Wo die Butter schmilzt…

Marmorkuchen mit Kerze

Chaguaramas, 6.12.2018

„Sail until the butter melts!“ – eine alte Segelanweisung der Briten, um den Passat zu finden. Wir sind schon lange da, wo die Butter schmilzt und würden dann auch gern demnächst mal los, aber… trotz der festen Absicht, heute ins Wasser zu gehen, haben wir unser Splash noch einmal schnell verschoben. Die Nähmaschine der Segelmacherin kaputt, der Maler, den wir mit dem Anschliff des neuen Coppershieldauftrages betraut hatten, hatte plötzlich zu viel zu tun, Zitat: „I hate when you all push me…“. Genau das hatten wir über Wochen halt nicht getan, auch der Segelmacherin gesagt, dass wir noch eine Weile hier sind – da schiebt dann jeder Auftragnehmer unsere Aufgaben gern nach hinten. Also: Montag.

Heute ist ohnehin Festtag, ich habe gestern einen marmorierten Geburtstagskuchen gefertigt, und, passend zu „until the butter melts“, das Schokoladenregal (Trinischokolade ist für mich!) im Peppercorn-Delikatessenladen geplündert . Es schmelzen allerdings nicht nur Schokoladen und Butter, auch die feierlich entzündeten Teelichter tun sich schwer: wenn es so heiß ist, braucht es nicht viel, um den gesamten Wachsvorrat (übrigens noch ein IKEA-Vorrat aus Las Palmas von 2007!) in einen Teich zu verwandeln, der dann in kürzester Zeit die Flamme erlöschen lässt. Für ein bisschen Frühstücksglanz war aber gesorgt, zumal, Jugend forscht, die farbigen Duft-Teelichter länger aushalten als die schlichten. Glanz muss sein, denn in diesem Alter scheint sich am Geburtstag eine gewisse Melancholie einzustellen – ich selbst konnte das schon immer gut, der Eigner macht es mir nun nach. So let’s fill days with life instead of filling life with days.

Eben dieses Leben bleibt ein Geschenkmix: hatte ich mich in der Früh noch geärgert, dass ein freundlicher Mitsegler ganz augenscheinlich unseren Schlauchadapter am Wasserhahn gut gebrauchen konnte –  frech! – gab es beim o.a. Schokoladenkauf auch ein Geschenk an die Schipperin: seit Monaten scanne ich die Gewürzregale in allen Geschäften, vor ein paar Wochen wurde ich beim Kümmel fündig, und gestern gab es ein einsames Glas Fenchelsamen. Die Versorgung mit Gomasio und Brotwürze ist weiter gesichert, yeah!  Und noch ein Positivum: zurück vom Einkauf tönte es gestern (wenig freudig) „… ich glaube, ich kriege eine neue Bohrmaschine zum Geburtstag!“ Resultat: Nachmittagskaffee mit Kuchenkrümeln um die auseinandergebaute Bohrmaschine auf der einen und Handlangerdiensten auf der anderen Tischseite: „Schwester, den Spannungsprüfer! Und das Ohmmeter!“  Es ist natürlich eine schon etwas gereifte BOSCH-Maschine, und hatte der Eigner einen kapitalen Motorschaden vermutet… nein, eines der zuführenden Kabel hatte dem jahrelangen Druck beim Aufwickeln nachgegeben. Ein schöner und schneller Reparaturerfolg, ein echtes Geschenk! Die Segel sind auch schon da, der Rumpf fast fertig geschliffen, wer sagt’s denn.
Wir haben jetzt ein paar halbfreie Tage zu genießen, werden es aber mit ein bisschen Aufgabenschieben schon zu etwas Vor-Splash-Hektik am Sonntag bringen. Wäre ja gelacht…

Ob’s heute außer Marmorkuchen auch noch ein Feierabendbier am Wasser gibt?!  Das wollen wir stark hoffen.

Ein Geschenk

Chaguaramas, 30.11.2018

… ein Geschenk, ein Geschenk! Nicht zu Annas und Eskes Geburtstag, obwohl das natürlich heute passend wäre (herzlichen Glückwunsch nach Kölle und Bärlin!).
Nein, der Eigner radelt eben ins Büro, um unseren „splash“ festzuklopfen. Ich sitze oben auf dem Vorschiff und versuche verzweifelt, des Nähchaos Herr zu werden, von unten tönt es: „Donnerstag, 08:30“. Aha. Nix „ausgedehntes Geburtstagsfrühstück“, eher „fertig werden, um halb neun kommt Michael und schubst uns ins Wasser“. Aber es ist gut so, es reicht jetzt auch wirklich. Der fleißige Eigner hat Aversionen und Furcht überwunden und hat sich in den letzten Wochen ans Pönen gemacht, nun glänzen Salontisch und diverse Schrankinnereien wie die Speckschwarten (dank Tonkinois) und Bad und Pantrybereich eher seidenmatt (dank Epifanes 2-Komponentenlack). Eigentlich ist das auf den meisten Schiffen rosa Arbeit, aber die eher grobmotorisch veranlagte Schipperin wird da den gestellten Ansprüchen nicht gerecht. Prima. So kann ich währenddessen älteres und leider auch neueres Sunbrella mit Chlorbleiche von Stockflecken befreien und danach Gebete sprechen, dass die Säume das überleben. Sehr putzig zu sehen, wie die Bleiche die Pinsel auffrisst! Während der Pantryarbeiten (und auch sonst) wurde alles auf freien und nicht so freien Flächen im Salon gehäuft und an Deck gekocht – alles in allem also erfreuliches Bordleben. „Herrje, wo ist der rot-graue Schlitzschraubendreher?!“ „… den habe ich doch in Brasilien absaufen lassen!“ „Nein, der kleinere. Den hatte ich doch noch eben (Tage später taucht er unschuldig aus einer Plastikkiste auf, die die ganze Zeit unter unserer Nase gestanden hat). So ist das.

Am Black Friday haben wir Budget Marine einen Besuch abgestattet und 35 m (es wurden 40, war so schön billig) Spinakerfall gekauft. Da hängt im Zweifelsfall des Eigners Leben dran, wenn ich ihn in den Mast winsche, da wollen wir eigentlich nicht sparen, aber Black Friday ist Black Friday. Sonst haben wir uns aber zurückgehalten und nur das dort versammelte Altenheim bewundert; Brite mit Tropenhelm, Sunblocker und Sandalen/Sockenkombination war eigentlich am schönsten. Die Cruisergemeinde… ganz unsere Altersgruppe.

Weihnachtsdeko!

Wie man sieht, dekorieren wir auch weihnachtlich, hier nach dem Motto: „… das Land wo die zitronengelben Rettungswesten blühen!“ Manchmal muss man schon ausprobieren, ob die Dinger noch Luft halten, zumal die Gästewesten neulich bei der wirklich dramatisch schlimmer Flut im zentralen und südlichen Trinidad einen Noteinsatz mitgemacht haben. An dem bewussten Tag saß ich im Bus und habe bei den Fluten von oben (hier glücklicherweise nicht von unten, von oben kamen nur Erdrutsche…) wirklich überlegt, wie ich im Zweifelsfall zu Fuß nach Hause komme. Tags drauf wurde dann den ganzen Tag Bergungsarbeit geleistet, und dann merkt man doch wieder, wie a. arm die Umgebung ist, auch wenn Trinidad einer der reichsten Karibikstaaten ist und b. wie vergleichsweise üppig unser Leben dagegen ist. 4 Automatikwesten schleppen wir herum; jetzt konnten zwei davon mal sinnvoll sein.

Heute geht die diesjährige Hurrikansaison zu Ende, wir hoffen, dass das atlantische Becken davon weiß und darum:  wir „stricken wir auf die Mitte“, hurra!
Bis bald dann aus anderen Gefilden!

Die Enthalpie…

Chaguaramas, 2.11.2018

… die Enthalpie nimmt zu, hier bei Power Boats, man merkt es an der Zunahme von abreisewilligen Heimaturlaubrückkehrern, die uns Nähmaschinennadeln und Sparkassenkarten aus Deutschland mitbringen (danke, TAIMADA!). Die Klos und Duschen, die wir nun einen ganzen Sommer fast exklusiv genossen haben, sind auch öfter mal besetzt…

Täglich kommt Michael mit seinem Travellift und schiebt Boote hin und her, drum habe ich gerade die Gelegenheit genutzt, AKKA noch einmal fix in ihrem Sommerloch zu knipsen (danke, Tablet!). Wir hoffen, dass SUNDOG hinter uns nicht so bald zurückkehrt, wir würden unsere lieb gewordene Garagenwerkstatt zwischen seinen Rümpfen verlieren. Unser eigener Arbeitseifer nimmt auch ganz leicht zu, es entwickeln sich immer neue Überraschungsprojekte, zum Beispiel Fahrradreparatur. Die Taxifahrt mit dem Rad in die Stadt war umsonst, man war wohl ein bisschen überfordert, also DIY-Modus.  Die 7-Gangnabe am Eignerfahrrad demontieren und reinigen/fetten kostet mehr als 3 Manntage, und ist nur mittelmäßig erfolgreich (aber hochinteressant, Chapeau für die Erfinder solch einer Mechanik. Wer Lust hat youtubet mal Shimano Nexus SG). Das Ergebnis bedeutet, dass wir in absehbarer Zeit wieder einen Boten benötigen. Neue Nabe und all das.

Der Probelauf Motor stellt sich als sehr lustig heraus – wenn es zum Äußersten kommt neigen wir ja zur spontanen Blasenentleerung bzw. Schlimmerem, so auch dieses Mal. „Kannst Du mal das Genähe unterbrechen und den Motor anlassen?“ Klar. „Gashebel steht schon, Gang ist raus…“  Super, leichte Handlangerarbeiten mache ich gern. Der Eigner lässt Kühlwasser aus dem Schlauch rauschen, kann losgehen. Vorglühen. Anlassen. Nudel-nudel-nudel. Nix. Nochmal! Nudel-nudel… oh nein! Gang auf’s Klo. Auf dem Eimer kommen dem Eigner die besten Gedanken… was ist eigentlich mit dem fast unsichtbaren Draht, der zu Montagezwecken aller Art den Notaus-Hebel festhält? Yihaa! Anlassen – und da ist er ja, der Motor. So nehmen die Tage ihren Gang.

Anbei die Fotodoku. Wie man sieht, hat Nachbar FRA 43999, also known as Begamar, schon mal die Segel gesetzt. Wenn das den Abfahrtszeitpunkt herbeizaubert- vielleicht sollten wir auch mal?

Yihaa!

Chaguaramas, 9.10.2018

Es liest sich wieder flüssig! Ein Wunderheiler aus Berlin hat es möglich gemacht…  Danke, Sven / LatiMera !  Das war für uns ziemlich spannend, weil es einfach unangenehm ist, Zugänge an Wildfremde weiterzugeben, und seien sie noch so professionell, und sich dann auch noch verständlich machen zu müssen. Nun ja, Letzteres liegt mehr daran, dass ich nicht verstehe.
Jetzt wird die Seite noch ein bisschen poliert, und danach versinken wir wieder in den alten WordPress-Schlaf.
Und weg mit dem Test-Blogpost!

Ach, zuvor kann ich natürlich noch ein bisschen Alltag hinzufügen. Als da wäre: gestern eine wunderschöne MaxiTaxi-Tour in die Stadt. Des Eigners Fahrrad schaltet nicht mehr, und die Schipperin steigt mit dem geklappten Vieh im Segelsack in den Kleinbus. Volle Musikdröhnung, schlechte Stoßdämpfer, aber die Klimaanlage, die funktioniert übermäßig gut. Ich war noch nie so froh, aussteigen zu dürfen, denn MaxiTaxi heißt häufig „voll“ und MaxiTaxi mit einem Fahrgast mit Fahrrad auf dem Schoß und Rucksack auf dem Rücken heißt „ziemlich“ voll, so voll, dass frau den Kopf nicht aus dem kalten Luftstrom nehmen kann. Für den letzten Punkt des Verbotsschildes (üblich sind: not eating/drinking/no obscene language…) , „no love-making“, wäre kein Platz gewesen. Mal schauen was Mikes’s Bikes mit dem Patienten anfangen kann. Beschwingt ging es weiter zu Radica, wo ich ein Stück Palstipanescheibe für unsere Cockpiteinfassung besorgen will. Geistesgegenwärtig lasse ich ein Yard abschneiden. Hätte aber 1,5 Yard sein müssen, wie mir auf dem Rückweg siedendheiß einfällt. Niederschmetternd.
Daheim angekommen ist das Cockpit aufgeräumt, der Eigner liegt schweißüberströmt auf dem Boden und versucht, längst festgerottete Teile der Steuersäule abzubauen – es wird für die nächsten Tage spannend, denn das Cockpit ist gesperrt, wegen Steuersäulenmalerei, eine weitere Aktion aus der Serie „Nachbesserungsarbeiten Malaysia“. Soeben ernte ich ein sehr mildes Lächeln (ganz gefährlich!), als ich vorschlage, man könne im Vorschiff das Fenstergitter entfernen und das Luk zum Ausstieg benutzen. Ach, wie war es doch vordem in Malaysia so bequem – da gab es das kleine Billighotel. Aber ohne zweites Fahrrad… Nix da, es wird gegessen, was auf den Alltagstisch kommt.
Das Paket… es ist noch nicht angekommen, aber in Trinidad – es hatte sich in Frankfurt wohl 3 Wochen Auszeit genommen und dann noch ein Weilchen beim Zoll in Grenada (!?! Was macht es dort?) geschmort.
Bleibt noch die Politik. Das war eine harte Woche. Die Kavanaugh-Anhörung haben wir uns in voller Länge angetan, das Entsetzen über die Vorgänge will noch nicht weichen; heute hat Freund Donnie sich auch noch bei K. entschuldigt für das „Unrecht“, das ihm angetan wurde. Die Krönung bot der Wahlsieg von Bolsonaro in Brasilien – ich liege seit Wochen im Facebook-Clinch mit unserem Zahnarzt (weiß, sehr männlich, natürlich) in Intermares, der mich zwischen herablassend und oberlehrerhaft von den Vorzügen dieses Rechtsaußen überzeugen will und voller Stolz Bilder zeigt, deren Darstellungsweise an klassische totalitäre Systeme oder Sekten gemahnt. Es graust einen.

Es wird wirklich Zeit, dass wir ins Wasser kommen; fragt sich nur wohin. Aber der Blog ist wieder lesbar, das ist doch was!

 

Umlaute und so…

Chaguaramas, 29.9.2018

Nur ganz kurz – wer auch immer über die letzten drei Beiträge hinaus zurückblättert, wird feststellen, dass die Darstellung der Umlaute versagt… Irgendeine Programmumstellung muss das bewirkt haben – noch dazu ist „unser“ Server letzte Woche umgezogen und hat Passwort-Ärger gemacht. Ich liebe es…

Ich habe eine Idee, woran es liegt, werde heute noch einmal ein You Tube-Video zur Umstellung der config.php anschauen und dann hoffentlich meine Furcht überwinden, das Teil zu ändern. Manche Leute mögen keine Elektrik – ich mag FTP nicht anfassen.
Aber vorher ist ausreichend an Bord zu tun – das nennt man „procrastination“ oder auch Verschieberitis.

When Steel Talks…

Chaguaramas, 25.9.2016

When steel talks, everybody listens!
Das Konzert am Sonnabend war ein Höllenspaß. Die 5 großen Steelbands in Miniformationen, Mini heißt hier: um die 40 Musiker, inklusive Ratsche sowie des Eigners Lieblingsinstrument= Bremstrommel und der Cow Bell. Cow Bell kann man schlecht mit „Kuhglocke“ übersetzen, weil das klanglich in die falsche Richtung führt. Im zuletzt verlinkten Exodus-Link ist das Intro „Cow Bell“, mehr Klacken als Läuten. Ich sitze gern ganz vorn, zum Gucken und Hören – Nachteil: weiche Watteohren. Gesamturteil: es war dieses Mal noch besser als im vergangenen Jahr, keine schiefen Gesangsacts, kein Nessun-Dorma-Geknödel, dafür 5 mal 1 Stunde (!) Pan „mit Geschmack“.
Geschmack 1: Phase Two Pan Groove mit ein bisschen Jazzigem. Sehr gut, aber für den einen oder anderen vielleicht anstrengend. #2: Die Desperadoes mit Klassik, und zwar in einer Weise, dass wir mit offenen Ohren und Mündern sitzen und staunen – wo man Steelbands sonst eher entfesselt sieht, ist dies eine Demonstration von höchster Konzentration und toll arrangiert, weil ein wirklich virtuoser Oboist nicht übertönt wird. Sehr klasse. Dass das Publikum dann zu Jacques Offenbachs „CanCan“ erstmals an diesem Abend durchdreht, mag man ihm verzeihen .  Es wird zwar nicht bierzeltmäßig geschunkelt, aber gern gesungen, besser: mitgebrüllt, und irgendwann hält es auch nicht mehr alle auf den Plätzen. Vor allem ältere, füllige Damen lassen dann vor den Bühnen die Hüften kreisen (nein, ich nicht!). Nach dem Offenbach-Thrill dachte ich: das wird schwer für die nachfolgenden Orchester. No.3, Exodus, ist dann – bis auf den besagten Bassisten – auch nicht gar so doll, das Aroma „Big Band“ zu viel Blech, zu wenig Pan. Finde ich. Kommt Nummer 4, die Trini All Stars – das hat dem Eigner gefallen: eine Rock-Röhre als Gesangs-Act. Pan mit Rock ’n Roll-Geschmack und super Stimmung!
Zum Schluss die Renegades – da geht einem dann auf, dass man eben nicht „Trini“ ist. Schon der einleitende Rap ist so gut wie nicht zu verstehen, und dann… die Renegades laufen zur ganz großen Calypso-Form auf. Die Zuschauer – bis auf die 3 Handvoll doofe Yachties – singen, gestikulieren, es werden nicht nur die Refrains skandiert, sondern auch die teils langen, balladesken Strophen mitgesungen; ein Gesang, der allerdings im infernalischen Lärm der Orchester nur ein Hintergrundgeräusch bildet. Wir tippen auf die Karnevals-Calypsos der letzten 30 Jahre. Kein „This is my island in the sun“-Belafonte-Zeug, sondern ziemlich freche Sachen; Calypso hat seine Wurzeln im  Politisch-Kritischen, das Wort ist angeblich eine Verballhornung eines Yoruba-Wortes, Kaiso, aus Sklavereizeiten also. Die ganze Steelbandbewegung hat diesen widerborstigen Hintergrund – nicht umsonst war afrikanische Trommelmusik während der Kolonialzeiten verboten, und wo Trommeln verboten sind, sinnt man auf Ersatz“instrumente“. Doch auch als die alten Ölfässen schon längst und immer vielfältiger gestimmt werden, ist Steelbandmusik noch lange als „asozial“ verpönt. Ein Schelm… Der Rap am Anfang des Renegade-Auftrittes ist daher nicht ganz untypisch – irgendwas war mit dem Premierminister, und das Publikum johlt… Fast hätte ich mir ein „Pat Bishop“-Hemd gekauft, wie man das so als begeisterte Konzertbesucherin macht. Pat Bishop –  nicht Patrick, sondern Patricia – war eine Arrangeurin, Pan-Lehrerin, Orchestercoach, Dirigentin, vielfältig und hoch begabt; alles nicht so selbstverständlich, denn „Woman on de Bass“, heute in jedem Orchester weit verbreitet, war Anfang der 70er noch eine Ausnahme. Für Frauen gehörte es sich einfach nicht, sich in solch einer Subkultur zu betätigen –  das änderte sich erst als die Steelbandmusik in den 80ern hoffähig wurde. Eine junge Inderin machte 1974 den Anfang am Bass und kriegte prompt einen Calypso gewidmet: „…we want de woman on de bass!“ Un‘ nu‘? Gehen schicke Yachties dorthin und lassen sich einen Abend lang die Ohren betäuben. Sehr klasse!

Auch sonst haben wir Spaß – ich konstruiere noch an den Matratzenbezügen und schleppe daher die schweren Matratzen einmal täglich aus der Kammer in den Salon. Das nimmt der Eigner zum Anlass, die Ruderanlage – unter den Kojen  – zu revidieren – logische Frage am Abend: „… wo möchtest Du heute schlafen?“ Klar, auf dem Salontisch, Matratze liegt ja schon. Dass er allerdings bei kniffeligen Anpassungsarbeiten für den Reißverschluss kommt und scheinheilig fragt, ob wir die Wegerung an den Kojen schon mal abgenommen haben, jetzt, wo doch gerade die Matratzen… „Nicht JETZT!“. Projekt 1027 ist geboren.
Der letzte Spaß ist aber dieser: ein schon Wochen altes Projekt  ist noch immer nicht fertig. Wir erwarten ein Paket aus Deutschland – Ersatzteile für die Windsteueranlage, ein freundlicher Mensch hat uns einen gebrauchten AP-Navigator spendiert, ein paar Kleinteile… Seit dem 30. August stand das Tracking auf „wird ins Zielland transportiert“. Dass wir schon nach 3 Wochen ungeduldig wurden, goutierte weder die TriniPost („… es WIRD transportiert WERDEN!  Nicht im System heißt: nicht in Trinidad!“) noch die Deutsche Post: „… ist natürlich längst abgegangen, stellen sie nach 4 Wochen einen Nachforschungsantrag!“. Da der Versender in Urlaub ist, haben wir das etwas früher getan. Die Post hat auch eine Facebookseite, und ein hilfsbereiter Geist stellte eine – ansonsten nirgends vermerkte – Bonner Rufnummer zur Verfügung, an die man sich wenden könne. Die übliche Hotline-Leier. („…wenn Sie uns loben wollen, drücken Sie die 9“ – passierte wohl eher selten, wenn es kein Scherz von mir wäre). Ich verstehe, dass die Hotlines dieser Welt den Unmut aller Menschen auf sich versammeln, aber dass die Trulla zu mir sagt: „… darüber kann ich mit Ihnen nicht sprechen, sie sind nicht unser Rechtspartner!“ verschlug mir den Atem. Rechtspartner ist nämlich der Absender und ich nur die blöde Paketveranlasserin und -empfängerin. Auch der Hinweis, dass der Absender verreist sei, weicht die Abwehrhaltung nicht auf, dabei wollte ich nur wissen, ob man irgendwo sehen kann, wann und wo das Paket verflogen wurde, und was „wird gesendet“ heißt – wenn es Futur sei, dann wann? Kurz: Gruß aus der Deutschen Bürokratischen Republik. Zwei Tage später ein neuer Versuch, ganz cool und in der Hoffnung, einen anderen Gespächspartner zu finden. Klappt. Es ist Donnerstagabend. Mit der Aussage, das Paket sei definitiv  („… soweit ich sehen kann…“, sehr spaßig) aus Deutschland abgeflogen, gehen wir ins Wochenende; die TriniPost weiß noch immer von nüscht, aber hier ist durchaus manches bisweilen etwas… verzögert. Die deutsche Statusmeldung steht beharrlich auf „wird für die Sendung vorbereitet“ und „Next step: wird ins Zielland transportiert“. Am Montag ist in Trinidad Nationalfeiertag Nummer 3, nach Emancipation Day und Independence Day nun der Republic Day. Congratulations! Wir machen einen Tag Nachforschungspause. Gestern Abend fiel es mir wieder ein. Na, Deutsche Post? Any news? Ja, sicher! Neues Datum! 21.9., nur 23 Tage nach der letzten Meldung:
07:25 „–“   Hm. 2 Gedankenstriche. Was das wohl heißt? Wir machen uns Gedanken zu Ihrem Paket? Sendung gefunden und neu aufgenommen? Oder nur das Tracking geändert? Dann:
08:45 „… wird ins Zielland versendet“ und „Next step: Erreicht das Zielland“. Geheime Frage: falls ja, wann?
Es bleibt spannend. Und spaßig. When the postman talks, everybody listens. Lasst uns Positives hören, liebe Post!

 

Slow Motion

Chaguaramas 20.0.2018

Der äußerste grüne Klecks unten rechts – Das ist Trinidad! Ziemlich hurrikanfrei!

September in Trinidad. Besorgte Bürger in Europa, auch in unserem Postkasten: „… geht es Euch gut? Wie sieht es mit den Hurricans aus, sind die weit genug im Norden?“ Ja, es geht uns gut, und die Hurricans benehmen sich so wie wir es wünschen – drum sind wir ja hier, knapp außerhalb der Hurricane-Alley. Zur Illustration ein Bild, von NOAA, wo in Bezug auf die Zugbahnen Trinidad liegt.

Das Leben geht seinen ruhigen Boatyard-Gang. 14 Stunden nach dem Hauptbeben ein kurzer Wackler im hohen 5er-Bereich, danach nichts Berichtenswertes mehr in dieser Hinsicht, sehr nett von Dir, Mother Earth! Wenn AKKA jetzt zittert, dann vielleicht wegen der passierenden LKWs oder weil der Wind unter das Sonnensegel fasst. Oder weil der Grund vielleicht doch mal wackelt, aber das ist Normalität. Weitere Überraschungen dieser oder anderer Art schließen wir natürlich nicht aus – eine war zum Beispiel, dass frau in der Nacht von einem merkwürdigen Geräusch aufwacht: hat da jemand gerade Kies auf’s Deck geschmissen? Raus aus der Koje, vorsichtig den Kopf rausgesstreckt. Nix. Nix außer Hunderten von Sicherheitsglasscherben. Unsere gute alte Cockpitfrontscheibe – ohne jeden Anlass hat sie den inneren Halt verloren; gut dass wir das Schiebeluk zugeschoben hatten, sonst hätten wir den Glassalat im Salon gehabt. Ob es vielleicht doch ein Erdbeben-Spätschaden war? Erzählenswert ist so etwas eigentlich nicht, aber daraus ergibt sich eine etwas ausgiebigere Aktion – mit offener Frontscheibe ist schlecht segeln. Kriegen wir Sicherheitsglas, und dann auch noch in entsprechender Dicke? Nö. Kein Sicherheitsglas, nur Verbundglas, und das einen Tick zu dick für den existierenden Rahmen. Ausschwärmen… Und dann die Beschläge… 33 Jahre alte Beschläge müssen ersetzt werden, weil sich das Alugehäuse innig mit den Edelstahlschrauben verbunden hat. Da hilft nur Sägen und neue finden. Aber klaro – Hallberg Rassy hat das Zeug noch liegen. Wir platzen zwar mit der Bestellung in die September-Inventur, wie ich bei einem etwas ungeduldigen Telefonat mit Ellös erfahren – der moderne Mensch bestellt online und erwartet natürlich eine sofortige Bestellbestätigung. Verwöhntes Volk. Aber als ausgezählt ist, gehen unsere „Bjerg Crowns“ auf den Weg. Seit vorgestern sitzt die Scheibe, nicht ganz so schön wie gewünscht, denn das Einsetzen und Anpassen war ziemliches Gewürge, aber es wird gehen.
All solcher Kram will erledigt werden. Wir vermissen auch etwas… die Kuhlen in unseren Kojen! Ungemütlich plan und auch recht hart sind unsere neuen Matratzen. Klingt dem Nicht-Segler zwar auch nach einer einfachen Aktion   – in den Laden, Probeliegen à la Loriot/Evelin Haman und zack! – aber für den Yachtgebrauch hat das seine Tücken. Die alten Matratzen waren 5- oder 7–Punkt-Kaufmatratzen, von zarter Hand in Arnis (yes! Die Matratzen waren etwas angejahrt…) in Form geschnitten – es ist ja nicht nur so, dass die Kojen zum Ende konisch zulaufen (wegen der V-Form heißt das im Yacht-Jargon Vee-berth), sondern zu allem Übel ist die Bordwand gerundet. Nicht so einfach. Zuvor schon die schlichte Frage: wer hat guten Schaum?! Standardmatratze kaufen? Wer hat gute Fertig-Matratz… Es ergibt sich neuerlicher Expedtionsbedarf. Mr. Robert, Seniorchef der Firma Lensyls in Macoya empfiehlt uns von ihnen maßgeschnittenen, hochdichten Qualitätsschaumstoff, ein Verkaufsgespräch inklusive Yacht-Geschnack und Firmenrunde mit Probeliegen, sehr empfehlenswert. „…believe me! Good for 15 years – come, I show you around!“ Total nett. Leider ergibt sich nach Lieferung Nacharbeit bei der Bordwandschrägung, genau das, was ich , nur mit einem Filettiermesser ausgetattet, vermeiden wollte. Nächstes Mal (also in weiteren 12 Jahren) kaufe ich ein elektrisches Fleischmesser, das wollte ich schon anno 05. So ein Gesäge und Gehampel und Geschnibbel da unten in unserer Garage. Wir müssen mal ein Bild machen, unsere Werkstatt befindet sich nämlich zwischen den Rümpfen von „Sundog“ aus Kanada. Hoffentlich kommt der Besitzer nicht so bald zurück… wir haben noch zu tun. Sundog hatte allerdings just zum Eintreffen und Nacharbeiten der Matratzen einen Scherz für uns auf Lager: in der Abendsonne baute sich Druck in seinem Tanksystem auf, und so pullerte Benzin im dicken Strahl auf die Arbeitsfläche. Pfui.
Ihr seht, wir wissen uns zu beschäftigen. Dies sind nicht die einzigen Projekte, und wenn man nichts zu tun hat, macht man sich Arbeit. Frau reinigt zum Beispiel die mit Plastikscheiben versehene Anschlusspersenning für das Cockpit und legt sie zum Trocknen auf die Arbeitsbretter in die Sonne. Schön warm, dem Holz wird heiß, und austretendes Harz klebt vortrefflich an der Plastikscheibe… Neue Folie kaufen, raustrennen, einpassen – und Folie mit Sunbrella vernähen ist sowieso mein Liebstes.

Zur Entspannung gibt es aber auch gelegentliche Ausflüge – den Unabhängigkeitstag feiern wir auf dem Panyard des Starlift-Orchesters, die Veranstaltung nennt sich „Independence Brunch“ und ist eine Trini-Tradition – andere nehmen derweil im strömenden Regen Paraden in der Innenstadt ab. Wir kriegen echtes Trini-Essen. Extrem lecker: Souse. Nicht lecker. Schweinefüße in Irgendwas. (ich stehe auch der beliebten Cow Heel Soup skeptisch gegenüber, ich habe immer den Verdacht, dass die Kuh, die ihren Huf opfern musste, zuvor in einen Fladen getreten war). Dafür waren die Pies und Doubles (das ist Singular, EIN DOUBLES) wirklich gut. Das Publikum ist – abgesehen von uns Handvoll Yachties – lokal und stellt sich als eine Flut von Rot und Weiß im strömenden Mittagsregen dar, die Gastgeber haben einen Regenschirm-Shuttle zwischen den überdachten Sitzplätzen und den Essensständen eingerichtet. Wir hatten uns offengelassen, ob man vielleicht frühzeitig abhaut, aber das wäre ein Fehler gewesen – das Starlift Orchestra (in kleiner Besetzung) und ihre Jugendformation hätten wir verpasst und die alten Herren von den Brimblers, zwischendrin noch „Lord Relator“, eine alte (!) Calypso-Ikone. Ein schöner Independence Day war das.

Und weil ich die Nase nicht voll kriegen kann, werden wir gleich zu „Big 5“ abgeholt. Same procedure as ervery year – die 5 großen Pan-Orchester, die den jährlichen Steelbandwettbewerb am häufigsten gewonnen haben. Immer wieder ein toller Lärm. Selbst der Eigner, der der Musik sonst nicht so extrem zugetan ist, lässt sich von der Exaktheit der Orchester faszinieren.
Anbei ein schönes Beispiel von Exodus – ich finde die  Bässe hier besonders gut, zumal der Künstler an der vorderen, linken Ecke keinen „6-Bass“ spielt, sondern einen 8-Bass.  Ein YouTube.Zuhörer hinterließ einen Kommentar, der genau sagt, warum ich da gern hingehe: „Ich habe Bands mit nur 4 Mitgliedern gehört, die ihren Kram nicht zusammenhalten können. Dies ist das kontrollierte Chaos..“
I’ve seen bands with four members who can’t keep their shit together. This is just controlled mayhem. And that rhythm section! Oh my God!

Und morgen sind wir mal wieder taub! Bis demnächst.

Wenn die Zeit lang wird

Chaguaramas, 22.8.2018

Wenn die Zeit lang wird, ist es den Leuten meist langweilig – uns allerdings nicht. Hitzebedingt geht alles langsam voran, immerhin mit Betonung auf „voran“. Der Eigner hat die Technik voll im Griff, die Schipperin nimmt die Winschen auseinander und um es kurzweilig zu gestalten, ruft der Winschenpflege-Aufseher am einen Tag: „… mehr Fett!“ und am nächsten: „… weniger Fett!“.  Frau wird es wohl gelegentlich etwas zu gut meinen dürfen, oder? Jedenfalls ist der Fetttopf, der noch vom ersten Aufenthalt in Trinidad 2009 stammt, nach der vollen Runde, sprich: 8 Winschen, zu einem Viertel geleert. Wir können noch ein paar Jahre segeln, will das heißen.
Das war jetzt eine langatmige Geschichte aus dem wirklichen Leben. Eher unwirklich, aber dennoch ziemlich lang, kamen uns gestern 30 Sekunden am frühen Abend vor. Wir haben es quasi in die Tagesschau geschafft, wie wir gerade feststellen: um 17:30, wir sitzen im Cockpit, fängt AKKA an sich zu schütteln, und nicht nur sie – sämtliche Boote ringsum rappeln mit den Riggs, AKKA zittert, die Schipperin auch. Ein bisschen. „Was ist das denn?!“ fragt der Eigner. „E-e-e-erdbeben!“ Während ich die Lage überdenke – wie ist die Nähe zu den Nachbarbooten, können die Masten umfallen?! – macht Mr. Cool einen Versuch, das Geschehen als Video aufzunehmen, was daran scheitert, dass er die Videofunktion an der Kamera nicht gut kennt; im Endeffekt sieht man auch nichts, das ist wie mit großen Wellen auf See – abbilden kann man das nicht. Nach ein paar Sekunden Geschüttel – endlos! – fällt mir meine Nähmaschine auf dem Vorschiff ein; der Nähtisch, das sind 2×2 gestapelte Plastikboxen mit einem herrlich federnden Arbeitsbrett dazwischen. Ich sprinte hin – das war knapp, die schwere Maschine wollte sich gerade ins Klofenster stürzen.  Puuh! Dann wird das Zittern weniger…  Ein Nachbar sagt später: mindestens eine Minute. Ich bin sicher, dass es endlos schien, aber deutlich kürzer war *.

Ich klettere die Leiter runter – immer auf der Hut, dass einem die Nachbarschiffe nicht aufs Haupt fallen. Hinterm Zaun schnattern die Securityleute aufgeregt: „… das war Trini-Rekord!“ Auf manche Rekorde bin ich nicht wirklich scharf. Wir gucken uns um. Die Stützen, auf denen AKKA steht, sind tatsächlich ein paar Zentimeter gewandert, wir stellen sie nach und wackeln auch mal vorsichtig an denen der Nachbarboote. Reicht das für ein etwaiges Nachbeben?

Andreas fragt, was das wohl für eine Magnitude war – es gab kürzlich schon einmal einen Wackler in der Nacht, der aber kaum erwähnenswert war. Was tut man auf so eine Frage?! Internet konsultieren (der Strom ist zwar weg, aber Digicel Mobiltelefonie ist da!) – und da steht es auch schon: „Magnitude 6.8 in 80 km Tiefe vor der Küste von Venezuela, vor 7 Minuten“. Die Werte werden später noch korrigiert, etwas tiefer, etwas stärker. M 7.3 ist es schließlich – die armen Venezolanos dort drüben… Eine Tsunamiwarnung geht raus und wird wieder aufgehoben, „unsere“ Facebookgruppen schwirren vor Nachrichten: die Leute in Grenada haben das Beben im Wasser an der Mooring gespürt, Carriacou… St. Lucia… alle schreiben „habt Ihr so etwas schon erlebt?“. Bootseigener melden sich aus USA und Europa – „…wie sieht es auf den Boatyards aus“? In Martinique darf ein Flieger nicht landen, weil erst einmal die Landebahn überprüft werden muss. Die Schäden halten sich glücklicherweise in Grenzen. In unserem Supermarkt hat es die Dosen und Flaschen aus den Regalen geschüttelt, im Sails-Restaurant unten am Dock zieht sich ein langer Riss durch die Musikbühne, ein paar Wasserrohrbrüche in der Gegend.  Wie es wohl in den Dörfern oben in den Bergen aussieht? Wir hatten ziemlich ergiebige Regenfälle, da muss so mancher Erdrutsch passiert sein. Übrigens: zur Häufigkeit von Erdbeben bleibt zu sagen, dass das Geschehen von gestern auf dem o.a. Link schon nicht mehr auf der ersten Seite erscheint. Ein ganz schön wabbeliger Planet, unsere Kugel.

Ich bin froh, dass wir zu Hause waren – die Bilder im Fernsehen bzw. Internet zeigen Panik von Leuten in Port of Spain, Gekreische, Schüsse (Leuchtspurmunition, wer und warum?!), all das wäre nichts für mich gewesen; für mich war ausreichend, die Masten schwanken zu sehen und das Rigg-Gelärme und die Warnsirenen von den Schiffen unten am Industriedock zu hören. Unvorstellbar was passiert, wenn es mal so richtig scheppert. Die letzten, schweren Erdbeben in dieser Region sind 30 und 50 Jahre her, und die lagen in der Magnitude unter dem heutigen Geschehen.  Nachbeben? Haben wir abbestellt, leider wird trotzdem noch geliefert.
So ist das, wenn die Zeit lang wird – und diese 30 (?!) Sekunden waren ausreichend lang.

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* das Erdbebenforschungszentrum der Universität der West Indies hier in Trinidad straft mich Lügen: die Stärke variiert je nach Messmethode und beläuft sich nach ihren Messungen auf  M 6.9, und es hat ca. 90 Sekunden gedauert.

 

 

Hardstand Blues

So schaut das bei längerer Liegezeit aus

Chaguaramas, 10.7.2018

„Nee, nee“ sagt der Bruder, nachdem ich angekündigt hatte, bis zum November den Blog ruhen zu lassen. O.k., dann Sparflamme.

Was gibt es zu erzählen? AKKA war am 14. Juni in Union Island losgeeiert, mittelprächtige Winde, mal mit, mal ohne Schiebestrom, will sagen, mal mit, mal ohne riesige Abdrift –  hier treibt der Nordäquatorialstrom seine Spielchen, und das ist auf der Strecke nach Trinidad deswegen wichtig, weil man ungern durch die Gasfelder fährt, die vielleicht 30 Seemeilen nördlich der Einfahrt nach Port of Spain bzw. Chagauaramas liegen. Nicht der Gasfelder selbst wegen, obwohl dort natürlich auch ziemlicher Berufsverkehr herrscht, sondern vor allem, weil es ein Versteck für böse Buben sein soll; ich hatte das ja auf der Hinreise schon beschrieben. Mittlerweile hatten wir viele Begegnungen mit anderen Seglern, ganz real oder virtuell, die immer wieder auf diesen Fakt abhoben, von „wie segelt man sicher nach Trinidad?“ und „… waaas, Ihr geht nach Trinidad!“ oder ganz praktisch: „segelt Ihr beleuchtet?“ oder  „Trinidad kann man nicht anlaufen“ bis hin zu „dauernd Piraterieattacken“; kurz: das Thema hatte sich bei uns zum Aufreger entwickelt. Ja, natürlich verunsichert einen das („das“ ist ein Vorfall im Dezember 2015),  und wir fahren auch nicht umsonst den Achtungsbogen nach Osten – im Gegensatz zu diversen Routiniers aus Chaguaramas, die eher „100mal gefahren und nix passiert“ sagen. Fast jeder Blogbeitrag von Gastseglern, die hier liegen, hat den Hinweis auf die Gefährlichkeit der Strecke, manche klingen hochdramatisch, geradezu paranoid, und wir sind mittlerweile der Meinung, dass diese Paranoia ausschließlich hausgemacht ist. Wir müssen einfach aufhören „Piraterie“ zu schwatzen; wer mag, kann einen float plan bei der TT Coast Guard einreichen, was wir dieses Mal sogar getan haben, oder kann mit Freunden im „buddy boat“-Paket fahren. Ansonsten: Aufhören mit dem Geschwätz! Spricht’s, die AKKAnautin und plant die Ostkurve für den kommenden Herbst.
Von Union aus läuft man schnurgerade nach Süden, in nettem Abstand zu Hibiscus und Poinsettia, den Gasfeldern. Über den Äther hören wir Funkgespräche unserer Kollegen Exbury und Menuet mit dem Querverkehr, allein sind wir also nicht. Im Morgengrauen laufen wir auf die Boca del Mono zu, drehen eine Ehrenrunde vor dem Zolldock und greifen uns eine Boje im Ankerfeld – nicht nur, dass das Customs Dock voll ist, nämlich mit Exbury und Menuet, die waren schneller, sondern der Ponton ist kaum zu nutzen, weil meterhoch aus dem Wasser ragend, und das liegt am Feiertag. Einem besonderen, neumondgesteuerten: Eid al Fitr ist Neumond, und deswegen ist kein Ramadanende auf dieser Welt ohne Springtide. Und kein Feiertag in Trinidad ist ohne Überstundengebühren für Zoll und Immigration. Aber weil Feiertag ist, machen sich die Einklarierungsgänge schnell, leicht und fröhlich, Immigration gibt uns sogar die maiximalen 6 Monate,  und ein Blick auf die Wetterkarte mit einer ganzen Reihe anrückender Tropical Waves sagt, dass der Abfahrttermin jeden Dollar Overtimegebühr wert war. So beziehen wir unser Sommerquartier. Nach 5 Tagen –  eine der Tropical Waves macht Anstalten, ein Wirbelsturm zu werden! –  setzt uns Michael strahlend an unserem alten Platz am Zaun ab. „Gefällt Euch doch hier, oder?!“ Klar. Schöner wär’s auf dem Wasser, aber das verraten wir nicht.
Der Eigner läuft zur Internetrecherchenhochform auf, der Wartungsbetrieb läuft an. Die Windsteueranlage hat ein bisschen Spiel – lokalisieren, Werte übermitteln und Ersatzteile ordern. Sollen wir die Welle ziehen? Fachkundige Wellenrüttler sagen unisono: „… da haben wir aber schon mehr Spiel gesehen!“ Thema vertagt, dafür wird dem Motor ein neuer Satz Einspritzdüsen spendiert. Segel abschlagen und zur Reparatur bringen. Der Rumpf wird angeschliffen und neues Coppercoat bestellt. All das unterbrochen von täglichen, reichlichen Regen- und Wärmepausen; gut Ding will hier sehr viel Weile haben.

Bisschen Kanten, bisschen Hebeln: das Bugstrahlruder

Der Salon sieht aus wie Schlachtfeld, weil das Vorschiff leergeräumt ist  – die Batterien für Ankerwinde und Bugstrahlruder sollen ersetzt werden. Außerdem hatte das Bugstrahlruder selbst vor Monaten den Dienst quittiert, bzw.  wir hatten ihm wegen äußerst unangenehmer, metallischer Mahlgeräusche die weitere Mitarbeit verweigert. Es geht zwar ohne, aber repariert werden sollte es dennoch. Testanordnungen verschiedener Art werden probiert. Propellerdrehen von Hand: Stille. Mit Motorantrieb:  „KKKrrrrrr“. Getriebe abgekoppelt: „KKKrrrrrr!“. Also ist es der Motor. Und jetzt? Daraus ergibt eine Anekdote: die Räumlichkeiten im Vorschiff sind etwas beschränkt, und schon bei den vorbereitenden Untersuchungen hatte des Eigners Rücken gemuckt.  Wie kriegen wir bloß den fetten 10 PS-Motor aus dem engen Loch? Wurschtel, wurschtel, abschrauben, kippen – irgendwie ist kein Platz für 4 Hände. „Ach, Mist, ich hole jetzt einen starken Mann!“, spricht der Baustellenleiter und verschwindet. Derweilen bastele ich aus Gurtbändern und einer Talje eine Hebevorrichtung. Ich bin grottenstolz, als Andreas mit Krendol anmarschiert. Aus dem Cockpit rufe ich runter: „… ich habe da eine Talje ange…“ und bin noch nicht fertig, da jumpt Krendol mit dem gelben 10 PS-Monster in der Linken an mir vorbei. „…der hat den einfach so rausgehoben!“, staunt der Eigner. Oh, je. Jugend hebt!

Krendols Werkstatt

Krendol ist übrigens des Eigners Lieblingswerkstatt, ein wunderbares Chaos mit wenig Arbeitsfläche, dafür umso mehr reparaturbedürftigen Aggregaten unterschiedlichen Alters (und einem ewig smartphonenden Mitarbeiter im Hintergrund). Krendol hatte eilends unseren Bugstrahler auseinandergebaut, was allerdings nicht in des Eigners Sinne war – wir wollten ihm gern das Geräusch vorführen.

Der Maler im Vorschiff.

Also wieder zusammenbauen… der geduldige Krendol macht alles, wobei Andreas leichtes Bauchkneifen hat, so wie die Teile dort einzeln verstreut umherliegen – ob der Motor jemals wieder komplett wird? Dann der Tag des Tests. Kurze Zeit später kommt ein etwas konsternierter Eigner an Bord geklettert: „… läuft wie geschmiert, der Motor! Keine Geräusche mehr!“ Nee, das kann nicht sein, oder? Auseinanderbauen+Zusammensetzen=Wunderheilung. Das nehmen wir immer wieder gern!
Ob ich meine Nähwerkstatt doch wieder draußen auf dem Vorschiff aufbaue? Das mit dem Vorschiff und dem Salon kann noch dauern…

Unterwegs nach Trinidad

AKKA got the blues

Clifton/Union Island, 12.6.2018

Fast wäre dies stimmungsmäßig ein ganz dunkelgrauer Eintrag geworden. Zunächst mal sind wir unterwegs nach Trinidad, also ist unsere Segelsaison demnächst zu Ende. Natürlich könnte man noch abhängen, aber wir nehmen AKKA bei Power Boats für die Hurrikansaison aus dem Wasser und müssen abermals ein paar Dinge tun; ein zwischen dämlich und „wat mutt, dat mutt“ angesiedeltes Gefühl. Und dann die Politik – heute hat Donnie T. sein Dikatoren-Vorbild Kim getroffen und überschlägt sich – neben den üblichen Hasstiraden, außer auf Deutschland und die EU heute besonders lustig auf Robert de Niro… – mit Eigenlob über die gelungene Showveranstaltung, das haut ganz schön in die Magengegend, nachdem bereits der G7-Gipfel in Kanada so prima gelaufen ist. Die Linken. Die SPD. Mann, Mann…
Dazu war es heute diesig und grau, und die letzten Tage durch das Nachdenken über den Zustand der Ozeane verdunkelt. Wer mal einen guten Artikel und zwei kleine Videos dazu sehen will, kann hier gucken. Ich finde es so überraschend wie deprimierend, dass man noch immer so viel über Plastikverbrauch diskutieren muss und immer neu doofen Einwürfen à  la „… die Asiaten sind die Ferkel, und wir versuchen hier die Welt zu retten!“ entgegentreten muss. Ja. Sollten wir versuchen! Kurz: es nervt. Übrigens, wir bleiben in den Tropen – Fleecejacken zu waschen sollte unter Strafe gestellt werden, was den Eintrag an Mikroplastik betrifft. Kleiner Scherz, zumindest der Tropenteil. Aber im Ernst – wir sind alle um Mitmachen gefragt, ich bitte herzlich drum.

Tobago Cays. Off-season!

Aber dann sitzen wir vorhin auf dem Vorschiff, hinterm Riff von Union Island, der Passat bläst alle trüben Gedanken davon. Der Wind wirkt wie ein feuchtwarmer Umschlag – das tut ja bei allerlei Beschwerden gut. Die Ankerfelder leeren sich jetzt zusehends, es ist nicht mehr so gestopft voll wie im Februar. Wir begießen den nicht vorhandenen Sonnenuntergang mit einem Becher Pastis und machen Zukunftspläne. Wenn man auf die Monate nach dem

Nicht ganz allein. Der ultimative Katamaran-Spaß mit Flamingos und viel Geschrei

He’s jammin‘ still!

Werftaufenthaltgucken kann – Puerto Rico, Kuba und Company – erscheint einem der anstehende Kram schon gar nicht mehr so dramatisch. Ein bisschen Welle ziehen, ein bisschen Bugstrahlruder ausbauen, der Rumpf soll eine neue Schicht Coppershield kriegen… und Kleinscheiß. Die 4 Monate werden bald um sein, und dann geht es wieder los. Was mir niemals behagt, sind Blicke in die weitere Zukunft, da kommt dann schon mal das Wort „Azoren“ ins Spiel. Ach, lass mal, das muss noch nicht… aber natürlich ist es blöd, so überhaupt nicht drüber nachdzudenken, und der Pastis zieht denn auch meine Sorgenfalten glatt. Draußen fahren währenddessen die Jungs aus den Tobago Cays heim – die meisten stammen aus Union und schippern täglich die 5 Meilen zwischen Clifton und Petit Rameau. Summertime, der uns gestern abend fürstlich mit gebackener Banane und Amberjack bewirtet hat, braust vorbei und pfeift und winkt frenetisch. Romeo und Julia. Die beiden haben gestern leider den Kürzeren gezogen bei der Auftragsvergabe für das Abendessen – wir konnten die Werbungsattacke von Summertime einfach nicht abwehren – was Julia nicht davon abhielt, meinen Eigner zum Abschied ganz besonders zu herzen. Und dann fährt eben „Handyman“ vorbei. Faust auf’s Herz – ein fist bump von Ferne. Peace. Love. Respect. Der finale Stimmungsaufheller für heute!  Wir gehören zum Inventar.

Alles gut hier!