… draußen vor allem Sand!

Sossusvlei-Dünen. Das Dead Vlei

Sossusvlei-Dünen. Das Dead Vlei

Kapstadt, 07.5.2016

Schon lange sind wir zurück in Kapstadt, eine ganze Woche. Und Lüderitz hat uns, um es gleich vorwegzunehmen, bezüglich der Kaffeekännchen enttäuscht: draußen nur Diamanten. Und Sand. Endlos.

In Walvis Bay hatte es schon die ersten Dünenvorboten gegeben, die Düne 7 gleich hinter der Stadt lädt zum Krabbeln ein. Wir sind natürlich hübsch in der Mittagszeit dort und verschieben der Hitze wegen den Aufstieg, der sich bereits auf dem unteren Drittel als mühsam herausstellt. Ein Picknick am Fuß tut’s auch. Tagesziel ist Goanikontes, eine Guestfarm 40 km östlich der Stadt im Bereich des Swakop Rivier; viel mehr, außer dass es sonntags Kaffee und Kuchen (draußen nur Kännchen?!) gibt, wussten wir nicht; wir hatten die Besitzerin in der deutschen Botschaft in Windhoek getroffen. Geteiltes Leid.

Das Moon Valley. Steine statt Sand.

Das Moon Valley. Steine statt Sand.

Man fährt auf die Hochebene hinauf und dann…  mal wieder „Namibia“! Land des nicht enden wollenden Augenschmauses, denn es tut sich vor uns das Moon Valley auf, eine völlig irrational anzuschauende Wüstenlandschaft aus Canyons und Erhebungen. Wie ein plötzlich zu Stein erstarrter, wilder Ozean. Endlich einmal verstehe ich, warum manche Menschen in diesen Tagen solche ansonsten lästigen Drohnen fliegen lassen – ein Südafrikaner holt sich Filmmaterial aus der Luft. Tatsächlich, das müsste man sich mal von oben angucken.

Oase Goanikontes

Oase Goanikontes

Und unten, mittendrin, Goanikontes. Wir beziehen wir einen der Campingplätze unter den großen Bäumen, die einen nun endgültig in Erstaunen versetzen, denn man kurvt durch allerlei giftfarbenes, wildes Wüstengestein ins Rivier-Tal hinunter. Der Fluss ist wie alle namibischen Flüsse – bis auf die beiden Grenzflüsse, den Kunene an der Grenze nach Angola und den Oranje im Süden – für Jahre trocken, um dann manchmal mit plötzlichen Wassermassen aufzuwarten. Das Grundwasser ist entsprechend brackig, aber es gibt genug, um einen mäßigen Pflanzenwuchs zu gewährleisten. Wer hier Baum ist und erst einmal Fuß gefasst hat, hält es dann auch länger aus, wird groß und stark und bietet dem Camper anheimelnden Schatten. Gemüsewirtschaft hat man hier in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts probiert, das war nicht von großem Erfolg gekrönt – siehe Brackwasser – aber Viehwirtschaft geht immer noch, wenn auch die Welt- oder Regionalwirtschaft dem einen Strich durch die Rechnung macht: der Bedarf an Rindfleisch ist zwar hoch – es lebe der Biltongverbrauch! – aber die zu erzielenden Preise sind so gering, dass zum Beispiel unsere Gastgeberin das Schwergewicht ihres Lebensunterhaltes auf Guestfarm und Campingplatz gelegt hat.  Nicht unbedingt zu ihrer Freude, denn sie ist, wie sie in ihrem klaren Norddeutsch sagt, „Farmer aus Leidenschaft“. In dieser Wüste – Oase hin oder her – würde sich der norddeutsche Milchbauer schön umgucken…
Weil Wochenende ist, ziehen auf den umgebenden Stellplätzen namibische Großfamilien ein und machen sich ein paar nette Stunden, es gibt sogar einen Pool zum Plantschen für die Kinder, und Platz ist, wie überall in Namibia reichlich (wenn es nicht um Siedlungen für schwarze Namibier geht…).
Aber noch jemand zieht ein, drüben am Parkplatz für die Tagesgäste, weit entfernt, aber zwischen den Berghängen akustisch nahe genug: die Emmanuelgemeinde von Swakopmund hält eine Veranstaltung ab. Nicht was Ihr denkt, kein Kirchenbetrieb. Am Samstagabend hatten wir die Geräusche noch für Rugbygeschrei gehalten, aber um 04:30 tönt schon wieder Kuduhorn-Geheule durch’s Tal und kurz später dann „Step, step, step-by-step. Step, step, step-by-step“.  Marschkolonnentöne. Was ist das denn? Namibia? Miliz? Nein, es ist ein Bootcamp für das gehörige oder ungehörige männliche Gemeindemitglied, ein paar Mal im Jahr fällt man hier ein.. In jedem Fall: die spinnen, die Namibier. Wir lassen es uns später erzählen: mit Autoreifen im Nacken steile Bergpfade hochhechten und so, und ein bisschen Begeisterung für die Idee, sich Drill bis zur Erschöpfung zu unterwerfen, klingt durch. Also, ich weiß nicht. Die Besitzerin erzählt einiges über das Aufwachsen in Namibia, wie es war und wie es heute ist, und auch da leuchtet durch, das diese Europäergemeinden eben „white and supreme“ sozialisiert sind, deutsche, englische, burische. Kein wirklich unangenehmes Gespräch, aber sicher konfliktträchtig, wenn man es nicht so zwischen Tür und Angel führen würde und wir ernsthaft in die Argumentation einsteigen würden. Natürlich sind wir unbedarfte Besucher ohne tiefen Einblick (das hören wir öfter mal…). Wir hören also aus dem Blickwinkel von Ansässigen, warum die Verhältnisse so sind wie sie sind: Schulbildung  im Abstieg, Finanzunterstützung aus Deutschland mit zu vielen (ungeliebten politischen?) Bedingungen beladen, Entwicklungshilfe durch ahnunglose Idealisten… So richtig glücklich klingt das alles nicht.

Welwitschia. Liegt Jahrhunderte so rum...

Welwitschia. Liegt Jahrhunderte so rum…

Nach Goanikontes gucken wir uns wieder die Mondlandschaft an, die Welwitschias, von denen einzelne Exemplare möglicherweise schon vor 2000 Jahren hier unordentlich auf dem Boden herumgelegen haben. Echte Dinosaurierpflanzen, spezialisiert auf einen fast toten Lebensraum, und offensichtlich so schlecht schmeckend, dass es keine Fressfeinde gibt. Toll. Dann ändert  sich die Landscahft wieder auf Wüste bis Halbwüste, wir fahren am Rande des Namib-Naukluft Nationalparks entlang,

... und blüht trotzdem (die Wanzen freut's)

… und blüht trotzdem (die Wanzen freut’s)

staubige Sache, wie schon seit Tagen. In Solitaire der nächste Halt, sozialpolitisch ganz unproblematisch, dafür mit einem herrlichen Badehäuschen für jeden Stellplatz (davon gibt es drei) und vor allem einem schicken Abendbuffet für uns und die Hausgäste, Schweizer und Franzosen vorzugsweise. Endlich mal in Gemüse schwelgen! Und nach dieser kleinen Verschnaufpause dann Sossusvlei, das vielgerühmte. Ausgangspunkt ist ein riesiger Campingplatz in Sesriem, diverse Lodges in der Nähe (jedoch nicht in SIchtweite). Und Überraschung: es ist ausgebucht. Dazu muss man sagen, dass auf namibischen Campsites anderenorts locker ein kleines Einfamilienhaus untergebacht werden könnte, hier ist mindestens Platz für 3 oder mehr unserer Campmobile, die ja dank ihrer Dachzelte besonders ausladend sind. Also werden wir auf der „Overflow“-Fläche einquartiert, ohne Wasser (nur wenige Schritte entfernt am Sanitärblock) und ohne Elektrizität (als wachsame Camper entdecken wir sofort eine Quelle für Smart-Ladestrom). Und leer ist es hier. Was wollen wir mehr?  Wir stehen sogar unter zwei dürren Bäumen in dieser Wüstenei. Sehr gut. Abends rollt eine Karawane der Mit-Camper auf die Elias-Düne, zwecks Zelebrierens des Sonnenunterganges, wir bereiten derweil etwas zu essen.

Reise-Truck. London-Kapstadt-Kairo in 40 Wochen.

Reise-Truck. London-Kapstadt-Kairo in 40 Wochen. Haben wir für die Auricher gebucht!

Und morgens früh? Wir hatten was gelesen von frühem Aufbruch, damit man den Sonnenaufgang in den Dünen erleben kann, mit Fahrzeuggerumpel ab 04:30 hatten wir allerdings nicht gerechnet; um kurz nach 5 gucken wir aus dem Zelt und sind fast allein. Also müssen wir hinterher, klar, was immer die Meute treibt. Bis in die großen Dünen sind es 70 km, auf Asphalt, aber als sich gegen 6 Uhr die Landschaft im grauen Morgenlicht präsentiert, lachen wir uns schlapp: die Düne 45 sieht aus wie ein gespickter Rehrücken, so viele Sonnenanbeter mühen sich entweder noch den Grat hinauf oder haben es schon geschafft und sammeln sich auf dem Gipfel. Unten auf dem

Düne 45 und Besucher

Düne 45 und Besucher

Parkplatz stehen die großen Überlandtrucks und bereiten das Frühstück für ihre Reisegruppen vor. Wir lassen uns weniger vom Sonnenaufgang faszinieren (der geschieht in unserem Rücken) als vom gigantischen Licht- und Schattenspiel, das sich jetzt zu beiden Seiten der Straße abspielt und halten mehrfach an, um das abzulichten, mit mäßigem Erfolg. Und dann geht es hinein in den Sand. Nach ein paar Kilometern auch schon die nächste Bescherung – eigentlich wollen wir nach einem geeigneten Frühstücksplatz gucken, aber vor uns haben sich gerade 2 HiLuxe unserer Bauart

Es darf geschaufelt werden!

Es darf geschaufelt werden!

schön tief in den Sandkasten gewühlt. Zunächst sorgt Andreas für unsere eigenen Fahreigenschaften und lässt nochmal reichlich Reifendruck ab – ich tapere inzwischen zu den jungen Amerikanern hinüber und beobachte die Buddelarbeiten. „… ich glaube, die wissen nicht so recht was sie tun…“ berichte ich meinem ex-Dakar(service)fahrer, da müssen wir wohl Hilfe anbieten. Vorsichtig schlaumeiern wir sie in die Richtung, auch Luft abzulassen, und schleppen

Sossusvlei.

Sossusvlei.

unsere Gummisandleitern heran – augenscheinlich gibt es „so ne“ und „so ne“ Campmobilverleiher, und wir haben mit Bushlore wohl die professionellere Sorte und damit das besser ausgerüstete Auto getroffen. Nachdem der Dakarschlaumeier auch noch einen kleinen Kurs in „Umschalten auf den Geländegang und Einschalten des Sperrdifferentials“ abhalten konnte, steht der erfolgreichen Weiterfahrt nichts mehr im Wege. „… ist das erste Mal, dass ich mit einem 4-radgetriebenen Fahrzeug fahre…“  Das war augenfällig, aber so lernt man es halt. Learning by digging. Wir wühlen uns bis zum Parkplatz der großen Sossusvleidünen durch, Andreas macht das richtig Spaß. Damals war’s, in Libyen und Ägypten…  Nach einem kleinen Frühstück – unsere mitgebrachte Espressokanne erzielt immer wieder anerkennende Blicke und Kommentare! – drehen wir auch unsere Wanderrunde durch diese sehr beeindruckende Sandlandschaft, hinüber zum „Dead Vlei“, einem trockenen See zwischen himmelhohen Dünen. Das „zwei-Schritte-aufwärts, einen-zurück“ Gerutsche zum Gipfel überlassen wir den anderen – mich dauern auch die schönen Dünen, die so zertrampelt werden.

Von diesen Trampelspuren wird am nächsten Morgen sicher wenig zu sehen gewesen sein: seit 4 Uhr früh herrscht Sandsturm am Campingplatz in Sesriem. Es pfeift, der Sand dringt durch alle Ritzen, wir klappen mit Mühe unser Dachzelt zusammen. Frühstück in dieser Sand-Dusche verkneifen wir uns, wozu gibt es hier ein Camping-Restaurant? Nix ist, der Sturm hat den Strom abgestellt.  Nix ist auch bei einem den südafrikanischen Campern, die gegen 5 eilig aufgebrochen sein müssen: es liegen Stühle um einen halb vom Sturm abgedeckten Frühstückstisch herum, das Zeltdach hängt irgendwo im Baum. Wir machen uns auf den Weg nach Südwest, bis Aus sollten wir es wenigstens schaffen.

Immer elegant

Oryx. Immer elegant

Welches Stück des Weges schöner ist, darum streiten wir uns noch. Ich finde ja die D 707 toll, nach Westen die Dünen, nach Osten das Naukluftgebirge. Andreas findet die Fahrt durch die Berge noch abwechslungsreicher. Wunderbar anzuschauen ist beides. Ziemlich leer, die Gegend, nur ein paar Oryxantilopen beleben die Landschaft.

Unser "Weinkeller"

Unser „Weinkeller“

Wir schaffen es natürlich bis Lüderitz – die Straßenqualität in Namibia ist eher südafrikanisch als afrikanisch –  und landen, nachdem wir uns den offiziellen aber exponierten Campingplatz auf der Landzunge an der Hafeneinfahrt angeschaut haben, im B&B „Alte Loge“. Dort wilder Wind, hier eine prächtige Sicht auf die Bucht, über einen geradezu paradiesischen Garten hinweg. Wir kriegen den „Weinkeller“, für eine Nacht, der Keller ist in den Fels gehauen, und wir werden gebrieft, dass der auch an manchen Stellen aus dem Fliesenboden herausschaut. Da

Lüderitz

Lüderitz. Zartes Deutschtum im Hintergrund.

hätte dann eine bundesdeutsche Bauaufsicht wahrscheinlich „Veto! Stolpergefahr!“ gerufen – das geht in „Deutsch-Südwest“ schon eher mal. Wir finden es originell und gemütlich und zum Bleiben verlockend. Geht nicht, die „Alte Loge“ ist schon am nächsten Tag wieder ausgebucht. Schade!

Herrn Stauchs Domäne: Sandfegen

Herrn Stauchs Domäne: Sandfegen

Vor Lüderitz liegt Kolmanskop, auch „Kolmannskuppe“. In dieser Gegend nahm Anfang des 20. Jahrhunderts der eigentliche Reichtum von „Deutsch-Südwest“  seinen Ausgang. Der Eisenbahner August Stauch, seines Zeichens Sandfeger auf einer Bahnstation mit dem optimistischen Namen „Grasplatz“ und ansonsten Hobby-Mineraloge – darum hatte er seinen Fege-Adlatus Zacharias gebeten, ihm doch schöne Steine zu bringen, wenn er was fände. Und der fand. Diamanten lagen hier

Bahnhof Grasplatz

Bahnhof Grasplatz

einfach im Sand herum. So ging es los, und das kleine Örtchen Kolmanskop explodierte förmlich. Erster Ort mit Elektrizität (wegen der Sand-Waschanlage, nicht wegen des Komforts, das kam später). Eine Eisfabrik, man stelle sich das in dieser Wüstenei vor. Die ortsansässigen Damen wurden morgens von der kleinen Straßenbahn abgeholt und zum Shopping gekarrt – Metzger, Bäcker, alles da. Schule natürlich, Krankenhaus und das Wichtigste von allem, eine „Turnhalle“ mit

Jawoll! Gut Holz!

Jawoll! Gut Holz!

Restaurantbetrieb. Man sieht quasi die starken Männer in ihren Turnhemden am Seitpferd imponieren oder wahlweise am Barren bammeln. Kann man heute noch anschauen, denn diese Turnhalle wird tapfer gegen die Sanddünen verteidigt, die den Ort ansonsten langsam unter sich begraben. Seltsam schön, aber auch ein bisschen atemberaubend „altdeutsch“.

Tja... Gleich umme Ecke!

Tja… und Rostock und Schlesien liegen gleich umme Ecke!

Und das war dann die letzte größere Station unserer Namibiarunde, aber der Ausklang war allein als Sightseeingtour eine Reise wert. Ein geologisches Wunder nach dem anderen, dazu Rosh Pinah, unser Übernachtungsort, ein typischer Minenort. Merke: zwei Shoppingcenter nebeneinander, eines mit Shoprite und Co, und gleich daneben neben der Budenhaufen für solche, die wahrscheinlich die grönere Arbeit verrichten. Das Leben der „anderen“. Es geht uns unter die Haut.

Fish RIver Canyon

Fish River Canyon

Nach längerer Fahrt am Oranje entlang, dem Grenzfluss zu Südafrika, kommt der Fish River Canyon, den man gern als den zweitgrößten Canyon der Welt verkauft – da geht es um Länge und Tiefe und Volumen, irgendein Rechenkunststück. Beeindruckend ist das allemal: ein Canyon (Fish River) im Canyon (Gondwana Canyon), eine echte Urlandschaft, mit Zeichen urzeitlicher Vergletscherung, und dazu der Fish River, der sich hier in Millionen Jahren ins Gestein geschnitten hat und auf 2 Milliarden Jahre altem Gestein entlangmäandert.

Namibia. Zwischen Sand und Bergen

Namibia. Zwischen Sand und Bergen

Genug geschwärmt! Namibia war ein wirkliches Wunder, geologisch, landschaftlich, optisch, und ich hätte noch gern längere Zeit im zentralen und südlichen Teil des Landes zugebracht.Und dann sind es noch zwei Übernachtungen bis AKKAhausen. In Grünau wird nochmals gecampt, in Klawer ziehen wir für die letzte Nacht ins Hotel – da möchte man zum Einbruch der Dunkelheit keinen Campingplatz mehr suchen müssen. Sagen uns jedenfalls die die doppelt mit Gittern gesicherten Eingangstüren und -tore des Hotels. Hui. Südafrika in Reinkultur…
Zeit nach Brasilien aufzubrechen!

Draußen nur Kännchen…

Campingplatz „Alte Brücke“, Swakopmund/Namibia

21.4.2016

Tjaja. Draußen nur Kännchen. Geht’s noch deutscher?  Bemerkenswertes Land, dieses Namibia! Wir sind schon halb fertig mit unserer Reise,  die am Sonnabend, dem 9. April, mit der Übernahme eines eilig ausgesuchten Campmobils begann. Brian von der Firma Bushlore wies uns ein: komplizierte Sache, so ein Dachzelt ohne Kinken und geklemmte Daumen aufzustellen, aber das meiste andere kannten wir ja schon. 4-Radantrieb, Reifendruck im Sand und solcherlei. Trotzdem brauchten wir noch den Nachmittag zum Packen. Aber dann! Hey, wir fahren in die Wüste!

Die erste Etappe führte uns an den Cederberg Mountains vorbei bis Springbok,  einem kleinen Kupferbergbaustädtchen, nicht mehr weit von der namibischen Grenze, und dennoch weit ab von jedem anderen  Schuss, da oben im Norden der Northern Cape-Provinz. Seit vielen Kilometern schon hatten wir uns gefragt, was die Leute hier oben eigentlich treiben. Und vor allem: was hat damals die Vortrekker mit ihren Ochsenkarren getrieben, außer der Abscheu vor den britischen Machthabern am Kap? Lange vorbei die Landstriche mit Weinbau und Zitrusproduktion. Kein Rooibos-Tee mehr auf kargem Boden, es ist nur noch heiß und trocken und rot. Dass wir in Springbok noch etwas zu essen und zu trinken bekommen – reine Glückssache, dass an diesem Sonntagabend noch nicht alle Bürgersteige hochgeklappt sind.

Am nächsten Vormittag rollen wir nach Namibia hinein. Die Grenze liegt an einem beeindruckenden Canyon, gut warm haben wir es hier. Und für Spannung ist auch gesorgt, denn die Namibische Polizei will wissen,  ob diese rosa Lappen international gültige Führerscheine sind. Na klar sind sie das, steht doch vorn drauf, „driving license“, und außerdem haben wir ja noch eine amtlich beglaubigte Übersetzung (etwas angejahrt, aus Neuseeland) zur Hand. Ich denke, diese Art der Beweisführung hätte durchaus schief gehen können, aber die junge Beamtin schickt uns schließlich mit einem „… kann das eigentlich nicht erkennen…“ in die namibische Weite. Puuh. Da ging neulich unsere Passkontrolle zwischen Dar es Salaam und Zanzibar leichter: „… oh! Red passports! Diplomats? Bitte hier entlang…“ Schöne Diplomaten mit abgegrabbelten Rucksäcken. Und ohne internationale Führerscheine. Wie kriegt man so etwas, wenn man in Deutschland nicht einmal mehr gemeldet ist? Und dann sind die Dinger auch nur für ein Jahr gültig und müssen persönlich abgeholt werden. Sehr praktikables Verfahren, zumindest für uns…

Die Landschaft wird noch trockener. Keetmanshoop, Tankstopp. Die erste deutsche Kulturüberraschung: der äußerst kleinwüchsige (heißt das so?) Tankstellenhelfer weiß mit detailierten Kenntnissen über deutsche Städte zu glänzen und sagt sie nach Größe oder wahlweise der geografischen Lage nach auf. „… ich war in der deutschen Schule!“. Nach dem Sinn des Gelernten wagt der Eigner nicht zu fragen, zumal sich das auch rein auf Deutschland beschränkt. Schweden? Großbritannien? Nö.

Die nächste Kulturüberraschung steht an. Keetmanshoop ist zwar ein týpisches, also weitgehend sensationsfreies Landstädtchen – Bank, Post, Landmaschinenhandel – aber es hat außer einer eindeutig dem deutschen Erbe zuzuordnenden Backsteinkirche zumindest noch einen weiteren Festpunkt für den deutschen Touristen zu bieten: das „Kaiserliche Postamt“. Da müssen AKKAnauten natürlich hin, parken folgerichtig auch direkt davor und rühren den rituellen Nachmittags-Schnellkaffee an, auf den kaiserlichen Postmeistersstufen zu genießen; und weil die Gelegenheit so günstig ist und uns schon am Vortag von einem Drittel der in Kapstadt erworbenen Sahnetorte etwas übel war (diese Gier aber auch immer!), verfüttern wir die Reste der Torte passend zu deren Kulturprogramm an eine deutsche Reisegruppe. Wir hoffen, dass Schwarzwälder Kirsch vor einem deutsch-kolonialen Amtsgebäude der Höhepunkt dieses „Wikinger-Reise“tages war. Wir brechen auf und schaffen es gerade so eben vor Einbruch der Dunkelheit unser Dachzelt aufzuklappen,  auf einem riesigen, leeren Campingplatz in Marienthal.  Klappt gut und ohne Verrenkungen.

Was mir schon am ersten Tag ausnehmend gut gefallen hatte, bleibt uns auch bei der Weiterfahrt nach Windhoek erhalten: wir rollen auf plattem, hunderte Millionen Jahre alten Meeresboden entlang, parallel zur Abbruchkante der ehemaligen Steilküste. Ab und zu erheben sich mehr oder weniger fern Vulkankegel aus der flachen Landschaft. Faszinierend. Mit Sicherheit ein Paradies für Geologen – ich nehme mir vor, in Windhoek mehr dazu zu erfahren.  Mittags sind wir dort und beziehen ein fertiges Zelt – so müssen wir für Fahrten nicht das Dachzeltgeraffel auf- und abbauen – auf dem Urban Camp, einem recht beliebten Campingplatz am Rande der Stadt. Als wir fragen, wie weit es ist, in die Stadt zu laufen, werden wir mit einem „zu weit, zu heiß“ beschieden, ein „freies“ Taxi koste 10 N$ pro Person, auf dem Rückweg dann 20. Funktaxen das Mehrfache. Hm. Na, gut. Es steht auch an jedem Zelt ein Schild, dass man sich hier in einer afrikanischen Metropole befinde (Metropolinchen eigentlich…) und man immer schön aufpassen solle. Kein Rumlaufen in der Dunkelheit, und was der Dummheiten mehr sein mögen. Dabei war mein erster Eindruck (Shoprite, PicknPay etc. …) eigentlich „nur ein weiteres südafrikanisches Landstädtchen“ gewesen. So sieht es auch aus, mit dem kleinen Unterschied, dass die Masse an deutschen Touristen noch größer als in Südafrika ist und auffällige Mengen an deutschsprachigen Unternehmern sich dazugesellen. „MegaBuild Pupkewitz“ steht dann da, und die etwas muffig erscheinende Dame  im Café Vienna bringt ein „… was wünschen Sie?“ hervor. Das war aber schon, nachdem wir das alte deutsche Fort umschritten, die etwas schräg zwischen Neugotik und Art Décor angesiedelte Christuskirche passiert und festgestellt hatten, dass Herr Lüderitz, der ja eigentlich nur seine persönlichen Geschäftsinteressen in diesem kargen Teil Südafrikas mit kaiserlichem Schutz versehen ließ, nicht mehr da sitzt, wo man ihn bis vor kurzem bewundern konnte: auf einem Pferd auf dem „Reiterdenkmal“. Dort hebt nun ein afrikanisches Paar die Hände, an denen noch die gesprengten Ketten baumeln; nicht zu reden von der Darstellung darunter: kaiserliche Soldaten vor einem Baum mit Gehenkten. Die netten Deutschen aus Südwest. Reiterdenkmal heißt das Monument dennoch.

Da war der Besuch im Transnamib-Museum eindeutig netter. Herr Konrad führt uns in die kleine Ausstellung über die Entwicklung der Eisenbahn in Deutsch-Südwest ein und beantwortet auch Fragen zur Familiengeschichte der Konrads und zu den auffälligen Sprachgewohnheiten: wir können gar nicht glauben, dass er mit seinem eindeutig hamburgisch gefärbten, reinen Deutsch hier geboren und gar in 3. Generation ansässig ist. Man spricht halt deutsch in den Familien, die Kinder besuch(t)en die deutschen Schulen… Ganz langsam wird’s wohl weniger mit dem Deutschtum „… beim Schreiben fängt es an, das beherrschen meine Kinder schon nicht mehr so gut…“ Andere, mit denen wir sprechen, verweisen auf die  vielfältigen Kontakte in die alte Heimat, die kulturerhaltend wirken. Unser Schluss ist eigentlich: diese Gesellschaft war und ist deutsch-national geprägt und konnte sich, obwohl die Kolonialjahre sehr gezählt waren (25 vielleicht),  gut hier halten, denn danach kamen die Südafrikaner, namentlich die Buren. Es ließ sich wohl gut weiß-überlegen leben, die Ideen waren ähnlich, wahrscheinlich sind sie es noch. Was sicher seinen Niederschlag in der modernen Politik des befreiten Namibia findet – die Diskussionen um Landumverteilung sind akut wie eh und je. Und wenn man die Vororte zu den Städten und Dörfern anschaut, gibt es wenig Unterschiede zu den Townships Südafrikas. Interessant fand ich die Aussage einer Deutsch-Namibierin, der ich erzählte, dass mir mehrere weiße Südafrikaner gesagt hatte, sie würden nach Namibia gehen, wenn es in Südafrika zum politischen Chaos käme: „…. dann haben wir hier auch keine Chance. Wirtschaftlich hängen wir 100%ig  an Südafrika. Wie ein Satellitenstaat…“ Und Herr Konrad vom TransNamib-Museum? “ … hätten wir mal unsere Währung an den chinesischen Yüan gehängt…“  Hätte, hätte…

Sagen wir übrigens auch. Hätten wir mal. Keinen Besuch in der wunderschönen, kleinen „Earth Science“-Ausstellung auf dem Gelände des Ministeriums für Mining and Energy gemacht. Wir hätten was verpasst, es war wirklich interessant. Wir hätten allerdings auch nicht einen Nachmittag bei der Polizei verbacht. Und einen Vormittag bei der deutschen Botschaft… und auch nicht die Firma PG GLASS kennengelernt. Ich hätte noch mein  schönes Sony-Tablet, Andreas seinen Pass, seinen Laptop. Und wir zusammen viele Bilder aus den letzten Monaten. Als wir nämlich unser Auto von diesem Ministeriumsparkplatz (Elektrozaun und Schlagbäume) fahren wollen, ist eine Scheibe eingeschlagen, und wir sind Rucksack und Handtasche los. Ja, macht man nicht und hätte, hätte. Hätten wir den Kram halt nicht im Innenraum, sondern im Campingabteil gestaut. Immerhin lernt man auf diese Weise interessante Leute kennen. Namibier, denen es nicht anders gegangen ist, zum Beispiel. Witzige Polizisten (mei, sind das lange Leitungen hier!). Helke, die im Ministerium auch für die Earth Science Ausstellung verantwortlich ist und uns über den ersten Schrecken hinweghilft, telefonieren lässt und einen Begleiter für die Polizei bereitstellt. Auf dem Campingplatz treffen wir danach eine Truppe Franzosen, die ein ernsthaftes Offroad-Abenteuer hinter sich haben, unsere Altersgruppe übrigens, und die uns ihre Routen und Roadbooks zeigen und uns aufmuntern. Nach zwei Tagen Aufräumungsarbeiten geht’s mit leichter Verspätung, aber mit neuem Tablet weiter nach Etosha. The show must go on – unser Reiseschwung und besonders die Neigung, das Auto irgendwo unbeaufsichtigt stehen zu lassen, haben allerdings etwas abgenommen, und immer wieder stellen wir fest: „… Mist, das Satellitentelefon…“ Mist, meine Haarbürste, Mist, der Führerschein, das Powerbank, die USB-Adapter. Und dann die Daten, viele, viele ungesicherte Bilder… Ganz schöner Käse.

Etosha ist für uns „so làlà“. Zwei Wochen zuvor noch in der Serengeti, dagegen müssen mancherlei Nationalparks abfallen, nicht nur Etosha, aber es macht trotzdem Spaß. Und damit ist auch schon der nördlichste Punkt der Reise erreicht.  Der nächste Platz liegt schon südwestlich und  ist wunderbar staubig, wunderbar, weil man trotz Wüstenumgebung in Flussbett des Aba Huab unter Bäumen im Schatten liegt. Wüstenelefanten werden uns zwar avisiert, aber lassen sich nicht blicken – das sind die mit den extra langen Beinen, damit kann elefant in kargen Gegenden 60, 70 km täglich laufen. Wasser braucht der Wüstenelefant übrigens spätestens am 5. Tag – tapfere Kerle! Aba Huab ist der Fluss am Fuße von Twyfelfontein – und weil der meist trocken liegt, sind „tapfere Kerle“ auch die Leute, die sich in den 40er Jahren hier neben der Großwildjägerei an Ziegen- und Schafswirtschaft versucht haben: ein David Levin mit Frau und 3 Kindern. Nach 12 Jahren wurden die „Twyfel“ an der Zuverlässigkeit der Wasserquelle zur Gewissheit, dass sich das Siedeln hier nicht lohnt. Wenn man sich die Gegend anschaut, müsste man das eigentlich von Anfang an geahnt haben, sagen wir, aber wir haben hier schon reichlich Beispiele für extreme Siedlungsräume gesehen, will sagen: wir haben keine Ahnung. Nicht umsonst gibt es hier ein bekanntes Lehrinstitut für Landwirtschaft in extrem trockenen Landschaften. Was Twyfelfontein aber zu bieten hat, sind Hunderte toller Buschmann-Felsgravuren, Tierabbildungen, aber auch ein paar topografische Hinweise zu Wasserlöchern. Wenn man die Vielzahl der abgebildeten Tiere betrachtet, wird einem klar, dass es hier vor 2000-4000 Jahren deutlich feuchter gewesen sein muss. So viele Giraffen! Rhinos, Elefanten, Antilopen, und weil es sich um Nomaden handelte, die auch die gar nicht so weit entfernte Küste besuchten, gibt es auch einen Pinguin und eine Robbe zu sehen. Sehr schön, und unser junger Führer, Karon, der sich hier das Geld für das nächste Schuljahr verdient (sehr mühsam…) macht die Besichtigung zum Gewinn.

Weiter! Es folgt wieder ein Bergbaustädtchen, Uist. Wir sind die einzigen Gäste auf dem Campingplatz des Brandberg Restcamps, in den Zimmern tummeln sich allerdings 20 Grundschüler auf Schulausflug mit dem Erziehungspersonal. Glücklicherweise sind wir früh dran, so dass ich den 25m-Pool für mich habe, das Freibadgequietsche setzt erst später ein. Diese Lodge war bestimmt mal das soziale Zentrum der Mineurgemeinde, drum auch das Schwimmbad. Heute ist noch ein bisschen Zinnabbau im Gange und sehr viel Mineral-Kleinverkauf von der lokalen Bevölkerung, durchreisende Opfer – Touristen – gibt es täglich. Stimmung: den Siedlungen im australischen Outback nicht unähnlich. Wer nichts zu tun hat – und das sind augenscheinlich einige – sitzt vor dem Supermarkt im Schatten.

Nach Uist kommt eines der Highlights dieser Reise. Schade, dass ich im Moment noch keine Bilder zeigen kann, denn die Spitzkoppe, die sich neben den Pondokbergen aus der Ebene erhebt, ist einfach nur schön. Fantastische Gesteinsformationen für viel Gestaune und viele Erinnerungen an den Ayers Rock/Uluru und die Kata Tjutas. Unser Lunch genießen wir unter dem Steilhang der Großen Spitzkoppe, bewundern Klippschliefer beim Baumklettern, lassen Starlinge und Weber in unseren Suppenschalen baden und trinken und erfreuen uns an den Erdmännchen, die den Glanzstaren die gespendeten Apfelstücke klauen.

Zum Abend wollen wir in Henties Bay sein, also fahren wir Richtung Küste. Ein weiteres Naturwunder setzt ein: aus der Wolkenwalze, die wir unterqueren, strömt Regen auf den Wüstensand. Da freut sich jedes staubige Wüstenpflänzchen. Henties Bay stellt sich als gruselig-lieblose Ansammlung von Ferienhäusern heraus, hier ist der Hund verfroren, also weiter nach Swakopmund. Und dort trifft uns der deutsch-koloniale Schlag. Nicht, dass es noch viele bauliche Spuren gäbe, vielleicht die alte, kaiserliche Kaserne, ein paar Gründerzeitvillen, dazu ein bisschen Fachwerk-Dekofake hier und da. Aber die Bevölkerung ist zu einem Großteil so deutsch wie die Straßenschilder. Von „Erichs Restaurant“ über „Swakopmunder Buchhandel“ bis „Hier nicht parken“. Bleibt anzumerken, dass die Amtssprache englisch ist, wenn man nicht von Hause aus Nama oder Ovambo spricht… Aber ich gebe es zu: “ Draußen  nur Kännchen“ fehlt noch. Wir hoffen diesbezüglich auf Lüderitz…

Mbalageti

Einfach "Serengeti"

Einfach „Serengeti“

Windhoek, 12.4.2016

The first bit of this blog entry is for you, Manjit! We hardly have words for our stay in Mwanza. Thanks a lot for inviting us to stay at Hotel Tilapia and for all the treats and the time you took to catch up on old times. It was pure joy to meet you again. Thanks also for showing us around  – the old bus station and your new „diversification“ grounds. However, what we had not planned on, was that Serengeti trip and it turned out to be beyond expectations. The lunch at the beautiful „Serenity on the Lake“ to start with, and then Saidi took us into good old Serengeti… To say the least: Mbalageti was just fantastic. The epic views of the Serengeti plains from the terrace, your friendly staff, the nice food they prepare out there in the wild (from now on,  I’ll have a hint of cinnamon on my pumpkin soups, too…). And then you put us into that suite, where you could have seen two old backpackers speechless. You know that AKKA is half the length of #28? I loved the shower. No, I loved the bathroom and the bedroom, the decor, the setting, the sound of hyena in the night.  A perfect stay, a perfect setting and we never saw as many wildebeest as this time. The wildebeest must love Mbalageti, too…

Whoever reads this and would like to do a trip to the Serengeti away from the crowds: start from the west and try Mbalageti Luxury Camp (they have very nice „chalets“ and standard rooms, too!). Indulge in some luxury off the beaten track, see leopards, lions, elephants, and if you go slightly off-season, enjoy a green Serengeti and last but not least the “ migration“ with tens of thousands of wildebeest.

Thanks, Manjit. An addition to our chapter „unforgettable“.

MBA Migration

Der geneigte Leser wird uns verzeihen, dass wir den Blog für diese persönliche Dankadresse benutzt haben. Ja, wir sind zurück aus Tanzania.

Die faulen Tage in Zanzibar waren schnell herum. Wie der Zufall es will, fand ich in Linn vom Demara Guest House eine dankbare Abnehmerin für Justice Malalas „We have now begun our descent“  (Gepäckentlastung!) und kriegte im Gegenzug einen Lesetipp über eine Familienhistorie in „Rhodesien“ und den ganzen alten, britischen Kolonien. „Don’t let’s go to the dogs tonight“, Alexandra Fuller. Fand ich schon im Flughafen in Dar, gleich neben einem anderen Lieblingsbuch*. Für Literatur war gesorgt. Und wegen der Gepäckentlastung wurde beide für das Smartphone heruntergeladen… Tolle Bücher, die wir aber eigentlich gar nicht benötigten: Mwanza am Victoriasee war das Ziel, Jetfast brachte uns nach kleineren Schwierigkeiten mit der Gepäckklappe gut hin. Komisches Gefühl, wenn alle auf dem Rollfeld um die eigentlich doch ganz gut und modern aussehende Maschine herumspringen, man hört dieses endlose, sägende Elektromotorgeräusch, „“iiih-äääh-iiih-ääah“ und nix passiert, und dann fliegt man doch irgendwann los. Leider war den Kili nicht zu sehen, nur endlose Drama-Wolkenlandschaft, subäquatoriale Wetteraufregung halt. Der freundliche tanzanische Fischereiingenieur, der gerade von der Uni in Japan zurückkehrte und an meinem Traumort Kigoma arbeiten wird, war sichtlich erleichtert, als wir endlich gelandet waren.  Diese Gepäckklappe… Unser Gepäck wäre nicht rausgefallen, das hatten wir mit in der Kabine. Samt Nagel- und Haarschneideschere.

Mwanza überrascht uns. Statt ein paar zigtausend Einwohnern und ebensovielen Schlaglöchern in den 80ern und 90ern jetzt Asphaltstraßen, glitzernde Bankenpaläste ( naja, für tanzanischen Standard), nicht nur eine Mall und dazu fast 1 Mio. Menschen, die den Ostersonntag noch festlich-kirchlich gekleidet auf dem Sonntagsmarkt begehen. An Manjits Hotel, dem nun schon altehrwürdigen Tilapia, ist die Hölle los. Zwar ist die Straße immer noch heimelig rumpelig, aber derartig viele SUVs auf einem Haufen… früher waren das alles Landrover und Landcruiser, aus dem Nutzfahrzeugbereich.  An diesem Sonntag begießt sich hier halbe Ex-Pat-Gemeinde die Nase, in Gesellschaft von fein herausgeputzten Original-Mwanzanesen, alle Tische im Garten am Seeufer sind

Rock City rocks. Ostermontag am Strand

Rock City rocks. Ostermontag am Strand

voll, und die indische Gemeinde ist um den Cricket-Fernseher der Strandbar geschart (wir verstehen bis heute nicht, was da geschieht). Für uns gibt es auch  „Indisch“, ein Chicken Korma im ersten Stock, während sich die Abendsonne auf das ewig schwedisch anmutende, benachbarte Felsenufer senkt. Immer noch eine nette, afrikanische Stadt. Rock City „rockt“!

Dass das immer noch so ist, überprüfen wir am Ostermontag. Und finden unsere und Manjits alte Wirkungsstätte nicht, den „Tanganjika Bus Service“. So ein Gewusel! Immerhin schicken uns Passanten hierhin und dorthin, bieten uns sogar an, uns mit dem eigenen Wagen zu fahren – nee, danke, asante sana, lass‘ mal. In uns keimt ein Verdacht: das kennen die Leute nicht, das ist ja fast 30 Jahre her, und 80% hier sind sicher unter 30. Werden wir etwa alt? Rückzug zum See, nochmal gucken wo wir 1993 mit der MV BUKOBA mit unserem Range Rover inmitten von Bananenstauden und Süßkartoffelsäcken aus Uganda via eben jenem Bukoba angekommen sind. Sehr afrikanische Gestade, mit all den Garküchen für die Inselpassagiere. Die Jugend Mwanzas ist am Strand von Capri Point versammelt. Schwedische Schären pur, oben drüber luxuriöse Villen und ein paar Relikte aus Deutsch-Ostafrikanischen Zeiten.

Dienstag endlich ist Manjit von einer Reise zurück, was für ein Spaß. Wir werden durch die Stadt kutschiert, bekommen seine neuen Fertigungsstätten (Wassertanks und -leitungen, Speiseöl und mehr…) zu sehen und den alten Busbahnhof. Der Busbetrieb ist aufgegeben („… das fraß zu viel Geld…“ – unser Klische vom indischen Geschäftsmann in Ostafrika). Natürlich gibt es Rallyetalk, aber das ist alles weit weg, für uns und für Manjit; die Kinder sind groß und arbeiten in den väterlichen Betrieben, die Großfamilie, die früher großenteils über dem Busbetriebshof wohnte, ist verstreut, in Kanada, London… Oder weilt nicht mehr unter uns. Jassie, Sheera…

Mittwoch. Frühstück nicht mit Bären, aber, wie täglich, mit Milanen. Das ist insofern bemerkenswert, als am ersten Morgen Andreas aus dem Buffetraum auf die Terasse tritt, um einen Tisch am Seeufer anzusteuern. „…ssswisch…“ macht es, und der Eigner schaut verblüfft. Was war das denn?? Na einer der Milane, die auf den Dachkante sitzen und schauen, ob jemand mit Baconstreifen aus dem Haus tritt. Und fort ist der Speck, schnell und zielgerichtet! Würstchen oder mein Obst gehen bei Milans überhaupt nicht. Gut für mich. Gestärkt drehen wir unsere Runde, um einen günstigen Anbieter für unseren geplanten Ausflug in die Serengeti zu finden; Serengeti ist nämlich ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Selbstfahrer sind nicht sonderlich beliebt, Leihwagen mit Fahrer teuer, dazu kommt noch der Parkeintritt von 60 US$ pro Person und Tag. Alles – gegenüber den 90 ern unverändert – hochpreisig, nur dass wir damals Wagen und Campingzeug hatten; dann tut sich eine Möglichkeit mit Exotic Expeditions auf. Das machen wir! Mittags sitzen wir bei Manjit im Büro, kriegen – längst an Nescafé oder Ricaffé (mit Zichorie!) gewöhnt – feinen italienischen Cappucino aus der noch feineren Gastronomiemaschine. Wir buchen den Rückflug nach Johannesburg. Andreas schwatzt mit Manjit. . „…nee“ sagt der. „Serengeti? Das machen wir anders. Ich muss zwar leider wegfliegen, aber natürlich…“ Mir wird schon ganz anders, noch eine Einladung? Im Tilapia laufen wir schon als special guests. „Kijereshi?“  „Nein, das existiert zwar noch, aber Ihr müsst ja noch Mbalageti sehen. Und Saidi ist frei, ist ja Nebensaison…“ Der Eigner freut sich unverblümt, ich blümele noch ein bisschen peinlich berührt herum.

Saidi und Gäste

Saidi und Gäste

Der Rest steht oben, aber ich sag’s auch gern noch einmal: es war einfach unvergesslich. Die Serengeti als Landschaft noch einmal zu sehen. Dann die Viecher. Saidi hat ein scharfes Auge und sieht gleich zweimal Leoparden im Baum. Er weiß wo die Löwen gern herumlungern, erblickt aber auch welche im Augenwinkel, die gerade mit einem Zebrabein winken. Und als wir uns am Abend dann unserem Ziel nähern, ist sie da, die berühmte

Gnus

Gnus

„migration“, da hätten wir stundenlang zuschauen mögen: „uh, uh, uh“ sagende schwarze Massen. Neugeborene Kälber, die sofort im Gnugalopp der Mutter und der Herde folgen. Hyänen, die im hohen Gras auf Abendessen lauern. Wenn die Gnus etwas stört, dann hält der ganze Zug an. „uh, uh,uh“

Die Twin-Bed-Seite unserer Suite

Die Twin-Bed-Seite unserer Suite

Und oben auf dem Hügel liegt Mbalageti Luxury Camp, Manjits Lodge, seit 8 Jahren im Betrieb, aber mit deutlich längerer Bauzeit, anders kann es gar nicht sein. Alles mit sehr viel Liebe zum (afrikanisch-rustikalen) Detail hergerichtet. Eines der Merkmale: Elefantenhinterlassenschaften einzubauen, nämlich alle Formen von Bruchholz, lackiert, natur, als Einfriedung, als Garderobenhakenersatz. Und tausenderlei Africana dazu. Die Mannschaft begrüßt uns mit

Frau mit Elefantenholzgeländer

Frau mit Elefantenholzgeländer

Säften, extrem freundlich und brieft uns („…im Gelände nur von 7 bis 7 frei herumlaufen!“), verabredet eine Abendbrotzeit und dann führt uns jemand zum Zimmer. Zum Glück geht Fidelis an dem Zeichen „executive suites“ vorbei. Standard room heißt es, sehr gut. Und dann doch: „Suites 27/28“. Himmel! Ja, genau, Himmel. Wenn man erst mal wieder zu Atem gekommen ist, dann ist es himmlisch. Ein Tanzsaal von Bad mit Dusche und Badewanne und Pipapo samt

Und immer aufmerksam!

Und immer aufmerksam!

Bademantel. Und Elefantenholz als Duschgelfläschchenhalter. 4-Poster-Kingsize-Bett mit Moskitonetz, natürlich, wie es halt sein muss. Eine Stoffgiraffe bewacht das Schlafgemach. Gemütliche Sitzgelegenheiten in Schlaf- und Wohnräumen. Da weiß der gemeine Akkanaut gar nicht, wo er/sie zuerst Platz nehmen soll. Huh. Auf den Schreck gibt es ein formidables Abendessen mit Blick auf die in der Nacht versinkende Serengeti. Und Hippogebrüll und Hyänengebell zum Dessert. Warum man nicht allein durch’s Gelände stiefeln soll, bekommen wir auf dem Rückweg gezeigt: der Wachmann, der mit einem Löwenspieß bewaffnet ist, leuchtet im Dunklen Gruppen von Wasserböcken an, und wo Antilopen am Weg stehen, sind die Jäger nicht immer weit.

Ein Zebra-Streifen!

Ein Zebra-Streifen!

Seronera und Umgebung...

Seronera und Umgebung…

So ist das in Mbalageti. Saidi fährt uns an einem Tag ins Zentrum des Parks, da wo man leicht hinfliegen kann, und es auch reichlich tut. Da wo eine Schlange von 6 oder 7 Touristenautos den Standort von Löwen anzeigt. Da wo wir mitten in Scharen von anderen Guckern unser Lunchpaket leeren (ich glaube, Saidi ging es im Wesentlichen darum, adäquate „rest rooms“ anzusteuern,

In Pose

In Pose

die Toilette ist der Touristin Himmelreich!). Aber die Tiere? Und diese einmalige und einsame Landschaft? Hatten wir alles und ganz exklusiv, und bei Saidi kann man sich drauf verlassen, dass er einen sicheren Platz für der Akkanautin Himmelreich ausgesucht hätte: er sucht einen solchen nämlich auch für einen Reifenwechsel in der Wildnis aus. Wo man weit gucken kann. Keine Büffel, keine Löwen, Elefanten,

Leckeres Essen irgendwo?

Leckeres Essen irgendwo?

Leoparden oder Cheetahs in Sicht. Letztere, die Geparden, habe ich als mein persönliches Geschenk bei diesem Serengetibesuch empfunden. Mutter mit 3 Kleinkatzen, zwar im hohen Gras, aber mit Geduld doch zu sehen.
Muss ich noch weiter schwärmen? Es war ein wahrlich passender Abschluss unserer weiten Reise von Kapstadt durch das südliche Afrika. Danke an Manjit, der dem Ganzen dieses Sahnehäubchen augesetzt hat. Und danke an den Eigner, der seine Frau unbeirrt durch die Welt schleppt.
MBA Cheetah

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  • Christina Lamb: The Africa House – die Geschichte von Stewart Gore Browne und seinem britischen Herrenhaus Shiwa Ngandu, das dort steht, wo Livingstone einst seinen liebsten Hund (!) an die Krokodile verlor…

Von Dar nach Zanzibar

Unseres!

Unseres! Auf Zeit…

Demani Backpackers,  Paje/Zanzibar  –  25.3.2016

Bis 3 (nicht) dabei. Nur gehört haben wir sie, die wilde Bande junger Backpacker, die heute Nacht in unserer Unterkunft abgefeiert haben; das also macht Backpacking aus! Ein junges hippes Paar aus dem Hessischen fragte vor 2 Tagen schon, in welcher Unterkunft die nächsten Party steigt (die Deutschendichte hier ist ungeheuer!) Glücklicherweise dünnt sich die Schar der Reisenden auf Zanzibar jahreszeit(=Regenzeit)-bedingt schon aus, insofern hielt sich dank geringer Größe der Schar der Lärm in Grenzen. Wumm-wumm-Bässe, die durchs Gelände wabern, wie wohl an jedem Donnerstag, die jungen Leute wollen unterhalten werden. Tagsüber gibt es dazu SUP (eine besonders dämliche Fortbewegungsart!… googeln!), Kiten, Schwimmen mit Delfinen, Tauchen…,was das jugendlich-aktive Herz im Gap-Year oder auf dem schnellen Billigflugtrip begehrt  – sehr beliebt: Fluggesellschaften von der arabischen Halbinsel, aber Air Ethiopia kann’s auch. Wir haben trotz Livemusik nach dem BBQ den Kids die Szene überlassen. Klingt alles dramatisch touristisch, ist es aber nicht, nur in kleinem Umfang in ein paar Enklaven entlang des Strandes. Und wir mögen unser „Lokal“. Der Seewind rauscht durch die Tamarisken, in deren dünnem Schatten es etwas kühler ist als an der baren Küste. Um sich nicht die Füße zu verbrennen, springt man durch den heißen Sand von Schattenfleck zu Schattenfleck, wie damals in Kiwayu und Manda Island im Norden Kenyas. Der Wind lässt im Zimmer die Kitengevorhänge wehen, die vor den unverglasten (wohl aber moskitonetzbewehrten) Fensteröffnungen hängen. Gutes Essen aus  arabisch-indisch angehauchter Küche, Passionsfrüchte, Mangos, Kokos, Fisch. Frau kann in einem pipiwarmen Pool planschen, und es gibt, was die Maslow-Pyramide bald noch vor die physiologischen Lebensnotwendigkeiten (Wasser, Essen und Sicherheit, ein schlechter Scherz in diesen Tagen…) stellen wird: WiFi und ausreichend Strom für die Akkus. Ein Backpacker der Luxusklasse; das will auch, wie vieles in Zanzibar, gut bezahlt sein, wir zahlen noch dazu extra für ein eigenes Bad.

Wichtig, wenn man immer Strom haben möchte...

Wichtig, wenn man immer Strom haben möchte…

Dar es Salaam hatte einige lustige Momente. Der frühe Weckruf vom Minarett, ab 7 gefolgt vom konkurrierenden Straßenprediger mit Megafon und viel „amen“ aus dicken Lautsprecherboxen. So liegt man im Bett und fragt sich, wieso  hier die Südafrikanische Nationalhymne gespielt wird. Wird sie nicht. Es ist nur so, dass „Mungu ibaraki Afrika“ die Swahiliversion von „Nkhosi sikekel‘ iAfrica“ ist. Eben die Tanzanische Nationalhymne. Die lutherische Kathedrale mit ihrem deutsch anmutenden Türmchen. Morogoro Street mit reihenweise Technik- und besonders Generatorenhandel, gefolgt von einer Perlschnur von Stoffläden, Kitenge bis einem die Augen weh tun. Ebenfalls lustig und für unsere weitere Reiseplanung überraschend: die leicht selbst-zweifelnde Auskunft am Bahnschalter, dass leider, leider die Bahnverbindung nach Dodoma unterbrochen ist „… but maybe next week!“,  ach, da schwang dann so viel Zweifel mit, dass eine Alternatividee für die Weiterreise her muss.  In dem Meer von Kleinbussen auf der Ausfallstraße ist es schwierig, ein Dalla-Dalla in die richtige Richtung zu finden, nach Ubungo, wo die großen Überlandbusse ins Landesinnere starten, in unserem Fall nach Mwanza am Victoriasee, 1200 km von der Küste. „Landesinneres“ klingt schwer nach Livingstone, nach Sänfte und Trägern, die unsere Rucksäcke auf den Köpfen durch’s Dickicht balancieren würden, aber eigentlich ist das moderne Tanzania doch recht gut erschlossen und die Abholzung für die allgegenwärtigen, elenden Holzkohlefeuer so weit fortgeschritten, dass man häufig recht weit gucken kann. Die Askari aus den guten (?!) alten Zeiten von Deutsch-Ostafrika heißen heute „police“ und die Träger sind Taxifahrer. Wie Habib, der uns nach Ubungo karrt. Der Verkehr ist dicht genug, um reichlich Zeit für Geschichten zu bieten. Über die Geografie Tanzanias, über den südafrikanischen Investor, der gerade ein neues Nahverkehrssystem in Dar installiert, mit separater Busspur und großen  Terminals in den Vororten und unten am Hafen. Da das System zwar fertig, aber noch nicht in Funktion ist, wird derzeit die Busspur abschnittsweise noch von geschäftstüchtigen Anwohnern an die Habibs und Karims dieser Stadt „vermietet“, die ihre Fahrgäste ein bisschen schneller ans Ziel  bringen wollen. Gegen ein paar Shillings wird die abgegrabbelte Absperrschnur – Marke: Kuhseil – abgesenkt. Kann aber sein, dass diese Rechnung ohne den Wirt, in diesem Fall ohne die Verkehrspolizisten an den Kreuzungen gemacht wird. Wir sehen einen solchen, wie er einem Mann, der auf dem Mittelstreifen lungert, eine Autoschlüssel zuwirft. Was war das denn? „…den Polizisten kenne ich; der entzieht einem den Schlüssel für eine Weile, wenn Du die Busspur benutzest!“ Oder für andere Vergehen, Verkehrsstrafe auf der Direttissima, im Sport nennt man das Zeitstrafe. Dumm gelaufen.

Angekommen, schleust uns Habib mit Begeisterung über den Busbahnhof. Das stelle man sich als riesigen Schotterparkplatz vor, auf dem Busse aller Erhaltungszustände auf Fahrgäste warten. Am Rande Schlichtbauten mit knapp garagengroßen „Büros“, wo die Betreiber einer Handvoll verschiedener Buslinien, die Mwanza – für Direktbusse ein eher abgelegenes Ziel – anlaufen, uns ihre Abfahrtszeiten und Mobilrufnummern auf abgerissenen Zeitungsrändern notieren. 15-18 Stunden Bus. Abfahrt um 5, oder wenn man Glück hat, um 6 am Morgen und eine Stunde vorher soll man antreten, dann ist man in der Nacht am Ziel. Klingt irgendwie mühsam… Ob man doch mal Fastjet bemüht?! Zurück in die Stadt. Im Dunklen stolpern wir nach einer kurzen Dusche die Livingstone Road  entlang. Es ist Freitag, es gibt reichlich männliche Passanten mit weißem Hemd und Takke, kleine Jungs tragen reich bestickte Samtwesten (man muss ja zusehen, dass man nicht friert in diesem Klima!). Wir landen in einem pakistanisch-arabischen Restaurant, bei Saft, Wasser und Hühnchen mit gewürztem Reis. Als ich mir die Hände wasche – das Essen mit den Händen hat in diesen Regionen den ungeheuren Vorteil von öffentlichen Handwaschbecken mit Seife. Ohne Geschlechtertrennung! Benötigt man auch nicht so sehr, Frauen sind hier und an diesem Abend  auf der Straße in der Unterzahl, denn sie gehören ins Haus. Denke ich… –  beim Händewaschen also die Standardfrage vom Nachbarwäscher: „Where are you from?“   …  „…was, Sie sind deutsch? Ungewöhnlich, hier deutsche Touristen zu finden, freut mich!“ Geschliffenes Hochdeutsch aus einem schmalen Somaligesicht. „Ach so, Entschuldigung, ich lebe in Frankfurt. Ich bin hier als Tourist, eigentlich aus Djibouti. Hatte ein paar Tage frei. Flughafen! Prima Job!“ Für unseren Reiseweg ernten wir eine gehörige Portion Bewunderung. Und umgekehrt. Reisebegegnungen.

Eine von Zanzibars kunstvollen Haustüren!

Eine von Zanzibars kunstvollen Haustüren!

Unsere Fähre nach Zanzibar geht am Samstagmittag. Schnellfähre, voll bis oben mit Fahrgästen – ob das alles Wochenendgäste sind?  Das kriegen wir nicht heraus, aber etwas anderes: auf Zanzibar finden Präsidentschaftswahlen statt. Die letzten, parallel zu den Festlandswahlen,  wurden wegen Wahlbetruges annulliert, und nun gibt es einen neuen Anlauf. Zanzibar ist ein halbautonomer Teilstaat Tanzanias (=TANganyika + ZANzibar + IA),  und im Archipel möchte man mehr Freiheiten. Gleich der erste Kaffeeverkäufer, bei dem wir an der Uferpromenade die Rucksäcke absetzen und uns  in den Schatten sinken lassen, klagt uns sein Leid:  kein Geschäft heute. Niemand will ausgehen, niemand Kaffee trinken. Vor Unruhen wird gewarnt. Na, da sind wir ja richtig. Bis wir am Dienstag an die Ostküste abreisen, verfolgt uns dieses Wahlgespenst: Sonntag – alles ausgestorben. Montag: Schule? Nö, es sind ja Wahlen. Und immer wieder: „Babu – give me…“ – money, was zu essen, wir sind so aaarm, kauf‘ mir einen hässlichen Anhänger ab… „…ich bin doch nicht von hier und heute sind Wahlen und deswegen habe ich nichts zu essen“.  Oder: ich bin überhaupt nicht aus Tanzania, ich bin aus Nigeria und lebe auf der Straße (Enoch, der Kaffeeverkäufer: „… den kenne ich, der kommt aus dem Gefängnis…  Seid vorsichtig.“). Vom jungen  Enoch bekommen wir eine Lektion in Tanzanischer Geschichte und  Alltagsleben. Wir hatten uns schon gewundert, dass eigentlich jeder, den wir dazu ansprechen, beteuert, vom Festland zu kommen. Zanzibaris scheinen die Ausnahme im Inselarbeitsleben zu sein. Man beguckt sich auch irgendwie … eifersüchtig?

... und kunstvolle Schlösser...

… und kunstvolle Schlösser…

In Zanzibar Citys Altstadt, Stonetown, dessen verwirrende Gassen-Züge wir mehrfach durchschreiten – und dabei stark auf die Aussagekraft von GoogleMaps angewiesen sind; funktioniert aber nur, wo sich die Häuserwände zu GPSfähiger Himmelfläche weiten! – scheint sich der Gelderwerb auf Souvenirverkauf zu konzentrieren, und vielleicht auf „Sitzen“. Aber es sind ja

Zanzibar Food

Zanzibar Food in einem alten Handelshaus

auch Wahlen, das muss man eben aussitzen. Immerhin finden wir einen Schneider, der Andreas‘ lange Hose repariert, und der schwer enttäuscht ist, als ich das Angebot „auch über Nacht!“ noch ein Kitengekleid fertigen zu lassen, ablehne. Ob er Anstoß an meinen Shorts genommen hat?  Rein finanziell jedenfalls ging es ihm nicht so extrem gut, wir mussten für die Anschaffung einer Rolle sandfarbenden Garnes einen Vorschuss von einem Euro leisten, sonst wäre das nichts geworden. Was in etwa der Erfahrung entspricht, dass 80% der Taxis in Zambia und Tanzania mit einem erst einmal zum Tanken fahren, 3, 4 Liter müssen erst einmal reichen. Aber unsere Wanderschaften durch den alten Teil von Zanzibar City hinterließen den Gesamteindruck: sehenswert.

Freudentanz

Freudentanz

Mittlerweile hängen wir aber schon 3 Tage in unserem Backpacker an der Ostküste ab, und ich habe gestern mit kleinen Mädchen einen Freudentanz aufgeführt, zu ohrenbetäubender Musik aus Riesenlautsprechern. Freude über den (immer noch zweifelhaften) Wahlsieg des alten und neuen Inselpräsidenten Shein.  Ein bisschen komisch ist es ja, und dann ist er auch noch von Pemba, dieser Herr, und eigentlich war es auch keine Wahl: CCM ist ohne Alternative aufgetreten, drum gab es auch ein Wahlergebnis von 91,4% pro Shein. Die Gegenpartei ist CUF, die für die Ablösung von Tanzania ficht, und in gewisser Weise möchte sich dann die Insel Pemba noch von Unguja, der Hauptinsel, auf der wir uns gerade befinden, lösen… Nicht so einfach, diese Konstrukt. Hoffen wir mal, dass der neue

Der Festlandspräsident!

Der Festlandspräsident!

Festlandspräsident, John Magufuli, genügend Charisma hat, um zufriedenstellende Lösungen für alle zu finden. In Sachen Korruption und Verschwendung entwickelt er unafrikanisch gute Ideen – zum Beispiel gibt es keine Unabhängigkeitsfeiern, sondern kollektives Unabhängigkeits-Großreinemachen. Seine Amtseinführung, bislang Gelegenheit zu opulenten Gelagen, hat er mit Sandwich und Wasser gefeiert. Sehr enttäuscht hat er auch die Delegation, die schon die Köfferchen für eine „Global Tour of the Commonwealth“ gepackt hatte: die schrumpfte nämlich pötzlich von 50 auf 5 Personen. Irgendwie sympathisch, auch wenn strenge Sparpolitik ja schwerst umstritten ist. Es fragt sich aber, wieviel Autonomie Zanzibar braucht und wieviel davon Tanzania vertragen kann. Sonst gibt es demnächst zwei Schwester-Staaten. Tania und Zania…

Aber bis es so weit ist, sind wir über alle Berge, und ich habe noch ein letztes Mal im Indischen Ozean gebadet, das muss morgen sein. Sonntag geht es nach Mwanza. Mit Fastjet…

TAZARA

MUKOBA Express nach Dar

MUKOBA Express nach Dar

Dar es Salaam, 18.3.2016

Dar es Salaam, Hafen des Friedens. Hafen der ewig rappelnden Stromgeneratoren, überall, dagegen waren die Zambier wirklich Waisenkinder. Hafen der Schlaglöcher, des Verkehrschaos und der lautstarken Religionsvertreter. Wir sind im Cornrad [genau so!] Hotel untergekommen, und Habib, der Taxifahrer, erzählt uns Dar-Klatsch. Zum Beispiel, dass der Besitzer des Hotels schwerreich ist, aus dem Kongo stammt und alles Mögliche besitzt. Mine, Fußballclub, Hotel. Ansonsten erfahren wir mehr über Tanzania. Noch mehr „Afrika“ als Zambia. Wir mögen’s.

Bus Terminal Lusaka

Bus Terminal Lusaka

Am vergangenen Samstag hatten wir schick eingekauft für den Fall einer unfreiwillig verlängerten Bahnreise mit entsprechend schwindenden Vorräten im Speisewagen. Erdnuss-Rosinen-Mix, getrocknete Cranberries und Mangos, dazu Nescafé Cappucino, Babybel, Knäckebrot, Äpfel.
Sonntag dann großes Familienfest bei den Singhs im Garten, erstens hatte Enkeltöchterchen Olivia ihren ersten Geburtstag, zweitens

... es war einmal ein Golf...

… es war einmal ein Golf…

wollten wir noch mehr mit Satwant und Leeanne schwatzen und drittens waren die Relikte der Rallyekarriere des vielfachen Afrikanischen Rallyemeisters zu betrachten. Der gerade ein kleines Comeback plant: die „Zambia International“ noch einmal zu gewinnen, Traum eines 73-jährigen. Leeanne sagt dazu: „…oh, Bossy!“ und lächelt verschmitzt. Und Satwant reibt sich den rundlich gewordenen Bauch: „… die Kilos muss ich bis dahin aber loswerden…“ Und, wie der Techniker unter uns feststellt, er wird den Motorraum des Golf Kitcars einer kurzen Waschung unterziehen müssen. Rein rituell, natürlich. Ein toller Nachmittag, zumal eine Freundin der Familie auch ein paar Berichte aus der nicht ganz so heilen Welt Zambias beisteuert. Ein Schulprojekt innerhalb eines Frauengefängnisses ist zu unterstützen, für die Kinder der Gefangenen, die dort geboren werden oder schon mit einrücken mussten. An Nachwuchs mangelt es nicht: es ist leicht, im Gefängnis schwanger zu werden – die Wärter leisten ihren gewalttätigen Beitrag. Mir bleibt ein bisschen der Geburtstagskuchen im Hals stecken. Das Projekt Mother of Millions hat eine tapfere Zambierin erdacht. Und wurde kürzlich nach China eingeladen – ihre Expertise ist begehrt. Noch Fragen?

Wir beschließen den Abend mit einem Drink in der noch heileren Welt der Reichen und Expats, im Hof des Radisson-Hotels. Fast bei uns um die Ecke. Und wir sind froh, als wir uns in die gemäßigt bescheidene Umgebung unsere Natwange Backpackers zurückziehen können, mit allem Komfort (=manchmal Strom). Montag sieht uns in der Stadt zum Besorgen der Bustickets, „Afrika total“, der Kaffee danach wieder globalisiert, ein kaum vermeidbarer Kontrast. Dienstag wird’s ernst: tschüss, Lusaka! Hello, Kapiri Mposhi. Ein Straßendorf wie aus einem modernen Bilderbuch, das auch südafrikanische Handelsketten abbildet. PEP zum Beispiel. Chinakram für alle. Für den Taxifahrer vom „Power Tools“-Busstopp zur TAZARA-Bahnstation hätte man allerdings besser Bemba sprechen müssen, „Supermarket“ war nicht so verständlich gewesen, „water“ schon, aber ich sehe das aus Südafrika sattsam bekannte „Shoprite“-Zeichen schon von Weitem. Der Fahrer folgt mir auf dem Fuße, obwohl ich doch nur einen Kanister Wasser besorgen will. Ich glaube, ich war eine gute Ausrede, mal diesen „Luxuspalast“ zu betreten. Doch, doch, gut sortiert, der Supermarkt, aber es ist unbestreitbar: unsere Unterkante liegt für viele Afrikaner zu hoch. Nicht nur hier.

Unterwegs mit TAZARA

Unterwegs mit TAZARA

TAZARA Railway Station ist toll. Ein Kopfbahnhof, riesig, heruntergekommen, kein Strom, kein Wasser (was im Bereich der Toiletten zu Belastungen führt…), und leer. 4 internationale Züge und 6 nationale wollen pro Woche abgefertigt werden. Andreas ist von der logistischen Leistung begeistert: da kann nix durcheinander kommen, denn für die internationalen Züge steht je ein Tag zur Verfügung, die nationalen Züge machen dann mit je 2 am Tag richtig Stress.

VIP-Lounge Kapiri Vor Kopf werden gleich die Zambierinnen lagern.

VIP-Lounge Kapiri
Vor Kopf werden gleich zambischen Damen einziehen!

Der Gegenblick: VIP Klo mit Kondomen!

Der Gegenblick:
VIP Klo mit Kondompaket!

Wir hatten ja schon in Lusaka gehört :“… you will enjoy this! New train!“ Wir verlassen die treffliche VIP-Lounge – herrliche, alte Polstersessel, durchgesessen bis aufs Gerippe, dazu ein Klo mit Wasserspülung (!) (wo kommt das jetzt her?) und allem Hygienekomfort, will sagen: statt Klopapier werden Kondome bereitgestellt! Drei zambische Geschäftsfrauen, optisch eher unscheinbar, sorgen für Augen- und Ohrenschmaus, ein Doppelsofa reicht gerade mal für eine, man macht es sich sehr bequem und diskutiert anhaltend und energisch auf Bemba, unterbrochen von Smartphonesitzungen. Es gibt halt immer was zum Gucken.

MItfahrerin!

MItfahrerin!

Zur Abfahrtszeit finden wir in der Tat einen pfuschneuen Zug, seit zwei Monaten im Dienst, eine exakte Kopie unseres Zuges von Guilin nach Peking. CHINA AID macht’s möglich. Eine angenehme Überraschung, denn wir hatten durchaus Gruseliges zum Zustand der Züge gehört. Unserer hat Dining Car, Duschmöglichkeit,  Klopapier auf sauberen Toiletten. Keine Kondomversorgung allerdings. Nette Mitreisende, vom Hamburger Saxofonisten bis zur

Der Zug! Der Zug!

Der Zug! Der Zug!

zambischen Studentin. Am späten Vormittag des zweiten Reisetages nähern wir uns der Zambischen Grenze – je weiter wir in die Nordprovinz vorrücken, umso mehr rostige, verbeulte Waggons auf beiden Seiten zeigen an, dass Entgleisungen an dieser meist eingleisigen Strecke zumindest in der Vergangenheit an der Tagesordnung gewesen sein müssen. Daher die verhaltene Fahrweise? Aber so ein umgekippter Waggon ist natürlich eine prima Arbeitsplattform zum Wäschewaschen, zum Stampfen von Mehl oder Trockenen von Früchten.

EIsenbahn. Ein Traum...

Eisenbahn. Ein Traum …

Wir erfreuen uns an den vielen Kindern, die immer wieder aus dem endlos undunbewohnt scheinenden Grün an die Strecke treten, um die bummelige Vorbeifahrt des Mukuba-Express abzunehmen. Ob da so mancher vom Job als Lokomotivführer träumt? Dar es Salaam! Große weite Welt, zweimal die Woche… Steppkes aller Altersstufen winken hinter uns her. An den Bahnstationen im Nirgendwo wird

Verkäuferin

Verkäuferin

Frischproviant angeboten: Wurzelgemüse, Früchte, flatternde Hühner.
Die Grenzabfertigung geht rasch, zambische Ausreise „zack“, Stempel, tanzanisch rein nur wenig mühsamer, gegen 50 $US kriegt man 3 Monate Touristenvisum.  Anstrengender ist schon das Akzeptieren und Abwehren von zudringlichen Geldtausch- und SIMkartenangeboten. Ab Grenze wird nämlich nur noch

Tansania. Die wilde Seite

Tansania. Die wilde Seite

Tanzanischer Shilling akzeptiert, also fort mit den zambischen Kwatcha, und mit der Eile, die die Händler an den Tag legen, steigt unsere Aufmerksamkeit. So richtig dolle unterscheiden sich die Kurse nicht, und wir kriegen ungefähr was wir wollen. Inklusive Airtel-SIM mit grandiosen 50 MB Datenvolumen. Die sind natürlich mit ein paar Mails und ein bisschen Facebooking ratz-fatz verbraucht, aber glücklicherweise erlaubt die Netzabdeckung ohnehin wenig Kontakt, obwohl wir plötzlich durch dicht besiedeltes Land fahren. Hier schneidet der ostafrikanische Grabenbruch die

Wenn der Bahntag zum Markttag gerät

Wenn der Bahntag zum Markttag gerät

Landschaft entzwei, häufig haben wir auf einer Seite Berge, auf der anderen vulkanisch-fruchtbare Ebene. In der Nacht endlich begegnet uns der Gegenzug: der „Kilimanjaro“ aus Dar es Salaam. Es ist zwar dunkel, aber der deutlich abgegrabbeltere Zustand lässt sich leicht erkennen, auch, dass er schon locker 8 Stunden Verspätung hat, lässt sich ablesen, und das gibt uns eine Idee von unserer Ankunftszeit. Auffällig, dass der Zug in Tanzania nicht mehr so viele Winker und anzieht – überhaupt scheinen die Leute wieder verschlossener.

Nshima essen...

Nshima essen…

Dafür betreiben wir im Speisewagen Studien, wie man Nchima isst, Maisbrei. Neben uns sitzen zwei wohlgekleidete Geschäftsleute vor dem typischen Teller – ein gegrillter Fisch lappt über den Rand, dazu ein Häufchen graugrünes Blattgemüse.  Erster Akt: die Bordkellnerin reicht eine große Schüssel mit Wasser. Händewaschen, dann kann es losgehen. Während die linke gestikuliert oder auch auf dem

So geht es los mit dem Nchima-Ball

So geht es los mit dem Nchima-Ball

Schoß ruht, nimmt die rechte Hand einen Batzen vom großen Breiklops; die Geschäftsverhandlungen laufen weiter, inzwischen knetet man den Brei in der Handfläche zu einem festen Kloß, tunkt diesen in das soßige Gemüse und: happ! Bisschen Fisch abreißen – alles einhändig – und hinterherschieben. Sieht gekonnt, appetitlich und elegant aus. Nun kennen wir Nshima – oder Ugali oder Posho oder Pap – schon von früher, und bleiben dann bei Reis. Obwohl der ja auch eher geschmacklos ist, was wieder eine interne Diskussion über den besonderen Geschmack von Heidekartoffeln hervorruft. Alles eins: geschmackloser Stärkepamps! Draußen nimmt die Besiedlung derweil ab. Für ein paar hundert Kilometer geht es durch wilderes Land – wahrscheinlich für die landwirtschaftliche Produktion nicht so geeignet, warum auch immer, und am Nachmittag hängen dann alle an den Gangfenstern: wir durchfahren das Selous National Reserve. Wollte ich schon immer mal! Leider scheint aber gerade hier die Gleisanlage besser zu werden, denn der Zug gewinnt an Geschwindigkeit. Von Elefanten oder Giraffen nichts zu sehen. Ein paar Impalas springen erschreckt zur Seite, das war’s.
Das war’s in der Tat, wir packen schon mal zusammen. Um 18:30 rollen wir in die TAZARA Station von Dar es Salaam ein, nur 6 Stunden nach Zeitplan, das ist eine Spitzenleistung. Der Bahnhof: riesig, heruntergekommen, leer. Siehe oben. Vor uns geht ein Herr in Geschäftsanzug und Streifenhemd. Mit Rollenköfferchen – und dem Maismehlsack auf dem Kopf. Wir sind da, im Hafen des Friedens.

Noch 3 Stromausfälle…

2 x First Class nach Dar, bitte

2 x First Class nach Dar, bitte

Lusaka, 13.3.2016

Das war eine faule Woche: Halspflege, Rumliegerei. Und ein bisschen Planen. Vor allem Planen, wann man die diversen Akkus laden kann, denn für mindestens 8 Stunden am Tag verschwindet der Strom. Load shedding nennt man das, eine landesweite (Un)sitte der Netzentlastung.

Großstadt ohne Licht...

Großstadt ohne Licht…

Falls der Stromausfall abends ist, schmeißt unsere Wirtin Anita einen Generator an, der für eine Elektropfanne in der Backpackerküche und spärliche Beleuchtung  ausreicht. Auch jetzt brummelt es in einem der benachbarten Gärten – wahrscheinlich wird irgendwo der Sonntagslunch vorbereitet. Ein Fall für Solarstrom, finden wir. Findet auch ein junger Holländer, der hier wohnt und für eine europäische Solarfirma kleine und große Solaranlagen an den Mann bringen möchte. Er arbeitet meist aus gut mit Strom versorgten Coffeshops heraus, ein Büro gibt es nicht, klar, denn er ist Verteter für Subsaharan Africa. Heute Lusaka, morgen Kampala, und er ist nicht der einzige seiner Art: ein zappeliger Jungchinese wohnt hier ebenfalls, auch in Sachen Solarstrom für Afrika. Merkwürdig. Eine neue Art von Handlungsreisenden-Elend?!

Ich unternehme einen schönen, langen Gang von unserem Viertel namens Olympia Park zur Busstation unten in der Stadt, während der Rest der Mannschaft das Rattansofa auf der Terasse drückt. Lusaka fühlt sich sehr friedlich an und ruhig, was einem auch von lokalen Gesprächspartnern stets bestätigt wird. „There is no harm here…“. Insofern läßt es sich prima durch die Straßen laufen, die Seitenstraßen allermeist unbefestigt, also pflügt man durch den roten Sand. Die Asphaltstraßen sind von Betongräben begrenzt, mindestens knietief. Ganz schlecht, wenn man sich da beim Rückwärtssetzen vertut – wie der Kleinbus mit aufgeregten Kindergartenkindern, dem ich mich näherte: ein Rad steckt in der Betonrinne. Erst hatte ich nur das Gewusel und Gestikulieren gesehen, aber bis ich angekommen war, bildete sich langsam eine schreiende und lachendes Schubs-Team, da kann ich natürlich a. nicht tatenlos vorbeigehen und b. nicht von guten Tipps lassen: „… ein paar von uns müssen in die Rinne steigen und versuchen, die Hinterkante anzuheben!“ Hmm. Zögerliche Zustimmung. In dem Moment hält ein Minibus. Es quellen vielleicht 7, 8 junge Männer heraus, Stimmengewirr, mehr Gelächter. Im Nu ist der Graben voller Helfer:  „…uuaaah! “ Wir schieben. Eine Minute später winken wir hinter den Kindern im Bus her und klopfen uns gegenseitig auf die Schultern. Der Minibus muss weiter – wer nicht als erster an der nächsten Haltestelle ist, verliert Fahrgäste; das altbekannte, afrikanische Nahverkehrsprinzip. Und schon sind sie weg. Der Rest des Teams zerstreut sich, die Kindergärtnerin dankt nochmal artig. Nett hier!

Ziel meines Spaziergangs, der sich doch ziemlich in die Länge zieht, war das TAZARA-HOUSE gewesen, das Verwaltungsgebäude für die Tansanisch-Zambische Eisenbahngesellschaft. Das Haus ist so, wie wir viele Geschäftshäuser in Afrika kennegelernt haben: bisschen ramponiert, dunkel, Diagnose: „needs minor touch-up“ Ist der Fahrstuhl in den 2. Stock sicher? Immerhin sind die Stromausfälle überall. Ich wag’s – und komme an. Die Dame in Zimmer 211, „Passenger Operations“,  mit der ich vorher telefoniert hatte, ist natürlich mittlerweile zum Lunch entschwunden und soll nicht vor 2 zurück sein. Wat nu? Ich hinterlasse Namen und Telefonnummer und unsere Wünsche nochmals bei der Vorzimmerdame; wirklich zuvorkommend! Und trete den Rückzug an.

Das Ende der Geschichte dann am Freitag: der Eigner, halbwegs genesen, kommt mit, wir nehmen ein Taxi, und siehe da, man ist vorbereitet: alles haarklein notiert, und nach ein paar Formalitäten halten wir 4 altmodische, kleine Pappkärtchen in den Händen: 1st class-Tickets für ein Abteil von Kapiri Mposhi nach Dar es Salaam, auf einem neuen Zug mit dem alten Namen: Mukuba, das ist oder war des Landes Reichtum, das Kupfer (der Gegenzug ist der tansanische und heißt Kilimanjaro). 4 Tickets, weil auf den Tazarazügen die Abteile nach Geschlechtern getrennt belegt werden und wir doch ganz gern gemeinsam gereist wären, also bucht man 4 Plätze. Angeblich, so liest man auf dem „Man in Seat 61“, wird es unterwegs für die freien Betten Angebote geben. Werden wir sehen. Am Dienstag um 8:30 geht der Bus nach Kapiri Mposhi, um 16 Uhr dampfen wir weiter, 45 Stunden bis Dar es Salaam. Oder mehr. Oder sehr viel mehr…

Noch 3 Stromausfälle in Lusaka bis zur Abreise. Wenn wir Schwein haben.

Cape Town to Lusaka

Lusaka, 7.3.2016

Der Eigner hat Hals, wir pausieren in einem netten, kolonialen Backpacker in Lusaka. Und haben Zeit, ein paar Bilder zu zeigen.

Die Galerie von gestern habe ich entfernt – so ein blödes Ding!
Bitte durchscrollen und gucken – leider muss man immer hin- und herklicken, aber der Eindruck ist da…

The Shosholoza Meyl

The Shosholoza Meyl

... nicht alles was blau ist ist "Blue Train"

… nicht alles was blau ist, ist „Blue Train“

 

 

Vergangene Pracht. Bahnhof in Südafrika

Vergangene Pracht. Bahnhof in Südafrika

 

Stillleben mit Minimalgepäck

Stillleben mit Minimalgepäck

... manche haben mehr Gepäck

… manche haben mehr Gepäck

Die falsche Schlange!

Die falsche Schlange!

4 Schlangen, zwei Schalter. Verwirrend!

4 Schlangen, zwei Schalter. Verwirrend!

Bulawayo Station ... wir warten!

Bulawayo Station
… wir warten!

NRZ. Oder auch "Rhodesian Railways"

NRZ. Oder auch „Rhodesian Railways“

Rhodesian Railways!

Rhodesian Railways!

1st Class Picknick

1st Class Picknick

Reisegesellschaft

Reisegesellschaft

Wildes Wasser. Der Teufelskatarakt

Wildes Wasser. Der Teufelskatarakt

DIe Horseshoe-Fälle. Ausschnitt aus dem Gedonnere...

Die Horseshoe-Fälle. Nur ein kleiner Ausschnitt aus dem ganzen Gedonnere…

Dr. Livingstone, stepping out of the jungle gloom...

Dr. Livingstone, stepping out of the jungle gloom…

Einstmals die höchste Eisenbahnbrücke der Welt

Einstmals die höchste Eisenbahnbrücke der Welt

Lehrstück in Festkörperphysik!

Lehrstück in Festkörperphysik! Die in England vorgefertigten Brückenteile passten erst in der Morgenkühle zusammen, tagsüber hatten sie sich ausgedehnt…

 

Bungeeee!

Bungeeee!

Wegelagerer. Schönheitspflege ist einfach entspannend!

Wegelagerer. Schönheitspflege ist einfach entspannend!

Wie bitte? AFFENARSCH?

Wie bitte? AFFENARSCH? Was soll das heißen?

Klarer Fall von: wie an der Örtze

Klarer Fall von: wie an der Örtze

Peanuts, Maiskolben und Smartphonespass

Peanuts, Maiskolben und Smartphonespass

North Western Hotel. Hier hat Queen E II mal genächtigt.

North Western Hotel. Hier hat Queen E II mal genächtigt.

Vor dem Markttag. Der Großhändler ist da!

Vor dem Markttag. Der Großhändler ist da!

... am Busbahnhof "Big Tree"

… am Busbahnhof „Big Tree“

Natwange Backpackers. Nicht schlecht, oder?

Natwange Backpackers. Nicht schlecht, oder?

Stromausfälle lassen Tradtionen aufleben

Stromausfälle lassen Tradtionen aufleben

Wie an der Oertze

Wildes Wasser

Wildes Wasser. Devils Cataract – hier schneidet sich der Zambezi neu ein.

 

Livingstone / Zambia, 4.3.2016

Der eine oder andere mag sich wundern, in welcher Eile wir Zimbabwe hinter uns gelassen haben, aber weit ist es nicht weg. Im Moment sind wir noch in Livingstone, und Vic Falls un Livingstone bilden das Touristenzentrum am Ende des Caprivizipfels: Namibia, Botswana, Zim und Zam stoßen hier zusammen.

NRZ. Oder auch "Rhodesian Railways"

NRZ. Oder auch „Rhodesian Railways“

Nach Vic Falls hatten wir eine erinnerungswürdige Bahnfahrt. Wir hatten dem Internet schon entnommen, dass es auf dem Zug keinerlei Versorgung gibt, auch kein Wasser, also war sonntagnachmittägliches Einkaufen angesagt. Wir sind übrigens gespannt, wie weit die südafrikanischen Handelsketten ihre Tentakeln strecken: in Bulawayo jedenfalls ging’s zum Pick’nPay für’s Pick’nIck. Äpfel, Scheiblettenkäse, Bierwürstchen, Wasserkanister – was man halt bewältigen kann, wenn man außer einem „Spork“ nichts mitführt. Um 16 Uhr macht der Kartenschalter auf, wir bekommen ein first-class-Abteil! „… ohne Bettzeug!“,  keine Decken oder gar Laken. Darüber hatte es unterschiedliche Aussagen gegeben. Die Schipperin eilt zurück zum P+P und kehrt mit vergleichsweise teuren Bettüberwürfen zurück, kuscheliges, weinrotes Acrylzeugs, auf Florales als Rucksackschmuck mochte ich nicht zurückgreifen. Schöner Gang durch das langsam dämmrig werdende Städtchen, zwischen „trostlos“ und “ doch interessant“ anzusiedeln. Mittlerweile sammelt sich am Bahnsteig eine bunte Schar Reisender: zum wiederholten Mal enttäuschen wir Fußballfans mit null Ahnung zum Thema, oder erfreuen sie mit meinem „World Championship? I wasn‘ t there, I didn’t care!“ Applaus für den Reim. Überhaupt scheint unsere Anwesenheit allgemein für Heiterkeit zu sorgen. Nonnen auf dem Weg zur Missionsstation, schwerst bepackte ältere Damen, aus den obligatorischen Tragetüchern auf dem Rücken (sehr) junger Mütter schauen großäugige Babys auf die weißen Monster. Ein paar schick hergerichtete Bürotanten, eher bäuerlich ausschauende Männer mit großen Säcken… Maismehl? Ob das hier kostengünstiger ist? Autoersatzteile erspähen wir, Motorölkanister.  Alles was des Urwäldlers Herz begehrt. Oder auch nicht begehrt, auf einer der Bänken, die man zu einem kommunikationsfördernden Haufen zusammengeschoben hat, liegt ein in Hoodie und Decken gewickelter Mann. Schaut nicht so extrem gesund aus…Gegen 19:30, fast pünktlich, ist der Service am Zug beendet, wir ziehen in langer Karawane zum Gleis 5; Bulawayo hat einen riesigen kolonialen Bahnhof, dessen Gleise aber eher von Waggonleichen besetzt sind. Einsteigen! Im Abteil 1119 C wird sofort klar, dass sich der Service nicht auf Äußerlichkeiten bezogen haben kann, sondern mehr darauf, etwas angejahrte Technik am Laufen zu halten. Die Bahngesellschaft heißt NRZ,  National Railways of Zimbabwe, und hier und da sieht man dieses Logo. Der Rest – Waschbecken, Spiegel (ja, gibt’s!), Fensterglas sind anders geätzt: RR!  Rhodesian Railways… Das nennt wohl man lebendige Geschichte. Der Zug ruckelt los, wir halten unser Picknick ab. Andreas checkt kurz, ob der Restaurantwagen vielleicht ein Bier… Doch, gibt es, so einen Waggon. Heißt Dining Car und ist mit Brettern vernagelt. Wir breiten unsere mitgebrachten Sarong/Pareos als Betttuch aus (klebt gut auf dem Kunstleder!), improvisieren ein Kopfkissen und hüllen uns in Acryl. Gute Nacht. Für die 450 km sind 14 Stunden veranschlagt, das verspricht in jedem Fall eine bessere Nacht zu werden als die letzte an der Grenze, und wir schlafen in der Tat gut. In der Früh stelle ich fest, dass ich die (wasserfreie)  Toilette liebe, denn im Gegensatz zu anderen Zugtoiletten ist diese altenglische Brillenkonstruktion mit einer Feder betrieben und wird so aufgeklappt gehalten… was bedeutet, dass Stehpinkler nicht auf die Brille pieseln können. Dicker Pluspunkt für Rhodesian Railways! Ich verspreche unserem netten Abteil dann auch, beim nächsten Besuch mit  Ata, Bürste ( und natürlich Waschwasser) und ein bisschen Autosol anzurücken, um die Antiquitäten zu pflegen. Der Schaffner ist ebenfalls ein netter. Am Vormittag, der Zug hat auf freier Strecke gehalten, steckt er den Kopf zu uns herein: „… sorry, they have cut off the engine…“ Na, das kann dann wohl dauern: unsere Lok dient gerade mal als Abschlepp- oder Schubsmaschine für einen Zug, der vor uns den Geist aufgegeben hat; aber der Ort des Zusammenbruchs war so gut gewählt, dass nicht allzu weit entfernt ein Nebengleis verfügbar war. Was sind schon 1 1/2 Stunden. In Südafrika waren es 6 und mehr. Wir schwatzen mit den Zim-Frauen, die mit dicken Taschen rüber nach Zambia machen, um dort „things“ zu verkaufen, und mit dem Fischer, der die Regenfälle der letzten Tage an einem wilden Nebenfluss des Zambezi zum Fischfang nutzt, um umgekehrt „frischen Fisch“ nach Bulawayo zu schaffen. Relativ frisch, würde ich angesichts der Zugverbindung sagen, aber alles erster Klasse. Der Schaffner kommt mit einer Schüssel Okras vorbei: „… my lunch!“ Ob er vielleicht doch im Speisewagen kocht? Nur wenige Giraffensichtungen später sind wir da: Victoria Falls. Ein Zimbabwesches Touristenmekka, und nach einem kurzen Fußmarsch in den Ort – nein, vielen Dank, keine geschnitzten Big Five, keine 20 Milliarden Sim-Dollarnoten – lassen wir uns auf den Stühlen des Shearwater Café nieder und werden unserem Status als Tourist gerecht: „2 Caffè Latte, please!“. Da sag‘ noch einer, dass Tourismus schlecht sei…

Am Nachmittag wagen wir einen ersten Spaziergang in Richtung der Fälle, allerdings – nein danke, keine Milliarden Sim $-Scheine, siehe oben – gehen wir gleich noch einmal Kaffee trinken und schauen vom Gorge Café aus in die Schlucht, in der 100 m unter uns der Zambezi gurgelt, und über die sich ein technisches Wunderwerk des frühen 20. Jahrhunderts spannt, nämlich die Eisenbahnbrücke von 1905, von der man heutzutage Bungeesprünge absolviert. Man kann über und in dieser Schlucht noch allerlei anderen Unfug treiben, Ziplining oder den Flying Fox, eine andere Variante, sich an hängenden Drahtseilen über die Schlucht zu schwingen.  Tief unten lustiges Rafting, oben drüber knattern die Hubschrauber. Dennoch: der Blick hinunter ist gewaltig, und was sich in unserem Rücken abspielt, ist nicht schwer zu erraten, denn es rauscht und donnert unablässig.

Dr. Livingstone, stepping out of the jungle gloom...

Dr. Livingstone, stepping out of the jungle gloom…

Das gucken wir am nächsten Tag an. Fußmarsch. Nein danke, keine geschnitzten Big Five… Der Ranger am Eingang zum Natinalpark, mit dem wir schon am Vortag geschwatzt hatten, lässt uns ein, erklärt die Aussichtspunkte und schickt uns auf den Pfad. Erst einmal: Livingstone-Denkmal. Ich natürlich mit meinem Moody Blues- Ohrwurm im Kopfe: Dr. Livingstone, I presume? Stepping out of the jungle gloom… Dabei war das gar nicht hier, nein, hier hat Dr. Livingstone einfach nur diese Wasserfälle erstmalig erblickt. Und er muss sie von Weitem gehört und große Dampfwolken und Regenbögen gesehen haben. Entdeckt hat er sie nicht, denn die hießen schon lange auf Shona musi oa tunya, rauchendes und donnerndes Wasser. Umbenannt hat er sie… Man fängt beim Devils Cataract im Westen an, gleich hinter David, und hier bilden sich demnächst die neuen Fälle. In ca. 10.000 Jahren. Die Schlucht, in die wir gestern geschaut haben, ist, was von den letzten Fällen übrig blieb, und insgesamt sind es 5 Schluchten, die einmal Ort der Wasserfälle waren bzw. sind. Ganz schön alt, und ganz schön… boah. Wir staunen wirklich. Während wir die 16 Aussichtspunkte abschreiten, werden wir nass bis auf die Knochen, allein vom aufsteigenden Sprühnebel und dem Niederschlag, der als heftige Regenschauer auf uns niedergeht. Alles trieft, trotz Regenjacke. Und alles quatscht, bei jedem Schritt, denn die Schuhe sind einfach vollgelaufen. Wir ziehen uns zum Trocknen der Sachen ins Hotel zurück. Und das war Zimbabwe.

Bungeeee!

Bungeeee!

Nach einem Entspannungsschwimmen und geruhsamer Nacht packen wir die Rucksäcke und laufen zu Fuß über die Eisenbahnbrücke, schauen einem Bungeespringer zu (schön blöd, dieses Vergnügen), und lassen uns nach Livingstone kutschieren. Es wird zunehmend afrikanisch, ganz normales Leben, wenige Touristen, wir wohnen abseits der Hauptstraße, unser Bed +Breakfast liegt in einem normalen, afrikanischem Gehöft auf rotem Sand, so wie man es sich vorstellt. Alles ein bisschen bescheidener – bescheidener als Südafrika sowieso, aber bescheidener auch als drüben in Vic Falls. Trotzdem gibt es eine schönen Kaffee im Munila Café, es gibt ein toll gemachtes, wenn auch altes Livingstone-Museum mit lokaler Natur-und Kulturgeschichte und einer interessanten Ausstellung zu David Livingstone selbst.

Klarer Fall von: wie an der Örtze

Klarer Fall von: wie an der Örtze

Und dann sind da die Fälle, die wir heute dann noch von der Zambia-Seite betrachten mussten – fast hätten wir es wegen „kennen wir doch schon“ unterlassen. Erst einmal ganz tief hinunter zum Boiling Pot klettern, der Stelle, wo diese unvorstellbaren Wassermassen sich durch ein enges Tor drängen, und dann wieder hinauf steigen, mit Blick auf den Eastern und den Armchair Cataract. Fast noch schöner, noch beeindruckender als von der Zimbabweseite. Immer wieder frage ich mich, was David Livingstone sich so gedacht haben mag… Wir lassen den Besuch oberhalb der Fälle ausklingen, trocknen die abermals nassen Klamotten am Rande des vor sich hin rauschenden Zambezi. Ganz friedlich fließt das alles dahin, der Eigner sagt: wie an der Örtze. Naja, bisschen mehr Wasser führt der Zambezi schon. Fließt, fließt schneller und  stürzt dann donnernd zu Tal.

Unsere Reise fließt auch weiter. Morgen fährt der Bus nach Lusaka.

Nach Zimbabwe

... nicht alles was blau ist ist "Blue Train"

… nicht alles was blau ist ist „Blue Train“

1.3.2016, Victoria Falls, Zimbabwe

Wir sind unterwegs, und auch wenn wir eben beim „aged Zimbabwean fillet steak“ schon wieder über südafrikanische Politik räsonnierten, sind wir doch schon ganz im afrikanischen Hier und Jetzt gelandet.

Am Freitagmorgen ging es los. Rucksäckchen geschultert (  ich beneide diesen Mann mit seinem Minimalgepäck, mein Rucksack ist immer prall gefüllt…), Fußmarsch zum Kapstädter Bahnhof. Der Zug hat ein bisschen Verspätung, dafür sehen wir noch den berühmten Blue Train davonfahren; gern hätten wir die Gäste angeschaut, von denen wir vermuten, dass sie über den ausgelegten royalblauen Teppich in Sänften an Bord getragen wurden. Mit irgendetwas muss es ja zu rechtfertigen sein, für die Strecke den 20fachen Preis gegenüber unserem Normalzugticket zu verlangen, und dabei hatten wir schon das Doppelte des Normalen entrichtet: ein Viererabteil für uns zwei, die Zweier waren ausgebucht. Das Publikum in unserem Sleeper ist gemischt. Afrikanische Familien bzw. Geschäftsreisende und ein paar europäische Rucksackreisende. Einziger Ausreißer in dieser Hautfarbenverteilung ist der schwergewichtige Ex-Eisenbahner im Nachbarabteil ( falls es interessiert: 2004 nach Tod der Ehefrau zum zweiten Mal verehelicht – 3-fach-Infarkt, xy Bypässe – guck mal hier: meine Narben – ich war 12 Jahre lang als Reservist an der angolanischen Grenze… Spätestens hier begann ich das Trapsen der Nachtigall wahrzunehmen. Die undisziplinierte Jugend von heute ließ nicht lange auf sich warten, den Rest habe ich mir geschenkt…)  Zuggespräche. Immer (?) ein Genuss. Jugendliche Deutsche,  die ihre Freiwilligenarbeit  (Theaterprojekte mit Schulkindern) in den glühendsten Farben und positiv schildern und erst auf ein bisschen Nachbohren damit herausrücken, dass nicht alles Friede, Freude, boerewors ist. Eine Studentin, die wiederum mit deren Schilderungen gar nichts anfangen kann: „… das sind doch hier zwei Staaten in einem!“. Ist was dran. Nach anfänglich merkwürdig vielen Stopps zuckelt unser Shosholoza Meyl kontinuierlich durch die Landschaft und schließlich hinein in die Nacht. Im Halbschlaf nehme ich wahr, dass wir irgendwo verdammt lange halten. Hm. Unser Bus nach Zim – zwischen Johannesburg und Bulawayo gibt es seit ein paar Jahren keinen durchgehende Zugvekehr mehr! – geht um 18 Uhr. Na, wird schon… Mit Sonnenaufgang rollen wir wieder,  mittlerweile sind die dramatischen Berge des Western Cape abgelöst.  Fasziniert betrachte ich die Licht- und Schattenspiele, die Sonne und Zug auf die flache, braun-dürre Savannenlandschaft zauber. Zur Frühstückszeit erscheint die pfiffige „Zugmanagerin“: „…wir haben mittlerweile 6 1/2 Stunden Verspätung! Wollt Ihr vor Johannesburg in einen Bus umsteigen, der für den Rest der Strecke nur 2 statt der verbleibenden 4 ( oder 5!)  braucht?“ Tja. Den INTERCAPE Bus sausen lassen? Es gibt um 20 Uhr noch einen Greyhound nach Bulawayo, würden wir den erwischen? Oder morgen Nachmittag einen, der wäre gerade soeben vor Ablauf unserer Visa an der Grenze… Oder doch lieber auf Nummer Sicher? Nummer Sicher. Um 3 sitzen wir in Kerksdorp im Bus, pünktlich zur Eincheckzeit drängen wir uns durch’s berüchtigte Gewühl des Johannesburger Hauptbahnhof und kurz vor 18 Uhr kommen wir in den Genuss, beobachten zu können, wie zwei Kingsizematratzen den eigentlich doch großen Gepäckanhänger unseres Busses verstopfen; Johannesburg, eine Nachtfahrt entfernt, ist das Einkaufsziel für Zimbabweans.

Matratze rein, raus, erst die anderen Gepäckstücke (von ebenfalls beträchtlicher Größe), dann nochmal anders herum. Wir steigen einfach ein und lassen die Packer wurschteln. Platz 1, 1+2. Das heißt Oberdeck,  vorn am Fenster. Wir schaukeln los. Auf der Internetseite steht: „… we promote the christian faith on our busses…“, und richtig, der Zweitfahrer kommt zu uns heraufgestiegen und fragt, wer denn ein Gebet sprechen will. Kandidaten gibt es genug, wir geraten nicht in Gefahr und schlafen einen unruhigen Schlaf, der Grenze in Beit Bridge entgegen. Allerspätestens dort sind wir in „Afrika“ angekommen. Der Andrang ist gewaltig, die Reihe der LKWs und Busse schier endlos. Ausreise aus Südafrika.  Unsere Mitfahrgäste eilen routiniert voran, zumal uns der Zweitfahrer zur Eile antreibt. Immigration, „Departure“ steht über der Tür eines Gebäudes, aber unsere Gruppe wird abgewiesen – um die Ecke geht es, durch ein Loch zwischen zwei Zäunen, zum Anstehen vor ein paar Containern. Na, gut. Ist zwar 2 Uhr morgens, aber was hilft es. Von achtern kommt ein Beamter und lotst uns zurück zum ersten Gebäude. Vier Schlangen von Geduldigen bilden sich dort vor 2 offenen Schaltern. Hinterm Gitter hängen ein paar müde Uniformträger in ihren Sesseln. Wir haben Glück und werden aus unserer Schlange herausgewunken und abgefertigt. Punkt 1 geschafft. Der Bus holpert durch’s Finstere über die Limpopobrücke („Crime Zone, do not stop“- wären wir mit dem Zug gekommen, hätten wir die paar Kilometer zu Fuß bewältigt, da gilt das mit der Kriminalität wohl nicht…). Neue Fahrzeugschlangen vor der Zimbabwe-Abfertigung. Aussteigen, Passkontrolle. Wir sind natürlich die einzigen, die Visa benötigen, das gibt Erschwerniszulage. Die junge Beamtin, die sich unseres Falles annimmt, macht das sehr penibel, fragt allerlei Fragen, die wir nicht beantworten können ( zum Beispiel wo wir wohnen werden in „Zim“), sie nimmt unsere Auskunft, dass wir vorzugsweise den Zug nehmen wollen, gelassen, aber auch staunend hin und unsere 60 Dollar Visagebühr in Empfang  – und schickt uns dann zum Shift Leader. Jetzt geht die Show los! Der Leader hebt schwach den Kopf – sein Schreibtisch ist etwas von den Schaltern zurückgesetzt, so dass wir vollen Einblick in die Szene haben. Ah, Dollars. Schublade auf, im Blaupapier wühlen, Schubladeninhalt umwälzen und teils auf den Schreibtisch umlagern. Es geht um den Tresorschlüssel, der dann auch nach eine Weile des Wühlens gefunden ist. Nicht dass damit dann der Tresor zügig aufginge, die Schlüssel müssen erst einmal durchprobiert werden. Sodann die Suche nach dem Quittungsblock, der, gefunden, erst einmal für ein paar Seiten vorgestempelt werden muss. Ach, ja, da war doch was?! Richtig, Quittung ausstellen! Verflixt, wo ist das Blaupapier? Man möchte ausrufen: „…auf dem Tisch, Sweetheart! Und geknüllt in Deiner Schublade!“, aber wir reißen uns zusammen. Ich sehe Andreas‘ Hand mehrfach zur Kamera zucken. Filmreif… Aber das Ganze dauert, und da war doch was mit „Eile“?! Unsere gesamte Busladung  ist schon wieder verschwunden, ich verschwinde auch, marschiere die paar Hundert Meter lange Busschlange zurück durch’s Nass, um die kleine Verzögerung kundzutun. Ach, sagt der Fahrer, das macht nichts, das kann hier noch Stunden dauern. Zurück zum Immigrationgebäude, wo ich nun zum dritten Mal die Parade der schlafenden Fußgänger abnehme, die vor dem Gebäude im Nieselregen lagern. Im Augenwinkel sehe ich, dass an der Gepäckkontrolle immer noch der gleiche Greyhound untersucht wird. Hochrechnung?! Hoffentlich sind wir zur Abfahrt des Zuges um 19:30 in Bulawayo.  Geht das hier jeden Tag so? Ich frage einen der Fußgänger. Jeden Tag bzw. jede Nacht! Drinnen steht der Eigner wieder bei der netten Beamtin und verkneift sich das Lachen… Der Shift Leader hat inzwischen unseren Quittungen säuberlich ausgefüllt. Säuberlich? Naja, zeitweise lief ihm vor Konzentration auf diese frühmorgendliche Arbeit ein langer Speichelfaden aus dem Mund.“…hoffentlich haben wir das jetzt nicht in dsn Pässen kleben…“ Ich lach mich schlapp. Bis die Pässe fertig sind, dauert es noch ein Weilchen. Und als wir beim Shift Leader vorbeikommen, ist er weit, weit weg, er sitzt leicht nach links gekippt und schnarcht. Wunderbar.

Und dann: Überraschung! Um halb acht rollt der Bus nach Zimbabwe hinein,  die gestopften Matratzen waren vielleicht so bedrohlich, dass auf eingehende Kontrolle verzichtet wurde. Gegen 12 ein abschließendes Gebet und wir sind in Bulawayo. Geschafft!