St. Martin

Marigot/St. Martin, 8.5.2018

Puh! Ein Hausarbeitstag! Möbelbauen und so… Und Autopflege. Was man so als Yachtie in St. Martin dieser Tage macht… Müde! Warum, dazu später.

Alte Gemäuer, moderne Racer

Antigua war Antigua. Völlig normal und unverändert. Na, doch – die Behörden sind aus den alten Häusern unten am großen Capstan in neue Gebäude umgezogen, die allerdings von alten Gemäuern umgeben sind – wir waren eben länger nicht da. 17 Jahre, um es genau zu sagen. Die Beamten waren auch nicht mehr dieselben, obwohl ich den dicken Immigration Officer gern wiedergesehen hätte. Man klariert mit SeaClear ein, schick am Computerterminal und freut sich über die meckerigen bayerischen Chartersegler, die einen „Mei, is des langwierig“-Affentanz aufführen. Da müsstet Ihr mal in Jakarta einklarieren. Oder in Brasilien… aber das behalten wir für uns, wir wollen ja nicht auf die Kacke hauen. Draußen steppt der Bär bzw. der Segelpapst, denn wir haben Antigua Sailing Week, auch als „Race Week“ bekannt, zu der aus Nah und Fern Boote anreisen, und wer keines hat, chartert sich zu diesem Zweck eines. Wir kommen also mal wieder in den Genuss von Rennatmosphäre , und ein bisschen Rallyefeeling ist durchaus dabei. Weil es uns in unserer sonst geliebten Freeman-Bay zu eng zugeht, ziehen wir in die Falmouth Bay um und können das Geschehen vom Cockpit aus beobachten. Spannende Sache:  6 Tage Regatten. Eine deutsche Frauencrew ist das 20. Mal dabei und kämpft um den Sieg in ihrer Bareboatklasse, den sie hauchdünn im allerletzten Rennen an Engländer abgeben werden. Hat uns trotzdem gefreut. Für solche Anstrengungen fehlen uns leider der Schwung und die Erfahrung. Faaahrtensegler. Wie langweilig. Wir trappeln dafür über die umgebenden Berge und begeistern uns noch einmal für Nelsons alten Dockyard mit seinen Teerlagern, dem Pulverhaus, dem Sailloft, in dessen Nachbarschaft mal ein deutsches Seglerpaar geheiratet haben soll. Eine Plakette hat das Admirals Inn leider nicht angebracht, das fanden wir enttäuschend, aber wir sind natürlich zum Ort der Tat zurückgekehrt.
Das war Antigua!

Wir lösen uns vom Renngeschehen und fahren an einem schönen Dienstagnachmittag los, baumen noch schnell die Vorsegel aus, dann fällt die Nacht. Der Vollmond sorgt für Beleuchtung, und wir segeln mit herrlichem achterlichem Wind nach St. Martin. Am Morgen kommt die Silhouette von St. Barths in Sicht, aber wir entscheiden uns für Mut zur Lücke. Kennen wir doch von anno tuck.  Auch die beliebte Ile Fourche lassen wir steuerbords liegen, kurven um die Westküste von St. Maarten und lassen in Marigot den Anker fallen.

Marigot. Im Ankerfeld

Die Berge sind grün, wie immer.  Landgang zum Einklarieren. Das passiert in der halbleeren Marina Port Louis, einem Neubau, den wir noch nicht kennen. Merkwürdig leer! Ab hier gilt unser Augenmerk dem, was Irma im letzten September hier angerichtet hat. Natürlich hatten wir schon in der Annäherung die großen Hotelbauten ohne Dach gesehen, die sich vor unserem Ankerplatz am Strand reihen, aber hier in der Marina liegen Wracks am Grund. Uff. Wir kommen ja recht frisch aus dem so gerupft ausschauenden Dominica und dachten, Maria sei schlimm gewesen. War es auch, abr die Verhältnisse sind völlig unterschiedlich – dort eine arme Insel, deren Bewohner sowieso Mühe mit dem täglichen Broterwerb haben und wo die Schäden und das Leid der Bevölkerung uns sehr nahe gingen. Hier eine entwickelte, europäisierte Touristeninsel, von der wir dachten, dass eine solche Naturkatastrophe leichter zu bewältigen sei – aber was sich hier bietet, hatten wir weder erwartet noch jemals zuvor gesehen. Moderne Geschäftsgebäude recken zerknautschte Tragbalken in den Himmel. Zwischen unversehrt scheinenden Häusern liegen die Reste von ehemals stattlichen Gingerbread-Anwesen. Dächer fehlen reihenweise, oder es gibt ein Dach, aber das Haus selbst hat Irma entkernt. Am Samstag nimmt uns unsere Freundin mit nach Grand Case und in unsere alte Yachtheimat, die Anse Marcel – ein „hurricane hole“. Ein „Loch“ ist es schon, aber kein Schutzhafen, wie man jetzt sieht, zumindest nicht in einem Super-Hurrikan. Uns fällt der Unterkiefer herunter angesichts der Zerstörung: von der Marina so gut wie nichts mehr zu sehen, die umgebenden Häuser sämtlich ohne Dach, einige der angrenzenden Hotels völlig zerstört, auch das Meridien, das während Louis als Shelter diente. Die gesunkenen Yachten hat man zwar weitgehend gehoben, aber einige liegen noch dort, wo der Sturm sie hingeschleudert hat.  Unsere Gespräche drehen sich stundenlang um die Geschehnisse vom 5./6. September. Die Freundin lebt nach wie vor auf einer „Baustelle“, ihr Appartement ist zwar bewohnbar geblieben oder– nach zermürbenden Trocknungsversuchen – wieder geworden, aber fertig sieht anders aus. Erst nach Wochen, in denen es regelmäßig und in Strömen in die Wohnungen regnet, wird die Decke, die das weggeflogene Dach freigelegt hat, mit Planen abgedichtet. Dann werden die Planen weggenommen, denn „jetzt kommt das neue Dach!“. Das dann doch nicht kommt, also regnet es wieder rein, in die frisch gestrichene Küche. Dem „she does it herself“-Prinzip folgend nimmt sie die Dachabdichtung selbst vor, mit Planen und Zement und Schweinerei. Das Problem?! Die Verwaltung kann sich nicht mit der Versicherung einigen, und dies ist kein Einzelfall.

Das nennt man wohl „Kein Dach über dem Kopf“

Andere Geschädigte waren gar nicht versichert –  so oder so fehlt vielerorts Geld für Wiederaufbau und Wiedereröffnung von Läden und Restaurants. Wo keine Läden und Restaurants sind, kommen auch keine Touristen hin. Und wo keine Touristen sind, sind die Einnahmen knapp, und wo keine Einnahmen, da auch keine Beschäftigungsverhältnisse… So hatten wir uns das wirklich nicht vorgestellt.
Den Ablauf der Irma-Nacht kann ich vielleicht so zusammenfassen: „Hurrikan“ ist, wenn man gerade fertig ist mit Einpacken (das Haus eines Freundes, das Büro, die eigene Bleibe), als der Sturm losgeht. Mitten in der Nacht. Man stützt für eine Weile seine Panoramascheibe, damit sie nicht ins Zimmer stürzt, bis einem die Kraft ausgeht – die Scheibe, oh Wunder, stürzt auf Polster und wird heile bleiben! Man zieht sich ins einigermaßen sichere (?! Wer weiß das schon!) Badezimmer zurück, hofft angesichts der Gewalten, dass man das überlebt und lässt den Scheiß über sich ergehen, im wahrsten Sinne des Wortes: der Überdruck, den dieser Hurrikan mit seinem immensen Wasserpegelanstieg  erzeugt, lässt plötzlich eine Fontäne aus der Toilette schießen. Umzug in die Dusche… Am späten Vormittag ist es vorbei, draußen bietet sich ein Bild der Verwüstung.
„Nach dem Hurrikan“ ist, wenn man sein Auto unter einer abgeknickten Palme und einem Betonpfoste findet, und, wenn man die Tür öffnet, einem ein Schwall von Seewasser mit Fischen entgegenkommt. Wenn plötzlich Schüsse fallen, weil gewitzte Gestalten aus umliegenden Ortschaften anfangen zu plündern (Inschrift in der Anse Marcel: „You loot – I shoot!“). Wenn eingeflogene Soldaten bei den Bewohnern, denen sie helfen sollen, um Getränke bitten, da das eigene Transportflugzeug ausgefallen ist (angeblich, weil der Transport besuchender Festlands-Honoratioren wichtiger war. Egal, es gab kein Flugzeug). „Nach dem Hurrikan“ ist auch, wenn wir aus Trinidad versuchen, Kontakt zu einer Insel zu bekommen, die gänzlich ohne Strom, Wasserversorgung und – ui. ui. ui! – Internetverbindung ist. Ein witziges Erlebnis dazu : jemand entdeckt, dass von einem Hügel (sinnigerweise Mount Hope) manchmal Mobiltelefoniesignale von Anguilla zu empfangen sind, und „wie in einem schlechten Science Fiction-Film“ finden sich bald nachlässig gekleidete „Day After“-Leute ein, die alle wie ferngesteuert ihre Mobiltelefone Richtung Nachbarinsel recken… „Nach dem Hurrikan“ ist, kein Wasser zu haben und wegen Seuchengefaht nicht im Meer baden zu können, und wenn man sich zu Gruppen zusammenschließt und sammelt, was man an Essens- und Wasservorräten noch hat. Und dieses „nach dem Hurrikan“-Szenario dauert Wochen und Monate, mit Schimmel und Feuchtigkeit und endlosen Reparaturarien, bis sich wieder eine einigermaßen normale Versorgungslage eingestellt hat…  Anfang März schreibt der Doyle-Sailing Guide noch: „Shopping can still be kind of a hit and miss“. Das zumindest hat sich erledigt – der frisch wieder eröffnete SuperU  in Marigot bietet sich uns als der bestbestückte Supermarkt in den französischen Inseln dar.

Schwer darzustellen: dies war mal der lebhafteste Touristenstrand von allen

Aber die Reparaturanstrengungen werden noch lange dauern, und darum sind wir heute müde. Wir haben bei unserer Freundin herumgebastelt, dem Auto eine Heckscheibe aus AKKA-Plastikmaterial gebaut, Möbelbauberatung betrieben und ein bisschen geschraubt. Und nett auf dem Balkon gesessen, Karibikidyll muss sein. Der Blick geht auf den verwaisten, atemberaubenden Orient Beach, der allerdings nicht nur alle Palmen – das waren mal ganze Haine in der Orient Bay! Bacardireklame lässt grüßen! – verloren hat, sondern auch alle Beachrestaurants und Rumpunschbuden, alle Surfläden, Liegestuhlverleiher, alle Pareolädchen… eine Mischung aus Trauerspiel und Idyll. Wilde Pferde haben sich eingefunden und finden das Leben prima. Wenn da nicht die hohen Haufen von Sargassumalgen wären, die in großen Teppichen angeschwemmt und zusammengeschoben werden. Dafür kann allerdings Irma nix –  und außer scheußlich und stinkig tut das Zeug wenig. Es verschandelt einen Strand, den kaum einer nutzt, aber im Grunde kann man Sargassum noch dankbar sein: wenn es schwimmt ist es ein Öko-Paradies, da wollen wir nicht meckern. Wer Mahi-Mahi essen will, muss mit Sargassum leben können.
Ach ja. Schön ist es, hier im warmen Abend-Passat zu sitzen. Wenn da nicht der Gedanke wäre, dass die nächste Hurrikansaison in nicht mal 4 Wochen beginnt, und diese Hausgemeinschaft wieder anfängt, ihre Habseligkeiten wasserdicht zu verpacken. Und zu hoffen, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Das macht extra müde.
Wir verziehen uns langsam südwärts, fort aus der akuten Gefahrenzone. Die Bilder nehmen wir mit.

Life is too short to sink completely

Zwei Ausflüge

English Harbour, 26.4.2018

Wie verdient man sich ein französisches Mittagessen?! Indem man versucht, ankerauf zu gehen und bemerkt, dass der Anker hängt. So geschehen im Norden von Guadeloupe. Alle suchen in der Bucht von Deshaies eine Mooring – wir auch, denn wir wollen AKKA für einen Landausflug allein lassen, und bei so viel Ankerei ringsum ist das Liegen an einer Mooring etwas übersichtlicher. Da kommt kein Vollpfosten gefahren und lässt seinen auf unseren Anker fallen oder Ähnliches. Am Montagmorgen sind  zwei Bojen frei. Wir dödeln  rum, da ist es nur noch eine – andere hatten die gleiche Idee. Schnell! Schnell! Was allerdings nicht schnell hochkommt, ist unser Anker. Nun gut – Rennen verloren, erst mal schauen. Badekleid, Schnorchelbrille. Herrje. Wir haben eine Uraltkette eingefangen – alle suchen eine Mooring, wir finden eine versteckte. Mittlerweile ist auch das zweite Objekt unserer Begierde schon besetzt, wir haben also Zeit. Manövrierübungen, Theoretisieren, Hilfsleine scheren, den Nachbarn beruhigen, dass wir gar nicht näher kommen können… Es hilft nix – „hol mal den Tiefschnorchler aus dem Vorschiff!“ Wassertiefe ca. 7 m, das heißt, mit 13 m Atemschlauchlänge wird es etwas knapp, denn der Kompressor steht maximal mittschiffs – der muss ja auch noch Elektroanschluss an die Batterien haben, und der ist im Achterschiff. Ein Riesengewurstel!  Runtertauchen, Druckausgleich und die Lage sondieren. Wieder rauf: „… ich brauche mehr Länge!“  Der Eigner tut, was er kann. Runter. Mittlerweile war AKKA fleißig, hat sich im Strom gedreht und schon 3 Lagen von der dicken, rostigen Kette aufgesammelt. Und „blubb!“ bleibt mir die Luft weg. Aufstieg. „… was war das denn jetzt?“ Manchmal schaltet der Eigner mir kurz die Luft ab, wenn er ein Zeichen geben will (à la „es reicht, mach‘ Schluss“), aber heute war die Kabellänge so ausgereizt, dass die Kabelschuhe nachgaben. Auf ein Neues. Im dritten Versuch gelingt es mir, die dicke Kette von der Ankerfluke zu schaufeln. Ein bisschen Fluchen (unten)  und Geschrei (an der Wasseroberfläche) war dabei. Wir hatten im Internet kürzlich eine schöne Diskussion über Bordgeschrei und „…ein gutes Team weiß, was es zu tun hat…“ Gilt offensichtlich nicht für alle Situationen, obwohl wir ein gutes >Team sind, aber es hat dafür Unterhaltungswert für die umgebenden Boote, insbesondere wenn Deutsche in der Nähe sind  (bei dieser Gelegenheit hallo an die diskrete Alisea und danke, dass Ihr „nix gehört“ habt!).   Unterm Strich: AKKA lag wieder sicher vor Anker, ich war mit der Leistung  und meinem Ausflug nach „deep blue“ sehr zufrieden. Manöverkritik: nächstes Mal mit Bleigürtel, ohne treibt der Hintern auf und man arbeitet über Kopf! Der Eigner nicht minder zufrieden und das Belohnungsessen in Deshaies „AMER“ köstlich: Accras de Morue als Vorspeise, dann Magret de Canard und ein Duet von Thon à la Polynesienne und Tartare de Thon. Überaus lecker.

Nach diesem Ausflug in Unterwasserwelten fand der richtige dann doch noch statt, wir hatten uns eine Busfahrt nach Pointe a Pitre ausgedacht. Morgens um 06:30 macht der Bäcker auf, also Café au lait und Croissant auf der Straße, danach „Bus ohne

Frühstück „auf der Straße“

Fahrplan“. Wir nehmen die erstbeste Navette nach Ste. Rose (auf Créole: Sin Wooz!), die kommt, der Fahrer findet uns doof, dass wir nicht auf den direkten Bus warten wollen. „Wann kommt der denn?“ … „…weiß ich nicht!“ Na, dann eben durch die Bergdörfer mit der Navette, ist ja auch interessant. Eltern mit Winzlingen auf dem Weg zur Impfung, Bürotanten, Schüler – der AKKAnaut als solcher hat immer was zu gucken, und der Anschluss in Ste. Rose passiert in kürzester Zeit. Ab hier wird’s flach und zuckrig – Zuckerrohr ist immer noch landwirtschaftliches Erzeugnis Nummer 1.  Bis zum Busbahnhof Bergevin dauert es 2 Stunden, so dass wir berechtigterweise zum 2. Frühstück in einer Metropolenbäckerei einfallen können (Obstsalat, gut, und Pain au Chocolat für den Eigner, Urteil: „… lieber nicht!“). Ziel für heute: Lokalkolorit – gutes Stichwort mit Betonung auf „Kolorit“, denn Pointe à Pitre ist eine eindeutig kreolisch bestimmte Stadt, viel afrikanischer als Fort de France, finden wir. Viele StraßenhändlerInnen verkaufen Obst und Gemüse. Klamotten, Kosmetikartikel. Die Schuhmacher reihen sich mit Miniaturwerkstätten – 2 Orangenkisten, 1 Hocker – aneinander.  Vielleicht ist es auch nur das Viertel, dieser Fußweg von Bergevin zum Hafen, aber es kommt uns sehr afrikanisch vor.

Das Sklavereimuseum in Pointe à Pitre

Am Hafen selbst unser eigentliches Ziel: das Mémorial ACTe. Von Weitem sieht man eine  beeindruckende, moderne Aluminiumfassade, in deren Richtung wir uns durch Fisch- und Gemüsemärkte schlängeln. Nach einiger Wartezeit – trop des elèves, zu viele Schüler! – dürfen wir rein, und was gezeigt wird, macht ein mulmiges Gefühl: die Geschichte der Sklaverei und des modernen Rassismus. Es beginnt mit den Anfängen der Menschheit, weltweit, mit allen „Hochkulturen“, Babylon, China, die Griechen… und bewegt sich von dort in Richtung der Kolonien. Plantagenstrukturen – der anfängliche Tabakanbau lief noch mit bezahlten, weißen Arbeitern! – Wirtschaftsschwergewicht Zuckerrohranbau, der Beginn des Imports von afrikanischen Sklaven. Die natürlich – wie sollte es anders sein?! – unterstützende Rolle der Kirche, die auch noch einen widerlichen Unterschied zwischen den „edlen Wilden“, nämlich den Einwohnern der Inseln, und den Afrikanern macht. Sklavenhandel als Wirtschaftsfaktor, afrikanische Geschichte und der nachfolgende Rassismus. Es ist sehr eindrücklich gemacht, den Audioguide um den Hals gehängt werden wir durch die Geschichte geführt, von Videokasten zu Videokasten, von Exponat zu Exponat. Stellenweise wirklich grauenhaft, und so wie ich mich in Dunkerque im WW2-Museum als Mitverursacherin gefühlt haben, kann ich hier die zentrale Rolle der „herrlichen“ Europäer nicht abweisen, ich fühle mich plötzlich ziemlich „weiß“ inmitten von vielen schwarzen Schülern. Ein kleines geschichtliches Detail fällt mir gerade ein: der Wiener Kongress beschloss die Abschaffung des Sklavenhandels, nicht aber die der Sklavenhaltung. Ui. Die Ausstellung bewegt sich über Abschaffungsbewegungen, die schon Mitte des 16. Jahrhunderts mit den Maroons begann – und über eine besonders grässlichen Schleife von Abschaffung durch die Französische Revolution zur Wiedereinrichtung der Sklavenhaltung durch Napoleon – zu Freiheitskämpfern und zum Rassismus des 20. und 21. Jahrhunderts.  Im letzten Raum ein Videoinstallation zur Sklavenhaltung im Jahr 2014 – Zehntausende (in Deutschland) bis vielen Millionen in Afrika, Asien, Russland. Haarsträubend. Aber der Trost ist nahe: die beiden Ausstellungsteile sind getrennt durch einen langen Gang. Betritt man ihn, beginnt im Kopfhörer Miriam Makeba „Pata Pata“ zu singen, von der Decke hängen großformatige Portraits von Widerstandskämpfern und Abolitionisten. Abraham Lincoln, Victor Schoelcher. Lumumba, Nelson „Tata“ Mandela. MalcolmX, und nicht zu vergessen Rosa Parks. Harriet Tubman und Malala Yousafzai. Es rührt mich, und es rührt mich besonders zu sehen, wie die französischen Lehrer ihre Schüler zum Abschluss durch diese Parade führen. Das macht Hoffnung! Unbedingt einen Wiederholungsbesuch wert.

Dominica

Durchhalten, lieber Baum! Oder: es wird schon…

Île à Goyaves/Guadeloupe, 22.4.2018

Schlechtes Netz. Aber sowas von… Hatte ich kürzlich über das schlechte Netz in Dominica gemeckert?! Rein netzmäßig sollte man zurückfahren – da war es zwar mit Geduldsaufschlag, aber man konnte wenigstens das Telefon als Hotspot benutzen und gelegentlich mit dem Laptop surfen. Nix dergleichen in den Îles des Saintes – nix da in Guadeloupe… .

Von St. Pierre sind es 55 Meilen nach Portsmouth auf Dominica – die Insel, die im letzten Jahr so brutal von Hurrikan Maria getroffen wurde, und so sieht sie auch immer noch aus: gerupft. Das sollte Reisende nicht davon abhalten, die Insel zu besuchen, im Gegenteil. Als wir vor 20 Jahren dort waren, galt die Bucht von Portsmouth als ein bisschen fragwürdig. Eigentlich hatte die ganze Insel einen „Ruf“, und wir erinnern uns heute noch gerne daran, dass dies die Karibikinsel mit Lehrstoff für uns Charterer war: Straßenhändler bietet die Lieferung von Früchten an. „Gib mal 5 EC$!“ Schön doof von uns, die ECs waren natürlich weg… Heute geht es in Portsmouth anders zu: ein überwältigendes, aber nicht aufdringliches Willkommen durch PAYS (Abkürzung für so etwas wie die Portsmouth Association for Yacht Services. Oder so ähnlich). Einige junge Männer haben sich zu einer Kooperative zusammengeschlossen, sammeln die Yachten im Norden der Bucht unter dem schönen Fort Shirley und verpassen ihnen Moorings. Hauptgeschäft ist allerdings die Vermittlung von Inseltouren, wobei es durchaus eine gewisse Konkurrenz gibt – man ruft eines der Mitglieder über Funk, und kriegt Antwort von einem anderen: „Albert, Albert for SV AKKA!“ Antwort: „Station calling Providence, come again!“ Ein Schelm, der „Kundenfang“ dabei denkt. Dennoch ist die Stimmung wirklich kooperativ, denn Interessentenüberschuss schiebt man sich gegenseitig zu – gemeinsames Anliegen: die Yachties zum Bleiben zu bewegen. Gut. Man kann zwar auch ankern, aber in diesem Fall geben wir das Geld wirklich gern: was nun, 7 Monate nach „Maria“ auf der Insel fehlt, sind nicht Altkleider oder Schulhefte, sondern „Business“, und die Ankündigung, dass wir mindestens eine Woche bleiben wollen, erzeugt ein zufriedenes Grinsen bei Eddison, der zum Kassieren kommt: „… und denk‘ an mich, wenn Ihr eine Tour machen wollt!“ Machen wir. Zwei Tage später ist es so weit. Guide Paul karrt uns über die geschundene Insel, erzählt uns Geschichten vom alten Zauberer, von Mangoernte und von Marie-Galante, dessen pfannkuchenflache Kontour man am Horizont erkennen kann und von wo französischen Wochenendtouristen herüberkommen. Geschichten von den letzten Cariben, die hier leben, in einem „Reservat“, aber immerhin mit zwei Parlamentssitzen ausgestattet. Oder von den reichen Familien, die noch immer das Sagen – und Verdienen! – haben auf der Insel, die aber auch der treibende Faktor sind, wenn es darum geht, sich nach Maria um Wiederaufbau zu bemühen. An vielen Ecken stehen kleine Snackbuden – und Paul kennt sie alle, grüßt und plaudert ein bisschen in die Runde, und wo er gerade nicht anhalten kann, winkt er papstmäßig aus dem Fenster; wir merken: der Mann ist eine Institution! „We’ve got to get this island running again!“ meint er und bezieht sich auf die 20.000 Menschen, die nach Maria das Weite gesucht haben, auf andere Karibikinseln (vermeintlich sicherere?!), England, Kanada. Dominica ähnelt in der Struktur St. Vincent – rauhe, wilde Natur, schroffe Berge, dabei wenig zusammenhängende, landwirtschaftliche Fläche. „Mangos? Mangos kauft man nicht – im Mai/Juni ist alles voll davon, man muss sie nur auflesen!“ Nicht ganz so in diesem Jahr – die Mangolese wird ein bisschen knapper ausfallen, aber sie wird stattfinden: was für das Gros des Grüns in den Bergen sorgt, sind die Mangobäume. Nicht mehr so ausladend und üppig wie sonst, aber sie treiben schneller als all die Harthölzer, die dazwischen stehen. Wenn man genau hinschaut, stehen bei den Laubbäumen fast ausschließlich die Stämme, alle Äste hat Maria abrasiert, das macht den bürstenartigen Anblick der Berge aus. „Maria took it!“ ist Standardsatz auf dieser Tour. Die Dächer, die Palmwedel. Die Vanillepflanzungen, die Kakaobäume – Chocolatier Alan verkauft uns Produktionsreste „pre Maria“, und während er auf neue Kakaokapseln an den Bäumen wartet, renoviert er sein Schoko-Haus. Pausenfüller, und, da er seinen Kakao selbst und „im eigenen Saft“ fermentiert, wird es bis zur nächsten, frischen Schokoladentafel noch etwas dauern. Wir mögen die Sorten Spice und Lemongrass und Mint. Alles – inklusive der Kräuter und Gewürze aus dem eigenen Garten, und der ist auch noch schön anzusehen.
Alan übt sich in Geduld. Und Paul, und die anderen, aber zum Jammern wäre keine Zeit – die nächste Sturmsaison steht vor der Tür, bis dahin sind noch einige Dächer zu decken, und nicht zuletzt einiges an Infrastruktur wieder herzustellen: als Maria kam, war man mit dem Aufräumen hinter Erica – „nur“ ein Tropensturm in 2015, aber einer, der verheerende Überschwemmungen brachte – noch nicht fertig, und so liegen diverse Brücken unbefahrbar in den Bachbetten. „Erica started and Maria did the rest…“ Zur Gelassenheit, die immer durchschimmert, kommt bei allen Erzählungen, dass es so etwas wie Maria noch nicht gegeben hat. Sehr plastisch berichtet uns das Anthony, der uns den Indian River hinaufschippert – vor 20 Jahren war dies eine Kanutour durch einen Tunnel aus Baumwipfeln, gerade breit genug, um zwei Kanus im Gegenverkehr aneinander vorbei hangeln zu lassen. In diesem Jahr – und für einige weitere – ein breiter Fluss, mal flach, mal mit tiefen Auswaschungen. Die Vogeldichte ist gering, ein paar Reiher suchen nach Krabben und ein paar Kolibris nach noch wenigen Blüten. Dass wir keine tropisches Dickicht mehr erwarten konnten, war uns klar – umso interessierter folgen wir Anthonys Maria-Bericht: wie um 2 Uhr am Nachmittag die Meldung kam, dass in der Nacht ein Hurrikan der Kategorie 1 die Insel treffen werde, und um 5 war es ein Kategorie 2. „Nothing special!“ Das gibt es fast jedes Jahr. Ein paar Latten gehen dabei drauf. Dann fällt die Dunkelheit, um 7 ist Maria zum Kategorie5-Monster angewachsen, und es ist ein direkter Hit. Noch eine Weile funktionieren Strom und Telefonnetz, dann sind alle auf sich gestellt. Anthony bekommt es mit der Angst zu tun, allein in seinem Haus mit dem kleinen Sohn – er traut sich hinaus und bringt das Kind zu einem Nachbarn mit einem sichereren Gebäude, gerade rechtzeitig. Dann fliegt alles durch die Luft, was man vorher für sturmfest gehalten hat. Als es hell wird, ist nichts mehr wie zuvor – aber, sagt Anthony, es war gut, dass es in der Nacht passierte. Alle Leute waren zu Hause, niemand hat mehr versucht, in der Dunkelheit um sein Leben zu rennen – am Tage wären viele Menschen von umherfliegenden Teilen erschlagen worden. Die meisten der Opfer sind in Wasser- und Schlammlawinen umgekommen, und es waren insgesamt „nur“ 36. Für ihn steht fest: Maria tagsüber – dann wären wir kein Tropenparadies mehr. Dann schenkt er mir zwei Gingerlilys und eine Heliconenblüte (die blühen heute noch!) und kehrt zur Zeit danach zurück: wie sie mit Hilfe von gestifteten Kettensägen – eine hatten wir in Trididad auf eine Yacht mit Hilfsgütern geladen – den Indian River freigemacht haben. Eine Mordsarbeit, wir sehen die Berge an Ästen und Stämmen, die sich zu beiden Seiten des Flusses türmen. Leute wie unser Busfahrer Paul oder der Archäologe Dr. Honychurch hatten sofort dafür geworben, die Mitmenschen auf „bleiben, wiederaufbauen“ auszurichten. Es scheint zu gelingen.
Wenn es mir gelingt, andere Segler auf „hinfahren“ auszurichten, wäre noch mehr gewonnen. Was soll man mitbringen?! Geld. Zeit. Energie, um mit in den Wald zu gehen und Wanderwege aufzuräumen. Lust auf Touren mit den Einheimischen. Und ein offenes Ohr für ihre Geschichten. Nicht zögern! Unbedingt hinfahren. Es ist nicht alles kaputt, es ist nicht unsicher, und allein wenn ich an unsere kleinen Wanderungen auf die Cabrits und das Fort Shirley denke, macht es sogar ausgesprochenen Spaß. Und die Dominicans brauchen uns.

Au revoir, Martinique

Unser schüchterner Vulkan. Mont Pélé

Saint Pierre, 9.4.2018

Ausklariert ham’s, die AKKAnauten. Das geht in Martinique grundsätzlich so einfach wie das Einklarieren, nämlich am Computer. Man muss sich nur durch das Leerformular kämpfen, das einem Deutschland nicht da in der Liste präsentiert, wo es nach französischer Sprachsitte stehen sollte, also unter A wie Allemagne, sondern unter D, wie Deutschland. Nur dass eben mitten in den Ds für Djibouti etc. „ALLEMAGNE“ steht. übrigens unter der Tschechischen Republik. Verwirrend. Aber nein, wirklich ein einfacher Klarierungsvorgang. Computer stehen schön über die Insel verteilt, in der Capitanerie in Le Marin und auch in der dortigen Tankstelle, also muss man sich nicht mal behördenordnungsgemäß verkleiden. Und in Saint Pierre ist es besonders nett, weil elsässisch-deutsch, da steht der Rechner beim Wirt des Alsace à Kay, der auch Gourmet-Kaffeesorten, elsässisches Bier, wahlweise auch Getöpfertes zum Kauf anbietet und Andreas zu einem Eisbein mit Sauerkraut locken wollte. Ich hätte Letzterem glatt zugesprochen, denn leckeres Schwein ist leckeres Schwein (das hat schon Obelix so gehalten!), aber die Kruste der bayerischen Schweinshaxe ist des Eigners Himmelreich – das Eisbeingeschwabbel kann er nicht ab. Na, dann nicht! (Die letzte wirklich gute Schweinshaxe – hab ich bestimmt schon 5mal erwähnt – gab es in Lumut in Malaysia. Heimwehkranke deutsche und österreichische Ingenieure abseits der Halalwege…).
Morgen verlassen wir Frankreich für ein Weilchen – aber hinter Dominica lauert ja schon wieder Guadeloupe, insofern musste man/frau sich jetzt nicht bis zu den Grenzen der Wasserlinie mit westeuropäischen Spezialitäten eindecken (frau musste zugegebenermaßen im HyperU einen Vorrat an „Petit Marseillais“-Duschgel und -Shampoo besorgen. In Reunion war das Shampoo aus Neukaledonien alle, in Trinidad das aus Reunion. Notlage! Le Petit Marseillais hat als Logo einen kleinen Jungen, der ursprünglich nur auf Kernseifepackungen hockte, sich aber zum Markenzeichen einer „schicken“ Marke gemausert hat.)

St. Anne. Kirchplatz mit Fake-Platanen

Das war schon witzig hier in Martinique – es ist so unglaublich französisch. Südfranzösisch eher, dabei, wie in allen diesen kolonialen Ablegern, mit dem lokalen Flair gewürzt, und kreolisch gefällt uns Frankreich ganz gut. Tahitianisch war auch wunderbar. Neukaledonien – naja und La Réunion total normal französisch. Aber wo auch immer man ist, kann man lange gehegte Konsumwünsche erfüllen. Allen voran: QUARK! Mein erster Besorgungsgang in allen französischen Kolonien ist der „Fromage Blanc“.  Gute Würste: Merguez (Lamm), Créole (kreolisch-scharf), Persillade, Aux Herbes, Chipolata. Paté! Foie Gras haben wir gemieden… Aber die Butter! Ohne Tropenbeimischungen. Und der Käse erst… Beim Brot scheiden sich allerdings die Geister an Bord, der Eigner nimmt auch „Baguette“, die Schipperin steht mehr auf „Pain“ oder wenigstens Baguette de Santé – ein bisschen mehr Masse und Geschmack muss sein. So vergehen dann die Wochen, nun wisst Ihr’s!

His Majesty’s Ship Diamond Rock

Der Fort-De France-Bericht hatte ja die Anreise in die Anse Mitan unterschlagen, und damit ein kleines, ebenfalls erzählenswertes Stück Geschichte. Wir kamen am Rocher du Diamant vorbei, zu deutsch: Diamantfelsen. Erst im Englischen kriegt der Fels einen ganz besonders bedeutsamen Namen: Diamond Rock. Genau gesagt muss man in das Schiffsregister der britischen Royal Navy während der Kriege gegen Napoleon schauen und findet dort… Na was? „His Majesty’s Ship Diamond Rock“. Die Engländer hatten diesen kleinen Felsklotz, nicht einmal eine Meile vor der Küste und damit direkt vor der französischen Nase gelegen, zu einer Festung ausgebaut und ballerten um 1804 herum für eine ganze Weile auf alles, was sich zwischen St. Lucia und Martinique an Feindverkehr bewegte. HMS DIAMOND Rock war als richtiges Schiff klassifiziert, nämlich als 6-Kanonen-Sloop. Erst Villeneuve (das ist der, der, bei Bonaparte ohnehin in Ungnade gefallen, den Briten bei Trafalgar unterlag, aber versehentlich Nelson den Garaus machte. * ) konnte das Schiff „versenken“; ich weiß nicht, ob das war, bevor er die Engländer in ihrer Palmwedeltarnung in Marigot Bay übersah oder die sich den Scherz danach erlaubten. Geschichte, Geschichten…

Und am jetzigen Standort schon wieder „Geschichte“, aber aus einer ganz anderen Richtung. Saint Pierre ist weltbekannt, weil hier am Himmelfahrtstag (!) 1902 die Welt unterging: die Montagne Pélée (aka Mont Pelé, „Kahler Berg“) explodierte kurz vor Kirchgangszeit und 30.000 Menschen, die sich in Saint Pierre aufhielten, fanden einen sehr plötzlichen Tod. Wochenlang hatte der Berg rumort, und es hatten sich allerlei Ungereimtheiten ereignet: Tage zuvor war aus „unerfindlichen Gründen“ das unterseeische Telegraphiekabel nach Guadeloupe gerissen. Riviere Blanche, der Fluss, der am nördlichen Stadtrand in die See mündet, schwoll unerklärlich an, um ebenso unerklärlich vollkommen zu versiegen. Es gab Schlammlawinen und einen kleinen Tsunami. Es starben über 50 Leute durch Schlangenbisse – Schlangen, Feuerameisen und giftigen Hundertfüßlern war der Boden oben am Berg zu heiß geworden und kamen zuhauf ins Tal. Spätestens hier hätte man vielleicht reagieren können, denn wenn das Viehzeug seine Standorte verlässt, ist irgendwas im Busch, aber dem war nicht so. Der Gouverneur von Martinique schickte noch am Morgen des Ausbruchs eine beruhigende Depesche nach Paris, dass alles ruhig und unter Kontrolle sei. Stichwort Kontrolle. Mouttet, so hieß er, wollte unbedingt die Kontrolle. Saint Pierre war die reichste Stadt der Karibik, das kulturelle Zentrum der französischen Kolonien in der Karibik, und es war der Hauptumschlaghafen für die Reichtümer der Insel, drum lagen hier auch 12 Schiffe vor Anker, die auf Ladung warteten. Die GEschäfte konnte man nicht riskieren. Also bildete man ein Kommittee, das die Gefahr einschätzen sollte, die vom Vulkan ausging, der als mäßig aktiv bekannt und schon 1851 und nochmals in den 70ern ausgebrochen war. Wortführer war der naturwissenschaftliche Lehrer des Gymnasiums de Landes, und ob Mouttet den Lehrer beschnackt hat oder umgekehrt – es war „alles ruhig und unter Kontrolle“. Musste es ja, weil man es so wollte; möglicherweise auch, weil Wahlen anstanden und eine Evakuierung der aufmüpfig werdenden schwarzen Bevölkerung einen entscheidenden Vorteil geboten hätte. Ach, im Gegenteil – Leuten, die sich auf den umliegenden Gütern und in den Dörfern unsicher fühlten, wurden aufgenommen und nach Kräften beruhigt, und reichen Städtern, die nach Fort de France flohen, versuchte man, das zu verbieten bzw. ihnen die Rückkehr schmackhaft zu machen. Sehr merkwürdig, sehr tragisch. Klären lässt sich das alles nicht – die beiden Männer waren unter den 30.000 Opfern.

… was com Gefängnis übrig blieb…

Gegen 8 strömten noch immer Menschen Richtung Saint Pierre, teilweise aus Fort de France, denn man wollte am festlichen Himmelfahrtsgottesdienst teilnehmen. Anreisende auf den umliegenden Hügeln wurden so zu Augenzeugen, und es gab ein Schiff, dass dem Inferno entkam und berichten konnte: um kurz vor 8 tat sich die Bergflanke auf, mit einer extremen Explosion trat eine „plinianische Wolke“ aus und „fiel“, wie es ein Augenzeuge beschreibt, auf die Stadt. Die Temperatur in solchen Wolken beträgt bis zu 800 Grad – und da sie „fiel“ bzw. mit über 600 km/h raste, war schlicht kein Entkommen. Die Rum- und Zuckerlager übrigens taten ein Übriges, die Stadt brannte für Tage. Wir haben, was man an Ruinen hat stehen lassen, heute angeschaut. Keine Asche, keine Lava – nur dieser Feuerball hat ganze Arbeit geleistet. Es war übrigens nicht nur der bekannte Gefängnisinsasse, der das Unglück überlebte. Louis Auguste Cyparis war nur schlau genug, sich vom Zirkus Barum als Kuriosität ausstellen zu lassen und so zu Berühmtheit zu gelangen, aber mindestens ein Schuhmacher kam ebenfalls davon, und eine junge Frau, die ein Ruderboot in eine Höhle rudern konnte.
Heute wüsste man es besser – Tage zuvor hatte man die Entwicklung eines Lavadoms beobachtet, und das ist ein untrüglicher Vorbote für eine solche Explosion. Obwohl… ein italienischer Kapitän soll sich in den Tagen vor dem Ausbruch  – trotz Androhung von Disziplinar- und Zollstrafen! – vom Ort des drohenden Geschehens entfernt haben, Zitat: „… wenn der Vesuv so aussähe wie Euer Berg hier, würde Neapel fliehen.“ Ob’s stimmt? Viel wusste man zu dieser Zeit noch nicht über Vulkanismus, aber er sprach aus eigener Erfahrung.
Die Montagne Pelée hat noch weiter gewütet, und ein paar Wochen später Morne Rouge und zwei weitere Dörfer zerstört, dieses Mal zu atlantischen Seite hin, was nochmals über tausend Menschen das Leben kostete.

Grün, lauschig, harmlos. Das neue St. Pierre

Und nun?! Schön ist es hier (wenn man mal von Quallen und Nesselfäden im Wasser absieht), man kann auch nach den im Hafen gesunkenen Schiffen tauchen. Ein schöner Ankerplatz vor der Stadt, oben drüber unser schüchterner Vulkan mit dem satt grünen Kleid und der schief sitzenden Wolkenmütze. Schläft. Oder ist inaktiv?! Nach einer Pause hatte er 1929 nochmals einen Anfall und seit 1932 schweigt er vor sich hin – aber er wird als „unberechenbar“ geführt. Na dann. Wir fahren mal weiter. In Dominica baden die Touristen in heißen Quellen. Ein bisschen weiter nördlich schmaucht der Soufriére auf Montserrat vor sich hin. Dies ist keine besonders stille Zone unserer Erdkruste …

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* Nächste Geschichte, die ich aber jetzt nicht erzähle: „Tapping the Admiral“  – wie Nelsons Leiche in Brandy eingelegt wurde. Googlen!

Geschichte(n)

Kleines Vorwort:  schon wieder hat mich die Ungeduld erfasst – dieser Beitrag ist schon per Satellit unterwegs, aber er kommt und kommt nicht an, also nochmals „von Hand“.

Anse Mitan, 5.4.2018

Man müsste Geschichte studiert haben. Oder wenigsten einen größeren Arbeitsspeicher im Kopf?! Dieses Hin- und Her! Wer hat hier wen und wann besiegt, wer hat wem welche Insel abgejagt? Ich versuche mich gerade durch die Wirrungen karibischer Kolonialgeschichte zu arbeiten, all das übrigens ohne ausreichenden Internetanschluss (danke, WikiTaxi!); der Eigner muss Tagesgeschehen absurfen, das ist auch wichtig, ich kriege es dann aus zweiter Hand.
Gestern gab es einen Tagesbesuch drüben in Fort de France. Erst musste ich mich mit einem Markthändler anlegen – ich wollte nur wissen, ob „Bois d’Inde“ das gleiche ist wie unser Piment, englisch: Allspice, musste aber sehr lang auf Gesprächsbereitschaft warten, der Typ quatschte unablässig mit der Markt-Informationstante; ja-ja, es hat mich ungeduldig gemacht. Ich habe das Beutelchen unwirsch zurück auf den Haufen geschnackt, da kam die Quittung. Kurzfassung: „putain!“. Nutte… Toller Auftritt.

Fort Saint Louis, Fort de France. EIn Klotz am Strand

Zur Entschädigung gab es eine Führung von Luic durch die alte Festung Fort Saint Louis, sehr gesittet, sehr informativ. Ziemlich französisch leider, und ich habe fast den Eindruck, dass meine in St. Laurent du Maronis als „schwierig“ beklagte Führung durch das Bagne einfacher war, rein sprachlich. Einen Vorteil haben solche Sprachlücken allerdings – man versucht, sich im Nachhinein einzulesen.
Das Fort ist tatsächlich beeindruckend; klar gibt es dickere, höhere – aber was man im 17. Jahrhundert alles auf die Beine, in diesem Fall auf den Strand gestellt hat, ist bewunderungswürdig. Kasematten, Pulverhäuser, Zugbrücken, unerklimmbar steile Mauern. Noch heute sitzt die französischen Marine hier und nutzt den schönen Sitz über der Bucht.

Es waren nicht nur die Briten und die Franzosen, die hier versucht haben, sich gegenseitig Land abzujagen, insbesondere waren auch die Niederländer in ihrem „Goldenen Zeitalter“ aktiv. Die Motivation für 3 Niederländisch-Englische Kriege mutet ein bisschen „trumpy“ an: „… was kümmert uns der eine oder andere Grund? Wir möchten ein Stück mehr von dem Handel, den die Holländer haben!“ Duh, wie der Amerikaner sagt. Harte Zeiten.

Das ehrenwerte Fort Saint Louis hat den Holländern und ihrem Admiral de Ruyter jedenfalls eine merkwürdige Niederlage eingebracht. Eigentlich waren die Holländer überlegen, es war auch schon alles kaputt, was kaputt gehen konnte, die Franzosen – im 3. „Dutch War“ hatten sich die Engländer mit den Franzosen zusammengetan! – hatten bereits begonnen, ihre eigenen Einrichtungen zur Barrikade zu machen, aber man weigerte sich schlicht aufzugeben. Nach drei Tagen, als das Verteidigungsgeballer der Franzosen dank Munitionsmangel schon erloschen war, gab es die Überraschung: der Kampfesmut der Holländer ließ plötzlich nach. Angeblich von der unangenehmen Seereise – gegen den Passat von Brasilien kommend – mit Seekrankheit und Skorbut geschlagen, zog Herr de Ruyter ab. Vive la France!

Die erwähnte Kooperation zwischen Briten und Franzmännern hat allerdings nicht lange angehalten: Fort Saint Louis ist zum Meer hin wunderbar geschützt, eine echte Bastion. Was also, wenn man sich von hinten anschleicht? Haben sie gemacht, die Engländer, und hatten Erfolg – so wurde aus Fort Saint Louis „Fort Edward“, zu Ehren Admiral Vernons. Aber nur kurz… und hin, und her, und wieder hin, wie es hier in den Antillen über Jahrhunderte gegangen ist. Das Gegenbeispiel mit umgekehrten Rollen liefert St. Georges/Grenada. Die Briten starren auf See, Franzosen kommen vom Inland. Überraschung! Es versteht sich von selbst, dass man in Fort de France 2 weitere Forts auf den Höhen über der Stadt gebaut hat. Ein Fort braucht zum Schutz eben ein Fort. Oder zwei.

Und was war so wichtig an diesem und den anderen Inselchen?! Richtig! Der Zucker. Vor allem die Marine musste mit Rum versorgt werden, ein bisschen Tabak und Baumwolle fiel nebenbei ab. O.a. Admiral Vernon hat übrigens dafür gesorgt, dass der starke, karibische Rum ab 1740 mit heißem Wasser verdünnt wurde – ich kann es mir so recht vorstellen, wie die trunkenen Seeleute nach ihrem „tot of rum“ sehr fröhlich in die Seeschlacht zogen – möglicherweise auch in die Schlacht mit den eigenen Beinen. Also: Grog ist dünner, also besser als Rum, so viel steht fest. Die Sitte der täglichen Rumzuteilung wurde übrigens bei den Briten erst 1970 (neunzehnhundertsiebzig!) aufgegeben, existiert aber als Ausnahmeerscheinung weiterhin, die Queen muss nur sagen: „Splice the mainbrace!“, dann geht es los. Hicks! Zum Spleißen der ekelhaft dicken Brassen bedurfte es auf alten Rahseglern zusätzlicher Motivation, drum: Rum. (Die Kanadier halten die Sitte mit dem Befehl „Up Spirits!“ hoch. Nicht weniger „hicks“.)

Wir haben keine Rahen zu brassen, also keine Brassen zu spleißen und halten uns daher fern vom Rum. Wir werden dieser Tage dann ein Inselchen weiter nach Norden und der alleraktuellsten Geschichte auf den Leib rücken: das von Hurrikan Maria geschundene Dominika steht auf dem Plan.
Bis dann!

Happy Easter!

… und Joyeuses Pâques und frohe Ostern! Gestern abend ist unser Internetabo ausgelaufen und das WIRD JETZT NICHT ERNEUERT, sonst hängen wir nächste Woche noch hier. Ostereier gab es, abgesehen vom Frühstücksei, nicht, wir wärmen die vom letzten Jahr auf: die waren vom Eigner handbemalt, vielleicht suche ich noch einmal ein Bild heraus… Wun.der.schön!  Hier sind sie, im Nachgang:

Guyana-Ostereier!

Mal gucken, ob wir das mit der Weiterreise hinkriegen – wir haben diverse Optionen: St. Anne (ca. 1 Meile). Anse d’Arlet (15 – in Worten: fünfzehn! – Meilen) oder den ganz großen Schlag nach Fort de France. 20 unglaubliche Meilen… – wofür es aber heute schon zu spät ist, ich denke es bleibt bei St. Anne. Wenn wir allerdings dort das Internetabo wieder auffrischen – wer weiß, wer weiß, wann es weitergeht. Kleiner Scherz. Leider tut es die Digicel-Karte nicht, die ich eigens erworben habe – dabei hatte Digicel Grenada bis St. Lucia ihren Dienst treulich getan. Es ist auf nix Verlass. Also raus mit den Osterwünschen – per Satellit. Hoffentlich kollidiert Tiangong nicht mit der Mail!
Bis bald und habt einen schönen Feiertag!

Eine Reise durch die …

Le Marin, 24.3.2018

… durch die Welt? Nö, zur Zeit eher durch die Bucht.
Der Anker ist gut eingewurzelt und treibt schon Sprossen, auf Blüten warten wir noch. Kürzlich fragt eine Freundin per Messenger, wie es denn so aussehe mit „Euren Reparaturen“. Nette Nachfrage – welche Reparaturen? Ach so… ach, naja – ehrlich gesagt hängen wir eher ab. Bisschen mal am Rigg schrauben, heute mal ein Seitenfenster von außen zugekliert. Die Wasserpumpe hat eine neue Dichtung – im zweiten Versuch hat das Abdichten richtig gut geklappt; ein Ganztagesprojekt vom Eigner mit Erfahrungszuwachs und neu erfundenen Tricks. Rumpf geschrubbt ohne Tauchgerät – Rumpf nachgeschrubbt mit Tauchgerät.
Oder: Gasflasche füllen – Letzteres ein echt teures Geschäft, wobei man nicht alle der angefallenen Kosten der teuren Lebenshaltung in französischen Überseegebieten anlasten kann – ein bisschen Pech gehört dazu… Also, die Geschichte geht so: „… langsam brauchen wir mal Gas!“, denn die letzte Flasche hängt seit Dezember am System. Da schaut die Köchin schon skeptisch, ob’s anfängt zu flackern und zu blaken (tut’s bis heute nicht, die Trinis hatten wieder einmal reingequetscht was geht.) Part 1 der Mission: wo findet man in Martinique=Frankreich, wo das Befüllen von Butanflaschen den Profis vorbehalten ist und fremländische Flaschen ausschließt, volle Gasflaschen. Antwort 1: nirgendwo, fahrt zurück nach St. Lucia, das ist am einfachsten. Wirklich?! Part 2: klar, wir füllen selbst. Wo also kriegen wir eine volle Gasflasche her? Google weiß es nicht, daher: Dorfspaziergang, kombiniert mit Motorteilsuche. Da! Kiosk an der Ecke, wir werden schnell handelseinig: 21€ für 13 kg Butan, und 50 für die Flasche. Rückvergütung bei Rückgabe. Wer sagt’s denn. Schon gluckert das Gas auf dem Besandeck von einer Flasche in die andere, eine Routineübung. Das war Part 3, Mission fast erfüllt. Bleibt noch die Rückgabe der Flasche… also hin zum Kiosk, Part 4. Nee, sagt die Dame, Rückgabe nur „bei der Gemeinde“, Wo denn? Ach, oben in den Bergen, jedenfalls nicht in Laufweite. Das klingt ja nett! Zumal… Gasflaschentransport in öffentlichen Verkehrsmitteln ist verpönt. Verständlich, irgendwie. Taxi? Was kostet das? 30 Euro. Zum ersten Mal in diesem Theaterstück keimt in mir ein Fluchtgedanke. Leere Flasche stehen lassen und weg hier! Mittlerweile aber wissen wir wenigstens, wohin unsere Flasche muss, es steht nämlich auf der Quittung: „Rückgabe nur im SMCR-Büro in der Rue de Jambette“. Das ist nicht hier in den südlichen Bergen, das ist Fort de France! Gelegenheit zum Haupstadtbesuch! Easy! Flasche under cover in meiner großen Wäschetasche und … Bus! Freitag ist es so weit. Kläng! sagt die Tasche, als der Eigner sie am Bushäuschen abstellt. Pssst! Bus kommt, 2,10 p.P. bis Riviere Saléé. Dort umsteigen in ein „Taxi Collectif“, 3.80 p.P. . Schöne Bus- und Kleinbusfahrt mit Vollbetreuung für dusselige Touristen-Umsteiger durch eine mitfahrende Dame, Hilfsaktion für jemand, der sein Wechselgeld nicht eingesteckt hatte (hier versagte mein Französisch… die Unterhaltung lief mehr auf Patois ab). Ein englischsprechender Kleinbusfahrer, der uns seine Sprachkenntnisse zum Üben aufzwingt, stolz wie Oskar. Mutter mit Kleinstsäugling freut sich damisch, dass wir ihr unseren Platz anbieten – ist es hier unterschwellig doch ein bisschen kolonial und Weiße sind normalerweise nicht „so nett“? Egal, pfadfindermäßig eine gute Tat vollbracht. Mittlerweile ist es Freitagmittag (man horche auf!). Wir buckeln die Flasche noch einen Kilometer durch’s Industriegebiet – und stehen prompt vor einer verschlossenern Tür, die auch erst am Montag wieder geöffnet werden soll. Freitag, yeah! Auf die 12 Euro Transportkosten hierher darf man nun die Rückfahrt aufschlagen. Wir überlegen nicht lang: Flasche nach Le Marin zurück und Neuexpedition am Montag? Nochmal Verkehrschaos und langes Latschen auf Asphalt? Echt? Sechster und letzter Teil des Stückes: wir schreiben die Flasche und die 50 Euro Pfand ab.
Man könnte nun denken, dass es sich an diesem Tag mit dem Geldausgeben hatte, aber da waren wir noch nicht über den Decathlon gestolpert. Decathlon ist für den körperlich aktiven Menschen, was IKEA für den Wohnungsbesitzer ist: man braucht eigentlich nichts, aber man kann ja mal nach Duftkerzen und Kochlöffeln schauen! Wir kamen mit 2 neuen Handtüchern raus, als Schwitzabdeckung für die Cockpitpolster. Toll. Und einem Paar Flipflops. Und zwei Paar Trekkingsandalen. Eine Schnorchelbrille samt Schnorchel und eine Schwimmbrille. Und ein paar Kleinigkeiten mehr.
Wir waren echt platt, als wir am Abend daheim ankamen – viel gelaufen und zum Schluss 1h20 Wartezeit an einem offensichtlich selten angefahrenen Busstopp in Rivière Salée. Aber da kam dann wieder „Martinique“ zum Vorschein: ob ein festlandsfranzösischer Fahrer diese armen Segler auch  auf seinen übervoll besetzten Kleinbus geladen hätte?! Es ist ja hier alles ganz schön französisch, will sagen: französisch reguliert und ein Bus ist voll, wenn alle Sitzplätze belegt sind. Ganz schlüssig war er sich nicht, der Fahrer, aber dann siegte das Mitleid: „…die ersten Kilometer müsst Ihr auf dem Boden sitzen!“. Versöhnlicher Abschluss einer teuren Reise nach Fort de France. So geht KARIBIK!

Eine neue Schuessel

Marigot – hier hat mal die britische Navy gelegen und die Masten mit Palmwedeln getarnt. Die Franzmänner fuhren vorbei…

Le Marin/Martinique, 5.3.2018

Ein dunkler Montagabend, AKKA liegt mitten in der Lagune von Marigot auf St. Lucia an einer Mooring. Wir gucken auf AIS und MarineTraffic: OCEAN BLUE kommt! Noch 3 Meilen. OCEAN BLUE ist ein Zufalls-Facebookkontakt und bringt ein relativ neues Radardome; eigentlich verrückt: wir suchen ein älteres Radargerät, das zu unserem System passt, und aus St. Martin kommt uns ein Engländer entgegen, der einen Abnehmer für sein Altgerät sucht. Netter Zufall.
Wir funken, um zu verabreden, wann wir morgen die alte, neue Schüssel übernehmen können. Nee, sagt Derek, wir wollen rasch weiter, first light tomorrow. Ich gehe vor der Lagune vor Anker, lasse das Dinghy runter und komme rüber. Hehe – diese Geschwindigkeit ist völlig neben dem AKKA-Zeittakt: Arbeit nach dem Abendessen! Eine halbe Stunde später liegt die neue Schüssel – sie hat schon mal Transatlantik und die Ostküste der USA hinunter bis St. Martin gedient – auf unserem Cockpitdach, Kabel dran, und… wir haben ein zuverlässiges Radarbild. Zur Belohnung für den schnellen Deal gibt es 300 US$ auf die Hand und als Zugabe ein paar Tipps in Sachen Pazifik. (Es zwickt mich jedes Mal, wenn ich höre, dass Leute durch den Panamákanal gehen. Tuamotus. Cook Islands. Neuseel… Lang, lang, ist’s her.).

Vanish. Nicht gerade verschwindend klein.

Wir hatten uns eigens für diesen Deal in die Lagune gelegt, damit wir mit Zeit und Muße und gutem Licht dem Radargeschäft mit Derek nachgehen könnten, aber nun liegen wir hier gut, sicher, fest, also zieht die neue Radarschüssel für ein paar Tage aufs Salonsofa – sieht gut aus, man könnte sie dort sitzen lassen, nur vielleicht einen passenden Bezug nähen?! Jedenfalls nutzen wir die Gelegenheit lieber für ein paar Spaziergänge auf der Insel, fahren nach Castries, begucken die Marina in Rodney Bay… mei, ist das alles gewachsen! Die Marina ist gigantisch – und gigantisch ungemütlich. Platt im Industriegebiet, ringsum eine Ansiedlung von Ferienbehausungen im Floridastil – will sagen: sehr viel Shopping… „Karibik“ gibt es nur als pastellfarbene Hausdeko. Och, nö – wir loben uns den netten Verschnaufplatz in Marigot, wo man nicht mal den Motor anhängen muss, um an Land zu kommen, und harmonisches Paddeln ist auch eine Paarübung in Harmonie.

Jah Come und die Gemüselieferung

Jah Come rudert zu einem Schwätzchen und zum Tomaten- und Bananenverkauf heran, auch sehr harmonisch. Ein bisschen lästig waren die Boat Boys am Ankunftstag vielleicht, aber seitdem ist Ruhe. Für Kieferklemmen ist ebenfalls gesorgt, Whisper (Medium-Megayacht, außen schick, innen hässlich), Vertige (schwindelerregend modern) und … boah. VANISH! An ihrem Helikopter sollt ihr sie erkennen! Ein nachts neonbeleuchtetes Hochhaus (nicht wirklich hässlich!) für maximal 12 Gäste, wie wir ergooglen. So etwas leistet sich der stolze Auftraggeber für mickrige 125 Mio., wenn er seinen Autohandel für mehrere Milliarden an Warren Buffet vertickt. Unser Gemüsemann Jah Come wird von Vanish leider enttäuscht – er hat versucht, mit seinen Tomaten/Gurken/Mangos zum Zug zu kommen und wird auf Sonnabend vertröstet. „Da muss ich dann zeitig zum Markt nach Castries!“ Wer natürlich am Freitag im strömenden Regen Richtung Lagunenausgang verschwindet, ist VANISH, nomen est omen. Ist das gemein für den armen Jah Come? Ist es. Gemüsehändlerverarsche. Uns winkt er aber fröhlich hinterher, als wir auch unseren kurzen Hopser nach Martinique antreten. „Come back soon!“ Ich fürchte, alle diese karibischen Klein-Dienstleister sind an „Verarsche“ gewöhnt – wir nehmen uns da nicht aus, denn vertrösten können wir auch. Da hilft nur karibische Gelassenheit, auf allen Seiten.

Hatte ich gesagt, dass es Bindfäden regnete am Freitag? Ich guck‘ ins Zollbüro zum Auschecken: „… kann ich so reinkommen?“ „Your coat is dripping, take it off!“ Der Zöllner will keinen Teich vor seinem Schreibtisch, na sowas. Nach getanem Verwaltungsakt – ich kann mal wieder die Geschichte platzieren, warum AKKA so heißt, das ist meist lustig und verbindet – rutschen wir aus der Bucht. Tschüss, Marigot, war überraschend schön! In Höhe von Rodney Bay wird es uns zu blöd: Bindfäden ohne Wind?! Nicht für uns – wir übernachten noch einmal vor St. Lucia.

Der Rest der Schüsselgeschichte ist rasch erzählt – am Sonnabend geht es mit moderatem Wind und Welle hinüber nach Martinique. Eigentlich ein Fall für den Genaker, aber… wie sagt der Eigner: bis wir den oben haben, sind die 20 Meilen schon um. Dann nicht.
Ich muss keinen Schonbezug für unseren Radargast auf dem Salonsofa nähen, denn die Bucht vor Le Marin liegt am Sonntag (und bis heute) in weitgehender Windstille, und wenn ein Fächelwind, dann aus ungewöhnlicher Südrichtung. Das lockt den Eigner nach dem Frühstück in den Besanmast, die Gunst der stillen Stunden nutzen. Altes Radar abbauen. Alte Befestigungsteile abschrauben und reinigen. Phosphorsäurebäder, Drahtbürsten. Das neue Radar vorbereiten – glücklicherweise sind die Anschlüsse die gleichen. Nach dem Mango-Grapefruitsalat am Mittag das neue Radar hinaufhieven. Kabellänge im Mast anpassen – der stolze Eigner und Chef-Vorausdenker hat anno 2004 ein bisschen Kabellänge am Mastfuß auf Vorrat eingeplant, der uns heute gut zu Gesichte steht. Und dann: anschließen (Verpolung gerade so umschifft!). Fertig. Nun gut. Es dauert fast bis zum Sonnenuntergang, bis wir den Schalter umlegen können. Spannend! Mein Vater würde sagen: „… der Augenblick, wo der große Elefant sein Wasser lässt – Nichtschwimmer bitte auf die Galerie!“ Und?! Yess! Radar läuft. Ein Punkt weniger auf der neuesten To-Do-Liste (Abendunterhaltung in St. Lucia: „… was schreibst Du da? Ein Buch?“… Schweigen, Kritzeln… „Nein, die To-Do-Liste für Le Marin!“
Sieht aus, als ob wir noch ein paar Tage verbasteln werden. Ich werde gleich mal den neuen Lichtmaschinenregler abholen gehen. Damit der Eigner im Motorraum verschwinden kann. Aber immerhin: die Schüssel sitzt!

Cool!

Cumberland Bay. Mojito’s Bar

Soufrière, St. Lucia, 26.2.2018

Cool!  Nicht kühl, wie in Deutschland derzeit; wir sehen 20 cm Schnee auf Lübecker Stegen.  Hier ist einfach… Karibik. Cool!

Bequia, Gemüsestand an der Straße

Bequia war schön. Einfach „schön“, nicht mehr, nicht weniger. Alles da, was man so möchte, die Ankerplatzaufregung der ersten beiden Tage reduzierte sich für den Rest des Aufenthaltes auf scharfe Beobachtung möglicher Gegner; sehr beliebt hierfür immer die großen Charterkatamarane. Katamarangröße umgekehrt proportional zur Ankergeschicklichkeit. Das ergibt Ankerfeldkino mit Geschrei-Vertonung.
In Bequia genießt man das Touristenleben, es gibt zum Beispiel „Jack’s“, wo man am – hurrah! All you can eat! – Buffet teilnehmen kann. Sehr leckerer Mahi Mahi in Zitronensauce. Und würzige Rippchen…  Dazu ein Hairoun – in der östlichen Karibik sind die Biere gern in der Sprache der Cariben benannt. Carib, Hairoun, Wadadli… you name it. Im Hintergrund rödelt eine Live-Band alte Hits, Musik für die Altersgruppe derer, die zu „I can’t get no satisfaction“ auf Altenheimstühlen abhotten. Wobei die anderen Gäste tatsächlich die Tanzbeine schwingen –  No woman, no cry. Sittin‘ on the dock of the bay. Ain’t no sunshine.  Zielgruppe erreicht, ich bin beschwingt und hotte mit, auf dem Stuhl.  Das Ganze findet statt zum bisweilen beeindruckenden Brandungsgeräusch. Seefahrerische Nebenbemerkung – wir haben seit Tagen wirklich starke Passatwinde, und es läuft ein ganz schöner Schwell in die Buchten. Das Dinghy will vor Jack’s mit Heckanker vom Ponton weggehalten werden, sonst gibt es „damage“; nasse Klamotten auf den Überfahrten sind so oder so Programm, ich schwanke regelmäßig zwischen hilfslosem Gelächter und „och, nöö!“. Der lauschige Abend bei Jack’s zieht allerdings auch wieder klitzekleine Unmutsfalten auf der Eignerstirn nach sich – so richtig doll leuchtet unser Ankerlicht nicht. Das gibt demnächst eine Reise ins Masttopp.
Dabei hatte der Bootsalltag bereits ein recht feuchtes Wochenende für uns bereit gehabt… Das ging so: die Schipperin näht, der Wassermacher läuft, da hört sie die Hochdruckpumpe kavitieren (ein Lieblingsausdruck eines ex-Chefs. Luft schlucken soll das heißen). Sie guckt… der 5 Micron-Filter ist zu zwei Drittel leer, irgendwo zieht der Vogel Luft. Eigneralarm. Der guckt auch – hey, das spritzt ja hier überall?! Lange Geschichte in Kurzfassung: der Sonnabend ist ziemlich hin, denn nicht nur der Wassermacher zog Luft, sondern auch der Wasserhahn pullerte fröhlich nach unten – und just in diesem Moment hatte sich der Abfluss vom zweiten Waschbecken, in das der Wassermacher seinen Salzwasser-Überlauf entlässt, von den Rohranschlüssen getrennt. Was ein kleines, korrodiertes Schräubchen an Schweinerei anrichten kann… Den Abbau und die leckere Reinigung der Abflussröhre übernehme noch ich, danach ist der Fummler und Bord-Improvisierer gefragt, passende Schraube finden, anpassen. Wassermacher, Wasserhahn, Ablauf – das nennt man 3-in-1-Reparatur. Des Eigners Begeisterung lässt zu wünschen übrig, zumal dieser Unterschrank ein prima Ort für Torsionskünstler ist. Des Abends liegt er mit Kopfschmerz und Verspannungen und leicht entmutigt im Bett. Mittlerweile sind die Wasserspiele abgestellt, das Luft-Spiel allerdings will noch näher untersucht werden. Och, nöö.

Ginger Bread Café

Und sonst? Mount Pleasant (ächz, Asphaltstraße, aber ziemlich bergauf!) und Hintergassen. Dort ist normales karibisches Leben, und „Doris'“ bietet nebenbei alle Unmöglichkeiten importierter Esswaren, von Lindt über Knäckebrot bis zum feinen Brie, sehr willkommen. Immer mal wieder das „Ginger Bread“ für einen guten Kaffee, nebenan Maranne’s Eisladen (richtig, ohne „i“, und der Apostroph ist nicht deppert, sondern englischer Genitiv). Aber nach ein paar Tagen ist es dann genug mit „schön“.

Gegenverkehr

Nach schön kommt: cool!
Ruppige Überfahrt nach St. Vincent. Das Festlandspendant zum Segler-Paradies Bequia namens „Blue Lagoon/Young Island“  ist nicht anzusteuern, und das ist nach so viel „schön“ auch gut so. Aus Kingstown kommt uns die „Royal Clipper“ entgegen, auf Südkurs, unter Tuch. Navigatorische Frage: auf welchem Bug liegt so ein Rahsegler?  Die hat den Wind von Backbord das sah zwar nach Vorfahrt für AKKA aus, aber wir weichen doch lieber aus –  irgendwie ist so ein Teil mehr manövrierbehinderter Ochse als Segelschiff, selbst wenn sie wahrscheinlich unter Motor läuft…
In Buccament wollen wir ankern. Der Guide sagt dazu: ein lebhaftes Resort ragt in die Bucht wie ein schlecht sitzendes Toupet (danke, Herr Doyle, immer amüsant zu lesen!). Stimmt, es ragt – aber lebhaft ist es nicht, es ist eine totenstille Investitionsruine. Wie wir später hören, hat die Anlage – ein Timesharing-Unternehmen – schon zweimal Pleite gemacht, was wirklich schändlich für die Leute in den Dörfern ist. Besitzer über die Berge, Timeshare-Anteilseigner geprellt, Arbeitsplätze dahin. Doofer Platz, wir holen den Anker wieder aus dem Mud. Ein paar Felsnasen weiter wurde „Kearton Bay“ für uns gelobt.
St. Vincent bietet eine tolle Kulisse, es entspricht meinem Karibikklischee: wild und grün, grün, grün, dazu graue Wolken und Regenbögen. Für Yachties ist es eher so làlà – das Renommée, wenn es je ein gutes gab, hat in den letzten Jahren ziemlich gelitten, zuletzt nach einem Mord in der Bucht von Walalibou. Die Unsitte meist jugendlicher Boat Boys, Segler schon meilenweit draußen in der Annäherung abzufangen, um sich ein paar EC als Leinenhelfer zu verdienen, ist zwar verständlich, aber es nervt.
Der erste Kandidat prescht auf uns zu, lässt sich aber mit der Aussage abwimmeln, dass schon alles geregelt sei – ich hatte per Skype Kontakt mit dem Rockside Café in Kearton aufgenommen, die uns eine Mooring versprachen. Dann kommt Shawn. Da wird’s schon schwieriger mit dem Abwimmeln. „I take you to Walalibou!  You know: Johnny Depp! Pirates of the Caribbean“. Nee, Shawn, machst Du nicht, wir sind schon versorgt, danke Dir. Er fährt mit seinem – ganz beeindruckenden! – Aluboot mit dickem Motor neben uns her, lacht mal über Bemerkungen von mir, eher aber guckt er wütend. Die ganze Leier. Guter Preis, eigentlich ist er Offizieller, Kinder (hat er mit Sicherheit noch nicht!) sind hungrig, alle an Land sind Gauner, es gibt auch gar keine Moorings… Ja, ja, aber wir haben eine Verabredung. Ich bemühe mich, freundlich zu bleiben. In der Bucht warten Squint und Curtis auf uns und helfen freundlicherweise mit den Leinen. Wegen des Schwells werden wir vorn und achtern zwischen zwei Moorings gehängt, da ist Hilfe angenehm. Nette Jungs, Orlando hatte sie mir angekündigt mit der Maßgabe „und keine von den Boat Boys draußen heuern!“ Auftrag ausgeführt – wobei Shawn während des ganzen Manövers im Hintergrund mault und jammert „… die kriegen alles und ich nix!“  Ach, Shawn…

Kearton Bay. Das Rockside Café

Das Rockside Café ist ein kleines Privathaus, die Besitzer sind Orlando und Rosi, ein deutsch-vincentinisches Paar, die uns am Abend einen Fisch servieren und ein bisschen vom Inselleben erzählen. Außer uns gibt es noch zwei durchreisende Katamarane, mehr Platz ist auch gar nicht. Sehr angenehm, wenn man es mit dem benachbarten Walalibou vergleicht, wo „Piraten“ in Verkleidung für das

Squint als Taxifahrer. Bis zum Strand geht’s einfach…

Vergnügen sorgen und die Tagesgäste mit Musik beschallen; das kriegt man hier überhaupt nicht mit, denn wie in St. Vincent üblich, ist man immer von hohen Bergen umgeben. Wir bleiben eine zweite Nacht – und da zeigt sich dann der Nachteil dieser Jahreszeit. Nicht weil  es ungewöhnlich reichlich regnet, da gewöhnt man sich dran – sondern weil im winterlichen Passat pausenlos nördlicher Schwell die Küsten herunter rollt.

Spannend! Dinghy Landung in Kearton Bay. Curtis wartet schon…

Schon in Bequia war es zeitweilig ausreichend schaukelig gewesen, aber diese zweite Nacht in Kearton’s Bay ist wirklich hochseekojenpflichtig. Hm. Schnell ausklarieren und weiter nach St. Lucia – wir können ohnehin nicht bleiben, weil Rosi die Mooring für eine Voranmeldung braucht. Chateaubelair ist der Ausklarierungshafen. Und soll „rollig“ sein. Schon wieder? Im strömenden Regen steuern wir stattdessen die tief eingeschnittene Cumberland Bay an. Ha! Wer hätte

AKKA in Cumberland Bay. Regen?! Nicht doch…

Zum Trinken zu stark: St. Vincent-Rum

es gedacht: es gibt eine richtige Fahrwassermarkierung. In der Ferne eine Handvoll Yachten. Bei der Steuerbordtonne steht eine Person in einem Schlauchboot. Ostfriesennerz mit hoch aufragender Kapuze. Das ist Kenny, und die Kapuze steht so hoch, weil sie einen unglaublichen Rasta-Haarturm birgt. Wir ankern mit Heck zum Strand, Kenny legt unsere 50 m Landleine an einen alten Pontonstummel. „Mojito’s does nice food! Come in the evening“. Unaufgeregt, unaufdringlich. Hier ist gut sein… Wir lassen das Dinghy an Deck und Kenny fährt uns auf Zuruf hin und her. Tolles Essen mit flambierter Banane – der Sprit, der verbrannt wird, ist zu nichts anderem gut, denn trinken kann man dem lokalen Rum kaum (angeblich mit Bier mischen, das dreht wunderbar…).
Sehenswerte Taxifahrt zum Ausklarieren nach Chateaubelair – in unzähligen Kurven, über die Berge und Nebenwege in ein Dorf (die Krankenstation bietet „Popsicles“. Eis am Stiel – Service am minderjährigen Patienten!), runter zur See, rauf, wieder runter. Chateaubelair ist ein gottverlassenes Dorf mit etwas heruntergekommener Holzbebauung und den üblichen kolonialen Hafenresten aus grobem Gestein, und es hat je einen Immigration- und einen Zollbeamten. Wofür? Für den gelegentlichen Charterkatamaran?!

Brennpunkt des Lebens: Chateaubelair

Jedenfalls sind wir rasch durch mit den Formalitäten, die Herren Beamten können sich bald wieder dem Warten auf Kundschaft hingeben. Wir streichen Komplimente für den feinen Akzent ein („Germans normally sound different!“. Briten sehen das anders!) und schwatzen über die Dialekte auf den Inseln. An der Bushalteecke stehen wir mit Männern, die Macheten in die Gummistiefel gesteckt haben. Feldarbeiter. Gummistiefel sind

The one and only Wesley. Der Gemüsemann von Cumberland

dieser Tage unabdingbar, es schüttet aus Eimern. Alle vorbeifahrenden Busse (nach Trini-Standard 12-Sitzer-Maxitaxis) sind voll, aber ein 7-Sitzer-Kleintaxi nimmt uns mit.
Schade, dass wir schon ausgecheckt haben – St. Vincent ist

Bob!

einfach schön und wild und naturbelassen. Matschiger Fußweg von der Straße zurück zur AKKA. Auf Mojito’s Terrasse ist gerade Kleidermarkt – aus Pappkartons werden T-Shirts, Shorts und Kleidchen gezerrt. Altkleider!?  Altkleider. St. Vincent ist kein sehr reiches Land…

Das Ganze hat wenig von „Bequia“.  Sehr schlicht und ziemlich relaxed, man muss sich nur an die Art der Rastaunterhaltungen gewöhnen – was wie Dauerstreit klingt, ist ganz normale Kommunikation. Ansonsten: Kenny und Co. sitzen auf der Terrasse, man schneidet mit der Schere ein bisschen Kraut für die Dauerzigarette. Die Zigaretten sind „Bob Marley-Style“ und duften auch so. Sehr speziell, sehr entspannend. So sitzt man und starrt zum Horizont. „Looks like a charter. Does he come in?!“ Falls ein Schiff den Bug in die Bucht lenkt – auf! Das dicke Schlauchboot ins Wasser. Kundschaft!
Derweil kriegen wir an Bord Besuch: Wesley. „The one and only Wesley“, wie er sich nennt, mit Gemüse und Früchten. Hochwillkommen, und einen guten Schnack wert.

Kingstown. Google Map muss wissen wo es Kaffee gibt (es gab keinen!)

Kenny, der Zigarettenmann! Cool!

Am nächsten Tag nehmen wir den Bus nach Kingstown, um wenigstens noch ein bisschen von St. Vincent sehen. Allein die Busfahrten sind den Ausflug wert. Egal, wohin man fährt, wild ist es allemal, die Landschaft und die Fahrt als solche. Sagte ich 12-Sitzer MaxiTaxi? Der Eigner hat durchgezählt. 21 mit den gestapelten Kindern. Die Reifen quietschen, man hängt auf dem Nachbarn und hofft, dass der Fahrer weder Bier mit Rum noch allzu vielen Bob Marley-Zigaretten zugesprochen hat.
Cumberland – kein Idyll, aber ein Platz zum Wiederkommen. Wir fragen Kenny, wie das mit dem Ablegen ist, wir wollen früh los. „Ja, ich komme total früh. Vor 8!“ Unsere Lösung: im Morgengrauen schwimmen gehen, die Leine losknoten.  Wer ist um 06:15 da? Kenny. Wegen der Leine. Zigarette im Mundwinkel.
Kenny?  Cool. Wesley? Cool.  St. Vincent? Echt cool!

Bequia und der Weg dorthin

Panorama Horseshoe Reef

Schön, schön! Das Horsehoe Reef vom „Petit Bateau“-Gipfel aus.

 

 

Bequia 13.2.2018

So kann’s gehen: man liegt an der Ile Petit Tabac und zweifelt, ob man noch hinüber ins altbekannte Horsehoe Reef fahren soll. Die Schipperin mag, weil das Riff schön ist, die Eigner mag „aus alter Anhänglichkeit“, unser erster Besuch liegt viele Jahre zurück, Ende der 90er. Zum guten Ankerplatz findet sich das „zum Bleiben schön“-Gefühl, für 3 Nächte. Weil aber die Dinghyfahrten mit dem 3PS-Pöttermotor so mühsam und durchnässend sind, verziehen wir uns danach aus dem wunderbar windigen Ankerfeld „achtert Riff“  ins deutlich geschütztere hinter Petit Rameau, und auch hier kann man es gut aushalten.

Diese gebackenen Banaaanen1

Neuerliche „Bergwanderung“ auf Petit Bateau mit schönen Ausblicken. Mahi-Mahi-Essen bei Julia vom Grillstand Romeo, den Fisch direkt vom

In Julias Küche

Angelboot (der Eigner-Hummer wackelte noch…). Sehr karibisch: unter großen Bäumen auf grober Holzbank hockend, die Kante des mit Wachstuch belegten Tisches ziemlich unter der Kinnlade. Alles extrem lecker! Allein diese gebackenen Kochbananen! Die Rechnung nicht unbeträchtlich, aber lohnend. Eine merkwürdige Diskrepanz: dort dicke Schiffe auf türkisfarbenem Wasser, dazu die herangeschipperten oder auf

Voilà! Karibisch farbenfroh und lecker

eigenem Kiel hergesegelten Touristen, am Strand eine Reihe bescheidener Grillstände und die zugehörigen Ansässigen, zufrieden und fröhlich. Ich glaube, unter den Seglern gibt es mehr Meckerpötte, obwohl man, an der Dicke der Geldbeutel gemessen, denken könnte, es müsste andersherum sein.

Aber auch der netteste Aufenthalt – es waren 6 genussvolle Tage! – muss zu Ende gehen. In Sichtweite

Der Fahrende Winterstiefel von Canouan. Gedränge am Fähranleger.

liegt Canouan, da waren wir noch nicht, also hin. Die Bucht vor Charlestown ist weit, wir ankern im Achtungsabstand vor dem Fähranleger. Die Insel ist ein bemerkenswertes Stück Organisation. Im Süden wurde gerade eine kleine Marina namens „Glassy Bay“ eröffnet –  und im Segelführer steht, man hoffe, der Südteil der Insel werde nicht abgesperrt. Abgesperrt? Ja, genau so wie der gesamte Norden. Ein Luxusresort, ein paar private Villen – und ein Zaun. Wenn das Gleiche jetzt mit der Marinagegend passiert, wohnen die Canouaner demnächst „zwischen den Zäunen“, ein unangenehmer Gedanke. Ob die Anzahl der Bootseinbrüche vor Charlestown auch Ausdruck von Unmut ist?  Eigentlich müssten wir Lebensmittel einkaufen, und es gibt einen richtigen, italienischen „alimentari“, mit angeblich guten Sachen. Der Laden ist einem Italo-Hotelkomplex angeschlossen – vieles hier kommt uns „italienisch“ vor, z.B. die abgesperrte Bucht etwas weiter im Norden. Ankern nicht erlaubt – feudal italienisch am Strand essen darf man sehr wohl. Wir kratzen uns am Kopf – eine wenig heimelige Insel, auch wettermäßig: die Fallböen in der Bucht sind gewalttätig und der Wind soll noch zunehmen – schon auf den paar Meilen hierher hatten wir den vollen Passat auf die Nase gekriegt. Sollen wir noch an Land? Salami oder… ach schiete wat, weiter im Norden gibt es auch was zu kaufen. Cheddar statt Provolone. So machen wir uns auf den Weg – leider liegt Mustique voll im Wind, Bequia können wir gerade so anliegen. Also Bequia.

Zu dieser Strecke schrieb Segelfreundin Susan kürzlich: „… it was a romp, all the way to Bequia!“ Können wir bestätigen – das war wirklich eine „Nummer“. Die See bewegt – an die 3 m. Der Wind in den guten Mitzwanzigern, und immer schön hoch ran. Pedder, der Windpilot, verrichtet sein Werk unermüdlich, wir müssen nur aufpassen, dass uns die flinken, vor dem Wind dahineilenden Gegenkommer nicht umfahren – Verkehr ist reichlich in dieser Jahreszeit. Wir fragen uns, wie all diese südwärts strebenden, auf 1, maximal 2 Wochen beschränkten Charterer ihre Basen in St. Lucia oder Martinique wieder erreichen – die Nordrichtung im voll entwickelten Passat ist wirklich eine „Nummer“… Langsam schälen sich die Umrisse von Bequia aus dem Dunst, die Entfernung ist nicht wirklich weit, vielleicht 20 Meilen, aber eben holperig. Von Steuerbord sehen wir auf dem AIS einen großen Schlepper unseren Kurs kreuzen, bzw. er kreuzt ihn eben nicht – die Peilung steht, wie der Segler sagt. Eine stehende Peilung endet unweigerlich mit einer Kollision, die Annäherung kann die Schipperin, die auf der Cockpitsüllkante sitzt, über ein Stündchen oder so beobachten. „… na, wandert er nun aus?!“ Nee, tut er nicht. Wir wollen mit genau gleicher Geschwindigkeit die genau gleiche Ecke runden, und mit Schleppverbänden ist nicht zu spaßen. Solche Späße hatten wir in Indonesien reichlich, wir eirinnern uns an „Oh, wie schön ist Lummerland“, als sich „eine nicht kartierte Insel“ auf unserem nächtlichen Kurs verirrte. Oh, je. Ein Schlepper und 200 m dahinter (dazwischen sollte der Segler tunlichst keine Durchfahrt suchen!) eine riesige alte Schute mit Landeklappe, sie rücken näher, und auch da das ausdauerndste Starren keine gegnerischen Kurse ändert, wenden wir. Windpilot außer Funktion nehmen. Ach, wir machen eine automatische Wende unter Autopilot, wozu hat man diese beiden synchron zu drückenden Knöpfe. Sehr fein geht das in mäßig bewegter See! Die haben wir allerdings nicht zu bieten. Der Versuch scheitert, vielleicht an einer unglücklichen Folge von Wellen, in denen wir uns feststampfen. Macht nix, passiert halt. Variante Handsteuerung. Gleiches Spiel: Fahrt aufnehmen, sich nicht festfahren, rum die Bude. Jau, und steht. Die Schipperin schaut etwas belämmert, aber Übung macht den Meister, im dritten Versuch ist es geschafft. Die Wende ist von allerlei Geräusch begleitet, mein beliebte Kramablage neben dem Niedergang zum Beispiel entleert sich schlagartig nach unten, Nagelfeilen, Gastlandflaggen, Bändselbeutel, Postkartenvorrat, Bücher, Stifte (der Eigner wird zum Zustand unter Deck später sagen: „Dein Tablet ist noch heile!“ und  „… Du kannst auch gern mal vorn in der Vorschiffskabine gucken!“). Egal, aber durch den Wind ist durch den Wind. Nun folgen 15 Minuten wirklicher Romp – es kommt halt immer drauf an, in welchem Winkel einen die Wellen treffen, und dieser ist… ungünstig. Also halten wir den Ausweichkurs kurz. Die zweite handgesteuerte Wende gestaltet sich schon besser. Wir sind nahe an Bequia, die Ankerbucht liegt voll im Wind, da kreuzen wir nicht rein, wir motorsegeln! Motor an. Der Schipperin am Ruder flattern die Ohren, also hört sie nicht, dass sie nichts hört, aber am leicht hektischen Verschwinden und Wiederauftauchen des Eigners kann sie es ablesen, dass der Motor nicht anspringt – es gibt für alles mal eine Premiere. Später rekapitulieren wir unsere jeweiligen Gedankengänge – Wetterlage, Chance auf Ankern unter Segeln und wo? Zurück nach Canouan? Oder weiter?  Wie ankert man unter Segeln im vollen Passat? Spannende Frage. Der Eigner schaltet dann die – laut Anzeige gute – Starter- und die Verbraucherbatterien zusammen, worauf der Motor wenigstens ein keuchendes Kotzgeräusch macht. Nochmal!  „Gib mal mehr Gas!“  Keuch-kotz-uaa–uaa, wrrrummmm!  Ach, da bist Du ja, kleiner Motor!  Hattest Du Dich verschluckt? Hatte er wohl, vielleicht in einer der komischen Wenden ein Gläschen Wasser durch den Auspuff? Unangenehmes Erlebnis. Vor dem Low Bay-Strand fällt der Anker. Im zweiten Versuch, immerhin. Nachtpause.

Am Morgen pfeift es immer noch, Port Elizabeth ist von allen Seiten von grünen Hügeln umgeben, von denen Böen auf uns herabstürzen – nicht so schhlimm wie Canouan, aber dies ist eben die Passat-Saison, da bläst es. Dazu läuft etwas Schwell in die Bucht. Gucken wir doch mal, ob wir in der Tiefe des Hafens zwischen den vielen Seglern noch ein ruhigeres Plätzchen ergattern können. Auch das gestaltet sich mühsam, denn nach Norden ist die Bucht sehr tief, dann folgt ein Streifne ankerunfreundlichen, härteren Grundes. Im dritten Versuch hält der Anker – nicht ohne dass hinter uns ein Yachtie-Erdmännchen streng auf unsere Versuche schaut. So sehe ich also aus, wenn ich die Ankermanöver anderer beobachte! Einschüchternd! Kontrolle per Schnorchelgang – sehr gut es gefällt mir nicht. Ich liebe es, wenn mein Anker so weit eingegraben ist, dass man den Bügel kaum sieht; weg ist er schon, aber es guckt noch viel raus… Aber wir haben reichlich Kette draußen, wird schon. Am Abend legt der Wind noch einen Zacken drauf, die Fallböen könnte man als „wütend“ bezeichnen, was mich beunruhigt und mir eine Nacht auf der Cockpitbank beschert. Lieber sofort da sein, wenn der Ankeralarm piept. Schisserige Schipperin.
Am Morgen der Umzug. Weiter vorn ist ein Loch im Ankerfeld. 3m Wassertiefe ist schon recht knapp, aber es funktioniert gut. Schnell sind wir fest, und voll eingegraben, das beruhigt ungemenin. Ein angenehmer Tag mit Landgang folgt, Highlight: Besuch auf dem Rastamarkt. Unser Segelfüher schreibt: „… viele Kunden haben sich vor der  geballten Rasta-Verkaufskraft zu den kleineren Shops und Ständen in den Hinterstraßen verzogen!“  Da sagt er was, der Herr Doyle – aber spaßig ist es schon. Es gibt Kartoffeln, schöne Knubbelmöhren, frische Zwiebeln von der Dame gleich am Eingang, während hinter einem dauernd neue Angebote auf einen einprasseln!  Hier – Soursop! Probier mal – klasse Mango! Das Stück Sapodilla wird mir einfach unter die Nase gehalten, aber lecker ist es. Grapefruit! Lemon! Frühlingszwiebeln. Wir schreiten zum Zahlen. Zack! Eine Tüte grüne Bohnen vom Nachbartisch. Wer hier nicht entschieden „nein!“ sagt, hat verloren. So wie wir – es bleibt einem bei dem Ansturm nur ein hilfloses Lachen. Noch Eier? Noch Zitronen? Guck: ’ne Tüte frisches Basilikum! Und diese Papaya ist für morgen!
Die Anzahl der Bananen- und Zitronengeschenke, die wir zugesteckt bekommen, sind ein sicheres Zeichen dafür, dass wir heute der Rastagemeinde zu finanziellem  Gewinn verholfen haben. Wir werden trotzdem wieder hingehen, für manche Show muss man einfach zahlen. Auf dem Rückweg streichen wir noch ein frisches Baguette ein (klar, gibt es im Dive Shop oder so…). Zufrieden sinken wir auf die Cockpitbänke. Kleiner Pastis zum Sundowner?! Gern.
Kaum ist die Sonne weg, sagt es „bu-bumm“. Hä? Was war das? Und nochmal: „bu-bumm“. AKKA hoppelt! AKKA hoppelt „irgendwie“ auf Grund! Nee… Wir sind ins Flache geschwoit, und da liegen Klamotten. Ankerauf, zurück zum allerersten Ankerplatz, im Schwell, aber mit Sand und ausreichend Wassertiefe. Unter dem Schein der Taschenlampe fällt der Haken, er hält, alles gut, auch wenn der Abstand nach achtern zum nächsten Boot ein kleines bisschen knapp ist. Ruhige Nacht. Bis bewusster Nachbar zum Frühstück auf seinem Vorschiff erscheint: „… hey, AKKA! That’s close!  Dangerous!“  Ich geh‘ mal schnorcheln und guck‘ mit die Bescherung an.  Harmlos, zumindest wir mit unserem zuverlässigen Bügelanker würden nicht auf Drift gehen, was des Nachbarn Befürchtung war – beim seinem CQR-Anker sieht das schon anders aus, der liegt CQR-programmgemäß wie dumm auf der Seite. Von uns eigentlich ganz gut abgeschätzt, aber wo wir schon so gut in Übung sind mit „Umankern in Bequia“, können wir John schnell zu etwas Seelenfrieden verhelfen. Wir sind die Bequia-Ankermeister!