Das Ding

So sind sie, die Trinis! Und so sprechen sie…*

Chaguaramas, 20.6.2017

Überraschung! Wir sind in Trinidad. Eigentlich wollten wir mit Freund Andy am Sonntag in der „Wonky Windmill“, die mir so einen schönen Barracuda mit Gemüse serviert hatten, vom frisch gebratenen Schwein abbeißen, aber schon das Barracuda-Essen war schwerpunktmäßig von einem Gesprächsthema begleitet: schau, was kommt da über den Atlantik. Wir hatten das Ding schon am letzten Dienstag gesehen, und so ein Ding heißt „tropical wave“. Eine Tropical Wave ist eine Beule in den atlantischen Isobaren und immer etwas zum Aufpassen; in jedem Fall bringt sie reichlich Wind und Regen. Manchmal schließt sich die Isobarenbeule, die „Welle“ wird zum Kreisel, dann ist es ein Sturm, ein tropischer Sturm.  Das ist ja ein Ding, sagen wir uns. Auf unsere alten Tage zielt eine Tropical Wave auf uns. Naja, wird schon vorbeilaufen… Aber man guckt dann eben nicht mal nur einmal am Tag nach dem Wetter und den Vorhersagen, sondern dreimal, viermal und vergleicht die verschiedenen Rechenmodelle. Und siehe da – nix ist mit „wird schon vorbeilaufen“. ein echter Kurshalter ist das Ding, Ankunft Montag oder Dienstag. ECMWF bietet die günstigere Lösung für uns, um die Nordspitze von Tobago mit einem ruhigen Zentrum in der Store Bay, unserem Ankerplatz. Das nehmen wir so, das Alternativangebot von den Amerikanern zeichnet sich vor allem durch Wankelmütigkeit aus, mal hierhin, mal dort, mal kriegen die Grenadinen es ab. Wenn Wettermodelle so unterschiedlich sind, blinken bei uns allerdings die Warnleuchten, und je näher das Wochenende rückt, umso mehr Gedanken verschwenden wir an Alternativen. Als da wäre: schnelle Abreise nach Trinidad. Fragen wir doch mal den Zoll – mittlerweile ist es nämlich Sonnabend und es steht ziemlich fest, dass „das Ding“ ein Hit wird. Starke Winde werden in der einen oder anderen Art Tobago treffen. Die Regeln für Segler in TT sind, dass man sich selbst beim Buchtenhüpfen bei Zoll und Immigration abzumelden hat, eine Regel, deren Einhaltung manchmal köstliche Scherze zutage fördert: die Immigrationbeamtin, eine schmale, ernste Inderin, hat keine Ahnung von der Seefahrt und schlägt vor, man möge doch Store Bay verlassen, in Charlotteville einklarieren und dann auf dem Rückweg die Buchten abbummeln. Dass man gegen den Wind nach Charlotteville nicht nur einen Tag braucht, kann man ihr nicht klarmachen. Wir haben heute aber eine einfachere Frage. Es ist Sonnabendmittag, keine Fähre, also nix zu tun…  – das ist schon mal ärgerlich, weil die dusseligen Segler die Smartphonerei unterbrechen. „Was passiert, wenn wir am Sonntag entscheiden, dass wir dem Sturm ausweichen wollen und in der Nacht nach Trinidad segeln?!“  Dann kommt Ihr am Montag hierher… „Nein, Sonntagnacht sind wir unterwegs!“  Alternativvorschlag: am Dienstag fahren!  Ach so, der Sturm kommt am Dienstag?! … lange Pause. Hier ist meine Telefonnummer –  Ihr könnt mich anrufen, ich komme dann Sonntag extra hierher. „Können wir nicht einfach jetzt auschecken, und wenn wir bleiben, kommen wir Montag und streichen die Abfah…“ „You are causing me unnecessary work!“ Nee, das wollen wir nicht, unnötige Arbeit erzeugen. Wir nehmen die Rufnummer und streben dem Zoll zu. Der Diensthabende ist unser Lieblingsofficer, sehr nett, wenn auch streng, und versichert uns, dass der Zoll (warum auch immer! Scarborough ist kein wirklich lebendiger Hafen!) 24 Stunden besetzt ist und gegen Überstundengebühren gern jederzeit das Sign-Out erledigt. Gut!

Samstag und Sonntag sieht das Ding ganz freundlich aus, es gewinnt zwar weiter an Windgeschwindigkeit, aber es steuert eindeutig einen nördlicheren Kurs. Wir bleiben! Keine unnötige Arbeit für die Immigration! Wir genießen Pigeon Point (um mal heimlich zu schauen, wo man vielleicht in der Bon Accord Lagune liegen könnte), ein sonniger Tag. Beim Barracuda schlägt Andy am Abend vor, dass er uns vielleicht einen Guide organisiert, der mit einer Piroge vor uns her ins etwas kniffelige Bucco Reef fährt – ohne den oder einen guten Track findet man den Weg nicht.  Hm, hm. Eigentlich sind die Windgeschwindigkeiten so, dass man in der Store Bay liegenbleiben kann, aber wir werden am Morgen noch einmal zu dem Thema telefonieren – inzwischen hat nämlich die TT-Regierung Sturmwarnung herausgegeben, und Andy, der Funker, sitzt als Katastrophenschützer in deren Sitzungen. Wir fühlen uns wirklich gut versorgt und wanken nach dem Fisch (der Eigner hatte knusprigen Schweinebauch!) bootwärts. Unruhiger Schlaf, was nicht am Fisch lag – nein, das  „wat nu“-Gedankenkarussell kreist. Komm das Ding? Geht es vorbei? Und wir – in die Lagune? Liegenbleiben?  Die Chance mit dem Auschecken haben wir vertan, aber nach Fluchtpunkt Trinidad sieht die letzte Vorhersage auch nicht aus. Wir verabreden, um 4 Uhr das neueste Wetter anzuschauen, früh genug für alle Optionen. Um 02:30 hält es mich nicht mehr in der Koje. Wetter. Waaah! Was ist das denn?

Der Fluchtauslöser

Ein riesiger rot-violetter Blubb steht da für Montagabend vor der Galeonpassage. Nix „nordwärts um die Insel“, das Ding ist wirklich ein Hit. Und hat einen Namen, es heißt ab jetzt „Bret“, mit dem vielversprechenden Titel „potential hurricane #2“. Bamm!  Der Eigner ist mittlerweile auch wach – los, wir fahren! Dieses Teil haut hier mitten rein… Nun muss man zur Definition der Begriffe sagen, dass ein „potential hurricane“ eben kein Hurrikan ist, sondern nur einer werden kann, aber „tropical storm“ unfasst 39 Knoten Wind bis zur Orkanstärke. Danke, das reicht.

Wir machen AKKA fertig, sagen uns „schiete wat auf die Behörden, das werden die verstehen“, holen den Anker auf und motoren los – Segelwind kommt erst später. Vor uns läuft ein Katamaran aus, es ist 03:30 – zwei Boote, ein Gedanke: weg hier.
12 Stunden später sind wir in der Scotland Bay, nur ein paar Meilen von Chaguaramas entfernt. Tief eingeschnitten, Mangroven ringsum. Wir legen uns zwischen zwei andere Segler, ein paar haben mit Landleinen an den Mangroven festgemacht. Haben wir hier Netz?! Nö, oder… doch! Und guck‘ mal! Bret quetscht sich in zwei Teilen durch die Passage zwischen Tobago und Trinidad durch – und nimmt an Geschwindigkeit ab. Pah! Hier sind wir genau richtig – oben in der Store Bay wird es trotzdem noch tüchtig blasen, aber das hier müsste gut sein. Müsste. Man weiß es halt nicht, und so vergehen die Stunden, bis um Mitternacht die ersten Böen kommen. Das ist schon unheimlich – AKKA unternimmt riesige Schwoireisen, wir haben 65 m Kette draußen, und manchmal zeigt das GPS eine Geschwindigkeit bis 0,8 Knoten, am Anker. Ich finde es einfach sauanstrengend, dauernd peilt man, wo die anderen liegen – bestimmt 200 m zu beiden Seiten, aber so wie gestern das „was kommt?“-Karussell fuhr, fährt in dieser Nacht das „hält unser Anker, hält deren Anker“-Karussell. Dazu regnet es hart auf die Sprayhood, natürlich tropft es hier und da. Voll gemütlich sozusagen – aber unterm Strich: ziemlich ruhig. Als es gegen 5 hell wird, ist die Erleichterung groß: das war „Bret“. Schön, Dich von hinten zu sehen! Unsere Entscheidung, nach Trinidad zu gehen, war genau richtig, finden wir. Nur 4 Meilen von der Scotland Bay, in Chaguaramas, war überhaupt nichts zu merken, die hatten den kleinen, blauen Fleck mit dem „null Wind“ geliefert bekommen.

Die Ruhe nach dem Sturm

Wir reiten zum Frühstück noch die Restböen in der Bucht ab und fahren dann rüber. Wir werden beim Zoll vorstellig. Der runzelt die Stirn, guckt streng, man schwatzt ein bisschen auf Trini hin und her, deutet an „so nicht“ – und telefoniert mit Scarborough: hier ist eine Yacht ohne Sign-Out. Hm, hm – yeah. AKKA. O.K. … „Kein Problem, unter diesen Umständen“. Da sag noch mal einer, die Trini-Beamten wären eklig und unverständig. Per Mail und auf Facebook, wo wir unsere Wetterentwicklung gepostet hatten, werden die besorgten, guten Wünsche von den Erleichterungsmeldungen abgelöst. Das war wirklich nett, Ihr Lieben! Vielen Dank!  Wir bekommen auch von überall her gute Nachricht, Store Bay hätte schlimmer sein können, die LOTTE und die PICANTE  sind tatsächlich in die Lagune umgezogen; auch die Grenader hat es nicht schwer gebeutelt. Was tatsächlich mit dem System passiert ist? Vor Trinidads Ostküste hat es sich dreigeteilt, die beiden uns bekannten kleineren Zentren zwischen Tobago und uns hindurch, ein drittes zwischen venezolanischem Festland und der Südküste, und so sind die meisten Unwetterschädsn im Osten und Süden entstanden.

So hängen wir jetzt viel zu früh im Industriehafen von Chaguaramas, zwischen Docks und Ölbohrinseln am Horizont. Venezolanische Fischer sind unsere Nachbarn an der nächsten Mooring und auch sonst kann man „Hafenkino“ sehen. Zum Beispiel wie Mama X vom großen amerikanischen Katamaran versucht, nach der Mooringboje zu fischen. Es steht uns der Sinn schon wieder nach Lästern, also haben wir das Ding namens Bret gut überstanden.
Nach dem Ausschlafen werden wir dann langsam an die Wartungsarbeiten gehen. Es tropft hier, die rostenden Schrauben in der malaysischen Fußleiste wollen ersetzt werden. Rigg, Segel, solche Sachen, die To-Do-Liste ist lang. Außerdem müssen wir Schildkrötenbabys beim Schlüfen begucken. Das alles wird ein Weilchen dauern, aber hier haben wir ja schon mal ein paar Monate gehangen – es lässt sich gut aushalten. Nur so ein „Ding“, das brauchen wir nicht noch einmal. Es war übrigens der früheste tropische Sturm in dieser südlichen Gegend seit 1851. Ein weiterer Punkt in einer wachsenden Liste von meteorologischen Superlativen. Klimawandel? Nicht doch…

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* Jamming ist irgendwo zwischen abhängen, chillen, Musikmachen anzusiedeln.

Met office – das Wetteramt

OPDM – Katastrophenschutzbüro

KFC – der Trinis liebstes Fastfood…

Ganz so ist es übrigens nicht: der Taxifahrer sagt entsetzt: „Oh no, is it coming? “ und der Zöllner in Scarborough wünscht sich dringend einen milden Verlauf „ich habe doch Landwirtschaft!“

Menschen, Tiere, Abenteuer

Palemn, blaues Wasser, Pelikane. Hat was!

Storebay/Tobago, 12.6.2017

Vor knapp einer Woche sind wir aus Suriname hier eingetrudelt. Wir hatten eine wirklich schöne Zeit in diesem braunen, modderigen Fluss, in dem ich abschließend dann doch noch ein oder zwei Bäder genommen habe.  Einerseits, um vor der Abreise mal ganz vorsichtig nach der Schraube zu tasten, ob die vielleicht völlig bewachsen ist – denn mit einem Muschelklumpen als Antrieb kommt man nicht gut voran. Eintunken und nichts sehen war eins, aber nach Jahren weiß frau ja wohin sie tauchen muss. Und siehe da: nichts zu fühlen, glatt wie der berühmte Popo. Gut! Ein zweites Bad war eher etwas überraschend… wir kommen abends von der RIver Breeze Bar, nein, ohne „geladen“ zu haben, sondern weil wir wegen eines weiteren, vollen Tages von gewittrigem Regen erst abends zum Wäschewaschen gekommen waren. Wobei – geladen hatten wir schon: die beiden 10l-Kanister Notfallreservewasser gefüllt und einen Ballon Trinkwasser vom Kaufmann schleppten wir durch die Dunkelheit. So weit, so gut. Andreas rangiert mit seinem Kanister, um sie vom wackligen Ponton ins hüpfende Dinghy zu bugsieren, ich warte aufs Einsteigen. Nun hat dieser Ponton leider eine Lücke, und wer dort hineintritt, verliert das Gleichgewicht; eine zackige Ausgleichsbewegung vom Eigner trifft mich und – splash. Hm, warme, braune Süßwasserfluten. Ich bin zwar etwas überrascht, fand es aber nicht so bemerkenswert, während dem Eigner die Sekunden, bis ich wieder auftauchte, „lang“ vorkommen. „Deine Brille?!“  Nee, die ist weg. Mist. Das vordringliche Problem ist für mich, im Dunklen und ohne meine gewohnte Hilfsleine wieder einsteigen zu können – normalerweise hängen wir dazu unsere Tripod-Liftleine über den Wulst, aber da standen nun die Wasserkanister drauf. Der Ponton zu hoch oder die Ärmchen zu schwach zum Hochstemmen, außerdem hat man bei solchen Unfällen auch selten einen bewegungsfreundlichen Badeanzug an. Der Bermudahosenknopf verbindet sich mit der Gummischeuerleiste, von Aufwärtsbewegung keine Spur. Dann kommt auch noch einer der netten Jungs von der „Cool Change“ auf den Ponton. „Can I give you a hand?“  Danke, lass‘ mal, es ist gerade kompliziert genug. Mittlerweile habe ich den Hosenknopf als Haupthinderungsgrund bestimmt und wälze mich zentimeterweise über den Gummiwulst. Das muss ein Bild gewesen sein… Mit einem „Klasse, die andern Mädels hätten gekreischt“ verschwindet der Cool-Change-Bootsmann im Dunkel. Erleichtert gackernd  schmeißen wir den Motor an und tuckern hinterher. Wir haben Springtide – Ramadan hat gerade angefangen, also ist Neumond! – und es strömt. „…pött!“ sagt der kleine Dinghymotor. „…pött-pött…“ und dann nichts mehr. Anreißen. Es strömt! Nochmal reißen. Nix..Ran an die Ruder! Es folgt ein berühmter AKKAnautenslapstick: gleichmäßiges Ziehen (die Wahrheit ist, dass wir immer zu meiner Seite fahren, wir müssen das mal wieder üben). Ich peile das Land – so richtig vorwärts kommen wir nicht. Andreas peilt die andern Mooringlieger: auf IMAGINE machen wir keinen Meter gut, das wäre das nächste, belebte Schiff. „Versuch mal mit der Startpilotdose!“. Fummel-fummel.  PSSSSCHT! Anreißen – ha, er tut’s. 5 m.  Nochmal – wir lachen halbherzig, der Eigner hat im Hinterkopf, dass man vielleicht auf Netties  Boot bis zum Stillwasser abwarten kann.  Noch ein Versuch.  Nix. Da knätert es von vorn – auf COOL CHANGE wohl wurde gerade die Seeelefantennummer vom Ponton beschrieben, als sie uns fluchen und lachen hören und brechen zu einer SAR-Aktion auf. Peinlich, peinlich. Ist nämlich nicht das erste Mal, mir war der Motor einige Tage zuvor schon mal ausgegangen…
Das Ganze mündet in nächsten Tagen in ein paar Stunden Diagnose- und Reinigungsarbeiten. So ganz genau wissen wir nicht, warum der Motor jetzt läuft und sitzen fortan entsprechend gespannt im Beiboot. „Pött?!“  Bislang alles pött-pött-pött-pött.

Und nach diesem abenteuerlichen Abend muss der Surinameaufenthalt zu Ende gehen, obwohl es ein paar wirklich außergewöhnliche Begegnungen gab. Außer der COOL CHANGE – 3 junge, filmemachende Männer, 2 Hunde, 1 Katze; man beachte insbesondere unseren Freund „Capt’n Peanut“! ) noch interessante Landreisende, zum Beispiel die Besatzung von „Cuthbert„, einem britischen IVECO Daily auf großer Südamerikarunde, der mittlerweile vielleicht schon auf der gruseligen BR 319 im Amazonas ist. Lustig, Erlebnisse abzugleichen und festzustellen, dass die beiden das Landreisen im Vergleich zu unseren Reisen ein bisschen „zahm“ erscheint. Finden wir gar nicht,  dazu muss man sich mal Cuthberts Strecke durch Lencois in Brasilien angucken. Der absolute Hammer ist aber ein Jeep vom Typ „Stadt-SUV“ mit kanadischem Kennzeichen und einem rundlichen, stinknormalen Wohnanhänger dran. Das sind Tanja und Sergey, Canado-Russen, die gleich nach „Gorbi“ in den Westen gemacht haben, nämlich nach Toronto. Auf dem Wohnanhänger(chen) kleben denkwürdige Aufkleber: Alaska. Mexico. Honduras. Guatemala  und so fort. Sergey und Tanja sind mit dem Gespann tatsächlich bis Suriname gekommen. Inklusive Amazonas, letzteres allerdings dann doch nicht über die „dangerous road“ BR 319, sondern fast ebenso abenteuerlich mit einer Holzfähre via Porto Velho. Abendfüllende Geschichten!  In Paramaribo musste sich Sergey – wegen der Aufregung?! – schnell zwei Koronarstents legen lassen, aber demnächst geht es weiter. Ziel Ushuaia. Und zur BR 319, die er für wenige Kilometer „probiert“ hat, sagt Sergey: da hat der IVECO keine Chance, da stecken Militärfahrzeuge für Tage und Wochen. Leute gibt’s! Wir werden Cuthberts Berichte verfolgen.  Ihr seht, wenn wir  selbst auch wenig zu berichten hat, zu googeln gibt es immer was.

Dann kommt das Ausklarieren, sehr witzig, weil wir zunächst mal fehlgeleitet werden und auch keinen Clearancestempel irgendeiner Art kriegen. Am Sonnabend die Abfahrt. Ein letzter surinameischer Regenschauer drückt uns in den Atlantik. Alles prima. Alles prima?  Schon, bis auf einen Besuch von Murphy, Ihr wisst: Murphy’s Law. 2. Nacht. Schipperinnenwache, 23:00, wir befinden uns vor der Küste Guyanas. In der Ferne hinter dem Horizont  ein flammendgelber Leuchtkegel – an einerm der Seamounts wird gefischt, was das Zeug hält. Vereinzelte Fischereifahrzeuge in Sicht.  Das Radio krackelt: „… the vessel in position…“. Einmal. Zweimal. Beim dritten Mal bequeme ich mich zu schauen, wo denn das gesuchte Schiff sich befinden soll – oh, shit! Das sind ja wir!  „…this is sailing vessel AKKA, do you read?“  Ja, sie hören mich. Ein seismologisches Forschungsschiff, sicher nicht von ungefähr in der Region der Unterseegebirge unterwegs, bittet um Abstand, 8 Meilen hinter dem Heck, 3 Meilen an jeder Seite und am Bug. Herrje, aufschreiben, nachfragen, trotzdem deren Kurs noch falsch notieren. Inzwischen ist der Eigner aus der Koje gerollt: „… was ’n hier los?“ Feindberührung ist hier los. Wir nehmen die Segel weg, kriegen für die nächsten 1 1/2 Stunden einen Kurs diktiert, alles gut. Ich spreche mit dem Forschungsschiff. Dann ruft der „Wachhund“, Aquarius D, mich nochmals, ich antworte – aber nix da, mein Ruf kommt nicht an. Hin und her, probieren, vergebliches Rufen: unser Funkgerät ist im Eimer. Handfunk aus dem Notgepack holen – und nun betritt Murphy endgültig das Boot: das Gerät empfängt ebenfalls nur und sendet nicht. Und wo ist, Mist, Mist, Mist, die zweite Handfunke? Dann muss es ohne gehen. Es geht auch – in der Hoffnung, dass wir hören, weist man uns an, weitere 20 Grad abzufallen. Wird gemacht. Wir starren auf den Christbaum auf dem Arbeitsschiff – wir sehen die kleine Gruppe auch auf dem AIS –  und halten einen längeren Disput „… da kommen wir nicht vorne rum, wir müssen den Kurs ändern!“ und „… aber die verlassen sich darauf, dass wir Kurs halten…“ ab, Andreas entscheidet nach Osten abzulaufen – ich bin dagegen, weil das rein logisch deren Weg nach Ablauf der 1 1/2-Stundenfrist sein muss, zurück zu den Seebergen. Aber wir machen’s und schon quakt es auf dem Arbeitskanal „… die läuft nach Osten!“ Wir gehen auf den verabredeten Kurs zurück. „Jetzt ist sie wieder zurück auf Kurs“ . Toll, man spricht über mich: „… ich habe sie leider nur auf einem Radar, wir müssen sie gut im Auge behalten…“ So intensiv haben schon lange keine Männer hinter mir her geguckt. Andreas erhöht die Drehzahl, was ich hasse wie die Pest („der arme Motor!“), aber ganz langsam sehen wir einen Fortschritt, und so schleichen wir in der verabredeten Distanz vor dem unheimlichen Gespann durch. Erst die Buglinie, dann, hurra, ich sehe grün! Wir sind durch!  Tschüss Murphy. Kurs Trinidad. Zwei Tage später sind wir da.

Frühstück auf See. DIe Butterdose fällt natürlich auch immer aufs Gesicht.

Sollte sich jemand fragen, was da mit unserer Funkausrüstung los war – schon beim nächsten Frühstück präsentiert mir der stets forschungsbereite Eigner ein Foto von den Innereien unseres Funkhörers: während der Funkgespräche ist die äußerst zarte Lötung der Sprechtaste gebrochen. Ein Freund und Funker aus Chaguaramas ist mittlerweile nach Tobago gezogen, das erweist sich als praktisch, und der erklärt sich bereit, seinen Lötkolben für uns zu schwingen. Und vermutet beim Handfunkgerät den Akku als Fehlerquelle: schon mal probiert, ob der Ausfall bei Akkuwechsel von einem zum – mittlerweile in der Blitzschutzkiste gefundenen – Zweitgerät mit wandert?  Tut es. Der Akku ist schuld. Murphy hat fertig!
Wir hängen jetzt noch eine Weile hier am Anker, und ich finde es herrlich. Vom Strand schallt es socamäßig, und war zunächst noch der Eindruck eher „naja, Südpazifik war aber schöner..“ machen die ersten Fahrten mit den üblichen wilden Taxis alles wett. Eingepfercht mit 5 Leuten in reggaewummernden Autos, die von Federbeindefekt über kaputten Auspuff bis Radlagerschaden alles zu bieten haben, fahren wir zwischen Storebay und Scarborough hin und her. Einklarieren, SIM-Karte organisieren, einkaufen. Spaß à la Karibik. Klares, blaues Wasser.  Der Anker – nach so vielen Monaten! – mal wieder von oben zu sehen. Schwimmen. Pelikane, Fregattvögel – und die AKKA-Gans.

Limbo Teego!

Domburg, 26.5.2017

Freitagmorgen. Leben im Fluss:  da muss man schon mal frühmorgens das Schiff von einer Insel entlasten, die mit dem Strom flussabwärts gereist ist. Ich gucke aus dem Cockpitfenster, da steckt das Dinghy – steuerbords in Deckshöhe hängend – in einem Wald fest. Na, so was. Nach kurzem Überlegen, ob sich das Problem im demnächst kenternden Strom von selbst lösen wird – der Eigner leidet an den Folgen des Leberwurstverzehrs vom Vorabend! –  fangen wir gemeinsam an zu stochern und zu schieben. Gut Ding will Weile und auch Kraftaufwand haben, aber die Sicherheit der Mooring ist uns in diesem absolut unsichtigen Gewässer wichtig, und so eine Insel hat ja die Tendenz, sich maßlos zu vergrößern und schwerer zu werden.  Wenn die Mooring dann nachgibt, geht es flussab mit der AKKA – Ziel: Paramaribo – oder flussauf. Wenn wir Glück haben, bleiben wir im letzteren Fall an COOL CHANGE hängen oder der IMAGINE. Nö. Nach etwas Frühsport winken wir der Insel hinterher. Wir haben ihr eingeschärft, auf dem Rückweg, das ist am frühen Nachmittag, woanders Stopp zu machen…

Ein schöner Fluss ist das. Am vergangenen Wochenende haben wir ihn in vollen Zügen genossen. Am Freitagmorgen ging es los, mit dem Auto nach Atjoni, am oberen Suriname Rivier. Die Anfahrt… naja. Die Straße ist in Höhe der aufgelassenen Aluminiumschmelze derartig schlecht, dass wir schon Plan B im Kopf haben – wenn das für die nächsten 100 km so weitergeht, machen wir ein Wochenende zuhause, denn um das Ziel Botopassie zu erreichen, muss man nochmals 2-3 Stunden mit der Piroge fahren. Allerdings ist die üble Strecke hinter der Aluschmelze rasch zu Ende. Gegen Mittag Atjoni – Endhaltestelle für Pirogen auf dem Suriname, das große Bootstaxigewühle. Säcke, Kinder, Mama, Opa – alles wird vom Einbaum auf klapperige Kleinbusse umgeladen und umgekehrt. Das Auto lassen wir, wie empfohlen, auf einer Wiese neben der Polizeistation stehen – wobei sich die Frage stellt, wer ein Auto wie unseres klauen will, das höchstens noch zu Ausschlachten taugt. Wir fragen nach Sando und werden mit einem Abfahrtzeitpunkt um 13:30 beschieden; Zeit für gebackene Bananen und eine Portion Bami aus „Nancy’s Eetwinkel“. Ringsum alles bunt und laut und wirbelig, stets ein Genuss; wo immer es nur noch mit dem Boot weitergeht, macht sich bei uns ein „Outpost“-Gefühl breit. Mit zwei holländischen Krankenschwesterschülerinnen hopsen wir auf die schaukelige Piroge, es kommen noch ein paar Kästen und Taschen und die dazugehörigen Menschen hinzu, und dann knätert der 40PS Yamaha – sehr beliebt! – los, bergauf. Man sitzt auf Brettern und etwas angejahrten Schaumgummikissen auf dem Einbaumboden und schiebt so durch kleinere Stromschnellen. Mal öffnet sich die Landschaft, mal ragen Regenwaldriesen einzeln aus dem Sekundärwald, dann wieder hat man den Eindruck eines echten Urwaldes. Außer Vögeln gibt es nicht viel zu schauen – ab und zu eine Siedlung, ein Waschplatz, eine Taxihaltestelle, eine Gesundheitsstation. Unter Gequackel – nicht verständlich! – werden Taschen abgeladen. Fummel-fummel, das vor dem Wind und Regen schützende Schultertuch wird zum Polsterring, auf den Kopf damit und den Korb mit Einkäufen obendrauf, die Passagiere verschwinden im Grün. Wir haben Regenzeit, der Wasserstand ist hoch, die Untiefen – reichlich dicke, rundgewaschene Granitklötze – ragen nur noch wenig aus dem Wasser. Ein trügerisches Gewässer – zu Trockenzeiten kann die Fahrt 4-5 Stunden dauern, im Zick-zack um die Untiefen.   Weitere Stromschnellen der moderaten Art, vorbei an mehreren kleinen Lodges (was man so „Resort“ nennt – hübsch, aber doch eher unauffällig) und unter Regenwolken hindurch. Gut, dass wir einen Schirm dabei haben… 2 1/2 Stunden dauert die Reise, aber ehe der Hintern vollends platt ist, sind wir da.

Der Zielort ist nicht so urwaldig wie erwartet: am Ostufer liegt das Dorf Botopasi, gegenüber sitzen auf einer Lichtung 6 kleine „Wosu“ genannten Häuschen und das Hauptgebäude unseres Wochenendquartiers, das Botopassie-Hotel. Rucksäcke ins Wosu und „plumps“. Susan bekocht uns, man sitzt mit ihr und den vier anderen Gästen am langen Tisch und plaudert ein bisschen deutsch-holländisch-englisch, wobei herauskommt, dass wir alle Lust haben, am nächsten Morgen nach Botopasi hinüberzufahren und eine Wanderung ins nächste Dorf zu machen.
So geschieht es. Der Haus-Einbaum für solche Ausflüge ist ein bisschen kleiner, entsprechend wackeliger und auch nur mit 15 PS motorisiert – die Einheimischen sitzen allerdings bewundernswert locker, balancieren auf dem Rand um ihren Platz zu finden. In Botopasi erwartet uns unser erstes Saamacca-Dorf. Die Leute gucken kaum auf. Nicht unfreundlich, nur scheu. Oder der Touristen überdrüssig, die doch ab und zu herübergeschaufelt werden? Lindie wird später sagen: „… nur schüchtern!“ Eine der Dorflehrerinnen – insgesamt 9 für 150 Schüler plus Kindergartenkinder – zeigt uns die Klassen, berichtet über Schulsystem und Erfolge, erzählt vom Leben als Paramaribo-Großstadtpflanze im Wald – ihre kleine Flucht: mit dem Buschflieger am Wochenende in die Disco! Und sie führt ein kleines Umweltprojekt vor: „Limbo Teego“, „auf immer sauber“ heißt das auf Saramaccan und dient der Umwelterziehung der Kinder und der Aufklärung für Erwachsene. Nach 6 km durch den (Sekundär-)Wald erreicht man das Dorf Pikin Slee und das Saamakan Marron Museum. Der Besuch ist anstrengend, weil auf niederländisch, und es überschlagen sich so viele fremde Informationen über die Lebensweise der Saamaka, wie sie eigentlich heißen, dass die Übersetzung von unseren Mitwanderern lückenhaft bleiben muss. Wie schön wäre es, wenn man das auf Englisch nachvollziehen könnte, aber selbst die Website ist einsprachig. Ich finde, da gibt es Nachrüstungsbedarf. Jedenfalls zeigt das Museum nicht nur Pütt und Pann wie ein Dorfmuseum, sondern vermittelt einen Eindruck über das sehr autarke Leben der Maroons in Guyana.
Die Saramacca sind einer von 6 Maroon-Stämmen in den Guyanas und zugleich der größte – die Ndyuka bilden eine weitere, sehr große Gruppe, die vier anderen umfassen 30.000 Menschen zusammen. Maroon ist eigentlich ein Überbegriff für entflohene, afrikanische Sklaven der Zuckerplantagen, in den Guyanas begann die Stammesbildung schon im frühen 18. Jahrhundert. Aus der Führung im Museum geht ziemlich eindrücklich hervor, wie dieses Leben im Busch war: eine matrilineal geprägte, polygame Gesellschaft mit sehr starken Regeln – und so sind die Dörfer bis vor einiger Zeit noch organisiert gewesen. Alle Dörfer befinden sich am Fluss, dem einzigen Verkehrsweg in die Außenwelt, die Lebensgrundlage sind Jagd und Gartenwirtschaft. Der Bürgerkrieg in Suriname in den 80ern hat allerdings viel zerschlagen, nicht nur materiell, sondern auch an sozialer Bindung, viele Saramaccans sind nach Französisch-Guyana geflohen. Darüberhinaus wurden nur wenige Kilometer südlich von hier viele Dörfer umgesiedelt, weil man für die Aluminiumschmelze einen riesigen See zur Stromerzeugung angestaut hat. Dennoch werden Traditionen immer noch hochgehalten, und wenn es nur die traditionelle Kleidung der Frauen ist, mit einem ehestandsanzeigenden Tuch um die Hüfte. Oder ihre wunderschöne Frisur aus 3 oder mehr in die Kopfhaut geflochtenen, dicken Zöpfen. Lindie, der im Hotel arbeitet und Initiator der Limbo Teego-Bewegung ist, konnte uns noch ein bisschen zu diesem Lebensstil erzählen, und wusste auch zu berichten, wie schwer es für einen Jungen aus dem Wald ist, in der Stadt Fuß zu fassen. Wahrlich aus dem Wald – die Eltern hatten außer der Behausung im Dorf ein Waldcamp, das man durch stundenlanges Paddeln und lange Fußmärsche erreichte. Dass der Übergang auf eine weiterführende Schule nicht einfach ist, lässt sich denken. Weg von fest gefügten Stammesstrukturen, weg von den Hühnern, die nicht der Nahrung dienen – weder das Fleisch noch die Eier-  sondern rituellen Zwecken. Fort vom selbst gemachten Spielzeug. Fort von den Einweisungen in die Jagd. Seine Schüchternheit hat Lindie definitiv abgelegt – er erzählt offen und mit viel Fröhlichkeit, auch wenn er der Samaraccan-Kultur für die Zukunft keine wirkliche Chance gibt. Die Kinder – das wurde auch im Museum betont – werden in dem Moment, wo sie ins Erwachsenenleben eintreten und die entsprechenden Fähigkeiten erwerben sollen, weggeschickt. Weiterführende Schule… gut? Schlecht?  Rap ist bei den Kindern angesagt – die traditionelle Musik wird bald nur noch Folklore sein, sagt Lindie.   Noch ist es eine einigermaßen lebendige schwarzafrikanische Kultur in Südamerika. Von Hari, dem Taxifahrer, wird sie schlecht gemacht – uns hat beeindruckt, wie lange sich das überhaupt halten konnte.
An wie vielen Stellen in unserer Gesellschaft passiert das? Uns fällt der Aborigine-Häuptling aus dem Northern Territory ein, der sagte: „…. wenn die Jungs mit der Baseballkappe falsch herum nach Hause kommen, nehme ich sie mit hinaus in die Wildnis…“ Alles zu spät?  Vermutlich alles zu spät.

Am Montag nehmen wir die Piroge zurück nach Atjoni und sehen „Saamaka“ mit etwas anderen Augen. Ich fische eine treibende Plastikflasche aus dem Fluss, der Bootsführer macht sogar einen kleinen Schlenker. Limbo teego. Forever clean. Wenigstens das sollten wir vorantreiben.

Da fliegt es…

Domburg, 18.5.2017

„… da fliegt es…“ war ein Spruch meines Vaters, als er im äußerst rostigen Renault Dauphine meiner Schwester das Dreiecksfenster öffnete, ein letztes Mal, es brach nämlich heraus… Erinnert sich da jemand?
Nichts dergleichen heute beim Start der Sojus, die SES 15 in die Umlaufbahn bringen sollte. Leider ohne uns – wir waren eine Stunde zu früh auf Beobachtungsposten und haben uns dann enttäuscht abgewendet… Kann ja mal passieren!  Aber wir hätten sie wohl ohnehin nicht gesehen, da sie genau nach Osten gestartet wurde.
HIER FLIEGT SIE !  Ich find’s immer wieder beeindruckend. Irgendwie ganz schön… Technik. Und Mathe. Und all die anderen Sachen, für die ich zu dumm bin!

Roulez à gauche!

Domburg, 17.5.2017

Roulez à gauche – fahren Sie links! Viele solche Schilder haben wir in den letzten Tage gesehen, die ganze West-Ostverbindung zwischen dem Suriname Rivier und dem Marowijne Rivier ist damit gepflastert.

Samstagmorgen: eine der beliebtesten AKKAnautenübungen. Frühes Aufstehen, um 5. Die Schipperin muss noch ihren Rucksack packen, der Eigner rollt dann auch bald aus dem Bett, weil wir AKKA für ein paar Tage allein lassen wollen: wenn wir schon in der Gegend sind, wollen wir endlich das Raumfahrtzentrum in Kourou anschauen. Nach etwas Telefonieren hatte ich den Chef überreden können, dass es einfacher ist, das Suriname-Auto in Albina am Marowijne Rivier stehen zu lassen, eine Piroge zu nehmen und in St. Laurent – gleicher Fluss, anderer Name: Maroni – ein zweites anzumieten. Die Besitzer unserer Moorings wiederum überzeugen uns, dass es schlecht ist, das Dinghy an Land anzuschließen, gerade übers Wochenende mit reichlich Besuchern, also soll Bep uns abholen. Bep betreibt eines der Fährboote zwischen Laarwijk und Domburg. Telefon… nee, 6 Uhr ist zu früh, 06:30 ist zu früh… um 7 will er da sein. Der Schipperin wird schon leicht schwindelig (hat Comey gesagt, finde ich gut: „I feel mildly nauseous…“), denn immerhin müssen die 170 km wahrscheinlich schlechter Straße, die Grenzabwicklung, die Pirogenfahrt und die anschließende Wanderung zu Budget bis 12 Uhr erledigt sein. So weit, so gut, Bep ist dann auch um 7:20 da, mit Singvogel im Käfig (der pfeift uns aber nix), und off we go. Der Schwindel legt sich rasch, denn es ist Samstag, der Verkehr nach Paramaribo fließt ungehindert – ein totales Wunder, denn von der Masse an mehr oder weniger klapperigen Autos, die wochentags durch die Stadt stocken, macht sich der geneigte Leser keine Vorstellung. Wenn man nicht im Stau steht, ist jede Fahrt nach Paramaribo eine mit „drempels“ gepflasterte Strafe. Drempel – English: sleeping policeman. Deutsch: Schwelle zur Geschwindigkeitsbeschränkung. Sehr effektives Mittel zur Verkehrsstauerzeugung – so wie viele andere Autos hier setzt auch unsere alte Toyota-Schlurre mit ihren weichen Stoßdämpfern gern auf, da reduziert man auf unter Schrittgeschwindigkeit; wahrscheinlich ist diese der Grund, warum hier große und kleine SUVs beim betuchteren Teil der Bevölkerung so beliebt sind. Drempel riders! Sehenswert auch die natürlichen „drempels“ – unterspülte Straßen scheinen einfach mit Asphalt übergekleistert zu werden, das macht schlimmer als „schwere Frostschäden“ in Europa, und meine Lieblingsstelle ist die vor dem Marinestützpunkt Boxel. Hier wurde die Straße vor vielen Jahren mit Ziegeln gepflastert.  Mann, Mann, Mann – solche Löcher.  All das vor Augen, sind wir überraschenderweise schon nach 25 Minuten oben auf der 150 m hohen Brücke nach Osten und winken AKKA in der Ferne zu. Das flutscht ja heute, und tatsächlich, bis auf einen strengen Polizisten, der uns anweist, bei der nächsten Polizeistation einen Surinameführerschein zu beantragen (da Aufenthaltsdauer über 14 Tage!) legen sich uns kaum weitere Hindernisse in den Weg. Bis auf gelegentliche, vom Gegenverkehr durch wildes Lichthupen angezeigte Radarkontrollen. Ortschaften gibt es hier so gut wie keine. Moengo,  Alphonsdorp, das war’s. Um 10 sind wir im Grenzort Albina und irren nun doch noch durch ein finales Schlaglochfeld  – schlecht, wenn die Löcher so groß sind, dass man sich fragt, ob es nicht vielleicht zu tief für uns ist? – und zickzacken um zahllose Einkäufer, die den Straßenmarkt bevölkern. Ein Nest am Ende der Urwaldwelt mit hoher Populationsdichte, so schaut es aus. Das Auto bringen wir an der Brandweer unter – die Empfehlung ist, Behördenparkplätze zu nutzen, das tun wir brav, und die Feuerwehr verdient sich ein winziges Zubrot, 7 SRD pro Tag Parkgebühr… Zoll. Wir sind schon von einem Pirogenfahrer gekeilt worden. Was wird’s kosten? Jetzt kommt mal ein Bekennerschreiben – wir wussten, dass es diesen doofen Trick gibt, aber dass es uns erwischt… Abzocke. Keine weiteren Fahrgäste, also mietet man die ganze Piroge. Für wieviel? Man wagt es nicht zu sagen – das 6 fache des Normalpreises für Touristen. Ihr dürft später selbst rechnen!  Aber drüben ist drüben, die exklusive Piroge geht in Ordnung, auch wenn sich flussabwärts ein unablässiger Strom von Booten hin und her bewegt – aber schließlich sind wir ganz offiziell ausgereist, damit wir bei der Rückfahrt keine Wiedereinreiseschwierigkeiten haben. Machen außer uns… die allerwenigsten. Drüben angekommen laufen wir durch’s Städtchen, vorbei am Markt, am Fußballfeld, am Friedhof. Dahinter verbirgt sich Budgetstation, die unsere Reservierung natürlich nicht erhalten hat, das heißt – das Computersystem schon, denn das hat uns eine Bestätigung geschickt, aber was geht das kleine Containerbüro das zentrale Computersystem an?!. Dennoch: wir kriegen einen VW Up! und überlegen mal wieder, wieviel mehr Auto der Mensch eigentlich so benötigt, wenn überhaupt. Alles prima, mission accomplished! Wir sind in Französisch-Guyana. Roulez à droite!

Der Nachmittag beginnt mit einem Besuch zum Mittagssnack bei Davide und seinem „Café des Amis du Rallye Nereides“, das ist eine kleine Flotillensegelveranstaltung von Trinidad durch die Guyanas; wer mal gucken will, folgt diesem Artikel der ATANGA. Wer bei Davide die Beine ausstreckt, berührt die EU-Außengrenze. Witzig!
Danach das Pflichtprogramm: Camp de Transportation, das „Bagne“ von St. Laurent – eine Führung mit Claude. Ziemlich anstrengend, weil vollends auf Französisch und ein ziemlich rappeliges, gefärbtes dazu. Claude ist ein echter Guyanais mit einem Amerindiogesicht und hat 101 Geschichten zu erzählen. St. Laurent war eigentlich ein Durchgangslager für frisch angekommene Deportierte und gilt als das freundlichste der Lager in Guyana, mit der Einschränkung, dass man sich mehr als leicht eine Strafverschärfung einhandeln konnte, zum Beispiel durch Unbotmäßigkeiten aller Art, und wenn es gar zu schlimm wurde, landete man statt in den Massenlagern in Einzelhaft oder gar am „Galgen“. Todesstrafe übrigens nur für Kapitalverbrechen an Personen außerhalb des Lagers – wenn sich die Insassen gegenseitig umbrachten, war das vernachlässigbarer Schwund. Überhaupt: Todesstrafe – die „Bagnes“ von Guyana wurden als „trockene Guillotine“ geführt; die Haft an sich führte vorzeitig zum Tode. Es gab zwar auch die mobile Guillotine in St. Laurent, nur 40 mal wurde sie benutzt – dennoch überlebten in Guyana die Häftlinge bzw. Deportierten ihren Haftbeginn im Schnitt nur um 3,5 bis 5 Jahre, da brauchte es keine Guillotine. Wir bekommen eindrücklich die folterartigen Fesselmetoden in den Spezialzellen vorgeführt, und nebenbei auch, was in den Massenlagern, wie wir sie auf der Ile St. Joseph gesehen hatten, alles so vor sich ging. Anketten mit Fußfesseln von 19 bis 5 Uhr. Wer pinkeln oder anderes musste, hatte die Wahl: lecker laufen lassen, das freut in einem für 40 konzipierten Massenlager, das häufig aber mit 80 Männern belegt war. Oder sich gegen Bezahlung den Gang zur Latrine erkaufen, mit was auch immer. Die Latrine war am Ende des Saales positioniert und hieß auch „chambre d’amour“. Fußfessel aufschließen als „Liebesdienst“. Und was der Grauslichkeiten mehr sind. Der gesamte Bagne-Apparat in Guyana diente der Säuberung der Metropolregion Paris: von Vagabunden, Hausierern, Kleinkriminellen und nicht zuletzt der politischen Opposition, Napoleon III war nicht zimperlich; und selbst wenn es in St. Laurent vergleichsweise sanft zuging…  nicht schön.
Danke Claude für die Führung. 40% haben wir mitgekriegt – mir wurde schon wieder „mildly nauseous“, wenn ich an die ebenfalls französische Führung in Kourou dachte, aber bis dahin: Entspannung bei französischem Essen. Mit ebenso französischen Gendarmen. Schicke, durchtrainierte Jungs in rauen Mengen!
Sonntagfrüh. St. Laurent du Maroni schläft. Eine einzige Kneipe scheint geöffnet, glücklicherweise sehen wir Kaffeetassen vor den rauchenden Männern stehen. Frühstück a la française, das heißt: Kaffee und Croissant, im Beiprogramm ein Elsässer am Nebentisch, der sich über ein paar Deutschübungen freut. Ringsum, sagt er, die übliche Sonntagbesetzung, ausschließlich Männer, vorwiegend Arbeiter, die sich hier auch zu technischen Problemen austauschen. Und mittendrin dieser baumlange, schon etwas angejahrte Mensch, der uns fragt, ob wir denn auch noch „in den Wald“ wollen. Hm, sagen wir, schon – haben wir für Suriname geplant. Dieser Kerl, Rentner mit einem Nebenjob bei der Grenzpolizei, hat ein Hobby, und das heißt: Wasserfälle; besser: unkartierte Wasserfälle. Man geht ab und an mal mit dem Flugzeug auf Erkundung aus der Luft, sucht sich einen Wasserfall aus, notiert die Position, und versucht, das Ding zu Fuß zu erreichen. „Wichtig:  geheimhalten!  Bloß keine Position verraten!“. Eine sehr mühsame Angelegenheit, bei der ihm dann auch rasch die Zigaretten, die er vor unseren Augen kettenweise raucht, ausgehen. „… nee, da gibt es dann auch keine Chinesen mehr, die einem was verkaufen. Ist die ersten Tage etwas unangenehm ohne die Raucherei…“  Ein Wasserfallsammler. Abenteurer, würde ich sagen – dieses Land, seine Tiefen, der ganze unerschlossene Süden sind höchst faszinierend. Es geht in unserem Gespräch aber auch um das Zusammen- oder Nebeneinanderleben der Ethnien und Nationen in St. Laurent bzw. dem Departement Guyana – mit den Brasilianern und den Indios geht’s leicht, die Maroon sind schon eher ein Problem; das sind die afro-amerikanischen Stämme, hier die Ndyuka, die über lange Zeit recht isoliert im Süden der Guyanas in den Wäldern gelebt haben, jetzt aber mit Macht in die Städte drängen. Konfliktpotenzial… Deswegen sind die starken Jungs aus Frankreich hier, die Gendarmerie, die für ein Viertel- oder ein halbes Jahr verpflichtet werden.

Wir brechen auf, es sind noch 200 km bis Kourou. Das kennen wir von unserem Besuch mit AKKA 2008 und versuchen nun, uns in einer sich rasch entwickelnden Stadt wieder zurechtzufinden. Gar nicht so einfach. Haupträtsel: der Supermarkt und die Apotheke, wo es damals Lesebrillen und Antihistaminika gegen Hitzepickel gab, eine kleine Meinungsverschiedenheit als Sonntagsvergnügen. Als das Rätsel gelöst ist, können wir uns getrost dem Angebot des „Glacier des 2 Lacs“ hingeben – so ein leckeres Eis, und so schön schlecht wird einem von den Mengen! Der Verdauungsspaziergang fällt prompt ins Wasser, ins von oben rauschende, aber es rauscht nur kurz. Zum Feierabend steht über dem Leuchtturm ein wunderschöner, großer Macao-Ara in den Böen, über den benachbarten Mangobäumen ein zweiter. Rote Blickpunkte vor Gewitterwolken.

Montag. Nochmals Frühstück à la française, dieses Mal in der Totaltankstelle. Nicht unbeliebt um 7 Uhr in der Früh, sicher frequentiert von vielen Mitarbeitern des Raumfahrtzentrums, das nur wenige Kilometer entfernt liegt.
Unsere Tour stellt sich als wirklich lohnend heraus: zunächst das Kontrollzentrum für die Einsatzleitung, die höheren Chargen, für die Wissenschaftler, Politiker, Presse.  Dann das noch wichtigere, in einem weit abgelegenen Bunker liegende für die Techniker. Die Gebäude für den Zusammenbau der Arianeraketen und die Endmontage der Satelliten. Das Launchpad – alles mit viel informativen Fakten dargeboten, absolut sehens- und hörenswert; und entweder rutscht es heute schon besser als noch im Bagne von St. Laurent, oder die beiden Guides, Lucie und Renata, sind einfach besser zu verstehen. Nicht zu sehen bekommen wir das Sojus-Launchpad, denn dort wird ein Start vorbereitet; morgen, am Donnerstag um 08:54 werden wir an den Himmel starren! Interessant übrigens die Stammbesatzung für das Gelände, neben Polizei und Gendarmerie auch die Feuerwehr, bei der wir uns schon auf der Île Royale gewundert hatten, was die – auf einer Plakette verzeichnete – Pariser Feuerwehr hier zu suchen hat. Es sind nicht einfach die „pompiers parisiens“, sondern eine Militäreinheit, die auf Explosivstoffe spezialisiert ist, und die auch die ersten sind, die den Startbereich nach einem Abschuß wieder betreten. Das Wachpersonal: die Fremdenlegion für den europäischen Teil der Startpads und die dazu gehörenden Gebäude, eine russische Eliteeinheit für den Sojusbereich; bestimmt alles ganz zarte Kerlchen. Dass hier überhaupt Sojus abgschossen werden liegt an einem Chartervertrag, den die ESA bzw. CNES insbesondere für das Galileo-Programm geschlossen hat. Dessen GPS-Satelliten sind für die kleine VEGA-Rakete zu dick, und für die Ariane zu klein, es sei denn, man schickt gleich 4 auf einmal hinauf. Im Vergleich zum schon verlinkten Start der großen (aber nicht mit der gigantischen Saturn der Amerikaner zu vergleichenden) Ariane hat die Sojus einen recht einfachen Start – rein kerosingetrieben geht das 6-5-4-3-2-1-bumm, décollage“. Fertig. Da hat es die Ariane schon schwerer – faszinierend zu sehen: 4 Antriebseinheiten – die beiden Booster mit Festbrennstoff, einem Aluminiumperchlorat namens „Propergol“, in der Mitte der „vulcan“-Motor mit dem riesigen Zentraltank, der mit Sauerstoff und Wasserstoff gefüllt ist, und oben drauf noch einer für kryotechnischen Treibstoff für die Endphase, in der der Satellit seine neue Heimat erreicht.
Zum Abschluss ein Film über die ziemlich wertvolle und penibel kontrollierte Ökologie des Areals – mit Jaguar und Anaconda und was sonst so kreucht und fleucht. Ihr seht – mir hat’s gefallen. Das kleine Museum auch – das stopfte noch einmal ein paar Verständnislücken. Wenn man so die Nase an einen Vulcan-Motor hält, fragt frau sich, was eigentlich an einer Fahrradnabe oder der Oberfadenspannung an meiner Bernina so schwierig ist. Guter Besuch!

Nebenbei gab es noch eine weitere Begegnung mit einem Franzosen, der einige der unangenehmeren Details zum Leben in Französisch Guyana beisteuerte. Als da wäre: die Tatsache, dass Ndyuka und andere Stämme aus allen Teilen der drei Guyanas nach „Frankreich“ strömen, um an den Segnungen des französischen Sozialnetzes teilzuhaben. Dazu muss man allerdings die Kinder in die Schule schicken, dann ist alles geritzt. Ein merkwürdiges Kontrollmittel. Ob’s stimmt? Schwangerschaft ist auch eine Berechtigungsgrundlage, also sorgt man dafür, dass die Mädchen sehr früh schwanger werden, 11-jährige Mütter sollen keine Seltenheit sein. Angeblich fahren auch Busse aus Paramaribo nach Albina, wo man sich zwecks kostenfreier ärztlicher Behandlung nach St.Laurent übersetzen lässt. Wir sind perplex – das erklärt den regen „kleinen Grenzverkehr“, den wir auf dem Maroni gesehen haben, zumal Claude zu berichten wusste, dass man natürlich zum Einkaufen nach Suriname führe. Ob möglicherweise die Freizügigkeit dieses Grenzverkehrs auch für Stabilität in der Region sorgt?  Im Süden dringen die illegalen Goldgräber aus Brasilien über die Grenze – da fragte auch der frankreichkritische Claude schon, warum man das nicht unterbinden kann und das Gold für die eigene Provinz ausbeuten. Ich fürchte, die Frage ist einfach zu beantworten: das ist schlicht zu unübersichtlich, dichtester Urwald, kein Weg, kein Steg. Xavier sagt: da sind richtige Städte im Wald, mit allen Klassikern eines Goldrausches –  Kneipen, Bordelle, Selbstjustiz. „… und dann kommt die Gendarmerie und bittet die Herren, das Land zu verlassen. Wenn die Polizei abrückt, sind sie am gleichen Tag wieder da.“ Hm… (Gold)Räuber und Gendarm. Doofes Spiel. Frankreichs problematischstes Département.

Zurück nach St. Laurent. Wir haben drei ziemlich gute Tage erwischt in dieser regenreichen Jahreszeit. Sagte ich schon, dass die Regenzeit nicht nur gemütlich ist?  AKKA kriegt regelmäßige Essigpackungen, gegen den Schimmel… Wie sie wohl aussieht, wenn wir wiederkommen?

Dienstag. Die Pirogenfahrt für üppige 8 Euro, der normale „weiße Franzosen-Tarif“ (braune und weiße à 4, schwarze Leute à 3 €!). Wir besuchen kurz Moengo, ein Städtchen, das mit ehemals sicher hübschen und geräumigen Wohnhausern glänzt. Glänzte – denn heute steht das meiste leer und ist dem Verfall preisgegeben; der Bauxitabbau ist versiegt, die Hafenanlagen am Fluss verwaist, die Geschäfte leer. ALCOA hat das Land verlassen, es gibt auch keinen funktionierende Aluminiumschmelze mehr. Ein trauriger Abnblick, nicht nur wegen des strömenden Regens. Heimwärts, AKKA wartet! Et Roulez à gauche!

Gruß nach Lampoldshausen…

Domburg, 7.5.2017

Kleiner Schreck in der Abendstunde…

Donnerstag. Wir wollen ein Leihauto mieten, um ein bisschen beweglicher zu sein, und Rishi, der indische Verleiher, will ihn uns noch am Abend übergeben. Das braucht ein paar Papiere, und der Eigner fährt zur AKKA zurück, ich warte auf Rishi. Man schaut so in die Runde, der Blick fällt auf den Himmel – was ist das denn? In der untergehenden Sonne wird eine äußerst merkwürdige Wolke angeleuchtet. Zu dick für Kondensstreifen.  Ups?  Und der Eigner fährt geradewegs drauf zu, scharfer Lichtpunkt, Leuchtbahn – ein Geschoß? Rakete?  Donny und die Koreaner? Flugzeug? Die Nachrichten der letzten Zeit lassen einen vielleicht abwegig denken, dabei sind wir hier gar nicht so weit weg „vom Schuß“. Neben mir steht in der Bar eine Inderin und klatscht in die Hände: „Kourou!“  Hehe! Ich freu mich auch, für die Leute in Guyana, die Mitarbeiter, die wir in den Îles du Salut getroffen haben!  Der Streik in Französisch-Guyana ist beigelegt (man spricht von 1,5 Mrd. €), das Raumfahrtzentrum ist wieder aktiv, die Koreaner kriegen einen neuen TV-Satelliten und die Brasilianer sind grottenstolz, dass sie endlich ihren eigenen geostationären Satelliten für allerlei zivile und militärische Aufgaben bekommen. Wenn wir es gut timen, lännen wir vielleicht den Sojus-Start am 18.5 sehen? Was zum Gucken ist das in jedem Fall, mit ein bisschen Space-Gänsehaut für die Schipperin.

Hier ist, was man dazu in YouTube sehen kann: Flug 236 der Ariane 5 vom 4.4.2017 . gewidmet dem Raketentestzentrum in Lampoldshausen im Heilbronner Land… Putzig! Schaut’s Euch an – und wir… vielleicht schaffen wir es doch noch auf dem Landweg ein bisschen näher zu rücken.

Regenzeit

Domburg, Suriname, 30.4.2017

Es regnet! Was für eine Überraschung – und die gute Nachricht ist: die Regenzeit hört im August auf. Nun diskutieren ja derzeit alle über den Klimawandel, wir auch, und bis sich das Klima gewandelt hat, hängen wir in Domburg mitten im Suriname Rivier an einer Mooring und warten. Warten zum Beispiel darauf, dass es aufhört zu regnen, damit man Wäsche waschen kann, im Moment ist Dauerspülgang angesagt – nicht so schlecht, eigentlich, aber es hat hier keinen elektrischen Trockner. Und selbst unter Dächern Wäsche aufzuhängen ist bei dieser Luftfeuchtigkeit wie Trocknen im Aquarium.
Es ist dennoch lustig – der Suriname Rivier ist ein Schlammfluss ohnegleichen, der Hoang Ho ist nichts dagegen. Immer wieder treiben kleine Urwaldinselchen vorbei, wir stellen uns vor, wie darauf Käfer und Eidechsen eine Reise flussabwärts machen. „Fahrt in den Mai“, wahrscheinlich mit Spinnentanz und anderen Vergnügungen – eine Fernreise wird das jedoch nicht, denn nach 6 Stunden tritt die Insel mit der gekenterten Tide die automatische Heimreise an. Vom gegenüberliegenden Ufer halten die Brüllaffen abends ein Konzert, und AKKA dreht sich dazu im Strom. Allem Regen zum Trotz lässt es sich aushalten, zumal die River Breeze Bar, zu der unser Mooring gehört, WiFi an Bord schickt. Nun gut, wir holen uns das WiFi herüber, das ja normalerweise mit einem Bier (oder zwei) abgerufen werden soll.

Seit 2 Wochen sind wir wieder in Regionen, in denen man Landfreuden erleben kann, und ich merke, dass ich das wahrlich genieße.
Îles du Salut, Französisch-Guyana. Der leicht moderige Duft, als wir vor der Île Royale in den Îles du Salut vor Anker gingen – der erste Landgruß. Ein ohrenbetäubendes Zikadenkonzert. Totenkopäffchen rufen aus den Bäumen – uh, uh! Fregattvögel über uns, kleine Schwalben wippen auf unseren Schoten. Der Ankerplatz in der Baie des Cocotiers ist sehr ruhig, wenn man vom Strom und dem gelegentlichen, tidenabhängigen Schwell absieht – und daher hört man auch das Geplätscher der Wellen, äußerst friedlich, äußerst entspannend. Etwas anders dann der erste Landgang – friedlich ist es schon noch, aber die Inselgeschichte als Deportationslager, als so genanntes „Bagne“, verfolgt einen auf Schritt und Tritt, und dabei ist dies nur die Insel der Lagerverwaltung. Als wir auf der Windseite entlang spazieren, erwische ich mich bei dem Gedanken, wie viele Insassen es hier wohl in den Wahnsinn getrieben hat mit dem unaufhörlichen Gedonner der Wellen und pausenlosen Wind. Von wegen „friedlich“.
Heute ist das aber Nebensache: es ist Osterwochenende, Französisch-Guyana befindet sich seit 4 Wochen im Generalstreik, also haben die Leute vom Festland frei-frei-frei; die Stimmung schwankt zwischen hurra und „es reicht“. Eine Gruppe von ortsansässigen Franzosen – Guyana ist der Franzosen ärmstes Département, siehe Generalstreik! – feiert den Abschied einer Freundin und hat eine alte, zum Massenlager umgewidmete Werkstatt in Beschlag genommen – und schon werden wir befragt, woher, wohin und bekommen etwas von der guyanesischen Osterspeise angeboten. Das ist die Bouillon d‘ Arapua (oder so, rein phonetisch). Ein Eintopf aus Vielem, aber mit einem großen Anteil an Palmfrüchten. Und Fisch. Und Huhn. Und Speck. Und Knoblauch. Und Zwiebeln. Sieht, da stundenlang gekocht, ein bisschen örrgs aus, wir werden auch nicht gezwungen, aber es schmeckt uns ganz gut, zumal uns das auf frischem Röstbrot dargeboten wird. Dunkles Sauerteigbrot? Hatten wir schon Ewigkeiten nicht mehr, köstlich! Nicht im Streik sind die drei Katamarane aus Kourou, die die Tagesgäste heranschaffen, also ist daran kein Mangel, und genau darum mochten die Wirte der „Auberge“ auch nicht streiken. Money makes the world… Was seine Vorteile hat – gegen ein paar Euro bekommt man das Tagesmenu und die AKKA-Pantry bleibt kalt. Das lobe ich mir generell, und dann ist die Fischsuppe – mit Rouille und Röstbrot! – auch noch absolut lecker. So sitzt man etwas losgelöst vom geschichtlichen Hintergrund hoch über der Brandung im Passatwind, schaut auf die Teufelsinsel, wo Dreyfus 4 Jahre einsamster Haft verbracht hat und freut sich frecherweise auch noch über französische Desserts.
Zur Abkühlung allzu angenehmer Gefühle geht es dann umgehend in den Block der zum Tode Verurteilten. Wirklich schlimm jedoch ist der Besuch auf der Île St.Joseph, der eigentlichen Gefängnisinsel. Die Inseln sind durch eine Meerenge mit starker Strömung getrennt, ganz schlecht für fluchtwillige Gefangene und auch ein bisschen kitzelig für unseren kleinen Dinghymotor. Ein Rundgang am Ufer entlang – ungefähr eine halbe Stunde Bummeln – ist noch einigermaßen idyllisch, Palmen, alte Befestigungen, der Friedhof. Beerdigt wurden hier nur die Bediensteten, wer einsaß, wurde den Haien überlassen (von denen es angeblich nicht so viele gab, wie man Fluchtkandidaten weismachen wollte). Aber die steilen Stufen zur Inselmitte hinauf enden am eigentlich Gefängnis. Hohe, grobe Steinmauern, ein eisernes Dachgerüst über den Massenzellen/-hallen. Lange Schienen zum Anketten der Fußfesseln. Nebenan Blocks mit Gruppen- und Einzelzellen. Schaut man in die kleineren, sieht ebenfalls rostige Beschläge zum Anketten und denkt sich nichts weiter – das ist alles lange her und dem Verfall preisgegeben; in den 60 Jahren seit Schließung des Bagne hat die Natur vieles überwuchert. Über uns knallt die tropische Sonne durch’s Blätterdach – und dann gewahrt der Blick nach oben, was hier ablief: die Decke ein Eisengitter, auf der Mauer zwischen zwei Zellenblöcken ein langer Laufgang. Diese Zellen waren nach oben nicht geschlossen, die Gefangenen wurden von oben bewacht – und all das ohne den heutigen Baumbewuchs. Schatten? Keinesfalls – dazu hatte man die Inselkuppe, auf der die Gebäude stehen, gerodet. Ziemlich grausam, und kein Wunder, dass ein hoher Prozentsatz an Deportierten das erste Jahr nicht lebend überstanden.   Was stand in der kleinen Ausstellung auf der Île Royal ? Das Bagne auf den Inseln war „gegenüber den Gefängnissen auf dem Festland noch das angenehmste“. Das lässt Schreckliches für Cayenne oder St. Laurent vermuten. Wir verkriechen uns dann mal an Bord – da steht einem nicht mal mehr der Sinn nach „Papillon“ , der übrigens nicht hier eingekerkert war, sondern drüben, in Cayenne. Nach einem Pastis kehrt der Sinn für die friedliche Umgebung zurück. Zikadengebrüll, Affengeheul. Schön… doch, ziemlich schön ist es hier. Später, beim Aufräumen der Bücherschapps fällt mir eine Broschüre zum Tuol Sleng, dem Stadtgefängnis in Phnom Penh in die Hände. 140 Jahre, 40 Jahre – so richtig viel gelernt haben wir nicht, wir Menschen. Wir sind eine merkwürdige Spezies.

Nach 10 Tagen (Halb)idylle auf den Îles du Salut lupfen wir an einem Montagmorgen gleich nach Sonnenaufgang den Anker. Mit Strom sollten wir am Dienstagvormittag vor der Einfahrt zum Suriname Rivier stehen, denn den geplanten Ausflug in den Maroni, den Grenzfluss zwischen Frankreich und Suriname, haben wir uns abgeschminkt. Keine Lust auf Straßensperren und geschlossene Einrichtungen – auch die Versorgung soll schon ein bisschen löcherig geworden sein. Eine junge Italienerin, die im Bereich des Raumfahrtzentrums arbeitet, hatte erzählt, dass sie sehr gut verstehen, warum gestreikt werde – die Infrastruktur im Land sei so schlecht, dass sich viele potenzielle Mitarbeiter 3-mal überlegen, ob sie nach Guyana gehen; vor allem sei die medizinische Versorgung ziemlich lückenhaft. Dabei ist ein Job im Centre Spatiale wohl grundsätzlich ein sehr beliebter und natürlich interessanter Arbeitplatz, gegen den die ärmliche Umgebung massiv abfällt. Die Streiklust sei allerdings ziemlich geschwunden, nun vermuten die Mitarbeiter dort, dass für eine Weile nur noch das Raumfahrtzentrum blockiert werden soll. Und wirken genervt – „…wir haben 12 Starts geplant und sind schon 3 im Rückstand…“ Wir sind gespannt, wie das ausgeht – und vielleicht bekommen wir noch ein bisschen landseitig zu sehen; ein Trip mit dem Leihwagen ist geplant.

Die Rechnung für die Weiterreise haut einigermaßen hin. Wir laufen anfangs noch mit Gegenstrom in den Suriname hinein, aber nach einer Weile erreicht uns der Flutberg von achtern und zieht uns mit. Dies ist ganz andere Küste als auf den einsamen Inseln. Ist es zur Linken urwaldig grün, liegt zur Rechten Paramaribo mit all seinen Hafen- und Industrieanlagen, und danach reiht sich fettes Haus an fettes Haus, bis wir in Domburg vor dem „River Resort“ eine Mooring fischen.
Die Sache mit den „fetten Häusern“ klärt tags drauf Harry, der Taxifahrer, der uns zum Einklarieren in die Stadt fährt. Harry ist, wie viele Surinamesen, indischer Herkunft und Hindu und erläutert uns jeden einzelnen Drogenmafiabau am Ufer. Und kennt auch die Plätze mit den spektakulärsten Überfällen und Rachemorden. Eine Tour de Crime, sozusagen. Interessant? Schon. Irgendwie nicht ganz im Einklang mit dem, was wir vor ein paar Tagen aus Deutschland hörten: Frau Sägebrecht möchte gern nach Surinam auswandern, weil es hier vor allem zwischen den Religionen so friedliebend zugehe. Mit Harry ist sie offensichtlich noch nicht gefahren. Wir dagegen bringen mit seiner Hilfe die Einklarierungsprozedur, die wir von 2008 in schlechter Erinnerung hatten, binnen zwei Stunden hinter uns, zack, MAS, zack, Immigration, zack, Militärpolizei. Und kehren anschließend im Paradies ein. Das heißt TULIP Supermarket und hat alles, was wir über Monate nicht zu Gesicht bekommen haben. Dunkles Brot, Grieß, Wiener Würstchen, französischen Quark, dänische Butterkekse, Schwedenknäcke, Maille-Senf,  um nur ein paar wichtige Produkte zu nennen. Die nächsten Tage sind gerettet! Es darf weiterregnen!  Obwohl… im Moment warten wir gerade. Auf REGEN! Wir haben angesichts der Wasserqualität unseres „Hoang Ho“ eine Wasserauffangvorrichtung ersonnen. Und was macht der Himmel nach zwei Tagen Dauerregen? Nix. Man kann sich auf nichts verlassen! Nicht einmal auf die Regenzeit in Suriname!

Das 192er Etmal

Unterwegs – 15.4 2017 .. noch 50 Meilen bis zu den Iles du Salut. Werden, wie der Bruder schreibt, nicht auf Winlink gezeigt, aber man kann ja einfach nach „Teufelsinsel“ googeln, oder nach Dreyfuss oder gar „Papillon“. Genau, da wollen wir hin. War schön dort, Weihnachten 2008, und das wird sicher jetzt nicht anders sein. In jedem Falle eine angenehme Unterbrechung unserer Passage. Die war insgesamt prima, und für alle Elektrowitze hat sich AKKA heute Nacht rehabilitiert: als ich vorhin zur letzten Nachtwache antrete, sehe ich im Logbuch ein kleines Schild gemalt: „192!“ Ein Etmal von 192 Meilen. Premiere! 192 Meilen über 24 Stunden, das macht nach Adam AKKA 8 pro Stunde. Und sie musste sich nicht mal anstrengen, die alte Dame, denn der Eigner schreibt zum Schildchen dazu: „Wir segeln gemütlich mit 5,5 Knoten durch’s Wasser und rauschen mit 9 über Grund“. So isses. Dieser Strom ist unermüdlich, und deswegen geht der Satz auch weiter „… hier möchte ich nicht nach Süden segeln!“ Versöhnlicher Abschluss der Passage also. Der kurzweiligste Tag war der vor und am Äquator. Da schläft einem abends schon der Wind vollends ein, alle Mühen, alles Zuppeln hilft nichts. Die Wahl ist: Drift oder Maschinenhilfe. Am Äquator gibt es da für mich keine Alternative als „Maschine an!“, denn hier muss ich weg. Äquator ist eben Windstille, fiese Gewitter und wenn doch Wind, dann in Form von Squalls. Und das Ganze kann dauern, die alten Rahsegler wussten ein Lied davon zu singen. Rossbreiten. Wir hätte zwar anstatt der schweren Rösser ein paar überzählige Bleibatterien über Bord gehen lassen können, aber das wäre nicht umweltgerecht, also: Maschine an. Was in diesem Fall eine schöne, neue Versuchsanordnung in der Achterkammer erzeugt, denn mit ladender Lichtmaschine geraten die doofen, neuen, alten Batterien in Schweiß. Die Kojenbretter sind schon seit Natal hochgeklappt und es ist stündliche Temperaturkontrolle (mit meinem guuten Joghurt- und Milchschaumthermom eter! Das elektronische hat schon lange das Zeitliche gesegnet) angesagt. Wir tragen treulich ein. Zeit, Temperatur, Spannung sm Controller und an der Batterie, Ladung… Das hält einen munter! Der Eigner sagt: „bei 40 hören wir auf!“ und die 40 Grad sind dann auch am Morgen erreicht. Motor aus. Draußen ist es eklig grau und dunkel bewölkt, die See schwubbelt vor sich hin – aber immerhin treibt uns ein kleiner Strom in die richtige Richtung. Und dann wird der Tag doch ganz schön, denn der übliche Eiertanz entfällt, es rollt bur ein bisschen. Zeit für Rindercurry mit Ananas, Entspannung und eine große Portion German Engineering – der Eigner baut eine Batteriekühlanlage. Hatten wir die in Singapur angelegten Vorräte an PC-Lüftern bislang zur Fächelung im Cockpit, an den Kojen oder an der Nähmaschine benutzt, schlägt heute ihre Stunde als Batterieretter, und tatsächlich, am Nachmittag können wir nochmals ein paar Stunden motoren, und dann ist er auch schon da, der Nord ostpassat. Wir sind zurück auf der Nordhalbkugel, der fette Strom setzt wieder ein. Off we go! Das Wetter bleibt gemischt, Strahlesonne, dicke Bewölkung, Wolkenbruch und Pieselregen wechseln sich ab. Und die Kühlung kühlt dazu. Prima! Der Rest war „normal“. Normal ermüdend, normal routineerzeugend. Gewitter hatten wir überhaupt keine, nur 5 Mal Wetterleuchten in der Ferne – keine Elektronik-in-den-BAckofen-Aktionen, sehr gut. Dass wir den genauen Zeitpunkt dss Äquatorübertritts versäumt haben, ist doof, ich wäre gern ins Wasser gesprungen und hätte mich rübertragen lassen. Mit Taufe hatten wir ja bei diesem 6. Mal nichts am Hut, und Herr Neptun und Kollegen (von Arielle bis Käptn Blaubär haben alle Anteile am Äquatortaufgeschehen) waren es zufrieden. Was mich auf das Stichwort Aberglaube bringt. Da bei uns nichts getrunken wird außer selbst gemachtem Wasser, entfallen die obligatorischen Opfergaben an Rasmus. Schlecht. Nun gut – wir sind nicht am Freitag losgefahren, das bringt uns in die Nähe abergläubischen Handelns, obwohl es eigentlich nur unsere Trägheit war. Aber für die Batterieprobleme lässt sich ganz klar eine Ursache feststellen: Bananen an Bord! Geht überhaupt nicht! Allen Ernstes: e s fragt mich in Jacaré der Mitsegler eines anderen Schiffes, ob wir denn Bananen an Bord hätten, und ich antworte so wahrheitsgemäß wie fröhlich: „…sure! Sollte für eine Woche reichen!“ Nicht wissend, dass dieser Mann soeben einen Spaziergang wegen einer schwarzen Katze (von links, rechts oben? ich weiß es nicht…) abgebrochen hatte, wie man mir später zutrug. Und ich kriege einen Anti-Bananen-Einlauf – Bananen an Bord sind ganz schlecht! Wir haben’s gemerkt. Die gute AKKA segelt gerade mit 9 Knoten in den Sonnenaufgang hinein, sie würde gern noch einmal 192 Meilen an einem Tag für uns hinlegen – aber dafür reichen die Meilen nicht mehr. Frohe Ostern dann! —

Unterwegs

Dienstag, 11.4.2017 0°06 Süd, 42°43 West Menno, ist das grau hier am Äquator. Der liegt 6 Bogenminuten=6 Meilen nördlich von uns, und dieses Mal ist es ein bisschen mühsamer als unsere letzte Reise zu den Iles du Salut. 2008 war das. Positionsberichte wollen nicht raus (vielleicht bin ich dank Wetterwelt per Iridium meine Geduld losgeworden?!), der Wind schnarcht vor sich hin (letztes Mal, erinnere ich mich, schrieb ich „… nach 10 Tagen sanfter Dauersegelei…“). Der Brasilstrom hat uns zwar geschwinde hierher gedrückt, aber jetzt ist erst einmal dümpeln angesagt. Einiges wiederholt sich allerdings: seit heute Nacht sitzt wieder eine Zügelseeschwalbe auf dem Solarpanel, so ein Spaß! Ganz schönes Gewackel da oben – jetzt, im Morgengrauen, sieht man das Vögelchen hampeln… Unsere Batteriegeschichte ist leider noch nicht zu Ende – in Natal ließ sich ad hoc kein Ersatz auftreiben, der irgendwie bei uns hineingepasst hätte; dafür gab es eine genüssliche Batterieexkursion zu Tudor Baterias und zu Autoelectrica Natalense. Tudor konnte uns zwar nicht bedienen, aber der Chef war von der Aufgabe so angetan, dass er sich als Chauffeur anbot – wir hatten nämlich Javier von Autoelectrica geheuert, um unsere Lichtmaschine-Regler-Batterien-Umgebung mal mit professionellem Werkzeug zu testen. Diagnose: schlechter Lieferant in Sao Paulo, 3 der 6 nneuen Batterien sind so gut wie hin – und die haben wir abgeklemmt und üben nun mal das, was auf anderen Yachten Tagesgeschäft ist: Stromsparen! 780 Meilen liegen noch vor uns, wir arbeiten dran! Die Seeschwalbe hat sich gerade aufgemacht, das muss das Zeichen sein, Kaffee zu kochen und den Tag einzuläuten! Bis dann! —

Der Witz der Woche!

Natal, 4.4.2017

Das Schiff macht Witze! Nicht die alten abgedroschenen (z.B. Bilgepumpe springt an, aber wenn man gucken will, hört sie auf zu pumpen.  Haha, AKKA!), nein, ein neuer, Ihr werdet sehen!

Ein- oder Ausklarieren ist ein längeres Geschäft in Cabedelo, was nicht zuletzt an André, dem pathologisch pingeligen Immigration-Officer, liegt. Normalerweise legt man seinen Pass vor und „bumm“ hat man den Ausreisestempel. Nicht so bei der Policia Federal in Cabedelo .
An einem schönen Freitag, als wir noch hoffen, Immigration, Zoll und Marinha an einem Tag abzuarbeiten, radeln wir zu Policia, nicht so weit von der Marina entfernt. 09:30 – wenn André pünktlich um 10 Uhr anfängt, ist alles drin – aber wir hatten schon verloren, denn vor uns sitzt ein junges französisches Paar mit gleichem Anliegen. Um 11 Uhr sind wir dran, es ist nicht zu fassen: Stempel vergleichen, Bild vergleichen, Pass ans Licht heben, nochmals Stempel vergleichen, Computersystem auf Konsistenz prüfen, Formular – gut Ausreisestempel will Weile haben. Dabei wir haben schon den Tagesrekord gebrochen, nur 45 Minuten für die AKKA-Crew. Sensationell. Einklarierende Mitlieger aus der Marina kommen um 15:00 völlig erledigt zurück – und dabei kann alles so einfach sein und fix gehen, wenn nur André mal einen Tag frei hat. Hatte er aber nicht, also muss am Montag weitergemacht werden.

FlipFlops all überall. Die fehlenden Beine sind auf die Bank gezogen…

Leider sind die Dinge in Cabedelo nicht mehr so einfach, seit sich die drei Behörden nicht mehr zusammen im Hafenareal befinden, Policia am Nordrand von Intermares, die Receita am alten Platz, die Marinha, der das Haus abgebrannt ist, in Joao Pessoa. Diese langwierige  Reiserei bietet aber einen würdigen Abschied von den Attraktivitäten und Merkwürdigkeiten im Nordosten Brasiliens – das bietet Ein- und Ausreise in Iguassu nicht,  so ein 20-Sekunden-Stempelding. Der Zug rumpelt einen nochmals hin und her, mit all den netten, flipfloptragenden Leuten an Bord, die Snacks und Wasser verkaufen oder frisch geborene Babys nach Hause tragen, oder mit den Schülern, die einen auf der Suche nach Sparringspartnern für ihre Englischkenntnisse anquatschen…

Im Zug nach Joao Pessoa. Agua? Pipoca?

Ein kleines Mädchen ist ganz aus dem Häuschen: „…o novo, o novo!“  Der neue Zug, was für ein Abenteuer. Neuer Zug auf alten Gleisen macht aber in Sachen Geschwindigkeit und Schlangenbewegungen (man guckt von vorn bis hinten durch, sehr spannend!) wenig Unterschied, wobei die Anzahl der unbeschrankten Bahnübergänge auf dieser Strecke sowieso keine hohe Geschwindigkeit erlaubt.
‚Mein Heimatgeräusch für Jacaré ist daher auch weniger der ewig Ravel-blasende Saxofonist, sondern: „trööt-trööööööt-trööt-trööt!“ Der Zug am Bahnnübergang.

Aber dann sind wir ausklariert, wir nutzen die 72 Stunden Karenz weidlich, überweidlich aus, lösen uns am Freitag (da sind es schon 84 Stunden) vom Ponton und gehen in der Flussmitte vor Anker, und am Sonnabend geht es endlich raus – hurrah! Wir segeln – ein bisschen, in der Flussmündung schmeißen wir kurz den Anker, um den Loggeimpeller nochmals vom Bewuchs zu befreien – in der trüben Flussbrühe vor der Marina war ich etwas eilig gewesen – und erwecken den Wassermacher zum Leben. Aber dann. Raus auf den Atlantik! Nordwärts! Hinein… in die Regenwolken, die sich am Abend am Horizont türmen. Es wird schon fast dunkel, als wir angesichts der schwachen achterlichen Winde noch schnell den Spibaum riggen (und der Eigner sich vom Relingsdraht auf die Stirn küssen lässt, schöne Schmarre das!) – aber leider, leider kein Wind ab 23 Uhr,  dafür sturzbachartiger Regen, über Stunden. Pottenschwärze ringsum – genau die Kombination, die man sich für die erste Nacht auf See wünscht, und der Motor rappelt dazu. Um 7 komme ich drömelig aus dem Bad, huch, der Motor ist aus! „Ja“, sagt der Eigner in seinem „Gefahr-im-Verzug“-Tonfall, „hab‘ ihn gerade mal ausgemacht. Die Stirling-Ladekontrolle meldet hohe Batterietemperatur.“ So ein Kack! Die neuen, teuren Batterien…  Was tun? Noch 1200 Meilen weiter nach Französisch-Guyana, wo sich gerade die Bevölkerung einen Generalstreik gibt? Oder nach Fortaleza? … warte mal… Richtig weit dürfte Natal nicht sein, die Hauptstadt des Staates Rio Grande do Norte. Ist sie auch nicht. 20 Meilen west-süd-west, da sind wir gerade dran vorbeigegurkt. Am Mittag sind wir da und liegen nun vor dem verschlafenen Iate Clube do Natal mit ein paar unbelebten Yachten vor Anker. Vom Strand aus erfreuen uns die hiesigen Sängerknaben mit ihren fröhlichen Liedern: wir liegen vor einem Militärstützpunkt, und es wird den ganzen Tag exerziert. Jawoll, Herr Ka’Leu. DIIIE Augeeen rechts.  „OOOs olhos…“. Um 05:30. Abmarsch  zum Frühstück! EIIN Lied, zwo, drei!  In dieser Art…
Gestern war neben ein bisschen Rumpfreinigung der große Batterie-Testtag in allen Konfigurationen – hochladende Lichtmaschine, normal, mit/ohne Solarpaneleintrag, Spannungsmessung überall… Mal schauen, was sich für eine Lösung ergibt; eigentlich sind wir ja ein Segelschiff.

AKKA, Du machst Witze!