten. Allerdings wurden wir vom Büro in den Busbahnhof, 1.Etage, verwiesen, wo umherirrende Rucksackträger und Rollenkofferer das einzig sichtbare Zeichen sind, dass hier irgendwo das Check-in für die NAVIMAG sein müsste. Dass sich die Abfahrt um 4 Stunden auf 1600 am Nachmittag verschoben hatte, kriegte man zuvor per Mail mitgeteilt – wohl dem, der Zugang dazu hat. Jedoch: Ende gut, alles gut, ein Schalter tut sich auf, wir checken ein, müssen nur das Gepäck selbst buckeln. Um 1300 wird die Gesellschaft mit Bussen zum Anleger geschafft, 10 km außerhalb der Stadt. In Kabine 165 ernten wir die fragenden Blicke unserer Mitreisenden: „…which language?“ fragt der Eigner kryptisch. „Russian, english and german!“ Na gut, also deutsch, moin moin dann. Einweisung in die Bord-Basics (Essenszeiten!) und die Sicherheit, natürlich; eigentlich eine Fährschiffsreederei ist „die Navimag“ für Touristen auch Synonym für die Schiffsverbindung zwischen Puerto Montt und Puerto Natales, es bleibt aber eben doch eine Fährverbindung ohne Kreuzfahrtanspruch. Noch dazu behält sich die Reederei vor, in der Wintersaison ohne Gäste zu fahren, und so waren wir das erste Schiff der Saison „mit“. Das war es dann aber auch schon mit Gemecker. Die ganze Reise, um das vorweg zu nehmen, wird sich als entspannt und nett herausstellen, prima Versorgung, saubere Kabinen, funktionierende Sanitäreinrichtungen (dagegen muss man mal die Tiraden auf Tripadvisor lesen…).

Auf Beobachtungsposten

Auf Beobachtungsposten

Das Ablegemanöver ist beim herrschenden Wind und Strom spannend, wir nehmen schon mal unsere „Rentner beobachten andere bei der Arbeit“-Grundstellung ein, Oberdeck vorn, wo man ein endloses Ankermanöver verfolgen kann, danach zieht EVANGELISTA langsam aus dem Seno Reloncavi nach Süden. Und weil der interessierte, zur See fahrende Rentner sofort die Brücke belagern muss – die junge Frau Chiefmate lässt sich erweichen und lädt uns ein – kriegen wir gleich den ersten Vortrag zum Reiseverlauf nicht mit, den  für die Touristen ist ein Guide geheuert, Percy. Wir hatten wohl doch nur bis „Essenszeiten“ zugehört, aber auf der Brücke gab es viel zu fragen – die Instrumentierung ist ein bisschen umfangreicher als auf unserer, die Redundanz der Funkgeräte (UKW und Kurzwelle) beträchtlich, entsprechend der Antennenwald oben auf Deck. Die chilenische Armada ist ja bekanntermaßen recht streng mit der Überwachung ihrer seefahrenden Schäfchen, drum werden zusätzlich zu UKW und Grenzwelle alle DSC-Kanäle auf mehreren Kurzwellenfunkgeräten gescannt. Dann segeln wir dem Abend entgegen, das Essen ist überraschend gut, die Gesellschaft nett. Von den Matratzen, die wir bald aufsuchen, erweist sich meine als grottig durchgelegen, dort oben im zweiten Geschoss, dafür wird an der Leseleuchte der technische Fortschriit sichtbar: jede hat einen Stromanschluss, NAVIMAG denkt an seine stets irgendein Gerät ladenden Gäste. Nicht dass jemand denkt,dass Smartphones auf dieser 3-tägigen Reise viel nützen: bis auf eine Stunde in Puerto Eden schweigt das Netz. Kein Wunder in einer derart dünn bis unbesiedelten Ecke des Globus.

Der Käptn und Percy

Der Käptn und Percy

Zeitvertreib an Bord sind die Mahlzeiten, ganz kreuzfahrtgerecht, die Vorträge von Percy, dem Guide, und natürlich „gucken“. Wale (vor allem Minkwale, aber auch zwei nicht identifizierte größere), Riesensturmvögel, Schwarzrückenalbatrosse, die uns ständig begleiten (und sich überhaupt nicht auf „Platte“ bannen lassen). Wir gucken uns die Augen aus nach der „flightless steamer duck“, einer kurzflügeligen Ente, die dank fleißiger Fußarbeit aber dennoch schneller vorankommt als manches Schiff, die Flügelstummel machen dazu putzige Flatterbewegungen; es gibt auch eine fliegende Art „Dampfschiffente“, die ganz ähnlich aussieht, nur eben ausgebildete Flügel hat, aber sonst sind diese Enten flugunfähig. Witzig übrigens der Gattungsname: Tachyeres – schneller Ruderer. Muss wohl vor der Erfindung der Dampfschiffe benannt worden sein.

Stopp in Puerto Eden

Stopp in Puerto Eden

Solche und ähnliche Geschichten erzählt uns Percy, dessen Begeisterung für seine Aufgabe und für seine Heimat nie erlahmt. Fauna, Flora, Wanderwegtipps, alles in Spanisch und dann noch einmal in  Englisch. Deutsche Darbietungen gibt es nur in  der Hauptsaison, aber auch die wären sprachlich perfekt, schließlich kam Opa oder Uropa aus Wuppertal. Ein bisschen Agitation ist auch dabei… die Lachsfarmen! Da gerät er richtig in Fahrt. Lachs kommt ihm nicht mehr auf den Teller, sagt er, und gibt seinen Beschreibungen zur Umweltbelastung durch chilenische und vor allem norwegische Lachsfarmen  reichlich Raum. Auch die Evangelista transportiert Lachsfutterpellets (aus Schlacht- und Fischabfällen, baah!), davon gehen auf den Aquakulturfarmen täglich Tonnen ins Wasser, damit die armen eingepferchten Lachse recht schnell fett werden. Allerdings fressen die natürlich nicht alles davon, die Reste sinken samt der Kacke auf den Boden, daraus resultiert Sauerstoffarmut. Und Antibiotikaanreicherung. Was für ein Käse. Der größte Ääse dieser Art war allerdings die letzte red tide-Algenblüte aus den ersten Monaten dieses Jahres. Mehr als 20 Millionen Fische verendeten am Toxin und verseuchten ihrerseits die umliegenden Gewässer, sicher war diese Algenblüte auch eine Folge des El Niño-Phänomens, aber die Überdüngung der hiesigen Gewässer tut ein Übriges. Mal gucken, wann ich den nächsten Lachs zu mir nehme. Einen frisch geangelten, vielleicht.

Ein bisschen Drama...

Ein bisschen Drama…

Aber dann kamen wieder Albatrosse und Dominikanermöwen, Sturmvögel und Kormorane vorbei und rissen uns aus der Trübsal. Und natürlich eine fröhliche Durchsage am Sonnabendnachmittag, dass, falls man das möchte, man jetzt eine Seekrankheitspille nehmen möge. Hinter dem Canal Pulluche winkt der offene Ozean. Wir stehen wieder auf dem Oberdeck und beobachten die sehr gemäßigten Wellen, die  gelegentlich das Vordeck fluten. Hm, wenn hier „Wetter“ ist, will man sicher gern innerhalb der Kanäle sein… wir sehen auch, dass einige Vorkehrungen für mehr Seegang getroffen werden, Sicherung der Ankerketten etc. Allerdings bleibt alles ruhig, jedenfalls für unseren Geschmack. Und genau für den guten Geschmack begrüßen wir die Seegangsankündigungen, es bleiben nämllich einige Lücken in der Besetzung der Abendbrottische: wir bekommen klaglos einen Nachschlag beim Salat, yeah…

So geht es dahin, morgens sind wir wieder in den teils engen Kanälen und bestaunen die hohen Felswände zu beiden Seiten. Navigation nicht immer ohne Risiko, vor wenigen Jahren ist NAVIMAG hier ein Schiff verloren gegangen, ohne größere Personenschäden, Percy kann vom Ereignis berichten, er war dabei. Steuerfehler plus Strom = Riss im Rumpf und eine Stunde Zeit für die Evakuation. Alles gut. Wollen wir nicht, u d unser cooler Käptn fährt dort auch nicht mehr lang.

Es weht! Gegebenefalls auch von den Füßen!

Es weht! Gegebenefalls auch von den Füßen!

Seine Künste kann er am Montamorgen dennoch unter Beweis stellen: wir waren in Puerto Montt schon früher losgefahren, weil für das Ende der Reise reichlich Wind vorhergesagt war, und so war es – in Puerto Natales fegt es so, dass die Hafenbehörde das Anlegemanöver untersagt und an der Mole erst einmal umräumt. Einer der kleinen Patagonier-Cruiser muss raus und  vor Anker, und dann… mal schauen. Es wird uns ein finales Mittagessen in Aussicht gestellt, wer weiß wie

Cooler Käpt'n. Anleger mit Funke und Kaffee

Cooler Käpt’n. Anleger mit Funke und Kaffee

lange wir ausharren müssen, aber dann kommt die Durchsage: “ … wir dürfen es versuchen!“ Raus mit den Rentnern auf Manöverbeobachtungsstation, und, in der Tat, das macht er wirklich cool, der Kapitän der Evangelista. Der AKKAschlauberger mosert ein bisschen, dass der Wind ihm ja eigentlich hilft, aber es ist eben doch eine große Schüssel.

Jetzt gleich steigen wir auf eine Kleinere dieser Schüsseln: YAGHAN, von der Reederei Transbordadora Austral Broom (ich liebe diesen Namen!). Fährt um 1800 los und ist Sonnabend um 0000 in Puerto Williams.  Weiter südlich führt uns unser Weg dann nich mehr. Melden können wir uns sicher erst aus dem benachbarten Ushuaia, Mitte nächster Woche, dann  gibt es auch mehr  Bilder. Bis dann!

Eine Frage der Asche

Unterwegs nach Chaitén. El Corcovado

Unterwegs nach Chaitén. El Corcovado

Puerto Natales, 10.11.2016 (Tag 2 der Trumpiade)ñ

Mitten drin in Patagonien, und schon wieder so viel passiert… ich bin wohl des Bloggens ein bisschen müde. Dazu noch all dieser Politwirbel. Das tut mir leid, denn eigentlich tut es mir, vor allem meinem Kurzzeitgedächtnis und dem späteren Erinnerungsschatz, doch gut. Also ran an die Tastatur.

Mitreisender nach Chaitén

Mitreisender nach Chaitén

5 Stunden dauerte die Fahrt von Quellon nach Chaitén,  ab 7 konnten wir mit der Hundertschaft reisender Scouts den wunderbaren Corcovado vor blauem Himmel näher rücken sehen, und um 8 in der Frühe waren wir da. Ein eher trauriges Plätzchen, zumal unsere Suche nach einem Frühstückskaffeelokal vergeblich verlief. Nicht nur, dass Totenstille im Dorf herrscht, auch das Straßenbild präsentiert sich lückig, allerdings ohne Zahnlückencharme. Eingebrochene Dächer, Schutthaufen auf baren Grundstückennzwischen frisch Repariertem. Was geschehen ist, wissen die meisten, der Vulkanausbruch des Chaitén ging 2008 ja durch die Medien – klar, wenn Aschewolken den Touristen wie den Businessman am Fliegen hindert, geht das durch die Presse.. Am frühen Morgen des 8. Mai 2008 weckte eine Vulkanexplosion die Bewohner des Städtchens – der Blick aus dem Fenster ließ zunächst den Michinmahueda als Bösewicht vermuten, aber mitnichten, es war der (seit 9000 Jahren!) totgeglaubte, eher unscheinbare Chaitén. Die Aschewolke gewaltig, bis 20 km hoch, die nachfolgenden Eruptionen ebenso gigantisch. 20 cm Asche legte sich auf Chaitén. Aber es war nicht die  Asche, die so viel Schaden anrichtete, sondern nach einigen Tagen trat der durch Asche und Bimsauswurf verstopfte Rio Blanco über die Ufer und riss den größten Teil der Siedlung mit sich. Noch heute sieht man leere Hausgerippe mit funktionierendem Dach stehen, der Fluss ist einfach durch das Untergeschoss gelaufen, am Strand hat sich Vorland gebildet, auf dem Baumstämme und Bauteile liegen. Zunächst hatte man geplant, die Stadt zu verlegen, aber die Bewohner wollten das nicht, haben tapfer geräumt und in bescheidenem Umfang wieder aufgebaut. „… ach, wir müssen halt lernen, mit dem Vulkan zu leben…“ heißt es. Seit 2013 schweigt der Vulkan nun. Wie lang? Nobody knows.

Vulkankegel Chaitén

Vulkankegel Chaitén

Wir verlassen das Örtchen und beschließen ein Frühstückspicknick mit kaltem Kaffee zu halten, irgendwo, wo es uns gefällt. Und es gefällt, je tiefer wir in den Parque Pumalín hineinfahren, immer wieder mal mit Blick auf den schneebedeckten Michinmahueda (boah-wow…), eine Schotterstraße durch undurchdringlichen Wald – Teil von Pinochets „Carretera Austral“. Jaja, andere Diktatoren können auch „Autobahnen“ bauen, nur dass diese hier knapp zweispurig ist. Null Verkehr. Dann öffnet sich der Blick auf eine Lichtung, ein Parkplatz mit geradezu englisch gepflegtem Rasen rundum. Ha! Picknick! Sehr hübsch, wenn auch insgesamt etwas kühl. Ach, da steht ja auch eine Informationstafel… wir sind solche Blindhühner –  dies ist der Parkplatz für den Aufstieg zum Vulkan Chaitén. Der Eigner sagt gleich: „…finde ich sehr attraktiv!“, die Schipperin liest, leicht zweifelnd vor: „3 Stunden, 2,6 km, 660 m Höhenunterschied…“. Na gut. Frau kann ja anhalten, wenn sie nicht mehr steigen mag. Das  Wetter ist herrlich, die Landschaft ebenso. Viele vulkangeschädigte Baumstämme liegen und stehen umher, aber die Natur bekrabbelt sich fleißig. Man überquert ein Flüsschen und steigt einen recht gut gepflegten Pfad bergan. Diese Riesenrhabarber! So schöne Wegbegleiter überall. Andreas rennt schon mal vor, ich behalte mir vor, nicht mit aufzusteigen, und so kommt es auch: auf den letzten Höhenmetern hören Stufen und Wurzeln auf, die den Weg befestigen, es wird aschig-rutschig, und mir fällt der qualvolle Abstieg vom Tafelberg ein – Mensch, hier muss ich auch wieder runter… Pause. Allerdings gestehe ich, dass mir nicht wohl in meiner Haut ist – der Kerl da oben, wenn der sich einen Fehltritt leistet… was macht man da? Wir sind hier allein! Allerdings erspähe ich unten im Tal unser Auto, und da hat sich ein zweites hinzugesellt. So allein dann doch nicht. Entsprechend fröhlich kann ich den Vulkanbezwinger nach einer 3/4 Stunde wieder in Empfang nehmen. Man kann bis zum alten Kraterrand aufsteigen, sagt er, und darin befindet sich dann der unerreichbare, neue Vulkankegel, nochmals 200 m höher. Kurz nachdem wir eine kleine Trink- und Apfelpause gemacht haben, kommt uns die andere Autobesatzung entgegen, die Andreas mit Zeit- und Schwierigkeitsangaben beglückt. Wir steigen ab, ich freue mich, dass das so problemlos, wenn auch langsam, geht. Wir bereiten ein Zweitpicknick vor und sitzen kaum, als unsere zwei Mitwanderer bergab stürmen. „… hey, that was quick! Did you go up to the rim?“ Ja klar sind wir bis hinauf gestiegen, aber dann den ganzen Rückweg gerannt. Ja, sagt der Eigner, vor 40 Jahre hätte ich das nicht anders gemacht. Ich schweige peinlich berührt, so richtig trittsicher war ich noch nie. Ein grässlich fittes, israelisches Pärchen, sicherlich dem ertüchtigenden Wehrdienst noch nicht lange entkommen. Diese dschungen Leute…

Caleta Gonzalo

Caleta Gonzalo

Noch haben wir keine Unterkunft für die Nacht, also treibt es uns weiter. In Caleta Gonzalo soll es an einem alten Bauernhof ein paar Hütten zu mieten geben. Gibt es und schön an einen Fjord gelegen! Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht, denn in Chile ist langes Wochenende, der Allerheiligentag naht, die Hütten sind ausgebucht, wir haben keine Campingausrüstung, und so ist die einzige Option: zurück nach Chaitén. Was keine Strafe ist, denn der Wald ist wunderschön, man gondelt am Lago Blanco und am Lago Negro entlang. Bei Don Carlos finden wir ein Zimmer, und auch das nur für zwei Nächte, was unsere Pläne für den Parque Pumalín etwas durcheinander schmeißt. Am Folgetag laufen wir – leider wird es kalt und trübe – den Sendero Ranita Darwin, einem 2 km kurzen Pfad, der  aber wirklich die Schönheiten dieses nördlichen Endes von Patagonien zeigt. Scheinbuchen, Alerce, viele Epiphyten, tolle Ausblicke auf die umgebenden Vulkane, frisch und feucht und grün, und zum Abschluss ein gurgelnder Bergfluss, randvoll mit Wasser. Ach, dieser Park. Ein tolles Stück Natur. Parque Pumalín ist, wie man am Namen erkennt, kein Nationalpark. Bis vor kurzem – die Ländereien wurden gerade der chilenischen Wald- und Naturschutzbehorde CONAF übergeben – war er reiner Privatbesitz und ein ziemlich umstrittener dazu: ein reicher Kalifornier, Douglas Tompkins, hatte ab 1990 angefangen, zahlreiche Ländereien aufzukaufen, teils ehemals bewirtschaftete, teils eben nativen gemäßigten Regenwald.

Riesenrhabarber

Riesenrhabarber

Niemand wollte ihm und seiner Stiftung glauben, dass dies uneigennützig zu Naturschutzzwecken dienen sollte, die Aufregung und Ablehnung war groß. Tompkins hatte in den 60ern die Firma Northface (siehe oben, Jack Wolfskin für Fortgeschrittene) gegründet, verkauft und sich dann an der Firma seiner ersten Frau beteiligt. ESPRIT heißt die, auch nicht gerade ein modisches Leichtgewicht, und der Erlös aus dem Verkauf seiner Teilhaberschaft sollte dem Naturschutz in Patagonien dienen. Seine zweite Frau war Managerin bei PATAGONIA, Outdoorfreaks. Die Chilenen dagegen tippten auf Goldschätze der Inkas, die es zu bergen galt, auf politische Verschwörungen, denn insbesondere Pumalín, mit 3.250 qkm 0,5% der Landesfläche von Chile, reicht von der argentinischne Landesgrenze bis an den Pazifik, ideal, um Patagonien „abzuriegeln“. Die Fischer sind bis heute stinksaue, da man keine Lachsfarmen betreiben kann, sondern tatsächlich nur Naturschutz. Auf anderen Flächen gibt es ökologischen Landbau, große Areale werden bis heute rekultiviert Es passierten so schreckliche Sachen wie Anerkennung der Landrechte für im Gebiet ansässige Chilenen. Nicht zu vergessen Jobs und Häuser für sie und eine Schule. Uneigennützigkeit ist einfach eine unmögliche Sache. Alles eine Frage der Asche, aber hier wurde sie mal richtig verwendet. Schön hat er das gemacht. Der Park, der definitiv NP-Status verdient (allein schon für 2000 Jahre alte Alercenbäume, für Pumas und Co.) hat einen viel höheren Pflege-und Überwachungszustand als die vom  CONAF geführten. Leider ist Herr Tompkins vor einem Jahr einem Kajakunfall (nicht unpassend als Todesart) zum Opfer gefallen, aber die Sorge für seine Parks – die Gesamtsumme der von ihm geschützten Flächen ist fast 3x so groß wie Pumalin – übernimmt seine Stiftung. Gut so, denn CONAF  ist so was wie Bock und Gärtner zugleich, sie sind nämlich auch für die gnadenlose Holzwirtschaft in Chile verantwortlich, und die ist wiederum einer der großen Wirtschaftsfaktoren hier. Mit der noch fürchterlicheren Aquakulturwirtschaft und Kupferabbau steht Chile wirtschaftlich auf ziemlich naturschutzfeindlichen Füßen. Zum Lachs sage ich demnächst noch was. Auch dies: eine Frage der Asche, aber eben gegen alle Naturschutzaspekte.

Auf der Fähre nach Hornopirén

Auf der Fähre nach Hornopirén

Wir jedenfalls waren von Pumalín ziemlich begeistert. In Hornopirén dann – 5 Stunden entspannungsreiche Fährfahrt von Caleta Gonzalo entfernt, um die geplante Straßenverbindung durch seinen Park hat sich Tompkins bis zuletzt mit der Regierung gestritten!

Was griechischen Fähren so werden kann!

Was griechischen Fähren so werden kann!

–  war es kalt, ungemütlich, aber dennoch patagonisch schön. Wir hatten auch Gelegenheit, einen CONAF-gepflegten Wandersteig Richtung Volcano Hornopirén zu begehen (und schnell umzudrehen, das war kein Spaß). Und schon waren wir zurück in Puerto Montt, 11 abwechslungsreiche, schöne Reisetage später.

Das war: Patagonien zum Eingewöhnen.

Chiloë. Ein Abstecher

Hornopirén, 31.10.2016

Unsere kleine Autorunde nähert sich leider schon dem Ende. Oder auch nicht so leider, weil wir möglicherweise noch einmal in Sachen warmer Bekleidung aktiv werden wollen, Northface nachrüsten. Heute traten wir nach einigen Regenstunden aus der Tür und sehen einen feinen Schneeschleier auf den Bergspitzen, die Wartezeit bis zum Abendessen im Hostal verbringe ich zugedeckt im Bett, und gestern haben wir uns einen Spaß gemacht: der Eigner sagt: „… mach‘ die Segeljacke zu und setz‘ die Mütze auf! Wir stellen uns jetzt hier in den Wind und freuen uns, dass wir hier nicht mit dem Schiff sind!“ Tolles Spiel… Kurz, es ist schön hier, und es ist kalt. Dieses Empfinden mag weniger an der Jahreszeit liegen als an der Tatsache, dass wir mit den zurückliegenden Jahren in den Tropen und Subtropen einfach zu Frostköddeln mutiert sind. Schließlich trotzt der Los-Lagos-Bewohner den Wetterunbilden in Boxershorts und Flipflops… gelegentlich zumindest.

In Puerto Varas hatten wir auch die Villa Kuschel aufgesucht, die heute das Hauptquartier des Parque Pumalin beherbergt. Schöne alte Holzvilla mit einem netten Angebot an patagonischen Büchern und Souvenirs, vor allem aber bot sie die Auskünfte mit der ausgesprochen kenntnisreichen und zugänglichen Frau Kati, die uns diverse Empfehlungen für Pumalin auf den Weg gab, mit leichtem sächsischer Zungenschlag berichtete sie auch aus dem Leben einer jungen „Auswanderin“. So konnten wir auch das Geheimnis der vielen Outdoorgeschäfte in Puerto Varas lüften – Chilenen scheinen ausgesprochene Freiluftfans zu sein, und wenn man am Wochenende, wie Kati berichtete, mit dem Schlauchboot und Zelt an einsame Strände fährt, um mit der mitgebrachten Schaufel ein Badewanne mit heißem Thermenwasser zu graben, braucht man solche Sachen.

Aber erst einmal ging die Fahrt zur Fähre auf die Insel Chiloë. Ein grieser Tag. Die Fähren gehen alle naslang und brauchen eine knappe halbe Stunde. Mittagskaffeepause in Ancud in einem alternativen kleinen Teestube, mit „Estrudel“, das Erbe lässt einen nicht los. Für Castro hatten wir mal ein Billighostel gebucht, im staubigen Ortsteil Alto Gamboa es mangelt (immer noch dank El Niño?!) am Regen, also mülmt alles ein, Hunde, Pflanzen, Häuser, denn die Straßen sind hier nicht befestigt. Dafür thront man hoch über der Altstadt und der Bucht. Schön. Und die Hunde sind ein einsames Gedicht, teils als wilde Beller hinter ihren Zäunen, als friedfertige „ach, schau mal, ich  schmeiß mich hin, also kraul mich“-Kandidaten, andere wieder durchgraben die Müllcontainer mehr oder weniger ungeschickt, die meisten liegen einfach dekorativ im Staub. AKKAnautenkino, interaktiv. Wir müssen natürlich eine der berühmten chilotischen Holzkirchen sehen, da bietet sich die Kathedrale an der  Plaza an,  außen gelbes Blech, innen prächtiges, dickes Alercenholz, das ist die Patagonische Zypresse (Fitzroya cupressoides, da hat mal wieder jemand, Darwin war es nicht, den Beagle-Kaptein geehrt). Bilder darf man dort nicht machen. Sagte mir mein Mitreisender, als es zu spät war. Museum haben wir verpasst, das war schade, aber das normale Leben bei  Stadtspazergang aufzunehmen freut ja auch.

Hit des Chiloë-Besuches war zunächst mal der Ausflug in den Parque Nacional de Chiloë bei Cucao und der Gang durch’s Tepuál, ein – abgesehen vom prima präparierten Wanderweg – schier undurchdringliches Stück gemäßigter Primärwald mit zahllosen Moosen und Farnen, Epiphyten, hohen Alercen, verschiedenen Notofagus-Arten. Bei uns stand so eine kleine Südbuche mit ihren zierlichen Blättchen am Gartenteich; wenn die geahnt hätte wie groß die Kollegen werden können, wäre sie vielleicht über die Strauchgröße hinaus gewachsen – aber was macht eine Süd-(oder Schein-)buche auch in der nördlichen Hemisphäre. Wir legen uns bäuchlings auf den Bohlenweg und versuchen vergeblich, den kleinen Darwinfrosch zu erspähen, der sich durch zartes Quaken bemerkbar macht. Ein vom Aussterben bedrohtes Fröschlein, 2-3 cm groß. Passend zum Thema Artenschutz laufen wir an diesem Tag kostenfrei durch den Park, das Personal streikt. Unterbezahlung, wie an so vielen Stellen im chilenischen Regierungsbetrieb, sorgt für Unmut. Und dabei hat die ökologische Landschaft in Chile so vieles Schützenswertes. Aber Wert hat halt nur, was Geld macht, also schietegal, ob der Tépu, eine Myrtenart, der einzige seiner Art ist und njcht nur Namensgeber für die wilde Feuchtwaldformation ist, die wir gerade betrachtet haben, sondern auch wichtig für deren Erhalt… nee, Tépuholz ist gutes Bau- und Feuerholz. Ich will angesichts der allgegenwärtigen Holzverbrauches zum Bauen und Verfeuern gar nicht wissen, wieviel davon gerodet und eingeschlagen wird. An jedem Haus hier quiemelt eine Schornstein. Das kleine Tépual bei Cucao ist jedenfalls nur noch eine von Riedgrasflächen umgebene Fläche. Gegen die Wand gesprochen, sorry.

Wir schauen noch die vorgelagerten Dünen an, auch hier schön und eingängig erklärt (ein nicht streikender Guide wäre wohl noch besser gewesen) wie sich die dünne Vegetationsschicht der Erstbesiedlung über die Sekundärvegetation mit kleineren Sträuchern zum dichten Tertiärwald steigert. Auch schützenswert. Warum sag ich das? Na, weil das Interesse bei der Handvoll Backpacker sich eher an Strand und dem Nichtvorhandensein von Netzabdeckung orientiert.

Kommt der nächste Hit – die Holzkirchen mal beiseite gelassen und von der indigenen Bevölkerung kriegt man wenig mit. Lediglich die lang und floral berockten Damen auf der Plaza in Castro geben ein Bild. Sie betteln und benutzen dazu ihre Kinder… Dafür nehmen wir einen lokalen Tramper mit, der sich über den Lift Richtung Ruta5, auch als Panamericana bekannt freut. Für ein gigantisches „Oh, ah, to-oll!“ sorgt der Blick, der sich in der Anfahrt nach Quellon bietet: hinter einer Kuppe leuchten plötzlich Michinmahuida und Corcovado über die Meerenge herüber. Kann man gar nicht genug von kriegen, zumal noch ein paar Schneegipfel mehr einen gebührenden Rahmen für diese beiden großen  Vulkane bieten. Ein Schild am Hito Cero, dem Kilometer Null besagter Panamericana sagt, dass man dazwischen zeitweilig die Rauchsäulen des Chaitén sieht. Da wollen wir hin. Noch ein paar Stunden bis zur Fähre. Kilometer 0 der Transamericana angucken, Picknick und Hundefütterung (im nicht anderweitig besetzten Unterstand für Obdachlose), ein bisschen Autoschlaf, und nachts um 3 – der Mensch muss Opfer bringen! – geht die Fähre in Richtung Chaitén.