Noch mehr Blau

Black Point/Exumas, 23.2.2021

Alles blau hier. Meistens jedenfalls – nur Samstag/Sonntag/Montag nicht so ganz, 35+ Knoten Wind am Anker brachten auch ein paar Wolken mit sich, aber wenn Akka vorsorglich in einer tief eingeschnittenen Bucht liegt, die nach Nordost geschützt ist… dann muss man sich eben ein Fleecejäckchen anziehen und abwarten. Und ab und zu mal gucken, ob die spät angereisten (Charter)Yachten keine merkwürdigen Bewegungen in unsere Richtung machen. Taten sie nicht. Gegen das Geheule hilft, sich auf das Ohr zu legen, das noch was hört. Super Trick.

Schutzgebiet. Sehr lohnend.

Ein paar Tage zurück: nach Highbourne Cay kam der Exuma Land&Sea Park. Zunächst Shroud Cay, blau und besuchenswert. Bisschen kitschig blau, teilweise, als Ausgleich gibt es wassergefüllte Karstlöcher (Warnschild: No soap, no laundry washing“. Dass sowas eigens angeschrieben sein muss. Segler können wirklich merkbefreit sein!) . Am „Driftwood Camp“ sinnieren wir darüber, was wohl für ein Segler hier oben auf der Klippe über dem Meer eine Hütte aus Treibholz gebaut haben mag. Die Hütte existert nicht mehr, aber sie hatte bis zu ihrem Ende noch interessante Nachnutzer: Agenten der DEA, der Drug Enforcement Agency der Amerikaner, haben von hier den Flugverkehr zur Insel „Norman Cay“ beobachtet – und Norman Cay gehörte Carlos Lehder, einem Adlatus von Pablo Escobar, und war in den 70ern und 80ern Umschlagepunkt für das Medellinkartell. Und weil man solche Ausflugsziele ganz aktuell auf Facebook kommentiert, gibt es auch gleich Literaturempfehlungen dazu…*

Warderick Wells ist das Hauptquartier des Schutzgebietes und entpuppt sich als besonders schöner Spot. Blau, wie sonst, mit ausreichend Besuch von Rochen und Haien und ein bisschen Auslauf für Seglerbeine.

Ein Loch in der Inselmitte

Der netteste Auslauf heißt „Booboo Hill Track“. Wir haben das „boo-boo“ darin nicht getestet: man soll in finsteren Neumondnächten das Wehklagen der Crew eines vor Warderick Wells untergegangenen Frachtschoners hören. Lohn der (geringen) Mühe – die Bahamas sind grundsätzlich nicht sehr bergig – ist der Ausblick auf eine Akka im Trawlerpaket. Man sieht hier deutlich die navigatorischen Schwierigkeiten, die die Bahamas häufig bieten: so richtig viel

Akka im Trawlersandwich… tief ist es nur im Blauen

Wassertiefe kommt nirgendwo zustande. Man könnte meinen, dass Akka schon an der Sandbank kratzt. Die ebenfallls angebotenen Ankerplätze jedenfalls hätten wir mit unseren knapp 1.90 m Tiefgang nicht erreicht –  wir befleißigen uns daher eines (verbesserungswürdigen) Mooringmanövers; 3 Anläufe hatten wir schon länger nicht mehr. Der Verbesserung bedarf vor allem die Kommunikation: „Aufstoppen“ reicht als Manövervorschlag nicht,

Bitte hier entlang

wenn die Frau am Bootshaken nicht begriffen hat, dass es nicht der Motor ist, der uns zügig an der Mooring vorbeitreibt, sondern der Tidenstrom. Seitdem beschäftigt mich übrigens die Frage, ob es in einem Naturschutzgebiet erlaubt ist, trotz absoluten Fischverbotes nach dem verloren gegangenen Bootshaken zu fischen… – ich habe es einfach getan. Hat geklappt, und die Parkverwaltung hat nichts gesehen.  Da wir nicht die einzigen mit derlei Problemen in diesem schmalen Kanal sind, blicken wir später von Boo Boo Hill auf die friedlich schwoiende Akka und freuen uns, dass wir ungleich den anderen weder auf Grund gelaufen sind, noch mit dem Dinghy peinlich hinter dem Bootshaken herfahren mussten. Und der Blick ist unbezahlbar. Die vielen Inselchen im Hintergrund erinnern mich ein kleines bisschen an die Bay of Islands.

… etwas deutlicher

Akka, 1. Versuch

Boo Boo Hill bietet noch eine weitere Attraktion, es istnämlich Seglertradition, Strandgut – nur das, keinen Bordmüll! – bergauf zu schleppen, mit dem Namen zu versehen und dem Wind zu überlassen. Hübsch ist es ja nicht, aber eben Tradition. Wir gehen sogar zweimal, um dem Erstversuch des Schnitzwerkes etwas Farbe zu verleihen.
Wir halten es in Warderick Wells Cay deutlich länger aus als die „normalen“ Gäste, aber schon die Rochen- und Haiparade zum Sonnenuntergang abzunehmen ist ein Spaß.

Der nächste Spaß wartet aber schon. In oder bei Staniel Cay. Von Staniel Cay schreibt jemand, es sei „das Nassau der Exumas“. Also der ganz große Touristenauflauf… nicht sonderlich verlockend, aber es gibt zwei kleine Läden mit den gängigen Lebensmitteln, das kann man sich nicht entgehen lassen, wenn die Ei- und Gemüsevorräte zur Neige gehen. Die Wahrheit im Corona-Jahr 2: alles halb so wild. Wir liegen vor Big Major Cay in einer riesigen Bucht. Gewiss, es sind einige Yachten da. 30? Mehr? Auch ein paar dicke Dinger. Von der „Touristenflut“ und der „nicht abreißenden Kette von Highspeed-Booten“ ist nichts zu merken. Wir nehmen allerdings auch erst einmal Abstand, die berühmten schwimmenden Schweine aufzusuchen, wir hören es nur manchmal vom Strand her quieken. Die Besucher, nicht die Schweine. Die quieken, wenn man es allzu gut mit den Schweinen meint (oh, how cute!), und sie einen vor Begeisterung in den Hintern beißen. Aber irgendwann erliegen wir dem Sog doch, und… sie sind nett. Es sind ja nicht unsere ersten schwimmenden Schweine – unsere in Tonga waren nur nicht so berühmt.

Der pinkfarbene Laden

Mit dem Dinghy knallen wir über die nicht unbeträchtlichen Wellen (mehr sag ich nicht… außer vielleicht, dass es regencapepflichtig ist) hinüber nach Staniel Cay, das auch nicht so ganz das hält, was „Nassau der Exumas“ auszusagen scheint. Ein bescheidenes Dorf mit einem kleinen Touch „Griechenland“, wie wir finden, nur ohne Kafeneions. Ein bisschen staubig, ein bisschen rumpelig. Am Yacht Club versammeln sich die Gäste der großen Motoryachten, das sei ihnen gegönnt, und uns, dass wir vor den Yachten stehen und „oh“ und „ah“ machen (die richtig großen liegen hier nicht, die lassen sich vom Wasserflugzeug aus versorgen). Aber es gibt zwei kleine Läden, „The Blue one“ und „The Pink One“. Pink ist netter, und so reisen wir mit einer frischen Kerrygold-Butterladung weiter.

Next Stop: Black Point. Da fahren auch alle hin, weil es hier einen berühmten Laundromat gibt. Und bei Liliana kann man gut Fisch essen. Hier herrscht garantiert Ruhe und man kann, wie wir erfahren, starke Winde gut abwettern. Siehe oben. Dass wir die Winde mit 35 Knoten plus auch beziffern konnten, ist einer Kooperation des Akka-Teams zu verdanken: eine Reise ins Masttopp wegen „Windanzeige geht nicht mehr“. Ob die abgebrochen ist? Nein, der Blick durchs Fernglas zeigt ein vorhandenes Windrädchen. Verbogen? Auch das nicht. Gut wenn der Mastfahrer einen reichlichen Vorrat an WD40 dabei hat – damit kann er die Salzkrusten wegpusten. In 17 m Höhe. Irgendwie war der letzte „Blow“ dann wohl doch etwas Besonderes.

 

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* Spannendes Buch: Turning the Tide. One Man Against The Medellin Cartel  von Sidney Kirkpatrick. Eine Art Doku-Thrillergeschichte über Norman Cay, Carlos Lehder und einen etwas merkwürdigen Literaturprofessor und Taucher namens Richard Novak, der es mit den Drogenhändlern aufnimmt. 2/3 wahrer Hintergrund, 1/3 schön erzählt.

Bahama-Kitsch am Camp Driftwood

Satphone.me und andere Scherze

Big Major Cay/Exumas, 12.2.2021

… das hatte natürlich nicht geklappt mit der Übertragung des Blogeintrages über Satellitenrouter. Drum hier: Kommunikationsgemecker!  Vielleicht interessiert es den einen oder anderen, der sich mit Satellitentelefonie-Providern beschäftigt.

Unser Router ist ein Iridium Go!, und an dem gibt es nichts zu meckern, wie es auch am vorherigen Provider namens AST nichts zu meckern gab, über Jahre. Durch die Coronapause ist die SIM-Karte erloschen. eine neue muss her. Aus der meckerfreien Zeit schließt die etwas schlichte Schipperin, dass es eigentlich keinen Unterschied macht, welchen Provider man benutzt, Hauptsache, der Agent verkauft einem das gewünschte Volumen an „Airtime“ – in unserem Fall einen Jahresvorrat von 1.000 Minuten Datenverkehr oder 500 Minuten Sprechverkehr, und damit können wir die Mailanhänge der Wetterwelt empfangen. Weil wir im November ohnehin in den  USA sind, und es zu diesem Zeitpunkt brexitet, wählen wir einen US-Provider über Satphonestore, so weit so gut und so identisch mit AST. Einziger Unterschied: der Domainanteil der Mailadresse ändert sich von @onsatmail.com auf @satphone.me . Prima.

Nun erweist sich schon im November beim Installieren der zugehörigen Software namens XGate die Sache als „holperig“ – man muss bei Satphonestore anrufen, auf Lücken in der Gebrauchsanweisung auf der Webseite hinweisen… „… ach so, ja, da müssen Sie dann xyz…“ – „Ist das selbsterkärend?“ – „Nein!“  Mei. Geduld ist nicht meine Stärke, und die Story zieht sich ein paar Tage hin, bis es so einigermaßen klappt. Kleiner Scherz am Rande: bei den ersten Versuchen werden die Start-Icons gelöscht, man muss sich XGate dann aus den Program Files heraussuchen und starten, aber da das wie von Wunderhand geschieht, nehme ich auch die irgendwann folgende Selbstheilung für ein Wunder; auf den Service der Firma hoffe ich schon nicht mehr, die sind eher „Hilfe! Wir wollen doch nur verkaufen…“

Danach ist nur wenig Notwendigkeit, das IridiumGO! zu benutzen, bis auf zwei Wetterabfragen auf der Reise die Ostküste hinunter gibt es immer Internetverbindung. Aber hier, in den Bahamas, muss es sein! Wie es der Teufel will: im Hintergrund läuft Malwarebytes, und beim Start des XGate-Programmes macht es „pling“! „Im Programmordner für xyz wurde Ransomware gefunden und in die Quarantäne verschoben. Von XGate geht keine Gefahr mehr aus“. Als ich das dem Büro schildere, erhalte ich vor ein paar Tagen ein „I am afraid I don’t understand!“ und nach einer wortreichen Erläuterung mit Bildbelegen dann abrupt „… wir haben Ihr Ticket geschlossen, wenn Sie noch Fragen haben sollten, zögern Sie nicht, uns wieder anzusprechen!“. Habe ich gemacht und bin dabei eher in Anbrüll-Stimmung (gut, wenn man so etwas schriftlich macht). Auftritt des „Technikers“, der mir, die ich an einem entlegenen Ankerplatz in den Exumas dümpele, rät, schnell einen IT-Techniker aufzusuchen, es sei mit meinem Rechner was nicht in Ordnung. Mag wohl sein, aber IT-Techniker sind hier rar gesät, wir haben es eher mit Haien und Rochen zu tun.

Heute nun ein kleines Sahnehäubchen auf meine Liebe zum Satphonestore: der Versuch, einen Blogbeitrag per Satphone zu versenden, ist gescheitert. Warum bloß?  Forschungsarbeiten in den tiefen von WordPress und seinen Plugins setzen ein…  Es dauert, bis ich verstehe: die Domain der Mailadresse lautet nicht wirklich „@satphone.me“ , sondern @gnm-usa.com. Nicht dass das erwähnenswert gewesen wäre.

Es bleibt die Frage: muss ich das als User alles selbst erfahren/erleiden? Oder: handhabt Satphonestore seine Verkäufe schlampig ? Ich tendiere zu Letzterem. Und könnte mich täglich neu beißen, dass ich von AST und UUPlus / Onsatmail weggegangen bin.

Das Wort zum Freitag. Jetzt gibt es Kaffee am Ankerplatz auf himmelblauem Wasser und selbst gebackene Kekse.

 

Banana Quits und Werthers Echte

Shroud Cay, 4.2.2021
Spannung! Erster Blogeintrag über die neue Satphoneadresse… ob das wohl klappt? Wir sind gerade in Shroud Cay eingetrudelt. Sonnenschein, milder Wind aus Ost, und es ist so gut wie niemand hier, im schönen Exumas Marine Park. Wir haben uns eine Mooring genommen – man soll ja die lokale Wirtschaft unterstützen, und im Fall von Nationalparks sind wir ganz vorn dabei, zumal jeder geworfene Anker auch immer einen Einfluss auf den Seeboden hat.
So schön es auch wäre, Bilder von dieser Umgebung zu zeigen, ohne Internet wird das nix. Ohne Internet heißt übrigens, dass meine 575 Tage ununterbrochener Spanischlektionen heute zu Ende gehen, was für ein Absturz. Gelegenheit, unregelmäßige Verben zu inhalieren. Den Blow vom Montag/Dienstag/Mittwoch bringen wir fein hinter uns, für Akka stricken wir ein Netzpullöverchen aus Festmacherleinen, inklusive Ausschwimmen zweier Achterleinen an etwas entfernte Poller. Den Hai, der in der Nachbarschaft herumlungert, sehe ich erst, als ich vom Duschen zurückkomme, aber es war ohnehin nur ein Ammenhai. Das sind die mit dem kleinen Maul… nicht dass die nicht Schaden anrichten könnten: WENN sie etwas erfassen, verfallen sie bei größeren Happen ins Schütteln. Kommt bei Schwimmern auch nicht so gut. Aber die zusätzliche Leine ist es wert, gut gesichert ist halbgut geschlafen. – am Anker ware das definitiv eine schlaflose Nacht gewesen, das Geheule ist schon bemerkenswert. Um 3 Uhr 30 wache ich von einem unbekannten metallischen Geräusch auf. Hm?! Ich kann mir keinen Reim drauf machen. Nach einer Weile macht es „klack“ und durchs Luk kann ich die Oberkante des backbordschen Solarpanels erspähen – wir haben glatt versäumt, nach dem Auslegen der Leinen die Sicherungsdrähte der Panelstützen aufzustecken. Ein nächtlicher Deckspaziergang bei wütendem Wind ist spaßig, aber gleichzeitig dient er auch der Vergewisserung, dass sonst alles in Butter ist. Es dauert bis Dienstagabend, bis der Wind einigermaßen abklingt. Doch, doch, es war nicht schlecht, die Marina zu frequentieren. Unsere Abenteuerlust lässt eindeutig nach.
Von unseren Nachbarn zur Rechten – Origina-Franzosen mit kanadischem Pass – gibt es zum Trost ein Stück selbst gebackenen Apfelkuchen, wie wir auch schon zuvor mal ein Probierstück Weißbrot bekommen hatten und – klopf, klopf zur Abendbrotzeit – eine Portion frische Crepes. Es fragt sich, ob wir einen so ausgehungerten Eindruck machen oder es sich um einen Fall von Hellseherei handelt, was der Schipperin Kochkünste betrifft. Ich habe mich mit einem Stück unsere Weißbrotes revanchiert, aber Crepes… nicht meine Nummer; bei uns heißt das Pannekoken und ist nicht so fein. Ob unser Sauerteigbrot gemundet hätte, haben wir nicht getestet, das war nämlich gemäß dem Motto „bread happens“ nur Landbäckerqualitätsstufe B – eigentlich lecker, weil relativ feucht, aber nur mittelmäßiger „oven spring“. Stufe A wird gerade angepeilt, möge das Sauerteigbrot gelingen!
Sonst ist es aber auch spaßig in Highbourne Cay – wir bekommen täglich Besuch und täglich zudringlicher: ein Banana Quit sucht nach Krümeln, wunderschön anzuschauen mit seiner nektarfreundlichen langen Zunge. Wir lernen das Kerlchen – Mann oder Frau wissen wir nicht, die Geschlechter sehen gleich aus! – zu schätzen, denn abgesehen von zahlreichen Rundflügen durch den Salon (mit Gruß auf dem Kopfkissen!) taucht es begeistert ins Cockpitgräting ein um Leftovers zu angeln. So leicht kommt man zu einerm Reinemachevogel! Ansonsten bekommt man in Highbourne Cay eine Lektion in „wieviel Luxus kann ich mir erlauben?“. Eier, 12 Stück für 8 Dollar – kein Luxus. Milch, 1,8 Liter à knapp 9 Dollar? Schon eher. Der halbe Liter Sahne für ebenso 9 Dollar? Autsch. Wir denken an andere entfernte Orte mit Importwaren: Herrenhäuser Pilsener in Iquitos zum Beispiel. Hier ist das Highlight die Tüte „Werthers Echte“. Als wir eben aus Highbourne Cay auslaufen, naht der Versorger aus Nassau – das will a alles auch bezahlt werden, und der Eigner sieht das hässliche Schiff und fantasiert: „… guck mal! Der Versorger! Der lässt jetzt seine Laderampe runter, und das ganze Schiff ist voller Werthers Echte!“ Bonbons? Kein Luxus, die laufen unter „notwendiger Proviant“.

—- This e-mail was delivered via satellite phone using Global Marine Networks, LLC’s XGate software. Please be kind and keep your replies short.

Bugkorbschnorcheln

Bahama-Kitsch

Highborne Cay/Exumas, 23.1.2021

… das war vielleicht ein toller Tag gestern –  das muss auch in Coronazeiten mal so gesagt werden. Die dicke Schipperin sitzt im Bugkorb (auf einem Fender, sehr bequem) und beobachtet die Wassertiefen. Und so richtig tief ist es hier nicht. Nirgendwo eigentlich, aber wenn wie gestern kein Windchen weht und das Wasser spiegelglatt und kristallklar ist… einfach schön.

Am letzten Sonntag in der recht grauen Frühe lösen wir endlich die Landleinen und machen uns auf die Socken nach Süden. Mit uns noch zwei, drei andere Yachten, die meisten haben hier nur den Covid-5-Tagestest absolviert und eiern gleich weiter. Der Tag ist grau und wenig windig, die Maschine schiebt mit. Für die 65 Meilen reicht die Tageslänge gerade so aus – Tagesziel: „Little Stirrup Cay“, von dem der Segelführer sagt, man solle fernbleiben, wenn Kreuzfahrer anwesend sind, und natürlich kreuzt einer davon unsere Kurslinie; naja, eine Nacht werden wir das aushalten. Warum man wegbleiben soll, erschließt sich, als um halb 5 der Anker fällt: vor dem Strand einer Spielplatzinsel, mit Klettergarten und 3-stöckiger Riesenrutsche. Der Kreuzfahrer allerdings, der sich anzuschleichen droht, fährt irgendwo hin, denn der ist coronagemäß leer und legt sich, wie diverse andere in der Gegend, auf Reede. Außer uns ist noch eine Yacht da, und da wir nicht rutschen wollen, sondern nur ausruhen (und ein bisschen schwimmen) ist alles prima. Nächstentags eilen wir 20 Meilen weiter, nach White Cay. Für diesjährige Verhältnisse mit 12 Yachten ganz schön voll, aber es verteilt sich. Als Abstandspolizei fungieren die zahlreichen – schnaufff! –  Schildkröten, da geht einem das Herz auf. Wir machen Strandpicknick

Die andere Sorte Blau: Blue Hole

und besuchen das Blue Hole auf dem nördlich gelegenen Cay –  hier ist es bahamesich karstig, überall hat das Wasser Löcher in den Korallengrund gefressen, es gibt Höhlen und eben diese tiefen Löcher, zur Abwechslung zum den Türkisvariationen mal ein dunkles Grünblau.

Mittlerweile haben wir uns entschieden, den weiteren Weg über die Exumas zu nehmen und hopsen – daysailing ist unser Liebstes –  nicht zur größten Insel des Archipels, wohl aber zur Hauptinsel, das ist New Providence, die im Wesentlichen aus der Stadt Nassau besteht. Kleiner Covid-Sidekick: wer sich länger als 24 in Nassau aufhält und auf weitere Inseln reist, muss sich einem neuen Rapid Antigentest unterziehen. Wir legen uns für eine Nacht in die West Bay. Da wir nicht an Land gehen wollen, könnte man sicher eine zweite Nacht dort zubringen – der Wetterbericht hatte ein bisschen danach ausgesehen, aber als es Mittag wird, beschließen wir, schon mal ein paar Meilen entlang der korallenblockgespickten Südwestseite abzuspulen. Prima Idee, weil man um diese Tageszeit auch gute Sicht auf etwaige Untiefen hat. Doofe Idee, weil die Frau im Bugkorb sich einen ordentlichen Muskelkater im Arxx holt (vom Zusammenkneifen der Backen).

Akka malt Herzchen mit der Ankerkette

Und eine sehr gute Idee, weil wir so um die 5-6 Meilen südlich der Küste dann den Anker auf feinstem Sandboden fallen lassen, mitten im offenen Wasser, das nach Wetterbericht so still bleiben soll wie es auf der Fahrt schon war. Putziges Gefühl! Kaum Verkehr, in 2 oder 3 Meilen Abstand scheint ein Katamaran auf die gleiche Idee gekommen zu sein, sonst ist Ruhe. Akka wird es langweilig und legt in der Nacht die Ankerkette in herzförmige Schleifchen, das gefällt uns – zumal man es von Bord aus trefflich sehen kann, 5 m tief. Zauberhafter Ankerplatz!
Und weil wir schon ein bisschen vom Weg in die Exumas geschafft haben, genehmigen wir uns vor dem Aufbruch ein ruhiges Frühstück. „Mer du Jour“ mit ihrem wild bellenden Terrier überholt uns –  wir haben es gut, denn die Amerikaner ackern schon seit Sonnenaufgang…

Unglaublich klar…

Es folgt die eingangs beschriebene Fahrt über glasklares Wasser, die Schipperin sitzt vorn und genießt: es gibt keine Bommies mehr, sie zählt Seesterne am Grund und ist vollends beseligt, als sich plötzlich ein Delfin direkt unter ihren Füßen vor den Akka-Bug setzt und ein Weilchen mitschwimmt. Zum Greifen nah, aber zum Fotografieren kommt es dann nicht mehr, fotoscheues Gesindel…
So trudeln wir in Highborne Cay ein, unserem ersten Exuma-Stopp. Eine Handvoll Superyachten haben ihre Wasserrutsche ausgebracht oder lassen (wenige) Jetskis flitzen, alles in weitem Abstand und moderat; ich glaube, hier macht Sportfischerei einen Großteil des (fragwüdigen) Yachtspaßes aus, gestern belauschten wir einen stolzen Schiffsbesitzer, der 5 große Wahoos an einem Nachmittag meldete. Mich jammert es immer, wenn ich das höre.

… wir wollen nur baden!

Weil man seit gestern sieht, dass am Donnerstag ein „blow“ * auf uns zukommt, hat sich das Ankerfeld heute deutlich gelichtet, also ist es noch netter hier – es gibt sogar einen mit allem notwendigen ausgestatteten Laden, Frischgemüse, Obst, Gefrorenes.
Und es gibt die Ureinwohner – die lungern abends am Steg herum und lauern auf Fütterung.

Nachtrag am 29.1.

Geklauter Strandpavillon

Den Blow haben wir gut überstanden, wir sind nämlich in die – aua! Kostenpflichtig! – Marina umgezogen. Zunächst fühlt man sich ein bisschen wie ein Feigling, mittlerweile aber als Gast, und wir genießen angenehmes Marinaleben. Fahrräder stehen zur Verfügung, wir halten Picknick in einem der Strandpavillons (vermutlich unter Umgehung von „Mietkosten“), bestaunen das aufziehende Unwetter aus einem Schaukelsitz auf der Inselkante, ziehen mit der nachmittäglichen Kaffeekanne an den Strand… und beschließen, den Aufenthalt zu verlängern, denn dieser „Blow“ ist nur ein Übungsblow – ein richtiger kommt morgen auf uns zu. Kurz: so geht es uns gut. Aber dann, aber dann… geht es (irgendwann) weiter.

Der Wettermann auf der Schaukelbank

 

 

 

 


Es bläst!

* …das muss man sich mal auf einer Atlantikkarte angucken – ein gewaltiges Tiefdruckgebiet, von dessen Rückseite wir hier etwas abkriegen! Betrifft auch die Vendée Globe-Segler, die noch unterwegs sind. Gruselig!

Bahamas, zum Ersten

Schon besser! Westend, Grand Bahama nach der Front

Lucaya, Grand Bahama – 13.1.2021

Wir hängen ab!  Was für eine Überraschung. Etappe 1: 2 volle Tage in West End  – sehr nett, türkises Wasser, Spaziergang auf die Landspitze, ein kühler Pool und überhaupt niemand da!  Die anderen Segler und Motorboote (davon immer wieder amerikanische Angelboote unterschiedlichster bis gigantischer Größe) fliehen solche Verhältnisse, möglicherweise weil „nix los“. Wir finden’s angenehm. Am Mittwoch dann Etappe 2, die 30 Meilen ums Eck nach Lucaya, denn am Donnerstag ist Rapid Antigen-Testtag. Die Gesundheitsbehörde der Bahamas belatschert uns täglich mit Fragebögen, die wir treulich ausfüllen – „…hatten Sie in den letzten 24 Stunden Kontakt zu Covid-Positiven…“ o.ä., gefolgt von einer Symptomabfrage und zum Schluss der Gewissensfrage, ob man weiterhin gewillt sei, den Coronavorschriften Folge zu leisten. Ei, sicher doch! 

The Medical Pavillion, Lucaya. Drive through oder stell’s Fahrrad daneben.

Am betreffenden Tag radeln wir zum Test –  hinter einem kleinen Praxiskomplex stehen zwei EZ-Up-Zelte, von denen eines als „Drive-Through“-Testlokal eingerichtet ist; „… bleiben Sie im Wagen sitzen!“. Wir stellen stattdessen die Räder ab – die Testerinnen kennen das schon. Ah – Yachties! Schon haben wir wieder einen Wattebausch in der Nase, dieses Mal etwas kitzliger als in West Palm Beach. Fertig. Ergebnis kommt in einer Stunde! Wir besorgen derweil eine bis zwei SIM-Karten für die Telefonie bzw. die Internetsucht und besuchen einen wohlsortierten und nicht gar so teuren Supermarkt – preislich angesagt war:  Furchtbar! xfache Preise gegenüber USA! Danach sacken wir bei einem Café Latte vor Gregory’s kleinem Feinkost-Café-Lädchen ab. Was verleitet einen – baah! diese Preise! Endlich richtig schön furchtbar: das zuvor vermisste Vielfaches hat seinen Auftritt… – dazu, eine Tube italienische Mutti-Tomatenpaste zu kaufen (weil es praktisch ist und nicht gammelt!) oder für 10 Dollar eine Tüte Bahlsen Weihnachtskekse zu erwerben (weil wir eben Hannoveraner Leckermäuler sind, darum! Und Weihnachten ist sowieso vorbei, man muss die Läden ja von Restposten befreien…)

Das Sinnbild der Woche!
Unser Gastlandflagge

Und sonst? Surfen. Der 6.1.2021 wird sicher ein gruseliger Erinnerungstag in den USA bleiben – wir sind entsetzt, und obwohl es ja viele Unkenrufe gab, erschreckt uns die Gewalttätigkeit dieser  – ja, was sind das? Protestler?  Nein, wildgewordener Mob. Und Sr. Donald steht im Kaschmirmantel in einem Zelt im Garten und guckt sich zu aufmunternder Musik auf riesigen Bildschirmen das an, wovon er behauptet, er habe damit nichts zu tun; seine jubelnde Famile grimassiert dazu in die Mobiltelefone. Er hat die Leute aufgehetzt und tut es weiter. Unverantwortlich und unverständlich, dass das in breiten Schichten nicht gesehen wird. Die Kommentare in den sozialen Medien ziehen einem die Schuhe aus, und das Ganze treibt noch andere, interessante Blüten: auf Facebook bin ich Mitglied in einer Sailrite Users Group, zu rein sachlichem Interessenaustausch über das Nähen von Canvas auf semi-industriellen Maschinen – und heute gab es ein Hurra auf die Tatsache, dass auf einer alternativen Plattform nun auch eine Sailrite Users Group besteht. Wenn man schaut, was das für eine Plattform ist: natürlich – deutlich konservativ, deutlich rechts. Versteht man’s?  Ich nicht. Ich habe ja bekanntlich eine rechts-links- (oben-unten) Schwäche und werde meine Canvassachen wohl weiter neutral und knapp links der Mitte nähen. Ich find’s bedenklich. Wie ich auch den Mitsegler bedenklich finde, der uns mit Deep State und Corona-alles-Fake-Ideen kam. Wenn’s gegen Wissenschaft und Wissenschaftler geht, habe ich eine sehr kurze Zündschnur…

Das alles ruft nach Entspannung.  Wir machen gelegentlich Ausflüge in die Umgebung, zum Beispiel am Sonntag, als uns einfällt, dass wir eine Probefahrt mit dem frisch gewarteten kleinen Außenborder machen könnten. Wartung ist der richtige Begriff – der Motor hatte uns warten lassen. Mit dem Anspringen: Dreck in den Benzinleitungen. Forschen und Säubern und – Probefahrt. Eine Picknicktasche gepackt und dann auf adventure tour durch die hiesigen Kanäle, denn Lucaya ist ein „development“, kein altes bahamesisches Fischerdorf. Ein paar vielstöckige, ein paar moderatere moderatere Ferienwohnungsanlagen, ein ganz nett ausschauendes Hotel. Und alles… leer. Fabian, der Dockmaster meint, es sei erst im Juni/Juli Hochsaison, aber dass wir in dieser riesigen Marina (mit einigen Dorian-Schäden aus 2019) nur 5 Besucherboote sind, ist schon recht wenig, denn für Segler ist jetzt Saison.  Nun gut – man reist hier an, testet und geht zügig weiter. Bis auf die Akkanauten, die bleiben erst einmal kleben. In den Kanälen, durch die wir tuckern, ist viel verwaister Platz für reichlich Boote, und, wie es sich für diesen US-Anrainerstaat gehört, alles schön „privat“. Landzugang fürs Picknick? Nö. Es wird ein Drifting Picknick im Dinghy, auch sehr nett. So speisen wir „Pollo Fino“ (= entbeinte Hühnerschenkel mit Jerk Chickengewürz, auch unsere Küche nähert sich der Karibik…) und Äpfel und Orangen und lassen uns die Bahamasonne aufs Haupt scheinen.

Planungssitzung am Pool

Anderentags wagen wir die ganz große Tour – mit dem Fahrrad 150 m zum Pool, wo man sich zu einer Planungssitzung mit Seekarten und den elektronischen Navigationsgerätschaften breit machen kann.  Ist ja keiner sonst anwesend. Kurz: es ist auszuhalten, aber da die Planungen laufen, werden wir über kurz oder lang den Standort wechseln. Tagesschlag nach Süden. Berrie Islands. Und dann? Irgendwie weiter.

No elephants

Unterwegs Richtung Bahamas

Oder: von Grün zu Ultramarin zu Türkis

Old Bahama Bay/Westend, Grand Bahama, 4.1.2021

Am Weihnachtstag hatten wir sie gesehen, die Elefanten, vor denen in der Florida Strait immer gewarnt wird. Es hatte einen Frontdurchgang gegeben mit dem klassischen Norder, und als sich das Wetter beruhigt hatte, war die Chance auf einen Weihnachtsspaziergang auf Peanut Island gegeben – gut, denn schon am Heiligabend konnten wir nicht von Bord. „Hey, guck mal die Elefanten!“ Was? Der Eigner ist konsterniert, aber da sind sie: durch das Lake Worth Inlet auf den Horizont geschaut, sehen wir sie ihre Bahn ziehen. Ein Elefant nach dem anderen, wie die Elefantenpatrouille im „Dschungelbuch“. Aufgetürmte Wellen, sehr beeindruckend und der Beweis, dass mit Nordwinden auf dem Golfstrom nicht zu spaßen ist. „Watch out for the elephants“. Alte Floridaregel.

Wir haben die Reise über den Golfstrom ohne Kämpfe mit Elefanten erledigt; es war aber auch mit moderatem Südwestwind – zwischen 15 und 20 Knoten – ausreichend holperig; die lokalen Ratgeber sagen dazu: „… it will be salty“.. Die Story dieser kurzen Passage ist lang, denn durch Covid sind die bürokratischen Hürden für die Einreise in die Bahamas hoch. Für uns fängt es am 27.12. an, als sich für das folgende Wochenende ein Wetterfenster aufzutun scheint –  die Abfolge der Fronten hier ist kurz, alle 5 bis 6 Tage rückt solch ein Schlechtwetter von Westen an, dann dreht der Wind von Ost über Süd und West nach Nord, das ist der Frontdurchgang; zwischen den Fronten liegen längere Perioden mit Ostwind, auch nicht die Windrichtung für einen Kurs fast direkt nach Ost. Naht eine Front, dreht der Wind langsam auf südliche Richtungen, schon besser, aber nicht sonderlich langlebig. Alles eine Frage der Strategie. Ist die Front langsam genug, kann man den Anteil an Süd- und Westwinden nutzen, um elegant über den Strom zu setzen. Und so verfestigt sich unser Wetterbild, am Montag, am Dienstag… wir steigen schon mal in die Schuhe, um uns auf Covid testen zu lassen. Manche machen das an kostenfreien Teststationen – die leider den Nachteil haben, dass die Testergebnisse 2, 3, 4 Tage Rücklauf benötigen – aber der Segler braucht allein einen Tag, um die Strecke zu bewältigen und in der Regel erlauben die Bahamas 5 Tage zwischen Test und Check-in. Das macht nervös, nervös genug um die Luxusvariante zu wählen: Bezahl-Labor (nicht zu knapp, die Gebühr; schenken wir uns zu Weihnachten!). Zwar sind über die Feiertage die Fristen auf 7 Tage verlängert, aber ein befreundetes niederländisches Paar macht vor, wie die Sparversion schön in die Hose gehen kann: am Dienstag getestet mit dem Versprechen, die Ergebnisse am Silvestertag zu erhalten. Nix da, und da ab 31.12. mittags bis Montag früh kein Labordienst geleistet wird, sind die Gesichter lang, sie müssen

Mal schnell ein Swab Test auf der Clubtreppe

das Wetterfenster unverrichteter Dinge vorbeiziehen lassen.  Dann lieber die Bezahllaboraktion, die wir sogar sicherheitshalber noch einmal auf Sonnabend schieben; aber dieser Test ist vom Feinsten: wir sitzen in den Fahrradklamotten auf den Stufen der Sailing Clubs, Kate rollt im firmeneigenen BMW heran, eigens aus Hollywood (in Florida). „Ach, Ihr könnt sitzen bleiben!“ – schon haben wir die swabs in der Nase, Loch 1, Loch 2, fertig. Und bis auf die Tatsache, dass ein – natürlich negatives – Testergebnis auf den Namen Andreas Deutsch ausgestellt wird* und noch einmal für kurze Verwirrung sorgt, haben uns am Abend die Bahamians die Erlaubnis erteilt, einreisen zu dürfen; das machen sie wirklich gut und zügig. Abgemacht. Wir fahren los.

Grün: unsere Kursrichtung – rot der gesteuerte Kurs. Hier die mildere Variante

Kurz nach Sonnenaufgang gehen wir ankerauf, 6 oder 7 Segler können wir ringsum ausmachen. Wir fahren den klassischen Bananenbogen nach Norden, dann muss man nicht so in die Wellen knallen, behält dafür bis zum Schluss den Winkel hoch am Wind bei. Wie? Ihr wollt nach Ost, es ist Südwestwind und Ihr fahrt hoch am Wind? Genau. Der Strom beschert Euch in Europa ganzjährig moderate Temperaturen, und wir bezahlen das mit einem Abdriftwinkel von 40- 50°, das ist unglaublich – ich weiß gar nicht, wie die Leute das früher ohne GPS und Plotter gemacht haben. Naja schon: da wurde über Generationen ein Kurs von 120° weitergegeben, um vom Lake Worth nach Grand Bahama zu kommen; die Rasterkarten haben alle Peillinien zwischen Start- und Zielorten. Genau diesen Kurs halten wir ein. Andere Segler steuern augenscheinlich genau auf der Kurslinie auf ihrem Plotter, wir sehen sie mit der Höhe kämpfen. Im Endergebnis sind wir alle am späten Nachmittag gleichzeitig im Hafen. Gut gemacht! Bis auf die Tatsache, dass mir doch tatsächlich auf die letzten Meilen noch schlecht wird, das Setzen der Gastlandflagge bringt mich knapp an die Kotzgrenzen.

Bahama-Flagge im Grau

Das Feeling am Montagmorgen? Ostseesommer. Die Front naht, es bläst schon aus Nordwest und jammert ein bisschen in den Riggs, ein nettes,  vertrautes Geräusch und noch dazu etwas wärmer als Ostseelärm. Gestern im Grün des Manatee-Wassers im Lake Worth gestartet ging es über das Ultramarinblau im Strom (ein irre tiefes, leicht violettstichiges Blau, wir haben gleich über Schul-Farbkästen gesprochen!) ins… naja. Elefantengrau der Bahamas. Das gerühmte Türkis deutet sich schon an, aber warten wir noch auf Sonnenschein, der es so richtig zum Leuchten bringt. Wenn die Front durch ist.

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* Der Nachname wurde vom Pass abgeschrieben – herrje, immer wieder passiert es, dass die Nationalität zum Namen erhoben wird, unsere Pässe sind optisch echt doof!

Neujahr und so…

Ein Boot voller guter Wünsche!

West Palm Beach, Florida, 2.1.2021

Da ist uns doch der Feiertagsgruß durchgegangen!? Auf anderen sozialen Medien sind wir der Pflicht nachgekkommen, aber hier holen wir das schnell nach:

Alles Liebe in die Runde für ein fröhliches (!), gesundes Neues Jahr!

Der mutmachenden Wünsche gibt es reichlich, und ich finde, das schlägt auch durch: fast scheint es, als habe 2020 die Leute ein bisschen zusammenrücken lassen, trotz „social distancing“. Ganz viele freundliche Grüße gingen über Mail/WhatsApp/Facebook ein, das war ein richtig angenehmer warmer Regen, vielen Dank!

Wir bereiten uns gerade drauf vor, die USA zu verlassen, morgen Nacht sollte so weit sein – sofern wir denn positiverweise noch negativ getestet werden und die Bahamians uns ein Health-Visum (englisch: visa…, auch in der Einzahl, ein sprachlicher Aufreger) ausstellen. Das erwarten wir jetzt gespannt. Kann losgehen!
Lasst das neue Jahr zuversichtlich und entspannt beginnen!

The extra mile

West Palm Beach. Vorne ziemlich „hui“!

West Palm Beach/Florida, 18.12.2020

Walking the extra mile – das nennt man hier so, wenn Leute einen Umweg für einen machen. Oder auch „going out of their way“, seinen Weg verlassen, für andere. Nett können sie hier sein, wirklich. Politisch ist es nach wie vor kitzelig, zwar bastelt Joe Biden an seinem Kabinett und setzt Leute ein, die auch ein bisschen die enttäuschten Progressiven einfangen sollen, die für das kleinere Übel gestimmt haben (Buttigieg, Haaland, Regan in den letzten Tagen), währenddessen heizt Donnie weiter die Stimmung an (schickt aber auch trostreiche Sprüche nach Europa „the vaccine is on its way!“.  Immer für eine Clownnummer gut, der Herr). Mein Lieblingsspruch dieser Tage ist – ich übersetze mal „Obwohl die Wissenschaft festgestellt hat, dass Corona überwiegend durch Mund und Nase übertragen wird, steht nun fest, dass Arxxlöcher den wichtigsten Übertragungsweg bilden“. Das ist ein Meme mit Lucy aus den Peanuts, sehr schön!  Da Lucy ja auch das Psychologenbüdchen bei den Peanuts betreibt (zur Erinnerung: „The psychologist is: IN“), gibt es auch ein Bild von Donnie an diesem kleinen Beratungsstand: „Pardons 1 Dollar – The President is: IN!“  Möglicherweise ist er das dieser Tage tatsächlich, ganz in der Nähe, und hält den Verkehr auf: wenn Trump in Mar-a-Lago ist, öffnet die Flagler-Memorialbrücke nur ganz selten. Der Kerl hält den ganzen Schiffsverkehr auf, der Gegensatz zur extra mile. Ein Nachbar hat ihm dieser Tage geschrieben, er möge doch bitte woanders hinziehen als nach Mar-A-Lago…

Wir haben es auch gerade mit Meilen zu tun. Zunächst mal hatten wir wunderbare Segelmeilen von Cape Canaveral nach West Palm Beach, 19 Stunden sanftes Segeln. Gern würden wir jetzt die Meilen nach den Bahamas hinter uns bringen, auch dazu muss man die „extra mile“ einrechnen: man muss nämlich des Golfstroms  wegen ordentlich nach Süden vorhalten. Aber dazu gibt es im Moment gar keine Gelegenheit –  das Wetter nagelt uns fest. Diese Woche hatten wir ein klitzekleines Fenster, in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, das wir ab Montag scharf beobachtet haben. Wir arrangieren den Covid-Test für Dienstagmittag auf dem Parkplatz des Palm Beach Sailing Clubs (auch das eine extra mile, mit dem Dinghy…), aber das Fenster wird immer kleiner, so dass wir uns dagegen entscheiden; den Testtermin können wir gerade noch absagen. Nun sitzen wir hier, und bis nach Weihnachten sieht alles ziemlich „windig“ aus, und zwar windig aus der falschen Richtung.  Wir werden es verkraften und die Situation im Auge behalten – das Visum ist noch 5 Wochen gültig, nach Weihnachten  sollte was gehen.
Aber es werden keine Däumchen gedreht – während ich mit mehr oder weniger dauerhaft schließenden Einmachgläsern kämpfe (die eingekochten Bratwürstchen im Bonne Maman-Glas haben wir gestern Abend zur Hälfte vertilgt, wegen „Unschlüssigkeit“), macht sich der Eigner an Technisches. Langweilig ist es nicht, und es erfordert einige Radelmeilen in der Stadt.

Intrepid. Nur das Begleitschiff für die Luxusyacht Infinity *

Unsere Ankerposition ist ein bisschen abgelegen, zumindest was das Feld der anderen Ankerlieger betrifft, ich finde es aber angenehm hier. Ich kann schwimmen, das ist wichtig, ab und zu kommt eine dieser wahnwitzigen Luxusyachten vorbeigeschippert und lässt unsere Münder offen stehen. Vor uns die Reihe derLuxusanwesen, hinter uns werden Container geladen, gute Mischung. Allerdings muss man einiges auf sich nehmen, wenn man zum Einkaufen möchte: entweder man bindet sich für ein kleines Parkentgelt bei der Riviera Beach Marina an (tadadadaa! Klingeling! 16 Dollar für 3 Stunden!) und hat es dann nicht gar so weit zum Publix Supermarkt an der Blue Heron Bridge, oder man rödelt die extra mile nach Süden zum Palm Beach Sailing Club, muss dafür dann 3 Meilen zurück nach Norden, und das inklusive der steilen Hafenbrücke.  Bei anderen Anlegemöglichkeiten machen wir die Erfahrung, dass man nicht immer die „extra mile“ geht, um es uns nett zu machen, da kriegt frau dann ein striktes „…we don’t do dinghy docking“ zu hören (dabei war’s beim Schwesterclub von Riviera Beach. Dummbätze. Oder auch nicht, ich glaube, Amerikaner leben oft in der Furcht vor Schäden und haben gern Rechtssicherheit). Das Resultat – nämlich unverrichteter Wäscherei- und Einkaufsdinge abzuziehen – fordert meine Ungeduld ungebührlich heraus, so dass die Stimmung eine kleine Delle kriegt. Szenen einer Bootsehe. Da kümmern wir uns doch lieber um die Gefrierbox. Will sagen: the extra mile, per Fahrrad. Die Räder schließen wir nun beim Sailing Club an (Wochengebühr 100, aber dafür dürfte man auch duschen, parken …) und dann ab dafür. Australian Avenue, Beard Marine – Bestellung einer neuen Kühlschranksteuerung. Dabei fällt uns ein, dass das Wasser in letzter Zeit einen leichten Salzgeschmack hat –  ob wir eine neue Membrane bestellen können? Die alte datiert aus dem Jahr 12.  Wir können. Zurück zum Boot, Wasservorrat herstellen und die Membrane ausbauen. Der Eigner schnallt sich die 1.20 lange, schwarze Röhre kunstvoll auf den Rücken, ich radele hinterher und wünsche: hoffentlich kommt nicht der Sheriff und fragt nach einer Waffengenehmigung. Gut auf diesem Weg die stadtplanerische extra mile: der President Obama Highway hat einen ausreichend breiten Fahrradstreifen. Wir radeln zu Beard durch eine Gegend, die als „besser nicht bei Nacht durchstreifen“ beschrieben wird – es ist wirklich unglaublich, was für Welten hier in West Palm Beach aufeinander stoßen, aber wir sind ja auch nur ländliches Virginia wirklich gewohnt, und da tritt der systemische Rassismus nicht so zutage. In jedem Fall: Dem-Wähler-Domäne.

Nach dem Motto: „irgendwas ist immer“ gibt meine Fahrradschaltung nach dem steilen Anstieg über die Hafenbrücke auf, also gibt es anderentags eine „extra mile“ zum „Breward Motorsports Spezialized“ Fahrradladen (man befleißigt sich auch des Motorrad- und, wichtig in Florida, des Jetskivertriebes). Weil wir auf dem Weg – macht unterm Strich eine Meile weniger! – die Wäsche endlich einliefern wollen, kommt es zu einem netten Erlebnis: während der Eigner das defekte Fahrrad bewacht, lasse ich, weil sie auf den Schultern zu schwer wird, die Tasche an einer Straßenkreuzung dieser wenig belebten Gegend rasch auf dem Rasen sitzen, um in eine nahegelegene Münzwäscherei zu flitzen, und zu checken, ob es auch einen Abholservice gibt. Oh, Sancta Naivitas. Zwei Minuten später ist die Tasche mit all unseren guten, dreckigen Sachen verschwunden… „Hey! Hey – stop that!“. Das gilt dem jungen Mann mit dem Mountainbike, der gerade 20 m weiter unsere schöne Ikeabettwäsche, Buxen und Geschirrtücher auf der Wiese verteilt, zwecks Vorsortierung. Mein CAT-Hoodie aus Patagonien liegt schon separat, das wäre ein herber Verlust gewesen, aber der Typ springt auf sein Fahrrad und flitzt vondannen. Glück gehabt. Der weitere Weg ist lang, aber die Fahrradreparatur geht fix vonstatten, Max aus Argentinien hat den Trick raus – er meint, es sei nur die schlappe Kette, irgendwie muss das Hinterrad ein bisschen in die Ausfallenden gerutscht sein, während wir eher an Drehgriffschaltung, Kabel und Ritzel gedacht hatten. Wir halten einen Schwatz, können mit Südamerikareiseerfahrung punkten, Max macht sich die Hände für uns schmutzig – und natürlich ist der Service kostenfrei. Nächster Stop ist der Best Buy (Media Markt für Amerikaner) und seine Service-„Geek Squad“, die sich des Eigners Rechner anschauen sollen; der will nämlich nicht mehr starten, elektrisch (siehe oben, irgendwas ist immer). Der Entschluss ist nach der Aussage „difficult, 400$ for a diagnosis“ ist sofort gefasst, nach nur 22 Monaten gibt es ein neues Gerät. Das ist aber nicht in dieser Filiale erhältlich, sondern „nur 8 Meilen, 15 Minuten weg! In Wellington!“. Klar, mit dem Auto – aber mit dem Fahrad?  „…what? BICYCLE?“ Ja, Pustekuchen, die Uhr zeigt 15:30, in 2 Stunden sollten wir bei Akka sein.  8 Meilen Fahrrad in die falsche Richtung? No way. Und noch sind wir ja auf dem Trip „nächste Woche geht’s weiter“, also passiert online auch nichts. Auftritt Scott Feldman, seines Zeichens HP-Vertreter: „… ach, ich hole Euch das Gerät her. Soll ich zwar nicht, mache ich aber für Sie!“  Wenn das mal nicht die extra mile ist, im wahrsten Sinne des Wortes durch den Feierabendverkehr. In der Wartezeit kommt ein kleiner Meilenrückschritt, der wohlverdiente Kaffee bei Dunkin‘ Donuts ist mal wieder ein Geduldsspiel mit desinteressiertem Kassierer und einer Barista in der Hauptrolle, die zwischen Bezahl- und Brühvorgang erst einmal länglich aufs Klo muss… (soviel zu Service- und Freundlichkeitsparadies Amerika).  Jedoch: um 17 Uhr ist Scott zurück und strahlt, alles geregelt, wir treten in die nun wieder vollumfänglich funktionierenden Pedale, 4 Meilen heimwärts zum Sailing Club.  Sonnenuntergang um 17:30 … Passt! Als wir das Dinghy auf Relingshöhe kurbeln, wird es dunkel. Viele Meilen! Und einige extra miles!

 

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* wir schreiben einen Wettbewerb für offene Münder und Kieferklemmen aus: 

Supportschiff Intrepid , 27 Crew. Mutterschiff Infinity  8 Crew, 14 Gäste. Ob die Beschäftigten auf Infinity wohl per Beiboot oder per Helikopter hin und her sausen?  Was ein schnöder Werkzeughandel so hergibt…

 

Verfressenes Schweigen

Atlantischer Sonnenuntergang

Port Canaveral, 6.12.2020

Warum passt eigentlich keinerlei Nikolausgabe in eine FlipFlop-Sandale? Ich gebe zu, die Eigner-Flops sind ausgelatscht, mehr flop als flip, aber auch meine Birkenstocks standen an Deck, und nichts drin – muss man die beleuchten?  Ganz gleich, der Nikolaus war nicht da, jedoch kam das Geburtstagsmännchen zum Geburtstagsmann und bescherte einen schlichten (noch zu füllenden) „Angel Food Cake“. Mit Kerze. Immerhin.  Happy Birthday, lieber Eigner! Nachher lassen wir einen fliegen, hier in Canaveral – Elon Musks SpaceX schickt eine Nachschubkapsel zu ISS. Wir finden es wirklich nett, dass er den Start auf den Eigner-Geburtstag verschoben hat: als wir gestern in die Ferne lauschten, die avisierten 11:39 verstrichen und immer noch nichts passierte, kein Grollen, kein Lichtschein (im Nebel) ahnten wir schon – das wird eine Geburtstagsrakete. Oder dann zu Weihnachten.

Beaufort-Charleston war eher langweilig, zwei Tage, zwei Nächte Motorgebrummel. Nun ist das hier mit dem Golfstrom so eine Sache, schiebt der Nordwind einen nach Süden, türmt sich die See vor einem auf, das hat man, insbesondere frau nicht so gern, kommt der Wind aus Süden, hat man Strom und Wind auf die Nase, eigentlich ein Fall für „warten auf das ideale Wetterfenster mit moderatem Westwind… Wir wollen aber nicht weiter warten und nehmen Lärm und Vibrationen (dazu später mehr) in Kauf.

Charlestons Altstadt

Bis Thanksgiving halten wir es in Charleston aus, ein beeindruckend kolonial erscheinendes Städtchen –  natürlich eine moderne Großstadt, aber wer vor dem Stadtzentrum liegt, hat den alten Kern in fußläufiger Reichweite (und einen wunderbaren Harris Teeter Supermarkt). Die alten Handwerkerhäuser sind heute eher mit „Attorney at Law LLC“, also mit Rechtsverdrehern, Finanz- oder Immobilienmaklern und anderen werkzeuglosen Firmen besiedelt. Schicke Läden, von Victoria’s Secret bis zur polnischen Töpferei, ein paar Galerien und Restaurants (hübsch leer alles). Viele Kirchen natürlich, ein Querschnitt durch die Besiedlungsgeschichte, inklusive einer deutsch-lutherischen. Eine recht unamerikanisch europäische Anmutung, schön zum Spazierengehen. Historisch-ökonomischer Hintergrund: Sklavenhandel, vor allem der Briten.

Neues Charleston: die Brücke über den Cooper River

Wir liegen in einer städtischen Marina – nur eine Handvoll Plätze werden verwaltet, und zwar coronagerecht: es gibt keinen Zugang zu irgendwelchen Klos oder Waschräumen, kassiert wird aber persönlich am Steg per Kreditkartentransmitter, und das Empfangskommittee ist nett und sehr bemüht. Weil das mit den Duschen nicht funktioniert, gibt es den Strom für das haus-/bootseigene Warmwasser umsonst; wir können ein paar Tage lang auch den Heizlüfter gut gebrauchen. Ist halt Winter hier an der Ostküste, und obschon es in South Carolina gelegentlich angenehm frühlingshaft ist, gibt es auch das Unangenehme am Frühling, das Feucht-Kalte.

Ein Containerfrachter „dackelt“ zum Terminal in Amerikas 4.-größtem Hafen

Der Strom im Fluss ist kräftig, nebenan schieben dicke Containerschiffe und Autotransporter ein bisschen schief durch die Fahrrinne. Vorne ein Schlepper, hinten einer, so geht das. Wir werden bei Ankunft wegen des starken Querstromes gewarnt und kassieren dann ein lobendes „… look at that! They know what they do!“.  Mein Eigner, der Anlegekünstler.
Am Thanksgiving Day  – den wir natürlich fast verpasst hätten, für uns ist halt der 4. Donnerstag im November ein Donnerstag – ist es draußen fast totenstill. Niemand auf den Straßen, niemand mit dem Boot unterwegs. Ich dachte immer, dass Thanksgiving ein Dinnerereignis sei, aber uns stellt sich diese Stille schon tagsüber als verfressenes Schweigen dar. Ob es da sowohl mittags wie abends Truthahn gibt?  Am Nachmittag werden Hunde und Kleinkinder kurz spazierengeführt, danach herrscht wieder Stille. Wenn man in die News und Social Media schaut, ist seit Tagen Gravy-, Truthahnfüllungs-, Cranberrysaucen- und Pumpkin Pie-Alarm.  Die Leute müssen von der Völlerei so fertig sein, dass sie sich am Folgetag, dem berüchtigten Black Friday, alles andrehen lassen – der Dockmaster ist Gamer und will uns so rasch wie möglich loswerden am Freitag. Black Fridayyy! Shopping! Alle Spiele zum halben Preis! Sagt er mit träumerischem Blick.

Weiter geht’s. Charleston-Fernandina Beach in Florida ist der Plan, gerade hinter der Grenze zu Georgia. Der Segeltag ist gemischt, teils stark bewölkt. Morgens früh stehen wir vor der Einfahrt nach Fernandina, es regnet und ist kühl und feucht – nicht das Wetter, um es sich am Ankerplatz recht gemütlich zu machen: „… was hältst Du davon, wenn wir gleich nach Cape Canaveral durchschieben?“  Uggh. Ich habe gerade meine Hundewache beendet, da fehlt es mir an der Flexibilität für spontane Planänderungen, aber wie der Käpt’n so ist, überredet er mich doch. Noch ein Tag, noch eine Nacht, immer schön die Küstenlinie entlang südwärts. Der Strom ist mit uns – sehr interessant zu sehen (zum Beispiel bei Passageweather), wie sich das von Tag zu Tag ändert: man hat häufig nach Süden setzenden Gegenstrom zum Golfstrom, und das bleibt auch so bis zum Kap – das ist der östlichste Buckel in der Floridaküste. Je näher wir ihm kommen, umso mehr Verkehr, in den frühen Morgenstunden mehren sich nämlich die Angelboote auf dem Weg ins Sonntagsvergnügen. Mein Highlight: ein Gegner mit AIS, den man überhaupt nicht ausmachen kann in der nun dunklen Nacht. Mit 30 Knoten (30 Seemeilen/h, also 54 km/h) genau in unsere Richtung – wie ich es liebe. Als der Vektor auf dem Plotter anzeigt, dass wir nicht kollidieren werden, fegt er, ein sicher gut motorisiertes Freizeitboot, an unserer Steuerbordseite vorbei. Ein Vollpfosten ohne jedwede Beleuchtung. Mit 30 Knoten – so ein Horst. Nachtwachen können wirklich anstrengend sein; auf der Strecke nach Charleston hat mich eine einsame, unbeleuchtete Tonne auf meiner direkten Kurslinie 1 1/2 Stunden in Trab gehalten. Fluch und Segen der elektronischen Navigation –  früher hätte man drauf zugehalten bis es „kläng“ macht. Nachdem die Angler durch sind, wird der Horizont grau, Dämmerung, Sonnenaufgang, Frühstück. Am Horizont stehen die alten Gebäude für die Spaceshuttles und Apolloraketen, daneben die Startrampen für SpaceX und Co.   Cape Canaveral und das Kennedy Space Center gleiten vorbei..
Wir biegen in den Bargekanal ein (das ist der Kanal, über den Raketenteile ins Space Center geschifft wurden). Der Tankstopp an der Cape Marina entbietet ein tolles Willkommen: Blue Lives Matter Flagge*, Make America Great Again, Konföderierten-Tuch – hier sind wir ja richtig; wobei ich Blue Lives Matter am schlimmsten finde. Schnell bezahlen und nix wie weg. Kontakt mit dem Port Canaveral Yacht Club: den neuen Dockmaster kennen wir nicht, ich frage nach Matt, dem drahtigen Navyveteranen mit dem Hang zu Donald „…  nein, die sind weg, aber Ihr erkennt unser Boot an den Flaggen, in spot 5.“ Ihr ahnt es. Wenn es nur die riesigen Stars and Stripes wären, die man da über der Marina wehen sieht, aber viel augenfälliger ist „Trump 2020 – No More Bullshit!“ . Wir sind nicht die einzigen, die wenig begeistert sind von so viel Trumptreue (und, wie sich herausstellt, Coronaleugnung). Vor allem die Durchreisenden aus dem Nordosten  – hier gern „snowbirds“ genannt, frei übersetzt mit Schneehühner, die dem nördlichen Winter entfliehen, auf Booten, mit Flugzeugen und allem was sich sonst bewegt – bieten sich für einvernehmliche Gespräche an, während man gegenüber den betreffenden Fahnenschwenkern eher in peinliches Schweigen verfällt.  Der Tenor übrigens liegt derzeit eher bei „hoffentlich war’s das jetzt!“. Hochstimmung geht anders. Donnie tönt auf widerliche Weise in Georgia herum, glücklicherweise wirbt er bei seinen Anhängern für die Stichwahlen und macht gleichzeitig das System so schlecht, so dass sich hoffentlich recht viele Republikaner entscheiden, diese Senatorenwahl auszulassen (Obama himself trommelt auf der anderen Seite, auch eine Premiere –  ex-Präsidenten haben sich bislang immer vornehm zurückgehalten). Wäre nicht übel, wenn der Senat eine Demokratenmehrheit bekäme – jede Stimme, jeder Zentimeter in die richtige Richtung hilft. Witz am Rande: gestern Abend nennt Trump die hoffentlich neue Regierung „marxist“.  Mei, ist das ein mühsames Geschäft, und so abstoßend, dieses Prozedere. Wobei es natürlich auch viel zu lachen gibt, insbesondere um den neuerdings auch öffentlich furzenden Rudy Giuliani. Eine Wahnsinnstruppe.

Da machen wir doch lieber Handwerkliches. Erst will der Sterling Laderegler nicht, wie der Technikus will (da könntest Du mal einhelfen, Roland!). Die Schipperin jammert: die Kühlbox kühlt nicht mehr. Das regelt der Eigner mit Einbau eines lange mitgeschleppten Ersatzreglers, nach ausgiebiger Korrespondenz mit Isotherm, die bei so alten Geräten natürlich nicht wirklich helfen und schon gar keine Ferndiagnose liefern können. Lustig: eine Kontrollleuchte erlischt gar nicht mehr, auch nicht, wenn man das Gerät abschaltet, stattdessen erfreut sie uns mit dem hellsten Diodenrot, das die Akka je gesehen hat. Aber immerhin, die Box kühlt. Naja, nicht wortwörtlich – jetzt gefriert sie. Besser als nüscht.

Die ausgiebigen Motorstunden haben leider auch zutagegefördert, dass wir nach kunstvollem Aus- und Wiedereinbau der Propellerwelle in Deltaville „neue“ Vibrationen haben. Unsere ehemalige Lieblingsdrehzahl lässt Akka sich schütteln. Nicht doll, nur anders. Und unangenehm. Das macht mal wieder Sorgenfalten, Kopfschmerzen, schlechten Schlaf beim Chief, und kleinere Horroszenarien tauchen auf: was, wenn wir noch einmal aus dem Wasser müssen? Nochmal die Welle ziehen? Wo? Wann? Irgendwie würden wir ja doch gern weiter in die Bahamas –  und wenn man bedenkt, wie sorglos hier im Süden mit Coronamaßnahmen umgegangen wird, stellt sich die Frage, wann hier die „Thanksgiving-Welle“ eintrifft. Ob die Bahamians uns dann überhaupt noch haben wollen?  Also zermartert sich der Eigner den Kopf, was wie wohin geschoben werden muss bei der Motorausrichtung – schließlich geht es nur um Millimeter. Zwei Flansche – ein Spalt öffnet sich oben. Lässt sich regulieren. Prima. Jetzt öffnet sich ein Spalt nach schräg unten. Es wird gegrübelt, gezeichnet, theoretisiert und Zahlenreihen werden vor sich hin gemurmelt. Und das einzige, was ich tun kann, ist Bratkartoffeln mit Spiegelei und Salat zu servieren. Ob’s hilft? Der Versuch, den Motor um 3 millipü zur Seite zu rücken, misslingt, dennoch ist das Endergebnis tagelanger Denk- und Schraubarbeit deutlich besser als der vorherige Zustand. Gut. Putzig, dass ein Schiff, das an Land steht, sich so anders formt als wenn es schwimmt. Nigel Calder, unser Bibel-Autor und Ratgeber in allen Technikfragen sagt: „…engine alignment can be time consuming and very frustrating!“ Wohl wahr…
Und nun?  Verfallen wir in verfressenes Geburtstagskuchenschweigen.

Weihnachtspäckchen unterwegs zur ISS

Die SpaceX ist soeben Richtung ISS abgehoben – gewaltig. Ich denke, die Astronauten werden auch verfressen schweigen können, da ist außer frischem Equipment auch die ein oder andere Weihnachtsschokolade an Bord.

Von Vibrationen (weitgehend) befreit geht Akka demnächst weiter. Letzte US-Station: West Palm Beach, Donalds Home-Turf – von uns allerdings nicht seinetwegen, sondern als Ausgangspunkt für die kürzestmögliche Strecke in die Bahamas gewählt. Der Segler muss innerhalb 5 Tagen einen Corona-Test absolvieren, ein Health-Visum in den Bahamas beantragen, das negative Testergebnis eilig dorthin mailen, die Erlaubnis für die Einreise abwarten und dann hinüberhupfen und mit all dem Papierkram vorstellig werden. Die zeitlichen Prognosen für dieses Hin- und Her sind bislang aber günstig, trotzdem macht sich eine Tagestour als Reisedistanz gut. Oder ein „Overnightie“. Wir werden sehen.

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* Blue Lives Matter ist eine Bewegung, die sich gegen Gewalt gegenüber der Polizei einsetzt. Die Flagge ist eine schwarz-weiße „Stars & Stripes“ mit einer blauen Linie, der „thin blue line“. Statistisch steht Gewalt gegen (blau gekleidete) Polizisten in keinem Verhältnis zur Gewalt gegen schwarze und farbige Amerikaner und den systemischen Rassismus in den USA.

Unterwegs

Beaufort/North Carolina, 19.11.2020

Da gibt es doch freche Leser, die einem Erinnerungen schicken: „…Euer letzter Eintrag ist vom 9.11.“ Das ist wirklich strafwürdig. Obwohl ich ja schon über dem Durchschnitt der letzten Monate liege…

Also, kurz gefasst: wir brechen gleich nach Charleston auf, die Entscheidung für den Kurs durch die Bahamas ist gefallen. Wir hatten eine nette Woche auf dem ICW, mit Übernachtung in Coinjock, leider auf der falschen Seite des Kanals, so dass es keinen Nachschlag an grünem und rotem Pfeffergelee gegeben hat. Muss ich mir für kommende Vinaigrette was Neues ausdenken (back to the roots, back to honey). Danach eine wunderschöne Ankernacht ein paar Meilen hinter der Alligator River Bridge, dieses Mal ohne Chironomidenattacke (wir haben kürzlich noch in Deltavilla einige Zuckmückenleichen gefunden!). So richtig im Off. Weißkopfseeadler und andere netten Flieger gibt es da zu sehen – allerdings auch weniger nette, die von der Airforce Base nahe Norfolk starten. Übungsnachmittag für Kampfjets. Dieser Tage denkt der Mensch gleich daran, dass sie nun Donald ausfliegen, oder so – war aber nicht. Danach Frischest-Shrimp essen am etwas derelikten Dock von R.E. Mayo, das kennen wir ja schon. Der gemeine Amerikaner, der dort anhält, holt sich dort eine Tüte Frisches, bleibt aber nicht über Nacht, eben etwas zu derelikt, so ganz ohne Strom und so (dafür ist die erhobene Gebühr vernachlässigenswert). Wir finden’s nett. Die Regenschleppe von Sturm Eta wettern wir am freien Citydock von Oriental ab, ein Tipp der Segelyacht Hi Flite, die uns auf dem Weg über den Neuse River anpreit. Man ahnt nicht Böses, plötzlich ruft jemand in der Leere „Akka, Akka“. Huch, wer da? Hi Flite waren 2017 unsere Nachbarn in Trinidad, eine Yacht mit Kompostklo, seitdem finde ich diese Idee immer neu bestechend, konnte den Eigner aber noch nicht dafür erwärmen. Und weil es so gnadenlos nass in Oriental ist und gleich auch ein freundliches Städtchen, mieten wir uns nach Absitzen der 2 freien Tage noch für 2 weitere im Yachtclub ein. Heiße Duschen, und Handtücher werden gestellt. Das nennt man „pampern“, und obendrauf gibt es eine weitere Attraktion: Hoover und Eisenhower. Hoover belegt gern freie Bürostühle, während Eisenhower sich vorzugsweise auf der Tastatur des Marinacomputers fläzt: zwei sehr bräsige Kater. Ringsum freundliche Leute, denen wir was vom globalen Pferd erzählen dürfen, auch Cecil ist wieder da, der sich in der vergangenen Woche so zuversichtlich hinsichtlich des Bidensieges gegeben hatte. Neue Devise: „…ich werde erst skeptisch wenn sie zum Abschied das Kapitol anstecken. Wird schon!“ Sein Wort in Gottes Ohr.  Kurz: Oriental war den Wochendstopp wert, zumal auch die Winde für eine Weiterreise schlecht waren. Aber die steht nun an: auf nach South Carolina, Charleston wartet schon. Irgendwie spukt mir da Rhett Butler samt Scarlett O’Hara im Kopf herum, aber möglicherweise  ist das Georgia – vom Winde verweht, meine Erinnerung an den Schmonzes. Wir werden uns auf dem Weg nicht verwehen lassen. Die Winde sind eher schwach, wir geben trotzdem unser Bestes.