Yihaa!

Chaguaramas, 9.10.2018

Es liest sich wieder flüssig! Ein Wunderheiler aus Berlin hat es möglich gemacht…  Danke, Sven / LatiMera !  Das war für uns ziemlich spannend, weil es einfach unangenehm ist, Zugänge an Wildfremde weiterzugeben, und seien sie noch so professionell, und sich dann auch noch verständlich machen zu müssen. Nun ja, Letzteres liegt mehr daran, dass ich nicht verstehe.
Jetzt wird die Seite noch ein bisschen poliert, und danach versinken wir wieder in den alten WordPress-Schlaf.
Und weg mit dem Test-Blogpost!

Ach, zuvor kann ich natürlich noch ein bisschen Alltag hinzufügen. Als da wäre: gestern eine wunderschöne MaxiTaxi-Tour in die Stadt. Des Eigners Fahrrad schaltet nicht mehr, und die Schipperin steigt mit dem geklappten Vieh im Segelsack in den Kleinbus. Volle Musikdröhnung, schlechte Stoßdämpfer, aber die Klimaanlage, die funktioniert übermäßig gut. Ich war noch nie so froh, aussteigen zu dürfen, denn MaxiTaxi heißt häufig „voll“ und MaxiTaxi mit einem Fahrgast mit Fahrrad auf dem Schoß und Rucksack auf dem Rücken heißt „ziemlich“ voll, so voll, dass frau den Kopf nicht aus dem kalten Luftstrom nehmen kann. Für den letzten Punkt des Verbotsschildes (üblich sind: not eating/drinking/no obscene language…) , „no love-making“, wäre kein Platz gewesen. Mal schauen was Mikes’s Bikes mit dem Patienten anfangen kann. Beschwingt ging es weiter zu Radica, wo ich ein Stück Palstipanescheibe für unsere Cockpiteinfassung besorgen will. Geistesgegenwärtig lasse ich ein Yard abschneiden. Hätte aber 1,5 Yard sein müssen, wie mir auf dem Rückweg siedendheiß einfällt. Niederschmetternd.
Daheim angekommen ist das Cockpit aufgeräumt, der Eigner liegt schweißüberströmt auf dem Boden und versucht, längst festgerottete Teile der Steuersäule abzubauen – es wird für die nächsten Tage spannend, denn das Cockpit ist gesperrt, wegen Steuersäulenmalerei, eine weitere Aktion aus der Serie „Nachbesserungsarbeiten Malaysia“. Soeben ernte ich ein sehr mildes Lächeln (ganz gefährlich!), als ich vorschlage, man könne im Vorschiff das Fenstergitter entfernen und das Luk zum Ausstieg benutzen. Ach, wie war es doch vordem in Malaysia so bequem – da gab es das kleine Billighotel. Aber ohne zweites Fahrrad… Nix da, es wird gegessen, was auf den Alltagstisch kommt.
Das Paket… es ist noch nicht angekommen, aber in Trinidad – es hatte sich in Frankfurt wohl 3 Wochen Auszeit genommen und dann noch ein Weilchen beim Zoll in Grenada (!?! Was macht es dort?) geschmort.
Bleibt noch die Politik. Das war eine harte Woche. Die Kavanaugh-Anhörung haben wir uns in voller Länge angetan, das Entsetzen über die Vorgänge will noch nicht weichen; heute hat Freund Donnie sich auch noch bei K. entschuldigt für das „Unrecht“, das ihm angetan wurde. Die Krönung bot der Wahlsieg von Bolsonaro in Brasilien – ich liege seit Wochen im Facebook-Clinch mit unserem Zahnarzt (weiß, sehr männlich, natürlich) in Intermares, der mich zwischen herablassend und oberlehrerhaft von den Vorzügen dieses Rechtsaußen überzeugen will und voller Stolz Bilder zeigt, deren Darstellungsweise an klassische totalitäre Systeme oder Sekten gemahnt. Es graust einen.

Es wird wirklich Zeit, dass wir ins Wasser kommen; fragt sich nur wohin. Aber der Blog ist wieder lesbar, das ist doch was!

 

Umlaute und so…

Chaguaramas, 29.9.2018

Nur ganz kurz – wer auch immer über die letzten drei Beiträge hinaus zurückblättert, wird feststellen, dass die Darstellung der Umlaute versagt… Irgendeine Programmumstellung muss das bewirkt haben – noch dazu ist „unser“ Server letzte Woche umgezogen und hat Passwort-Ärger gemacht. Ich liebe es…

Ich habe eine Idee, woran es liegt, werde heute noch einmal ein You Tube-Video zur Umstellung der config.php anschauen und dann hoffentlich meine Furcht überwinden, das Teil zu ändern. Manche Leute mögen keine Elektrik – ich mag FTP nicht anfassen.
Aber vorher ist ausreichend an Bord zu tun – das nennt man „procrastination“ oder auch Verschieberitis.

When Steel Talks…

Chaguaramas, 25.9.2016

When steel talks, everybody listens!
Das Konzert am Sonnabend war ein Höllenspaß. Die 5 großen Steelbands in Miniformationen, Mini heißt hier: um die 40 Musiker, inklusive Ratsche sowie des Eigners Lieblingsinstrument= Bremstrommel und der Cow Bell. Cow Bell kann man schlecht mit „Kuhglocke“ übersetzen, weil das klanglich in die falsche Richtung führt. Im zuletzt verlinkten Exodus-Link ist das Intro „Cow Bell“, mehr Klacken als Läuten. Ich sitze gern ganz vorn, zum Gucken und Hören – Nachteil: weiche Watteohren. Gesamturteil: es war dieses Mal noch besser als im vergangenen Jahr, keine schiefen Gesangsacts, kein Nessun-Dorma-Geknödel, dafür 5 mal 1 Stunde (!) Pan „mit Geschmack“.
Geschmack 1: Phase Two Pan Groove mit ein bisschen Jazzigem. Sehr gut, aber für den einen oder anderen vielleicht anstrengend. #2: Die Desperadoes mit Klassik, und zwar in einer Weise, dass wir mit offenen Ohren und Mündern sitzen und staunen – wo man Steelbands sonst eher entfesselt sieht, ist dies eine Demonstration von höchster Konzentration und toll arrangiert, weil ein wirklich virtuoser Oboist nicht übertönt wird. Sehr klasse. Dass das Publikum dann zu Jacques Offenbachs „CanCan“ erstmals an diesem Abend durchdreht, mag man ihm verzeihen .  Es wird zwar nicht bierzeltmäßig geschunkelt, aber gern gesungen, besser: mitgebrüllt, und irgendwann hält es auch nicht mehr alle auf den Plätzen. Vor allem ältere, füllige Damen lassen dann vor den Bühnen die Hüften kreisen (nein, ich nicht!). Nach dem Offenbach-Thrill dachte ich: das wird schwer für die nachfolgenden Orchester. No.3, Exodus, ist dann – bis auf den besagten Bassisten – auch nicht gar so doll, das Aroma „Big Band“ zu viel Blech, zu wenig Pan. Finde ich. Kommt Nummer 4, die Trini All Stars – das hat dem Eigner gefallen: eine Rock-Röhre als Gesangs-Act. Pan mit Rock ’n Roll-Geschmack und super Stimmung!
Zum Schluss die Renegades – da geht einem dann auf, dass man eben nicht „Trini“ ist. Schon der einleitende Rap ist so gut wie nicht zu verstehen, und dann… die Renegades laufen zur ganz großen Calypso-Form auf. Die Zuschauer – bis auf die 3 Handvoll doofe Yachties – singen, gestikulieren, es werden nicht nur die Refrains skandiert, sondern auch die teils langen, balladesken Strophen mitgesungen; ein Gesang, der allerdings im infernalischen Lärm der Orchester nur ein Hintergrundgeräusch bildet. Wir tippen auf die Karnevals-Calypsos der letzten 30 Jahre. Kein „This is my island in the sun“-Belafonte-Zeug, sondern ziemlich freche Sachen; Calypso hat seine Wurzeln im  Politisch-Kritischen, das Wort ist angeblich eine Verballhornung eines Yoruba-Wortes, Kaiso, aus Sklavereizeiten also. Die ganze Steelbandbewegung hat diesen widerborstigen Hintergrund – nicht umsonst war afrikanische Trommelmusik während der Kolonialzeiten verboten, und wo Trommeln verboten sind, sinnt man auf Ersatz“instrumente“. Doch auch als die alten Ölfässen schon längst und immer vielfältiger gestimmt werden, ist Steelbandmusik noch lange als „asozial“ verpönt. Ein Schelm… Der Rap am Anfang des Renegade-Auftrittes ist daher nicht ganz untypisch – irgendwas war mit dem Premierminister, und das Publikum johlt… Fast hätte ich mir ein „Pat Bishop“-Hemd gekauft, wie man das so als begeisterte Konzertbesucherin macht. Pat Bishop –  nicht Patrick, sondern Patricia – war eine Arrangeurin, Pan-Lehrerin, Orchestercoach, Dirigentin, vielfältig und hoch begabt; alles nicht so selbstverständlich, denn „Woman on de Bass“, heute in jedem Orchester weit verbreitet, war Anfang der 70er noch eine Ausnahme. Für Frauen gehörte es sich einfach nicht, sich in solch einer Subkultur zu betätigen –  das änderte sich erst als die Steelbandmusik in den 80ern hoffähig wurde. Eine junge Inderin machte 1974 den Anfang am Bass und kriegte prompt einen Calypso gewidmet: „…we want de woman on de bass!“ Un‘ nu‘? Gehen schicke Yachties dorthin und lassen sich einen Abend lang die Ohren betäuben. Sehr klasse!

Auch sonst haben wir Spaß – ich konstruiere noch an den Matratzenbezügen und schleppe daher die schweren Matratzen einmal täglich aus der Kammer in den Salon. Das nimmt der Eigner zum Anlass, die Ruderanlage – unter den Kojen  – zu revidieren – logische Frage am Abend: „… wo möchtest Du heute schlafen?“ Klar, auf dem Salontisch, Matratze liegt ja schon. Dass er allerdings bei kniffeligen Anpassungsarbeiten für den Reißverschluss kommt und scheinheilig fragt, ob wir die Wegerung an den Kojen schon mal abgenommen haben, jetzt, wo doch gerade die Matratzen… „Nicht JETZT!“. Projekt 1027 ist geboren.
Der letzte Spaß ist aber dieser: ein schon Wochen altes Projekt  ist noch immer nicht fertig. Wir erwarten ein Paket aus Deutschland – Ersatzteile für die Windsteueranlage, ein freundlicher Mensch hat uns einen gebrauchten AP-Navigator spendiert, ein paar Kleinteile… Seit dem 30. August stand das Tracking auf „wird ins Zielland transportiert“. Dass wir schon nach 3 Wochen ungeduldig wurden, goutierte weder die TriniPost („… es WIRD transportiert WERDEN!  Nicht im System heißt: nicht in Trinidad!“) noch die Deutsche Post: „… ist natürlich längst abgegangen, stellen sie nach 4 Wochen einen Nachforschungsantrag!“. Da der Versender in Urlaub ist, haben wir das etwas früher getan. Die Post hat auch eine Facebookseite, und ein hilfsbereiter Geist stellte eine – ansonsten nirgends vermerkte – Bonner Rufnummer zur Verfügung, an die man sich wenden könne. Die übliche Hotline-Leier. („…wenn Sie uns loben wollen, drücken Sie die 9“ – passierte wohl eher selten, wenn es kein Scherz von mir wäre). Ich verstehe, dass die Hotlines dieser Welt den Unmut aller Menschen auf sich versammeln, aber dass die Trulla zu mir sagt: „… darüber kann ich mit Ihnen nicht sprechen, sie sind nicht unser Rechtspartner!“ verschlug mir den Atem. Rechtspartner ist nämlich der Absender und ich nur die blöde Paketveranlasserin und -empfängerin. Auch der Hinweis, dass der Absender verreist sei, weicht die Abwehrhaltung nicht auf, dabei wollte ich nur wissen, ob man irgendwo sehen kann, wann und wo das Paket verflogen wurde, und was „wird gesendet“ heißt – wenn es Futur sei, dann wann? Kurz: Gruß aus der Deutschen Bürokratischen Republik. Zwei Tage später ein neuer Versuch, ganz cool und in der Hoffnung, einen anderen Gespächspartner zu finden. Klappt. Es ist Donnerstagabend. Mit der Aussage, das Paket sei definitiv  („… soweit ich sehen kann…“, sehr spaßig) aus Deutschland abgeflogen, gehen wir ins Wochenende; die TriniPost weiß noch immer von nüscht, aber hier ist durchaus manches bisweilen etwas… verzögert. Die deutsche Statusmeldung steht beharrlich auf „wird für die Sendung vorbereitet“ und „Next step: wird ins Zielland transportiert“. Am Montag ist in Trinidad Nationalfeiertag Nummer 3, nach Emancipation Day und Independence Day nun der Republic Day. Congratulations! Wir machen einen Tag Nachforschungspause. Gestern Abend fiel es mir wieder ein. Na, Deutsche Post? Any news? Ja, sicher! Neues Datum! 21.9., nur 23 Tage nach der letzten Meldung:
07:25 „–“   Hm. 2 Gedankenstriche. Was das wohl heißt? Wir machen uns Gedanken zu Ihrem Paket? Sendung gefunden und neu aufgenommen? Oder nur das Tracking geändert? Dann:
08:45 „… wird ins Zielland versendet“ und „Next step: Erreicht das Zielland“. Geheime Frage: falls ja, wann?
Es bleibt spannend. Und spaßig. When the postman talks, everybody listens. Lasst uns Positives hören, liebe Post!

 

Slow Motion

Chaguaramas 20.0.2018

Der äußerste grüne Klecks unten rechts – Das ist Trinidad! Ziemlich hurrikanfrei!

September in Trinidad. Besorgte Bürger in Europa, auch in unserem Postkasten: „… geht es Euch gut? Wie sieht es mit den Hurricans aus, sind die weit genug im Norden?“ Ja, es geht uns gut, und die Hurricans benehmen sich so wie wir es wünschen – drum sind wir ja hier, knapp außerhalb der Hurricane-Alley. Zur Illustration ein Bild, von NOAA, wo in Bezug auf die Zugbahnen Trinidad liegt.

Das Leben geht seinen ruhigen Boatyard-Gang. 14 Stunden nach dem Hauptbeben ein kurzer Wackler im hohen 5er-Bereich, danach nichts Berichtenswertes mehr in dieser Hinsicht, sehr nett von Dir, Mother Earth! Wenn AKKA jetzt zittert, dann vielleicht wegen der passierenden LKWs oder weil der Wind unter das Sonnensegel fasst. Oder weil der Grund vielleicht doch mal wackelt, aber das ist Normalität. Weitere Überraschungen dieser oder anderer Art schließen wir natürlich nicht aus – eine war zum Beispiel, dass frau in der Nacht von einem merkwürdigen Geräusch aufwacht: hat da jemand gerade Kies auf’s Deck geschmissen? Raus aus der Koje, vorsichtig den Kopf rausgesstreckt. Nix. Nix außer Hunderten von Sicherheitsglasscherben. Unsere gute alte Cockpitfrontscheibe – ohne jeden Anlass hat sie den inneren Halt verloren; gut dass wir das Schiebeluk zugeschoben hatten, sonst hätten wir den Glassalat im Salon gehabt. Ob es vielleicht doch ein Erdbeben-Spätschaden war? Erzählenswert ist so etwas eigentlich nicht, aber daraus ergibt sich eine etwas ausgiebigere Aktion – mit offener Frontscheibe ist schlecht segeln. Kriegen wir Sicherheitsglas, und dann auch noch in entsprechender Dicke? Nö. Kein Sicherheitsglas, nur Verbundglas, und das einen Tick zu dick für den existierenden Rahmen. Ausschwärmen… Und dann die Beschläge… 33 Jahre alte Beschläge müssen ersetzt werden, weil sich das Alugehäuse innig mit den Edelstahlschrauben verbunden hat. Da hilft nur Sägen und neue finden. Aber klaro – Hallberg Rassy hat das Zeug noch liegen. Wir platzen zwar mit der Bestellung in die September-Inventur, wie ich bei einem etwas ungeduldigen Telefonat mit Ellös erfahren – der moderne Mensch bestellt online und erwartet natürlich eine sofortige Bestellbestätigung. Verwöhntes Volk. Aber als ausgezählt ist, gehen unsere „Bjerg Crowns“ auf den Weg. Seit vorgestern sitzt die Scheibe, nicht ganz so schön wie gewünscht, denn das Einsetzen und Anpassen war ziemliches Gewürge, aber es wird gehen.
All solcher Kram will erledigt werden. Wir vermissen auch etwas… die Kuhlen in unseren Kojen! Ungemütlich plan und auch recht hart sind unsere neuen Matratzen. Klingt dem Nicht-Segler zwar auch nach einer einfachen Aktion   – in den Laden, Probeliegen à la Loriot/Evelin Haman und zack! – aber für den Yachtgebrauch hat das seine Tücken. Die alten Matratzen waren 5- oder 7–Punkt-Kaufmatratzen, von zarter Hand in Arnis (yes! Die Matratzen waren etwas angejahrt…) in Form geschnitten – es ist ja nicht nur so, dass die Kojen zum Ende konisch zulaufen (wegen der V-Form heißt das im Yacht-Jargon Vee-berth), sondern zu allem Übel ist die Bordwand gerundet. Nicht so einfach. Zuvor schon die schlichte Frage: wer hat guten Schaum?! Standardmatratze kaufen? Wer hat gute Fertig-Matratz… Es ergibt sich neuerlicher Expedtionsbedarf. Mr. Robert, Seniorchef der Firma Lensyls in Macoya empfiehlt uns von ihnen maßgeschnittenen, hochdichten Qualitätsschaumstoff, ein Verkaufsgespräch inklusive Yacht-Geschnack und Firmenrunde mit Probeliegen, sehr empfehlenswert. „…believe me! Good for 15 years – come, I show you around!“ Total nett. Leider ergibt sich nach Lieferung Nacharbeit bei der Bordwandschrägung, genau das, was ich , nur mit einem Filettiermesser ausgetattet, vermeiden wollte. Nächstes Mal (also in weiteren 12 Jahren) kaufe ich ein elektrisches Fleischmesser, das wollte ich schon anno 05. So ein Gesäge und Gehampel und Geschnibbel da unten in unserer Garage. Wir müssen mal ein Bild machen, unsere Werkstatt befindet sich nämlich zwischen den Rümpfen von „Sundog“ aus Kanada. Hoffentlich kommt der Besitzer nicht so bald zurück… wir haben noch zu tun. Sundog hatte allerdings just zum Eintreffen und Nacharbeiten der Matratzen einen Scherz für uns auf Lager: in der Abendsonne baute sich Druck in seinem Tanksystem auf, und so pullerte Benzin im dicken Strahl auf die Arbeitsfläche. Pfui.
Ihr seht, wir wissen uns zu beschäftigen. Dies sind nicht die einzigen Projekte, und wenn man nichts zu tun hat, macht man sich Arbeit. Frau reinigt zum Beispiel die mit Plastikscheiben versehene Anschlusspersenning für das Cockpit und legt sie zum Trocknen auf die Arbeitsbretter in die Sonne. Schön warm, dem Holz wird heiß, und austretendes Harz klebt vortrefflich an der Plastikscheibe… Neue Folie kaufen, raustrennen, einpassen – und Folie mit Sunbrella vernähen ist sowieso mein Liebstes.

Zur Entspannung gibt es aber auch gelegentliche Ausflüge – den Unabhängigkeitstag feiern wir auf dem Panyard des Starlift-Orchesters, die Veranstaltung nennt sich „Independence Brunch“ und ist eine Trini-Tradition – andere nehmen derweil im strömenden Regen Paraden in der Innenstadt ab. Wir kriegen echtes Trini-Essen. Extrem lecker: Souse. Nicht lecker. Schweinefüße in Irgendwas. (ich stehe auch der beliebten Cow Heel Soup skeptisch gegenüber, ich habe immer den Verdacht, dass die Kuh, die ihren Huf opfern musste, zuvor in einen Fladen getreten war). Dafür waren die Pies und Doubles (das ist Singular, EIN DOUBLES) wirklich gut. Das Publikum ist – abgesehen von uns Handvoll Yachties – lokal und stellt sich als eine Flut von Rot und Weiß im strömenden Mittagsregen dar, die Gastgeber haben einen Regenschirm-Shuttle zwischen den überdachten Sitzplätzen und den Essensständen eingerichtet. Wir hatten uns offengelassen, ob man vielleicht frühzeitig abhaut, aber das wäre ein Fehler gewesen – das Starlift Orchestra (in kleiner Besetzung) und ihre Jugendformation hätten wir verpasst und die alten Herren von den Brimblers, zwischendrin noch „Lord Relator“, eine alte (!) Calypso-Ikone. Ein schöner Independence Day war das.

Und weil ich die Nase nicht voll kriegen kann, werden wir gleich zu „Big 5“ abgeholt. Same procedure as ervery year – die 5 großen Pan-Orchester, die den jährlichen Steelbandwettbewerb am häufigsten gewonnen haben. Immer wieder ein toller Lärm. Selbst der Eigner, der der Musik sonst nicht so extrem zugetan ist, lässt sich von der Exaktheit der Orchester faszinieren.
Anbei ein schönes Beispiel von Exodus – ich finde die  Bässe hier besonders gut, zumal der Künstler an der vorderen, linken Ecke keinen „6-Bass“ spielt, sondern einen 8-Bass.  Ein YouTube.Zuhörer hinterließ einen Kommentar, der genau sagt, warum ich da gern hingehe: „Ich habe Bands mit nur 4 Mitgliedern gehört, die ihren Kram nicht zusammenhalten können. Dies ist das kontrollierte Chaos..“
I’ve seen bands with four members who can’t keep their shit together. This is just controlled mayhem. And that rhythm section! Oh my God!

Und morgen sind wir mal wieder taub! Bis demnächst.

Wenn die Zeit lang wird

Chaguaramas, 22.8.2018

Wenn die Zeit lang wird, ist es den Leuten meist langweilig – uns allerdings nicht. Hitzebedingt geht alles langsam voran, immerhin mit Betonung auf „voran“. Der Eigner hat die Technik voll im Griff, die Schipperin nimmt die Winschen auseinander und um es kurzweilig zu gestalten, ruft der Winschenpflege-Aufseher am einen Tag: „… mehr Fett!“ und am nächsten: „… weniger Fett!“.  Frau wird es wohl gelegentlich etwas zu gut meinen dürfen, oder? Jedenfalls ist der Fetttopf, der noch vom ersten Aufenthalt in Trinidad 2009 stammt, nach der vollen Runde, sprich: 8 Winschen, zu einem Viertel geleert. Wir können noch ein paar Jahre segeln, will das heißen.
Das war jetzt eine langatmige Geschichte aus dem wirklichen Leben. Eher unwirklich, aber dennoch ziemlich lang, kamen uns gestern 30 Sekunden am frühen Abend vor. Wir haben es quasi in die Tagesschau geschafft, wie wir gerade feststellen: um 17:30, wir sitzen im Cockpit, fängt AKKA an sich zu schütteln, und nicht nur sie – sämtliche Boote ringsum rappeln mit den Riggs, AKKA zittert, die Schipperin auch. Ein bisschen. „Was ist das denn?!“ fragt der Eigner. „E-e-e-erdbeben!“ Während ich die Lage überdenke – wie ist die Nähe zu den Nachbarbooten, können die Masten umfallen?! – macht Mr. Cool einen Versuch, das Geschehen als Video aufzunehmen, was daran scheitert, dass er die Videofunktion an der Kamera nicht gut kennt; im Endeffekt sieht man auch nichts, das ist wie mit großen Wellen auf See – abbilden kann man das nicht. Nach ein paar Sekunden Geschüttel – endlos! – fällt mir meine Nähmaschine auf dem Vorschiff ein; der Nähtisch, das sind 2×2 gestapelte Plastikboxen mit einem herrlich federnden Arbeitsbrett dazwischen. Ich sprinte hin – das war knapp, die schwere Maschine wollte sich gerade ins Klofenster stürzen.  Puuh! Dann wird das Zittern weniger…  Ein Nachbar sagt später: mindestens eine Minute. Ich bin sicher, dass es endlos schien, aber deutlich kürzer war *.

Ich klettere die Leiter runter – immer auf der Hut, dass einem die Nachbarschiffe nicht aufs Haupt fallen. Hinterm Zaun schnattern die Securityleute aufgeregt: „… das war Trini-Rekord!“ Auf manche Rekorde bin ich nicht wirklich scharf. Wir gucken uns um. Die Stützen, auf denen AKKA steht, sind tatsächlich ein paar Zentimeter gewandert, wir stellen sie nach und wackeln auch mal vorsichtig an denen der Nachbarboote. Reicht das für ein etwaiges Nachbeben?

Andreas fragt, was das wohl für eine Magnitude war – es gab kürzlich schon einmal einen Wackler in der Nacht, der aber kaum erwähnenswert war. Was tut man auf so eine Frage?! Internet konsultieren (der Strom ist zwar weg, aber Digicel Mobiltelefonie ist da!) – und da steht es auch schon: „Magnitude 6.8 in 80 km Tiefe vor der Küste von Venezuela, vor 7 Minuten“. Die Werte werden später noch korrigiert, etwas tiefer, etwas stärker. M 7.3 ist es schließlich – die armen Venezolanos dort drüben… Eine Tsunamiwarnung geht raus und wird wieder aufgehoben, „unsere“ Facebookgruppen schwirren vor Nachrichten: die Leute in Grenada haben das Beben im Wasser an der Mooring gespürt, Carriacou… St. Lucia… alle schreiben „habt Ihr so etwas schon erlebt?“. Bootseigener melden sich aus USA und Europa – „…wie sieht es auf den Boatyards aus“? In Martinique darf ein Flieger nicht landen, weil erst einmal die Landebahn überprüft werden muss. Die Schäden halten sich glücklicherweise in Grenzen. In unserem Supermarkt hat es die Dosen und Flaschen aus den Regalen geschüttelt, im Sails-Restaurant unten am Dock zieht sich ein langer Riss durch die Musikbühne, ein paar Wasserrohrbrüche in der Gegend.  Wie es wohl in den Dörfern oben in den Bergen aussieht? Wir hatten ziemlich ergiebige Regenfälle, da muss so mancher Erdrutsch passiert sein. Übrigens: zur Häufigkeit von Erdbeben bleibt zu sagen, dass das Geschehen von gestern auf dem o.a. Link schon nicht mehr auf der ersten Seite erscheint. Ein ganz schön wabbeliger Planet, unsere Kugel.

Ich bin froh, dass wir zu Hause waren – die Bilder im Fernsehen bzw. Internet zeigen Panik von Leuten in Port of Spain, Gekreische, Schüsse (Leuchtspurmunition, wer und warum?!), all das wäre nichts für mich gewesen; für mich war ausreichend, die Masten schwanken zu sehen und das Rigg-Gelärme und die Warnsirenen von den Schiffen unten am Industriedock zu hören. Unvorstellbar was passiert, wenn es mal so richtig scheppert. Die letzten, schweren Erdbeben in dieser Region sind 30 und 50 Jahre her, und die lagen in der Magnitude unter dem heutigen Geschehen.  Nachbeben? Haben wir abbestellt, leider wird trotzdem noch geliefert.
So ist das, wenn die Zeit lang wird – und diese 30 (?!) Sekunden waren ausreichend lang.

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* das Erdbebenforschungszentrum der Universität der West Indies hier in Trinidad straft mich Lügen: die Stärke variiert je nach Messmethode und beläuft sich nach ihren Messungen auf  M 6.9, und es hat ca. 90 Sekunden gedauert.

 

 

Hardstand Blues

So schaut das bei längerer Liegezeit aus

Chaguaramas, 10.7.2018

„Nee, nee“ sagt der Bruder, nachdem ich angekündigt hatte, bis zum November den Blog ruhen zu lassen. O.k., dann Sparflamme.

Was gibt es zu erzählen? AKKA war am 14. Juni in Union Island losgeeiert, mittelprächtige Winde, mal mit, mal ohne Schiebestrom, will sagen, mal mit, mal ohne riesige Abdrift –  hier treibt der Nordäquatorialstrom seine Spielchen, und das ist auf der Strecke nach Trinidad deswegen wichtig, weil man ungern durch die Gasfelder fährt, die vielleicht 30 Seemeilen nördlich der Einfahrt nach Port of Spain bzw. Chagauaramas liegen. Nicht der Gasfelder selbst wegen, obwohl dort natürlich auch ziemlicher Berufsverkehr herrscht, sondern vor allem, weil es ein Versteck für böse Buben sein soll; ich hatte das ja auf der Hinreise schon beschrieben. Mittlerweile hatten wir viele Begegnungen mit anderen Seglern, ganz real oder virtuell, die immer wieder auf diesen Fakt abhoben, von „wie segelt man sicher nach Trinidad?“ und „… waaas, Ihr geht nach Trinidad!“ oder ganz praktisch: „segelt Ihr beleuchtet?“ oder  „Trinidad kann man nicht anlaufen“ bis hin zu „dauernd Piraterieattacken“; kurz: das Thema hatte sich bei uns zum Aufreger entwickelt. Ja, natürlich verunsichert einen das („das“ ist ein Vorfall im Dezember 2015),  und wir fahren auch nicht umsonst den Achtungsbogen nach Osten – im Gegensatz zu diversen Routiniers aus Chaguaramas, die eher „100mal gefahren und nix passiert“ sagen. Fast jeder Blogbeitrag von Gastseglern, die hier liegen, hat den Hinweis auf die Gefährlichkeit der Strecke, manche klingen hochdramatisch, geradezu paranoid, und wir sind mittlerweile der Meinung, dass diese Paranoia ausschließlich hausgemacht ist. Wir müssen einfach aufhören „Piraterie“ zu schwatzen; wer mag, kann einen float plan bei der TT Coast Guard einreichen, was wir dieses Mal sogar getan haben, oder kann mit Freunden im „buddy boat“-Paket fahren. Ansonsten: Aufhören mit dem Geschwätz! Spricht’s, die AKKAnautin und plant die Ostkurve für den kommenden Herbst.
Von Union aus läuft man schnurgerade nach Süden, in nettem Abstand zu Hibiscus und Poinsettia, den Gasfeldern. Über den Äther hören wir Funkgespräche unserer Kollegen Exbury und Menuet mit dem Querverkehr, allein sind wir also nicht. Im Morgengrauen laufen wir auf die Boca del Mono zu, drehen eine Ehrenrunde vor dem Zolldock und greifen uns eine Boje im Ankerfeld – nicht nur, dass das Customs Dock voll ist, nämlich mit Exbury und Menuet, die waren schneller, sondern der Ponton ist kaum zu nutzen, weil meterhoch aus dem Wasser ragend, und das liegt am Feiertag. Einem besonderen, neumondgesteuerten: Eid al Fitr ist Neumond, und deswegen ist kein Ramadanende auf dieser Welt ohne Springtide. Und kein Feiertag in Trinidad ist ohne Überstundengebühren für Zoll und Immigration. Aber weil Feiertag ist, machen sich die Einklarierungsgänge schnell, leicht und fröhlich, Immigration gibt uns sogar die maiximalen 6 Monate,  und ein Blick auf die Wetterkarte mit einer ganzen Reihe anrückender Tropical Waves sagt, dass der Abfahrttermin jeden Dollar Overtimegebühr wert war. So beziehen wir unser Sommerquartier. Nach 5 Tagen –  eine der Tropical Waves macht Anstalten, ein Wirbelsturm zu werden! –  setzt uns Michael strahlend an unserem alten Platz am Zaun ab. „Gefällt Euch doch hier, oder?!“ Klar. Schöner wär’s auf dem Wasser, aber das verraten wir nicht.
Der Eigner läuft zur Internetrecherchenhochform auf, der Wartungsbetrieb läuft an. Die Windsteueranlage hat ein bisschen Spiel – lokalisieren, Werte übermitteln und Ersatzteile ordern. Sollen wir die Welle ziehen? Fachkundige Wellenrüttler sagen unisono: „… da haben wir aber schon mehr Spiel gesehen!“ Thema vertagt, dafür wird dem Motor ein neuer Satz Einspritzdüsen spendiert. Segel abschlagen und zur Reparatur bringen. Der Rumpf wird angeschliffen und neues Coppercoat bestellt. All das unterbrochen von täglichen, reichlichen Regen- und Wärmepausen; gut Ding will hier sehr viel Weile haben.

Bisschen Kanten, bisschen Hebeln: das Bugstrahlruder

Der Salon sieht aus wie Schlachtfeld, weil das Vorschiff leergeräumt ist  – die Batterien für Ankerwinde und Bugstrahlruder sollen ersetzt werden. Außerdem hatte das Bugstrahlruder selbst vor Monaten den Dienst quittiert, bzw.  wir hatten ihm wegen äußerst unangenehmer, metallischer Mahlgeräusche die weitere Mitarbeit verweigert. Es geht zwar ohne, aber repariert werden sollte es dennoch. Testanordnungen verschiedener Art werden probiert. Propellerdrehen von Hand: Stille. Mit Motorantrieb:  „KKKrrrrrr“. Getriebe abgekoppelt: „KKKrrrrrr!“. Also ist es der Motor. Und jetzt? Daraus ergibt eine Anekdote: die Räumlichkeiten im Vorschiff sind etwas beschränkt, und schon bei den vorbereitenden Untersuchungen hatte des Eigners Rücken gemuckt.  Wie kriegen wir bloß den fetten 10 PS-Motor aus dem engen Loch? Wurschtel, wurschtel, abschrauben, kippen – irgendwie ist kein Platz für 4 Hände. „Ach, Mist, ich hole jetzt einen starken Mann!“, spricht der Baustellenleiter und verschwindet. Derweilen bastele ich aus Gurtbändern und einer Talje eine Hebevorrichtung. Ich bin grottenstolz, als Andreas mit Krendol anmarschiert. Aus dem Cockpit rufe ich runter: „… ich habe da eine Talje ange…“ und bin noch nicht fertig, da jumpt Krendol mit dem gelben 10 PS-Monster in der Linken an mir vorbei. „…der hat den einfach so rausgehoben!“, staunt der Eigner. Oh, je. Jugend hebt!

Krendols Werkstatt

Krendol ist übrigens des Eigners Lieblingswerkstatt, ein wunderbares Chaos mit wenig Arbeitsfläche, dafür umso mehr reparaturbedürftigen Aggregaten unterschiedlichen Alters (und einem ewig smartphonenden Mitarbeiter im Hintergrund). Krendol hatte eilends unseren Bugstrahler auseinandergebaut, was allerdings nicht in des Eigners Sinne war – wir wollten ihm gern das Geräusch vorführen.

Der Maler im Vorschiff.

Also wieder zusammenbauen… der geduldige Krendol macht alles, wobei Andreas leichtes Bauchkneifen hat, so wie die Teile dort einzeln verstreut umherliegen – ob der Motor jemals wieder komplett wird? Dann der Tag des Tests. Kurze Zeit später kommt ein etwas konsternierter Eigner an Bord geklettert: „… läuft wie geschmiert, der Motor! Keine Geräusche mehr!“ Nee, das kann nicht sein, oder? Auseinanderbauen+Zusammensetzen=Wunderheilung. Das nehmen wir immer wieder gern!
Ob ich meine Nähwerkstatt doch wieder draußen auf dem Vorschiff aufbaue? Das mit dem Vorschiff und dem Salon kann noch dauern…

Unterwegs nach Trinidad

AKKA got the blues

Clifton/Union Island, 12.6.2018

Fast wäre dies stimmungsmäßig ein ganz dunkelgrauer Eintrag geworden. Zunächst mal sind wir unterwegs nach Trinidad, also ist unsere Segelsaison demnächst zu Ende. Natürlich könnte man noch abhängen, aber wir nehmen AKKA bei Power Boats für die Hurrikansaison aus dem Wasser und müssen abermals ein paar Dinge tun; ein zwischen dämlich und „wat mutt, dat mutt“ angesiedeltes Gefühl. Und dann die Politik – heute hat Donnie T. sein Dikatoren-Vorbild Kim getroffen und überschlägt sich – neben den üblichen Hasstiraden, außer auf Deutschland und die EU heute besonders lustig auf Robert de Niro… – mit Eigenlob über die gelungene Showveranstaltung, das haut ganz schön in die Magengegend, nachdem bereits der G7-Gipfel in Kanada so prima gelaufen ist. Die Linken. Die SPD. Mann, Mann…
Dazu war es heute diesig und grau, und die letzten Tage durch das Nachdenken über den Zustand der Ozeane verdunkelt. Wer mal einen guten Artikel und zwei kleine Videos dazu sehen will, kann hier gucken. Ich finde es so überraschend wie deprimierend, dass man noch immer so viel über Plastikverbrauch diskutieren muss und immer neu doofen Einwürfen à  la „… die Asiaten sind die Ferkel, und wir versuchen hier die Welt zu retten!“ entgegentreten muss. Ja. Sollten wir versuchen! Kurz: es nervt. Übrigens, wir bleiben in den Tropen – Fleecejacken zu waschen sollte unter Strafe gestellt werden, was den Eintrag an Mikroplastik betrifft. Kleiner Scherz, zumindest der Tropenteil. Aber im Ernst – wir sind alle um Mitmachen gefragt, ich bitte herzlich drum.

Tobago Cays. Off-season!

Aber dann sitzen wir vorhin auf dem Vorschiff, hinterm Riff von Union Island, der Passat bläst alle trüben Gedanken davon. Der Wind wirkt wie ein feuchtwarmer Umschlag – das tut ja bei allerlei Beschwerden gut. Die Ankerfelder leeren sich jetzt zusehends, es ist nicht mehr so gestopft voll wie im Februar. Wir begießen den nicht vorhandenen Sonnenuntergang mit einem Becher Pastis und machen Zukunftspläne. Wenn man auf die Monate nach dem

Nicht ganz allein. Der ultimative Katamaran-Spaß mit Flamingos und viel Geschrei

He’s jammin‘ still!

Werftaufenthaltgucken kann – Puerto Rico, Kuba und Company – erscheint einem der anstehende Kram schon gar nicht mehr so dramatisch. Ein bisschen Welle ziehen, ein bisschen Bugstrahlruder ausbauen, der Rumpf soll eine neue Schicht Coppershield kriegen… und Kleinscheiß. Die 4 Monate werden bald um sein, und dann geht es wieder los. Was mir niemals behagt, sind Blicke in die weitere Zukunft, da kommt dann schon mal das Wort „Azoren“ ins Spiel. Ach, lass mal, das muss noch nicht… aber natürlich ist es blöd, so überhaupt nicht drüber nachdzudenken, und der Pastis zieht denn auch meine Sorgenfalten glatt. Draußen fahren währenddessen die Jungs aus den Tobago Cays heim – die meisten stammen aus Union und schippern täglich die 5 Meilen zwischen Clifton und Petit Rameau. Summertime, der uns gestern abend fürstlich mit gebackener Banane und Amberjack bewirtet hat, braust vorbei und pfeift und winkt frenetisch. Romeo und Julia. Die beiden haben gestern leider den Kürzeren gezogen bei der Auftragsvergabe für das Abendessen – wir konnten die Werbungsattacke von Summertime einfach nicht abwehren – was Julia nicht davon abhielt, meinen Eigner zum Abschied ganz besonders zu herzen. Und dann fährt eben „Handyman“ vorbei. Faust auf’s Herz – ein fist bump von Ferne. Peace. Love. Respect. Der finale Stimmungsaufheller für heute!  Wir gehören zum Inventar.

Alles gut hier!

Idylle und andere schöne Sachen

Franzosen in Sicht?! Ausguck auf Brimstone Hill Fortress

Charlestown/Nevis, 16.5.2018

Bevor wir einen langen Schuh zurück nach Martinique machen – aarrgh! Gegenan! – noch ein paar Worte zu den vergangenen Tagen. Nach so viel Irma-Überbleibseln sind wir bereit für „mal was Schönes“, und das erreicht man nach 50 Meilen, jaja, gegenan, mit der Insel Statia, seligen Angedenkens von Charterreisen. Nicht viele Segler dort, 3 andere Boote vielleicht, aber ein schickes neues Dock für Fischer und Dinghys, und ein Österreicher hat sich mit einem semi-mobilen „Bordwalk-Café“ breitgemacht – nach dem Einklarieren im benachbarten Behördencontainer gibt es daher guten Kaffee und ein Eiskrem, dazu ein paar Bücher aus dem Boardwalk-Regal. Sehr freundlich. Nebenan sitzt ein junges holländisches Paar und genießt den Freitagabend, kühler Rosé und schicke Tapas, während die Söhnchen ihre Dreiräder traktieren; die militante deutsche Mutter würde – so dicht am Dock – Krämpfe kriegen. Hier gibt es viele Gastarbeiter aus dem europäischen Heimatland, die kurze oder längere Dienstperioden in dieser kleinen holländischen Gemeinde verbringen. Ein entspannter Feierabend zwischen Anglern und wenigen Yachties, AKKA schaukelt dekorativ im (beträchtlichen) Schwell vor den Relikten einer ehemals sehr reichen, holländischen Kolonie. Fast schon idyllisch zu nennen.
Ach ja. Idylle. Hatte ich kürzlich mit „muss sein“ bezeichnet. Natürlich muss Idylle nicht sein, aber es überkommt einen manchmal dieses nicht unwillkommene Gefühl. Manche suchen allerdings die Idylle oder sonstige Idealzustände – und finden sie nicht. Kürzlich trafen wir ein Schiff, das frisch aus den Kapverden eingetroffen war. Die Kapverden kennen wir nicht, oder nur sehr sporadisch – 1991 gab es einen 3-tägigen Notstopp in Mindelo, um eine Mitseglerin im Krankenhaus vorzustellen, ein sehr begrenzter Eindruck von einem damals sehr armen Land mit, zugegeben, sehr mitreißender Musik. „Ach, die Kapverden…“, Musik, Sang und Tanz überall, heißt es von den beiden Seglern, während wir abends im lauen Abendwind am Strand von Dominica sitzen und uns vom Barbecue bedienen. Lange Gesichter machen sie:  „Es ist schrecklich hier! Nichts los… Die englischen Inseln sind furchtbar! Und niemand tanzt…“  – man war auf einem der abgelegensten (und abwegigsten) Inselchen gelandet und hatte auch schon eine Nacht vor Antigua geankert, das erlaubt umfassende Urteile. „… und die französischen Inseln haben nichts zu bieten außer günstigen Lebensmittelpreisen!“ Dito: vor Marigot/St.Martin geankert und  gewiss, der Blick kann dort an Hurrikanschäden hängenbleiben, aber nee: „…so touristisch! Schrecklich!“ Anfangs versuche ich, dem entgegenzutreten, aber die Urteile und Vorurteile versiegen nicht, die beiden sind in Gedanken auch schon unterwegs nach Guyana, auf der Suche nach dem verlorenen Idyll. Mit Sang und Tanz – mein Einwand, dass am Wege Trinidad liegt, das eine besondere Musiksparte pflegt, gilt nicht, „…das ist nur für Touristen“ (stimmt, ich freu mich schon auf das Big5-Konzert. Allein unter Trinis.)
Schön auch die Unterredung mit einem gar nicht so uner-/unbefahrenen Amerikaner, wir warten in Statia auf die Sonntagsbesetzung der Hafenkapitanerie, denn wir müssen noch unseren Inselobulus entrichten, Wochenend-Dienstzeit 9-11. Niemand da, und es dauert. Im 15-Minutentakt gehen wir zur Frau an der Wache und fragen, wie es aussieht mit der Dame vom Dienst. „Ich kann sie nicht erreichen!“ Zoll und Immigration sind schon erledigt, aber wir kriegen die Papiere nicht, ehe wir die Quittung aus der Kapitanerie vorlegen. Ich find’s lustig, auch weil man Lebensgeschichten austauscht, bzw. in diesem Fall einer solchen lauscht: Kinderarzt mit diversen Auslandseinsätzen von Salzburg bis nach amerikanisch Samoa, später ein Yacht-Geschäft in Biloxi – bis Katrina die Texasküste trifft (wann war das? 2005?). Nach Totalverlust ein paar Jahre Oregon, und dann auf den Kat gezogen. Politisch eindeutig demokratisch gesonnen mit harten Worten bezüglich seines Präsidenten. „Aufgeschlossene Leute“ denken wir, nur die Bemerkungen über die Polynesier in Samoa sprechen ein bisschen dagegen  – bis der Satz fällt: „In Martinique sind wir umgedreht – diese Inseln sind ja alle gleich!“ Motto: siehste eine, siehste alle. Oh, je, was haben wir hier die ganze Saison gemacht? Immer die gleiche Insel angeschaut, egal ob sie St. Vincent oder Dominica hieß? Französisch, englisch, nie kolonialisiert…  alles egal, keine Unterschiede im Kopfschmuck, in der Mentalität, vulkanisch, nicht vulkanisch – alles eine Sauce. Haben wir gar nicht bemerkt – das kommt vom naiven Gemüt, das wir mit herumschleppen. Obendrein können wir auch noch lachen, wenn – nachdem die Hafenkapitänin höchstselbst die dienstliche Lücke gefüllt hat – die Sonntagsvertretung doch noch eintrudelt: sie musste doch erst in die Kirche! Eben. Wir kichern. Schlichte Geister, die AKKAnauten. Wofür wir dankbar sind.

ParaMira – Lunch-Café im Gingerbreadstil

Wo haben wir bloß hingeguckt und das Einerlei nicht erkannt? In Statia zum Beispiel unterhalten wir uns darüber, ob  man in dieser „puppigen“ (O-Ton Mutter Haensch) Umgebung leben könnte (Antwort: nö!). Ein Dorf, das auf den Grundmauern des großen goldenen Jahrhunderts der Holländer steht – die hatten sich nämlich zeitweise (nicht immer, siehe unser Fort de France-Besuch) aus den Händeln zwischen Franzosen und Briten

Relikt des Goldenen Zeitalters – 1850 leicht hurrikangebeutelt

herausgehalten und dabei kräftig abgesahnt, gerade in Statia (auch Sint Eustatius), das Ende des 18. Jahrhunderts Umschlagort für alle Handelswaren der neuen Welt war. Namentlich Waffen und Munition wurden an die sich von Großbritannien lösenden Kolonien in Nordamerika vertickt, und was sie sonst noch für ihre Unabhängigkeitsbestrebungen brauchten. Dass der Schuss im Endeffekt nach hinten losging, lag daran, dass die Briten nicht

Eines der wenigen originalen Lagerhäuser in Gallows Bay/Statia. Aufgehübscht.

verzeihen mochten, dass der Gouverneur von Statia die „Andrew Doria“, ein Schiff, das unter der neuen Flagge der USA fuhr, mit Salut begrüßte und damit die abgefallenen Kolonien als eigenständig anerkannte. Der nachfolgende Krieg machte dem goldenen Zeitalter den Garaus, und so schreiten wir nur im Meer versunkene Mauerreste ab, blicken in die leeren Fensterhöhlen der alten Synagoge, bestaunen die mächtige Kirche ohne Dach – diese wehrhaft ausschauenden Kirchen mit dicken Hurrikanshuttern waren zwar immer auch Schutzraum, aber ganz offensichtlich hat das bisweilen nicht gereicht. Danach schlängeln wir uns durch enge Gassen zum ParaMira, zur  Eiskaffeepause auf der noch puppigeren Terrasse eines Lunchcafés, buntes Holzdekor, Zäunchen, Gärtchen. Wir hatten es uns übrigens verdient: der Spaziergang vor diesem Sightseeing war Aktivurlaub – erst eine Plastiktüte vom Baum oder Zaun pflücken, dann alle 5 Meter eine PET-Flasche oder anderen Plastikmüll aufsammeln, bis die Tüte voll ist. Und noch ne Tüte… So schafft man was für’s Idyll!

Wir haben natürlich die Flagge gedippt – Brimstone Hill Fortress in der Vorbeifahrt

Vieles ist nicht idyllisch, aber schön und wenn nicht schön, dann interessant. Die gigantische Fortanlage Brimstone Hill Fortress auf St. Kitts ist beides –  da haben wir schon in den 90ern große Augen gemacht und darum den Wiederholungsbesuch gewagt. „Das Gibraltar der Karibik“ – beeindruckend! Oder Nevis – eine Rundfahrt mit dem Maxitaxi über die „Insel der Plantagenhäuser“, prächtig, prächtig und unheimlich: hier kam

Wehrhaft ist gar kein Ausdruck

man auf die brillante Idee, nach Abschaffung der Sklaverei einfach billiges Tagelöhnermaterial zu „produzieren“ –  mit den Nachfahren sitzen wir im Kleinbus. Sehr ansehnliche Anwesen, Idylle mit Kloß im Hals.

Man baut an zwei weiteren Cruiselinerdocks. Urrgs.

Passend zum Thema sitzen wir ein paar Tage (ja, der Blogeintrag ist gut abgehangen!) später in St. Pierre auf Martinique, genehmigen uns ein „Lorraine“ am Ufer  und feiern mit den Einwohnern ein richtig langes Wochenende – erst Pfingstmontag, und oben drauf den Jour de l’Abolition , die Abschaffung der Sklaverei.
Hier ist jetzt Saisonende – St. Pierre ist sowieso ein hübsch verschlafenes Nest, aber nun geht alles in die (Festlands-)ferien, und so schläft es sich nochmal so fest unterm Mont Pélé. Ganz beschaulich!

Zwischen all diesen halb- und unidyllischen Ansichten schaukelt AKKA uns weiter südwärts. Idylle – für mich, wenn Tropik- und Fregattvögel über uns schweben. Und die machen dann das Gefühl gleich wieder zunichte mit ihrem ewigen Zank um die Beute.

Idylle. Kann, muss aber nicht – es ist auch ohne sehr schön!


* ; seit 2010 gibt es die „Niederländischen Antillen“ als eigenständiges niederländisches Bundesland nicht mehr, sondern es gibt stattdessen 3 kleinere Bundesländer: Sint Maarten, Aruba und Curacao, während die kleineren Inseln Saba, Statia (eigentlich Sint Eustatius) und Bonaire dem Bund als spezielle Gemeinden zugeordnet wurden. Diese Reorganisation hat möglicherweise sein Konfliktpotenzial – wir hörten zweimal „… wir hoffen, dass die Holländer das jetzt machen!“ Bisschen abgehängt sind sie…

St. Martin

Marigot/St. Martin, 8.5.2018

Puh! Ein Hausarbeitstag! Möbelbauen und so€¦ Und Autopflege. Was man so als Yachtie in St. Martin dieser Tage macht€¦ Müde! Warum, dazu später.

Alte Gemäuer, moderne Racer

Antigua war Antigua. Völlig normal und unverändert. Na, doch – die Behörden sind aus den alten Häusern unten am großen Capstan in neue Gebäude umgezogen, die allerdings von alten Gemäuern umgeben sind – wir waren eben länger nicht da. 17 Jahre, um es genau zu sagen. Die Beamten waren auch nicht mehr dieselben, obwohl ich den dicken Immigration Officer gern wiedergesehen hätte. Man klariert mit SeaClear ein, schick am Computerterminal und freut sich über die meckerigen bayerischen Chartersegler, die einen „Mei, is des langwierig“-Affentanz aufführen. Da müsstet Ihr mal in Jakarta einklarieren. Oder in Brasilien€¦ aber das behalten wir für uns, wir wollen ja nicht auf die Kacke hauen. Draußen steppt der Bär bzw. der Segelpapst, denn wir haben Antigua Sailing Week, auch als „Race Week“ bekannt, zu der aus Nah und Fern Boote anreisen, und wer keines hat, chartert sich zu diesem Zweck eines. Wir kommen also mal wieder in den Genuss von Rennatmosphäre , und ein bisschen Rallyefeeling ist durchaus dabei. Weil es uns in unserer sonst geliebten Freeman-Bay zu eng zugeht, ziehen wir in die Falmouth Bay um und können das Geschehen vom Cockpit aus beobachten. Spannende Sache:  6 Tage Regatten. Eine deutsche Frauencrew ist das 20. Mal dabei und kämpft um den Sieg in ihrer Bareboatklasse, den sie hauchdünn im allerletzten Rennen an Engländer abgeben werden. Hat uns trotzdem gefreut. Für solche Anstrengungen fehlen uns leider der Schwung und die Erfahrung. Faaahrtensegler. Wie langweilig. Wir trappeln dafür über die umgebenden Berge und begeistern uns noch einmal für Nelsons alten Dockyard mit seinen Teerlagern, dem Pulverhaus, dem Sailloft, in dessen Nachbarschaft mal ein deutsches Seglerpaar geheiratet haben soll. Eine Plakette hat das Admirals Inn leider nicht angebracht, das fanden wir enttäuschend, aber wir sind natürlich zum Ort der Tat zurückgekehrt.
Das war Antigua!

Wir lösen uns vom Renngeschehen und fahren an einem schönen Dienstagnachmittag los, baumen noch schnell die Vorsegel aus, dann fällt die Nacht. Der Vollmond sorgt für Beleuchtung, und wir segeln mit herrlichem achterlichem Wind nach St. Martin. Am Morgen kommt die Silhouette von St. Barths in Sicht, aber wir entscheiden uns für Mut zur Lücke. Kennen wir doch von anno tuck.  Auch die beliebte Ile Fourche lassen wir steuerbords liegen, kurven um die Westküste von St. Maarten und lassen in Marigot den Anker fallen.

Marigot. Im Ankerfeld

Die Berge sind grün, wie immer.  Landgang zum Einklarieren. Das passiert in der halbleeren Marina Port Louis, einem Neubau, den wir noch nicht kennen. Merkwürdig leer! Ab hier gilt unser Augenmerk dem, was Irma im letzten September hier angerichtet hat. Natürlich hatten wir schon in der Annäherung die großen Hotelbauten ohne Dach gesehen, die sich vor unserem Ankerplatz am Strand reihen, aber hier in der Marina liegen Wracks am Grund. Uff. Wir kommen ja recht frisch aus dem so gerupft ausschauenden Dominica und dachten, Maria sei schlimm gewesen. War es auch, abr die Verhältnisse sind völlig unterschiedlich – dort eine arme Insel, deren Bewohner sowieso Mühe mit dem täglichen Broterwerb haben und wo die Schäden und das Leid der Bevölkerung uns sehr nahe gingen. Hier eine entwickelte, europäisierte Touristeninsel, von der wir dachten, dass eine solche Naturkatastrophe leichter zu bewältigen sei – aber was sich hier bietet, hatten wir weder erwartet noch jemals zuvor gesehen. Moderne Geschäftsgebäude recken zerknautschte Tragbalken in den Himmel. Zwischen unversehrt scheinenden Häusern liegen die Reste von ehemals stattlichen Gingerbread-Anwesen. Dächer fehlen reihenweise, oder es gibt ein Dach, aber das Haus selbst hat Irma entkernt. Am Samstag nimmt uns unsere Freundin mit nach Grand Case und in unsere alte Yachtheimat, die Anse Marcel – ein „hurricane hole“. Ein „Loch“ ist es schon, aber kein Schutzhafen, wie man jetzt sieht, zumindest nicht in einem Super-Hurrikan. Uns fällt der Unterkiefer herunter angesichts der Zerstörung: von der Marina so gut wie nichts mehr zu sehen, die umgebenden Häuser sämtlich ohne Dach, einige der angrenzenden Hotels völlig zerstört, auch das Meridien, das während Louis als Shelter diente. Die gesunkenen Yachten hat man zwar weitgehend gehoben, aber einige liegen noch dort, wo der Sturm sie hingeschleudert hat.  Unsere Gespräche drehen sich stundenlang um die Geschehnisse vom 5./6. September. Die Freundin lebt nach wie vor auf einer „Baustelle“, ihr Appartement ist zwar bewohnbar geblieben oder- nach zermürbenden Trocknungsversuchen – wieder geworden, aber fertig sieht anders aus. Erst nach Wochen, in denen es regelmäßig und in Strömen in die Wohnungen regnet, wird die Decke, die das weggeflogene Dach freigelegt hat, mit Planen abgedichtet. Dann werden die Planen weggenommen, denn „jetzt kommt das neue Dach!“. Das dann doch nicht kommt, also regnet es wieder rein, in die frisch gestrichene Küche. Dem „she does it herself“-Prinzip folgend nimmt sie die Dachabdichtung selbst vor, mit Planen und Zement und Schweinerei. Das Problem?! Die Verwaltung kann sich nicht mit der Versicherung einigen, und dies ist kein Einzelfall.

Das nennt man wohl „Kein Dach über dem Kopf“

Andere Geschädigte waren gar nicht versichert –  so oder so fehlt vielerorts Geld für Wiederaufbau und Wiedereröffnung von Läden und Restaurants. Wo keine Läden und Restaurants sind, kommen auch keine Touristen hin. Und wo keine Touristen sind, sind die Einnahmen knapp, und wo keine Einnahmen, da auch keine Beschäftigungsverhältnisse€¦ So hatten wir uns das wirklich nicht vorgestellt.
Den Ablauf der Irma-Nacht kann ich vielleicht so zusammenfassen: „Hurrikan“ ist, wenn man gerade fertig ist mit Einpacken (das Haus eines Freundes, das Büro, die eigene Bleibe), als der Sturm losgeht. Mitten in der Nacht. Man stützt für eine Weile seine Panoramascheibe, damit sie nicht ins Zimmer stürzt, bis einem die Kraft ausgeht – die Scheibe, oh Wunder, stürzt auf Polster und wird heile bleiben! Man zieht sich ins einigermaßen sichere (?! Wer weiß das schon!) Badezimmer zurück, hofft angesichts der Gewalten, dass man das überlebt und lässt den Scheiß über sich ergehen, im wahrsten Sinne des Wortes: der Überdruck, den dieser Hurrikan mit seinem immensen Wasserpegelanstieg  erzeugt, lässt plötzlich eine Fontäne aus der Toilette schießen. Umzug in die Dusche€¦ Am späten Vormittag ist es vorbei, draußen bietet sich ein Bild der Verwüstung.
„Nach dem Hurrikan“ ist, wenn man sein Auto unter einer abgeknickten Palme und einem Betonpfoste findet, und, wenn man die Tür öffnet, einem ein Schwall von Seewasser mit Fischen entgegenkommt. Wenn plötzlich Schüsse fallen, weil gewitzte Gestalten aus umliegenden Ortschaften anfangen zu plündern (Inschrift in der Anse Marcel: „You loot – I shoot!“). Wenn eingeflogene Soldaten bei den Bewohnern, denen sie helfen sollen, um Getränke bitten, da das eigene Transportflugzeug ausgefallen ist (angeblich, weil der Transport besuchender Festlands-Honoratioren wichtiger war. Egal, es gab kein Flugzeug). „Nach dem Hurrikan“ ist auch, wenn wir aus Trinidad versuchen, Kontakt zu einer Insel zu bekommen, die gänzlich ohne Strom, Wasserversorgung und – ui. ui. ui! – Internetverbindung ist. Ein witziges Erlebnis dazu : jemand entdeckt, dass von einem Hügel (sinnigerweise Mount Hope) manchmal Mobiltelefoniesignale von Anguilla zu empfangen sind, und „wie in einem schlechten Science Fiction-Film“ finden sich bald nachlässig gekleidete „Day After“-Leute ein, die alle wie ferngesteuert ihre Mobiltelefone Richtung Nachbarinsel recken€¦ „Nach dem Hurrikan“ ist, kein Wasser zu haben und wegen Seuchengefaht nicht im Meer baden zu können, und wenn man sich zu Gruppen zusammenschließt und sammelt, was man an Essens- und Wasservorräten noch hat. Und dieses „nach dem Hurrikan“-Szenario dauert Wochen und Monate, mit Schimmel und Feuchtigkeit und endlosen Reparaturarien, bis sich wieder eine einigermaßen normale Versorgungslage eingestellt hat…  Anfang März schreibt der Doyle-Sailing Guide noch: „Shopping can still be kind of a hit and miss“. Das zumindest hat sich erledigt – der frisch wieder eröffnete SuperU  in Marigot bietet sich uns als der bestbestückte Supermarkt in den französischen Inseln dar.

Schwer darzustellen: dies war mal der lebhafteste Touristenstrand von allen

Aber die Reparaturanstrengungen werden noch lange dauern, und darum sind wir heute müde. Wir haben bei unserer Freundin herumgebastelt, dem Auto eine Heckscheibe aus AKKA-Plastikmaterial gebaut, Möbelbauberatung betrieben und ein bisschen geschraubt. Und nett auf dem Balkon gesessen, Karibikidyll muss sein. Der Blick geht auf den verwaisten, atemberaubenden Orient Beach, der allerdings nicht nur alle Palmen – das waren mal ganze Haine in der Orient Bay! Bacardireklame lässt grüßen! – verloren hat, sondern auch alle Beachrestaurants und Rumpunschbuden, alle Surfläden, Liegestuhlverleiher, alle Pareolädchen€¦ eine Mischung aus Trauerspiel und Idyll. Wilde Pferde haben sich eingefunden und finden das Leben prima. Wenn da nicht die hohen Haufen von Sargassumalgen wären, die in großen Teppichen angeschwemmt und zusammengeschoben werden. Dafür kann allerdings Irma nix –  und außer scheußlich und stinkig tut das Zeug wenig. Es verschandelt einen Strand, den kaum einer nutzt, aber im Grunde kann man Sargassum noch dankbar sein: wenn es schwimmt ist es ein Öko-Paradies, da wollen wir nicht meckern. Wer Mahi-Mahi essen will, muss mit Sargassum leben können.
Ach ja. Schön ist es, hier im warmen Abend-Passat zu sitzen. Wenn da nicht der Gedanke wäre, dass die nächste Hurrikansaison in nicht mal 4 Wochen beginnt, und diese Hausgemeinschaft wieder anfängt, ihre Habseligkeiten wasserdicht zu verpacken. Und zu hoffen, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Das macht extra müde.
Wir verziehen uns langsam südwärts, fort aus der akuten Gefahrenzone. Die Bilder nehmen wir mit.

Life is too short to sink completely

Zwei Ausflüge

English Harbour, 26.4.2018

Wie verdient man sich ein französisches Mittagessen?! Indem man versucht, ankerauf zu gehen und bemerkt, dass der Anker hängt. So geschehen im Norden von Guadeloupe. Alle suchen in der Bucht von Deshaies eine Mooring – wir auch, denn wir wollen AKKA für einen Landausflug allein lassen, und bei so viel Ankerei ringsum ist das Liegen an einer Mooring etwas übersichtlicher. Da kommt kein Vollpfosten gefahren und lässt seinen auf unseren Anker fallen oder Ähnliches. Am Montagmorgen sind  zwei Bojen frei. Wir dödeln  rum, da ist es nur noch eine – andere hatten die gleiche Idee. Schnell! Schnell! Was allerdings nicht schnell hochkommt, ist unser Anker. Nun gut – Rennen verloren, erst mal schauen. Badekleid, Schnorchelbrille. Herrje. Wir haben eine Uraltkette eingefangen – alle suchen eine Mooring, wir finden eine versteckte. Mittlerweile ist auch das zweite Objekt unserer Begierde schon besetzt, wir haben also Zeit. Manövrierübungen, Theoretisieren, Hilfsleine scheren, den Nachbarn beruhigen, dass wir gar nicht näher kommen können… Es hilft nix – „hol mal den Tiefschnorchler aus dem Vorschiff!“ Wassertiefe ca. 7 m, das heißt, mit 13 m Atemschlauchlänge wird es etwas knapp, denn der Kompressor steht maximal mittschiffs – der muss ja auch noch Elektroanschluss an die Batterien haben, und der ist im Achterschiff. Ein Riesengewurstel!  Runtertauchen, Druckausgleich und die Lage sondieren. Wieder rauf: „… ich brauche mehr Länge!“  Der Eigner tut, was er kann. Runter. Mittlerweile war AKKA fleißig, hat sich im Strom gedreht und schon 3 Lagen von der dicken, rostigen Kette aufgesammelt. Und „blubb!“ bleibt mir die Luft weg. Aufstieg. „… was war das denn jetzt?“ Manchmal schaltet der Eigner mir kurz die Luft ab, wenn er ein Zeichen geben will (à  la „es reicht, mach‘ Schluss“), aber heute war die Kabellänge so ausgereizt, dass die Kabelschuhe nachgaben. Auf ein Neues. Im dritten Versuch gelingt es mir, die dicke Kette von der Ankerfluke zu schaufeln. Ein bisschen Fluchen (unten)  und Geschrei (an der Wasseroberfläche) war dabei. Wir hatten im Internet kürzlich eine schöne Diskussion über Bordgeschrei und „…ein gutes Team weiß, was es zu tun hat…“ Gilt offensichtlich nicht für alle Situationen, obwohl wir ein gutes >Team sind, aber es hat dafür Unterhaltungswert für die umgebenden Boote, insbesondere wenn Deutsche in der Nähe sind  (bei dieser Gelegenheit hallo an die diskrete Alisea und danke, dass Ihr „nix gehört“ habt!).   Unterm Strich: AKKA lag wieder sicher vor Anker, ich war mit der Leistung  und meinem Ausflug nach „deep blue“ sehr zufrieden. Manöverkritik: nächstes Mal mit Bleigürtel, ohne treibt der Hintern auf und man arbeitet über Kopf! Der Eigner nicht minder zufrieden und das Belohnungsessen in Deshaies „AMER“ köstlich: Accras de Morue als Vorspeise, dann Magret de Canard und ein Duet von Thon à  la Polynesienne und Tartare de Thon. Überaus lecker.

Nach diesem Ausflug in Unterwasserwelten fand der richtige dann doch noch statt, wir hatten uns eine Busfahrt nach Pointe a Pitre ausgedacht. Morgens um 06:30 macht der Bäcker auf, also Café au lait und Croissant auf der Straße, danach „Bus ohne

Frühstück „auf der Straße“

Fahrplan“. Wir nehmen die erstbeste Navette nach Ste. Rose (auf Créole: Sin Wooz!), die kommt, der Fahrer findet uns doof, dass wir nicht auf den direkten Bus warten wollen. „Wann kommt der denn?“ … „…weiß ich nicht!“ Na, dann eben durch die Bergdörfer mit der Navette, ist ja auch interessant. Eltern mit Winzlingen auf dem Weg zur Impfung, Bürotanten, Schüler – der AKKAnaut als solcher hat immer was zu gucken, und der Anschluss in Ste. Rose passiert in kürzester Zeit. Ab hier wird’s flach und zuckrig – Zuckerrohr ist immer noch landwirtschaftliches Erzeugnis Nummer 1.  Bis zum Busbahnhof Bergevin dauert es 2 Stunden, so dass wir berechtigterweise zum 2. Frühstück in einer Metropolenbäckerei einfallen können (Obstsalat, gut, und Pain au Chocolat für den Eigner, Urteil: „… lieber nicht!“). Ziel für heute: Lokalkolorit – gutes Stichwort mit Betonung auf „Kolorit“, denn Pointe à  Pitre ist eine eindeutig kreolisch bestimmte Stadt, viel afrikanischer als Fort de France, finden wir. Viele StraßenhändlerInnen verkaufen Obst und Gemüse. Klamotten, Kosmetikartikel. Die Schuhmacher reihen sich mit Miniaturwerkstätten – 2 Orangenkisten, 1 Hocker – aneinander.  Vielleicht ist es auch nur das Viertel, dieser Fußweg von Bergevin zum Hafen, aber es kommt uns sehr afrikanisch vor.

Das Sklavereimuseum in Pointe à  Pitre

Am Hafen selbst unser eigentliches Ziel: das Mémorial ACTe. Von Weitem sieht man eine  beeindruckende, moderne Aluminiumfassade, in deren Richtung wir uns durch Fisch- und Gemüsemärkte schlängeln. Nach einiger Wartezeit – trop des elà¨ves, zu viele Schüler! – dürfen wir rein, und was gezeigt wird, macht ein mulmiges Gefühl: die Geschichte der Sklaverei und des modernen Rassismus. Es beginnt mit den Anfängen der Menschheit, weltweit, mit allen „Hochkulturen“, Babylon, China, die Griechen… und bewegt sich von dort in Richtung der Kolonien. Plantagenstrukturen – der anfängliche Tabakanbau lief noch mit bezahlten, weißen Arbeitern! – Wirtschaftsschwergewicht Zuckerrohranbau, der Beginn des Imports von afrikanischen Sklaven. Die natürlich – wie sollte es anders sein?! – unterstützende Rolle der Kirche, die auch noch einen widerlichen Unterschied zwischen den „edlen Wilden“, nämlich den Einwohnern der Inseln, und den Afrikanern macht. Sklavenhandel als Wirtschaftsfaktor, afrikanische Geschichte und der nachfolgende Rassismus. Es ist sehr eindrücklich gemacht, den Audioguide um den Hals gehängt werden wir durch die Geschichte geführt, von Videokasten zu Videokasten, von Exponat zu Exponat. Stellenweise wirklich grauenhaft, und so wie ich mich in Dunkerque im WW2-Museum als Mitverursacherin gefühlt haben, kann ich hier die zentrale Rolle der „herrlichen“ Europäer nicht abweisen, ich fühle mich plötzlich ziemlich „weiß“ inmitten von vielen schwarzen Schülern. Ein kleines geschichtliches Detail fällt mir gerade ein: der Wiener Kongress beschloss die Abschaffung des Sklavenhandels, nicht aber die der Sklavenhaltung. Ui. Die Ausstellung bewegt sich über Abschaffungsbewegungen, die schon Mitte des 16. Jahrhunderts mit den Maroons begann – und über eine besonders grässlichen Schleife von Abschaffung durch die Französische Revolution zur Wiedereinrichtung der Sklavenhaltung durch Napoleon – zu Freiheitskämpfern und zum Rassismus des 20. und 21. Jahrhunderts.  Im letzten Raum ein Videoinstallation zur Sklavenhaltung im Jahr 2014 – Zehntausende (in Deutschland) bis vielen Millionen in Afrika, Asien, Russland. Haarsträubend. Aber der Trost ist nahe: die beiden Ausstellungsteile sind getrennt durch einen langen Gang. Betritt man ihn, beginnt im Kopfhörer Miriam Makeba „Pata Pata“ zu singen, von der Decke hängen großformatige Portraits von Widerstandskämpfern und Abolitionisten. Abraham Lincoln, Victor Schoelcher. Lumumba, Nelson „Tata“ Mandela. MalcolmX, und nicht zu vergessen Rosa Parks. Harriet Tubman und Malala Yousafzai. Es rührt mich, und es rührt mich besonders zu sehen, wie die französischen Lehrer ihre Schüler zum Abschluss durch diese Parade führen. Das macht Hoffnung! Unbedingt einen Wiederholungsbesuch wert.